Leave our homes in flames Covenant „Prometheus“


ein Schluck Wasser, dann in die Kleidung, das Kettenhemd über, Balteus um, Helm auf, den Kinnriemen konnte man auch auf dem Sammelplatz schließen, Hand zum Schild und zum Wurfspeer. Die Garnison eilte zu den Waffen. Unteroffiziere brüllten die Kommandos, Antreten, die Offiziere übernahmen, ließen abrücken und mahnten zur Eile. Bogenschützen voraus an die Zinnen. Als wir klirrend und keuchend die Treppen hinauf hasteten auf die Mauerkrone begann die Sonne gerade zur Rechten ihren Lauf. Eine Eidechse huschte in den Schatten davon, sie würde die wärmenden Strahlen hier nicht geniessen, warum sollte es ihr besser gehen als uns?

Als sich die Dunstschleier verzogen, konnte man sie sehen. Lanzenspitzen, Standarten mit Pferdeschweifen, Hörner und eigenartige Wimpel wogten auf und nieder, Helme und Lederhauben, gedrungene Gestalten auf kleinen Pferden kamen langsam heran. Doch nur die ersten Reihen wurden sichtbar, der Rest versank gleich wieder im aufgewirbelten Staub. Da waren sie. Wir starrten auf die Schemen im Morgendunst, auf ihren Pferden sassen Ungeheuer, wir wussten sie kamen aus einer anderen Welt. Die ersten sprengten über die Hälse der Pferde gebeugt heran, schwärmten aus, nahmen Gehöfte und Schuppen im Vorfeld unter Augenschein. Erste Qualmwolken stiegen auf, ihre Kundschafter legten Sichtschutz und die letzten Handwerker des Vororts zwängten sich mit ihren Habseligkeiten gerade noch durch das Tor, bevor die schweren Flügel dumpf krachend zugeschlagen wurden.

Hinter uns überall Bewegung, furchtlose Bürger halfen wo sie nur konnten, brachten Lösch- und Trinkwasser, Pfeilbündel, lange Stangen zur Leiterabwehr, schleppten Körbe voll Steine, viele Handgriffe sassen, wir waren vorbereitet, dem Kommandanten sei Dank. Doch die uns halfen waren in der Minderzahl, die meisten befiel lähmendes Entsetzen. Es war ihnen verboten zu fliehen und sie taten gar nichts, standen da und starrten ratlos von der staubigen Strasse herauf, konnten es nicht glauben, so tief im Hinterland der Ister (Donau), der Fluß war doch ein gutes Stück nordwärts. Wir hatten von den anderen Städten erfahren. Was sollten wir tun? Aus dieser Falle, in der wir sassen, gab es kein Entkommen. Wo verdammt war das Feldheer? Mein Nebenmann sprach es aus: „Der Kaiser will uns hier verrecken lassen, wir sind das Blutopfer, um den Vormarsch der Hunnen zu verlangsamen, verdammt.“ Er spuckte im Bogen durch die Scharte. Die „Hunnen“. Alleine das Wort genügte und es sträubten sich die Nackenhaare. Ihr Ruf eilte ihnen mit grauslichem Schrecken voraus und weiter sprach er: „Es sind keine Menschen, es sind Tiere, wilde Tiere mit den Pferdeleibern verwachsen. Hat nicht der große Alexander gegen diese grässlichen Völker an den Pforten von Asia Befestigungen errichten lassen, mit hohen Mauern und ehernen Toren, um uns gegen solche Bastarde zu schützen? Gibt es keine Wächter mehr, sind die Anlagen verfallen? Dann wehe uns...“

Seltsame Geschichten, was die Griechen sich so erzählen“, dachte ich und schaute auf das Gemenge von schwarzem Qualm und Staubwogen. Ich bin Soldat des Kaisers, was konnte man in diesen Zeiten auch schon anderes tun? Viele dienten in der Armee, wir hatten Gepiden, Skiren und Goten, obwohl viele ihrer Landsleute auf der anderen Seite kämpften. Ein Offizier war sogar Franke, verstehen konnte man ihn nicht, er sprach so komisch. Ich selbst stamme aus dem Volk der Heruler und folgte vor Jahren meinem Herrn, ein treuer Vasall Ermanarichs, dem mächtigen Rex der Goten, ihm war es gleich, wer sich unter seinen Standarten scharte, Hauptsache loyal. Es war eine glückliche Zeit, das Land groß, der Himmel weit, die Erde fruchtbar, wahrlich eine glückliche Zeit. Nach vielen Generationen hatte man endlich die Gefilde gefunden, nach dem die, welche damals ausfuhren über das Meer mit so viel Sehnen suchten, wie es die Mären erzählten. Keiner erlebte es, so viele starben irgendwo in der Fremde, aber endlich hatten unsere Väter Vorväter das gefunden, was die Sänger in ihren Liedern auf den langen Wanderungen von Generation an Generation so wortreich zu beschreiben wussten, um die Hoffnung zu nähren. Endlich eigenes Land, eine Heimstatt, eigene Erde für die Lebenden und auch für die Toten. Nur wenige Sommer konnten wir Nachkömmlinge davon kosten... bis dieser verdammte lange Winter kam, der alles veränderte. Es war so kalt und wollte einfach nicht warm werden. Der Schnee blieb, das Vieh verhungerte, die Saat kam nicht auf die Felder und noch schlimmer soll es in den östlichen Steppen ausgesehen haben, wir hörten davon, doch ahnten nicht, was kommen sollte. Wir hatten genug mit uns selbst zu tun...

In Abständen standen wir an den Mauerzinnen, die meisten fassungslos und den Blick in die Weite gerichtet. Ich schaute nach rechts hinüber zu Olfila, dem Goten, der nur wenige Mann entfernt stand. Er wendete den Kopf mir zu, erstarrte Gesichtszüge ohne jeden Ausdruck. Nur in den Augen flackerte es irr. Wenn er das gesehen hatte, was ich hatte sehen müssen, dann wusste er was auf uns zu kam, wenn es dieser verdammten Brut gelang die Mauern zu überwinden und die Tore zu brechen. „Wir werden es ihnen nicht so leicht machen wie damals“, murmelte ich vor mich hin. „Zielt auf die Anführer mit ihren goldenen Schnallen“, rief es mir ins Gedächtnis, was uns der Centenarius eingeschärft hatte. „Die Hunnen sind kaum gepanzert, im Nahkampf sind sie unterlegen und ohne Anführer geben sie auf. Mit ihrer Prunksucht sind sie zu schlagen...“ Ja, die Gier nach Beute. Auch Olfila wird das namenlose Elend seiner Landsleute erlebt haben, die endlosen Flüchtlingstrecks, die ausgeplünderten und ausgebrannten Höfe, überall Leichen, Männer, Greise, Kinder, vergewaltigte verblutete Frauenleiber, verbrannt und verstümmelt, Mensch und Vieh...

...der Gestank, Qualm wälzte sich vor meinem innere Auge über die staubige Straße, auf welcher die lange Wagenreihe stand und ich sah wieder den schwarzen hochgereckten dürren Arm aus dem Haufen von verkohltem Holz und schmutzigen Kleiderfetzen ragen, die Hand abgewinkelt, die eigenartig verkrampften Finger wiesen nach Westen. Unfassbar diese Bilder. Aufgedunsene Pferdeleiber im Graben, die Hufe starr nach oben, auf der Wiese Kühe, die nicht gemolken worden waren, mit Euterbrand. Sie brüllten den Schmerz hinaus, warum hatten die verdammten Hunnen sie nicht mit fort getrieben, sie waren doch sonst so versessen darauf? Einen Flüchtlingstreck zu überfallen versprach wohl lohnendere Beute, was sich die einen in ihre Beutel gestopft hatten, nahmen andere gerne verpackt im Empfang..., verdammte Aasgeier. Es gab kein Mitleid, der Hunne kannte keine Schonung, wenn er im Beute- und Blutrausch war. Unnötigen Ballast wollten er eh nicht mitschleppen und durchfüttern. Jede Armee musste schauen, wie sie zu Nahrung kam. Ein große Haufen Leute auf engem Raum, die fressen eh schon alles kahl, also keine Mitesser. Was sollten sie auch mit Gefangenen? Sie bestellten keine Felder und soviele Sklaven als „Hütehunde“ und Pferdeknechte brauchte man nicht. Mit dem Leben davon kamen nur die wenigen, welche Lösegeld einbrachten und ansehnliche Frauen, versklavt, zur „Gespielin“ gezwungen, bis ihr Lebenswille gebrochen war. Bestien...niemand war vor ihnen sicher. Diejenigen von uns, welche unter Vinitharius den Kampf aufnahmen, starben. Der Rest floh. Alle wollten weg aus der Ebene, über die Flüße und in die Berge. Die einen trieb es auf die große Halbinsel im Süden, mit ihrem schmalen Zugang und der gebirgigen Südküste, die anderen nach Westen. In die Berge, das war die einzige Möglichkeit, es versprach Rettung.

Olfila mit lauter Stimme: „Brüder, das Ende der Welt ist gekommen.“ Verdutzt schauten wir hin. Er sagte sonst wenig und nun konnte man fast meinen, daß da einer seinen Beruf verfehlt hatte. Er zitierte recht wohl bekannte Schreiber. Ich verstand nur zusammenhanglose Fetzen: „ ...tuet Buße, denn die Welt welkt dahin. Sie hat sich dem Greisenalter zugeneigt … das Ende ist nah … je näher es kommt, desto mehr werden alle Irrtümer zunehmen, wird die Ungerechtigkeit zunehmen, wird der Unglaube zunehmen...“. „Diese Christen mit ihren vielen Worten und immer ins Gewissen reden, das können sie“, dachte ich und blickte zur aufgehenden Sonnenscheibe im Osten. „Ich grüße Dich“, vermutlich ein letztes Mal. Die Wärme tat gut. „Ungezählt waren die vielen Gottheiten aus dem Osten, wie Mithras oder Christus, der vom Ende kündet. Sprechen seine Jünger nicht über ein jenseitiges Reich und das diesseitige muß weichen? Für manche von ihnen ist das Jenseits so real wie das Diesseits. Sind sie alle Selbstmörder oder erwarten den göttlichen Würgeengel, der ihrem Dasein ein Ende macht? Doch ich bin kein Christ, zumindest nicht überzeugter, äusserlich muss man wohl. Warum soll auch ich leiden? Sie können sich an ihrem „Leidegott“ ergötzen bis zum bitteren Ende, was habe ich damit zu tun?“

Hornsignale, die Massen vor uns teilten sich, irgendwie sah das nach einem Plan aus und verdammt … sie hatten Ballisten. Woher in aller Welt haben diese Barbaren Onager? Und wer hat ihnen gezeigt wie man damit umzugehen hat? Die Kunde erreichte die erstarrten Bürger in unserem Rücken und unten auf der Straße kam alles in Bewegung. Das „Grauen“ dicht an den Toren der Stadt und nun auch noch ein Beschuss, also Brände und Zerstörung überall. Entsetzen in den Gesichtern. Man hatte nicht viel Vertrauen in unsere Verteidigungskünste. Die ersten rannten los ihre Habseligkeiten zu vergraben, andere liefen ziellos hin und her, Geschrei und Weinen, manche würden sich selbst entleiben, wenn die Hunnen auf der Mauerkrone waren, andere ihre Familien gleich mit. Das war also das Ende...



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