V.-VIII. / IX.-XII. / XIII. / XIII.-XIV. / XIV.-XV. / XV. / XVI. Jh

Historischer Kontext:

Mit dem Untergang des staufischen Königshauses verlor das Reich seinen Einfluß in Italien. Die ehem. staufischen Gebiete in Süditalien fielen an die Anjou (ohne Ansprüche des franz. Königs). Frankreich war tonangebend die kulturelle Macht in Europa. Es fasste zweimal soviel Einwohner wie das Reich. Mit der kulturellen Entwicklung Frkchs und später auch Nieder-Burgunds konnte man auf Reichsgebiet in vielen Belangen erst ab dem XVII. Jh gleichziehen, u.a. angeregt durch die Integration religiös und politisch verfolgter Auswanderer.

Während die dörflichen Gemeinschaften Selbstproduzenten waren in einer Naturalwirtschaft von Tauschhandel und Abgaben, vergrösserte die zunehmende Verstädterung die Bürgergemeinden, die nicht mehr selbst produzieren konnten, was sie zum Leben benötigten. Neue wirtschaftliche Verhältnisse und Abhängigkeiten, Rechts-, Geld- und Handelssysteme kamen auf, durch die eine aufstrebende soziale Schicht zu Wohlstand gelangte, der „Mittelstand“ wurde geboren. Er begann sich, ähnlich der adeligen Eliten, eine verfeinerte Kultur anzueignen.

In den nordfranzösischen Bischofsitzen hatte sich ein neuer Baustil entwickelt [der Begriff „Gotik“ wird erst später verwendet]. Franz. Sitten, Mode und die Baukunst „opus francigenum“ begannen das Reich zu prägen. Himmelwärts strebende, oftmals waghalsige, steinerne Bauprojekte wurden durch Bürger und Adel finanziert, um sich das Seelenheil zu erkaufen. Sie waren Ausdruck der Volksfrömmigkeit und des erwachten Standesbewußtseins, aber auch der schieren Angst vor dem Fegefeuer. Adelige ließen ihre Spenden durch Wappen in den Schlussteinen der Gewölbe dokumentieren. Während kleinere „bürgerliche“ Bauprojekte fertig gestellt wurden, sollten die ehrgeizigen Kathedralprojekte der Bischöfe, trotz der Tätigkeit mehrerer Generationen, vielfach nicht vollendet werden. Manche Gottesdienste fanden auf „Dauerbaustellen“ statt. Die Türme in Köln, Ulm oder Regensburg wurden erst im XIX. Jh errichtet.






2. Hälfte XIII. Jh

- Frühgotische Formen -

Magdeburger Jungfrauen 1240-50, Patriziertöchter im Stil der neuen französischen Mode

...Seid also wachsam! Denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde.Matthaeus 25, 13

[Seit Mitte des XIII. Jhs werden „Zehnjungfrauenspiele“ erwähnt, die wohl enorme Wirkung auf das Publikum hatten. Mglw. sehen wir hier die „steingewordenen“ Protagonisten eines solchen Schauspiels.]

Zivile Gürtel in der 2. Hälfte des XIII. Jhs

Zivile Gürtel in der 1. Hälfte des XIV. Jhs s.u.


Rinke = Schnalle / Spenglin = Riemenbeschlag (Niete) / Senkel = Zunge

eis = Eisen, me = Messing, bz = Bronze, zi = Zinn, vz = Verzinnt, vs = Versilbert

FO = Fundort, AO = Aufbewahrungsort


Quellen für die 2. Hälfte des XIII. Jhs:

Durch den neuen französischen Baustil erhalten sich Skulpturen mit wirklichkeitsgetreuer und detaillierter Darstellungsweise. Daneben eignen sich als Quelle auch Abbildungen der Buchmalerei oder große Wandfresken, meist mit sakralem Hintergrund. Auch die großen bunten Glasfenster in den Kathedralen können als Quelle herangezogen werden, neben Heiligen und Adeligen werden bsplw. in Chartres bereits 1237 mit der Abbildung von Steinmetzen auch untere soziale Schichten thematisiert.

Die Verstädterung wird Kleiderordnungen mit sich bringen, mit der Vorgabe was jedem Stand angemessen war, um soziale Grenzen deutlich aufzuzeigen. Die Mehrzahl dieser Quellen stehen uns aber erst ab dem XIV. bis XVI. Jh zur Verfügung.

Grabskulpturen des Adels und des aufstrebenden Ritterstandes, oder Stifterfiguren eignen sich als Quellengattung. 1287 ließ der Regensburger Patrizier Heinrich Zant mit einem Hochgrab das erste Patriziermausoleum auf dt. Boden errichten. Diese Selbstdarstellungen des Patrizier-Bürgers sollten zunehmen, nach Anregungen aus Italien mit seiner ausgeprägten Stadtkultur. Politisch begehrten diese Schichten auch in Dtld auf, erhoben sich zur Not auch gegen Bischöfe und Fürsten, um ihre Ansprüche durchzusetzen.

Seit dem XIII. Jh war eine bildhafte und bewegte Liturgie nachweisbar, um sie für die Gläubigen erfahrbar zu machen. Es wurden „handelnde Bildwerke“ in Form kleiner Schauspiele aufgeführt. So nahm man an Karfreitag „Christus“ vom Kreuz, setzte ihn in einer Hl-Grab-Prozession bei, um ihn Ostersonntag wieder auferstehen zu lassen. Am Himmelfahrtstag konnte die Christusfigur durch ein „Himmelloch“, eine Gewölbeöffnung in der Kirchendecke, nach oben gezogen werden, z.B. in der ev. Stadtkirche von Wildungen oder in der Marienkirche Gelnhausens im Schlußstein der Vierung. Genauso konnten von dort Engel-Figuren herabgelassen werden. Auch die Kindheit Christi oder das Leben und die Himmelfahrt Mariens wurden thematisiert. Hierzu wurden wohl die programmatischen Lettner, wie in Gelnhausen, ähnlich wie eine antike Theaterbühne genutzt.1 Die Lettner waren hohe Architekturelemente, welche die niedrigen frühmittelalterlichen Chorschranken seit dem Ende des XII. Jhs ersetzten, um die Gemeinde vom Chorraum zu trennen. Sie waren mit einer Empore ausgestattet, um Texte zu verlesen oder dienten als Sängerbühne. Im Laufe der Zeit wurden sie skulptural ausgeschmückt mit biblischen Szenen. Interessant für einfache Darstellungen sind z.B. die Lettner in Chartres von 1230c mit dem „Hirten“, einen ca 3 cm breiten Gürtel mit knielangem Zungenteil tragend, oder in Naumburg von 1245c mit der „Magd“, die Petrus verleugnet. Sie trägt einen ca. daumen-, bzw zollbreiten Gürtel, also gute 2 ½ cm, ohne herab hängendes Zungenteil und eine massive Mantelschließe, die kaum aus Buntmetall bestanden haben kann, sondern eher aus Horn, Bein, Holz, oder ähnlich preisgünstigem und archäologisch meist schwierig nachweisbarem Material.



alternierend beschlagener Gürtel

mit Rauten und Streckern

Grabplatte der Anna Groß“, gest. 1294

Patrizierin, Nürnberg

alternierend beschlagener Gürtel

mit Rauten und Streckern

Madonna“ Freiburg Ende XIII. Jh






Mode in der 2. Hälfte des XIV. Jhs (höfische u bürgerliche Formen):

Grundsätzlich haben wir zum Ende des XIII. Jhs und um 1300 eine Phase, in der Gürtelzieren als Spenglin beim Adel sehr beliebt waren, häufig mit alternierenden Formen. Auch wurden Frauengürtel des Adels in dieser Zeit recht hoch in der Taille getragen, vor allem Madonnenstatuen zeigen diese hohe Tragweise, damit bei ihnen Gürtel mit Überlänge als Ausdruck von Keuschheit und Reinheit, besonders zur Geltung kommen.







Gürtelformen des einfachen Volkes in der 2. Hälfte des XIV. Jhs:









Gürtelrekonstruktionen

= hier nun Gürteltypen, die in der 2. Hälfte des XIII. Jhs aufkommen und sich teilweise bis zur Mitte des XIV. Jhs halten =


Mitte

und

2.

Hälfte

XIII.













XIII_011_me

30 mm Riemen (natur/dunkelbraun/rot/schwarz)

und Senkel_me 12 x 3 cm

montiert 99,00 EUR

+ Beutelhalter montiert 129,00 EUR

Spenglin Lo ab 1270 „Nr.6879“ auf Anfrage



XIII_008_me

30 mm Riemen (natur/dunkelbraun/rot/schwarz)

und Senkel_me 8 x 2,5 cm

mit ca. 25 Spenglin „Nr.6808“

montiert 149,00 EUR




2.

Hälfte

XIII.






Die Bleche werden in der 2. Hälfte des XIII. Jhs länger als typisches Charakteristikum gegenüber denen der 1. Hälfte, siehe Funde von der Burg Wartenberg vor 1265




XIII_001_me

30 mm Riemen (natur/dunkelbraun/rot/schwarz)

und Senkel_me 12 x 3 cm [London bereits ab 1230]

montiert 99,00 EUR




XIII_002_me

mit Spenglin Lo ab 1270

Nr.6879“ auf Anfrage

hier Riemen natur



2.

Hälfte

XIII.

Gürtel mit verzierten Blechen



Schnalle mit kleinen Eckkugeln Magdeburg 1250c

auch an den Straßburgen Skulpturen 1280-90 findet sich dieser Schnallentyp noch recht häufig, ebenso in Nürnberg, „Grabplatte der Anna Groß“, gest. 1294, s.o.



XIII_030_me

20 mm Riemen (natur/dunkelbraun/rot/schwarz)

und Senkel_me 3,7 x 2 cm

montiert 85,00 EUR

Eingekerbtes Schnallenblech z.B. am Gürtel einer „Klugen Jungfrau“ in Magdeburg 1250c oder an der Riemenzunge der Skulptur des Pfalzgrafen Heinrich II. in Maria Laach um 1275.




XIII_029_me

20 mm Riemen (natur/dunkelbraun/rot/schwarz)

hier natur stark geölt

und verziertem Senkel_me 3,7 x 2 cm

montiert 85,00 EUR


2.

Hälfte

XIII.





oval profiliert 2. Hälfte XIII. Jh.

z.B. Typ Burg Wartenberg vor 1265



Spenglin „Rautenlilie“ orig. Raffenburg, Hagen (FO)

als Spenglin „Nr. 7734“

ab 2. Hälfte XIII. Jh.



XIII_026_me

mit verziertem Schnallenblech

20 mm Riemen (natur/dunkelbraun/rot/schwarz)

und verziertem Senkel_me 6,2 x 1,9 cm

montiert 79,00 EUR

Spenglin Rautenlilie „Nr.7734“ auf Anfrage



XIII_028_me

20 mm Riemen (natur/dunkelbraun/rot/schwarz)

und Senkel_me 6,2 x 1,9 cm [gleicher Typ links]

mit Streckern „Nr. 7060“ auf Anfrage


2.

Hälfte

XIII.

Typ Perlstab ab Mitte XIII. Jh.

Schnallen mit Perlstab, profiliertem Dornrast oder kl. „Hörnchen“ bleiben bis zum Anf. des XIV. Jh. recht beliebt.



XIII_013_me

20 mm Riemen (natur/dunkelbraun/rot/schwarz)

und Senkel_me 6,1 x 1,7 cm

montiert 69,00 EUR



XIII_014_me

20 mm Riemen (natur/dunkelbraun/rot/schwarz)

hier Riemen natur, geölt

und Senkel_me 6,1 x 1,7 cm

montiert 69,00 EUR


XIII

-

XIV

Typ XIII. bis Mitte XIV. Jh



XIII_033_me

20 mm Riemen (natur/dunkelbraun/rot/schwarz)

und Senkel_me 9 x 2,5 cm

montiert 75,00 EUR



XIII_012_me

30 mm Riemen (natur/dunkelbraun/rot/schwarz)

hier Riemen dunkelbraun

und Senkel_me 9 x 2,5 cm

montiert 90,00 EUR


XIII

-

XIV

Manesse um 1310 mit Formen, die bereits zum Ende des XIII. Jhs gebräuchlich. Hier ein breiter Männergürtel, wohl mit Riemenschieber, denn das lange Zungenstück ist deutlich zur Seite geschoben. Eine Schlaufung ist nicht erkennbar.




XIII-XIV_001_me

30 mm Riemen (natur/dunkelbraun/rot/schwarz)

und Senkel_me 8 x 2,5 cm

montiert 99,00 EUR


[Zunge mit abgerundetem Ende nach Fund auf Isenburg, bzw. Neu-Isenburg vor 1288, Rosette „Nr. 7010“ ergänzt]






XIII-XIV_001_me

die Rosetten können auch als Spenglin „Nr. 7010“ auf dem gesamten Gürtel verwendet werden, hier in Kombination mit Strecker „Nr. 7061“

[auf Kundenwunsch mit Schlaufung]




XIII

-

XIV



ab Mitte XIII. bis Mitte XIV. Jh




XIII_020_me

15 mm Riemen (natur/dunkelbraun/rot/schwarz)

und Senkel_me 6,1 x 1,7 cm

montiert 65,00 EUR


V

XIII_022_me

mit Spenglin Dreipaß „Nr.7943“ auf Anfrage


XIII

-

XIV




XIII_021_me [Blech mit Wellenschliff]

15 mm Riemen (natur/dunkelbraun/rot/schwarz)

und Senkel_me 6,1 x 1,7 cm

montiert 69,00 EUR

Spenglin Dreipaß „Nr.7943“ auf Anfrage

XIII-XIV_002_me [mit Wellenschliff]

15 mm Riemen (natur/dunkelbraun/rot/schwarz)

und Senkel_me 4,3 x 1 cm

montiert 69,00 EUR


XIII

-

XIV




XIII-XIV_006_me

15 mm Riemen (natur/dunkelbraun/rot/schwarz)

hier Riemen dunkelbraun

und Senkel_me 4,3 x 1 cm

montiert 69,00 EUR


Bspl Riemen rot

mit Senkel_me 4,3 x 1 cm

und

Spenglin „Nr.7734“

[Funde aus Hagen und London]


XIII

-

XIV

Typ XIII. bis Mitte XIV. Jh




XIII-XIV_014_me

15 mm Riemen (natur/dunkelbraun/rot/schwarz)

und Senkel_me 4,3 x 1 cm

montiert 75,00 EUR



XIII-XIV_003_me

15 mm Riemen (natur/dunkelbraun/rot/schwarz)

und Senkel_me 4,3 x 1 cm

montiert 75,00 EUR


XIII

-

XIV

aus der Manesse 1310-20c

die jugendliche Tänzerin trägt einen reich beschlagenen schmalen längeren Gurt



XIII-XIV_005_me

15 mm Riemen (natur/dunkelbraun/rot/schwarz)

und Senkel_me 4,3 x 1 cm

montiert 75,00 EUR

Spenglin „Nr.7025“ und Beutelhalter optional

XIII-XIV_005_me getragen

hier Riemen schwarz

[auf Kundenwunsch mit Schlaufung]







Historischer Kontext:

Die Zeit war von vielfältigen Umbrüchen gekennzeichnet. Die franz Anjou, welche die Nachfolge der Staufer in Unteritalien übernommen hatten, verloren Sizilien an Aragon, doch erlangten sie 1306 die Thronfolge in Ungarn.2 Während dt Könige, wie Heinrich VII. v Luxemburg (reg bis 1313) oder Ludwig der Bayer (reg. bis 1347) dem fatalen Kaisertraum anhingen, der für das Reich teuer bezahlt werden musste und so viele Ressourcen in Italien verschlang. Neue Mächte, wie England, Burgund oder Polen wussten ihre Chancen militärisch oder durch Heiratspolitik zu nutzen. Innenpolitisch wirkte das Reich unter den Luxemburger Herrschern stabil. Es sank der Einfluß des Adels, das Rittertum erlebte die letzte Blüte vor dem tiefen Fall und die Städte erwachten. Eine Entwicklung, die in Italien, Spanien und Frankreich ihren Ausgang genommen hatte und auch im Reich unumkehrbar war. Die Gesellschaft begann sich zu differenzieren. Eine neue soziale Schicht forderte mehr Mitspracherecht: Der Bürger mit Patriziern, Stadtministerialen, reichen Kaufleuten und zünftisch organisierten Handwerkern.3 Städte waren bereits seit dem XIII. Jh aufstrebende Institutionen, die sich in Bünden vereinigten. Sie erkämpften Freiheiten gegenüber ihren Territorialherrn oder erlangten im Interesse des Königs Reichsunmittelbarkeit. Wohl standen sie auch untereinander in Konkurrenz, genauso wie alle gesellschaftliche Schichten. Das war ein starker Motor für die Entwicklung in wirtschaftlichen und kulturellen Belangen.









1. Hälfte XIV. Jh

- Hochgotische Formen -

Cappenberg, 1310-30 (Grabplatte des Grafen Gottfried von Cappenberg, der zu Beginn des XII. Jhs lebte und dem als bedeutenden Stifter Mitte des XIII. Jhs ein Grabmal errichtet wurde, das aber nicht mehr erhalten ist. Inwieweit die hier gezeigte Ausführung des XIV. Jhs der ursprünglichen Fassung folgt, ist nicht zu sagen.

[Wir haben eine eigenartige Mischform vor uns. Der reich beschlagene lange Leibgurt ist zeitgemäß für die Wende um 1300, erstaunlich allerdings der bisher früheste Beleg für eine noch recht unbeholfene „Schlaufung“ nach der Schnalle, die im XIII. Jh so bislang beim Adel nicht nachweisbar ist. Der separate Schwertgurt war im XIII. Jh üblich. Er zeigt allerdings am Ende keinen aufgespleissten Riemen, um ihn zu knoten, sondern endet blank. Der Schwertgurt muss also eine Schnalle aufweisen und damit haben wir in Dtld eine Ausführung des XIV. Jhs vor uns, denn geschnallte Schwertgurte, in Fkrch auch beim Adel schon länger üblich, erscheinen bei uns erst nach 1300. Die Darstellung unterscheidet sich von der mit seinem Bruder Otto, siehe unten links, mit kürzeren breiteren Gürteln, als Kombination von Schwert- und Leibgurt.]

Schwertgurte in der 1. Hälfte des XIV. Jhs

Zivile Leibgurte in der 1. Hälfte des XIV. Jhs


Rinke = Schnalle / Spenglin = Riemenbeschlag (Niete) / Senkel = Zunge

eis = Eisen, me = Messing, bz = Bronze, zi = Zinn, vz = Verzinnt, vs = Versilbert

FO = Fundort, AO = Aufbewahrungsort


Quellen für die 1. Hälfte des XIV. Jhs:

Die zunehmende Verstädterung verbessert unsere Quellenlage. Der neue Baustil (Gotik) fand weite Verbreitung. Die Kirche, aber auch finanzstarke Orden, der Adel, die Bürger und Zünfte mit ihren Stiftungen sorgten für eine vielfältige Verbreitung. Vorreiter war die klerikale Architektur. Aber auch weltliche Gebäude wurden im neuen Kathedralstil errichtet, wie manch prächtige Rathäuser. Falls keine öffentlichen Gebäude vorhanden waren, tagten Magistrat, Zünfte, Gilden und Bruderschaften durchaus auch in den Kirchen, wenn es um das Allgemeinwohl ging. „Gotische Formen“ fanden vielfach Eingang in die Sachkultur. Der Adel ließ sich Grabmalplatten erstellen. Sozial niedere Schichten fanden ein wenig mehr Beachtung in der künstlerischen Wiedergabe, natürlich in untergeordneten Rollen. In der Buchmalerei erhielt sich mit der Handschrift im Auftrag der Züricher Familie von Manesse ein besonderen Schatz. Die hier gezeigten Personen waren gehobenen- und mittleren Standes, eine profane Handschrift ohne sakralen Hintergrund, statt Heilige also reale Zeitgenossen!

Vermehrt lassen sich schriftliche Quellen in Form von Zunft- und Kleiderordnungen, s.u. oder Nachläßen und Inventaren heranziehen, die zuweilen Gürtel recht genau beschreiben. Seit Ende des XIII. Jhs gab es die ersten nachweisbaren bürgerlichen Testamente. In Regensburg wurde in oberdeutscher Mundart 1308 ein silberner Gürtel als Erbstück erwähnt. Auch in Dortmund finden sich ab 1326 erste Quellen zur Stadtgeschichte in niederdeutscher Mundart und nicht ausschließlich in Latein.



Schwertgurte in der 1. Hälfte des XIV. Jhs










Anf.

XIV



Burggraf von Rietenburg“

Zum Vergleich hier ein Schwertgurt aus der Manesse um 1310-20. Im Reich ist der geschlaufte Gurt, ohne Schnalle, lange Zeit ein Standessymbol, Relikt aus vergangenen Tagen. Ein guter Beleg wie „altmodisch“ die Manesse diesbezüglich ist und damit durchaus eine gute Quelle auch für Darsteller zum Ende des XIII.Jhs.



Schwertgurt_01_wß

cingulum militare“,

der traditionelle Schwertgurt für den Ritteradel

als Bindegürtel „deutsche Art“

(hier mit „X“-Bindung)

montiert 85,00 EUR



Lettnerfigur Elisabethkirche, Marburg 1320-30

In den ersten Jahrzehnten des XIV. Jhs wird es auch im Reich üblich den adeligen Schwertgurt mit einer Schnalle zu versehen, wie es in Westeuropa bei Rittergurten oder bei nicht-adeligen Schwertträgern schon lange gebräuchlich ist, siehe Kreuzritterbibel oder „Hl. Georg“, Kathedrale Chartres.4 Möglicherweise ist die Sitte im Zuge der Gotik aus Frkrch übernommen worden.










Anf.

XIV



Gottfried u Otto von Cappenberg in der Darstellung von ca. 1324

Der Schwertgurt ersetzt hier den Leibgurt. Ähnlich zur Lettnerfigur aus Marburg, s.o., ist bei den Cappenbergern Gurten eine Randverstärkung zu beobachten, als Hinweis auf einen möglichen Textilgurt! Die Beschläge bestehen hier aus mehrstufigen Blattmustern.



Dom St. Viktor, Xanten, 1. Hälfte XIV. Jh

breiter Schwertgurt mit einfachen stabförmigen Zieren. Der Waffenrock wird durch einen nicht genau definierten Leibriemen kurz darüber deutlich zusammen gerafft.






XIV_001_vm

40 mm Riemen (natur/dunkelbraun/rot/schwarz)

und Senkel_me 5 x 4 cm

montiert 69,00 EUR

Riemenbeschläge „Nr.6269“ optional

[Gürtelausführung auch in silberfarben auf schw. oder rotem Leder möglich]




Dietmar von Aist, Manesse 1310-20




Mode in der 1. Hälfte des XIV. Jhs (höfische u bürgerliche Formen):

Die Manesse-Formen hier verweisen noch deutlich ins XIII. Jh. Man kann es auch anders formulieren, die Jahrhundertwende brachte demnach keinen großen Modewandel mit sich. Die Werkstatt des Grundstockmalers arbeitete zwischen 1300 und 1315, die Nachtragsmaler bis 1340. Der überwiegende Teil der stark beschlagenen Gürtel aus der Manesse wurde von adeligen Männern getragen, mit schmalen und breiten Formen [die breiteren Gürtel siehe Seite XIII. Jh]. Stoffgürtel konnten so lang sein, daß sie fast zweimal um den Körper geschlungen, aber wohl nicht lang herabhängend getragen wurden, siehe „Hl. Florian“ von 1320 in St. Florian, Österreich. [Bild wird folgen]

Bei den Frauen ließ die Modesitte der Surkots oft keine Gürtel sichtbar werden. Nur auf zwei Abbildungen zeigte eine jüngere Frau ohne Übergewand mit offenen Haaren einen stark beschlagenen Gürtel, Bild siehe unten. Das Interesse der Dame an einem solchen Kleinod auf der Abbildung oben zum Dietmar von Aist, läßt vermuten, daß sie verdeckt unter den Surkots getragen wurden, wie es die spätere Mode mit den grossen Höllenfenstern durchaus belegt, also nur sichtbar waren, wenn die Überbekleidung abgelegt wurde.

Vollkommen neue Formen bei Schnallen und Senkeln erscheinen erst in den 20er/30er Jahren des XIV. Jhs. Frauengürtel wurden teils sehr hoch, weit oberhalb der Taille, getragen, wie es vor allem bei Marienskulpturen bis etwa 1350 üblich war, deren Gürtellänge wurde zugleich mit Jungfräulichkeit und Unberührtheit assoziiert. Ab Mitte des XIV. Jhs werden Gürtel immer häufiger mit der uns so gewohnten „Schlaufung“ nach der Schnalle abgebildet. Die Gürtelteile wurden recht lang und schmal.








Gürtelformen des einfachen Volkes in der 1. Hälfte des XIV. Jhs:

Diese Gürtelformen sind manchmal ablesbar an Steinmetzskulpturen der Handwerker in den neuen Kathedralen und zuweilen auf Abbildungen, falls mehr erkennbar ist als der übliche „Strich“, welcher die Kleidung symbolisch in der Taille raffte. Gürtel mit Überlänge wurden von den unteren Volksschichten nicht getragen. Im Luttrell Psalter von 1335v lugt das Zungenende eines Bauern als Saehmann so gerade aus der Schnalle, die Gürtel der Vogelfänger und die der Bogenschützen sind alle kurz, ohne jegliche Überlänge. Interessanterweise sind auch die Gürtel dieser unteren Chargen beschlagen. Allerdings sollten engl. Quellen mit Vorsicht genossen werden. Alleine durch den problemlosen Zugang zu Zinn sind hier andere Möglichkeiten gegeben, als im zinnarmen Dtld. Metallanalysen bei Pilgerabzeichen, die ein Massenartikel darstellten, zeigen auf dem Kontinent einen viel höheren Bleianteil als in England. Man streckte also das Material durch preiswertes Blei.

Vorbilder für Kriegsknechte und Schergen bieten die „Geißler“ und „Wächter“ bei der Jesus Gefangennahme und Vorführung vor der Obrigkeit in Buchilluminationen und den allmählich detaillierter ausgearbeiteten Altarretabeln, wie bsplw. auf den Passionsaltären in Klosterneuburg/Austria von 1330c oder in Heilsbronn von 1340.








Gürtelrekonstruktionen ziviler Leibgurte in der 1. Hälfte des XIV. Jhs








1.

Hälfte

XIV







Typ 2. Hälfte XIII. Jh bis Mitte XIV. Jh











XIV_009_me

15 mm Riemen (natur/dunkelbraun/rot/schwarz)

und Senkel_me 7 x 1,4 cm

montiert 65,00 EUR








1.

Hälfte

XIV







Typ ab ca 1330 nachweisbar bis Anfang XV. Jh





XIV_012_me

a) Schnalle (wie in XIV_10_me)

15 mm Riemen (natur/dunkelbraun/rot/schwarz)

und Senkel 10 x 1,5 cm

montiert 69,00 EUR

b) inkl. 10 Spenglin Nr. „7016“ auf Anfrage






XIV_010_me

15 mm Riemen (natur/dunkelbraun/rot/schwarz)

und Senkel 7 x 1,4 cm

montiert 59,00 EUR

Spenglin „Nr.7072“ optional








1.

Hälfte

XIV



Zunge ab 1. Hälfte XIV. Jh






XIV_013_me

20 mm Riemen (natur/dunkelbraun/rot/schwarz)

und Senkel 11 x 1,5 cm

montiert 79,00 EUR



XIV_015_me

20 mm Riemen (natur/dunkelbraun/rot/schwarz)

und Senkel 11 x 1,5 cm

montiert 89,00 EUR








Quellen und weiterführende Literatur:

- Becks, J. u Roelen, M.W.: Derick Baegert und sein Werk, Wesel 2011.

- Egan, G. (Hrsg.): Dress Accessories 1150-1450. Medieval Finds from Excavations in London, London 1998.

- Fingerlin, I.: Gürtel des hohen und späten Mittelalters, München Berlin 1971.

- Gr. Heidelberger Liederhandschrift (Codex Manesse). Dig. Version Universitätsbibliothek Heidelberg 2004.

- Kania, K.: Kleidung im Mittelalter. Materialien-Konstruktion-Nähtechnik, Köln-Weimar-Wien 2010.

- Krabath, St.: Die hoch- u. spätmittelalterlichen Buntmetallfunde nördlich der Alpen, Rahden 2001.

- Kühnel, H. (Hrsg.): Alltag im Spätmittelalter. Sonderausgabe Graz-Wien-Köln 1996.

- Legner, A. (Hrsg.): Die Parler u d schöne Stil 1350-1400. Europäische Kunst unter den Luxemburgern. Ausstellung Schnütgen Mus., Köln 1978.

- Lenhart U.: Kleidung und Waffen der Spätgotik I 1320-1370, Wald-Michelbach 2000.

- Preising, D./Rief, M./Villwock, U.: Skulpturenkatalog d. Suermondt-Ludwig-Mus. Bildwerke d. Köln-Lütticher Raumes 1180-1430 (Aachen oJ)

- Thursfield, S.: Mittelalterliches Schneidern. Historische Alltagskleidung zw. 1200-1500 selbst gemacht, Herne 2010.



V.-VIII. / IX.-XII. / XIII. / XIV.-XV. / XV. / XVI. Jh




zum Wert eines Gürtels siehe HINWEIS auf der ersten Seite



Anmerkungen und Quellenverweise:

1/G. Wilbertz, Die Marienkirche in Gelnhausen. Die blauen Bücher, S. 41

2/Aus Ungarn stammen eine ganze Reihe bedeutender Gürtelfunde, die Ilse Fingerlin nennt. Nach dem derzeitigen Forschungsstand kamen in Ungarn besondere Formen in die Gräber, die sich bei uns bislang nicht nachweisen lassen, da solch aufwändige Beigaben in Westeuropa selten waren, uns diese Quellen also nicht zur Verfügung stehen. Ein direkter Abgleich mit anderen Quellen gestaltet sich schwierig. Osteuropäische Formen unterscheiden sich in der Regel von den bei uns gebräuchlichen. Aber es ist denkbar, daß über den Hochadel eine gegenseitige Beeinflußung und ein Formenaustausch mit Westeuropa möglich gewesen ist.

3/Nur reiche Handwerker, wie die Zunftmeister, konnten einen Ratssitz erwerben, allen voran ging in vielen Städten das Tuchgewerbe. In der durch den Waidhandel florierenden Stadt Mülhausen/Thüringen hatte im SMA ausschließlich der Ältestenrat (Bürgermeister und einflussreiche Ratsherren) die eigentliche Regierungsgewalt inne. Dieser entzog sich dem jährlichen Ratswechsel und jeglicher demokratischer Kontrolle, indem er in geheimen Sitzungen das Geschick der Stadt bestimmte. Es regierte eine Oligarchie der Reichen in den Städten über alle Einwohner, wobei auch verstreut liegende Dörfer den Städten angeschlossen sein konnten. Grundsätzlich waren die Bürger eine Schwurgemeinschaft, Grundstückseigentümer in einer Stadt und keineswegs nur Einwohner derselben. Man vermutet, daß in spätmittelalterlichen Städten maximal die Hälfte der Einwohner „Bürger“ waren, die anderen arbeiteten dort als Gesellen, verdingten sich als Mägde, Knechte, Tagelöhner oder kleine Handwerker in gemieteten Werkstätten. Für die Bürger bestand Wehrpflicht im Dienste der Stadt-, bzw. des Grundherren. Ab einem gewissen Vermögen mussten sie, nach Heerschauliste, eine eigene Schutzbewaffnung (Harnisch) stellen und wurden finanziell zu Kriegsleistungen, z.B. für die Pferdehaltung, oder auch zu städtischen Bauprojekten herangezogen [siehe Roelen in: Derick Baegert, S. 14f]. Jede Zunft wurde in der Regel zur Verteidigung eines bestimmten Tores, Turms oder Mauerabschnitts der Stadt verantwortlich gemacht. Noch im 16. Jh galt die gesellschaftliche Dreiteilung: „Item nach dem in stetten gemeynlich dreierley Burger und innwoner seind als gemeyne Burger und Handtwercker, kauf und gewerbsleut und andere so im Radt von geschlechten oder sunst ehrlich herkommen und irer zinss und renthen sich erneren.“ [aus Die Welt des Hans Sachs, S. XVIII] Bürger in Waffen bedeuteten für die Obrigkeit ein gewisses Risiko, zugleich wurde es aber üblich sich vom Kriegsdienst freizukaufen. Deshalb wurden zunehmend Söldner unter Vertrag genommen, die der Bürger bezahlen musste. Karl IV. richtete Verkündigungen an die Städte seines Reichs nicht ausschließlich an Räte und das Patriziat, eben an die „Bürger“, sondern auch an „alle Insassen“, hier wurden also auch nicht wahlberechtigte Einwohner direkt angesprochen, unerhört (!).

4/In England gibt es bereits erste Schwertaufhängungen mit Ringen und Haken, siehe Grab des Sir John de Creke_Westly Church von 1325, der Randverstärkung und den Zieren nach zu schliessen, vermutlich ein mit Stoff überzogener Gurt.