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V-VIII

400-800

IX-XI

800-1025

XI-XIII

1025-1250

XIII-XIV

1250-1350

XIV

1350-1400

Beutelhalter XIII-XV Knieriemen XII-XV

XV

1400-1450

XV-XVI

1450-1520




Grundsätzliche Anmerkung: Die Seiten waren nicht geplant, denn am Anfang war nicht klar wohin die „Reise“ gehen würde. Das heißt sie wachsen „organisch“, oft nach Bearbeitungsanforderung durch Kundenwünsche. Momentan wird Zeit darauf verwendet die Texte deutlicher zu gliedern. Eine Grundstruktur bieten die obigen „Jahrhundert-Blöcke“, die aufgrund der grossen zeitlichen Spanne Unterteilungen fanden. Diese folgen erwartungsgemäß aufeinander, wie im „romanischen Block“ XI-XIII 1025-1250, in welchem erst salische Formen von 1025 bis 1125, dann staufische Formen von 1125 bis 1250 aufgelistet sind. Im zunehmenden Maß findet diese zeitliche Einteilung eine soziale Untergliederung in Gürtelformen hoher und niederer Schichten, hinzu achte man auf den Seitenbalken links mit der Angabe ob „1. Hälfte“, „Mitte“ oder „2. Hälfte“ des jeweiligen Jahrhunderts. Manchmal mag die zeitliche Abfolge nicht unbedingt nachvollziehbar sein, wie auf der Seite IX-XI 800-1025, zuerst werden karolingische, dann reiternomadisch-ottonische und erst zum Schluß Wikinger-Formen aufgeführt, obwohl es doch für letztere erheblich mehr Darsteller gibt, als für die beiden vorgenannten Zeitabschnitte. Der Grundgedanke ist, sich zuerst mit Formen des kontinentalen Zentrums zu beschäftigen, dann mit denen in der Peripherie. Der Gürtel eines elbgermanischen Volkes ist nur schwerlich zu rekonstruieren, wenn ich das Grundprinzip römischer Formen nicht verinnerlicht habe, genauso bleibt ein frühmittelalterlicher Gürtelfund auf Gotland unverstanden, wenn ich osteuropäisch kontinentale Ausführungen unberücksichtigt lasse, wohl wissend, dass jede Kultur ihre eigenen Ausdrucksformen hat und sich vieles, aber nicht alles, durch Übernahme erklären läßt.

Eingeschoben oder angehangen sind Materialgruppen wie Gürtel mit Eisenschnallen, Fibeln, Knierriemen und inhaltliche Exkurse, die sich auf das Jahrhundert beziehen, in dem sie ihren Platz fanden oder möglicherweise größere Zeiträume betreffen. Deshalb kann man 10 übergreifende Themengebiete, welche über die Seiten verstreut sind, unter „Thematische Exkurse im direkten Zugriff von der ersten Seite oder von hier aus durch Verlinkung unmittelbar erreichen. Fußnoten im Text geben die üblichen Detailerläuterungen oder in Grundzügen Quellenverweise an und sollen Gedankengänge nachvollziehbar machen. Es sind jedoch nicht alle Bezüge hergestellt, um den Text lesbar zu halten [Tip: mit der „Rück“-Taste wieder an die Ausgangstelle im Text zurück]. Wichtig: Diese Seiten sind nicht fertig, sie wachsen, Korrekturen und Ergänzungen werden ständig vorgenommen! Ich bin dankbar für jegliche Anregungen oder andere Sichtweisen.

Als Neuerung werden den Seiten „Einführungen für Zeitenwanderer“ vorangestellt. Sie sollen einen „atmosphärischen Einstieg“ in die jeweilige Zeitepoche bieten.




Thematische Exkurse im direkten Zugriff:

Gürtelformen seit Bronzezeit und Antike

1 – Westrom-Ostrom-Italien

2 - Adel-Vasallen-Heerschildordnung-Heraldik

3 - Hundertschaft-Gefolgschaft-Lehnswesen-Ministeriale

4 – Bürger-Stadteinwohner

5 - Textilreste in nordischen Gräbern

6a - Bronze oder Messing im FMA

6b - Bronze oder Messing im HMA/SMA

7 – Verwendete Ledersorten im HMA (Schleswig)

8 - Eisenproduktion vom HMA zum SMA

9 - Überlegungen zu Tafelbild und Schauspiel im SMA




ab hier beginnen die ersten thematischen Exkurse, weitere sind über die Seiten verstreut:

Exkurs 1: Westrom – Ostrom (Byzanz) - Italien

Das antike Rom war für den gebildeten Menschen des Früh- und Hochmittelalters Westeuropas, der in der Regel dem Klerus entstammte, der Leitstern seiner Ausrichtung, der Maßstab aller Dinge. Er verstand sich nicht in einer eigenen Epoche [der Begriff „Mittelalter“ ist ihm ja vollkommen fremd], sondern glaubte sich der römischen Zeit, dem letzten Zeitalter nach christl. Heilslehre, verpflichtet. Solange ein Ostrom existierte war diese Ansicht auch in jeder Weise nachvollziehbar. Diese Ausrichtung wird nicht zuletzt durch Forschungsbegriffe wie „Romanik“ augenfällig [dahinter steckt selbstverständlich mehr als die bloße Nachahmung antiker Formen]. Erst im Spätmittelalter wurde der Blickwinkel auf die gesamte Antike erweitert, indem eine Wiederbelebung derselben das Verständnis eines Zeitenwandels hervorbrachte, mit einer vergangenen und abgeschlossenen Epoche zwischen Antike und der wiedergeborenen Antike (Renaissance), dem „medium aevum“. Der Begriff wurde 1464 in Italien verwendet [nach Scott, Kleidung und Mode, S. 117]. Francesco Petrarca (1304-1374) hatte den Zeitraum zwischen Antike und seiner eigenen Zeit bereits als „medium tempusbezeichnet.

Unsere zeitliche Definition des Mittelalters ist fast deckungsgleich mit dem Bestand von Ostrom/Konstantinopel/Byzanz als eigenständige politische Macht von ca. 400 bis 1453. Wobei „byzantinisch“ ebenfalls ein moderner Forschungsbegriff ist, die damaligen Oströmer haben sich selbst als Romäi bezeichnet und verstanden sich als hellenisierte Römer. Herakleios (610-641) hatte Griechisch, die im Osten dominierende Sprache, zur alleinigen Amtssprache erhoben. Zugleich legte er den Titel imperator ab und nannte sich fortan offiziell basileus. Papst Urban nannte in seiner berühmten Rede auf dem Konzil zu Clermont im Nov 1095 die an Seldschuken verlorene Gebiete Kleinasiens „Romanien. Umgekehrt nannten die Byzantiner die Franzosen des I. Kreuzzuges nicht „Franken“, sondern „Kelten“, um ihre barbarische Abscheulichkeit deutlich zum Ausdruck zu bringen, wie es die Kaisertochter Anna Comnena handhabte. Im Laufe der Recherchen wurde wiederholt der enorme kulturelle Einfluß von Byzanz erkennbar, west- und osteuropäische Moden immer wieder anregend („imitatio imperii), oft über die norditalienischen Städte, insbesondere Venedig als byzant. Außenposten und Handelspartner oder Sizilien und Süditalien von der Zeit der Normannen bis zu den letzten Stauferkönigen. Während Westrom das Zentrum und der ideelle Hort des röm.-katholischen Christentums war, beständig um seinen Machtanspruch kämpfte, blieb das mächtige Ostrom lange Zeit unangefochten der materielle Kulturbringer, trotz enormer Gebiets- und Ansehensverluste durch die erschöpfenden Kämpfe gegen Slawen und nomadische Völker an der Nordgrenze oder Sassaniden und den vordringenden Islam an seiner Ostfront. Letzteres traf Konstantinopel an empfindlicher Stelle und es war ein Todesstoß, denn die Provinzen in Ägypten, Syrien, Palästina und große Teile Kleinasiens galten als Haupteinnahmequelle für die Besteuerung und den Handel, auch für die Rekrutierung waren diese Räume von Belang. Nur durch ihre Existenz war es Ostrom gelungen zu überleben, nachdem die westlichen Reichsteile alle verloren gegangen waren.

Konstantinopel galt als Quell des Luxus, in Form von Stoffen, speziell Seide, afrikanischem Elfenbein und Elfenbeinarbeiten, Gewürzen, Edelsteinen, Goldschmuck, Goldmünzen, aber auch begehrten Reliquien. Im Westen überdauerten letztere in den Kirchenschätzen. Die kostbaren Objekte waren nicht selten diplomatische Geschenke, mit denen Byzanz seine kulturelle Überlegenheit dem Westen gegenüber klar zum Ausdruck brachte. „Byzantinische Herkunft“ meint übrigens den gesamten östlichen Mittelmeerraum, denn die Werkstätten konnten genauso auf dem Balkan und in Griechenland, in Ägypten, wie im Vorderen Orient liegen, je nachdem wie sich gerade die Handelsbeziehungen gestalteten, deshalb wird in der Forschung auch von „orientalischen Produkten“ gesprochen. Im Lauf der Zeit wuchs auf der Nehmerseite Begehrlichkeit und der Transfer war keineswegs immer gewollt und legal. Reliquien wurden geschmuggelt und spätestens mit der Eroberung von Konstantinopel 1204 im Auftrag Venedigs, gelangten immense Reichtümer vornehmlich nach Venedig, Italien und auch nach Frankreich, festigten oder begründeten die franz. Vormachtstellung in speziellen Produktbereichen, beispielsweise in der Herstellung von Elfenbeinartikeln. Auch nach Dtld gelangten in diesem Zug kostbare Gegenstände, wie das byzant. Kreuzreliquiar ins Kloster Stuben an der Mosel aus dem X. Jh, heute im Domschatz Limburg. Nun kamen Konsumgüter östlicher Art „erschwinglich“ auf europäische Märkte und schufen neue Modeformen. Für die Betrachtungen zur Gürtelentwicklung ist dieser Aspekt wohl nicht unerheblich. [Die Eroberung Venedigs durch Kreuzfahrer wäre heute in ihrer Dimension vergleichbar mit der Einnahme New Yorks durch EU-Truppen. Allerdings wurden die Invasoren und Kreuzzugsteilnehmer von 1204 vom Papst bezahlt. Das kann man wohl heute ausschließen... Der Papst ließ damals Gelder zur Rückeroberung des Heiligen Landes in ganz Europa sammeln. Doch blieben die finanziellen Mittel irgendwann aus, so daß die Überfahrt von Venedig nach Palästina nicht mehr bezahlt werden konnte. Das zeigt, wie sehr sich die Kreuzzüge gewandelt hatten, ausgehend von der wirtschaftlichen Selbstaufgabe jedes einzelnen in religiöser Begeisterung hin zu kapitalintensiven Großunternehmungen, die erhebliche Mittel erforderten. Das führte im Fall des 4. Kreuzzugs u.a. zu der unheilvollen Eroberung Zaras in der Adria und Konstantinopels im Interesse der Dogenstadt, kam könnte es auch salopp formulieren in der Sprache des modernen Kapitalismus: "Eine Filiale läßt ihren Mutterkonzern liquidieren"].

...nach der osmanischen Machtübernahme („TW Attila Rad mod“)

Nicht nur in diesem Fall war die Zeit der Kreuzzüge von Rivalitäten zwischen Christen und Orthodoxen geprägt. Der Stauferkaiser Friedrich I. Barbarossa hatte bereits im Winter 1189/90 erwogen die Mauern Konstantinopels anzugreifen und es war immer wieder zu Scharmützeln zwischen Kreuzfahrern und Byzantinern gekommen. Eine erfolgreiche Zusammenarbeit fand nur selten statt und beschränkte sich meist auf eine der ital Seestädte. Byzanz hatte definitiv keine Neugründung von christlichen Fürstentümern im Hl Land erwartet, sondern eine Erneuerung der byzant. Herrschaft in der Levante erhofft. Byzantinische Produkte, wiederum mit vielfältigen Einflüßen aus dem ostmediterranen und syrisch-persischen Raum, befruchteten das europäische Mittelalter in mancherlei Belangen. Der Transfer beschränkte sich nicht nur auf die Sachkultur, sondern war zugleich Träger wichtiger Impulse und Ideen, auch gelangten viele antike Manuskripte in den Westen. Der Niedergang Konstantinopels seit 1204, der endgültige Verlust des Heiligen Landes Ende des XIII. Jhs, das Vordringen der Osmanen auf dem Balkan seit dem XIV. Jh und der finale Fall der Stadt 1453 entfachte hinzu im Westen durch Flüchtlinge eine Wiederbelebung antiker Vorstellungen, die in Italien bereits seit langem gärte, einer neuen Epoche weiteren Schub verleihen sollte. Wobei italienische Kommunen, von „Konsulen“ und Stadträten geleitet, mit den Relikten der antiken Vergangenheit „vor der Haustür“, an Statussymbolen und Ideen der römischen Republik ihre eigene Identität festigten. So schwelgte das zerstrittene Italien, dominiert von regionalen Stadtrepubliken oder besetzt durch fremde Mächte, in der glorreichen antiken Vergangenheit mit dem Wunsch zu neuer Einigkeit und Größe, ähnlich wie die napoleonisch-franz. Besetzung Dtlds im XIX. Jh die Romantik und eine Beschäftigung mit der mittelalterlichen Vergangenheit hervorbrachte. Die „Renaissance“ war in Italien kein plötzlicher Umbruch, keine neue Mode- und Gesinnungserscheinung, wie bei uns nördlich der Alpen, sondern Ausdruck für einen Jahrhunderte währenden kontinuierlichen Prozeß der Selbstfindung. Deshalb werden wir als Nicht-Italiener immer nur die äusseren Erscheinungen und künstlerischen Leistungen bewundern können, niemals aber den notwendigen Drang dahinter erkennen und verstehen.



Exkurs 2: Hoch- und Niederadel / Vasallen / Heerschildordnung / Heraldik

Grundsätzlich gilt es zwischen gesellschaftlichem Rang, belehntem Amt und verliehenem Titel zu unterscheiden. In vorchristlichen Zeiten war der Geburtsadel (ahd. „adal“ = edles Geschlecht) die herrschende Schicht durch religiös motivierte Legitimation einer langen Ahnenreihe. Dieser ausgeprägter Ahnenkult dokumentiert sich in gehegten Grabstätten. So sind im eisenzeitlichen Norddeutschland bewußt Nachbestattungen in oder um grössere bronzezeitliche Hügelgräber vorgenommen oder Brandurnenfelder rings um überwölbte Megaltihgräber angelegt worden, um Nähe zur Herrschaft und Kontinuität auszudrücken. Aus diesen nobiles, den „Edelingen“, später als „Edelfreie“ bezeichnet, wählten die Freien ihren Anführer für Heerfahrt und Rechtsprechung, den „Fürsten“ (ahd. furisto = der Vorderste, noch im Sachsenspiegel: „vorste“). In den frühen lateinisch-schriftlichen Quellen wechseln die Bezeichnungen dafür mit princeps, rex, dux oder iudex. Nach den entscheidenden Umwälzungen der Völkerwanderungszeit und der neuen Landnahme auf ehem. röm Reichsterritorium war zur Verwaltung der großen Gebiete eine Ämtervergabe an den Adel unerlässlich. Er besetzte alle hohen politischen und kirchlichen Positionen, nur ihm war es nun gestattet ein Oberhaupt als König zu küren, in sakrale Sphären erhoben, ein- und wieder absetzbar. Zumindest schöpfte der Adel aus dieser Legitimation die Begründung mancher Revolte. Die Goten handhabten die Königswahl, Chlodwig der Franke hingegen installierte ein erbliches Königtum, was zu zahlreichen Thronstreitigkeiten führte. Schwache Herrscher und zerstrittene Herrscherhäuser wie unter den Merowingern, boten dem Adel hinzu reichlich Möglichkeiten der persönlichen Bereicherung und Machterweiterung. Die Nobilität vereinnahmte auch die hohen Kirchenämter, welche in der Konsolidierungsphase der german. Reiche noch durch die alte provinzialröm. Senatorenschicht besetzt worden war, geschult im röm. Kirchenrecht, bis der german. Adel hier Fuß fasste. Im Rahmen der Kirchenorganisation wurde er nun dem antiken Bildungskanon verpflichtet, eine Laienbildung, wie noch in der Spätantike üblich, gab es lange Zeit nicht mehr. Hohe Geistliche sollten lange Zeit unentbehrlich sein in der Verwaltung des Reiches.

Der ältere Reichsfürstenstand benannte den Adel in Abstufung mit Herzögen, Mark-, Pfalzgrafen, Grafen und explizit Edelfreie (oft nur als „Herren“ bezeichnet). In den Textquellen verwendete man bis ins XII. Jh für die erstgenannten lat./röm. Begriffe, wie dux, comes etc. [Mit dem dux wurden Stammes-Herzöge geehrt, ursprünglich war es ein Rang im röm. Militärwesen des V. Jhs als Oberbefehlshaber über regionale Grenztruppen (limitanei), der comes hingegen übernahm Teile des beweglichen Feldheeres (comitatenses)]. Diese Begrifflichkeiten waren bis ins hohe Mittelalter geläufig. So kennen wir den „dux“ von Apulien, Ismael, welcher vor 1020 Kaiser Heinrich II. den berühmten Sternenmantel schenkte, heute im Diözesanmuseum Bamberg. Der „comes“ (= Graf) war laut lex Salica ursprünglich vom König als Regionalbefugter eingesetzt, also ein weisungsgebundener Amtsträger. Angehörige aus den adeligen Häusern übernahmen diese Funktionen und begaben sich freiwillig in Königsdienst, später auch in Dienst der Regionalfürsten, verbunden mit dem entsprechenden Ansehen, lukrative Einkommen und Privilegien. So konnte ein Edelfreier, der aufgrund seines Eigenbesitzes wirtschaftlich und rechtlich unabhängig war, sich zum Grafen oder Vogt (advocatus) ernennen lassen, wenn es ihm Vorteile brachte. 614 gelang es Adeligen dem merowing. Herrscher Chlothar II. das Recht abzutrotzen Grafen nicht nach dessen Gutdünken, sondern ausschließlich aus den jeweiligen Gauen gewählt, einzusetzen. Damit behielt der grundbesitzende Adel die regionale Kontrolle über diese wichtigen Positionen! Seit karolingischer Zeit hatte ein Graf Richterbefugnis im Gau (Gograf). Ursprünglich war er ein- und absetzbar, denn er bekam das Amt ja nur verliehen, welches aber im Laufe der Zeit erblich werden konnte, wenn es nicht an den König zurück fiel! Durch die Erblichkeit hoher Reichsämter verlagerten sich wichtige königliche Hoheitsrechte (Regalien) auf die mächtig werdenden Fürsten in der Herausbildung von Landeshoheiten.

Unter den Karolingern begann die Vergabe von Lehen, also Grundbesitz und Einkünfte, um die wirtschaftlichen Möglichkeiten zu schaffen die Anzahl gepanzerter Reiter zu erhöhen. Karls Nachfolger im ostfränkischen Reich folgten dieser Strategie. Hier lag die Geburtsstunde des „Ritters“, des unfreien Ministerialen, der Anfang des späteren Dienstadels, welcher im Königsdienst als reichsunmittelbar galt. Aber auch fürstliche Landesherren ernannten Untergebene aus ihrem Gefolge zu Dienstmannen, daraus sollte sich der niedere landsässige Adel entwickeln. Die Spaltung des Adels in einen hohen (Geblütsadel) und niederen Adel war auf Dauer unumkehrbar. Der Hochadel wachte eifrig darauf sich nach unten abzugrenzen und die ständischen Vorrechte, wie Fehde- und Erbrecht oder Steuerfreiheit, die gemeinsame Königswahl, Recht auf Frondienste der Unfreien, auf die Zurschaustellung von Luxus, die eigene Gerichtsbarkeit, Erziehung der Nachkommen in seinem Sinne, Wappenführung seit der Wende XII./XIII. Jh und weitere Privilegien in Staat, Militär und Gesellschaft zu sichern, die erst zwischen 1789 und 1849 abgeschafft wurden. Im XVI. Jh zählte dazu auch Sitz und Stimme auf dem Reichstag. Im HMA galt die zunehmend verfeinerte höfische Ausbildung der Jugend, meist an fremden Höfen, als das anzustrebende Ideal. Mit Ernst und Spiel wurde, beim jungen Mann vornehmlich in Leibes-, Reit- und Waffenübung, zuweilen mit Musik, Tanz, Gesang und Dichtung, bei Juncfrouwen in Handarbeit, Kunst oder Heilkunde, manchmal auch mit Lesen und Schreiben die Ausbildung von Anmut, Geist und Gemüt geschult. Im SMA war ein gewisser Elementarunterricht durch Verwandte oder Priester im Rechnen, Singen, Auswendiglernen, Lesen, wohl auch Schreiben in Mundart und Latein üblich geworden. In Klöstern, Dom- und Stiftsschulen konnte er fortgeführt werden, dort war eine längerfristige Karriere vor allem den Zweit- und Drittgeborenen vorbehalten.

In staufischer Zeit umfasste der hohe Adel des jüngeren Reichsfürstenstands weltliche und geistliche Fürsten, gekennzeichnet durch die unmittelbare Amts- und Territorialbelehnung durch den König. In der Goldenen Bulle von 1356 wurde sieben Kurfürsten Vorrechte gegenüber dem allgemeinen Fürstenrat, die ihren festen Sitz im Reichstag hatten, eingeräumt. Seit der 2. Hälfte des XIV. Jhs verlieh der Kaiser „Adelsbriefe“. Dieser „Briefadel“ blieb deutlich getrennt vom eigentlichen „Uradel“, den vor 1350 ritterbürtigen Geschlechtern, die sich meist durch ein „von“ kenntlich machten, dazu zählten auch die „edelfreien Herren“ aus dem Uradel stammend, welche nur dem Oberhaupt des Königs untertänig waren, sie konnten durchaus in den Dienst eines Lehnsherren treten, wenn damit vorteilhafte Einnahmen und Privilegien verbunden waren. Das „von“ alleine ist aber noch kein schlüssiger Hinweis auf den Titel, denn auch Ministeriale, also hochrangige Amtsleute wurden so nach ihrem Sitz benannt. 1521 sollten die Reichsmatrikel 7 Kurfürsten, 4 Erz-, 46 Bischöfe, 64 Prälaten, 13 Reichsäbtissinnen, 4 Deutschordensballeien, 28 weltliche Fürsten, 135 Grafen und Edelfreie benennen. Da Fürsten an Grafen und Edelfreie Lehen vergeben konnten, schieden jene Lehnsnehmer aus dem Reichsfürstenstand aus. Andere Edelfreie, wie „Freiherr/Freifrau/Freiin“ oder nach frz-engl Vorbild „Baron“ genannt, vermochten ihre Rechte gegenüber den Territorialherren zu wahren, sie blieben nur dem König gegenüber verpflichtet. Manchmal kämpften Freie über mehrere Generationen darum ihre Unabhängigkeit zu wahren, wie die Herren von Dernbach, mit ihrem Stammsitz östlich von Dillenburg in Hessen gegen die Ansprüche der Grafen von Nassau, welchen erst 1325 nach fast hundertjähriger Fehde gelang die Burg der Dernbacher zu zerstören. Der König konnte in der frühen Neuzeit selbst Bürgerliche in den Reichsfreiherrenstand erheben, so daß der „Freiherr“ in den niederen Adel abrutschte, hinter dem „Grafen“ aber vor dem „Ritter“ rangierend, ohne ein „von“ im Namen, da sie sich nicht nach ihrem Sitz benannten. In der Neuzeit degenerierten „Graf“ und „Freiherr“ zu reinen Titeln ohne Vorrechte. Die Weimarer Verfassung von 1919 beseitigte die letzten Adelsvorrechte und begrenzte die Adelsbezeichnungen als Teil des Namens, hob den Adel allerdings nicht gänzlich auf, wie in Rußland, der Tschechoslowakei, in Österreich oder seit hundert Jahren in der Schweiz [teilw. nach Lingen Lexikon in 20 Bdn, Köln o.J].



Der Begriff Vasall wird wohl abgeleitet vom kelt „gwas(Jüngling oder Diener). Das Adjektiv „gwassawlwurde von den röm Eroberern in ihre Sprache als „vasallus(Diener) übernommen und mit dem „vassusan die Merowinger, laut Lex Salica, vererbt. Seit dem VII. Jh wurde der Begriff „vasallzunehmend auf Edelfreie angewendet, die sich mehr oder weniger in freiwilliger Lehnsabhängigkeit befanden und Königsdienst versahen. So leistete Herzog Tassilo 757 gegenüber Pippin dem Jüngeren mit seinen Edelingen mehrfach den Vasallen- und Treueid mit Schwur auf Heiligenreliquien. Doch wurden die Eide dadurch nicht dauerhafter. Adelige Kronvasallen, die hohen Amtsträger und Geistliche besaßen unter den Merowingern und Karolingern das Recht auf die annua dona, das jährliche Geschenk in Form von Titeln, Land- oder Sachgütern durch den König. Grundsätzlich waren Donative bereits seit röm Zeiten bekannt und selbst ein Legionär der röm Armee konnte zu besonderen Anläßen mit einem Donativ rechnen. Des Herrschers Kronvasallen waren Herzöge, Grafen und hohe Geistliche. Als Reichsvasallen galten die unmittelbaren des Königs, die Edelfreien. Die Unter- oder Aftervasallen (mediati) waren die der Fürsten und Bischöfe. Der Bischof von Brixen bezeichnete seine Lehensnehmer als „unsere lieben getreuen, wie im XIV. Jh die „Herren von Kastelruth“ oder die “Herren von Hauenstein“. Damit waren vermutlich seine Vasallen, die freien Herren gemeint, die ihm einen Treueeid geleistet hatten. Im „Nibelungenlied“ wurde die Rangfolge zum Problemfall, denn Brunhild, als König Gunthers Gattin erhob Vorrechte gegenüber Kriemhild, die ja nur das Eheweib eines Vasallen sei, da Siegfried Gunther den Treueid geschworen und einst für seinen Herrn auf Island geworben hatte. Das ließ Kriemhild nicht auf sich sitzen. Ein tödlicher Konflikt war vorprogrammiert. Das Nibelungenlied musste aufgrund der persönlichen Verpflichtungen für die damaligen Zuhörer verständlich dramatisch wirken. Alle Handelnden waren durch ein enges Geflecht von Abhängigkeiten durch Eide gebunden. Sie konnten nicht frei nach eigenem Willen handeln, sondern nur aus ihren gegenseitigen Verpflichtungen heraus. Daran sollten die „Helden“ scheitern, deshalb wird „Nibelungentreue“ heute als politische Torheit angesehen und mit überholten Ehrbegriffen besetzt. Durch die Rechtsstellung frei oder unfrei unterschieden sich Vasallen von den Ministerialen (ministeriales, servientes). Der Treue- oder Lehnseid band den Vasallen, der Ministeriale war ursprünglich als Unfreier eh an Weisungen gebunden.



Die „Heerschildordnung“, aus dem „Sachsenspiegel“ des Eike von Repgow um 1230 zeigt deutlich die Rangfolge und wer in wessen Verpflichtung stand. Denn die Begrifflichkeit stammte noch aus der Zeit der Gefolgschaft mit der schildbewaffneten Schar von Kriegern, langobard. „arischild, nord. „herskjöldr“, 1165 „herskilt“ und um 1230 „herscilde“, deren Schilde zur Zeit des Sachsenspiegels bereits seit ein bis zwei Generationen Wappen aufweisen konnten. Ursprünglich war also das Heeresaufgebot gemeint, das sich zum Geflecht der Lehensfähigkeit wandelte. Dem Heerschildinhaber oblagen innerhalb der Lehnshierarchie deutliche Rechte und Pflichten. Das erste Schild hatte der König als oberster Lehnsherr inne. Den zweiten Schild führten biscope (Bischöfe), ebbede (Reichsäbte) und ebbedischen (-äbtissinnen), den dritten die leien vorsten (weltliche Fürsten = Herzöge, Mark- und Landgrafen), den vierten die vrie herren (freie Herren = Edelfreie = Barone), den fünften die man (Lehnsmannen) der freien Herren und die scepenbare lude (Schöffenbare Leute, „bar“ meint nicht entledigt, sondern mhd. „baren“ = erscheinen, darbieten, bzw. die zur Teilnahme am Gericht Befähigten) den sechsten deren man (höhere Dienstmannen), die sogenannten „einschildigen Ritter“ = Ministeriale. Eike von Repgow war selbst Schöffenbare und durfte im Rang eines Lehnsmanns noch Dienste vergeben. Die süddt Landrechte „Spiegel dt. Leute“ und „Schwabenspiegel“ nennen einen siebten Schild mit weiteren unfreien Dienstleuten.



Gegen Ende des XII. Jhs wurde das Wappenwesen aufgrund der das Gesicht verhüllenden Helmformen von England über Frankreich kommend auch im Reich üblich. Der dynastische Adel begann ein Wappen zu führen, welches als Dienstwappen, von den Ministerialen abgewandelt übernommen werden konnte. Es waren keine Familienwappen. Sie dienten zunächst nicht der Identifizierung von Einzelpersonen wie in der späteren Turnierheraldik, sondern zur Kenntlichmachung von Gefolgsherr und Gefolgschaft, die alle unter dem gleichen Banner kämpften. Die ständigen Auseinandersetzung innerhalb des Reichs mit starken Parteibildungen forderten eine deutlich sichtbare Stellungnahme. Es ist interessant, daß z.B. viele rheinisch-bergische Geschlechter die doppeltgezinnten Balken Graf Adolfs V. von Berg (gest. 1218 vor Damiette) in ihre Wappen aufnahmen. Es wird sich um ehemals bergische Ministeriale gehandelt haben, die ihr Dienstwappen später zu ihrem Familienwappen machten. Erst später nutzten die Grafen von Berg den steigenden Löwen. Dieser wurde im zweiten Jahrzehnt des XIII. Jhs vor allem das Wappentier der weltlichen Reichsfürsten, wie die Herzöge von Brabant, die Landgrafen von Thüringen, die Markgrafen von Meißen, die Pfalzgrafen bei Rhein, die Grafen von Flandern, von Geldern, von Jülich, von Holland, uam., welche „ihre Lehen“ ausschließlich vom deutschen König erhielten. Der Löwe läßt sich zurück führen auf Heinrich den Löwen, der 1166 vor seiner Burg Dankwarderode in Braunschweig das Löwenstandbild errichten ließ. Wie der Adler, der König der Lüfte und Symbol des Heiligen Römischen Reiches, so stand der Löwe, der König der Landtiere, für den Machtanspruch der deutschen Landesfürsten, als „gleichberechtigte Partner“ des deutschen Königs. Diesen Anspruch hat im XII. Jh niemand konsequenter vertreten als Heinrich der Löwe, selbst wenn er noch gar kein Wappen führte, da es zu seiner Zeit nicht üblich war. Man kämpfte noch ohne Visier und der Gegner war erkennbar. In seinem Siegel und auf Münzen findet sich allerdings der Löwe und seit der Zeit um 1200 taucht er im Wappen der Welfen auf, siehe bekannte Skulptur von der Grablege im Kloster Steingaden im Bayerischen Nationalmus. Ein Adler im Wappen verweist auf den König oder das Reich, so findet er sich bei reichsunmittelbaren Städten, Vasallen oder Reichsministerialen. Klare Zeichen und prägnante Farbigkeit war üblich. Tiersymbole galten scheinbar als Vorrecht der Fürsten (Herzöge, Grafen und freie Herren). Höhere Ministeriale, wie „Mundschenke“, „Schultheiße“ oder „Burggrafen“ konnten mit geteilten Wappen Auszüge ihrer angestammten Wappen mit denen ihrer Dienstherren verbinden, verwendeten Pflanzenmuster oder geometrischen Formen, die allerdings auch bei Höherrangigen auftreten konnten.


Ein Beispiel für Wappen und vertrackte Abhängigkeitsverhältnisse sei verdeutlicht durch das Schild des Vogts von Keseberg mit zwei silbernen laufenden Leoparden [seitliche Ansichten von Raubkatzen werden heraldisch nicht als Löwen bezeichnet] auf schwarzem Grund, heute im UNI-Museum Marburg. Die von Keseberg (Caseberch) gehörten urspl. als nobiliores milites dem freien Adel an, mit Eigenbesitz im Ederabschnitt nordöstl. von Frankenberg an der wichtigen Fernhandelsstraße von Frankfurt nach Bremen. Die edelfreien Herren hatten das Recht den Leoparden im Wappen zu wählen. Durch das Amt des Vogts mit entsprechendem Lehnseid wurden sie Vasallen der Grafen von Ziegenhain, die einen sechsstrahligen silbernen Stern auf schwarz-gelbem Grund führten, welcher 1371/72 eine Rolle im „Sternerbund“ spielen sollte und sich noch heute im hess. Landeswappen befindet. Die Ziegenhainer Grafen selbst waren Stiftsvögte der Abtei Fulda und agierten in dieser Rolle in der Fuldaer Fehde ab den 1265er Jahren gegen verschiedene aufständische Ministeriale mit Zerstörung ihrer Amtssitze/Burgen. Durch dynastische Heirat wechselte das Keseberger Lehen von den Ziegenhainern zu dem mächtigen ludowingischen Landgrafen von Thüringen und später an Hessen.1



[Entwicklung in Frankreich/England/Spanien zu weiteren Bearbeitung: In England verwendete der Hochadel, die nobility, allgemein den Titel lord (Herr, Gebieter). Er hatte seinen Ursprung im altengl. hlaf-ord („Loaf ward“/Brot–Aufseher) als „Brotgeber“ mit Aufsicht über Korn und Ernte. Die Rangstufen waren duke (Herzog), Marquess, earl (Graf), Viscount, Baron, wobei letzter als ehem. Kronvasall mit den aufgestiegenen knights zum niederen Adel zählte, erkennbar am Titel „Sir“ im Namen. Frankreich kannte die Unterscheidung in Geburtsadel, Brief- und Amtsadel mit den Rängen prince (Fürst), duc (Herzog), marquis, comte (Graf), vicomte, Baron. In Spanien zählten zum höheren Adel die Granden und Titualdos (Betitelten), unterhalb des Barons rangierte der niedere Adel, die Hidalgos.]

[Und noch ein Ausblick: Es wäre wünschenswert, wenn sich die gesellschaftliche Entwicklung an den demokratischen Idealen der griech Antike orientieren würde, die weitaus mehr beinhalteten, als in den neuzeitlichen Revolutionen zur Beseitigung mittelalterlich feudaler Verhältnisse je umgesetzt werden konnten. Etabliert und begünstigt wurde lediglich ein Eliten-System. Es wurden nirgendwo „Demokratien“ in Form einer Volksherrschaft geschaffen, sondern bewußt „Republiken“, nach röm. Vorbild. Eine Volksherrschaft gab es in Rom nicht, genauso wenig wie eine echte „Gleichheit der Bürger“. Aber als Anhänger eines recht utopischen Weltbildes muß man natürlich fragen, warum soll nach Geburt der eine Mensch mehr gelten als der andere? Sicher sind uns „Gaben in die Wiege gelegt“, aber die Persönlichkeit gestalten Erziehung und Bildung, bevor wir eigenen Neigungen zu folgen vermögen. Führungspositionen müssen besetzt werden, keine Frage. Folgen wir den Gedanken ital. Humanisten der Renaissance, dann war das nicht mehr alleinig die Aufgabe des Geburtsadels und damit eine Frage der Herkunft, sondern eine des Verdiensts. Diese Forderung besitzt nach wie vor Aktualität. Ämter sollten nach Fähigkeit und Verdienst besetzt werden und weniger nach Herkunft und gesellschaftlichem Vorrecht. Deshalb ist Bildung für alle unabdingbar und nicht nur ein Privileg für Minderheiten, die sich dann das Recht herausnehmen besondere Fähigkeiten zu besitzen und Schlüsselpositionen besetzen. Wenn wir die Historie feiern, und das tun wir im gewissen Sinne, dann sollten wir uns darüber bewußt sein, daß die Feudalherrschaft nur mit Kampf und Opfer unserer Vorfahren überwunden wurde und wir ihnen diesbezüglich einiges zu verdanken haben. In Dtld war der Niedergang der Aristokratie ein schleichender Prozeß, der von wirtschaftlichem Abstieg begleitet war. Ein gesellschaftliches Rückzugsgebiet blieb dem Adel im XVIII./XIX. Jh mit den Ämtern im Militär- und Beamtendienst. Daraus resultierten manche Privilegien, die sich bis heute gehalten haben. Nach 1800 drang das wirtschaftlich prosperierende Bürgertum in die Ränge des unteren Offizierkorps, in der 2. Hälfte des XIX. Jhs auch in die höheren Ränge. In Preußen bildeten dazu die Reformen Scharnhorsts das Fundament zu napoleonischer Zeit, denn man benötigte das „Volk in Waffen“ im Freiheitskampf gegen Napoleon. Das „Eindringen des Bürgertums“ in militärische Ressorts hatte im Mittelalter mit der Entwicklung spezieller Waffengattungen, wie der Artillerie, ihren Anfang genommen, wurde in der Neuzeit fortgeführt mit dem Ingenieur-, Pionier- oder Vermessungswesen und zeigte sich in der Wende zum XX. Jh auch in der Marine. „Technische Berufe und ebensolche Offiziersstellen“ wurden zur Domäne des Bürgertums. Nach der militärischen Emanzipation folgte erst spät die immer wieder geforderte politische, von der herrschenden Schicht lange Zeit versprochen, aber hinaus gezögert, wobei in Dtld die Verbürgerlichung des Militärs eine Militarisierung des Bürgertums, vor allem ab Reichsgründung von 1871, nach sich zog. Uniform verlieh soziale Anerkennung. Anfang der 1870er Jahre war bereits ein Drittel der preuß. Generalstabsoffiziere bürgerlicher Abkunft, in den 1890ern die Hälfte. Das brachte allerdings keinen „frischen Wind in das verknöcherte System“, sondern bewirkte eher eine Feudalisierung der Bürgeroffiziere. 1913 waren 70 Prozent der Truppenoffiziere Bürgerliche.

Mit dem Anwachsen des Kapitals gewann das gehobene Industrie- und Finanzbürgertum an Macht im ständigen Kampf der Ideen zwischen einem staatlich gelenkten oder liberalem Wirtschaftssystem. Die neuen Produktionsweisen forderten das städtische Proletariat, das zu einer politischen Größe und, neben Adel und Bürgertum, zur dritten Kraft im Staat wurde. Die herrschende Schicht sah sich nun zugleich mit den Kräften des liberalen Kapitalismus und des Sozialismus konfrontiert, bis die verheerenden Kriege des XX. Jhs große gesellschaftliche Umwälzungen brachten. Sie haben dem gehobenen Bürgertum nicht nur geschadet, denn mit bewaffneten Konflikten ist viel Geld zu verdienen. Das elitäre Offizierskorps, der adeligen Gegenpart, der gebunden war an den Souverän, verschwand mit jenem. Die Rolle im Beamtenapparat wird nun von Funktionären übernommen. Doch wie die meisten Politiker sind sie Interessenvertreter und agieren auf Zeit. Es wird für „medialen Rummel“ gesorgt, die eigentlichen Entscheidungsträger sitzen aber woanders, beherrschen die Kapital- und Finanzmärkte und haben „einen längeren Atem“. Jene vererben mit dem anwachsenden Eigentum ihre geistige Grundhaltung an den Nachwuchs und diese „neuen Eliten“ werden alles dafür tun ihre Macht zu behalten. Aus der Mittelschicht steht zahlungskräftigen Familien heute mehr Bildung denn je zur Verfügung, für gesellschaftliche Karrieren unabdingbar, als Funktionäre brauchbar. Sie werden also im begrenzten Maß benötigt. Schwindet diese Schicht, lassen sich „lästige Verfolger“ ausschalten. Die breite Masse war bislang zufrieden und schicklich, profitierte von der wirtschaftlichen Entwicklung, eingelullt in Konsum- und Technikwahn, ein paar fallen wie immer durch das Rost, wobei die Maschen weiter werden, und ein paar „Nörgler“ wird es auch immer geben. Das System wird funktionieren, solange die Angehörigen der Eliten, meist wirtschaftlich oder im Finanzgeschäft tätig, auf die Beherrschten, die Abhängigen, die „Konsumenten“ angewiesen sind. Man muß jenen nur klar machen was die „richtigen Produkte“ sind. Aber das schafft man im Post-Zeitalter von Edward Bernays (public relations) und der Propaganda mit den Mitteln der Digitalisierung spielend. Allgemeiner Konsumverzicht wäre der Kollaps. Unser Leben heutzutage hat sich weit von dem der letzten Jahrhunderte entfernt. Wir haben im Rahmen geringer politischen Handlungsfähigkeit durchaus Gewinne erzielt an persönlichen Rechten und Freiheiten, an Vorstellungen über einen verantwortungsvollen Umgang miteinander und sollten uns dies immer wieder vergegenwärtigen, bevor wir beginnen diese Errungenschaften, die in der Historie keineswegs selbstverständlich sind und die nur wenige Generationen genossen haben, Stück für Stück wieder abzugeben !! Es muss unter allen Umständen verhindert werden, daß die anstehende Wirtschaftskrise die Buntheit und Vielfalt unserer Gesellschaft austrocknet, die vielen unterschiedlichen Lebenskonzepte, die jenseits des Althergebrachten liegen und das Leben wirklich lebenswert machen, Geld und Reichtum mag es für den ein oder anderen scheinbar sein. Aber Glücklichsein erkauft man nicht.]



Exkurs 3: Hundertschaft / Gefolgschaft / Lehen / Dienstmann / Ministeriale

hier werden noch einmal Informationen zu diesem Thema, die auf mehreren Seiten verstreut sind, zusammengefasst [manche Begriffe sind manchmal recht altertümlich wirkende Übersetzungen aus antiken Quellen, andere wurden erst im XIX. Jh künstlich gebildet, wie das Wort „Gefolgschaft“, abgeleitet vom „Gefolge“ als Übersetzung von comitatus und in der Form z.B. von Delbrück, Geschichte der Kriegskunst, Bd II, Die Germanen 1901 noch ohne politische Hintergründe verwendet. Mit der Verwendung solcher Begriffe betritt man heutzutage „verbal kontaminiertes Gelände“. Denn in der NS-Zeit wurde vieles überstrapaziert und „aufgeladen“, wenn man bsplw von „Betriebsführern“ mit der „Gefolgschaft von Arbeitern und Angestellten“ sprach [Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit von 20. Jan 1934]. Es gibt kaum etwas in der dt Sprache was damals nicht instrumentalisiert wurde. Zu der Delbrück-Neuausgabe von 2000, bzw zum Nachdruck 2008, ist das Vorwort von U. Raulff recht interessant, mit dem Hinweis zur „Wehrverfassung“ als Staatsverfassung, die ein Licht wirft auf Rüstung und Rekrutierung, Kampfweise und Stellung der Soldaten einer Gesellschaft, in der Waffenträger eine gewichtige Rolle spielten, wie wir es für das Mittelalter voraus setzen. Dieser Gedanke soll aufgegriffen werden, um mögliche Details zur Ausrüstung innerhalb des sozialen Gefüges heraus arbeiten zu können.

Grob vollzogen sich im Übergang Antike – MA folgende Prozesse: Die statischen und regional geprägten Sippenverbände gingen zur Zeit der Völkerwanderung teilweise verloren aufgrund der polyethnischen und vielleicht eher zufälligen Zweckgemeinschaften der inhomogenen wandernden Gruppen. Gefolgschaften errangen einen höheren Stellenwert mit klarer Kommandostruktur, die das Überleben in den schwierigen Zeiten sichern sollten. Schließlich ging es nicht nur um Beute und Zugewinn, sondern auch darum Organisationsformen zu schaffen, welche die Ernährung großer Personengruppen gewährleisteten. Die „Sippe“ bestand weiterhin in den Rechtssystemen, so konnte die Verpflichtung zur Blutrache von Sippengenossen auf Gefolgschaftsangehörige übergehen, wie H. Wolfram in „Erben des Imperiums in Nordafrika. Das Königreich der Vandalen“, S. 20 anmerkt. In der Konsolidierungsphase mit Neubesiedlung der Räume West- und Südeuropas musste der hohe Anteil einheimischer Bevölkerung in das Gesellschaftssystem integriert werden mit Anpassungsprozessen von beiden Seiten. Nach der ursprünglichen Seßhaftigkeit, der Bewegung und neuerlichen Niederlassung waren nun Systeme gefragt große Menschenmassen unter Kontrolle zu behalten. Dazu diente eine Auswahl von Befugten durch die herrschende Schicht. Das Gefolgschaftswesen bekam eine statisch regional gebundene Ausdrucksform in der Grundherrschaft.

Die folgenden Betrachtungen holen etwas weiter in der Vorgeschichte aus, Prozesse betrachtend, die sich seit Jahrtausenden in der Menschheitsgeschichte abgespielt und erheblich tiefere Wurzeln geschlagen haben als unsere neuzeitliche Lebensform seit wenigen Jahrhunderten. Dabei bildeten sich Mechanismen aus, die unser Verhalten unterbewußt noch heute stark beeinflußen. Es gibt eine Menge Gründe warum der Mensch soziale Bindungen in Gemeinschaften anstrebt und sich freiwillig in Abhängigkeitsverhältnisse begibt. Vorrangig wird das Stillen der individuellen körperlichen Grundbedürfnisse erleichtert, um das Überleben zu sichern. Da auch die Tierwelt diese Verhaltensmuster zeigt, ist das als ein Relikt unseres Evolutionsprozesses anzusehen. Zur Entwicklung der Persönlichkeit und bei Interaktionen sind psychische Grundmotivatoren erkennbar, wie Anerkennung, Macht, Zuneigung, uvam. Den Unterschied zwischen Tier- und Menschenwelt formulierte bereits der Böotier Hesiod, ein Zeitgenosse Homers, im VIII. JhvC: „...während er (Zeus) den Menschen Recht verlieh, das höchste Gut unter allen.“ Rechtsbewußtsein als Voraussetzung menschlichen Zusammenlebens. Recht und Religion fungieren bis heute als soziales Regelwerk und waren in alten Zeiten eng verzahnt. Solch frühen schriftlichen Zeugnissen mediterraner Gesellschaftsformen der Eisenzeit stehen in West- und Mitteleuropa ausschließlich archäologische Quellen gegenüber. Aber es ist wohl statthaft Verhältnisse der Ägäis in den griech. „Dark Ages“, also nach Untergang der bronzezeitlichen mykenischen Kultur, im begrenzten Maß auf unseren Raum zu übertragen. Denn es wirkten ähnliche Mechanismen menschlichen Verhaltens in den frühen Gemeinschaften. Zum Aufschlüsseln des sozialen Gefüges bringt es C. Hattler auf den Punkt siehe, Kleine Gaben erhalten die Freundschaft [in: Zeit der Helden. Die dunklen Jahrhunderte Griechenlands 1200-700vC, S. 122f.]. Hattler zitiert dazu ein Beispiel aus Homers „Ilias“, um die Bedeutung des Geschenks, des „Ehrgeschenks“, bzw des Gabentauschs zu verdeutlichen. Geschenke binden Geber und Nehmer! Die Gabe ist sichtbares Zeichen dieses Bundes und hat Vertragscharakter (keine Unterschrift), der auch die Nachkommen bindet! Wertvolle Geschenke können, müssen vielleicht sogar, über Generationen weitergereicht und gehortet werden. Eine Gabe erfordert meist eine äquivalente Gegengabe unter Gleichrangigen oder es erwächst aus ihr eine Verpflichtung bei einem asymmetrischen sozialen Verhältnis. Von einem Untergebenen wird durch die Annahme Loyalität erwartet. Schenken verleiht Macht! Hattler: „Gaben sind der Kitt sozialer und politischer Beziehungen in vormodernen Gesellschaften.“ Geschenke können auch in umgekehrter Richtung als eine Form des Tributs verstanden werden. Der Geber bekundet durch sein Geschenk die Loyalität zu seinem Herren. Die Darbringung durch Materialdeponierung in einem rituellen Bezirk, im Boden oder in Gewässern, vermag in der Vorstellung dieser Zeit auch Gottheiten zu besänftigen, von denen dann eine Gegenleistung erwartet wurde.

Bevor der Aspekt der Bindung durch Verpflichtung in der Gefolgschaft weiter vertieft wird, sei der Sprung in unseren geografischen Raum anhand von konkreten Begriffen zunächst mit der „Hundertschaft“, wie sie in den Schriftquellen mit der Berührung von Germanen und Römern fassbar wird, vollzogen. Die Hundertschaft bezeichnet einen militärischen Verband, abgeleitet von der röm. centurie, mit ihren Ursprung in der röm Verfassung und den Schätzklassen, nach denen die röm Bürger in der Königszeit und der Republik vermögensabhängig Kriegsdienst zu leisten hatten. Gab es zu Beginn in Rom diesbzgl noch eine Einteilung je nach tribus, Stamm, verlor sich diese Zusammensetzung im Lauf der Zeit mit der spätrepublikanischen Armee. In der kaiserzeitlichen Berufsarmee diente der Begriff nur mehr zur militärischen Gliederung ohne soziale Bezüge, wobei eine Centurie eine Sollstärke von 80 Mann Kampftruppe und 20 Mann für Versorgung und Verwaltung erreichte. Im Gegensatz dazu waren im Germanischen bei den Verbänden vor allem familiäre Bindungen von Bedeutung, somit ist der Begriff der „Hundertschaft“ nur im übertragenen Sinne durch röm Autoren in Beschreibung german Verhältnisse als Analogie verwendet worden und in dieser Frühphase weniger an tatsächliche Mannstärken gebunden. Später ist mit der Völkerwanderung die vollkommene Übernahme der röm Gliederung auch bei den Germanen zu beobachten. Hier fehlen schriftliche Eigenaussagen, deshalb sei eine Quelle aus dem östlichen Mittelmeerraum angeführt. Im Alten Testament finden wir für das V. JhvC bei Nehemia 4, 7 eine jüdische Heeresorganisation nach Familienverbänden geordnet, bewaffnet mit Schwertern, Lanzen und Bögen. Nehemia hielt eine aufmunternde Ansprache zu den Sippenältesten und anderen führenden Männern. Für unsere Breiten ist der Römer Tacitus die maßgebliche Schriftquelle. Er übertrug die Anzahl von „einhundert Männern“ in unterschiedlichen Zusammenhängen auf Bestandteile der german Schlachtordnung, die ansonsten nach Sippen und Geschlechtern gegliedert war. Jeder pagus (Gau) stellte demnach einhundert auserwählte junge Männer ab, die entweder als Plänkler zu Fuß oder als Reiter behende vor den eigenen Linien agieren sollten [„Germania“ Kap 6]. Tacitus ist als Quelle mit Vorsicht zu geniessen. Denn er entwirft bewußt ein Gegenbild zur röm. Zivilisation, indem er eine für Rom gefährliche Völkergruppe auf verhältnismäßig primitiver Entwicklungsstufe jenseits der Alpen auswählt, gemessen am Fortschritt Roms mit seiner bis dahin über 800jährigen Geschichte. Er schildert eine waffenstarrende barbarische Gesellschaft mit einem unkontrollierten Aggressionspotential, das durch kein staatliches Gewaltmonopol kontrolliert wird. Eine latente Gefahr für Roms Grenzen. Dahinter steckt wohl seine Kritik an der aktuellen kaiserlichen Politik zu Beginn des II. JhsAD verborgen und die mögliche Forderung die alten augusteisch-tiberischen Angriffskriege wieder aufzunehmen, die eingestellt wurden, da Aufwand und Nutzen die röm Grenzen bis zur Elbe vor zu treiben, in keinem Verhältnis mehr standen.

Tacitus hob bei den Germanen als Besonderheit die zentralen Kultorte, Kultgemeinschaften und „genossenschaftlich genutzte Böden ohne Privateigentum“ hervor. Zu letzterem hielt er sich hier an seinen Gewährsmann Caesar, der Sueben in einer Sondersituation beschrieb, was nicht auf alle Germanen verallgemeinert werden sollte. Hinter den Kultgemeinschaften mag eine gens (Völkerschaft) gestanden haben mit regionaler Teilung in verschiedene pagi (= Gaue, Feld-/Flurbezirke als fester Siedelraum, wir nutzen heute noch Begriffe wie „Rhein- oder Maingau“), beherrscht von Edelingen, Adelige mit langer Ahnenreihe. Wahrscheinlich waren die Bezeichnungen „Bataver, Chamaver, Tubanten, Chauken, Usipeter, Brukterer, usw“ auf diese Ahnen zurück zu führen und keine politische Formierung, wie die spätantiken Großverbände „Franken, Alamannen, etc“, dem wir eine ethnische Zuordnung beimessen. Lange Zeit war eine Gesellschaftsordnung im Familienverband (Sippe oder Clan) mit einem ausgeprägten Gruppenbewußtsein dominant. Intern gab es Regeln bezüglich Ahnenverehrung und Kult, Ehe, Rechtsprechung, Führung, Kriegsdienst, Landbesitz, Wirtschaftsform und vielen anderen Dingen mehr, die später auf übergeordneter Ebene der Staat übernehmen sollte. Den Sippenältesten kam besondere Bedeutung zu. Der „Hunno“ oder angelsächs. „Ealdorman“-„Altermann“ war Herr über eine Anzahl von Familien in den dörflichen Gemeinschaften, deren Überleben er zu sichern hatte. Er sorgte durch sein Alter und die damit verbundene Erfahrung für seine Schützlinge, dazu lag ihm die Befehlsgewalt in Form einer natürlichen Autorität und wohl auch eine Richterfunktion, inne. Im Verlauf des Mittelalters blieb dieses Amt als „Dorfschulze“ erhalten. Für den Kriegszug in Notzeiten sammelte er die in seinen Zuständigkeitsbereich fallenden Männer und führte sein Kontingent im Heerbann (harja= Heer) den Fürsten (gewählte Heerführer aus dem Kreis der nobilites/Edelingen) zu, die ihre Herkunft und Stellung aus dem Ahnengeschlecht legitimierten und den Heereszug als dux („Herzog“) kommandierten [Delbrück]. Wobei Tacitus, Kap. 7, anführt, daß Heerführer nach der Tapferkeit und reges (Könige) nach Maßgabe des Adels gewählt wurden. Der „Königs“-Begriff (thiudans) ist nicht eindeutig klar, da Römer die german. Herrscher oft lediglich „Richter“ (lat iudex) nannten. In röm Ohren mag das „thiudanswie „iudexgeklungen haben, so daß die Römer die Hierarchie der Germanen nur schwer deuten konnten. Tacitus nennt darüber hinaus principes, die „Ersten“, welche in der Volksversammlung gewählt wurden, um in den Dörfern und Gauen Recht zu sprechen. Jedem von ihnen stand ein Geleit von einhundert Mann als Rat (comites consilium) und zu größerem Ansehen zu [„Germania“ Kap 12]. In diesem Fall kann von einer Gefolgschaft ausgegangen werden. Ob gewählte „Hundertschaftsführer“ mit den obigen Sippenältesten identisch waren, bleibt dahin gestellt, auch eine mögliche Erblichkeit des Amtes. Zumindest hatte der princeps, der in den Quellen auch mit „Gefolgsherr“ übersetzt wird [Tac, Germ Kap 13] einen gehobenen Status, der über Freie gebot. In den romanischen Gebieten fand sich nach der Landnahme der Völkerwanderung weniger der Hundertschaftsführer (centenarius), sondern eher der vicarius, ein weisungsgebundener Amtsmann des Grafen [Delbrück, Bd II Die Germanen 1. Buch, 1. Kap]. Da dieses System lange Zeit ohne schriftliche Fixierung von Titeln und Rechten funktionieren musste, waren moralische Konvention und an Ehrbegriffe gebundene Traditionen von übergeordneter Bedeutung. Jegliches Recht hatte unabdingbar einen personalen Bezug, da es keine unpersönliche Instanz gab, die „Staatsgewalt“ verkörperte und hinzu immer eine stark religiös legitimierte Komponente, wenn es galt die „göttliche Ordnung“ wieder herzustellen.

Lange Zeit bot die Sippenbindung den Zusammenhalt der gemeinsamen Lebensführung und durch das daran gebundene Rechtssystem in Kriegszeiten ein Mindestmaß an Disziplin. Die Verbände waren ungleich groß und davon abhängig wohl auch der Einfluß der militärischen Anführer. Taktische Körper und ein gemeinsames Exerzieren waren vermutlich unbekannt, sieht man von den Waffenübungen der Jugend in den Scharmützeln durch Beutezüge und Sippenfehden ab. Eine weitergehende militärische Gliederung übernahmen wandernde germanische Völker erst nach intensiven Kontakten mit den Römern. Nach Delbrück führten die Goten spätestens nach dem Sieg von Adrianopel 378 AD eine militärische Gliederung nach röm Muster ein, anstatt der bisherigen familiären Verbandsgliederung. Eine Anzahl Hundertschaften geführt von den hunni, röm centenarii, eingeteilt in Zehnerschaften unter einem dekani, wurde zu einer Tausendschaft unter dem thiuphad, röm millenarius oder griech chiliarchen zusammen gefasst, später gab es auch Fünfhundertschaften. Diese Einteilung war eindeutig röm/griech Ursprungs und wurde in ähnlicher Form auch von den Vandalen übernommen, allerdings behauptet Prokop [Vandalenkrieg III, 5], vermutlich zu Recht, daß Geiserich 80 chiliarchen ernannte, nur um eine hohe Mannschaftsstärke vorzutäuschen. Die barbarische militärische Gliederung wird sich in der Wanderphase von der römischen unterschieden haben durch die Mitführung der Angehörigen und des Gesindes, die ernährt werden mussten. Somit können sie zugleich als wirtschaftliche Einheiten angesehen werden. Delbrück [II, 2. Buch, 5. Kap] vermutet, dass der gemeinschaftliche Besitz von Vieh, Wagen, Vorräten und Waffen eng an bestimmte Einheiten gebunden war und räumt hier der Hundertschaft als überschaubare Größenordnung einen besonderen Stellenwert ein, die später in den „Kompagnien“ seit dem SMA wieder auflebten. Den barbarischen Formen wird man eine hohe Wandelbarkeit durch ethnische Vielfalt der zweckgebunden Interessengemeinschaften zusprechen müssen, denn die langen Wanderungen waren für Mensch und Vieh sehr verlustreich. Es gab keine Intendantur und geregelte Versorgung. Das machte die barbarischen Züge anfällig und zwang sie dazu Organisationsformen zur Verteilung von Beute, Fourage und Lebensmitteln zu finden. Mit der dauerhaften Ansiedlung beiderseits der Pyrenäen ging das System bei den Westgoten zugunsten von regionalen Rekrutierungen, durch duces in Provinzen oder comites in den Grafschaften, verloren. Es war nun schwieriger ein Heeresaufgebot zusammen zu bringen, was auf den Schultern dieser regionalen Führungsschicht lastete, weniger auf familiären Bindungen und nicht mehr auf festen Einheitsgrößen, sondern vielmehr auf Abhängigkeitsverhältnissen beruhend, sozusagen „erzwungene Gefolgschaften in der Grundherrschaft“. Das wird wohl alle Völker gleich getroffen haben, die aus der Wanderung in die Siedelphase übergingen. Wer diese Umstellung länger überwunden und neue Strukturen ausbilden konnte, genoß Vorteile, wie Alamannen oder Franken. Es bestanden allerdings regionale Unterschiede in der Art und Weise wie der Heerbann sich zusammen setzte. Während für die Goten lange Zeit eine strikte Trennung zwischen Romanen und Germanen bezeugt ist, wobei nur letztere Waffen tragen durften und im Fall eines Verbots der zivilen Betätigung das Berufskriegertum unausweichlich war, so galt das für die Franken nicht. Durch ihre integrierende Gesellschaftsform wurden neben den grundbesitzenden Freien, Halbfreie und wohl im begrenzten Maß auch Unfreie (z.B. Fuhrknechte im Gefolge der Optimaten, selbst Kirchenfürsten stellten Kontingente) und sogar Romanen als Halbfreie zum Kriegsdienst heran gezogen. In der ältesten vorliegenden Fassung der Lex Salica werden Provinzialrömer nämlich als Untertanen, und keineswegs als Sklaven oder Unterworfene, bezeichnet. Spätestens unter Chlodwigs Nachfolgern dienten sie im fränk. Heer, waren Mitglieder von Zeltgemeinschaften im Feldheer. Sicher beruhte ein Teil des Erfolgs der Franken auf der zahlenmässigen Überlegenheit des Heerbanns gegenüber kleineren Aufgeboten ihrer Gegner mit der Grundhaltung einer elitären Kriegerschaft, auch wenn jene im Einzelfall in Fragen der Ausrüstung und Ausbildung, vielleicht auch bzgl der Motivation, qualitativ höher bewertet werden können. Wir erkennen eine Art Miliz, fast eine „fränk. Wehrpflicht“, was den Berufskriegerstand allerdings nicht ausscheidet, vermutlich auch dringend nötig macht um eine „Korsettstange“ im militärischen Gefüge zu bilden. Vor allem persönliche Gefolgschaften werden als Leibwachen Berufskrieger gewesen sein. Die Romanen sorgten auf jeden Fall nicht für eine qualitative Aufwertung des fränk. Heeres, wenn das STRATEGIKON Anfang des VII. Jhs über Franken und Langobarden urteilte: „Sie stellen sich im Kampf zu Fuß oder zu Pferd in keinem bestimmten Maß und keiner bestimmten Ordnung auf, in Regimentern oder in Divisionen, sondern nach Stämmen, der Verwandtschaft und der Zuneigung... Sie machen eine gleichmäßige und dichte Front ihrer Schlachtaufstellung im Kampf...Sie sind ihren Anführern ungehorsam und sorglos...“

In der spätantiken röm Kaiserzeit (RKZ) war die germanische Gesellschaft streng geschieden in Freie und Unfreie. Wobei letztere weisungs- und abgabegebunden eigene Höfe bewirtschafteten, wie mittelalterliche Hörige, Tacitus spricht von „Kolonen[„Germania“ Kap 25]. Die unterste Stufe bildete das Hausgesinde mit Leibeigenen und Knechten als Sklaven. Sie galten als rechtlich unfrei und konnten hinzu wie eine Sache angesehen und behandelt werden, dazu zählte die Bestrafung, Veräußerung, oder ähnliches, was aber nach Tacitus selten vorkam. Der Totschlag eines Sklaven wurde nicht geahndet. Freigelassene sollen nur wenig über den Sklaven gestanden haben. Die Franken haben das röm. System der Freien, Unfreien und Sklaven problemlos in ihre Gesellschaft übernehmen können, ohne daß es sich zur antiken „Sklavenhaltergesellschaft“ wandelte. Die Römer hatten Sklaven für niedere Verrichtungen mit Muskelkraft in Landwirtschaft, Gewerbe und Transport eingesetzt, beschäftigten sie aber auch als Schreiber, Ärzte, Architekten, Künstler, Erzieher, Leiter von Unternehmen, uvam in den gehobenen Tätigkeitsbereichen. Ehemalig Freie konnten durch Überschuldung in die „Sklavenfalle“ rutschen, als Kompensation für die Gläubiger, was im Laufe der röm. Geschichte, vor allem in der Landwirtschaft, unzählige Male geschah, siehe z.B. die Gründe für die „Gracchischen Reformen“ in der Republik im II. JhvC nach den langen Kriegen, welche die Bauernschaft, das Gros des röm. Milizheeres stellend, in den Ruin getrieben hatte...ähnliche Vorgänge wiederholten sich später im fränkisch-merowingischen Reich durch die ewigen Feldzüge der Franken. Im ehemaligen Heerbann war noch jeder Grundbesitzer und Freie mit Waffenrecht in der Miliz dienstverpflichtet. Das bedingte die Abwesenheit von der Hofstelle für eine geraume Zeit. Karl der Große versuchte dem abzuhelfen, indem jeweils vier Hufen zu einer Wehrgemeinschaft gefügt und nur einer der vier Landwirte abwechselnd zum Kriegsdienst genötigt wurde. Es gab auch die Möglichkeit einen Ersatzmann zu stellen, was aber nur Großgrundbesitzer zu leisten vermochten, die sich ein Privatgefolge leisteten, so daß kleine Hofstellen in deren Abhängigkeit gerieten, wenn sie die Ersatzmannregelung durch jenen Grundbesitzer trafen, aus Freien wurden Halbfreie. Sie konnten über ihr Eigentum nicht mehr nach eigenem Gutdünken verfügen. Die Anzahl der freien Bauernstellen schwand durch das grösser werdende System der Abhängigkeiten und Konzentrierung auf Großgrundbesitzer, um ein Berufskriegertum zu ernähren. Durch die bessere Ausrüstung und ständige Waffenübung war jenes mit einem hohen Grad der Professionalisierung sehr effektiv und das nicht zum Schaden des Herrschers, also gab es keinen Grund auf diese Prozesse steuernd einzuwirken.

Mit der Zerfall des röm. Staatsheeres seit Mitte des V. Jhs war es üblich, daß sich die röm. Provinzkommandeure und Feldherrn, ebenso german. „Warlords“ oder die großen röm. Grundbesitzer und selbst Kirchenfürsten ein eigenes Gefolge, den „comitatus, oder die buccellarii („Brotleute“ von bucella = Zwieback, haltbares Brot) als Haustruppe oder Leibwache, aus eigener Tasche finanziert, hielten. Bei den Feldzügen des oström. Feldherrn Belisar in der ersten Hälfte des VI. Jhs gegen Sassaniden, Vandalen und Ostgoten leisteten seine Bucellarier von mehreren tausend Mann Erstaunliches. Es war vor allem dieser Truppe zu verdanken, die man wohl als „Garde“ bezeichnen kann, in erfolgreichen Operationen das Vandalenheer geschlagen und gegen die Ostgoten schnelle Erfolge in der Eroberung von Neapel und Rom erzielt zu haben, welche der Eroberung große Teile Italiens voran ging. Auf germanischer Seite war nach dem Gesetz des Westgotenkönigs Eurich der Bucellarius ein freier Mann und konnte sich den Herrn wählen. Er erhielt Besoldung, Verpflegung und mglw die Ausrüstung, aber kein Land. Bei einem Wechsel musste er allerdings die Ausrüstung seines bisherigen Brotgebers an diesen zurück geben [Delbrück, Bd II Die Germanen IV. Buch, 1. Kap]. Das mochten also Leihgaben sein, wie später im Lehnswesen! Möglicherweise ist das Gefolgschaftsmodell sehr alt und verweist auf bronzezeitliche Gesellschaftsformen, mit deutlichen hierarchischen Strukturen. Auf jeden Fall ersetzte es in der Völkerwanderungszeit auf röm Territorium die alten gewohnten Sippenstrukturen und Familienverbände durch inhomogene Einheiten, gebunden durch Eid und persönliche Abhängigkeit, statt der strengen unpersönlichen Rang- und Befehlshierarchie der röm Armee. Diverse nordeuropäische Mooropferfunden des III.-IV. JhAD mit zahlreichen Ausrüstungs- und Waffenteilen, zumeist seegestützter „Kommandounternehmen“ aus Südskandinavien auf die jütische Küste, vermitteln eine hohe Professionalität und sind keineswegs Hinterlassenschaften des allgemeinen Heerbanns einer möglichen Invasionsarmee. Gefolgschaftsanhänger begaben sich freiwillig in „fremde Dienste“ ohne ethnische Zuordnungen und waren mit regelmässigen Zuwendungen, Donativen oder Stellung der Ausrüstung durch die Herren als Berufskrieger deutlich besser bewaffnet und ausgerüstet, als der freie Grundbesitzer der Germanen zur frühen röm. Kaiserzeit. Bei jenem, der die Masse des allgemeinen Heeresaufgebots (exercitus) in Notzeiten stellen musste kann wohl oft nicht mehr als Schild, Lanze oder Bogen vorausgesetzt werden. Eine Klassifizierung wurde nach Besitzstand vor genommen. Gemäß den Schätzklassen der langobard. Heerschildordnung des Aistulf (749-756) hatten einfach Begüterte und Händler mit Pferd, Lanze und Schild anzutreten und reiche Grundbesitzer und vermögende Händler gepanzert und beritten.

Für das Gefolge gab es keine familiäre Bezüge. Auf die Gefolgschaft geht Tacitus in „Germania“ Kap 13-14 detailliert ein. Er benutzt den Begriff „comitatus“, der von ihm bewußt instrumentalisiert wurde als gesellschaftliches Erklärungsmuster, warum militante Gruppen unter zu Erfolg verdammter Führung mit unkontrollierter Gewalt dazu neigten, durch Raubzüge Roms Grenzen zu bedrohen. Gefolgschaften sind selbstverständlich nicht auf die Germanen zu beschränken, sondern existieren bis heute in allen möglichen Kulturen als eine bestimmte Form gesellschaftlicher Struktur. Das „Gefolge“ mag im Kern aus dem hauswirtschaftlichen Gesinde (langobard. gasinde, angelsächs. gesiths), die unmittelbare Umgebung eines angesehenen Gefolgsherrn entsprungen sein, das waren abhängige Knechte und Leibeigene, familia im röm Patronatssinne gemeint, ohne direkte Blutsverwandschaft. Zum Gesinde zählten auch die noch nicht volljährigen Männer. Erst mit der Verleihung des Waffenrechts gehörten sie offiziell zur Kriegergemeinschaft. Um diesen Kern des Hausherrn scharte sich eine schwer bewaffnete „Haustruppe“ oder Leibwache aus altgedienten „Kämpen“, welche ihre Erfahrungen an die nachrückenden jungen Männer weiter gaben. Eine Rangfolge wird bei Tacitus angedeutet. Ihre Gefolgschaft mochte durchaus eine freiwillige nach dem Muster der spätantiken bucellarii sein, mit einer Form der Entlohnung, welche den Nehmer band, mglw bekräftigt durch einen Vasalleneid. Denn auch junge Fürstensöhne suchten für Ruhm und Beute fremde Gefolgsherren auf, später als „Reisige“ bezeichnet. Ihre Einsatz wird zeitlich begrenzt gewesen sein. Trat ein Geringerer aus diesem System aus, konnte der Herr Forderungen stellen, wie z.B. die bereits erwähnte Rückgabe oder die Auslösung der Ausrüstung. Das Gefolge erwartete für seine Leistung, welche unter Einsatz des Lebens vollbracht wurde, materielle Zuwendung, Absicherung und Schutz. Tacitus nennt speziell Verpflegung, Waffen und Streitroß, demnach wäre eine german. Gefolgschaft beritten [Kap 14]. Die Führer/Herren waren zu Erfolg, Einkommen und mglw. Beute verdammt, um ihre Position zu sichern! Nicht selten ließ sich der hohe Standard nur durch Expansion und kriegerische ruhmreiche Aktionen halten. Hattler (s.o.) überspitzt korrekt und nennt dies „Beschaffungskriminalität“ nach unserer heutigen Rechtsauffassung. Die Gefolgschaft bestand nicht nur aus einer schwer bewaffneten Leibwache, sondern auch aus Hofdienern für tägliche Abläufe in Haushaltung und Administration. Diese fanden sich nicht nur am Königshof (aule regie familiares), sondern auch bei Herzögen und Grafen, Bischöfen und grossen Grundbesitzern, wer auch immer sich eine Haustruppe, durch Eide gebunden, leisten konnte. Im Klosterplan von St. Gallen war ein Gebäude speziell für die Gefolgschaft der vornehmen Reisenden vorgesehen.

Die Gefolgschaft war ein komplexes System mit Personen, in einer Zweckgemeinschaft miteinander verbunden, die sich aus sehr unterschiedlichen Abhängigkeiten für eine unbestimmte Zeit zusammensetzte. Größe und Gliederung war bzgl der freiwilligen Mitglieder veränderlich und sollte mit Erfolg oder Mißerfolg der Führer zusammen hängen. Bindeglieder waren der Eid auf den Gefolgschaftsführer, Schutz und Geschenke, bzw Privilegien, die der Herr vergab. Herrscher des FMAs setzten Gefolgschaftsführer an strategisch wichtige Punkte, um die Kolonisierung und Urbarmachung von Land oder die Errichtung neuer Siedlungen zu leiten. Ein probates Mittel im weiteren Verlauf des Mittelalters. Durch die Erschließung von Land, das vorher öd und leer als ungenutzter Wald und Wildnis Eigentum der Krone war, (der Forst war urspl. herrenloses Land, das der König durch Bann zum Sondereigentum erklärte), konnte ein Lehnsherr aber auch Eigentümer dessen werden, wie die Babenberger an der Grenze zu den Slawen in Niederösterreich im XII. Jahrhundert. In der Forschung wurde mit W. Schlesinger [Herrschaft und Gefolgschaft in der german-dt. Verfassungsgeschichte, in: Hist. Zeitschrift 176, 1953, S. 225-275] lange Zeit die Gefolgschaft als das Rückgrat der früh- und hochmittelalterlichen Gesellschaft, vor allem in militärischen Belangen, aber auch in der Verwaltung und Ausweitung der Infrastruktur und des Herrschaftsbereichs angesehen, obwohl es zu dieser Begriffsdefinition mit H. Kuhn, F. Graus oder R. Wenskus auch eine Reihe Kritiker gibt. Zur Gefolgschaftspflicht waren alle gezwungen, die in einem Abhängigkeitsverhältnis zum Gefolgsherrn standen, so z.B. die erst spät fassbaren „Meier“, welche auf ihren Eigenhöfen saßen und im Bedarfsfall herangezogen wurden. Denn im Laufe der Jahrhunderte stiegen die Anforderungen an das Gefolge bzgl. der Ausrüstung. Ein schwer gerüsteter Panzerreiter konnte nur durch denjenigen gestellt werden, der ausreichend Ländereien und Höfe besaß oder Lehen, eine Leihgabe, erhalten hatte, das die Abhängigkeit vom Lehnsherrn forderte und förderte. Dieser hatte als Oberhaupt auch hier für seine sich ihm unterordnenden Schützlinge Sorge zu tragen, deshalb wird diese Gemeinschaft in Quellen auch „familia“ im röm. Patronats-Sinne genannt, ohne daß wirklich familiäre Bindungen bestehen mussten. Selbst in der Zeit der großen Parteienkämpfe des SMA´s, die das regional und standesmässig begrenzte Fehdewesen des HMAs deutlich überstiegen, wurde mit Livrees, Abzeichen, Wappenfarben und Emblemen die Gefolgschaft zum Ausdruck gebracht. Es galt äusserlich Farbe zu bekennen, nicht nur vom Gefolge selbst, sondern auch von Bürgern, Sympathisanten und Parteianhängern.

Schwere Kavallerie, kaum anders als durch Lehen zu „finanzieren“, sie beherrschte über Jahrhunderte die Schlachtfelder Europas („TW Medieval“)

Das Lehen war eine Landleihe und ein gegenseitiges Treueverhältnis zwischen Geber und Nehmer auf Lebenszeit, das bezog sich auf beide Seiten [siehe dazu ausführlich auf der Seite XI-XII 1025-1250 Der Umbruch in eine neue Zeit, Anfänge der Ministerialität, samt Fußnoten]. Damit verbunden waren persönliche, nicht bäuerliche Leistungen zugunsten des Leihenden (Lehnsherr). Im Gegenzug war der Lehnsnehmer Nutzniesser der erwirtschafteten Abgaben, der auf dem Landstrich angesiedelten Güter und Höfe in Naturalien und im Verlauf des Mittelalters auch in barer Münze, um sich den Lebensunterhalt zu sichern, damit er seinen kostspieligen Verpflichtungen politischer und militärischer Art nachkommen konnte, dazu zählte vor allem die Instandhaltung seines verliehenen Herrschaftssitzes, der Infrastruktur und der militärischen Ausrüstung, samt der nicht unerheblichen Kosten der Pferdehaltung, aber auch die Sicherung der Grenzen, Heeresfolge, Zeugenbeurkundungen, etc. Angesichts der nur rudimentär entwickelten „staatlichen“ Kontrolle und Verwaltung im Feudalsystem war das personale Geflecht mit Lehenvergabe und Gefolgschaftspflicht von struktureller Bedeutung. Als höchste Form des Lehnsmanns galt der Vasall, der sich einem Höheren freiwillig unterstellte durch Treueeid zu Gehorsam verpflichtete, dafür Schutz und Rechte genoß. Ereilte eine der beiden Seiten der Tod, mussten alle Rechte neu ausgehandelt werden! Während der Kreuzzugsvorbereitungen Heinrichs VI. starb jener 1197 auf Sizilien, hatte aber schon Kontingente voraus geschickt, darunter seinen Reichskanzler Konrad von Querfurt. Jener verlor mit der Todesmeldung sein Amt, da dieses an die Person des Kaisers gebunden war. Deshalb brachen die meisten deutschen Adligen im Hl Land auf, um im Reich ihre Lehnsrechte gegenüber dem Nachfolger Heinrichs zu sichern. Alle Kreuzzugsgedanken waren verflogen.

Dienstmannen/Ministeriale erhielten besondere Rechte oder Amtslehen in engem persönlichen Treueverhältnis zu ihrem Auftraggeber, manchmal zeitlich begrenzt, um den Aufgaben in der (Regional-)Verwaltung oder als berittene Streiter nachzukommen. Durch ihr verliehenes Amt ragten sie aus der Masse heraus und erlangten durch ihre Unverzichtbarkeit in wichtigen Positionen der Ständegesellschaft immer mehr Freiheiten. Ein höherer Dienstmann war der Stellvertreter der Erzbischofs von Mainz, der vice dominus („Viztum“) im Rheingau zwischen Taunus, Wisper und Rhein, nicht zu verwechseln mit der Pfalzgrafschaft bei Rhein. Dieses Amt mit Richterfunktion wurde meist von einem der ansässigen Ritterfamilien bekleidet. Eine der Aufgaben war auch die Landwehr, das „Rheingauer Gebück“ instand zu halten, dazu wurden bestimmte Streckenabschnitte diversen begüterten Familien zugeteilt. Der Rheingau besaß interessanterweise eine Eigenverwaltung mit vielen Freiheiten, u.a. kannte man hier die Leibeigenschaft nicht (!) [siehe C. Grubert in Karfunkel 37, S. 15-17]. Ähnlich agierte ein (Land-)“Pflegeroder ein „Vogt(advocatus), oft mit Vasallenstatus, welcher zum Vertreter des Landesherrn ernannt die Gerichtsbarkeit repräsentierte und mit Sammlung der Dienstmannen im Kriegsfall die Landesverteidigung übernahm oder als Laie die Geistlichkeit, eine Kirche, ein Kloster in weltlichen Angelegenheiten, z.B. vor Gericht, zu vertreten hatte [Hier ist ganz interessant sich mal den Gürtel des 1313 gestorbenen Klostervogts Herzog Hermann v Teck auf der Grabplatte im Kloster Alpirsbach anzuschauen. Wer also dorthin wegen der „berühmten Kleidung“ des XVI. Jhs fährt, nehme sich auch dafür kurz Zeit !]. Das Recht zur Vogtei konnte aber auch auf viel niederer Ebene vergeben werden. 1281 überließ der Ritter Bernhard von Hörde seinem Freigelassenen Hermann, genannt Unversagede, Güter in Berghofen als Lehen. Wegen der Freilassung und Einsetzung als Vogt über das Lehen sollte Hermann dem Hl. Reinoldi zu Dmund einen jährlichen Zins zahlen [Der Berswordt-Meister u d Dmunder Malerei um 1400, S. 18].

Die Ministerialen auf Königsland oder den sich ständig erweiterten königseigenen Rodungsländereien waren ausschließlich gegenüber dem König verpflichtet, als ministerialis imperatoris. Sie waren reichsunmittelbar und unterstützten königliche Politik nicht selten gegen die Interessen des Adels. Durch die Einsetzung von abhängigen Ministerialen gelang es den Staufern große Gebiete im Osten unter Kontrolle zu bekommen und dem regionalen Adel Paroli zu bieten. Fehlte dem Königshaus der starke Herrscher, war mit dem Verlust von Königsland zu rechnen, wenn der Lehnsmann abtrünnig wurde, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen. Manche Lehnsleute wurden in Konflikte getrieben, da sie mehreren Herren gleichzeitig dienstbar waren und bei Entzweiungen eine der beiden Seiten wählen mussten, was erhebliche Konsequenzen nach sich zog. Viele Ministeriale wurden mächtig, alleine durch die Wahl der „richtigen Seite“, gewannen im XIII./XIV. Jh ihre Freiheit, da sie unverzichtbar in der staufischen Reichspolitik geworden waren und nach dem Fall der Staufer unkontrollierbar, als das Netz der persönlichen Bindungen im Interregnum zerfiel. Nur starken Landesherren konnte es gelingen widerspenstige Ministeriale durch Belagerung und Zerstörung ihrer Amtssitze zur Raison zu bringen, wie 1265 Bertho II.von Leibolz, Abt zu Fulda in der „Fuldaer Fehde“, in der er gegen die Abtrünningen mit Hilfe seines Abteivogts Graf von Ziegenhain vorging. Die Könige versuchten ihr Eigentum, das als „Flickenteppich“ über das gesamte Reichsgebiet streute und durch reichsunmittelbare Amtsleute verwaltet wurde mit Tausch, Kauf und Zwang zu konzentrieren, wie die Staufer dies mit „ihren Osterweiterungen“ im Altenburger Land an der Pleiße, im Vogt- und Egerland oder im Nürnberger Raum erfolgreich betrieben. Auch Rudolf von Habsburg versuchte mit Amtsleuten, den Landvögten, unberechtigt angeeignete Reichsgüter zu finden und sie wieder als Königsgut dienstbar zu machen. Es soll den Dienstmannen und Ministerialen nachgegangen werden, um sie nicht nur in den Texten durch Erwähnung ihres Amts oder durch ihr „von“, sondern auch im archäologischen Fundgut, auf Abbildungen und in der Bildhauerkunst zu erkennen.

Schultheiße (langobard. sculdahis) waren höhere Dienstmannen, ein Amt oft vergeben an unfreie Ministeriale, mit Richterfunktion. Sie verwalteten Dörfer, Städte oder kleinere Regionen. In den aufsteigenden Städten regierten sie anstelle des Landesherrn, wie der „schulthaissein Rottweil in Vertretung des Königs, bis ein „burgermaisterund ab 1265 auch ein Stadtrat bezeugt wurde. In Xanten hatte der Erzbischof von Köln einen Schultheißen eingesetzt, der zunächst mit den halbfreien Laten vom Hof des Erzbischofs Recht sprach und seit der Stadterhebung Xantens 1228 als Vorstand des Schöffengerichts fungierte. Der Schultheiß von Erfurt Wolfram und seine Ehefrau Hiltiburc, eingesetzt durch den Erzbischof von Mainz, stifteten die wertvolle lebensgrosse figürliche Bronzeplastik des „menschlichen Leuchters“ (mit Bindegürtel) um 1157, heute im Dom. Zu den Schultheißen wird in verschiedenen Quellen ein „Schulzenstab“ erwähnt, wohl ein frühneuzeitlicher Begriff für dieses Amtszeichen. Vorläufer sind vermutlich bei röm Machtsymbolen zu suchen, wie die virga, der Stab abgebildet in der Hand eines röm Gutsherrn auf dem Sarkophag von Lamta (Leptis Minor) nördl von Bekalta in Nordafrika aus dem IV. JhAD.

Werden Ministeriale nicht nach ihrem Amt benannt, tauchen sie in den schriftlichen Quellen oft vereinfachend als servientes/servitores (Dienende/Diener) oder wie alle berittenen Krieger als milites auf. Dahinter konnten sich allerdings auch „Edelfreie“ verbergen, wie die oben genannten nobiliores milites von Caseberch, deutlich abgegrenzt zu den pedites, den Fußsoldaten. Durch das anhaltende Bevölkerungswachstum und die Ausbreitung der Grundherrschaften, war es nötig die Regionen stärker administrativ zu durchdringen. Es war Grundrecht des Geburtsadels durch Rodungen die Eigenherrschaft auszuweiten, auch wenn dem König so Land entzogen wurde. Mit den vielen kriegerischen Auseinandersetzungen, Bürgerkriegen und Fehden wuchs der Bedarf an zuverlässigem bewaffnetem Gefolge. Unfreien Dienstmannen wurde Lehen vergeben, um im Gegenzug als Panzerreiter zur Verfügung zu stehen. Der Unterhalt von Pferden und Waffenausrüstung verlangte eine angemessene Güterausstattung. Wurde Land im HMA verliehen, musste es oft erst gerodet und urbar gemacht werden, so daß mancher Ministeriale kaum mehr als ein besser gestellter Grundbesitzer war, der Aufsicht über die bäuerliche Bevölkerung ausübte und das Land für seinen Herrn erschloß, verwaltete und sicherte. Der Ministeriale wurde zum unverzichtbaren Bindeglied zwischen der breiten Masse und dem geistlichem oder adeligem Grundherrn und erfüllte Aufgaben in der Administration, indem er Zeugeneide bei wichtigen Vorgängen, wie Verkäufen, Schiedsgerichten und weiteren Rechtshandlungen leistete, die durch Urkunden und Verträge dokumentiert wurden. Diese gelten mithin als wichtigste Quellen für die namentliche Erwähnung von Ministerialen. Damit verbunden waren zunehmend mehr Privilegien mit vererbbarem Rechtsstatus und eigenem Gerichtsstand, obwohl an ihnen der Makel des „Unfreien“ haften blieb, der in vielen Bereichen auf das Wohlwollen seines Herren angewiesen war. Doch sie konnten durch geschicktes Taktieren in den politischen Auseinandersetzungen und Bürgerkriegen, durch die Gunst ihres Herren oder durch clevere Heirat Besitztum und Wohlstand anhäufen und ohne sie war die regionale Verwaltung mit einem Netz von Burgen und Dienstsitzen oder ein Heereszug nicht mehr möglich, denn sie stellten inzwischen die Mehrzahl der Panzerreiter. Die höchsten Positionen wurden vergeben im Bereich der fürstlichen oder königlichen Hofhaltung, Erzämter, welche später in den Händen von Reichsfürsten lagen und mit bestimmten Territorien verbunden waren. Nach dem Vorbild der Höfe röm. Kaiser hatten bereits die merowingischen Könige diese Posten an verdiente Untergebene vergeben. Aus ihrer Gefolgschaft ernannten sie den Marschall als Aufseher für die Pferdehaltung, den Seneschall für die Haushaltung („-schalkwar der Begriff für unfrei), den Buticularius für Keller und Vorräte, den Majordomus (Hausmeier) als Oberaufseher der Dienerschaft und den Referendarius an der Spitze der Schreiber. Daraus wurden im HMA an den kleineren Höfen der Herzöge und Erzbischöfe der Drost als Haushaltsvorstand, der Marschall als Oberstallmeister und Richter, der Kämmerer Finanzherr, Schenk Mundschenk oder Cellarius mit Keller- und Weinaufsicht. Zur Hofhaltung gehörten aber auch die aristokratischen Jünglinge in der Ausbildung, die mglw. in der Wartestellung für ein Amt, eine „Landeswürde“ waren, dazu zählten die Junker des Hochadels, später auch des Niederadels und vereinzelt sogar Bürgersöhne. Es wurden universell gebildete oder erfahrene Spezialisten im Bereich der Kanzleien, der gehobenen Boten- und Eskortdienste, als Übersetzer und schlichtweg auf dem breiten Feld jedweder Diplomatie benötigt. Herolde waren befugt neue Gesetze und Verordnungen der Obrigkeit durch Ausrufen bekannt zu machen, eine schriftliche Fixierung erfolgte erst später, der „Feldhüterübernahm diese Rolle in den kleineren Regionen.

Ein Dienstverhältnis als haubtman des Erwirdigen Gotshaws ze Brichsen“ zwischen dem Bischof von Brixen und dem niederadeligen Oswald von Wolkenstein (1377-1445), auf 10 Jahre befristet und mit 100 Gulden im Jahr dotiert, scheiterte 1410/11 am gegenseitigen Zerwürfnis, das nur durch den Tiroler Landesherrn Herzog Friedrich IV. von Österreich geschlichtet werden konnte. Oswald suchte daraufhin ausgerechnet die Nähe zu dessen Widersacher König Sigismund, um als „dienerins „hofgesinde ufgenomenzu werden gegen einen „Jarsoldvon „drey hundert hungrischer Roter gulden, durch einen „dinst brieffgarantiert. Dienstverhältnisse wurde also im SMA schriftlich bestätigt, in barer Münze entlohnt und in älteren Zeiten wohl mehr durch Landleihe finanziert. Allerdings blieben in beiden Fällen die Dienstherren den Lohn gänzlich, bzw teilweise schuldig und Oswald musste seine Aufgaben als Sonderbeauftragter des Königs verrichten, um sich danach immer wieder in der Schlange der Bittsteller des Hofgesindes einzureihen. Hinzu hatte es sich Oswald durch den Seitenwechsel mit seinem Tiroler Landesherrn gründlich verdorben, erst recht da er Fehden führte, so daß seine Position „zwischen den Stühlen“ unhaltbar war, in Tirol Drangsal und Pein folgen musste. Um dem vollen wirtschaftlichen Ruin zu entgehen, strengte er recht clever ungewöhnliche Rechtsmittel an. So ist seine Biographie ein interessantes Kapitel mittelalterlicher Rechtsgeschichte. Auch wenn der König den Nobilis Oswaldus de volkenstein, Imperalis aule nostre familiaris fidelis dilectus besonders auszeichnete, blieb jenem ein standesgemässes niederadeliges Leben, als Zweitgeborenen und Nichterben der väterlichen Lehen, die längste Zeit unvergönnt. Immerhin war aber er in der Lage im Dom zu Brixen eine Kapelle aus der Einnahme von Höfen und eines Weingartens zu stiften. Und gegen Ende seiner Laufbahn, nach fast 20 Jahren Königsdienst, wurde er als kaiserlicher Rat zum Reichsritter ernannt, was ihn nicht davon abhielt als renitenter Zeitgenosse nach dem Thronwechsel gegen den neuen König und Landesherrn von Tirol Friedrich III. zu opponieren und zu revoltieren. In den 1430er/40er Jahren hatten sich seine wirtschaftlichen Verhältnisse gebessert. Es wird hier im Auszug eine Auflistung der bewegliche Habe von 1445 auf Burg Hauenstein nach Oswalds Tod angefügt, „obwohl sie hier viel Platz frißt“, aber um zu verdeutlichen, was einem niederen Adeligen möglich war, scheint sie aussagekräftig: Neben seidenen Kissen, türkischem Messer, zwei Silberschalen und zwei Orientteppichen wird die Anzahl der Betten, samt Bettzeug, Leinentüchern, Wolldecken, Fellen, etc aufgelistet. Es folgt das Kücheninventar mit Rost, Pfannen, Kannen, Zinngerät und diverse Vorräte, darunter die obligaten Fässer mit Wein und Essig, 41 Pf. Talg und 400 Talgkerzen oder Vieh, nämlich 6 Kühe. Werkzeug war einiges vorhanden zum Brunnen bohren und Instandsetzen der Gebäude und Ausrüstung, wie Zimmermanns-, Schmiede- oder Schusterwerkzeug. Bemerkenswert ist die „Waffenkammer“: 6 Brustpanzer, 4 Harnisch-Schurze, 2 Panzer-Kragen, darunter ein Eisenkragen aus Lamellen, eine Mailänder Harnisch-Brustplatte und diverse Harnisch-“Kleinteile“, wie Beinschutz, zwei fischbeinverstärkte Kampfhosen, Schulterharnische, 14 Paar Armröhren, Ellbogenschützer, 6 Paar eiserne Handschuhe, diverse Kampfschuhe, darunter „türkische“ und eine „türkische Kampfjoppe“, vermutlich mit Lamellen, etc. Es waren vorhanden ein „englischer Helm“, ein „türkischer Helm“, zwei kleine Helme, ein Helm mit Visier, 6 Hundsgugeln, 7 Helme mit Nackenschutz, 5 Eisenhüte, 5 Eisenhauben. An Schilden fanden sich zwei, weitere 5 aus Leder und zwei ungarische Schilde. Es folgten 5 Bärenspieße und 8 Stangenwaffen, ein türkischer und ein ungarischer Streitkolben und „türkische Sporen“. Für die 30 Armbrüste gab es 1000 eiserne Bolzenspitzen, eine Winde und mehrere Haken zum Spannen. Zu den schweren Waffen zählten 2 Schirmbüchsen mit klappbaren Schutzschilden, 7 „Steinbüchsen“, eine Hakenbüchse, 9 alte und 10 neue Handbüchsen, ein Bottich mit Schwefel, ein Ledersack mit Salpeter, zweieinviertel Bleiplatten zum Gießen der Geschosse und 11 „Wurfkegel“, vermutlich Handgranaten, die damals durchaus bekannt waren. Die Schlösser zu Bludenz und Bregenz wiesen in den 1480er Jahren kaum eine höhere Anzahl an Schwarzpulverwaffen auf. Das waren schon beachtliche Arsenale. Die „Auflistung Oswald“ beinhaltete also das Notwendigste, um den militärischen Pflichten nachzukommen, aber von Luxus keine Spur. Es wird kein Geschmeide, kein Bargeld erwähnt, keine Kleidung, keinerlei Tand. Das macht schon ein wenig stutzig. Die Angaben stammen von Dieter Kühn, Ich Wolkenstein. Eine Biographie, Ausgabe Insel Verlag ,Frkft 1981, S. 439-41. Er fügt als Kontrast eine Auflistung von Oswalds Verwandten Veit an, da „klimpert“ es ganz ordentlich.



Exkurs 4: Der Bürger-Stadteinwohner

Der „Bürger“ ist ein Begriff, der auf diesen Seiten häufig auftaucht, aber wohl recht unterschiedlich verstanden wird. Deshalb folgt hier eine Definition nach vorliegenden Quellen. Übrigens ist erst ab ca. 1300 durch die zunehmende Verstädterung mit etwas über 10 % Anteil von „Städtern“ an der Gesamtbevölkerung zu rechnen, vorher war der Anteil deutlich geringer. Aber wer waren nun diese „Städter“?

Die Reichskleiderordnung zu Augsburg von 1530 besagt, daß „Item nach dem in stetten gemeynlich dreierley Burger und innwoner seind als gemeyne Burger und Handtwercker, kauf und gewerbsleut und andere so im Radt von geschlechten oder sunst ehrlich herkommen und irer zinss und renthen sich erneren.“. Demnach kann man unterscheiden in den Anteil der arbeitsamen Bevölkerung mit einfachen (Handwerker) und gehobenen Tätigkeiten (Kaufleute) und einem Stadtadel von Herkunft, der nicht arbeitete, sondern sich vom Zins seiner Eigentümer nährte, z.B. vom bewirtschafteten Grundbesitz ausserhalb der Stadt. Den Schriftquellen nach war der Bürger keineswegs nur „Niedersitzer, meint Einwohner der Stadt, sondern streng genommen ein Grundstückseigentümer innerhalb der Mauern, mit nachweisbarem Besitz und vor allem mit Eintrag in der Bürgerrolle nach der er steuerlich veranschlagt wurde! Zu den Einwohnern zählte das Gesinde, die Mägde, Knechte, Gesellen, Tagelöhner und alle Arbeiter für einfache Verrichtungen. Sie hatten keinen aufgeführten Besitzstand und zahlten keine Steuern! Sie waren stimm- und oft rechtlos. Der Haus- oder Grundbesitz alleine oder die Ausübung eines Handwerks bedingte noch nicht das Bürgerrecht. So war Stefan Lochner als anerkannter Malerhandwerker und Hausbesitzer ohne Bürgerrecht, was er aber erwerben musste, als er 1447 in den Kölner Stadtrat gewählt wurde. In anderen Städten genossen berühmte Künstler oft Vorzüge, wie Hans Multscher in Ulm ab 1427 oder Friedrich Herlin in Nördlingen ab 1467, wenn ihnen das Bürgerrecht ohne Bürgen, kostenlos und ohne damit verbundene Abgaben oder sonstige Bürgerpflichten verliehen wurden. Denn normalerweise erwuchsen mit dem Bürgerstatus besondere Rechte und Pflichten, wie Steuern, Arbeitspflicht bei öffentlichen Bauvorhaben, dazu gehörte vornehmlich die Stadtbefestigung mit dem eifrig betriebenen Mauerbau, Wach- und Wehrdienste und die Bindung an die städtische Gerichtshoheit. Nach R. Kiessling [Bürgerliche Gesellschaft u Kirche in Augsburg im SMA von 1971] bestand die Bevölkerung in Augsburg zu zwei Dritteln aus besitzlosen Einwohnern, nur ein Drittel hatte eine Besitz von mehr als ca 100 bis 500 Gulden und war steuerpflichtig, von ihnen wurde also das „Geschoßeingetrieben, wie man die Steuer in der Statuta thaberna von 1434 in Weißensee/Thüringen bezeichnete. Dazu werden wohl Handswerksmeister und Zunftangehörige oder gut situierte Kaufleute zählen. In Dortmund zahlte 1499 der Bronzegussmeister Reynolt „Potgeiter“ (Grapengießer) laut Steuerliste einen halben Goldgulden und drei Stüber. So lag sein Vermögen vermutlich zw. 500 bis 1000 Gulden nach moderner Schätzung. Es wurden mehrere fest vorgegebene Tage im Jahr als Abgabetermin bestimmt. Im Rottweiler Stadtmuseum liegt einsehbar das Steuerbuch der bekannten Reichsstadt von 1441 mit Bürgernamen, Summen und Zahlvermerk. In Augsburg besaß von den Bürgern des oben genannten Drittels am Gesamt der Einwohnerschaft nur ein Bruchteil mehr als 3000 Gulden und stellte damit das gehobene Bürgertum mit einem Anteil von weniger als 2% der Einwohner dieser süddt Stadt dar.

Die Verstädterung ist ein Prozeß, der bereits in der Antike im Mittelmeerraum zu hoher Blüte gelangte. Bei den demokratischen griech. Stadtstaaten war nach dem Athener Modell ab dem V. JhvC nur derjenige ein Bürger, welcher Besitz in der Stadt oder in der Mehrzahl als Bauer Landbesitz vor der Stadt nachweisen konnte. Er war damit politisch voll stimmberechtigt in seiner polis. Zu den Pflichten gehörte u.a. die Verteidigung des Stadtstaates als schwer gepanzerter Milizionär, als „Hoplit“ mit eigener Rüstung und Bewaffnung, deren Wert schon ein gewisses Einkommen voraussetzte. [Daß Athen seine Kräfte nicht nur zur Verteidigung, sondern als erste aggressive Demokratie der Welt auch offensiv einsetzte, steht auf einem anderen Blatt, war eine Folgeentwicklung der gewonnenen Perserkriege und die Hegemonie in der Ägäis aufrecht halten zu wollen]. Das Beispiel sollte Schule machen und Rom übernahm ein ähnliches Modell, nach dem die Einteilung in Steuerklassen die Art und Weise des Kriegsdienstes reglementierte und übernahm auch eine ähnliche Grundhaltung und Einsatzweise seiner Bürger, was die Republik zur Herrin im Mittelmeer werden ließ, natürlich musste man sich immer nur gegen äussere Feinde zur Wehr setzen!?! Ursprünglich war also die Verteidigungsfähigkeit einer Stadt, bzw eines Stadtstaates eng an die Wirtschaftskraft seiner vermögenden Einwohner geknüpft. Trotz der in diesem Punkt abweichenden Entwicklung in der Spätantike, da das Rückgrat der röm. Armee nun aus Berufssoldaten und Söldnern bestand und weniger aus Milizionären, wurde das Grundmodell einer sich selbst verwaltenden Stadt in das Mittelalter, nach dem Muster der röm Municipalordnung, übernommen. Nördlich der Alpen wurden dieses Modell wohl im HMA aus der fortschrittlich entwickelten norditalienischen Stadtkultur eingeführt, die sich als Erbe antiker Traditionen und der Stadtentwicklung verstand, wo bereits um 1100 diverse Stadträte eine Selbstverwaltung praktizierten, keineswegs im Interesse der Landesherren.

Dem mittelalterlichen Bürger oblag nun die Verteidigung seiner Stadt. Auch dazu bedurfte es einer gewissen Wirtschaftskraft, um die eigene Bewaffnung/Ausrüstung zu stellen, wobei mglw auf Stadtfarben gemäße Details wert gelegt wurde. Waffenröcke wurden oft in den Stadtfarben ausgegeben, Schilde trugen die Wappen. Zeughäuser mit staatlich/städtischen Waffen hatte es bereits in der Antike gegeben. Denn die finanzielle Einstiegschwelle zum Dienst an der Waffe musste immer weiter nach unten gesenkt werden, so hoch war der Blutzoll und die Bedürfnisse Massen zu rekrutieren. Im Mittelalter hat ein Bürger in verantwortungsvollen Positionen seine Stadt geschützt. Denn es oblagen bsplw den Zünften und Berufsvereinigungen feste Mauerabschnitte, Tore und Türme. Die Masse der unteren Einwohnerschicht wird sich dann mit Zeughausware begnügt haben, wenn es galt die verteidigungsfähige männl. Bevölkerung für den Ernstfall zu mobilisieren. Aber dies war natürlich eine Sondersituation. Führte die Stadt einen Krieg im Auftrag des Stadt- oder Landesherrn oder einen Angriffskrieg, wie manche Stadtbündnisse dies mit sich brachten, wurden dafür Berufssoldaten, meint Söldner engagiert. Der Bürger konnte sich von solchen Unternehmungen frei kaufen. Die Stadtbevölkerung trug, nach Statuten des SMA`s, im allgemeinen wohl keine Waffe in Friedenszeiten, bis auf die Erfüllungsgehilfen der Machtorgane, die als Wächter oder Aufseher dazu befugt waren. Mitte des XV. Jhs ist in Nürnberg und in Weissensee/Thüringen das Tragen von „Barten, Langmessern oder Mordwehren“ ausdrücklich verboten worden [Statuta thaberna von 1434 aus Weißensee/Thüringen in: GE König, Anno Domini. Jahrbuch für mittelalterl. Kulturgeschichte u hist. Brauchtum 1999, S. 50].

Pfahlbürger“ wohnten außerhalb der Stadt, galten aber rechtlich als Bürger. Auswärtige Adelige konnten innerhalb der Mauern grundsteuerpflichtigen Besitz haben. Die Ministerialen, höhere Dienstmannen des Königs oder der Fürsten- und hohen Geistlichkeit, wie Vögte, Münzmeister oder Schultheisse standen oft zu den Bürgern in Opposition, konnten aber auch mit Einvernehmen der reichen Kaufleute die Ratsherren stellen. Durch die gesteigerte Wirtschaftskraft gelangten Zünfte und Berufsgemeinschaften im XIV. Jh an Bedeutung, so daß auch sie „ratsfähig“ wurden. Im hansisch-nordt. Raum nannte man diese Vereinigungen „Gilden, der westdt. Raum, wie in Köln sprach von „Gaffelnund der südtdt.-österr. Raum von „Zechen. Die acht Handwerkergilden der Stadt Recklinghausen wählten ab 1378 jährlich zum Stefanstag (26. Dezember) den Rat und zwei Bürgermeister. Die wichtigste Gilde bildeten die Tuchhändler, gefolgt von den Schmieden, Bauleuten, Schustern, Bäckern, Schneidern und Metzgern, später kam noch die Gilde der Leinenweber hinzu. In Köln konnte im XV. Jh nur derjenige in den Rat gewählt werden, wer eine mindestens 10jährige Haushaltsführung in der Stadt nachweisen, das Kölner Bürgerrecht erworben und die daran gebundene Aufnahmegebühr von 12 Gulden bezahlt hatte. Der Kölner Rat bestand zu diesem Zeitpunkt aus 49 Mitgliedern, die jeweils für ein Jahr amtierten und nach einer zweijährigen Karenzzeit wiedergewählt werden konnten. So rotierten in diesem Dreijahresrythmus meist die gleichen rd. 150 Männer. Die Wahlorgane waren die 22 „Gaffeln“, die entweder durch Kaufleute oder die Zünfte repräsentiert wurden. Neben die gewählten 36 Ratsherrn zog der Rat selbst nach Gutdünken 13 „freie“ Kandidaten hinzu, das sogenannte „Gebrech, unabhängig von der Gunst der Gaffeln. Die Ratsherren tagten an drei Vormittagen in der Woche und mussten hinzu in Kommissionen und in diversen Ämtern tätig sein, waren also zeitlich nicht gering eingebunden [Stefan Lochner. Meister zu Köln. Herkunft-Werke-Wirkung von 1993, S. 11/12]. In Wesel erhielt der Stadtrat erst im Juni 1493 die herzögliche Erlaubnis einen Raum im neuen Rathaus zu beziehen. Bislang tagte er im Freien, auch Tagungen in den Pfarrkirchen, wie in Dortmund, meist mit einem Gottesdienst verbunden, waren möglich. Dem Rat zur Seite standen in der Kanzlei juristisch geschulte Bedienstete. Wichtige Akten wurden in Truhen bei einem Notar, Ratsmitglied oder im Kloster verwahrt, bei dem ständigen Zuwachs an Schriftstücken erstellte man Archive in den Rathäusern, Stadttürmen oder Kirchen im Zugriff des Stadtkämmerers. Geistliche waren urspl. vom Bürgerrecht ausgeschlossen, genossen aber ein paar Privilegien. Mit der Zeit wurden sie aus dem Kirchenrecht gelöst und eingebürgert, um sich deren steuerliche Einnahmen zu sichern. Damit unterstanden sie der städtischen Gerichtsbarkeit des Rats. Sonderrechte genossen Universitätsangehörige. Sie waren durch die langen Roben als gehobene Schicht kenntlich. Einen Teil ihrer kostbaren Kleidung erhielten sie als „Geschenk“. Neben dem Prüfungsgeld waren nämlich Naturalien von den angehenden Doktoren gegenüber der Prüfungskommission üblich. Es war vorgeschrieben teure Stoffe, wie Mäntel mit Pelzbesatz, Kopfbedeckungen, Ziegenlederhandschuhe und sonstige Accessoires zu schenken. Das wirft ein Licht auf die finanziellen Möglichkeiten der Studierenden, wie auf die Professoren [siehe Geppert, Mode unter dem Kreuz, Diss 2010, S. 2]. Juden konnten ein eingeschränktes Bürgerrecht erhalten, das allerdings die Wahl zum Stadtrat verbot. Nach den grossen Progromen Mitte des XIV. Jhs wurde ihnen nur noch für ein Jahr Bürgerrecht erteilt und musste immer neu beantragt werden.

Eine Sonderrolle auf Zeit nahm die sozial hochrangige Personengruppe der spezialisierten Handwerker ein, wie die Leiter der Bauhütten, bzw Baumeister, die sich für bestimmte Bauprojekte vertraglich banden wie Arnold von Westfalen, der als Landeswerkmeister der Wettiner verschiedene Bauprojekte leitete, z.B. den Ausbau der Albrechtsburg in Meißen. Laut Bestallungsurkunde von Juni 1471 „Uffnemung Meister Arnolts Westveling zcu eynem buwemeisterstanden jenem neben Jahressold und Wochenlohnzahlung ein Dienstpferd und jährlich ein Hofgewand durch die kurfürstliche Kammer zu. Bürgerliche Steuern und Dienste musste er nicht leisten [Monumente 11/12-2009, S. 68]. Beschränkte sich diese Gabe auf das reine Kleidungsstück oder gehörten Kopfbedeckung, Schuhe, Gürtel, etc. dazu?

Bürgerschaften standen nicht selten in Konflikt mit ihren Stadt- und Territorialherren, einem Bischof oder mglw Vogt als dessen Vertreter. Oft wurde die Loslösung angestrebt und der König vergab wenn möglich Privilegien, die diese Tendenzen verstärkten, um Städte auf seine Seite zu ziehen und aus den Territorialherrschaften in die Reichsunmittelbarkeit zu überführen. Daher der Begriff der „Freien Stadt“. Der Aufstieg der Städte gelang politisch im Reichsgefüge, da weltliche und geistliche Potentaten häufig untereinander zerstritten waren. Gelder aus den Städten führten so manche Entscheidung herbei. Städte schlossen untereinander Bündnisse, wie den „Rheinischen Städtebund“ 1254 zum Schutz der Erhaltung des Landfriedens und gegen das Raubrittertum oder die Dekapolisseit 1354 mit zehn Städten in Südwestdeutschland.

Im äusseren Erscheinungbild waren „Bürger“ als angesehene Kaufleute oder „Patrizier“ (= Ratsherren, Begriff seit dem XVI. Jh im Zuge der Renaissance nach röm Vorbild verwendet) Abbildungen nach gut zu erkennen. Sie trugen geschlossene knielange oder bodenlange Gewandungen und zeigten im Gegensatz zu Bauern oder Knechten in der Öffentlichkeit und zu offiziellen Anläßen lange Zeit keine Unterwäsche. Denn das wäre äusserst unschicklich gewesen. Zumal Maler selbst nicht selten angesehene Bürger in den Städten waren, die oft hohe Ämter innehatten. Sie mussten in ihren Bildern deutlich Konventionen wahren und konnten nur mit den „niederen Randfiguren“ über die Strenge schlagen, was sie dann wiederum gerne taten. Erst in der 2. Hälfte des XV. Jhs begann die Bürgersfrau am tiefen Halsausschnitt und an den Ärmeln ein Stück des Untergewands zu zeigen, so wie es die unteren Schichten der arbeitenden Bevölkerung ungeniert und natürlich aufgrund der schweißtreibenden Arbeit schon länger tat. Auch der Adel, und durch ihn eingekleidete Höflinge, nahmen sich seit geraumer Weile die Freiheit heraus provokant den Brustlatz oder an den Ärmeln das weisse Hemd, nun aber aus kostbaren Stoffen, wie Seide, zu präsentieren, siehe Bilder von Memling, Frueauf dem Älteren oder das berühmte adelige Liebespaar aus Gotha um 1480/85 mit „offener“ Bekleidung von Wams und Kleid, die viel Seide an Ärmeln, auf Brust und Brustlatz sehen ließ und mit „Gesperr“ geschlossen wurde.



Exkurs 7: Verwendete Ledersorten nach Fundkomplex aus Schleswig XI.-XIV. Jh

In den 1970er Jahren wurde im mittelalterlichen Stadtzentrum von Schleswig an der Schlei auf einem Areal von ca. 20 x 30 m die Werkstätten von Lederhandwerkern ergraben. Die fast 5 m tiefe Schicht barg Funde vom XI. bis zur Mitte des XIV. Jhs. Über 90% der Funde waren Schuhe, der Rest Lederscheiden für Messer und Schwerter, Gurte, Riemen und Gürtel, Beutel, Taschen und undefinierbare Fragmente. Die Handwerker hatten die Stücke entsorgt, umgearbeitet oder zur weiteren Verwendung gesammelt. Die für unsere Betrachtung in Frage kommenden Gurt- und Riemenstücke (sortiert in 5 Formen-Kategorien) fanden sich ungefähr im Zentrum der Grabungsfläche, zur Peripherie hin zahlenmässig ausdünnend. Von den rd 200 Fragmenten konnte nur ein geringer Teil eindeutig Gürteln zugerechnet werden. Es gibt Überschneidungen mit aufgeklappten Schwertscheidenstücken, die ihre urspl Form verloren hatten. Stabile und breite Gurte stammen hptsl aus dem Bereich des Reitzubehörs, schmale Riemen konnten ebenso für Zaumzeug und Sporen, Knieriemen, aber auch für Schuhe, Taschen und diverse Ausrüstungsteile genutzt werden. Nur vier von diesen Riemen wiesen kleine Schnallen auf und 10 % der Fragmente zeigen deutliche Schnittkanten, so daß Metalle mglw vor der Entsorgung entfernt wurden. Einige Formen (Kategorie Nr. 4) waren aus zwei Lagen zusammengefügt und an der Kanten vernäht mit Breiten zwischen 1,2 bis 8 cm! Die Anzahl der Funde war hoch, doch wurde jede einzelne Lage getrennt gezählt (127 Stücke), die normalerweise zusammen hätten erfasst werden müssen. Die breiten Formen mit bis zu 5 cm sind wohl dem Reitzubehör zuzurechnen, mit doppelt vernähtem Rindsleder. Archäologisch werden breite Eisen- und Rollschnallen meist dem Pferdegeschirr zugeordnet. Die Eisenschnallen von den Isenburgen in Hattingen und Essen im XIII. Jh weisen im Schnitt Durchlaßbreiten zwischen 4 und etwas über 5 cm auf, was einigen Lederbreiten in Schleswig entspricht.

Die Anzahl der einlagigen Streifen der Kategorie Nr. 1 lag bei 39 Stücken, plus sieben schmalen nietbesetzten einlagigen Streifen der Formenkategorie Nr. 3. Auch dünne Lederriemen wurden in Lagen vernäht, teilweise gefaltet, siehe 12 Stücke der Kategorie Nr. 2, wobei zwischen die Faltung gestückelte Lederstücke zur Stabilisierung eingenäht werden konnten, vor allem bei der Verwendung von Schaf- oder Ziegenleder. Auch diese Riemenformen müssen nicht unbedingt auf Gürtel verweisen, denn es gibt Überschneidungen mit Messer- und Schwertscheiden, wenn ein Hinweis auf Dornlöcher, -schlitze oder Nietpunkte für das Schnallenblech fehlen. Hinzu rechnet man allgemein für Gürtel eher mit Kalbs- und Rindsleder, es sei denn textilen Gurtformen wurden zur Stabilisierung durch dünneres Leder ge- oder unterfüttert, so daß sich Stiche an die Seitenkanten abzeichneten. Fingerlin kam 1971 zu dem Schluß, daß bei ihren untersuchten Grabfunden selten gedoppelte Riemen auftauchten, sondern eher einlagige Formen. Auch seien gestückelte Riemen den Zunftordnungen nach als Gürtel nicht üblich und erlaubt gewesen.

Punzierungen und Stempeldekor findet sich auf Messerscheiden und ist bei Gürtelfragmenten kaum nachweisbar. Die Stempel wurden erhitzt in angefeuchtetes Leder gepresst. Das Anfeuchten war für das enge Anpassen an die Messerklinge, bzw an den Holzkorpus der Schwertscheide zwingend notwendig, aber nicht zur Fertigung eines Gürtels. Zu den Riemenzieren zählten eher ornamentaler Lederschnitt und Steppereien mit Ziermotiv oder schlichte Längsritzungen als Relieflinien und eingeschlitzte Bereiche, durch die lederne oder textile Flechtbänder geführt wurden, mglw farblich kontrastierend zum Lederuntergrund. Beim Steppen des Leders konnten die Ziernähte kunstvoll ausgeführt sein, siehe die Objekte im Fundkomplex Schleswig mit floralen Ornamenten und überkreuzenden Wellenbändern. Bei diesen aufwändigen Verzierungen scheint die Nutzung als qualitätvolle Leibgurte wahrscheinlich, denn auch goldene Farbreste wurden bei einem Exemplar fest gestellt. Als reine Flechtriemen aus stabilem Rindsleder für hohe Beanspruchungen tauchten in Schleswig vier Stücke mit 2,5 bis 4 cm Breite, kategorisiert mit der Form Nr. 5 auf. Abbildungen gemäß sind sie der Reitausrüstung zuzuordnen (z.B. in Gaston Phoebus Jagdbuch Anf des XV. Jhs) und werden auch in Zunftordnungen erwähnt. Die wenigen mit Beschlägen versehene Riemen (7 Stücke der Kategorie Nr. 3) sind in Schleswig mit 1 bis 1,8 cm recht schmal und werden auf Sporenriemen und Zaumzeug verweisen.

Die Funde Schleswigs, welche Rückschlüße auf Taschen und Beutel erlauben waren überwiegend aus Ziegen- und Schafleder und zu einem geringen Teil aus Rindsleder gefertigt. Messerscheiden sind dort zu gleichen Anteilen aus Rind/Kalb und Schaf/Ziege gefertigt worden, wobei die älteren Formen des XI. Jhs aus Ziege bestanden. Nach einer Zunftordnung aus London war im XIII./XIV. Jh dafür Kalbsleder vorgeschrieben. Punzierungen, bzw Stempelverzierungen sind, wie bereits erwähnt, bei Messer- und Schwertscheiden wahrzunehmen. Im FMA und HMA konnten die Scheiden mit Steppereien, Ausstanzungen oder Relief- und Ritzverzierungen versehen sein, seit ca 1200 wurden die Messerscheidenkanten in Schleswig gefranst oder zipfelig gestaltet, bis zum XI. Jh zuweilen mit Metallbeschlägen meist aus Eisen versehen und vernietet (im slaw Kulturraum auch Funde aus Bronze, was durchaus Rückschlüsse auf das Reichsgebiet erlaubt), Lederschnitt und Punzierungen waren im HMA möglich.2 Der Lederschnitt ist dann vermehrt im SMA nachzuweisen.




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Anmerkungen, Literatur und Quellenverweise:

1/Zu den westfälischen Wappen u.a. nach Reinhold Stirnberg, Bevor die Märker kamen [pdf-Dok o.J.], zu den Schilden in Marburg siehe u.a. Jan Kohlmorgen, Der mittelalterliche Reiterschild, Wald-Michelbach 2002 und zu den hessischen Dynastien R. Knappe, MA Burgen in Hessen, Gudensberg-Gleichen 1995, S. 149f u 166


2/Schnack, C.: Mittelalterliche Lederfunde aus Schleswig - Futterale, Riemen, Taschen und andere Objekte, Neumünster 1998, S. 44-58