V.-VIII. / IX.-XI. / XI.-XIII. / XIII.-XIV. / XIV. / XV. / XV.-XVI. Jh

Untergang und „Fortbestand“ des Römischen Reiches – der Prolog (mit einer gewissen moralischen Komponente):

Dank mühevoller archäologischer Arbeit sind die Spuren des röm. Imperiums an Rhein, Mosel, Main, Neckar und Donau heute nicht zu übersehen, umfangreicher sind sie in Frankreich, Spanien, Griechenland und natürlich in Italien, den mediterranen Reichsteilen, wo zahlreiche Monumente obertägig erhalten blieben und die zivilisatorischen Errungenschaften der antiken Supermacht die Völker bis heute tief geprägt haben. Architektonische Hinterlassenschaften waren lange Zeit weithin sichtbare Zeugen einer gewaltigen Kultur, welche durch die Nachfahren genutzt oder umfunktioniert wurden, solange Mittel, Wissen und Technik dazu ausreichten. Jede nachfolgende Zeitepoche wurde in der westlichen Hemisphäre durch die Römer künstlerisch, kulturell oder politisch beeinflußt, vom Mittelalter über Renaissance, Barock und Klassizismus, bis hin zur Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika, Napoleons Kaisergehabe, Mussolinis „Mare Nostro“-Ansprüchen oder Albert Speers Baustil, um nur einige wenige Orientierungsrichtungen aufzuzählen.

Die Römer der Spätantike werden sich kaum vorgestellt haben, daß die materielle Kultur ihres Staates und ihrer Zivilisation mit gewaltigen Bauwerken, den grossen Städten und Häfen, dem riesigen Straßennetzwerk, den vielen Handwerker- und Handelsorten (vici) und den großen landwirtschaftlich genutzten Gebäudekomplexen (villae) einst verschwinden würde, genauso wenig ist es für uns momentan vorstellbar, daß unsere eigene Kultur, mit gewaltigen architektonischen und strassenbaulichen Komplexen, in den äusseren Formen verschwinden könnte, wobei manche unserer Brückenbauten dies schon nach wenigen Jahrzehnten tun, wenn erhaltende Maßnahmen unterbleiben. Überdauern werden vornehmlich geistige Errungenschaften, damals wie heute, falls es die Aufbewahrungsmedien zulassen. Innerhalb eines solch gewaltigen Systems ist man Teilhaber und Nutznießer, vielleicht ohne zu bedenken wie dieses Gebilde nach aussen wirkt, auf die Ausgegrenzten, die nur in geringem Maß oder gar nicht davon profitieren und mglw. darunter leiden, ihre Freiheit, ihre Gesundheit oder ihr Leben verlieren, damit die überlegene Macht weiter existieren kann. Jenen muß Rom wie ein gefrässiges Ungeheuer vorgekommen sein, das sich auf Kosten vieler bereicherte. So wuchsen und wachsen „Imperien“ mit Raub, Mord, Plünderung, Vergewaltigung und Versklavung, mit allem was Menschen einander antun, in ihrer überlegenen Haltung gegenüber einem vermeintlichen „Untermenschentum“ - keine Fanfaren – kein Tusch ! Die Regierungsform spielt dabei keine Rolle. Auch Demokratien gebärden sich da nicht unbedingt menschenfreundlicher, betrachtet man z.B. die Hegemonie und Machterhaltung Athens im Attisch-Delischen Seebund des V. JhsvC. Jedes Aufbegehren oder Ausscheren seiner Mitglieder aus dem Bund wurde mit allen erdenklichen Mitteln unterdrückt. Despotisch verhielten sich die kolonialen Mächte der Neuzeit, auch unser heutiges Gebaren ist diesbzgl in manchen Dingen bedenklich, betrachten wir bsplw. die imperialistischen Bestrebungen der westlichen Mächte im Nahen Osten seit über 100 Jahren, dem Erdöl geschuldet. Jeder unterstützt diese Machenschaften, denn jeder tankt und wer glaubt eine „saubere Weste“ zu haben nutzt Plastik und weitere Erdölprodukte. Im „Hier und Jetzt“ gibt es keine neutrale moralische Instanz, jedes Tun wird durch den Herrschenden, den Überlegenen, den Stärkeren seine moralische Rechtfertigung finden. Die Worte des Schweizers Jacob Burckhardt werden immer Gültigkeit behalten: „...in einem tiefen Mißtrauen in die bewegenden Kräfte...“, wie Kurt Köster in seiner Huizinga-Ausgabe „Herbst des Mittelalters“ von 1965 voran schrieb.

Im röm. Selbstverständnis war Rom die Welt und die Welt war Rom. Das Reich bedeutete Zivilisation, der Rest galt als unzugänglicher Urwald, Wüstenei oder Barbarei. Nur der Osten, der Orient wurde als Quell hoher Kultur angesehen, von dem sich bereits die Griechen genährt hatten, ohne die wiederum hohe röm. Kultur undenkbar gewesen wäre. Seit Jahrtausenden existierten im Osten machtvolle Reiche, nicht zuletzt das der Perser und das kurzzeitige Alexanders III. („des Großen“) von Makedonien. Durch die Diadochen und hellenistischen Nachfolgereiche in Griechenland, Kleinasien und Ägypten wurde der Blick der Römer seit der späten Republik nach Osten gewendet. Durch seine effiziente administrative und militärische Kraft zwang Rom jedes Volk ausserhalb des gewaltigen röm. Machtgebildes zu ihm aufzuschauen. Nach dem politischen Ende wirkten seine Sprache, seine Tradition, die reichhaltige Kultur und der daraus resultierende Stolz der röm. Eliten noch lange fort. In dieser Umbruchphase zu einer politischen Neuordnung wurden grundlegende Entwicklungen für die kommenden Jahrhunderte gelegt. Hier sollten mit einer gewissen Kontinuität die politischen, wirtschaftlichen, sozialen, religiösen und militärischen Fundamente der neuen germanischen Königreiche Westeuropas liegen, orientiert am römischem Vorbild. Die neuen Gesellschaften saugten begierig und zweckmäßig das Althergebrachte der antiken Welt ein, bedurften der administrativen Kraft des Bestehenden und verwendeten es als Werkzeug und Grundlage ihrer neuen Gesellschaftsformen, verführt und geblendet von den kolossalen Hinterlassenschaften, ohne zu erkennen, wie sehr diese Leitbilder in ihren Formen erstarrt, kaum überlebensfähig, aus der Not heraus geboren oder veraltet waren. Es wurde kein Erfolgsmodell vererbt, sondern es war die dürftige Fortführung einer Kultur, die sich eigentlich selbst überlebt hatte, an ihrer schieren Größe litt und aus enormen Zwängen heraus agierte, von Kopisten, welche von der Fülle der antiken Welt über alle Maßen beeindruckt waren, sich mit ihr identifizierten, ihre eigene Herrschaftslegitimation davon ableiteten, so daß sie immer wieder darauf zurückgriffen und mit ihren Mitteln zu erhalten suchten. Dieses einst gewaltige und mächtige Rom war der Urgrund vieler Dinge und die Saat zu einer Epoche, die wir als „Mittelalter“ bezeichnen, auch wenn diese Saat erst mit den Karolingern aufging, denn mit ihnen wurden viele Standards für die nachfolgenden Jahrhunderte gesetzt.1

Zum Ende wurde das Röm. Reich nicht durch eine grosse barbarische oder germanische Invasion während der Völkerwanderung zu Fall gebracht, obwohl Germanen einen nicht unerheblichen Anteil am Niedergang des röm Imperiums hatten. „Barbarische Heerführer“ trachteten nicht danach dieses gewaltige Reich zu zerstören oder es gar zu übernehmen. Man hatte durchaus Interesse den röm Staatskörper mit seiner Organisation, der man nichts gleichwertiges entgegen zu setzen hatte, zu erhalten. Deshalb spricht man heute in der Forschung eher von „Transformation“, um diese Prozesse zu beschreiben, die mehrere Jahrhunderte währten. Denn nachdem Rom seine expansiven Unternehmungen in die Wald- und Moorgebiete Germaniens, die erfolgreich bis zur Elbe geführt worden waren, aber nach der Katastrophe von 9 AD eingestellt wurden, sicherte es die Grenzen an Rhein und Donau im barbarischen Vorfeld durch wirtschaftlich kulturelle Überlegenheit und umfangreiche politische Maßnahmen mit Bündnissystemen, Geiseln und Erziehung german Fürstenkinder, Klientelfürsten auf Gnaden Roms, Verleihung des Bürgerrechts oder durch kostbare politisch motivierte Geschenke an die Zauderer. Rom hatte das gesamte Germanien bereits als seine Provinz betrachtet, verfügte damit über sehr gute Kenntnisse von der Region und seinen Bewohnern. Die zurückgezogenen Grenzen waren durchlässig, das Kultur- und Wirtschaftsgefälle war enorm durch den höheren Lebensstandard auf röm Territorium. Zusätzlich brachte der Handel mit römischen Gütern und der Technologietransfer immer neue Elemente ins Barbaricum, bzw. ins freie Germanien, wandelte Mode und Sitten. Es ist dort anhand der Grabfunde eine deutliche Entwicklung bis ins III. JhAD zu beobachten hin zu wohlhabenden romanisierten Machthabern anhand von röm Luxusgütern, den neuen Prestige- und Statussymbolen. Rom wurde weithin akzeptierte Leitkultur für die barbarische Elite, die über die Grenzen blickte. Rom band die german Aristokratie an sich und jene suchte den unmittelbaren Kontakt, erhielt Bestechungsgelder, um Partei zu nehmen oder wurden bei Auseinandersetzungen durch Zahlungen zum Stillhalten aufgefordert. Denn das spätantike Reich litt an schweren inneren Krisen, Destabilisierungen durch immer neue Herrscherusurpatoren und den daraus resultierenden Bürgerkriegen. So verlor das Imperium zusehends an Macht und Einfluß als es nicht mehr gelang die äusseren und inneren Konflikte zu bewältigen, während jenseits der Grenzen ernst zu nehmende politische Kräfte entstanden, die ihre Herrschaft ausweiteten. Die röm Herrscher benötigten willige Kämpfer und ermunterten Einzelne oder ganze Gefolgschaften dazu, vertraglich gebunden oder gezwungen Dienst in der röm Armee zu nehmen. Die Ausweitung des röm Bürgerrechts unter Caracalla 212 AD hatte für Aussenstehende weitere Anreize geschaffen Auskommen, Karriere- und Verdienstmöglichkeiten in der röm Armee zu suchen. Bereits seit geraumer Weile hatten die Auxiliare der einheimischen Hilfstruppen nach Ableistung ihrer 25 Dienstjahre das röm Bürgerrecht erhalten, was auch für deren Ehefrauen und die Nachkommen galt. Somit wurde in der röm Kaiserzeit bei Hunderttausenden von Provinzbewohnern der soziale Status angehoben. Reformwillige Herrscher wie Diokletian und Konstantin im III./IV. JhAD versuchten mehr oder weniger erfolgreich den Verfall des Imperiums aufzuhalten, was zu einer grösseren Verstaatlichung, Bürokratisierung, enormen Steuerzwängen und einer statischen Zwangsgesellschaft führte.2 Aber die katastrophalen Bürgerkriege des IV. Jhs machten die Aufnahme von großen kriegswilligen german. Kontingenten in die röm. Armee vonnöten, entblößten die Grenze an Rhein und Donau und verlockten andere Barbaren zu Einfällen tief ins Reich, die sich mit Gewalt röm Gebrauchsgüter und Kostbarkeiten aneigneten, die auf anderem Weg kaum zu erlangen waren. Als Abwehr wurden wiederum Germanen in Sold genommen, sofern Gelder zur Verfügung standen, ansonsten Land den kriegsgefangenen und unfreien Laeten oder bündnisabhängigen Foederaten unter eigenem Kommando mit röm. Oberhoheit nach Vertrag überlassen, um diese Räume, die formell Reichsgebiet blieben, zu verteidigen und mögliche Plünderer an den Grenzen abzuwehren. So profitierten Germanen zunehmend von den inneren Streitigkeiten im Imperium, das nicht zuletzt am steten Verfall der Integrität krankte, durch die massive Aufnahme von „Barbaren“ ins röm. Heer.3 Es gab es eine beständige Infiltration von „Barbaren“, die Teilhabe wollten an den Segnungen und dem Schutz der röm Zivilisation durch Landzuweisung, Bundesgenossenschaft, Ämterzuteilung in der röm. Militärhierarchie, grundsätzlich Anerkennung und Entlohung für Dienste, die man unter röm Standarten bereits seit mehreren Generationen leistete.

Der erlaubte Übergang der, vor den Hunnen Schutz suchenden, Westgoten über die Donau, aber das Unvermögen und die geringe Bereitschaft der Römer soviel Barbaren gleichzeitig aufzunehmen, führte zu Verbitterung auf Seiten der Goten, zu Aufständen, Plünderungszügen und letztlich zur Einnahme Roms 410, später wiederholt durch die Vandalen, die sich Nordafrika gewaltsam angeeignet hatten, in einem langen Zug durch Westeuropa nach deren Rheinübergang von 406/07. Dieser endgültige Zusammenbruch der Rheinverteidigung bedingte u.a. den röm. Rückzug aus Britannien, es folgten der Verlust oder die Separierung vieler Provinzen in Gallien, Spanien und auf dem Balkan. Auch die Hunneninvasion, deren Abwehr ohne westgotische Hilfe undenkbar gewesen wäre und die Kaiserabsetzung im Westen 476 sind bekannte Eckdaten des Niedergangs. Nicht zuletzt war es der mangelnde Wille der Römer die nicht enden wollenden Zuzüge an Bevölkerung aus dem Barbaricum zu integrieren, was ihnen kontrolliert über Jahrhunderte durchaus gelungen war, denn dazu dienten u.a. die zahlreichen Limes-Grenzsicherungen überall im Reich. Für die röm. Provinzialen mag es im IV. und V. Jh oft schwierig gewesen sein Germanen als Eroberer vom Germanen im röm. Dienst zu unterscheiden, denn „Soldat“ und „Barbar“ wurden eins, selbst in den höchsten militärischen Rängen! Manche germanische Söldner kehrten nach Ableistung der Dienstzeit, vertraut mit der Errungenschaften der röm Zivilisation, in die rechtsrheinischen heimatlichen Gebiete zurück und weisen sich heute archäologisch durch röm Relikte in den Gräbern aus. Andere blieben als Siedler und Milizionäre auf Reichsboden, sind bsplw erkennbar an Waffenbeigaben auf den gemischten Friedhöfen mit den röm Provinzialen. Römer bestatteten ohne Waffen. Die Neuankömmlinge assimilierten die röm. Kultur, wollten sein wie die Römer, akzeptiert werden, wie bereits viele vor ihnen, bewirkten aber auch im gewissen Maß eine „Barbarisierung“ der spätantiken röm. Welt, die bereits früh einsetzte. In den nördlichen röm Provinzen zeigte die Götterwelt eine Vermischung mit regionalen Gottheiten, die sich darstellerisch in der provinzialröm. Kunst weit von der mediterranen entfernte, siehe beispielhaft der Matronenkult. Röm Caesaren begannen seit dem II. Jh „barbarische“ Bärte zu tragen als Spuren der Kriege an Rhein und Donau oder im Vorderen Orient als weiterer grosser Kriegsschauplatz [Parallelen zur männl. Haarpflege der heutigen Zeit haben ähnliche Ursachen]. Viele Artefakte der Spätantike zeigen die bloße Übernahme, manche aber auch eine röm.-german. Synthese, prägend für einige Jahrhunderte. Im Osten blieb die Reichshälfte davon nicht unberührt, dort hatte das Röm. Reich bis 1453 Bestand. Und so haben sich die Oströmer, die Romäi, die erst in der Forschung „Byzantiner“ genannt wurden, auch immer betrachtet. Sie waren keineswegs Nachfolger, sondern sie waren die Römer, wenn auch hellenisiert. Die Kontinuität des röm. Kaisertums durch die oström. Herrscher war von den Zeitgenossen lange Zeit unangefochten.


Historischer Kontext FMA:

Ein Volk sollte aus den Wirren dieser Zeit zu den neuen Herren Europas aufsteigen, die Franken. Ursprünglich siedelten sie rechtsrheinisch, überschritten auf Plünderungszügen immer wieder den Rhein in die Germania Secunda, bis Teilen des Stammes ab Mitte des IV. Jhs nördl. der Straße Köln-Boulogne in „Toxandrien“ staatliches Siedelland überlassen wurde, das sie im Auftrag Roms im Reichsverbund zu verteidigen hatten.

Im Gegensatz zu Goten oder Vandalen, die auf ihren langen Wanderungen immer neue Räume des ehem. Reichsgebiets durchquerten, erneuerten Franken ihre Bündnisverträge und hielten ihre Siedelgebiete in den nördlichen Teilen Galliens und Niedergermaniens.4 Sie erweiterten ihr Gebiet erst mit dem Verfall der weström. Reichsregierung. Köln und Mainz wurden von fränk. Teilstämmen im V. Jh erobert. Unter Chlodwig begann zum Ende des Jhs die Phase der fränk. Expansion mit Unterwerfung der röm. Rest-Reiche des Syargius und Arbogast in Gallien. Diese Gebiete besaßen eine hohe Urbanität und gute Infrastruktur, auch wenn die Wirtschaft durch Wegfall des Hauptabnehmers, der röm. Armee, schrumpfte. Viele Städte wurden durch steinerne Mauern geschützt, wobei nach der fränk. Eroberung eine Verkleinerung und ein Rückfall in rustikale Siedlungs- und Wirtschaftsformen zu beobachten war. Die linksrheinische gallo-römische Stadtkultur aber blieb der rechtsrhein. Stadtentwicklung um Jahrhunderte voraus, u.a. ein Grund für die verfeinerte Kultur im Westen, deren Bewegung innerhalb des Frankenreichs von Süd nach Nord vonstatten ging und später dem rechtsrhein. Raum immer neue Impulse gab. Denn die antike Kultur war in erster Linie eine Stadtkultur und Anregung für die mittelalterliche Urbanität. Die Städte Galliens waren Heimstatt für Sklaven, eine proletarische Unterschicht, Handwerker, Kaufleute und für die alteingesessene Senatorenschicht, die nunmehr durch die neuen fränk. Herren entmachtet, weniger in der Politik, sondern in der röm.-kathol. Kirche hohe Ämter besetzte. Das Christentum war mittlerweile im Röm. Reich Staatsreligion, hatte auch nach der german. Eroberung Bestand und kann als „Stadtreligion“ bezeichnet werden mit für den Gottesdienst umgewandelten Basiliken. Die festen Strukturen der Bistümer belebten den Handel und um sie kristallisierten sich neue Marktplätze. Die Kirche behielt die Hierarchie der einstigen röm. Verwaltung bei und in dieser „röm. Sphäre“ fand das alte unpersonale Recht der „res publica“ im Kirchenrecht seine Fortführung.

Demgegenüber war die fränkische Herrschaft, die vornehmlich den ländlichen Raum erfasste, durch Treueschwüre auf Personen gekennzeichnet. Hier waltete ein personales Recht mit persönlichen Verpflichtungen in den Familien-, Sippen- oder Gefolgschaftsverbänden, den traditionellen Stützen der german Gesellschaft.5 Auch der alte Glauben hielt sich dort länger, die Kirche fasste dort kaum Fuß. Zukünftige Rechtssysteme sollten eine Synthese aus röm.- und german. Anteilen bilden. Die neuen fränk. Herren übernahmen das röm. Steuer- und Münzwesen und schafften auch die Sklaverei, den Motor der antiken Wirtschaft, nicht ab. Ganz im Gegenteil, die Ausbeutung von Unfreien sollte die neuen german.-röm. Gesellschaften für viele Jahrhunderte prägen, allerdings in Form des germanischen „Hörigen“-Systems.

V.-VIII. Jh



Provinzialrömische Stadt nach Hunnenüberfall („TW Attila“)



Gürtel der Merowingerzeit (MWZ)

Fibelreplikate V.-VII. Jh



eis = Eisen, me = Messing, bz = Bronze, vm = Vermessingt, vs = Versilbert

FO = Fundort, AO = Aufbewahrungsort


In den Expansionsgebieten Galliens waren die Franken in der Unterzahl gegenüber der provinzialrömischen Bevölkerung. Der Übertritt der fränkischen Herren zum röm.-katholischen Christentum um 500 war ein Meilenstein für den weiteren Verlauf des Mittelalters. Der verordnete Glaubenswechsel betraf zunächst nur die Oberschicht und den engeren Bereich um Chlodwig. Es sollte noch Generationen dauern, bis alle Franken zum kathol. Christentum übertraten. Die letzten Heiden im Raum Lüttich wurden erst um 730 getauft. Aber es galten die german. Franken nun nicht mehr als fremde Barbaren in Gallien und es konnte eine Völkermischung statt finden, die woanders lange Zeit unmöglich war, vielfach auch per Gesetz verboten wurde. Denn West-und Ostgoten waren Anhänger des christl.-arianischen Glaubens, der im röm. Ostreich stark ausgeprägt war und standen nach der Wanderung in westliche Gefilde in Opposition zu ihrer eigenen unterjochten röm.-kathol. Bevölkerung (Unterschied der beiden Glaubensrichtungen lag in der Deutung der Dreifaltigkeit und Person Christi zu Gott als wesensgleich oder -ähnlich). Die Westgoten folgten den fränk. Beispiel 589 und auch die Langobarden in Italien sollten im VII. Jh so verfahren. In beiden Fällen führte das zu einem Verfall der eigenen german. Kultur und zu einer spätröm. Kulturblüte.

Ostrom (Konstantinopel / Byzanz) gelang es die germanischen Elemente aus den eigenen Machtstrukturen heraus zu halten und beeinflußte die frühen barbarischen Königreiche im Westen, nicht zuletzt durch die erfolgreichen Feldzüge Justinians gegen Vandalen und Goten. Es konnte nach 476 kein erklärtes Ziel westlicher germanischer Heerführer sein den Kaisertitel zu übernehmen, denn der war durch den oström. Kaiser besetzt. Vor Karl dem Großen erklärte sich kein Germane zum Kaiser! Germanen war die militärische Rangfolge wichtiger als ein anfechtbarer Kaisertitel, nur zu oft hatten sie erlebt, wie schwach diese Position durch immer neue Usurpatoren war. Die Oberhoheit des östlichen Kaisertums blieb unangetastet und hatte vor allem im Osten enorme Wirkung auf Slawen und die frühen Rus-Reiche. Auch im Westen erhofften sich die neuen fränk. Herrscher Anerkennung und Legitimation vom oströmischen Kaiser, dessen Traum von einer Wiedererrichtung des römischen Reichs nach den beachtlichen Erfolgen in Italien letztendlich aber scheiterte, Gebiete dort und in Nordafrika allerdings eine Weile halten konnte. Im Zuge dieser Anlehnung, durch diplomatische Geschenke aus Konstantinopel und die fränk. Teilnahme an Kriegen in Italien kamen, auch über Langobarden und Baiuwaren, byzantinische Modesitten in den Westen („imitatio imperii), erkennbar bsplw. an der Übernahme der Scheibenfibel in Ablösung der Mehrfibeltracht in der Frauenmode Wende VI./VII. Jh, uvam.






Chlodwig erweiterte seine Machtsphäre nicht nur auf ehem. reichsröm. Boden, sondern ging auch aggressiv gegen seine Stammesgenossen vor und beseitigte ein Kleinkönigtum nach dem anderen. Die Franken sollten sich in den folgenden Jahrhunderten weiterhin extrem aggressiv gegenüber ihren Nachbarn gebaren und eiferten auch in diesem Punkt dem alten „gefrässigen römischen Raubtier“ der Antike nach. Dieser Expansionsdrang traf die einstigen Angstgegner der Römer, die Alamannen, welche weit in die heutige Schweiz, ins Elsaß und nach Norden entlang des Rheins bis ins heutige Hessen siedelnd vorgedrungen waren. In mehreren Feldzügen gerieten sie im Laufe des VI. Jhs unter die Abhängigkeit der Franken, auch wenn der Ostgote Theoderich zunächst versuchte dies zu verhindern. Ebenso mussten sich Burgunder und Westgoten den Franken nach mehreren Attacken unterwerfen. Die Westgoten hatten Anf. des V. Jhs in Aquitanien das erste autonome barbarische Königreich innerhalb des röm Territoriums gegründet. Im VI. und VII. Jh. drangen die Franken von Loire und Mosel über den Rhein bis an Weser, Werra und Elbe vor, als Angriff auf das ehem. arianisch-gotische Bündnissystem des Theoderich, dem u.a. auch die Thüringer angehörten, die, in eigene Thronwirren verwickelt, leichtsinnig die Franken zu Hilfe gerufen hatten. Die Franken kamen, unterwarfen und herrschten nun selbst. Der Verlauf des Vorstoßes läßt sich heute noch an den Ortsnamen ablesen, „Frankfurt“ als Mainübergang war von enormer strategischer Bedeutung und der Raum blieb bis ins hohe Mittelalter Krondomäne. Die Heerstraße folgte dem Kinzigtal nordostwärts Richtung Fulda, weiter über Hersfeld zur Werra. Auch die fränk. Besiedlungen entlang des Main flußaufwärts ins heutige „Frankenland“ zielte indirekt nach Norden ins Thüringerreich. In der Folge wurde ein fränk. Kulturraum bis nach Mitteldeutschland geschaffen, der die alte röm. Kulturgrenze am Rhein weit hinter sich ließ. Eine deutliche Abgrenzung gab es nach Osten und Norden in den Raum der Slawen, Friesen und Sachsen, die lange mit den Franken rangen. Häufige Auseinandersetzungen mit den Sachsen, Karls bekannte „Sachsenkriege“ waren nur der Schlußstrich, veranlassten die Franken ihre Vormarschwege entlang der Ruhr und von der Wetterau über Nordhessen (siehe „Christenberg“ oder „Frankenberg“ a.d. Eder) zur Weser strategisch zu sichern. Damit nicht genug, folgte bald die Unterwerfung der Baiuwaren, nachdem sich die Franken auch in die ital.-süddt. Belange eingemischt hatten.

Es entstand jedoch kein grosses „fränk.-merowingisches Reich“, wie es heutiges kartografisches Material veranschaulicht. Diese Reiche wurden nicht nach heutigem Verständnis über eine räumliche Ausdehnung definiert, sondern über die Personen und deren Stellung zum Herrscher, also über unterschiedliche Tribut-, Klientel- und Gefolgschaftsverhältnisse mit mehr oder weniger selbständigen Regionen unterschiedlichster Ethnien. So behielten die Stämme in der Regel ihre Herzöge auf fränk. Gnaden. Aufstände zeigten, wie fragil die personell „dünne“ fränk. Herrschaft eigentlich war, destabilisiert vor allem durch Rivalitäten und schlechte Erbteilung im königlich-merowingischen Herrschaftsgefüge. Als probate Mittel der Machtsicherung galten Bündnis- und Heiratspolitik, wie Besetzung strategisch wichtiger Punkte durch fränk. Herren (Gefolgschaftsführer), die sich bei Umritten von der alteingesessenen Bevölkerung und dessen Adel (sofern nicht geflohen) Treueeide schwören liessen.6 Nicht anders sollten zukünftige Herrscher des Mittelalters agieren. Macht basierte auf personalen Bezügen! Herrschernähe konnte hinzu eine mögliche Standeserhöhung mit sich bringen, also wurde sie bewußt gesucht. Mit dem Zerfall des röm. Staatsheeres ab Mitte des V. Jhs hielten sich die röm. Provinzkommandeure, ebenso die german. „Warlords“ oder die großen röm. Grundbesitzer ihre Privatsoldaten, die buccellarii, als Haustruppen und Leibwachen, die sie besoldeten und ausrüsteten. Zuzug erhielten jene durch junge Krieger, die sich bei fremden Herren gegen Sold oder Sachleistungen verdingten. Gefolgschaften waren seit der röm. Kaiserzeit archäologisch deutlich bei den rechtsrheinischen Germanen zu beobachten, obwohl diese Gesellschaftsform wohl erheblich weiter in die Vergangenheit zurückweist. Sie sollte für den Kern der Militärstrukturen in den nachfolgenden Jahrhunderten kennzeichnend werden und in den „Ministerialen“ des HMAs mit neuer Rechtsstellung und erweiterten Aufgabenbereichen weiter bestehen. Eine auf Eid basierende Gefolgschaft wurde zum Rückgrat der früh- und hochmittelalterlichen Gesellschaft, nicht nur in militärischen Belangen. Die Mitglieder waren durch regelmässige Zuwendungen, Donative, Privilegien und Stellung der Ausrüstung durch die Herren besser ausgerüstet, als freie Wehrbauern der Germanen zur röm. Kaiserzeit, die wohl die Masse des Heerbanns stellten [siehe dazu auch Anmerk. unten zu den Illerup-Funden mit einer mgl. erkennbar Hierarchie]. Gefolgschaften befanden sich nicht nur am Königshof, sondern auch bei Herzögen und Grafen, Bischöfen und grossen Grundbesitzern, wer auch immer sich eine Haustruppe (Gesinde, angelsächs.gesiths), durch Eid gebunden, leisten konnte. Das Gefolge erwartete Gegenleistungen. Die Führer/Herren waren zu Erfolg, Einkommen und mglw. Beute verdammt, um ihre Position zu halten. Nicht selten ließ sich der hohe Standard nur durch Expansion und kriegerische Aktionen halten. Das erklärt manche Kommandounternehmen der Südgermanen zwecks Beutegewinn auf röm. Territorium in der Spätantike, ebenso wie Plünderungen durch ihre Schiffe an den westeuropäischen Küsten (von den Römern generell als „Sachsen“ = Piraten bezeichnet), nach einem Muster, dem später die Wikinger folgen sollten. Auch die Reitervölker mit häufig wiederkehrende Einfällen aus dem Osten standen unter gleichen Zwängen, da deren gesellschaftlich-militärische Strukturen ähnlich aufgebaut waren. Für die Römer mussten diese Überfälle immer kriegerisch motiviert erscheinen, doch für barbarische Gesellschaften, die kein staatliches Gewaltmonopol kannten, waren Raubzüge von kleinen Gruppen probate Mittel, um Beute und Prestige zu gewinnen oder die Jugend im Umgang mit Waffen zu schulen. Dahinter standen keineswegs Kriegsabsichten ganzer Stämme, denn deren Anführer hatten auf diese „Waffenübungen“ oder das Fehdewesen oft nur wenig Einfluß.

Erst nachdem der Bauer zunehmend weniger zum Kriegsdienst verpflichtet wurde, begann sich in den folgenden Jahrhunderten die Dreiteilung in den Nähr-, Wehr- und Lehrstand auszubilden. Der hörige Bauer war Produzent und kein Krieger, nur im Notfall sollte er rekrutiert werden, wie bsplw in der Fuldaer Fehde 1265 oder bei Worringen 1288. Gefolgschaftsanhänger nahmen die militärische Sicherung und politisch-wirtschaftliche Kontrollaufgaben wahr und leisteten Zeugeneide bei wichtigen Vorgängen und Dokumenten. Zu ihrer finanziellen Absicherung erhielten sie Lehen. Die Geistlichkeit und Klöster wurden unverzichtbar in der Urbarmachung wirtschaftlicher Flächen, Herausbildung des Handwerks, Missionierung, Seelsorge oder Reichsadministration. Über allem thronten die Großgrundbesitzer, der Kern des hohen Adels, der sich in der Verwaltung des Reiches unentbehrlich machte und erbliche Herrschaftsverhältnisse aufrecht erhielt. Aus ihnen wurde ein Oberhaupt als König erkoren, in sakrale Sphären erhoben, ein- und wieder absetzbar. Zumindest schöpfte der Adel aus dieser Legitimation die Begründung mancher Revolte. Eigentum an Grund und Boden ist bis heute für unsere Kultur von entscheidender Bedeutung! Je grösser der Grund, desto mächtiger war das persönliche und das Klientel-Gefolge, denn es wuchs die militärische Schlagkraft, desto höher war die Anzahl der unfreien Hörigen, als Basis der wirtschaftlichen Macht und nicht zuletzt wuchs auch die Schar der Handwerker, die sich an den grossen Höfen sammelte, das brachte höhere Qualität von Ausrüstung und Repräsentationserzeugnissen mit sich. Die wirtschaftliche und rechtliche Stellung von Grund und Boden mag nicht weiter als notwendig vertieft werden, Verpachtung, Beleihung oder Verleihung ist obligatorisch. Problematisch sollte die Vererbbarkeit der Verleihung, die nicht immer schriftlich fixiert wurde, und der unvorhergesehene Eigentumswechsel werden, damit sind wir aber bereits im HMA beim Aufstieg der Ministerialität. In diesem Geflecht gegenseitiger Abhängigkeiten verläuft die Entwicklung der europäischen Gesellschaft bis zur Französischen Revolution und in Dtld bis zur Säkularisierung, Auflösung der Grundherrschaft und Bauernbefreiung, Vorgänge mit denen manche Forscher, bzgl. der sozialen Komponente, aus guten Gründen das Mittelalter um 1800 enden lassen. Die Aufklärung brachte hinzu die Säkularisierung des Geistes und verdrängte das Religiöse als bestimmende Kraft des öffentlichen Lebens [Bosl].

Unsere Quellen für das V.-VIII. Jh:

In den röm. Grenzprovinzen erfolgte bereits im Laufe des III. JhsAD eine allmähliche Ablösung der Brand- durch die Körperbestattung. Im freien Germanien, wie im Sachsenland, war diese Entwicklung mit einer zeitlichen Verzögerung erst ab der Wende IV./V. Jh zu beobachten. Durch röm Einfluß begann man die Körperbestattungen in Reihen vorzunehmen. In der Regel wird die großflächige Ausbreitung der Reihengräberfelder in Europa allerdings erst mit der Expansion der Franken im VI. Jh gleichgesetzt. Für fast zwei Jahrhunderte wurde ein grosser Teil West- und Mitteleuropas davon erfasst. Grabbeigaben waren auch nach Einführung des röm.-kathol. Christentums zunächst allgemein üblich, teilweise drückten christl. Heilszeichen auf Schmuck und Waffen den neuen Glauben aus, in einem Nebeneinander von Heidentum und Christentum, das für jene Epoche so kennzeichnend war. Die fränk. Kirche duldete Grabbeigaben und stellte Grabraub sogar unter Strafe.7 Auch wenn viele Gräber keine üppige Ausstattung zeigen, besitzen wir durch die Summe tausender von Reihengräberfeldern, manchmal mit mehreren hundert Belegungen, aus der Merowingerzeit von Goten, Franken, Alamannen, Baiuwaren, Thüringern, Langobarden, Burgundern, Herulern, uvam. eine Fülle von Alltagsgütern, Schmuck und Waffen. Sachsen und Friesen behielten längere Zeit Brandbestattungen bei und die Sitte der Körpergräber wurde nur teilweise übernommen.

Ab der 2. Hälfte des VII. Jhs bereitete das Christentum der Totenbeigabe allmählich ein Ende, doch blieb sie in manchen östlichen Gebieten zwischen Thüringen, Böhmerwald und Bayerischem Wald, vermutlich durch slawischen Einfluß, noch bis ins X. Jh hinein erhalten. Auch in den Randbereichen Europas, auf den Inseln, in Skandinavien und im Osten hatte die Beigabensitte noch lange Bestand. Im Rheinland hingegen ist zum Ende des VII. Jhs ein deutliches Nachlassen der Beigabensitte erkennbar, der westfälische Raum folgte bald nach. Als Nebeneffekt für die Zeitgenossen, wurde dem Grabraub, der oft in zeitlich kurzem Abstand zum Begräbnis erfolgte, mit der beigabenlosen Bestattung die Grundlage entzogen und den Hinterbliebenen standen mit dem Erbe mehr Sachgüter als vorher zur Verfügung. Im VII. Jh wurden viele Reihengräberfelder aufgelassen, da man dazu über ging Bestattungen bei den Ortskirchen vorzunehmen. Die Oberschicht hatte diesbzgl. Vorbildfunktion und schuf sich dafür unabhängige Kirchen (Eigenkirchen). Dezente Grabbeigaben waren auch in den nachfolgenden Jahrhunderten mit ausgewählten Objekten, wie Fibeln und Schmuck oder Kleidungsstücken, noch üblich, bsplw. Ring und Ringfibel von der Bestattung auf dem Hainfeld beim späteren Kloster Arnsburg/Lich, Anf. des XIII. Jhs. Aber es wurde natürlich keine vollständigen Totenausstattungen für das Jenseits mehr vorgenommen. Fibeln hatten hinzu immer einen Sonderstatus, da sich mit ihnen die Totenkleidung/Leichentücher zusammenhalten ließen, das heißt sie befanden sich in den Gräbern mglw. an Stellen des Körpers, wo sie zu Lebzeiten nicht getragen worden sind!!!

Bestattungssitten scheinen uns ein Spiegel von Jenseitsvorstellungen in der jeweiligen Kultur zu sein. Allerdings sind sie auch, in nicht unerheblichen Maß, ein Indiz für Bestattungsrituale der Hinterbliebenen, wobei sich in der Selektion der Beigaben nicht alleine die Wertschätzung gegenüber dem Verstorbenen äusserte, sondern auch das Gebaren, Auftreten vor der Gemeinde, durch bestimmte soziale, kulturelle und religiöse Verpflichtungen auferlegt. Mglw stammten die „Bei-Gaben“ gar nicht alle von dem Verstorbenen, sondern sie wurden als Anerkennung und Abschiedsgeschenk von einzelnen Hinterbliebenen der Familie/Sippe während der Trauerfeierlichkeiten ins Grab gelegt. So häuften sich mit gehobener sozialen Stellung automatisch mehr Beigaben an! In diesem Kontext stehen wohl auch miniaturisierte Gegenstände als pars-pro-toto, wie Toilettenbestecke in sächs Männergräbern, die nicht mit dem Trachtzubehör verbrannt, sondern als Miniaturausführungen beigelegt wurden. Wir müssen also eine Sondersituation erkennen, die nur bedingt den Alltag des Verstorbenen wiedergibt. Beigaben sind nicht der Spiegel einstigen Lebens, denn der Bestattete hatte ja nur geringe oder überhaupt keine Entscheidungsfreiheit darüber, was ihn „auf der Jenseitsreise“ begleiten sollte. Eigene körpernahe Gegenstände stammten vermutlich aus seinem Besitz, wenn sie deutliche Abnutzungsspuren des täglichen Gebrauchs zeigten.8 Aber dies ist nicht zwangsläufig so. Grabbeigaben dokumentieren die getroffene Auswahl der Hinterbliebenen !!! Unsere Schlußfolgerungen zum Leben und Alltag des Verstorbenen bleiben höchst spekulativ und können nur bedingt durch Beigaben ermittelt werden. Den sozialen Eliten wurde standesgemässe Kleidung mitgegeben, während es aber bei der Masse wohl keine spezielle Totentracht gab.

Zu beachten gilt, daß wir nur selten vollständig erhaltene Grabensembles bergen und auch nur selten komplette Gräberfelder erfassen können, beides hat Ausschnittcharakter. Oft sind Gräber durch Grabraub gestört, durch Bagger oder Pflüge angeschnitten und zerstört, oft unsachgemäss geborgen worden oder stammen aus vorwissenschaftlichen Altgrabungen.9 Vor allem wichtige Kleinfunde, wie Nieten, Haften, Verbinder, Beschläge, uvam. wurden früher übersehen oder als unwichtig erachtet. Das heißt, wenn z.B. eine Schnalle ohne Blech hier erwähnt wird, kann sie durchaus Nieten oder eine Hafte gehabt haben und war damit nicht automatisch an den Trägerstoff (Leder oder Stoff) angenäht.







In den letzten Jahrzehnten brachten auch Siedlungsgrabungen aufschlußreiche Funde ans Tageslicht. Die german. Siedelweise nutzte günstige Ackerböden, Wassernähe oder Verkehrswege in kleineren Siedelstellen und umzäunten Gehöftansammlungen. Selbst grössere Siedlungen beherbergten oft nicht mehr als ein Dutzend Familien mit ihren Nutztieren, in erster Linie Rinder, auch Schafe und Ziegen,10 oder Schweine, seltener Geflügel. Wildtierknochen fanden sich nur an den „Fürstenhöfen“. In Lauchheim war in VI.-VII. Jh zu beobachten, daß die Rinderzucht, die noch zu röm. Zeiten bedeutend war, zurückging. Hinzu nahm die Größe der Tiere ab!11 Für die Erstellung von Ledergürteln sind solche Informationen interessant. Rinderhäute ergeben in der Regel, auch bei weniger großen Tieren, immer dicke Riemen, aber kleine Tierarten bedeuten dünnere Häute und kürzere Riemen. Die Germanen werden während ihrer Wanderbewegungen nur wenig Großvieh mit sich getrieben haben und wenn, waren es die notwendigen Zugtiere. Kleinere Tiersorten, die weniger Nahrung benötigten, waren in dieser Zeit wahrscheinlicher, so daß bei den Neuansiedlungen auf fremden Boden die Tierzucht vollkommen neu aufgebaut werden musste, zumal manche Generationen durch die jahrzehntelangen Wanderungen von jeglicher Landwirtschaft entwöhnt waren, wie es für die Goten quellenmässig bezeugt ist. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, daß manche Ledergürtel im FMA dünner waren, als heutzutage, da nicht nur Rind, sondern auch Ziege und Schaf für Gürtel in Betracht gezogen werden müssen, mglw. auch Esel und Pferd? Denn die „gesteppten“, bzw mehrlagigen Gürtel machen nur bei dünnerem Leder Sinn, siehe die Gürtelfunde mit zusammen genähten Lederstreifen, die textile Zwirne in Tunnelzügen aufweisen, dem Gürtel Stabilität verleihend, wie im Grab 34 von Bruckmühl/Kr. Rosenheim oder vermutlich auch im Klerikergrab 8 unter St. Ulrich und Afra in Augsburg. Für die Kleidung wurden alle möglichen Ledersorten verwendet. Der Tote im „Sängergrab“ von St. Severin in Köln trug über der Leinen- und Wollkleidung ein Wams aus Ziegenleder. Fingerbreite Riemen aus Schafleder umschnürten kreuzartig die Wadenbinden. Die Schuhe waren aus Rindsleder, die Fingerhandschuhe bestanden aus Wildleder mit Stulpen aus Rindsleder.

Desweiteren bringen Siedlungsgrabungen wichtige Erkenntnisse bzgl der Buntmetallverarbeitung. Sie läßt sich an vielen Fundplätzen nachweisen, vor allem Werkabfälle und Depots von importiertem Material aus der röm Sphäre ins freie Germanien. Funde an der Nordseeküste bei Westerhammrich, Kr. Leer oder auf der Wurt „Hogenkamp“ südlich von Elsfleth in der Wesermarsch mit vielen röm Kleinmünzen aus Kupfer und Messing, manche mit Zerteilungsspuren, verdeutlichen die Seeverbindung zum Röm Reich, die entweder friedlich (Handel, Tribut) oder kriegerisch (Beute) genutzt wurde. Konzentrationen fanden sich entlang des westfälischen Hellwegs in der unmittelbaren Kontaktzone zum Rhein, so in Kamen-Westick, im FMA ab dem VIII. Jh in Soest auf dem Plettenberg, ab dem IX. Jh in Schwerte-Kückshausen nahe der Hohensyburg und im Stadtbereich Dortmund am Adlerturm. Auch in Süddtld, so in Eggolsheim bei Forchheim ist die Buntmetallverarbeitung vom IV.-IX. Jh gut zu dokumentieren. Durch beständigen Technologietransfer schulten Germanen ihre Fähigkeiten in der Buntmetallverarbeitung, wobei die Grundlagen des Bronzegusses schon seit vielen Generationen bekannt waren, ebenso galten sie in der Verarbeitung von Eisen als versiert und Verhüttungsplätze sind bekannt, die eng gebunden waren an den unverzichtbaren Energieträger Holz, eines der Grundmaterialien, dessen Umgang Germanen meisterlich beherrschten.12 Holz klärt hinzu die Standortfrage der Eisenproduktion. Erst im SMA waren auch Wasserläufe zum Antrieb der Hämmer wichtig. Wie sieht es jedoch mit den Metall-Rohstoffen aus? Im Gegensatz zu den Kelten ist bei den Germanen zu römischen Zeiten momentan nur wenig eigenständiger Bergbau nach Silber, Kupfer, zinn- oder zinkhaltigen Erzen nachweisbar, wie die Blei-Silber-Gewinnung aus Oberharzer Erzen im III. JhAD, wenig später setzte auch die Kupfergewinnung aus Rammelsberger Erzen ein und bereits in der frühen röm Kaiserzeit das Schürfen nach Bleierzen im nördl Sauerland. Blei wurde als Fluß- und Lotmittel in der Buntmetallproduktion benötigt. In der vorangegangenen Urnenfelder-, bzw. Bronzezeit wurde umfangreicher Bergbau in den Alpen (Mitterberg, Hallstatt oder Hallein-Dürnberg) von den Kelten und deren Vorfahren betrieben, für den böhmischen Raum ist dies wahrscheinlich, für den Harz möglich. Auch in der vorröm Eisenzeit betrieben Kelten im Siegerland Buntmetallbergbau und Eisenverhüttungen. Kupferbarren wurden über grosse Entfernungen verhandelt. In den nachchristl. Jhen forcierten vor allem die Römer einen intensiven Bergbau, bzw ließen unterjochte Völker nach Erzen schürfen oder forderten Tribute in Form von Rohstoffen. Tacitus verdeutlichte es für Britannien: metalla pretium victoriaeBodenschätze als Preis des Sieges. In Germanien waren das weniger Edelmetalle, als Blei-, Zink-, Kupfervorkommen. Sie wurden abgebaut in der Nordeifel im Mechernicher Bleierzbezirk, im Aachen-Stolberger Raum, vor allem am Schlangenberg bei Stolberg-Breinigerberg, das Kupfererzbergwerk Virneberg bei Rheinbreitbach wurde noch in der 1. Hälfte des IV. JhAD ausgebeutet, dann brachen die Tätigkeiten ab und wurden erst wieder im IX. Jh aufgenommen. Auch östlich des Rheins im Siebengebirge bei Königswinter-Oberpleis auf dem Grubengelände Altglück und im Berg. Land bei Rösrath auf dem Lüderich, in der Nähe zum Legionslager in Bonn, ebenso in Overath-Schalken (Berg. Gladbach) in der 1. Hälfte des II. JhAD ist Kupfererzbergbau nachweislich von den Römern betrieben worden. Römische Messing- und Bronzeprodukte waren bei den Germanen von hohem Begehr. Sie wurden über Jahrhunderte durch Handel oder Plünderungen erworben und als Recyclingmaterial eingeschmolzen. Auch wenn das Schürfen nach Erz für manche Zeitabschnitte bisher kaum nachweisbar ist, das Einschmelzen röm. Artefakte ist sicher, wie Depots, z.B. bei Klenjena im Burgenlandkreis, das verdeutlichen. Römisches Kleingeld aus Messinglegierungen war in einer Zeit des Tauschhandels als Zahlungsmittel östlich des Rheins wenig interessant, aber es eignete sich hervorragend zur Gestaltung neuer Objekte. Es wird diskutiert, ob mangelnder Zugriff auf Rohstoffe/Buntmetallerze im FMA erklären könnte, wie es zur Modesitte der schweren Eisengürtelgarnituren ab Ende des VI. Jhs kam? Auf der anderen Seite kamen zeitgleich Bronzeschnallen und -fibeln der Frauen in die Gräber, also waren die Quellen keineswegs versiegt. Zur Zierde wurde bei den Eisenschnallen und -beschlägen nicht selten tauschiertes Silber und Messing (äußerlich goldähnlich) verwendet, beides war damals wertvoll, demnach wäre die Kupfer-/Zinnzufuhr für Bronze sicher, bloß Zink/Galmei für Messing scheint knapp und kostbar gewesen zu sein, so daß letzteres nur durch Einschmelzen von röm Altmaterial erlangt werden konnte. Erst ab karolingischen Zeiten sollte sich das mit einer neuen Messingproduktion ändern. Siehe auch unten Exkurs 5: Bronze oder Messing.

Die dörflichen Gemeinschaften waren seßhafte Selbstproduzenten, in vielen Dingen autark, abhängig natürlich von Aussaat und Ernte. Was das Dorf nicht selbst erstellte wurde mglw. durch Wanderhandwerker ergänzt. So sind verschiedene Textil-, Holz-, Horn-, Knochen-, und Lederarbeiten, sowie die Eisenproduktion selbstverständlich. Der Buntmetallguß ist manchmal nachweisbar. Tauschhandel war über lange Zeit Basis des Güter-Austauschs, vor allem für Luxusgüter. Erst mit der Verstädterung des HMAs wurden spezielle Gewerke vonnöten, da der Bürger nicht mehr selbst produzieren konnte, was er zum Leben benötigte. Das brachte neue wirtschaftliche Verhältnisse/Abhängigkeiten und u.a. einen grösser werdenden Münzhandel hervor.

Die Datierungen folgen in der Regel der Chronologie von Ament mit älterer und jüngerer Merowingerzeit (MWZ) zwischen 450 und 720. Ältere MWZ (spätes V. bis Ende VI. Jh) in der beim Adel cloisonnierte (mit Almandin- und Glasfluß gefülltes Zellwerk) und die jüngere MWZ (VII. Jh bis Anf. VIII. Jh) in der tauschierte Objekte, filigrane Verzierungen und die Preßblechtechnik in Mode waren. FO = Fundort, AO = Aufbewahrungsort.








Rekonstruktionen nach Frauen- und Männerausstattungen V.-VII. Jh


V

-

VI

Frau/Mann






Spätrömische „Bogenschnalle“ aus dem IV. Jh. Diese Formen streuen in den nachfolgenden Jhn durch ganz Europa von Gallien und Norditalien bis nach Osteuropa, wie in Chalons, Krefeld-Gellep, Bonn, Andernach, Asparn, Cividale und weitere langobardische Ausführungen noch bis ins VII. Jh, teilweise aus Bronze oder Eisen.

Im XV. Jh werden „hohe“ Bogenschnallen mit weitem Durchlaß wieder aufgenommen und vor allem bei den Houppelande-Gürteln beliebt. Somit haben wir einen schönen „Bogenschlag“ vom Anfang bis zum Ende unseres Betrachtungszeitraums.




V-VI_010_bz

30 mm Riemen (braun/natur/rot)

Zungen hierzu sind nicht nachweisbar.

[auf dem Bild Blech noch nicht vernietet]

montiert 59,00 EUR




V

-

VI

Frau/Mann


Schnallentyp mit Kolbendorn in Frauengräbern in München-Aubing mit geripptem Schnallenbügel, dort allerdings Dorn einfacher, bzw. in Grab 253 verloren. Ähnliche Funde aus Eisen im Männergrab in München-Unterhaching.




V-VI_020_bz

30 mm Riemen (braun/natur/rot)

Befestigung mit drei strichverzierten Nieten,

Zungen hierzu sind nicht nachweisbar.

- nicht mehr lieferbar -










VI

-

VII







Frau

Die Befestigung durch drei Nieten mit diesem Schnallentyp fand sich z.B. in Dillingen in Frauengräbern, datiert zw. 545-570.



VI-VII_030_bz

30 mm Riemen (braun/natur/rot)

Befestigung mit drei strichverzierten Nieten,

Zungen hierzu sind nicht nachweisbar.

montiert 79,00 EUR



...mögliche Tragweise, natürlich ohne spätmittelalterliche „Schlaufung“, die Länge ist hypothetisch, vermutlich waren die Riemen erheblich kürzer. Sie wiesen in der Regel keine Zungen auf, so daß die Länge nicht nach der Fundlage im Grab bestimmt werden kann.






VI

-

VII







Frau/Mann





Dieser Schnallentyp mit Schilddorn und Schilddorn-Haften befand sich z.B. im Frauengrab in Okarben/Wetterau Grab 10 und Männergrab in Okarben Grab 15 mit zwei Haften, beide vor 550. In Dillingen fand er sich sowohl in Männer-, als auch in Frauengräbern in der frühen Form zw. 525-545 mit kolbenförmigen Dorn und mit Schilddorn in der 2. Hälfte VI. Jh. vor 590. Haften als Befestigung haben sich in diesen Fällen nicht erhalten. Ähnliche Funde auch vom Gräberfeld in München-Aubing.




VI-VII_035_bz

30 mm Riemen (braun/natur/rot)

Befestigung mit Hafte,

Zungen hierzu sind nicht nachweisbar.

montiert 85,00 EUR






VI

-

VII







Frau/Mann





Der Verbreitungsschwerpunkt der Schild- und Kolbendornschnallen liegt angeblich von Nordfrankreich, Niederrhein, Westfalen, in den Mainraum bis südl. der Donau. Sie bestanden überwiegend aus Bronze, in seltenen Fällen aus Silber. Funde aus Bronze in Krefeld-Gellep oder im Museum Ulm, aus Silber in Wünnenberg-Fürstenberg mit drei Haften [nicht aus Weissmetall, wie manchmal behauptet wird, denn der Bestattete war von hohem Rang mit reichen Beifunden wie eine Ringknaufspatha]



VI-VII_035_bz

30 mm Riemen (Grubengerbung natur)

Befestigung mit Hafte,

Zungen hierzu sind nicht nachweisbar.

montiert 90,00 EUR








VI

-

VII









Frau/Mann







Eckige Schnallentypen mit festem Beschlag waren recht häufig. Ein ähnlicher rechteckiger Typ mit festem Beschlag, aber schlichter, fand sich z.B. in Wölfersheim/Wetterau aus dem VI. Jh, Befestigung, wie bei unserer Ausführung, mit drei Ösen, fragmentiert in Nieder-Ingelheim, Frauengrab 1. Ähnliche Funde auch von Krefeld-Gellep, Kumpfmühl bei Regensburg oder Feldmoching, absolut identische langobard. Funde im Museum Cividale de Friaul_AO.



VI-VII_039_bz

20 mm Riemen (braun/natur/rot)

Stegösen auf der Unterseite und Befestigung mit

Holzstiften oder Lederschnüren, wie in Pleidelsheim.

Zungen hierzu sind nicht nachweisbar.

montiert 45,00 EUR






Ende

VI

-

VII





Frau/Mann

Angeregt durch die schweren grossen Gürtelensembles der Männer im VII. Jh (s.u.) begannen auch Frauen in der jüngeren MWZ im Westen aufwändigere Gürtelgarnituren zu tragen. Nur in den alamannischen Gebieten östlich des Schwarzwaldes und bei den Baiuwaren hielten sich die schmalen Gürtel mit einfachen Schnallen, wie obige Typen.



VII_040_bz im Tierstil II

30 mm Riemen (braun/natur/rot)

Befestigung durch Flachnieten,

Zungen hierzu sind manchmal nachweisbar.

montiert 95,00 EUR








Wir setzen quasi voraus, daß die Gesellschaft des FMAs auf gewaltsamen Erwerb und Erhalt von Gütern und Rechten, Vermehrung von Einfluß und Besitz mit Waffengewalt ausgerichtet war. Deshalb werden von uns Waffen als unverzichtbarer Bestandteil des Lebens in räumlich weit voneinander getrennten Siedelstellen angesehen. Doch in der überwiegend bäuerlich ausgerichteten Lebensweise war der Kriegsdienst ein Ausnahmefall, nachdem die Wanderbewegung abgeschlossen und der Boden neu verteilt war. Eine Waffenbeigabe in den Gräbern ist keineswegs selbstverständlich und in manchen Gegenden sogar vollkommen unüblich, wie bei den Brandbestattungen der Sachsen bis zum V. Jh oder der Wielbark-Kultur, die nach alter Lehrmeinung den Goten zuzurechnen ist.13 Auch die Goten auf röm. Reichsboden in Gallien, Italien oder Spanien gingen der Waffenbeigabe in der Regel nicht nach, genauso wenig wie es die Römer gehandhabt hatten. Während Franken, Alamannen, Baiuwaren oder Thüringer der Sitte eher anhingen. Nur wenige Bestattete wurden mit einer vollen Waffenausrüstung und Schwert begraben, worin sich der Adelige oder der Freie erkennen läßt, der umgeben war von seinen Gefolgschaftsleuten und den Halb- oder Unfreien. Einfache Gräber enthalten eher Gebrauchsgegenstände, wie Messer, zuweilen eine Lanzenspitze oder eine Saxklinge, meist aber keine Waffen.

Ein Männergrab wird eher durch bestimmte Nutzgegenstände, Feuerstahl, Messer, Wetzstein, Rasiermesser, Kämme, Metallfragmente oder Gürtelteile, bei ungestörtem Befund eines Körpergrabes meist im Taillenbereich, charakterisiert, nicht unbedingt durch eine Waffenbeigabe. Einige wenige Gräber enthielten Lanzen- oder Speerspitzen, Äxte (oft spezielle Streitäxte und keine Holzspaltwerkzeuge), in einem begrenzten Zeitraum einschneidige Hiebmesser (Saxe), selten Pfeilspitzen oder Schildbuckel und ziemlich selten zweischneidige Schwerter (Spathen) oder Zaumzeug mit Reitausrüstung (Sporen, Steigbügel, etc), die immer Kennzeichnen von Fürsten und Gefolgschaftsführern waren.14 Helmfunde sind, nach Wegfall der in Massen produzierenden röm. fabricae im Westen, in Gräbern grundsätzlich äusserst selten, beschränken sich auf die Eliten, da sie als wertvoller Teil der Ausrüstung galten und tauchen deshalb, wie manch kostbare Waffen, Schwerter oder verzierte Lanzenspitzen zuweilen auch als „Opfer-/Gewässerfunde“ auf. Die hier aufgezeigte Reihenfolge wird in der Regel als Ausdruck einer sozialen Hierarchie in Kombination mit unterschiedlich wertigen Metallen verstanden. Manchmal sind Kombinationen der Waffentypen für eine chronologische Abfolge von Belang. Dabei wird deutlich, daß sich die Waffentechnik mit jeder zweiten, spätestens der dritten Generation änderte, ein Hinweis auf neue Militärtaktiken! Neben der großen Masse der beigabenarmen Gräber, damit leider auch oft geschlechtsneutralen Bestattungen, werden wir auch bei den Frauengräbern an der Wertigkeit und Häufigkeit der beigegebenen Metalle für Fibeln, Gürtel, Gürtelgehänge oder die zeitlich begrenzten und seltenen Wadenriemengarnituren der jüngeren MWZ eine vertikale soziale Hierarchie erkennen können. Auch hier halten sich Schmuckformen selten länger als zwei Generationen. Die Grabausstattungen sind also Modesitten unterworfen, wobei die sozialen Eliten in diesen Belangen voranschreiten.

Nach wissenschaftlichen Veröffentlichungen mit Befunden (Fundsituation), Auflistung der Funde und zeichnerische Abbildung im Katalogteil beschränken sich auch viele Frauengräber auf nur wenige Beigaben, meist Keramik, Kämme aus Bein, Spinnwirtel, hin und wieder Schmuck, wie Perlen, Nadeln oder Fibeln, manchmal nur einfache Ringe, Eisen- oder Buntmetallfragmente, deren Nutzen oft unbestimmt bleibt. An Schnallen der älteren MWZ bis zur Mitte des VI. Jhs finden sich bei Mann und Frau lediglich einfache Typen aus Eisen oder Bronze (s.o.) ohne Beschlagbleche, mit Haften befestigt. Mit Beginn des VII. Jhs, in der jüngeren MWZ, haben wir meist nur bei den waffentragenden Männern teilweise recht aufwändige Gürtelgarnituren, wobei für Spathen oft zusätzliche Riemen, auch als Schulterriemen, nach röm. Sitte, verwendet wurden. In der 2. Hälfte des VII. Jhs nahmen die Beigaben regional unterschiedlich deutlich ab, als Zeichen veränderter Bestattungssitten. In unseren Populärpublikationen werden allerdings meist beigabenreiche Frauengräber mit Edelmetallschmuck, wie Ohr- und Fingerringe oder Armreifen, Taschen, Ketten, Amulettkapseln, Wadenriemen und die waffenstrotzenden Männergräber exemplarisch herangezogen, der Rest ist auch ziemlich langweilig und würde niemand in eine Ausstellung ziehen oder eine dieser Publikationen erwerben lassen. Es wird nur in wenigen Museen eine grössere Bandbreite gezeigt. Wir sollten uns aber immer die Besonderheit dieser besprochenen Gräber vergegenwärtigen. Sie sind nicht typisch für die breite Masse der frühmittelalterlichen Gesellschaft, sondern oft nur für deren soziale Spitze und die unmittelbar Untergebenen!



Die Männergürtelmode des V. Jhs war noch lange Zeit von der römischen Militärausrüstung mit breiten Gürteln, breiten Zierstreckern, Riemenschieber und Zungen dominiert. Durch die Riemenschieber wurden die Zungen zur Seite geführt. In der 2. Hälfte des V. Jhs, bzw. in der Wende zum VI. Jh finden sich einfachere auf reine Schnallen „reduzierte“ Exemplare, manchmal mit Tierkopfschnallen, oft simplen Eisenschnallen oder bronzenen Varianten mit Kolben- oder Schilddorn, s.o. Durch die Reduzierung auf die Schnalle ist es schwer eine Aussage über die Gürtelbreite zu treffen, wenn das Leder vergangen ist, und ohne Riemenzunge und Fundsituation (Befund), also Lage im Grab, ist auch die Länge nicht zu bestimmen. Ab Ende des VI. Jhs wurden die Gürtel aufwändiger mit Schnallen-, Gegen- und manchmal Rückenbeschlag und teilweise kleinen Riemendurchzügen beschlagen. Die Durchzüge aus Eisen oder oft Bronze (wie teilweise in den Männergräbern 16, 29, 34, 37, 38, 42b, 122 u 127 von Ober-Ingelheim) konnten als Saxhalterungen dienen. Manchmal sind sie auch nur der Hinweis auf die Waffe, wenn das Grab gestört wurde und der Sax fehlt.

Rekonstruktionen gehobener Männerausstattungen Ende VI. bis ca. Mitte VII. Jh




Ende

VI

-

Mitte

VII







Diese eher schlichte Form fand sich ähnlich z.B. in Leihgestern IV/Wetterau um 600.



VII_050_vs

35 mm Riemen (braun/natur/rot)

mit Rücken- und Gegenbeschlag,

Zunge angefügt, aber nicht immer nachweisbar,

Befestigung mit „Scheinnieten“, wie häufig belegt

montiert 79,00 EUR



VII_055_vm

35 mm Riemen (braun/natur/rot)

mit Rücken- und Gegenbeschlag,

Zunge angefügt, aber nicht immer nachweisbar,

montiert 79,00 EUR




Ende

VI

-

Mitte

VII

Merowinger / Sachsen / Falen / Alamannen / Baiuwaren

Beckum, fränkisch-sächsisch-fälisch um 600

Falls keine Eisengarnituren vorliegen, finden sich auch schlichte Bz-Formen ohne Ziermuster und unterscheiden sich geringfügig in der Form der Beschlagplatten, in der Bügelzier oder verwendeten Befestigungsnieten.



VII_060_bz

25 mm Riemen (braun/natur/rot)

Befestigung durch strichverzierte Nieten

und Gegenbeschlag ohne Rückenbeschlag,

eine Zunge hierzu ist nicht nachweisbar.

montiert 129,00 EUR







...ähnlich schlichte Riemendurchzüge u.a. für den Sax sind z.B. aus Beckum, um 600 datiert oder aus Stetten, Ende VII. Jh, bekannt.



VII_60_bz mit Riemendurchzügen Typ 1 optional



VII_70_bz mit Riemendurchzügen Typ 2 optional






Ende

VI

-

Mitte

VII





Schmale trianguläre Gürtelbeschläge aus Bronze gegossen, oft mit diversen Punzmustern versehen, mit Gegen- und Rückenbeschlag haben ein Verbreitungsgebiet von Nordfrankreich (m. kreuzstrichverzierter Niete z.B. in Trouans) über den Rhein-Main Raum bis nach Süddeutschland vom späten VI. bis in die erste Hälfte VII. Jh.



VII_070_bz

30 mm Riemen (braun/natur/rot)

Befestigung durch strichverzierte Nieten,

mit Gegen- und Rückenbeschlag,

eine Zunge hierzu ist nicht nachweisbar.

montiert 139,00 EUR




VI

-

VII



Tragweise mit Überfang, s.u. oder doppeltem Dornstich...

und Rückenbeschlag




4

Mitte

VII



Diese grossen schweren Gürtelgarnituren des VII. Jhs wurden vornehmlich aus Eisen mit Tauschierungen gearbeitet, einige Formen fanden sich auch aus Bronze mit aufwändigem Ziermuster und Gegen-, bzw Rückenbeschlag mit einem Verbreitungsgebiet von Nordfrankreich über den Rhein-Main Raum bis nach Süddeutschland.

Rückenbeschlag zu VII_080_bz



VII_080_bz

45 mm Riemen (braun/natur/rot)

Befestigung durch Buckelkopfnieten,

mit Gegen- und Rückenbeschlag,

eine Zunge hierzu ist nicht nachweisbar.

montiert 179,00 EUR



In der 2. Hälfte des VII. Jhs wurden im heutigen östlichen Süddtld, angeregt durch Reitervölker, wie die Awaren oder durch langobardischen Einfluß, mehrteilige Gürtelkombinationen genutzt. Sie hatten eine Anzahl angenieteter Nebenriemen mit Zungen, an denen wohl Teile der Schutzbewaffnung, Bogenköcher und weitere Ausrüstung angeschnallt/angelascht wurden, für Reiter im Sattel ausserordentlich praktisch. Später übernahmen bei Reitervölkern die zahlreichen Durchzüge die gleiche Funktion, wenn sich der Riemen am zu tragenden Objekt und nicht mehr am Gürtel befand. Breite Formen der Riemenschieber, wie in Hochemmerich oder vom Runden Berg in Urach, führten den Hauptriemen und weisen darauf hin, daß die Gürtelenden nicht unbedingt lang herabhingen. Schmale Schieber wurden an Sporenriemen verwendet. Riemenschieber lassen sich ebenfalls in Wikingergräbern (Birka, Rimsby) nachweisen und finden sich im gesamten mittelalterlichen Fundgut. Zum VIII. Jh hin wurden die Gürtel deutlich schlichter, wie ein reduziertes Derivat der vielteiligen Garnituren, teilweise nur noch mit einer Gürtelzunge am Riemenende.

Rekonstruktionen nach Frauen- und Männerausstattungen VII.-VIII. Jh








ab

Mitte

VII








Alamannen / Baiuwaren / Langobarden



Mehrteilige Gürtelkombination mit Nebenriemen, Zungen orientieren sich an Funden aus Ulm.



VII_090_bz

30 mm Riemen (braun/natur/rot)

Schnalle mit kurzem Blech_bz

und Riemenverbindern bz

und Zungen mit Zier bz (siehe auch Detailbild),

auf Anfrage (gehobene Preisklasse durch die hohe Anzahl von Zungen und Verbindern aus Bronze)








VII

-

VIII





Frau/Mann

Schlichte bronzene D-Schnalle mit hohem Rahmen z.B. Kaarst am Niederrhein, dort kombiniert mit Blech aus Eisen oder aus dem VII. Jh Palenberg/Qualburg bei Kleve.

Eine Zunge mit Kreisaugenverzieruung fand sich z.B. in einem Grab des Doms zu Eichstätt, ähnliche Formen mit häufiger Verbreitung in Süd- und Westdtld, so in Krefeld-Gellep bereits seit Ende VI. Jh.



VII-VIII_010_bz

20 mm Riemen (braun/natur/rot)

D-förmige Schnalle mit kurzem Blech_bz,

Befestigung durch Flachkopfnieten,

ohne Zunge,

montiert 49,00 EUR



VII-VIII_010a_bz

20 mm Riemen (braun/natur/rot)

D-förmige Schnalle mit kurzem Blech_bz,

Zunge mit Kreisaugenverzierung,

montiert 75,00 EUR








VII

-

VIII





Frau/Mann

D-Schnallen mit hohem Rahmen aus Bronze und Eisen sind seit der auslaufenden MWZ zu beobachten, siehe auch Funde aus Tübingen um 700.

Die lanzettförmigen Zungen haben recht unterschiedliche Ausformungen, manchmal tragen sie Verzierungen. Sie sind nicht römischen Ursprungs, sondern stammen von den Reitervölkern, mglw eine frühe awarische Form. So finden sie sich bei den Langobarden in Italien, die sie, wie Heruler und Gepiden im Donauraum kennen gelernt haben mögen und einzeln oder wohl auch bei den mehrteiligen Gürtelkominationen, s.o. Verwendung fanden. Abgewandelte Formen auch im Westen.



VII-VIII_010c_bz

20 mm Riemen (braun/natur/rot)

D-förmige Schnalle mit kurzem Blech_bz

und lanzettförmige Zunge klein,

montiert 65,00 EUR

[auf dem Bild Zunge noch nicht vernietet]



VII-VIII_010b_bz

20 mm Riemen (braun/natur/rot)

D-förmige Schnalle mit kurzem Blech_bz

und lanzettförmige Zunge groß,

montiert 75,00 EUR

[auf dem Bild Zunge noch nicht vernietet]








VII

-

VIII







Frau/Mann

Breite D-Schnallen mit hohem Rahmen sind teilweise Derivate der aufwändigen Männergürtelkombinationen mit Blechen und Gegenblechen aus dem VI.-VII. Jh. Nun wurden sie mit einfachen Blechen oder auch ohne solche verwendet, s.u..



VII-VIII_011a_bz

25 mm Riemen (braun/natur/rot)

Breite D-förmige Schnalle mit kurzem Blech_bz,

Zunge mit Kreisaugenverzierung,

montiert 85,00 EUR

[auf dem Bild Zunge u Blech noch nicht vernietet]



VII-VIII_011b_bz

25 mm Riemen (braun/natur/rot)

D-förmige Schnalle mit kurzem Blech_bz

und lanzettförmige Zunge groß (siehe auch Detailbild),

montiert 85,00 EUR






V

-

VIII



Frau/Mann

Breite D-Schnallen mit hohem Rahmen sind teilweise Derivate der aufwändigen Männergürtelkombinationen mit Blechen und Gegenblechen aus dem VI.-VII. Jh. Später wurden sie auch einzeln ohne Bleche verwendet.

Einfache ovale meist rundstabig geschmiedete eiserne Schnallen wurden über den gesamten Zeitraum von Männern und Frauen getragen. Manchmal lagen mehrere unterschiedliche Größen von 2 bis 4 cm in einem Grab, wie in den Frauengräbern 10 u 26 von Ober-Ingelheim.



VII-VIII_011_bz

25 mm Riemen (braun/natur/rot),

Hohe D-förmige Schnalle Bronze,

ohne Zunge,

angenäht 49,00 EUR



V-VIII_30_eis

30 mm Riemen (braun/natur/rot),

Ovale Schnalle Eisen rundstabig,

ohne Zunge,

angenäht 45,00 EUR




VIII

-

XI



Rundstabig geschmiedete D-förmige Eisenschnallen nach spätmerowing.-karoling. Funden im Museum Korbach_AO. Auch Eisen mit Blechen möglich, siehe z.B. Palenberg I (St. Peter) Grab 13 u 18 in Qualburg bei Kleve VII. Jh.



VIII-XI_20-40_eis

D-förmige Schnallen Eisen rundstabig

in den Breiten 20/30 mm



VIII-XI_20eis an 20 mm Riemen montiert 35,00 EUR

VIII-XI_30eis an 30 mm Riemen montiert 45,00 EUR

Leder Grubengerbung natur



Fibelreplikate nach gehobenen Frauenausstattungen V.-VII. Jh:



Zur Mode

Die ost- und nordgermanische Frauentracht hielt noch lange am gefibelten Kleid (Peblos) fest, während die westgermanische sich durch den Kontakt mit der römischen Kultur zur Tunika wandelte. Damit benötigten die ostgerman. Frauen mehr Fibeln (u.a. die paarigen Silberblechbügelfibeln der Oberschicht, die sich bei den Westgoten noch lange halten sollten), um das Kleid, bzw. die Schürze zu halten, während im Westen die Fibeln eher zum Verschluß eines Umhangs oder Mantels dienten. Bis ungefähr zur Mitte des V. Jhs dienten Stützarm-, Bügel- oder Gleicharmfibeln, bei den Sachsen auch Armbrustfibeln, manchmal auch röm. Altstücke, als übliche Mantelverschlüsse im Hals- und Schulterbereich. Mit Beginn der älteren Merowingerzeit war die Oberschicht häufig an der Vierfibeltracht zu erkennen, wobei neben einem paar Kleinfibeln am Oberkörper nun grössere Bügelfibeln im Beckenbereich oder am Unterkörper getragen werden konnten, manchmal in Verbindung mit einer Amulett- /Schmuckkette oder einem Gehängeband, das auch am Gürtel befestigt sein konnte. Die Funktion dieser tief getragenen Fibeln ist nach wie vor umstritten und es ist unsicher, ob sie den Mantel oder das Obergewand fixierten, das Gehängeband trugen, einen Stoffgürtel oder eine Schärpe in Form hielten, vielleicht nur das Totengewand schlossen.15 Manchmal haftete ihnen Brettchengewebe an, mglw. das Indiz für den Stoffgürtel oder eine Kantenborte. Diese Fibeln wurden in der Regel aus Bronze oder Silber gegossen und waren nicht selten feuervergoldet, zeigten somit deutlich den Rang der Trägerin. Sowohl bei den Kleinfibeln, in Form von stilisierten Pferden, Vögeln, S-förmigen Wesen und zuletzt kleinen Scheiben, manchmal mit Ketten verbunden, wie in Unterhaching, als auch bei den Bügelfibeln, waren die beiden paarigen nicht immer gleichen Typs. Im Frauengrab 1 aus Heidenheim-Großkuchen des VI. Jhs befanden sich bsplw. zwei vergoldete silberne Bügelfibeln unterschiedlicher Form, ebenso im Grab 10 des Gräberfelds I von Frei-Weinheim bei Ingelheim aus der 1. Hälfte des VII. Jhs. Die Kleinfibeln, und seltener Bügelfibeln, der gehobenen Schichten des VI. Jhs wurden in der Regel nicht durch den Stoff gestochen, sondern mit kleinen Textilschlaufen oder Ösen befestigt, damit der Stoff geschont wurde.16

Ein Kennzeichen des Übergangs zur jüngeren Merowingerzeit war die Ablösung dieses Fibelensembles durch eine einzelne Scheibenfibel, nach byzant. Modesitte, regional unterschiedlich um und nach 600, wobei es im Übergang auch Mischformen der Fibelkombinationen gab, siehe Frei-Weinheim mit Bügel- und Scheibenfibel, oben. Im westlichen Frankenreich fasste die Sitte der einzelnen Fibel bereits Ende des VI. Jhs, während sie im Mittelrheingebiet und in Süddtld teilweise erst Mitte des VII. Jhs übernommen wurde. Tiermotive des Stils II tauchen in der jüngeren MWZ des VII. Jhs auf. Auch von den Scheibenfibeln konnten metallene Ketten hängen mit kugelförmigen Amulettanhängern. Ebenfalls auf Modesitten der byzant. Prunkgewänder läßt sich die vielfältige Verwendung von Perlen auf Strängen oder gestickt auf Gewandung und Gürtel zurückführen. Bei den aufgefädelten Perlenketten wurden in der älteren MWZ grosse und mittlere, in der jüngeren MWZ eher kleinere Glasperlen bevorzugt. Die Glasperlen waren opak oder transluzid, auch Bernstein-, Bergkristall und Amethystperlen, Muschelscheiben und gelochte oder mit Aufhängeösen versehene Münzen möglich.































Weitere Infos zur Kleidung im FMA siehe: „Alamannen zwischen Schwarzwald, Neckar und Donau“, S. 88ff und „Am liebsten schön bunt! Kleidung im Frühen MA“.




V

-

VI



Goten / Langobarden / Baiuwaren / Merowinger





Vogelfibel

Funde in Metz, Burgund und Limburg/NL ähnlich



VI_Vogelfibel_bz

3,4 x 1,6 cm

- nicht mehr lieferbar -






VI





Langobarden / Baiuwaren / Alamannen





Rechtsläufige S-Fibel mit Raubvogelköpfen nach Funden in Altenerding und ähnlich Künzing Bruck 2. Hälfte VI. Jh, ähnlich auch langobard. im Museum Cividale de Friaul (AO).



VI_S-Fibel_bz

Länge 3,7 cm

Paar 45,00 EUR






VI





Franken / Merowinger / Baiuwaren





Kl. Scheibenfibel

Funde in Inzing, Lezoux und Limburg/NL ähnlich, ebenso Annäherung an Fund in Grab 213 von München-Aubing.



VI_Scheibenfibel_bz

Durchmesser 2,2 cm

- nicht mehr lieferbar -






VI





Alamannen / Baiuwaren





Rosettenscheibenfibel

Funde im süddt. Raum häufig. Rekonstruktion orientiert sich an Beständen der Archäolog. Staatssammlung in München (AO). Die frühen Formen Ende des V. Jhs waren eher kreisrund, während die späteren des VI. Jhs diese Rosettenform annahmen.



VI_Rosettenscheibenfibel_bz m. rotem Glasfluß

Durchmesser 3,8 cm

Paar 45,00 EUR






VI

-

VII





Alamannen / Langobarden / Baiuwaren / Merowinger / Sachsen / Angelsachsen





Bügelfibel mit rechteckiger Kopfplatte

Funde dieses Typs in Lauchheim/Wasserfurche bereits Ende V. Jh, aus dem VI. Jh Nordendorf bei Augsburg, ähnlich Freundorf/NÖ 2. Hälfte VI. Jh, Okarben/Wetterau Grab 11 Mitte VI. Jh, Menzelen-Rill bei Duisburg, ähnlich in Krefeld-Stratum und im VII. Jh in Kent, sowohl Einzelfunde, als auch paarweise.



VI-VII_Rechteckkopffibel_bz oder vs

Länge 9 cm

Paar bz 85,00 oder vs 90,00 EUR






VI

-

VII







Merowinger / Langobarden







Bügelfibel mit rechteckiger, knopfverzierter Kopfplatte und länglichem Tierkopf. Das Exemplar aus Frei-Weinheim war aus Bronze gegossen und wurde nicht vergoldet, wie vielfach nachzuweisen..




VI-VII_Bügelfibel rechteck u Tierkopf_bz

Länge 8 cm

- nicht mehr lieferbar -






VI

-

VII







Merowinger / Sachsen







Bügelfibel mit rechteckiger, knopfverzierter Kopfplatte und breitem Tierkopf, ähnlich zu Funden in Krefeld-Gellep, Köln, Soest, Mainz oder Würzburg des VI. Jhs.




VI-VII_Bügelfibel rechteck u Tierkopf_bz

Länge 8,5 cm

- nicht mehr lieferbar -






VI

-

VII







Merowinger / Thüringer







Bügelfibel mit halbrunder, knopfverzierter Kopfplatte und endständigem Tierkopf, ähnlich zum Fund in Weimar.




VI-VII_Bügelfibel halbrund u Tierkopf_bz

Länge 10 cm

Paar 120,00 EUR



Die hier gezeigten Fibeltypen kommen je nach Region zum Ende des VI. oder erst im Laufe des VII. Jhs aus der Mode. Bis zu 5 cm grosse Scheibenfibeln waren nun Bestandteil der gehobenen Frauentracht. Seit der Karolingerzeit wurden teilweise kleinere und einfachere Exemplare auch von Männern getragen, siehe auf den Seiten IX.-XII. Jh. Nach Befunden der letzten Reihengräberfelder und Abbildungen gemäß läßt sich folgern, daß Frauen ihre Übergewandung mit den Scheibenfibeln unter dem Hals, bzw. auf der Brust und Männer auf der rechten Schulter schlossen, sofern keine Nadeln oder Bindesysteme, s.u., genutzt wurden, die für einfache Darstellungen mit Sicherheit eher angebracht sind.




VIII

-

IX

Mals/Vinschgau

Männerbestattungen weisen fast überhaupt keine Fibeln auf. Möglicherweise wurden eher Knochen-, Geweihnadeln oder Bindesysteme getragen, so daß keine Rückstände blieben. Aufgrund der kostbaren Goldbrokatborte, die den Rand des wollenen Umhangs im Männergrab 143 von Greding-Großhöbing schmückte, ist zu folgern, daß er durch das Knoten von Bändern zusammen gehalten wurde. Auch der Graf (!) in der Kirche St. Benedikt zu Mals im Vinschgau [siehe Bild links] trug noch im IX. Jh seinen Mantel auf der rechten Schulter geknotet, ohne daß hier eine kostbare Fibel schloß. Eine Kombination aus beidem scheint sich bei den Höflingen auf der Abbildung Karls des Kahlen in der Vivianusbibel Mitte des IX. Jhs anzudeuten. Die Bänder sind Zusatz oder „degenerieren“ zu Zierquasten.








Exkurs 5: Bronze oder Messing

Bronze oder Messing sind nicht nur divergierende Legierungen, sondern auch unterschiedliche Produktionsverfahren. Der Bronzeguß (Kupfer/Zinn, eher Rotguß) war im FMA bereits seit Jahrtausenden bekannt und technisch weit entwickelt. Der Messingguß (Kupfer/Zink, eher Gelbguß) soll aus Kleinasien stammen und wurde erst von den Römern in Westeuropa zur Kaiserzeit verbreitet, berühmte Gelbgießerwerkstätten waren in Capua ansässig, in unserem Raum Nachweise z.B. in Xanten. Augustus hatte für die Kleinmünzen sestertius, dupondis und semis die Kupfer-Zink-Legierung orichalcum eingeführt mit einem maximalen Zinkanteil von 26-27%. Bei schwierigem Formenguß konnte auch die Zugabe von Blei als Flußmittel nachgewiesen werden. Die Römer verwendeten Messing-Legierungen in unterschiedlicher Zusammensetzung, u.a. für diverse Ausrüstungsteile der Armee in der frühen Kaiserzeit, Helme im III. Jh oder Gürtelteile im IV. Jahrhundert. Oft wurden diese Objekte verzinnt, wie es auch bei eisernen geläufig war. Es wird in der Forschung diskutiert inwieweit auf der Messingproduktion ein Staatsmonopol lag, um Münzfälschungen zu unterbinden. Bis in das HMA wurde Messing als „auricalcum“ („Niedergold“ bei Th. Presbyter Anf. XII. Jh) geschätzt, da es einen „goldigen“ Glanz aufwies. Der Zinkanteil kann in der Moderne zwischen 5 und 45% schwanken. Bei einem Zinkgehalt unter 18 % hat Messing eine rötlichere Farbe, sogenanntes „Goldmessing“. Zink gewinnt man hptsl aus Galmei-Vorkommen (ZnCO3). Das Material war erheblich seltener und schwieriger zu beschaffen als Zinnerze! Für viele Jahrhunderte sollte die Maasregion und der Aachener Raum wegen seiner Galmei-Vorkommen und der Messingproduktion eine zentrale Rolle in Europa spielen. Spätestens seit dem II. JhAD beuteten Provinzialrömer die Vorkommen bei Gressenich in der Nähe von Aachen aus. Ein Niedergang war mit der Völkerwanderung zu verzeichnen, mglw durch den ausfallenden Kleingeldhandel, während ein Aufschwung zu karolingischen Zeiten erfolgte, zumindest entlang des Hellwegs vom Rhein bis nach Paderborn ist dieser nachweisbar. Galmeivorkommen zeigen sich auch im nördl Sauerland bei Brilon und Iserlohn, wobei unsicher ist, ab wann diese ausgebeutet wurden. Nach Bleierzen wurden bereits in der röm Kaiserzeit geschürft, das mit den Bleierzen auftretende Galmei wurde allerdings in diesem Zusammenhang nicht erwähnt. Für den Ramsbecker Raum am Bastenberg sind Stollen aus dem HMA bekannt, die bereits im XIII. Jh aufgelassen wurden. Allgemein erfolgte der Abbau im Sauerland bis ins XIX. Jh und hat die Spuren der Vorgängerbaue vielfach verwischt. Messingbarren wurden u.a. auch in Haithabu gefunden. Doch stellt sich natürlich die Frage, inwieweit eine strenge Trennung in Gelb- oder Rotguß über grosse Zeiträume und zunehmender Entfernung zum anstehenden Rohmaterial beibehalten werden konnte, wenn bsplw. Altmaterial verarbeitet wurde. Altmetalle waren seit römischen Zeiten begehrte Rohstoffe und wurden immer wieder eingeschmolzen, das zeigen metallurgische Untersuchungen mit anteiligen Mischformen von Kupfer, Zinn, Zink und Blei. Die strenge Trennung unserer heutigen Legierungen gab es in dieser Form kaum. Mischformen sind im Mittelalter häufig. Ohne metallurgische Untersuchungsverfahren bezeichnen moderne Publikationen Funde in Buntmetallen deshalb generell als "Kupferlegierungen", in England "copper alloy". Neben Bronze, Messing wird auch „gun metal“ oder Tombak so genannt, also Mischformen von Kupfer, Zinn, Zink, bzw. Legierungen hinzu mit unterschiedlichen prozentualen Anteilen, bzw. „Verunreinigungen“ durch Antimon, Arsen, Blei oder Silber. Letztere waren häufig absichtlich beigefügte Flußmittel. Nur in wenigen unserer Veröffentlichungen, ausgenommen die neueren Datums, werden spezifizierte Angaben gemacht, wie bsplw. die metallurgischen Analysen in den Londoner Dress Accessories, S. 387ff. Im 3. JtsdvC wurden bereits Flußmittel wie Arsen verwendet, denn „Ötzi“ zeigt eine nicht unerhebliche Arsenanreicherung im Körper. [Zur Messingproduktion siehe auch Lammers, Das karoling.-otton. Buntmetallhandwerker-Quartier auf dem Plettenberg in Soest, S. 48]










Quellen und weiterführende Literatur:

- Ade, D./ Rüth, B./Zekorn, A.: Alamannen zwischen Schwarzwald, Neckar und Donau, Stuttgart 2008.

- Bosl, K.: Europa im Mittelalter (1970), Ausgabe Darmstadt 2005.

- Dannheimer, H.: Das baiuwarische Reihengräberfeld von Aubing, Stadt München, Stuttgart 1998.

- Delbrück, H.: Geschichte der Kriegskunst, Bd. II Die Germanen (1901-21), Nachdruck der Neuausgabe 2008.

- Grütter, T./Jung, P./Stephan-Maser, R.: Werdendes Ruhrgebiet. Spätantike und FMA an Rhein und Ruhr. Katalog zur Ausstellung, Essen 2015.

- Haas-Gebhard, B.: Unterhaching. Eine Grabgruppe der Zeit um 500 n.Chr. bei München. Arch. Staatssammlung München 2013.

- Ilkjaer, J.: Gegner und Verbündete in Nordeuropa während des 1. bis 4. Jhs, in: Norgard-Jorgensen, A. u Clausen B.L. (Hrsg.), Military Aspects of Scandinavian Society in a European Perspective, AD 1-1300. Copenhagen 1997, S. 55 ff.

- Haedeke, H.-U.: BERG und MARK. Menschen, Eisen und Kohle. Wirtschaft, Handel und Wandel, Solingen 2000.

- Kulikowski, M.: Die Goten vor Rom, dt. Stuttgart 2009, engl. Rome´s Gothic Wars. From the Third Century to Alaric, Cambridge 2007.

- Lammers, D.: Das karoling.-otton. Buntmetallhandwerker-Quartier auf dem Plettenberg in Soest, S. Beiträge zur Archäol., Bd. 10, Soest 2009.

- Perin/Menghin/Wieczorek/vWelck: Die Franken Wegbereiter Europas 5. bis 8. Jh. n. Chr., Ausstellungskatalog Mainz 1997.

- Ravaux, J.P.: La Collection Archeologique de Mme Perrin de la Boullaye, Chalons-en-Champagne 1992.

- Springer, T.: Frühgeschichte. Archäolog. Funde von den Römern bis zum MA im GNM, Nürnberg 2014.

- Thiedmann, A.: Die merowingerzeitlichen Grabfunde in der Wetterau. Materialien zur Vor- u Frühgeschichte von Hessen, Wiesbaden 2008.

- Walter, S./Peek, C./Gillich, A.: Kleidung im Frühen MA. Am liebsten schön bunt! Porträt Archäologie 3, Esslingen 2008.

- Wenzel, A.: Zwischen Childerich u. Karl dem Großen. Der Ingelheimer Raum in fränk. Zeit. Katalog zur Ausstellung Nieder-Ingelheim 1997.

- Werdendes Abendland an Rhein und Ruhr. Ausstellungskatalog der Villa Hügel Essen 1956.









V.-VIII. / IX.-XI. / XI.-XIII. / XIII.-XIV. / XIV. / XV. / XV.-XVI. Jh



zum Wert eines Gürtels siehe HINWEIS auf der ersten Seite

1/Übernommen und erhalten wurde es vornehmlich von denjenigen, die davon profitierten. Wie im Röm. Reich die Masse besteuert und die soziale Elite privilegiert wurde, änderte sich in der Nachfolge an diesem System nichts, die Kirche sorgte für die moralische Rechtfertigung, spendete mit dem üblichen „Mummenschanz der Religionen“ den Nicht-Privilegierten Trost und verwies auf das Jenseits, um die Masse gefügig zu halten. Vor der Übernahme soll das germanische Gesellschaftssystem angeblich freier und offener gewesen sein. Ob das eine romantische Verklärung ist oder auf historischen Tatsachen beruht, möchte ich für mich zukünftig noch klären. „Klären“ und möglichst nicht „verklären“ ist für mich die Aufgabe, die natürlich eine subjektive Sichtweise in sich trägt, objektiv schreibt niemand. Desweiteren sei angemerkt, daß im folgenden „Germanen“ thematisiert werden und ich zunächst durchaus Probleme hatte mich dem Begriff anzunähern, da mir die Beschäftigung damit anrüchig erschien. Es scheint mir sinnvoll diesem keine ethnische Zuweisung zu geben, „Germanen“ also nicht als ein Volk anzusehen, sondern ihn eher archäologisch-wissenschaftlich als „Kultur“ zu definieren, wie dies durch Gemeinsamkeiten in Sitten und Artefakten für bestimmte Räume z.B. für „Rhein/Weser-Germanen“ oder „Elb-Germanen“ gebräuchlich ist. So betonte D. Berenger im Jahr 2000 die Unmöglichkeit durch die Gleichförmigkeit der Rhein/Weser-Kultur germanische Stämme, wie sie bsplw Tacitus in seiner „Germania“ nennt archäologisch deutlich voneinander zu scheiden. Zumal „Völker“ höchst instabile Gebilde sind, wie dies bereits der Althistoriker Mischa Meier formulierte, die ständigen Veränderungen unterliegen, politisch motiviert und durch komplexe Prozesse Identität bildend sind. Die Begrifflichkeiten werden heute viel feiner definiert, noch in den 70er Jahren galt: „Germanentum und Deutschtum sind nicht identisch“ [Gebhardt, Handbuch der dt. Geschichte, Bd. II, S. 14]. Die unerlaubte Gleichsetzung entsprang den nationalen Ideen des XIX. Jhs, erfuhr im Kaiserreich nach 1871 eine Überhöhung und wurde in den 12 nationalistischen Jahren unserer jüngeren Vergangenheit bevorzugt verbreitet. Quellen aus dieser Zeit gilt es kritisch zu hinterfragen, genauso jegliche verherrlichende Anschauung und Literatur dieses Zeitraums, das heißt aus Kossinas Dt. Vorgeschichte von 1941 mögen z.B. Zeichnungen von Fibeln oder Abbildungen vom röm. Denkmal aus Adamklissi interessant sein, viel mehr aber nicht. Die von ihm vorgenommene Gleichsetzung von Völkerstämmen mit Kulturgebieten anhand von archäologischen Funden entsprang seinen Vorstellungen und wird heute zu recht vollkommen verworfen. Die moderne Archäologie sucht nicht mehr nach diesen vermeintlichen Siedlungsgebieten, sondern sieht in den Verbreitungsmustern von Funden eher Hinweise auf soziale Komponenten von einzelnen Individuen, deren Abhängigkeiten im sozialen Gefüge oder Hinweise auf Mobilitäten. Ähnlich betrachte ich meine private Forschung hinsichtlich der Gefolgschaften, um Aussagen über die Ausrüstung bzgl der Gürtelteile zu machen. Moderne Autoren, wie Jörg Jarnut fordern hinzu eine komplette Neuorientierung der althergebrachten Anschauungen, siehe seine Schrift: Germanisch. Plädoyer für die Abschaffung eines obsoleten Zentralbegriffs der Frühmittelalterforschung, in: Walter Pohl (Hrsg.), Die Suche nach den Ursprüngen. Empfehlenswert für die Beschäftigung mit der römischen Kaiserzeit und der Spätantike in Nordwesteuropa scheint mir die Publikation zur Ausstellung SAXONES in Hannover und Braunschweig 2019, obwohl hier der Aspekt des „Netzwerks“ der sozialen Eliten im Barbaricum m.E. aus einer zu modernen Sichtweise überstrapaziert wird. Netzwerke funktionieren eigentlich nach anderem Muster. Die „Netzwerker“ der germanischen Oberschicht waren sich untereinander nicht einig, vernetzten sich nicht, sondern blickten alle gemeinsam „im Netz“ auf die Spinne im Zentrum, nämlich ROM.

Neben bei bemerkt, bin ich mir über die Bedeutung der 12 Jahre nationalsozial. Herrschaft bis in unseren heutigen politischen und kulturellen Alltag im klaren. Aber unsere zeitlich weit entfernten Vorfahren, um die es hier geht, konnten nichts dazu, es gibt keine direkte Entwicklungslinie dahin, keinen Automatismus. In Nord- und Mitteleuropa haben wir seit der Römerzeit bis heute eine Völkermischung erfahren, daß von einem beschworenen „Urtypus“ kaum noch etwas übrig ist. Wenn etwas typisch ist, dann sind es die klimatisch-räumlichen Bedingungen, die jedes Volk prägen. Sie verbinden Völker mental oder entfernen sie voneinander. In unserer Gegenwart ist dies ein nicht unerhebliches Problem der EU. Wie kann ein Finne grundsätzlich Verständnis entwickeln für die Probleme eines Sizilianers? ... Es ist bereits für uns Einzelne schwer über persönliche Erfahrungen, daraus resultierende Anschauungen, Werte und Grenzen hinweg zu sehen, ungleich schwerer ist es für eine kollektive Gemeinschaft, wo noch ganz andere übergeordnete Mechanismen wirken.

2/Die folgenden Begrifflichkeiten mögen vielen bekannt vorkommen: Nach den Reformen der beiden Herrscher beruhten seit dem IV. Jh die größten Einnahmen des Staates auf der Grundsteuer des landwirtschaftlichen Besitzes, hinzu kam die Kopfsteuer, die alle 15 Jahre nach dem Steuerkataster neu geschätzt wurde. Auch indirekte Steuern und die Zölle füllten die Kassen. Dazu kamen die persönlichen Hand- und Spanndienste bei Großbauten, die Herbergs-, Quartier- und Versorgungspflicht für reisende Beamte oder die Armee, die Stellung von Zugtieren für die Post, uvam. Nur die Mittel- und Unterschichten wurden für Dienste und Steuern hptsl. herangezogen. Senatoren, Großgrundbesitzer und die „junge Kirche“ waren von diesen Lasten befreit! Dafür leisteten jene ehrenamtliche Dienste in der Verwaltung, hafteten mit ihrem Privatvermögen für die Schwächen ihrer Amtsführung (!), für die Aufbringung des Steuersolls und zahlten die Reststeuerschuld aus ihrem Vermögen. Um eine Ämterflucht zu verhindern wurde die städtische Verwaltung, neben anderen Dienstpflichten, zum erblichen Frondienst für den „Bürger“ als Stadteinwohner. Auch Staatsdiener und Soldaten wurden erblich an ihren Beruf gebunden. Viele Großunternehmen, wie Bergwerke, Waffenfabriken, Tuchwebereien, Brennöfen, Münzstätten, etc. befanden sich in Staatshand, somit waren die Beschäftigten zwangsverpflichtet und hatten keine freie Berufswahl. Es entstand ein staatliches Zunftwesen und eine statische Gesellschaftsordnung von strengen „Kasten“, ohne Dynamik, ohne soziale Mobilität oder Aufstieg. Die Privatinitiative in der Wirtschaft erlag, so daß der Staat wiederum als Hauptabnehmer, vor allem durch die Armee, einspringen musste. Handel und Geldwirtschaft gingen zurück, zunehmende Naturalwirtschaft erzwang die Steigerung landwirtschaftlicher Produktion. Aber auf dem Land herrschte ein Mangel an Arbeitskräften, da Jahrhunderte lang Sklaven diese Dienste verrichtet hatten und der Nachschub mangels grosser Eroberungen und Siege ausblieb. Das freie Kleinbauerntum verfiel stetig, einher ging die Monopolisierung durch senatorische Großgrundbesitzer, die aufgekauftes Land verpachteten. Der nun abhängige Bauer wurde durch Erbpacht an seinen Grund gebunden (Schollenbindung), damit der Boden nicht brach fiel und die Grundsteuer, als Hauptsteuer des Staates, erbracht werden konnte. Der Bauer galt als unveränderliches Zubehör von Hof und Gut, ein Vorbild für die mittelalterliche Grundherrschaft. Ganze Landstriche lagen durch kriegerische Handlungen, Flucht und sinkende Zahlen der Landbevölkerung wüst. Da man die zuziehenden Barbaren nicht dauerhaft abhalten konnte, wurde ihnen Grenzland angeboten, im Gegenzug für die Verteidigung dieser Räume, wie im Fall der Franken in Toxandrien oder der Goten auf dem östl. Balkan und später sogar tief im Reichsgebiet, in Aquitanien. Durch die Vergabe von Land an diese Foederaten entfielen dem Staat die Steuereinnahmen der einstigen römischen Grundbesitzer. Durch die fehlenden Gelder konnten Soldaten in röm. Diensten oft nicht mehr besoldet werden, so daß die Reichsverteidigung immer stärker durch selbständige barbarische Kontingente übernommen wurde, die kein Sold, sondern Land zur Eigenbewirtschaftung verlangten. Den Westgoten wurde bei ihrer Ansiedlung in Aquitanien zugestanden „ihren“ Anteil am Steueraufkommen selbst einzutreiben. Nicht anders handhabten es die großen röm. Grundbesitzer mit ihren Privatsoldaten, den buccellarii, mit denen sie auch die niedere Gerichtsbarkeit durchsetzten und, ähnlich wie die angesiedelten Germanen, allmählich eigene Machtzellen im Staat bildeten. In den Provinzen lag seit jeher das wirtschaftliche, politische und militärische Schwergewicht. Sie wurden beherrscht von immer selbständiger werdenden Grundbesitzern, Statthaltern und Generälen, von barbarischen Heerführern, den „Warlords“, die für Sold und Beute stritten, so daß der Einfluß der zentralen Regierung in den vier grossen Präfekturen schwand. „...bereits in der ausgehenden Antike erwuchs eine feudale Gesellschaftsordnung,“ [Gebhardt, Handbuch der dt. Geschichte, Bd. II, S. 14], [ansonsten nach Bosl 1970, heute bzgl. der Frage des „Zwangsstaats“ in der Forschung nicht unbestritten, denn verglichen mit der modernen Bürokratisierung waren die Mittel und Möglichkeiten in der Spätantike eher moderat. Die neueren Forschung distanziert sich von der althergebrachten Lehrmeinung. Demnach sei keine soziale Erstarrung und vor allem kein wirtschaftlicher Niedergang festzustellen, die Produktivität soll im IV. Jh gestiegen sein].

3/Das römische Heer muß für den röm Staat der Kaiserzeit in jeder Beziehung kritisch betrachtet werden. Denn dieser Staat war trotz aller zivilen Gebaren eine Militärmonarchie. Mit den Siegen Octavians und der Anerkennung zum Augustus, also gleich zu Beginn des Prinzipats (des späteren „Kaisertums“), war die Armee Garant der Macht, denn Octavian hatte seine Kontrahenten nur mit Hilfe des Militärs nieder ringen können. Kein Kaiser sollte zukünftig herrschen ohne Zustimmung der Armee. So war es wichtig, daß die Militärs mit der Grenzsicherung, Ausbau der Infrastruktur in den Provinzen und immer neuen Kriegen beschäftigt waren, damit sich ihre Ambitionen nicht ins Innere des Staates richten konnten. Jeder Herrscherwechsel bedeutete Unruhe und Unsicherheit, falls es Heeresteilen gefiel einen eigenen Gegenherrscher auszurufen, es gab Jahre mit bis zu vier gleichzeitigen „Kaisern“. Truppenmassierungen, bei denen Stimmung und Meinung von Gewicht waren, sind für die röm Machthaber also immer kritisch gewesen und man versuchte möglichst die Legionen auseinander zu ziehen, was aber durch die ständigen Feldzüge an Rhein und Donau oder Euphrat und Tigris nur bedingt gelingen konnte. Die röm Armee hatte seit spätrepublikanischen Zeiten eine multi-ethnische Zusammensetzung, wobei die Zuordnung mit Hilfstruppen/Auxilien oder Truppen der Bundesgenossen und den eigentlichen Legionen lange Zeit klar getrennt war. Doch in der ausgehenden Spätantike lösten sich diese Strukturen auf, so daß barbarische Kontingente, die unter eigenen Befehlshabern kämpften, immer stärkeres Gewicht in der Reichsverteidigung bekamen.

4/Auch die Alamannen blieben in eng umgrenzten Räumen. Ursprünglich waren es suebische Stämme, die aus dem Elbe-/Saaleraum vor Jahrhunderten Richtung Südwestdtld. gezogen waren. Durch weitere Zuzüge bildeten sich in der Spätantike german. Großverbände, mglw. ausgelöst durch den starken militärischen Druck der Römer oder die röm. Politik der protegierten Klientelfürsten, die mit luxuriösen Geschenken versehen, Anhängerschaften sammeln konnten und röm Strukturen nachahmten. Das röm Imperium setzte in der frühen Kaiserzeit mit wirtschaftlicher Stabilität darauf die eigene Hegemonie auf das Barbaricum möglichst friedlich auszudehnen, nachdem direkte Feldzüge gescheitert waren oder nur kurzzeitige Erfolge brachten. Es galt jenseits der Grenzen einen „Schutzgürtel“ treuer Fürsten zu schaffen und die Interessen der übrigen gegeneinander ausspielen. Rom löste Zentralisierungsprozesse im Barbaricum mglw. aus, die sich im ungünstigen Fall nun gegen das Imperium selbst wenden konnten. Diese Mechanismen wirkten nicht nur in Germanien, sondern bei allen Grenzanrainern, von den Reitervölkern der Sarmaten und Hunnen, über iranische Völkerschaften und Arabern zu den Berbern in Nordafrika. In West- und Mitteleuropa waren neben „Franken“, „Sachsen“, „Thüringer“, u.a. die „Alamannen“ (ob Selbstbezeichnung ist unklar) einer dieser Großverbände, die in der 2. Hälfte des III. Jhs die Römer aus dem südwestdt. Raum drängten und weite Kriegszüge ins Röm. Reich bis über die Alpen führten. Mit grossen Heerscharen, aber oft auch nur in kleinen Kommandounternehmungen, wurde Beute aus dem Reich eingetrieben, um Nutznießer von röm. Gegenständen des alltäglichen Gebrauchs oder der Waffentechnologie zu werden. In den neu eroberten ehem. röm Provinzen Obergermanien und Teilen Raetiens wurde die provinzialröm. Bevölkerung vom Land vertrieben und bildete in den wenigen verbliebenen Städten röm. Kulturinseln, wie in Konstanz, Basel, Bregenz, Zürich, Kempten oder Augsburg. Es läßt sich noch heute sprachlich fassen, daß sich das german. Element im südwestdt. Raum stärker als im linksrheinischen Gallien oder weiter auf röm. Reichsterritorium erwies. Dort waren die eingefallenen Germanen gegenüber der provinzialröm. Bevölkerung in der Unterzahl. Pirenne, [Europa im MA, S. 23] weist deutlich darauf hin, daß sich von der Sprache der Eroberer auf dem ehemaligen röm. Reichsboden kaum etwas erhalten hat, nur in den Grenzbereichen, in Flandern, am Niederrhein, im Elsaß und im Alpenraum wurde die german. Sprache heimisch, ansonsten ging die german. Kultur innerhalb weniger Generationen in der der römischen Provinzialen auf, die Sprache wurde latinisiert und romanisiert! Die Romanischen Sprachen obsiegten im Westen mit Französisch, Provenzialisch, Spanisch, Portugiesisch, Rätoromanisch und Italienisch. Alamannen, Burgunder, West- und Ostgoten, Sueben, Langobarden uvam. hatten in der Regel aus der röm., bzw. provinzialröm. Bevölkerung keinen Rückhalt und galten als fremde Besatzer und Barbaren, während hingegen die Franken um 500 ihren Glauben auf die ehemalige Reichsreligion ausrichteten, förderten sie das Zusammenwachsen der unterschiedlichen Bevölkerung. Darin liegt vermutlich das Fundament ihres Aufstiegs begründet und es bedurfte nur eines machthungrigen Potentaten, wie Chlodwig, der diese Entwicklung eingeleitet, auch geschickt und skrupellos für sich nutzte, indem er sich der vorhandenen Reste des einst mächtigen röm Staatsapparats und seiner kulturellen Errungenschaften bediente. Die Laienkultur, die Schriftlichkeit, das Steuer-, Rechts- und Münzwesen besassen nicht mehr ihren ursprünglichen Stellenwert und waren im Zerfall begriffen. Um die Reste zu erhalten und für sich zu nutzen galt die provinzialröm. Bevölkerung für die Franken als unentbehrlich.

5/Diese personellen Bindungen erklären vielleicht, weshalb Germanen in der Spätantike vom III. bis V. Jh innerhalb der röm Ämterhierarchie sehr hohe Positionen als Heermeister einnehmen konnten. Die Söhne german. Anführer wurden als Geiseln bereits seit langem in die röm Welt eingeführt, durch und durch romanisiert und mit röm Ämtern und Titeln versehen. Bereits der röm Kaiser Konstantin hatte ihnen den Weg in die höchsten militärischen Ämter geöffnet. Mglw. stand dahinter die Überlegung die german. Kontingente unter röm Fahnen durch ihre eigenen Befehlshaber zu halten, um Massendesertationen zu vermeiden. Da jene niemals dem unpersönlichen Staat, sondern nur gegenüber Personen die Treue halten würden.

6/Vielfach waren die Franken in den neuen Regionen in der Unterzahl und sie waren bestrebt die lokalen Herren zu „frankisieren“. Durch Eide an sich gebunden. Denn “Eid und Treue“ waren der Kitt im german. Heerwesen, begrifflich verklärend mit fataler Wirkung bis in unsere jüngere Vergangenheit. Auch die Kirche und unsere moderne Gesellschaft bauen im Recht und bei Dienstverhältnissen auf den „Eid“ und die „Vereidigung“. „Meineid“ steht auch heutzutage unter Strafe.

Die Gefolgschaftsführer lagen vermutlich in den „Herren“-Gräbern, oft mit Zaumzeug und weiteren standesgemässen Insignien. Sie werden in unseren Publikationen immer wieder beispielhaft herangezogen, siehe der „Herr von Morken“, die „reichen Gräber“ von Wünneberg, von Beckum, uvam. Es werden Franken oder kollaborierende einheimische Adelige gewesen sein. Bei den Einheimischen steht zu vermuten, daß sie sich in Stil und Ausrüstung schnellstmöglich den herrschenden Gebräuchen anpassten, so wäre ein führender Alamanne oder Sachse nach der fränk. Eroberung den Beigaben nach vermutlich gar nicht mehr als solcher zu erkennen! Wie wichtig Umritte für die Amtsausführung waren, verdeutlicht der Umstand, daß der Alamannenherzog Uncelen, wegen Ermordung des burgundischen Hausmeiers Protadius, durch Königin Brunichilde mit Abschlagung eines Fußes amtsunfähig gemacht wurde. Damit war das Gehen erschwert und bedingt auch das Reiten, denn Steigbügel sind im archäologischen Fundgut nachweisbar. Das „Heil“ des Heerführers war absichtlich beschädigt, mglw. hatte dieser Umstand mehr Gewicht als die Beeinträchtigung in der Bewegung. 902/03 machte der begüterte vir venerabilis Joseph dem Bistum Freising eine Schenkung für sein Seelenheil: „Joseph kam zum Freisinger Bischof Waldo nach Stiefern und übergab ihm und dessen Vogt Engilhart in diesem Ort Besitzungen, die Joseph dem Bischof und dessen Gefolge durch Umreitung zuwies.“ Bis ins HMA verdeutlichen erhaltene Reitersiegel wie sehr Macht und Status durch den herrschaftlichen Ritt symbolisiert wurden, so daß sich auch Herzogin Sophia von Brabant, 1248 bis 1275 Landgräfin von Thüringen und Herrin von Hessen, in dieser Form zu Pferd darstellen ließ.

7/Auf den Gräberfeldern von Ingelheim wurde beobachtet, daß von den Grabräubern Gegenstände mit christlichen Zeichen bewußt im Grab zurückgelassen wurden, während andere Beigaben entnommen wurden! Christen hatten mglw. keinen Respekt vor „heidnischen Grabbräuchen“, entnahmen wertvolle Güter der Sachkultur, ließen aber Objekte mit Heilszeichen unberührt. Den Respekt haben wir als Christen und „moderne Grabräuber im Dienst der Wissenschaft“ nicht wiedergewonnen. Zur Verteidigung wird angeführt, daß mit den archäologisch geborgenen Funden bis dato viele Gegenstände erhalten blieben, die sonst die Zeiten nicht überdauert hätten, sich im Boden weiter zersetzen würden, ohne konservatorische Maßnahmen. Allerdings ist ein Großteil der geborgenen Funde in den Magazinen, aufgrund der Vielzahl unmittelbar vom Verfall bedroht, da oft nicht ausreichende Mittel zu deren Erhaltung zur Verfügung stehen. Der Ausbau unserer Infrastruktur macht den Einsatz von Archäologen mit Notgrabungen notwendig, um Relikte der Vergangenheit nicht für alle Zeiten zu vernichten. Doch das Anrüchige des „Grabfrevels“ bleibt nach ethischen Gesichtspunkten, denn was erhebt die christliche Religionsanschauung über alle anderen?

8/Für die Franken im Ingelheimer Raum siehe Wenzel, Zwischen Childerich und Karl dem Großen, S. 36. Auch ist es denkbar, daß neben den Miniaturgegenständen weitere Objekte speziell für die Grablege gedacht waren, z.B. minderwertig verarbeitete Fibeln in den Gräbern 21 und 151 in Ingelheim, ebenda, S. 89.

9/Aus den Gräberfeldern rund um die spätere Kaiserpfalz von Ingelheim und den mittelalterlichen Rheinhafen Frei-Weinheim wurden aus der MWZ rd. 160 Gräber wissenschaftlich untersucht, davon waren die meisten gestört, so daß nur wenige Edelmetallgegenstände geborgen werden konnten. Nach Schätzungen wird von 800 bis 1000 Gräbern insgesamt ausgegangen, die größtenteils unerkannt unter der modernen Überbauung und Infrastruktur liegen, siehe Wenzel, Zwischen Childerich und Karl dem Großen, S. 29f.

10/Nach Kulikowski, Goten vor Rom, S. 94 sind Schafe und Ziegen archäologisch kaum zu unterscheiden. In der erste Hälfte des 1. JahrtausendsAD ist bei den Völkern der norddeutschen Tiefebene die Rinderzucht gut zu beobachten. In der Wurt Feddersen Wierde ging vom 1. bis zum 5. JhAD der Ackerbau, aufgrund von Klimaverschlechterungen, zugunsten einer intensiven Weidewirtschaft zurück. Neben Rindern wurden Schafe gehalten, die in den Marschen ausreichend Grünfutter fanden. Weiter im Landesinneren war die Schweinezucht mit Waldweiden möglich.

11/Info nach Dauerausstellung Ellwangen 2015. Siehe auch Die Bajuwaren. Von Severin bis Tassilo 488-788, S. 200 mit einem Vergleich der Widerristhöhe heutiger und damaliger Haustiere, beim Rind z.B. von 135 cm auf nur 110 cm. Ein ausgewachsenes Rind erreichte demnach nur heutige Kälbergröße. Bereits Tacitus erwähnte im IV. Buch, Kap. 72 seiner Annalen zum I. JhAD, daß das Zuchtvieh der Germanen nur von mässiger Größe sei, hingegen die Wälder voll riesiger Jagdtiere, wie Auerochsen.

12/Zur Eisenverhüttung fehlen allerdings in manchen Gebieten, die sich im Laufe des Mittelalters zu Zentren der Rüstungsschmieden entwickelten aus der german. Frühzeit die Nachweise. Im Siegerland sind aus vorchristlichen Zeiten keltische Verhüttungsplätze bekannt, denen zu german. Zeiten bislang keine Kontinuität nachzuweisen war. Auch im südlichen Westfalen und im Märkischen befinden sich grosse Eizenerzvorkommen, die erst zu karolingischen Zeiten ausgebeutet wurden, Haedecke, Berg und Mark, S. 9. Bezüglich der Buntemetallverarbeitung macht sich M. Becker interessante Gedanken über die Mengen des benötigten Rohmaterials im freien Germanien im Zeitraum einer Generation, von ca. 30 Jahren, wenn Buntmetalle bsplw durch Fibeln als Grabbeigaben immer wieder dem Wirtschaftskreislauf entzogen wurden. Er prognostizierte einen Bedarf von ca 75 to, entspricht 2,5 to Buntmetall pro Jahr. Der Fund von Neupotz mit ca. 220 kg Metall zugrunde gelegt, würden also pro Jahr 10 bis 12 „Lieferungen“ dieser Art rechts des Rheins benötigt. Auch macht er sich Gedanken über die Lotmengen, die german Schmiede benötigten und kommt auf jährlich 5 to Blei und Zinn! Betrachtet man die Grabbeigaben, Deponierungen, Kriegsbeuteopfer mit großen Mengen und sorglosem Umgang an Buntmetall, kann von großen Zufuhren aus dem Röm Reich ausgegangen werden, siehe M. Becker, Verborgener röm. Import, in: Das Miteinander, Nebeneinander und Gegeneinander von Kulturen. Neue Studien zur Sachsenforschung Bd 2, S. 54.

13/Nach neuerer Forschung wird eine Zuordnung nach Stämmen/Völkern/Ethnien bei den Sachgütern nur ungern vorgenommen. Formen sind nicht ausschließlich an bestimmte Völker gebunden. Konzentrationen im Auftreten werden eher durch „Kulturkreise“ benannt, wobei manche Gegenstände weit davon streuen können, ohne gleich an Migrationshintergründe zu denken. Führer zu archäologischen Denkmälern in Dtld. Bd. 27 Hanau und der Main-Kinzig-Kreis, S. 88, siehe fortführende Literatur zu diesem Aspekt M. Kulikowski, Die Goten vor Rom. Auch wird aus dem Bestatteten in Grab Verf. 60 im niederösterr. Freundorf aus dem VI. Jh inmitten eines als sicher langobardisch angesprochenen Gräberfelds durch die Beigabe eines Angonen noch kein Franke, wie ernsthaft diskutiert wird.

14/Zaumzeug wurde nicht selten mit wertigen Preßblechen aus Silber oder Bronze beschlagen und verdeutlicht den gehobenen Rang des einstigen Nutzers als Adeliger oder Gefolgschaftsführer. Auch Sporen waren immer Zeichen des privilegierten Standes. Bereits bei den Kriegsbeutefunden aus dem Moor von Illerup A um 200 AD wurden Pferdegeschirrteile für zehn Pferde teilweise aus silbernen Pressblechen gefunden, während von 60 Schwertgurtgarnituren sieben mit Schnallen aus Silber, der Rest aus Bronze und die der weiteren persönlichen Ausrüstung aus Bronze und Eisen gefertigt wurden. Kaum Schwertgurtgarnituren hatten eiserne Schnallen oder Beschläge. Rund 300 eiserne, 30-40 bronzene Schildbuckel und 7 prunkvolle silberne Schildgarnituren mit Halbedelsteinen, Glas und Pressblechen aus vergoldetem Silber besetzt, wurden geborgen. Daraus folgerte man, daß Gefolgschaftsführer beritten waren und silberne Ausrüstungsteile zur Schau stellten, während die Gefolgschaftsleute bronzene Ausrüstungsgegenstände trugen, aber auch Schwerter, und sich damit vom Gros des Heeres absetzten. In den Publikationen wird von „Bronze“ gesprochen, ohne daß spezifische metallurgische Untersuchungen erwähnt werden, also wäre vielleicht auch Messing möglich? Denn ich kann mich erinnern, daß bsplw. viele der Funde aus dem Nydam-Moor vor 350 AD, heute im Museum in Schleswig, gelblich schimmerten, Farbabbildungen in den betreffenden Publikationen vermitteln den gleichen Eindruck. Die Ausrüstungsteile sind vor der Deponierung bewußt deformiert und zerstört worden. Bei den silbernen Teilen des Pferdegeschirrs wurde ein besonders hoher Fragmentierungs- und Zerstörungsgrad beobachtet, was mit „Sonderbehandlungen“ für die Anführer erklärt wurde, ohne zu bedenken, daß Teile des Pferdegeschirrs von schweren toten Tierleibern entfernt werden mussten, die man kaum hin- und her gewendet haben wird, sondern logischerweise in viele kleine Teile zerschnitt. Aus allen nordeuropäischen Mooropferfunden mit Ausrüstungs- und Waffenteilen von seegestützten Kampfverbänden des III.-IV. JhAD wird aufgrund der prozentualen Verteilung von Eisen, Bunt- und Edelmetallen eine Dreiteilung der Nutzer abgelesen. Röm Quellen der Kaiserzeit nennen bei den Germanen drei Schichten Bewaffneter mit „princeps“, „comites“ und „pedites“ oder „regales“, „optimates“ und „armatores“, meint „Fürsten“ als Oberkommandierende, Offiziere und schließlich Fußsoldaten/Gewappnete. Zu den Funden der persönlichen Ausrüstung zählen nicht nur Reparaturwerkzeuge für die Waffen, sondern auch Nadeln, Knochensägen und weitere chirurgische Instrumente an den Fundplätzen Vimose auf Fünen vor 200AD und in Illerup in Jütland nach 200AD, die sogar die Möglichkeit einer ärztlichen Notversorgung belegen könnten! Dabei ist auch eine Frauenbeteiligung an den Kriegszügen denkbar, wenn nicht unmittelbar an den Kampfhandlungen beteiligt, sind sie zur Versorgung der Truppe oder bei medizinischen Behandlungen vorstellbar. Frauenfibeln wurden an allen Fundplätzen geborgen, meist werden sie eher durch separate Opferhandlungen erklärt. Die Kampfverbände vermitteln insgesamt aufgrund der grossen Anzahl der Ausrüstungsteile eine hohe Professionalität und sind keineswegs Hinterlassenschaften eines allgemeinen Heerbanns [Brock/Homann, Schlachtfeldarchäologie. Auf den Spuren des Krieges, Sonderheft 2/2011 AiD, Stuttgart 2011, S. 55].

Zu den Waffenbeigaben: In der röm Kaiserzeit um 200 fehlen Waffen in den Brandgräbern der nord- und westdeutschen Regionen fast gänzlich. Weiter östlich enthielten reiche elbgerman. Körpergräber durchaus Waffen und Reitausrüstungen. Allgemein wurde meist in Brandgräbern bestattet, die eher spärliche Beigaben aufwiesen, hin und wieder waren deformierte Waffenteile vorhanden. Vermutlich strahlte die röm Sitte waffenlos zu bestatten auch in das benachbarte Barbaricum aus, ähnlich wie später die Sitte der Körperbestattungen. Von 582 Gräbern in Großromstedt/Thüringen der röm. Kaiserzeit enthielten innerhalb von 50 Jahren nur 6% eine Schwertausrüstung, etwas häufiger fanden sich Teile von Lanzen oder Schilde. Zwischen dem V. bis VII. Jh haben wir in Norddtld Waffengräber nur sehr vereinzelt. In Bremen-Mahndorf wurden von 260 Bestattungen nur drei mit Schwert oder Sax ausgestattet, bei Drantum, nahe Kloppenburg wurden in 540 Gräbern nur zwei Saxe gefunden, auf dem Gräberfeld von Cleverns im Kreis Friesland enthielten von 220 Gräbern nur drei Hiebwaffen und bei Zetel, Kreis Friesland fanden sich in über 700 Gräbern nur sieben Schwerter und Saxe, bei Dunum in Ostfriesland mit rund 800 Gräbern nur zwei Schwerter, in Katzendorf bei Haarburg mit ca 500 Gräbern gar keine Waffen. Im fränkischen Raum sah es etwas anders aus. Aus den rd. 160 untersuchten Gräbern im Raum Ingelheim, hptsl. aus der jüngeren MWZ des VII. Jhs, vielfach gestört, wurden rd. 40-50 unterschiedliche Waffenteile geborgen, davon gab es 3 Hinweise auf Spathen, 16 Saxklingen, 2 Franzisken, 12 Lanzenspitzen, Pfeilspitzen aus fünf Gräbern und 9 Schildfragmente. Eine hohe Anzahl an Waffen brachten hingegen die oben erwähnten nordeurop. Kriegsopferbeutedeponierungen des III./IV. Jhs, wie bsplw Illerup, Platz A dort standen 410 Speer- und 366 Lanzenspitzen rund 100 Schwertfunde gegenüber. Aber diese Objekte stehen in gänzlich anderem Kontext als Grabfunde.

15/Nach der Beobachtung, daß sich nur an der Rückseite von Kleinfibeln einfache leinwandbindige Stoffe nachweisen ließen, während dieses Gewebe auf den Bügelfibeln auch auf der Schauseite auftauchte, läßt sich folgern, daß Kleinfibeln schlichte (Woll-)mäntel schlossen, während die Bügelfibeln darunter an der Oberbekleidung (Tunika, Kleid) hafteten. Denn an letzteren ließen sich auf der Unterseite regelmässig gemustere Gewebe in verschiedenen komplexen Köperbindungen nachweisen oder Reste feiner Brettchenborte, die vom Stoffgürtel oder Gewandsaum stammen könnte [siehe Kleidung im Frühen MA. Am liebsten schön bunt! Porträt Archäologie 3, S. 39.] Zu den Gehängebändern mit Amulettcharakter des VI. Jhs, versehen mit kleinen Schnallen, Zungen aus Bunt- und Edelmetall und Ringen aus Edelmetall oder Eisen siehe ebenda, S. 41ff. Hinzu die interessante Beobachtung, daß die tief getragenen Gehänge gleichzeitig mit der Aufgabe der Bügelfibeln zum Ende des VI. Jhs verschwanden und durch Brustgehänge mit diversen (Glas-)Perlen, Bernstein und metallenen Anhängern in der jüngeren MWZ ersetzt wurden. Davon zu unterscheiden sind Gürtelgehänge mit Zierscheiben, kleinen Täschchen und diverse Utensilien des täglichen Gebrauchs.

16/Kleidung im Frühen MA. Am liebsten schön bunt! Porträt Archäologie 3, S. 31ff. Noch einmal ein Indiz für die unterschiedliche Verwendung von Klein- und Bügelfibeln. Während letztere Stoffe in irgendeiner Form zusammen steckten, bzw. hielten, durften die Kleinfibeln schwere Wollmäntel an den Einstichstellen nicht ausreissen, also wurden Schlaufen oder Ösen gesetzt.