V-VIII

400-800

IX-XI

800-1025

XI-XIII

1025-1250

XIII-XIV

1250-1350

XIV

1350-1400

Beutelhalter XIII-XV Knieriemen XII-XV

XV

1400-1450

XV-XVI

1450-1520





DRAGAL

fertigt und montiert „Rinken“ (Schnallen), „Spenglin“ (Beschläge) und „Senkel“ (Zungen)

für Gürtelrekonstruktionen der Darsteller/Reenacter

im Früh-, Hoch- und Spätmittelalter (=FMA/HMA/SMA).

Beratung und Ausstattung für Museen, Dokumentationen, Film- und Theaterproduktionen möglich.



Mythos Langgürtel“

Geschichte der Gürtelmode vom V. bis zum XVI. Jh1

Angestrebt wird die Gürtelmode vom V. bis zum XVI. Jh. anhand von Gürtelrekonstruktionen exemplarisch vorzustellen, angelehnt an originale Fundstücke, zeitgenössische Kunstwerke, historische Text- und Bildbelege und an Statuten für die Gürtlerzunft (deutlich unterschieden von den „Riemern“ und „Riemenschneidern“) mit dem Schwerpunkt auf die untere und eine, sich in dieser Zeit entwickelnde, mittlerer soziale Schicht. Das Projekt ist damit extrem breit angelegt, der gewählte Betrachtungszeitraum groß, so daß sich aufgrund der vielen modischen und technischen Innovationen notwendigerweise Vereinfachungen ergeben müssen. Denn wie unendlich weit ist das SMA vom FMA modisch entfernt! Es können nur grundlegende Beispiele gezeigt werden. Zur Einführung in die jeweiligen Jahrhunderte sind historische Begebenheiten kurz angerissen, damit die jeweiligen Gürteltypen in ihrem zeitlichen Kontext gesehen und Modifikationen der Gürteltypen aus diesem Umstand heraus erklärbar werden. Der Schwerpunkt liegt auf der zivilen Gürtelmode! Waffengurte sind untrennbar mit der Waffe verbunden, wie Schwertgurte mit den entsprechenden Befestigungen an der Scheide, Schultergurte, Köchergurte oder die schweren Gurte mit Spannhaken für Armbrustschützen und ähnliche Spezialformen. Der Leibgurt, an welchem Messer, Dolch oder Sax flexibel befestigt sein können, zähle ich nicht dazu. Denn er ist Bestandteil der Kleidung, rafft, hält sie in Form und dient dazu auch andere Gegenstände, wie Taschen, Besteck, Schlüssel, Werkzeug und sonstige Utensilien des täglichen Gebrauchs zu tragen. Für den Waffengurt öffnet sich ein eigenes Untersuchungsfeld, das bei meinen Betrachtungen nur eine untergeordnete Rolle spielen kann. Das schließt die Überlegung mit ein wer überhaupt befugt war eine Waffe zu tragen und falls ja, welchen Typ? Ein Waffenrecht hatte nur der „Freie“ und im eingeschränkten Maß der echte „Bürger“ und das sind eigentlich Minderheiten in der mittelalterlichen Gesellschaft, siehe ganz unten Exkurs 4: „Bürger-Einwohner“. Mitte des XV. Jhs war bsplw in Nürnberg und in Weissensee/Thüringen das Tragen von „Barten, Langmessern oder Mordwehren“ grundsätzlich verboten!2 Auch ein Söldner wird hier nicht mit der Waffe umher gelaufen sein, sondern blieb schön vor der Stadt. Damit war nicht jeder Mann des Mittelalters automatisch ein Waffenträger, ganz im Gegenteil. Denn die Waffe verdeutlicht Konfliktsituationen, kennzeichnet den Stand und ist Ausdruck verliehener Macht. So ist die Auswahl der Bewaffneten auf Abbildungen mit zivilen „biblischen“ Szenen (also unsere Hauptquelle im SMA, „wo doch immer Waffen erscheinen“) in Wirklichkeit auf bestimmte Personengruppen eng begrenzt! Hier markiert die Waffe den Stand und die Rolle im Gesamtgefüge, sie ist Erkennungszeichen.

Der Leibgurt ist in erster Linie Bestandteil der Kleidung als Gebrauchsgegenstand und bei den gehobenen Schichten als schmückende Zier und wurde so zum Ausdruck der Gesellschaftshierarchie. Er war der Mode unterworfen und konnte in relativ kurzen Zeiten starken Veränderungen unterliegen. „Kleidung ist eine Sprache, mit der in einer Gesellschaft kommuniziert wird.“3 Auch heute noch gilt die Redewendung „ein Amt bekleiden“ und unterstreicht Autorität durch äussere Erscheinung. Gürtel konnten in Tradition, Mythen und Sagen auch als „Träger der Kraft“ gelten, deshalb gab es z.B. Gürtelschnallen, die als Reliquienbehälter gedient haben mögen, Belege in Sutton Hoo, bei alemannischen Grabfunden oder man denke an das Nibelungenlied.

Dem Leser dieser Seiten mag ein scheinbar befremdliches Abdriften zu Fragen der Sozialstruktur und zur Verfassung des mittelalterlichen Gesellschaftssystems auffallen oder stören, auch die Beschäftigung mit Prozessionen, Aufführungen und einer möglichen Verbindung zur Tafelmalerei, die in der modernen Forschung bereits verworfen wurde, was ich allerdings anders sehe. Ich bin bestrebt mir ein gedankliches „Spielfeld“ zu schaffen, beleuchtet durch die Facetten in denen sich das Mittelalter uns heute zeigt. Und das ist momentan noch sehr klein gemessen an den Möglichkeiten die mein literarischer Fundus und mein Archiv her gäbe, wenn ich mehr Zeit hätte. Es geht nicht darum altbekanntes Wissen als „Füllmaterial“ wiederzukäuen, sondern es ist mein erklärtes Ziel herauszuarbeiten, wie sich die sozialen Ränge gestalteten und wer unter wessen Einfluß stand, um die jeweilige Kleidung und damit auch den dazugehörigen Gürtel einzuschätzen. Das personale Abhängigkeitsgeflecht war enorm und das damalige Gesellschaftssystem von dem heutigen so grundverschieden, daß es schwer fallen mag Verständnis dafür zu entwickeln und es glaubhaft darzustellen. Also versuche ich zeitlich weit vorne anzusetzen und beginne bereits in der Spätantike, schaue mir die Entwicklung des Gesellschaftssystems mit den daraus resultierenden Rechten und Zwängen für den Einzelnen an, um zu beurteilen wer welche Grundmaterialien bzgl. der Gürtel erlangte, verarbeitete oder trug. Archäologische Funde sollen mit künstlerischen Erzeugnissen in Stein, Metall oder auf Pergament und Papier abgeglichen werden, um sich der Aussage anzunähern wer mit welcher Ausstattung dargestellt wurde? Meine Gedankengänge zielen auf ein praktisches Ergebnis hin und weniger auf kunsthistorische Betrachtungen, die aber als Mittel zum Zweck für HMA/SMA unerläßlich sind. Denn als Quellengattung stehen uns häufig Kunstwerke, nach heutiger Normierung, zur Verfügung, damals war ein Tafelbild in erster Linie Handwerk. Und das Handwerk, wenn auch in erheblich einfacherer Form, ist für mich ebenso wichtiges Betätigungsfeld, denn es gilt ja Gürtelformen zu rekonstruieren.

[Die Seiten werden weiter umstrukturiert, immer noch Großbaustelle (!), 2018 keine Gelegenheit daran zu arbeiten, aber bald ist das frühe HMA dran...]

Und hier ganz deutlich: Trotz dem bisher angesammelten „Fachwissen“ heißen diese Seiten nicht „Ich weiß wie es geht“, sondern „Ich schlage jetzt mal eine Richtung ein“. Das kann bedeuten, daß ich bei neuem Kenntnisstand gravierend den Kurs ändere. Ich kann nicht ständig ein „vielleicht“, „mglw“, „könnte sein“, es obliegt dem Anschein“ oder ähnliche Zweifelsformulierungen einbauen, aber sie sind da! Ich lerne viel durch die Erstellung dieser Seiten, weil ich die eigene und landläufige Meinungen nun ständig mit meinem Archiv in Form von Buch, Text und Bild abgleiche, was für mich manche Überraschung birgt. Diese Seiten werden also immer ein „work in progress“ sein, ich stehe hier mit mir selbst im Diskurs, auch wenn das äusserlich nicht so wirkt, sozusagen „Arbeit zum Mitlesen“, deshalb werden ständig Passagen geändert. Ein Leser mag meinen Ansichten folgen, zur eigenen Nachforschung angeregt werden oder sie für sich als überholt ansehen. Das hier ist kein genereller Leitfaden, sondern in manchen Punkten eine Empfehlung, eher eine Groborientierung und dient in erster Linie dazu mich selbst dem Mittelalter aus verschiedenen Blickwinkeln anzunähern !



Originalschnallen XIII. - Anf XIV. Jh

In der Rekonstruktion historischer Objekte gilt anzumerken, daß sich diese Seiten bezüglich der verwendeten Materialien auf die Metalle Eisen, Bronze, Messing, Zinn, bzw. auf verzinnte oder versilberte Gegenstände beschränken. Weitere Materialien werden erwähnt, aber nicht anschaulich gemacht. Der Schwerpunkt liegt auf dem standes- und zeitgemäßen Gürtel unterer Schichten, nach mittelalterlicher Arbeitsweise und Material belegbar und für eine gewisse Zahl von Darstellungen für Mann und Frau im Reenactment angemessen.4 Die notwendige Voraussetzung ist die bereits erwähnte Beschäftigung mit der mittelalterlichen Ständegesellschaft, um zu erkennen, was einzelnen Ständen möglich war.



Das Mittelalter kannte lange Zeit nur eine niedere und hohe soziale Schicht, der Mittelstand arbeitete sich (im wahrsten Sinne des Wortes) langsam heraus. Stellvertretend für die zahlenmäßig breite untere Schicht standen z.B. Knechte und Kriegsknechte, ancillae (Mägde), Tagelöhner, Schergen, Gesellen, unfreie Bauern als Hörige, usw. Besser situiert waren Handwerker, wovon der Großteil nicht automatisch „Bürger“ in einer Stadt war, nur weil er in dieser lebte, sondern es war abhängig vom Grundbesitz, Eintrag in die Bürgerrolle, Steueraufkommen und der Tätigkeit („schmutzige“ Gewerbe, wie Gerber, Lederer, Schmiede waren weitaus weniger angesehen als z.B. Silber- und Goldschmiede, Schneider, Kürschner, die zu den gehobeneren Rängen zählten), auch bei den Kaufleuten bestimmte die Ware den Status. Der Krämer mit Ware für den täglichen Bedarf hatte ein anderes Ansehen als der Tuchhändler für edle Stoffe oder der Fernkaufmann für Rohstoffe oder Gewürze. Frauen konnten, je nach Gewerbe, in die handwerkliche Produktion oder in kaufmännische Vorgänge eingebunden sein. In seltenen Fällen sind auch vollkommen selbständig agierende Frauen nachweisbar. In meiner Gürtelzuordnung trenne ich „zwischen den Gürtelformen der niederen Bürger und des einfachen Volkes“ mit Handwerkern, Krämern, Gesinde und Schergen und den „höfischen u hochbürgerlichen Formen“ für Adel und gehobenes „betuchtes“ Bürgertum, wie Fern- und Großkaufleute, exklusive Handwerker, Zunft-, Bau- und Münzmeister, geschworene Eichmeister, Schöffenbare und Dienstmannen in gehobenen Positionen, die man dem Stadtpatriziat und Ratsherrn zurechnen würde.

Die große Riege der niederen und höheren unfreien Beamten/Dienstmannen/Ministeriale ließe sich erweitern mit Burg- bzw. Amtmännern, Meiern (Meyer), Schultheißen (Schulze), Schossern (Steuereintreiber), Schöffen, halbreie Laten, dann Freisassen. bzw Freibauern oder die auf ihren Ritterschlag verzichtenden Edelknechte, Gefolgschaftsführer, bzw später Hauptleute, etc. Weitere Fallbeispiele und angemessene Materialempfehlungen für Gürtel nach einem grob vereinfachendem Schema, siehe unten.5 Es werden nur wenig exklusiven und einmalige Sonderformen aus wertigen Edelmetallen (Gold, Silber, Vergoldung) für den Geburts-/Hochadel (Herzog, Graf, Earl, Jarl, Lord, Freiherr-Baron) gezeigt, deshalb gibt es bei mir die Zuordnung „Adel zweite oder dritte Garnitur. Denn mehr kann ein Gürtel aus Bronze oder Messing für jene nicht gewesen sein. Der „Ritter“ hatte eine Sonderrolle, da dieser dehnbare militärische Begriff zunächst den „freien Reiterkrieger“ bezeichnete. Erst in der „Landfriedensordnung“ Friedrich Barbarossas von 1152 wurde der Ritterstand erbständig und „ritterbürtig“ war nur, der seine Vorfahren zu den Rittern zählte. Das waren reine Titel, nicht abhängig vom Landbesitz, wie beim Adel. Damit bildete sich im Laufe der Zeit ein eigener Stand niederen Adels heraus, als Dienstadel war er deutlich getrennt vom Geburts-/Hochadel. Ritter wurden als gewappnete Reiter mit Sporen, Schwert, Schild und Lanze durch Skulpturen oder auf Grabplatten dargestellt. Die Ausrüstung alleine sagt noch wenig aus. Denn dahinter konnten sich ebenso unfreie Ministeriale, engl. knights (Knechte) in einem Gefolge, aufsteigende Ministeriale mit oder ohne erbberechtigten Titeln, niedere Adelige, sowie Hochadelige verbergen, wie bsplw die „sieben Kurfürsten“ in Rüstung vom Kaufhaus Brand im LM Mainz aus der ersten Hälfte des XIV. Jh. Auch als Gewappnete an Kapitellen tauchen Gerüstete auf, wo ihre Rolle meist nur aus dem Zusammenhang zu entschlüsseln ist. Der Stand ist bestenfalls ablesbar an der Exklusivität der Ausrüstung, bsplw. an der Farbe des Schwertgurts, Farbe/Material der Sporen und übrigen metallischen Ausrüstung und möglichen Zieren, am Wappen, uvam. Als weiteres Beispiel sollen hier die bekannten Naumburger Stifterfiguren dienen, Mitte des XIII. Jhs gefertigt, rein äusserlich in ritterlicher Aufmachung waren es doch hochadelige Grafen und Markgrafen. Es ist zu vermuten, daß sie deutlich bessere Ausrüstung zur Schau stellen, als ein „gemeiner“ Reiterkrieger/Ritter. Der „Ritter“ wurde in einer militärisch geprägten Gesellschaft zu einem Ehrbegriff und dem Rittertum haftete ein Nimbus an, dem sich selbst Könige nicht entziehen konnten, die höfische Kultur war, durch den französischen Einfluß, untrennbar mit ihm verbunden.

Grundsätzlich soll mein Gürtelreplikat dem „prüfenden Auge“ eines Museumsexperten standhalten, falls ein Darsteller hier sein Betätigungsfeld sucht. Ich bevorzuge die „glaubwürdige Darstellung“ und werde weniger mit dem „A“-Begriff operieren. Wenn überhaupt steht „A“ für „Annäherung“ und nicht mehr...Denn ich halte es für unsinnig sich in Haarspalterei zu verlieren, ich möchte bsplw. nicht darüber diskutieren, wieweit die Parierstange gebogen sein muß, „damit es richtig ist“, sondern von wem das Schwert der Abbildung gemäß getragen wurde und ob es überhaupt Sinn macht sich als „ernsthafter Reenacter“ damit auszurüsten. So kann ein Schwert der Hl. drei Könige ein markantes Erkennungszeichen sein und keine alltägliche Ausrüstung. Die gebogene Klinge des „Malchus“, dessen Bezeichnung auf den Diener des Hohepriesters zurückgeht, war in den Schauspielen und auf den Tafelbildern vornehmlich ein Zeichen für den heidnischen Krieger und den Bösewicht. Es gibt jedoch eine Reihe profaner Abbildungen, die belegen, daß dieser „Krummsäbel“ darüber hinaus im Westen durchaus bekannt und genutzt wurde, wie auf der „Wildschweinjagd“ des Gaston Phoebus zu Beginn des XV. Jhs.

Zudem bin ich mir bewußt wie spekulativ selbst „wissenschaftliche Aussagen“ sind. Denn „Wissen“ hat auch mit „Glauben“ zu tun, bzw. mit Vertrauen. Denn nicht immer besteht die Möglichkeit sich mit Primärquellen zu beschäftigen. Aus rationalen und rationellen Gründen vertrauen wir Sekundärquellen, wir können ihnen folgen und übernehmen ihre Aussage oder zweifeln sie an. Jede Erkenntnis ist momentan und kurzzeitig, kann jederzeit hinterfragt werden. Wer möchte schon aus seiner Darstellung heraus eine Doktorarbeit schreiben und sich damit auf eine wissenschaftliche Diskussion einlassen? Wir haben alle unser „eigenes Mittelalter“ in den Köpfen und jeder legt nach Wissen und Neigung andere Schwerpunkte, fokussiert auf diverse Aspekte dieser gewaltigen gut 1000jährigen Zeitspanne. So begegne ich immer wieder hochgradigen Spezialisten für spezifische Sachverhalte oder Zeiträume. Meine Arbeit dient dem groben Überblick, nicht fokussiert auf 50 Jahre Entwicklung, sondern auf die 20fache Zeitspanne (!) und dabei „stolpere“ ich nicht selten und nicht ungern über Dinge, die scheinbar bislang allen hinreichend bekannt waren und deshalb kaum hinterfragt wurden...

Der Mensch macht Geschichte und merkt nicht, dass die Geschichte ihn macht“ Raymond Aron



Königsportal“ Chartres Mitte XII. Jh, gehobenes „biblisches Personal“ im Gewand der franz Mode?

Ich bin „Gürtler“ und nach mittelalterlichen Statuten nur für „einfache“ Gebrauchsgürtel zuständig.6 Hinzu setze ich meist „Rinkenbleche“, also befestige Schnallen mit Blechen und Nieten, im Gegensatz zu den „Riemern“, die Schnallen wohl annähten, da ihnen das Erstellen von Blechen nicht erlaubt war. Aufwändige Varianten in Silber und Gold wurden damals von den Silber-/Goldschmieden erstellt. Von jenen ging Innovation, künstlerische Erfindung und Neuerung aus, um den Geltungsdrang potentieller Auftraggeber zu befriedigen. Sie schufen wegweisende Objekte, die als „modisch“ im eigentlichen Sinne bezeichnet werden durften. Gürtler haben die aufwändigen Formen in Bronze, Messing oder Zinn nachgeahmt und die Güsse vereinfacht. Nur in Ausnahmen habe ich bisher für Darsteller gehobener sozialer Schichten Werkstücke in Silber und Gürtel in Seide gefertigt (es sei auf die grundlegende Publikation Ilse Fingerlins verwiesen, die sich, neben einfachen Schnallen und archäologischen Funden, auf recht kostbare Objekte stützt, die obertägig erhalten blieben, hierzu bedarf es keiner Ergänzung meinerseits. Bei den erhaltenen Stücken erwähnt sie, neben Ledergurten, oft Stoffborten und weist damit auf die gehobene Qualität des Untersuchungsmaterials hin). Mein Hauptbetätigungsfeld liegt auch nicht bei Horn-, Geweih- oder Knochenarbeiten. Es gab durchaus kostbare Schnallen aus Elfenbein (siehe den frühmittelalterlichen Fund aus dem Frauengrab 129 in Bopfingen oder den vollständigen Gürtel Ende XV. Jh, heute in Dublin, Fingerlin-KatNr.72). Schlichte Formen konnten im eigenen Haushalt erstellt werden. Der Anteil von Horn-/Knochenmaterial bei den Gebrauchsgegenständen des Mittelalters war hoch, wie dies archäologische Funde unter günstigen Bedingungen belegen, siehe z.B. die Funde aus Haithabu/Schleswig oder die große Anzahl von erhaltenen Messergriffen, Kämmen, Ahlen, Nadeln, etc. Nur selten haben wir auch Nachweise für Schnallen aus Geweih oder Knochen. Auf zeitgenössischen Abbildungen sind sie schwierig zu interpretieren, mglw. sind die Schnallen der beiden „Marionettenspieler“ im Hortus Deliciarum von 1185 aus diesem Material, da sie farblich genauso gestaltet sind, wie ihre weissen Gurte, siehe rechts unten. Auch die grossen runden Schnallen des XV. Jhs, getragen zur Männerrobe (Typ siehe auf den „1450-1520“ Seiten), könnten aus Geweih gewesen sein, denn sie werden auf Abbildungen farblich extrem hell dargestellt. Möglicherweise ist aber auch eine Verzinnung gemeint. Archäologisch ist eine solche Schnalle in London, (Egan Nr. 387), mit einem Maß von 47x55mm in einer Zinn-Blei-Legierung nachweisbar. Das ist selten, denn eher waren so große Schnallen aus härterem Material und wurden verzinnt, so ist obiges Objekt auch an der Dornachse gebrochen. Der Vollständigkeit halber muss ich erwähnen, daß ich auch keine Schnallen aus Halbedelsteinen, wie Bergkristall, Nephrit, aus „Meerschaum“, o.ä. fertige, wie sie aus dem FMA überliefert sind. Denn auch jene stammen aus den reichhaltigen Gräbern der sozialen Oberschicht.



Wie kann man für seinen gewählten Charakter die angemessene Form finden? Eine Frage, die nicht leicht zu beantworten ist. Denn es spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Ort und Zeitpunkt der gewählten Darstellung und sozialer Rang sind ausschlaggebend, aber auch besondere Umstände in denen sich der mögliche Charakter befindet, wie Kriegszeiten, Wik-Fahrt und Plünderung, auf dem Marsch, auf der Jagd, im Feldlager (was sicher die meisten Darsteller betrifft), auf der Scholle, auf Reisen, auf dem Thing oder Markt, bei der Ausübung eines Handwerks, auf dem Turnier oder bei einer Festivität, einem politischen Akt, einem repräsentativen Ereignis, einer sakraler oder profanen Prozession,7 am Hof eines Fürsten und Bischofs oder gar bei dem Großereignis eines Königseinzugs oder -empfangs, im Gottesdienst, im Ratssaal oder vor Gericht, uvam. Bei all diesen Ereignissen wird, vor allem bei gehobenem Rang, unterschiedliche Kleidung angelegt und dazu zählen passende Gürtel! Selbstredend erfordern militärische Darstellungen gänzlich andere, z.B. stabile Formen, als zivile repräsentative Darstellungen, wo Ornament und schmückende Zier in den Vordergrund rücken. Diese detailliert „belebte“ Sichtweise wurde mir durch einen englischen Reenacter vermittelt und sehe darin tatsächlich gutes Reenactment begründet. Das intensive „Eintauchen“ in die Zeit des gewählten Charakters erzeugt „Glaubwürdigkeit“ und erscheint mir erstrebenswerter als die in Dtld weit verbreitete „Genauigkeit = Echtheit“ im Detail. Die kommt von alleine, wenn sie denn beabsichtigt wird, man zielstrebig seinen Weg verfolgt und die Darstellung in ein gedankliches Umfeld gebettet hat.



Hortus Deliciarum“ Ende XII. Jh, der junge Adel spielt den Ernstfall



Salzburg Mitte XIII. Jh, einem jüd. Einwohner verpfändet

Welche Quellen können herangezogen werden? Ich habe früher den Fehler gemacht und interessante Objekte auf mittelalterlichen Bildern oder Skulpturen so nah wie eben zulässig fotografiert. Und nur diese Detailaufnahmen wurden archiviert, um möglichst viel über Material, Beschaffenheit und Bearbeitung zum gewünschten Gegenstand auszusagen, ohne den Gesamtkontext zu beachten. Ein schwerwiegender Fehler! Denn dadurch konnte ich später nicht mehr sagen, welche dargestellte Person die Tasche oder die Schnalle eigentlich trug? Inzwischen arbeite ich vollkommen anders und komme zu überraschenden Ergebnissen. Abbildungen sind ohne kunsthistorische Betrachtungen kaum zu enträtseln. Hinzu bedürfte es für das HMA und SMA einer grösseren „Bibelfestigkeit“ als ich sie mitbringe oder es erfordert die Beschäftigung mit der Legenda Aurea des Jacopo de Voragine. Da viele Bildinhalte darauf zugeschnitten sind ist die Kenntnis des Personals der dargestellten „biblischen“ Szenen, bzw. Szenen aus der Familie Jesu Christi, Marias oder der Johannes des Täufers von enormen Belang. Wer trägt was in welcher sozialen Stellung? Wie definiert Kleidung den Stand und wie funktionieren mögliche Codes? Auf den entsprechenden Seiten wird in diesen Themenkomplex eingeführt, um mir selbst klar zu werden, was z. B. von spätgotischen Tafelbildern, die durch ihre Detailtreue bestechen, als verwertbare Aussage zum „Durchschnittsgürtel“ herausgezogen werden kann.



Ich bin der Ansicht, es sollte vermieden werden, daß der Darsteller eines Handwerkers den Gürtel „Melchiors“ trägt, wenn eine glaubhafte Darstellung angepeilt wird. Das klingt jetzt simpel und einfach. Aber wie steht es mit dem Gürtel eines Heiligen? Ist hier ein Bürger oder ein Adeliger dargestellt? Darstellungen Marias und weibliche Heilige sind lange Zeit die einzigen Quellen zur Gürtelerstellung für Frauen, da sie im öffentlichen Auftreten so lange zurück standen und erst in der bürgerlichen Sphäre des SMAs bildhaft werden. Die Heiligen stammen vornehmlich aus der Spätantike, sind also zeitlich, und meist auch örtlich, weit entrückt. Stammt das Abbild des Geißlers aus dem europäischen Umfeld oder wird eher das Heilige Land mit seiner fernen „röm.-byzant.“ Vergangenheit historisierend umgesetzt? Denn es ist keineswegs immer so, wie vielfach angenommen wird, daß historische Vorgänge in das Gewand der Entstehungszeit eines Bildes, gepresst werden. Die Thematik ist weitaus verzwickter, als sie auf den ersten Blick erscheinen mag. Siehe auch unten die Fußnote: Die Sprache der Kleidung 8



Bayeux 2. Hälfte XI. Jh auf dem Kriegszug











Fragmente Originalschnallen Ende XV. - XVI. Jh

Die Datierung der Gürtelteile folgt einer „Kernzeit“. Es wird nicht unbedingt der früheste Beleg herangezogen, sondern der häufigste. „Das Leben zeigt ständig Übergänge, wenn das Alte nicht verschwunden und das Neue noch nicht zur Blüte gelangt ist.“ Wir können davon ausgehen, daß ein Wechsel in der Mode mit jeder Generation erfolgte, also sind die Abstufungen viel feiner als wir sie je erfassen können. Es gibt nicht „die Schnalle des XIII. Jhs“, sondern nur eine Form, die in bestimmten Jahrzehnten da und dort häufige Verbreitung fand, in einer anderen Region manchmal erst viel später oder gar nicht. Die Wissenschaft ist bemüht heutzutage solche Entstehungs-, Kern- und Verbreitungspunkte heraus zu arbeiten. Aber es ist es denkbar, daß Schnallentypen Jahrzehnte nach meiner Nennung noch oder bereits vorher in Benutzung waren. Absolut punktgenaue Datierungen sind aus mehreren Gründen oft schwierig. Ein Beispiel siehe unten9. Vielleicht ist es sinnvoll sich eher an stilistischen und kunsthistorischen Definitionen von romanischen, früh- hoch- oder spätgotischen Formen anzulehnen. Unsere Quellen öffnen nur ein bedingt verlässliches Zeitfenster. Archäologische Schnallenfunde, die aus isolierten Einzel- oder Detektorsuchfunden stammen, können nur über ortsferne Vergleiche annähernd datiert werden. Bei Grabfunden gelingt dies ortsgebunden über mögliche Beifunde wie Münzen oder Keramik, manchmal Holz, die sich in aufwändigen Verfahren technisch bestimmen lassen, ähnlich bei Siedlungsgrabungen, die zumindest eine relative Chronologie zu Funden einer tieferen oder höheren Schicht aufweisen und meist Keramik zur Feindatierung verwenden.



Über die Urheber unserer Quellen im HMA/SMA, die Maler, Steinmetze, Bilderhauer, etc und ihre Werkstätten

Zunächst sollten wir uns darüber bewußt machen, daß wir heute nur einen minimalen Bruchteil an erhaltenen mittelalterlichen Kunstwerken für unsere Betrachtungen zur Verfügung haben. Allein im Münster zu Ulm standen einmal 50 Altäre! Die Verlustrate von Werken der spätgotischen Kölner Tafelbildmalerei wird auf 98% geschätzt ! Auch der Nordschweizer-, Konstanzer- und Bodensee-Raum, eine der vielen künstlerischen Hochburgen des SMAs wurde durch die Bilderstürmer der zwinglianischen Reformation aus Zürich im dritten Jahrzehnt des XVI. Jhs gründlich katholisch „entkernt“.

Die erhaltenen obertägigen Kunstwerke wurden vor dem XV. Jh bei uns selten signiert oder datiert, in Italien schon in romanischen Zeiten üblich. Im XIII. Jh verewigten sich Goldschmiede auf den kostbaren Reliquienschreinen und frühe Vertreter für die Tafelbildmalerei sind bsplw Conrad von Soest in Wildungen 1403, der Meister des Jacobialtarretabels in Göttingen 1402, Lukas Moser 1431 in Tiefenbronn (heute Person umstritten) oder zeitgleich Konrad Witz aus Rottweil. Die Signatur des Künstlers ist Ausdruck des erwachten „Bürgerstolzes“, auch Zunftzeichen wurden üblich. Zuweilen gibt es Aktenstücke zu ausgeführten Aufträgen, Verträge oder datierbare Zeitzeugenberichte. Holztafelbilder lassen sich hinzu dendrochronologisch bestimmen. Ansonsten werden die Werke nach den Lebensläufen der Künstler, den „Schulen“ mit gegenseitiger Beeinflußung oder generell nach kunsthistorischen Gesichtspunkten zeitlich eingeordnet. Aber es stellt sich entschieden die Frage, ob der Maler oder Bildhauer die Gegenstände aufnahm, die er momentan vor sich hatte, dokumentierte er die adelige und bürgerliche Lebenswelt oder arbeitete er nach einer Konvention, weil es der vorherrschende Stil war oder die Vorgabe des Auftraggebers? Archäologische Funde belegen, daß Gürtelteile nicht der Phantasie der Maler entsprungen waren. Allein nur nach Können oder Vorliebe und nach dem, was er in der Jugend als Geselle gelernt hatte wird sich der Meister kaum gerichtet haben. In der Kunst musste man den Zeitgeschmack treffen, sonst konnte man im Wettbewerb, geschweige denn im „internationalen Konzert“ nicht mithalten. Aktualität, nicht unbedingt Modernität war gefragt. Stefan Lochner konnte sich Mitte des XV. Jhs mit seinen traditionellen Goldhintergründen noch gut gegenüber der modernen niederländischen Malerei behaupten, indem er auf prunkvolle Details und Requisiten, auf durchdachten Bildaufbau und erkennbare Physiognomien der Dargestellten wert legte. Richtete sich ein Meister in den Details nach grafischen Vorlagen, Musterbüchern oder Skizzenblättern, nach der Buchillumination eines bedeutenden Scriptoriums oder kopierte er schlichtweg Kollegen, was häufig vorkam, denn sonst wären unsere heutigen spitzfindigen vergleichenden Kunsthistoriker ja arbeitslos? Scheinbar war das Kopieren von beachteten Neuerungen nicht schändlich, im Gegenteil eher selbstverständlich und es wurden geniale, populäre Kompositionen wiederholt, mit deutlichen Ursprüngen und Ausstrahlungszentren. So sind Bildfindungen, Aufbau und Problemlösungen nachgeahmt worden, mglw. war auch Zeitdruck ein Grund.10 Zu den inhaltlichen Problemen kommen auch ganz formale, wie der Umstand, daß die Malerei auf Tafel oder im Buch den Eindruck erweckt Farben seien nicht unbedingt nach der Natur oder bekanntermaßen nach Bedeutungsebenen, sondern bewußt aus kompositorischen Gesichtspunkten gewählt worden. Der künstlerische Bildeindruck könnte also überwogen haben gegenüber einer nicht beabsichtigten naturalistischen Wiedergabe, wie wir sie vermeintlich voraussetzen !!!

Auftraggeber werden Künstler zu Reisen veranlasst haben, wenn es nicht eh Wanderhandwerker waren, wie in den Bauhütten, um berühmte Kunstwerke zu skizzieren und durch ausgeführte Bildannäherungen in den Genuß der Betrachtung zu kommen oder sich im Besitz von Gleichwertigem zu rühmen. Musterbücher konnten eine wichtige Rolle spielen. Sie wurden abgezeichnet und tradiert, im SMA auch gedruckt und fanden so Verbreitung, auch illuminierte Handschriften trugen zur weiten Verbreitung von Bildinhalten bei. Übertragungen, Ähnlichkeiten über gewisse Zeiträume und Entfernungen waren möglich und vermutlich auch gewollt. In vielen Fällen arbeiteten unterschiedliche Gewerke Hand in Hand und übernahmen nur Teile der Ausführung. Bücher konnten z.B. auch ohne konkreten Auftraggeber für „die Halde“, bzw. den Handel produziert werden. In der Buchmalerei war, aufgrund des geringeren Equipments, das Wandern, nicht nur von Gesellen, sondern auch von Meistern verbreitet, im Gegensatz zu Tafelbildmalerei. Denn dafür benötigte man große Werkstätten mit viele Mitarbeitern und handwerkliche Spezialisten für Vergoldungen, Preßbrokate, etc. oder auch inhaltliche für Details, z.B. für Landschaft, Schmuck, Porträts, uvam. Ein Meister des SMAs konnte nur als Zunftangehöriger Berechtigung erlangen eine Werkstatt zu führen und war damit als Bürger an eine Stadt gebunden. Seine Arbeit beschränkte sich nicht selten auf den Vertrag und den zeichnerischen Entwurf der Bildtafel, heute durch Infrarot als „Unterzeichnung“ erkennbar, wenn er keinen weiteren künstlerischen Anreiz darin sah anspruchsvolle Elemente des Bildes selbst zu fertigen. Eigenhändige Leistungen mussten zuweilen gesondert vertraglich vereinbart werden, ansonsten oblag die Arbeit, bzw. die Fertigstellung des Kunstwerks, darunter auch die farbliche Ausmalung des Bildes, der Schar anonymer Gesellen, deren Aufgabe eher solides, solidarisches Handwerk und weniger die geniale Einzelleistung war, die ja als „Meister“ später noch folgen konnte.

Wie haben wir uns bsplw. die Erstellung eines Stifterbildnisses praktisch vorzustellen, wenn die dargestellte Person bereits lange verstorben war? Wurde das Grabmal zu Lebzeiten gefertigt oder stand ein Nachfahre Modell, um den Urahn (üblicherweise meist vom 30. bis 33. Lebensjahr, nach der idealisierten „Jesus-Formel“ des HMAs) zu porträtieren, dem er ja „wie aus dem Gesicht geschnitten sein soll“? Möglicherweise liegt in diesem „Modell stehen“ des Nachfahren ein ganz praktischer Grund für die „Jugendlichkeit“ des Porträtierten, der nicht wie ein Greis kurz vor Lebensende Darstellung fand und es hat nichts mit Jesus Christus zu tun?11 In der Buchmalerei des HMAs war es anscheinend nicht üblich „nach der Natur“ zu malen, sondern man hielt sich an Vorbilder, Konventionen, Musterbücher, die sicher im Stil der Zeit in Details verändert wurden, um neue Strömungen aufzunehmen. Wie ist die erstaunliche Genauigkeit bei den Accessoires zu erklären, wenn ein Bildhauer sie nicht irgendwann „leibhaftig“ vor sich hatte. Vermutlich wird nicht sein „Nachbar“ in die Rolle des Landgrafen geschlüpft sein mit einer Ausstattung, die geliehen wurde, kostbare Kleinodien kurzzeitig vom Hof dem Künstler zur Verfügung gestellt? Da wird schon eher der direkte Nachfahre, s.o. ,Modell gestanden haben. Aus dem Gedächtnis, nach dem letzten Besuch bei Hofe, hat der Bildhauer wohl kaum gearbeitet?12

Ist das Kleid wirklich eine neue modische Form oder erscheint es nur dem heutigen Betrachter neu, weil es endlich bildhaft festgehalten wird, aber bereits geraume Zeit getragen wurde? Ist die Mode am Ort des Herstellers oder am Ort des Betrachters üblich? Denn die beiden Punkte müssen nicht identisch sein. Wir können immer nur das erstmalige oder letztmalige Erscheinen einer Form beobachten, sollten uns vielleicht auf die häufigste Nennung als Mittelwert einigen? Denn unser nach „kriminalistischen Methoden“ gesteckte Zeitrahmen trifft die reale Nutzungsdauer mglw. nicht.13 Hinzu kann jede neue Quelle weitere Erkenntnisse bringen oder sich unsere Sichtweise auf einen Beleg radikal ändern. Der Reenacter folgt mglw szeneinternen Publikationen mit alten Forschungserkenntnissen, die ja nur selten korrigiert und überarbeitet werden und in Details bereits überholt sind. Liebgewonnene Ansichten haben sich in unseren Köpfen festgesetzt und wir sehen nur das, was wir sehen wollen. Ich weiß, hier wird viel in Frage gestellt, was bleibt dann noch ….? Welche Aussagekraft hat ein mittelalterliches Kunstwerk für den Reenacter, der sich Orientierung bzgl seiner Darstellung wünscht, aber zur Auswertung viel Hintergrundwissen und eine angemessene Quellenkritik benötigt? Wir sollten uns klar werden, daß wir mit unseren „pseudowissenschaftlichen Ansätzen“ grundsätzlich über Annäherungswerte sprechen. Die Wissenschaft hat die Möglichkeit in Fachpublikationen Korrekturen vorzunehmen, sie erreichen aber nur selten die Reenacterszene. Wissenschaft bedeutet Diskussion und die Inhalte sind kein Dogma, in dieser Beziehung glauben wir das Mittelalter überwunden zu haben.

Bei meinen Datierungsangaben bedeuten die angehängten Kürzel „v“ = vor / „c“ = um / „n“ = nach

Die Ortsangaben sind oft schwierig. Ich habe mich bemüht Ursprungsorte zu nennen, ansonsten der Verbleib, wenn künstlerische Werke in Museen landeten, wobei urspl. zusammengehörige Kunstwerke, wie spätmittelalterliche Retabelwerke, nicht selten auseinander gerissen, Vorder- und Rückseiten getrennt wurden und fragmentiert an unterschiedlichen Orten präsentiert werden. Zukünftig beabsichtige ich „FO“ = Fundort und „AO“ = Aufbewahrungsort deutlicher zu trennen, sicher angebracht wäre auch ein „HO“, ein Herstellungsort, sofern die Quellen dies hergeben. Der „HNO“ ist dann ein anderes Fachgebiet.



Es wird in der Reenacterszene oft mit dem „Erbstück“ argumentiert, wenn das gewählte Objekt zeitlich nicht exakt zur Darstellung paßt. Das läßt sich für sehr kostbare Gegenstände in Silber und Gold, teilweise für Kleidungsstücke, etc. in gewissem Maß mit Testamenten belegen. Wir wissen allerdings nicht, ob diese Stücke von den Erben auch genutzt oder nur wegen ihres Materialwerts aufgehoben wurden, manche Hortfunde ließen sich so erklären! Das gewählte Objekt sollte nicht unbedingt das Endglied einer Kette über mehrere Generationen darstellen. Grabfunde des Frühmittelalters zeigen einen Wechsel der militärischen Ausrüstung, Schnallen oder Fibeln spätestens nach zwei Generationen, oft mit jeder Generation, was auch verständlich ist. Zum einen müssen militärische Änderungen sehr schnell erfolgen. Denn sie sichern das Überleben, anderseits benehmen wir uns heute bzgl der Mode ja nicht grundsätzlich anders! Hinzu halten Gegenstände bei ständiger Nutzung nur bedingt ein Menschenleben lang. Schnallen wurden sicher nicht beliebig oft weiterverwendet, denn irgendwann waren sie gänzlich „out of fashion“. Auf Abbildungen des XV. Jhs finden wir definitiv keine Schnallentypen des XIII. Jhs! Adel und gut situierte Bürger trugen vornehmlich modische Gürtel zu unterschiedlichen Anlässen, die auf den Kleidungsstil abgestimmt waren, so daß der Besitz mehrerer Gürtel wahrscheinlich und ein Wechsel von Formen zeitlebens möglich war. Untere soziale Schichten trugen einfache Formen wohl erheblich länger, denn deren Gewandung unterlag geringen Veränderungen. Erst im Spätmittelalter erscheinen uns auch untere Schichten auf Abbildungen in modischer Kleidung. Sie wurden nun stärker ins Bildgeschehen eingearbeitet, was lange Zeit nicht so war.

Znaim Mitte XV. Jh „Centurio u Würfler“, Offizier u Kriegsknecht



An konservativen Heiligenabbildungen lassen sich hingegen recht altertümliche Formen belegen, beispielsweise Tasseln im XV. Jh am Gewand Mariens. Auch Hortfunde (wie aus Dune, Pritzwalk, Münster, Erfurt, Colmar, Salzburg, Wiener Neustadt, Chalcis/Euboea oder vom Fuchsenhof, uvam.) zeigen „Altmaterial“, da deren Zusammensetzung meist aufgrund des gehobenen Materialwerts zustande kam. Diese angehäuften Gegenstände erschweren uns die Bestimmung der eigentlichen Nutzdauer, da meist nur ein grober Gesamtzeitrahmen und möglicher Deponierungsszeitpunkt, z.B. durch beigegebene Münzen, abgesteckt werden kann. Schwierig wird es auch, wenn das MA historisierend arbeitete. So stellte man Stifterfiguren, die bereits vor Jahrhunderten gestorben waren, nicht immer in der Gewandung der Entstehungszeit des Kunstwerks dar, sondern es wurden auch altmodische Gewandungen verwendet, um das Vergangene zum Ausdruck zu bringen, wie bsplw. bei den Stifterfiguren auf dem Chorgestühl von Blaubeuren, entstanden 1493. Der Stifter Lebzeiten lagen im XI. und XII. Jh. Die Darstellung erfolgte in der Gewandung kurz nach 1400 und keineswegs zeit- und erwartungsgemäß im Stil zum Ende des XV. Jhs!





Fortgeschrittene Ringrollschnallen für Pferdegeschirr oder Rüstungsteile meist aus Eisen, zuweilen aus Buntmetall oder aus einer Kombination von beidem, deshalb fehlt der Dorn.

Absolut wirkende Aussagen sind der Kürze und Knappheit geschuldet, um nicht ständig abzuwägen, wie es vielleicht manchmal sinnvoll wäre. Hier soll ein praktischer Einblick in die Gürtelmode entstehen und keine wissenschaftliche Studie, wenn überhaupt vergleichbar, bestenfalls auf „Wikipedia“-Niveau. Denn ich bin auf Märkten oft gebeten worden meine Arbeitsergebnisse in irgendeiner Form zu präsentieren. Dem will ich hiermit nachkommen in einer chronologisch sinnvollen Art und Weise. Falls einer dieser Gürtel Euch künftig zieren soll, wird auch der Wert angegeben. Inzwischen ist mein Bilderarchiv über Gürtel, Taschen, Fibeln und verschiedene Aspekte der mittelalterlichen Mode und Alltagskultur auf weit über 4000 bearbeitete und viele tausend unbearbeitete Bilder angewachsen,…, ich bleibe dran und gewinne ständig neue Erkenntnisse. Bei Fragen technischer Art oder über die Herkunft von Schnallen, Zungen, etc., einfach eine mail-Postille schicken, siehe unten.



Wichtig: In der mail-Überschrift möglichst das betreffende Jahrhundert „XII, XIII“, etc. nennen und plant etwas Zeit ein. Im Sommer bin ich unterwegs, denn auf Reisen und den Märkten verdiene ich mein Geld und der Winter ist Werkstattzeit. Ich bin darüber hinaus nicht ständig online, trotz aller derzeit möglichen technischen Raffinessen. Kommunizieren kostet Zeit, in der Saison sind alle Kapazitäten ausgeschöpft und irgendwann muss produziert werden... Also, ich möchte mich nicht entschuldigen für meine späte Rückantwort. Seht die mail nicht als blitzschnelle Kommunikation an, sondern als Möglichkeit mich überhaupt zu erreichen, so ähnlich wie es ein Bote getan hätte. Die Antwort kommt, aber nicht in Eile. Denn nur eins ist gewiß: Wie eilen alle dem Tod entgegen und ich möchte das noch ein wenig hinauszögern...



HINWEIS

Die Riemenbreiten werden in mm (15er Riemen = 15 mm breit) angegeben und

Zungen in cm (Länge x Breite) zur Einschätzung der Größenverhältnisse.

Die Typenbezeichnung ergibt sich aus: Jahrhundert + fortl. Nr. + Material, Bspl.: „XIV_012_me“

[bei Anfragen bitte immer diese komplette Bezeichnung wählen + Farbe des Leders]



Zum Wert eines Gürtels

Schnalle + Riemen + (Senkel) Zunge = Gürtel fertig montiert.

Spenglin (Riemenbeschläge) werden auf Wunsch auf den Gürtel montiert.

(ca. 1/5 des Preises ist Steuer an die Obrigkeit, kommt also der Allgemeinheit zugute)

Versandkostenpauschale 5,00 EUR (Hermes oder DHL)



Unser Handwerk

Schnallen, Zungen und Riemenbeschläge werden historisch korrekt angenietet,

die Riemen gesäubert, kantenbeschnitten oder -gerundet, geölt oder gefettet.

Das Leder ist erhältlich in den Farben: natur, dunkelbraun, schwarz oder rot.

In der Regel verwende ich Rindsvolleder vegetabiler Gerbung, auf Wunsch und mit Aufpreis aus der Grubengerbung, auf Anfrage auch Hirsch (natur oder sämischweiß)

- Länge beim Rind bis ca 2,20 m möglich



Bei konkretem Interesse bitte fünf Fragen beantworten:

[mglw vorher unten die Fußnote 5 „empfohlene Materialien/Metalle“ lesen]

1. Ist die Darstellung zivil oder militärisch, wie ist der soziale Rang?

2. Zeit und Region der Darstellung [wichtig: denn die modischen Einflüße in Hamburg waren andere als in Innsbruck, in Nürnberg andere als in Köln !]

3. Wie lang ist die Gewandung (Taille, Oberschenkel, Knie, Wade, Knöchel)?

4. Körpergröße oder gewünschte Gürtelgesamtlänge angeben.

5. Umfang des Gürtels auf Taille oder Hüfte, dazu bitte die Maßeinheit vom Schnallendornansatz bis zum engsten bislang genutzten Loch auf der Gewandung messen

[möglichst mit einem vorhandenen Gürtel vom Dornansatz (meint Scharnier nicht Dornspitze) bis zum engsten bislang genutzten Loch, falls mit Maßband, dann zieht kräftig zu, denn bei einem Gürtel mit angehangener Tasche werdet Ihr ihn enger ziehen, so daß locker abgemessene Löcher zu weit aussen sitzen. Ich mache meist Löcher in beide Richtungen zu dem mir angegebenen Wert, sogenannte „Sommer- und Winterlöcher“. Bitte keine Maßangabe in moderner Hose, Jeans o.ä. machen]

Gürtel des Früh- und Hochmittelalters werden in der Regel in Taillenhöhe getragen,

Gürtel des Spätmittelalters in der Taille, zuweilen aber auch auf der Hüfte,

(die breiten Houppelande-Gürtel aus Stoff sind davon ausgenommen).









Beispiel:

XIV_012_me“

[Gürtelform gegen Mitte XIV. Jh]

20 mm Riemen (schw/dunkelbraun/natur/rot)

hier dunkelbraun

und Senkel_me 10 x 1,5 cm

montiert 69,00 EUR inkl. Steuer

Beschläge „Nr. 7016“ auf Anfrage







...falls Fragen, schickt Eure mail-Postille an

dragal (at) web.de

Vielen Dank für Euer Interesse

Christian

[ja, ja ich weiss, die offene Bundhaube...Kopfbedeckungen während der Arbeit sind für mich ein Grauen, da im Sommer meist die Säfte aus allen Poren rinnen und so nicht mehr „verdampfen“ können...]





Sollte nach der Erstellung eines Gürtels irgendetwas nicht zu Eurer Zufriedenheit sein, nicht erkennbare Gußfehler oder vorschnelle Materialermüdung zu unvorhersehbaren Schäden führen, dann setzt Euch mit mir in Verbindung. Ich werde für Abhilfe sorgen.









Stadtsiegel von Elbing um 1400

Ich selbst habe zwei Darstellungen:

[...obwohl ich gestehen muß, daß ich dem nicht mehr so hohe Bedeutung beimesse. Das „wissenschaftl.“ Interesse überwiegt gegenüber dem darstellerischen. Die frühe Darstellung ist ein Navigator um 1400, die zweite betrifft den Handwerker gegen Mitte des XV. Jhs, der sich auf diesen Seiten austobt]

Mein Großvater war Navigator und Bürger der Stadt Elbing unter der Herrschaft des Ordens am Baltischen Meere und verkehrte mit den Herren im Rat. Es kam die schicksalhafte Schlacht, die vieles veränderte. Seitdem wurde der polnische König unser Lehnsherr. Nun, Jahrzehnte später, hat unsere Familie keinen Grundbesitz mehr in der Stadt. Ich bin als Handwerker tätig, der, mit zünftischer Erlaubnis, durch die Lande ziehen muss, um sein Auskommen zu finden.“



Markttermine 2. Jahreshälfte 2018




V-VIII / IX-XI / XI-XIII / XIII-XIV / XIV / XV / XVI-XVI Jh

400-800 / 800-1025 / 1025-1250 / 1250-1350 / 1350-1400 / 1400-1450 / 1450-1520

Jahrhundertwenden ergeben nicht unbedingt eine Zäsur in der Mode, sondern wir haben allmähliche Übergänge. Also schaue man/frau bis dahin auch etwas vorher und nachher...

Objekte mit längeren Laufzeiten im direkten Zugriff auf der Seite „1350-1400“:

Beutelhalter XIII.-XV. Jh

Knieriemen XII.-XV. Jh

verschiedene thematische Exkurse als Grundlagen:

1 Westrom-Byzanz-Italien

2 Adel

3 Hundertschaft-Gefolgschaft-Lehnswesen-Ministeriale

4 Bürger-Stadteinwohner

5 Textilreste in nordischen Gräbern

6 Eisenproduktion vom HMA zum SMA

7 Überlegungen zu Tafelbild und Schauspiel

Ich habe mich bei den Datierungen am Marktstand und im Internet bewusst für die lateinischen Zahlen entschieden, damit in der Benennung des Gürtels das betreffende Jahrhundert sofort erkennbar ist. Falls Ihr keine „Asterix“-Leser gewesen seid, habe ich es Euch links etwas einfacher gemacht.

Desweiteren haben bei meinen privaten Studien Abkürzungen, die häufig benutzt werden, wie „mglw, uvm, etc, usw“ keinen angehangenen Punkt, mich stört er im Schreib- und Lesefluß. Es wird also auch auf diesen Seiten vorkommen und wird mglw. beim Nachlesen korrigiert. Auf jeden Fall gibt es kein „Jahrhundert“ und keinen Punkt, sondern nur „Jh“, jeder wird wissen, was gemeint ist. Ich konnte mich hinzu noch nicht entschließen, ob ich die Texte/Verben in Vergangenheitsform, Präteritum verfassen soll oder zeitlich lebendiger im historischen Präsens. Einen möglichen unvermittelten Wechsel mag mir der geneigte Leser nachsehen...ungeneigte kommen eh nicht bis hierhin...



Ich möchte hier die Gelegenheit nutzen und mich bei allen herzlich bedanken, Museen und Verlagen genauso, wie bei Darstellern, die mir am Marktstand durch anregende Gespräche oder durch mails wertvolle Tips zu Originalfunden, Material und Verarbeitung, Hinweise zu Literatur oder sehenswerten Ausstellungen gegeben haben, die ich hier für viele möglichst gewinnbringend anwenden möchte. Auch danke ich jenen, die durch Ihre Bestellungen diese Seiten finanziell möglich machen, auch wenn die Bestellzeiten zukünftig eingeschränkt werden !!! Nach wie vor bin ich für Anregungen und Kritik dankbar und mögliche andere Sichtweisen, um meine Anschauungen zu relativieren und zu prüfen. Denn keiner ist davon ausgeschlossen: Wir sehen nur, was wir auch sehen wollen.

Impressum

Stand 13.12.2018




(Kundengürtel, nach Jahren mal wieder auf meinem Tisch) …herrlich, so können Gürtel aussehen, wenn sie dafür genutzt werden, wofür sie auch gedacht sind, etwas mehr Grünspan an den Senkel und von einem Original nicht mehr zu unterscheiden..., so was kann mich durchaus begeistern! Zukünftigen Forschergenerationen könnte der Gürtel rein optisch, ohne eingehende Materialanalyse, durchaus Probleme bereiten. „Warum liegt der in der 21. Jh-Schicht?“



Ich bin in erster Linie auf dem Markt und dort für viele tätig, hier nun stehe ich Euch ganz exklusiv zur Verfügung. Rechnet bitte immer ein wenig Dauer bei Anfragen ein, oft müssen speziell Bilder zurückgeschickt, Fragen geklärt oder Stücke angefertigt werden. In der laufenden Saison ist die Zeit knapp und ich bin nur in gewissen Abständen im Netz. In der Sommersaison werde ich zukünftig keine speziellen Gürtelrekonstruktionen mehr erstellen. Das schnelle „Geburtstagsgeschenk“ ist ohne Vorbereitungszeit unmöglich. Märkte beschränken sich in unserer Größenordnung leider nicht nur auf zwei bis drei Tage Arbeit, sondern Standauf- und Abbau, Hin und Rückfahrt, Vor- und Nacharbeiten, Steuer- und Bürokram lassen die Woche dahin schmelzen, so daß für die Werkstatt oft zu wenig Zeit bleibt. Bei verbundenen Markt-Kombi-Touren ist auch ein Monat „schnipp“ vorbei...ohne daß nur eine Schnalle gefertigt, ein Blech geschnitten oder irgendwelche Spenglin entgratet und poliert wurden.

Bitte achtet und respektiert die Arbeit und die vielen Stunden Recherche. Die Verwendung der Inhalte dieser Seiten darf nur nach Genehmigung erfolgen. Ich will hier nicht mit Paragraphen strotzen, das Korsett ist mir zu eng. Es soll mit diesen Seiten Niemandem Schaden zugefügt werden, ganz im Gegenteil, und bitte dies auch umgekehrt so zu handhaben. Ich danke für Euer Verständnis.


Das ganze hier ist ein Entwurf, bzw. besteht aus vielen kleinen „Würfen“. Aus Zeitmangel für die digitale Welt werden diese Seiten immer bruchstückhaft, teilweise zu grob gestrickt und wohl auch mit Fehlern behaftet sein, manchmal sind nur Anregungen und Ideen hier hineingeworfen, um später überarbeitet zu werden (es lohnt sich also noch einmal vorbei zu schauen und die aktualisierte, bzw korrigierte Fassung zu lesen), manchmal war ich auch einfach nur zu müde, da ich in der Saison aufgrund von Erschöpfung oft keinen vernünftigen Satz schreiben kann und mir schon „SPO“ schwer fällt. Das Projekt ist ein grosser Lernprozeß für mich. Denn „das Schreiben“ wurde mir nicht in die Wiege gelegt. Am Stand sind Dinge schnell gesagt oder behauptet, zumal ich dort, aufgrund der Fülle der Anforderungen, meist in „Streßsituationen“ stehe. Hier bin ich gezwungen, bzw. bezwinge mich selbst, in immer neuen Anläufen, auf den Punkt zu kommen (ja genau den, den ich zuweilen weglasse). Falls irgendetwas unklar ist, schickt mir eine mail...

Ich weiss, daß ich sehr langsam voranschreite. Ich habe inzwischen hunderte von Gürtelrekonstruktionen erstellt, die bildtechnisch fürs net aufbereitet werden müssten, auf diesen Seiten wird also nur ein Bruchteil abgebildet, lange Zeit habe ich es bedauerlicherweise überhaupt versäumt Bilder von den erstellten Stücken anzufertigen. Es soll allerdings nicht gezeigt werden, daß ich etwas angefertigt habe, sondern warum ich es in dieser Form tat. Vornehmlich gilt es also mein Archiv gründlich aufzubauen, um stichhaltige Aussagen zu liefern und die eigenen Erkenntnisse zu untermauern. Die private „Forschung“ hat für mich Vorrang und die Fülle des Materials ist schlichtweg erdrückend. Ich nähere mich dem Mittelalter mit einer gewissen „Naivität“, möglichst nicht überheblich dem Thema gegenüber, wie ich es oft in meiner Zeit erlebe, da wir ja „allwissend“ am Ende der Kette stehen, sondern ehrfürchtig schließend mit einem poetischen Bild: Das Mittelalter liegt vor mir wie ein gefällter Baum, gewaltig und riesig, der Stamm übermannshoch. Ich nähere mich ihm und kratze ein wenig an der Rinde. Der entströmende Duft erweckt eine Ahnung, mehr nicht. Die Tiefe ist überhaupt nicht zu ermessen, hart und verschlossen, genauso wenig wie der Anfang oder das Ende des sperrig vor mir liegenden „Riesen“ zu erkennen ist, obwohl ich weiß, daß er Anfang und Ende hat, da er ja der Zeit zum Opfer fiel...

Auf diesen Seiten gibt es keine „cookies, tracker, ...“ oder sonstige bizarre Dinge. Es müssen keine persönlichen Daten eingegeben werden oder ähnliches. Wer mich erreichen möchte, schicke eine übliche mail. Übrigens, reitende Boten haben bei den heutigen Verkehrsverhältnisse nur noch auf Schleichwegen eine Chance durchzukommen, ansonsten werden ihre Pferde im Dauerstau verdursten und sie selbst verhungern, falls nicht genügend verproviantiert.


Anmerkungen, Quellenverweise, Exkurse:

1/Auf berechtigte Kritik hin will ich zunächst einmal den „Langgürtel“ definieren. Ich verstehe darunter Gürtel, die nach dem Anlegen ein deutlich längeres Zungenteil aufweisen als moderne Gürtelformen und damit über den Oberschenkel bis auf Knielänge reichen und in speziellen Fällen mit „Überlänge“ bis zum Schienbein. Fingerlin verwendete für die Gürtel des XIV. Jhs mit gestreckten manieristischen Beschlagformen den Begriff des „Gürtels mit Überlänge“. Daran würde ich mich gerne anlehnen und den Begriff erweitern: Länge bis Knie = „Langgürtel“ und Länge bis Schienbein = „überlanger Gürtel“. Der provokante Titel wird meinen Beliebtheitsgrad in der Szene sicher nicht gerade steigern, aber es geht hier nicht um „Besserwisserei“, sondern um genaues Hinschauen und einen kritischen Umgang mit den Quellen. Genau genommen sollte es eigentlich heißen „Mythos geschnallter Langgürtel“.

Diese Gürtelform ist heutzutage im Besitz fast jeden „Mittelalterdarstellers“. Er ist aus der Szene nicht mehr wegzudenken und gilt neben Waffen und anderen Kleidungsstücken als typisch mittelalterliches Attribut. Dadurch wird er stilisiert und hat er eine „Aura“ erhalten, bzw Mittelalter und Langgürtel werden von den Darstellern unweigerlich miteinander verknüpft. Nimmt man das Mittelalter als 1000jährige Epoche mit unterschiedlichen Modeströmungen ist dem aber nach historisch korrekter quellenkundlicher Betrachtungsweise nicht unbedingt so. Nachweise für geschnallte Gürtel, die mit ihrem Zungenteil eine deutliche Überlänge bis zum Knie aufweisen sind für Mann und Frau vor der Mitte des XII. Jhs ausserordentlich selten und längere Gürtelformen werden, Abbildungen gemäß, eher reinen Bindegürteln zugesprochen, also vornehmlich textilen Gürtelvarianten ohne Schnalle. Erst im Zuge der französischen Gotik verbreiten sich lange geschnallte Gürtelformen, durch Skulpturen gut nachweisbar, die nun Überlängen bis zum Schienbein und länger aufweisen. Den Quellen nach beschränkt sich diese Gürtelvariante zunächst auf Adel und den höfischen Bereich, mag dann im SMA vom gehobenen städtischen Bürgertum (max. ca. 2 % der Stadteinwohnerschaft) im gewissen Sinne nachgeahmt worden sein, betrifft den Großteil der damaligen Bevölkerung jedoch nicht, er trägt bestenfalls lange Gürtel bis zum Saum der Gewandung, meint in der Regel Oberschenkel, bzw. Knie, aber keine Überlänge! Die speziellen überlangen Gürtel finden bei den führenden Schichten europaweit im XIV. Jh den modischen Höhepunkt (Fingerlin hebt diesbzgl die oben erwähnten extrem lang gestreckten Bleche und Dekors hervor). Sie werden teilweise mit religiösen Gesichtspunkten aufgeladen, wie Mariengürtel als Zeichen des „Unberührten und Keuschen“, das Motiv hält sich noch bis ins XVIII. Jh (!). In diesem Sinne werden auch Langgürtel bei den häufig dargestellten „klugen und törichten Jungfrauen“ zu verstehen sein. Die Jugendlichkeit und die Unberührtheit der adeligen Patriziertöchter wurde durch die Gürtellänge betont. Davon kann man keineswegs Standardgürtel dieser Zeit ableiten!!! Mit den modischen Veränderungen in der zweiten Hälfte des XIV. Jhs beginnen sich bei den Männern die Gürtel der führenden Schichten deutlich einzukürzen, um ab Mitte des XV. Jhs als Langgürtel fast gänzlich zu verschwinden. Der überstehende Zungenteil ist nun oft nicht viel länger als eine Handspanne. Spezielle ritualisierte Handlungen am Hof und in Adelskreisen oder historisierende Darstellungen erforderten zuweilen den älteren Langgürtel [Belege werden auf den entsprechenden Seiten gebracht]. Auch in der weiblichen Sphäre der gehobenen Schichten und als „Sonn- oder Festtagsgürtel“ der Bürgerinnen hält er sich, teilweise allerdings mit auf Knielänge eingekürzten Varianten. Das XV. Jh hat diesbzgl ein hohes Spektrum mit vollkommen neuartigen Formen unterschiedlichster Länge und Breite, allerdings darf dabei nicht außer acht gelassen werden, daß im XV. Jh auch untere Chargen immer stärker thematisiert werden und damit Gürtelformen ins Blickfeld rücken, die lange Zeit nicht zu beobachten waren. Wobei, vielleicht mit Ausnahme der Schweizer Bilderchroniken um 1500, in den Quellen Frauen der unteren Schicht weniger präsent sind als Männer. Für den heutigen Betrachter stellt sich erschwerend das Problem zu erkennen wer in den Kunstwerken überhaupt Darstellung fand und die Quellen nach sozialen Gesichtspunkten korrekt zu interpretieren. Mariengürtel oder die weiblicher Heiliger als Standard für weibliche Gürtelformen anzusehen wäre ein grober Fehler. Eine „Madonna im Ährenkleid“ trägt keinen extrem überlangen Gürtel, dessen Senkel ein gutes Stück auf dem Boden neben ihr liegt, um einen verrückten Modegag der Zeit aufzunehmen, sondern verdeutlicht die absolute Unberührtheit und Keuschheit dieser weiblichen „Himmelserscheinung“, die gleichzeitig Symbol der Fruchtbarkeit (Ähre) ist ! Die Logik der röm-kathol. Kirche werde ich nie verstehen... und „by the way“, nachdem ich mal wieder entsprechende Erfahrungen machen musste, warum duldet Ihr Katholiken eigentlich dieses absolut nervtötende nächtliche Gebimmel eurer Stadt- und Dorfkirchen? Nun ist mir wohl klar warum Calvinisten und Protestanten wirtschaftlich immer eine Nasenlänge voraus waren. Die gingen/gehen wenigsten ausgeschlafen an ihr Tagewerk...

Fazit: In der 1000jährigen mittelalterlichen Epoche, nach geläufiger Definition, beschränkte sich die Kernphase des geschnallten Langgürtels bei Männern auf rund 250 Jahre (2. Hälfte XII. bis 1. Hälfte XV. Jh), die des „Gürtels mit Überlänge“ auf nicht einmal 100 Jahre (2. Hälfte XIII. bis 2. Hälfte XIV. Jh). Grundsätzlich läßt sich festhalten, daß Gürtelzungen nur selten über den Gewandsaum ragten. Also bestimmte die Länge der Gewandung auch die Gürtellänge, wobei ein langes Gewand, meist Vorrecht der Oberschicht, nicht zwingend einen Langgürtel erforderte, siehe Bürger ab Wende zum XV. Jh. Während kürzere Kleidung, ob Tunika, Kotte oder kurze Schecke, in der Regel einen kürzeren Gürtel bedingte. Das FMA und das beginnende HMA kannte, nach archäologischen Befunden, den Langgürtel im westlichen Kulturkreis nicht, der Osten im Bereich der Reiternomaden durchaus, davon abzusetzen sind textile Bindevarianten. Das SMA kannte ihn nur noch im eingeschränkten Maß. Auch in der weibl. Modesphäre betrafen Langgürtel hauptsächlich Adel und besitzendes Bürgertum, damit also die „obereren Zehntausend“ und waren keineswegs typischer Bestandteil mittelalterlicher Kleidung, schon gar nicht Ausstattung der hart arbeitenden Bevölkerung. Mägde und ältere Personen wurden oft mit viel kürzeren Gürtelformen dargestellt.

2/Siehe die Statuta thaberna von 1434 aus Weißensee/Thüringen in: GE König, Anno Domini. Jahrbuch für mittelalterl. Kulturgeschichte u hist. Brauchtum 1999, S. 50 Hier wird auch deutlich mit Strafe belegt wer Unflat auf die Straße abschüttet. Wenn es verboten werden musste, wurde es also vorher getan. Aber es wurde eindeutig versucht Mißstände zu beseitigen. Soweit zu unseren grundsätzlich klischeehaften Vorstellungen der Müllentsorgung und Nachttopfentleerungen in mittelalterl. Städten.

3/Geppert in Ars Sacra, S. 131. Der Wandel von Formen in der Mode ist nicht nur eine Frage der Ästhetik. Die Häufung, das Vorhandensein oder Fehlen von Formen in bestimmten Regionen lassen meines Erachtens Spekulationen über Strukturen von Herrschaft, Diplomatie, soziale Hierarchien, die Beeinflussung in religiösen, künstlerischen und technischen Dingen, im Handel mit Warenströmen und Verkehrswegen oder Rohstoffzugriff und -verarbeitung zu. Handel bsplw. beschränkt sich nicht nur auf die Sachkultur, sondern ist immer zugleich Träger wichtiger Impulse und Ideen. Die heutige Forschung in ihren Spezialgebieten ist vorsichtig in Deutungsversuchen übergeordneter Art, z.B. eine Verifizierung von historischen Sachverhalten anhand von archäologischen Artefakten oder die Zuordnung jener zu bestimmten Ethnien. Mit Sicherheit ist Vorsicht geboten, doch ich bin durchaus der Ansicht, daß der heutige Betrachter eines archäologischen Fundstücks oder eines zeitgenössischen Kunstwerks ein Ergebnis obiger Determinanten wahrnimmt, die zur Erhellung historischer Zusammenhänge beitragen können als Mosaikstein im grossen Puzzle der Vergangenheitsbetrachtung.

4/Was ist mit dem zeitgemäßen Gürtel gemeint? Ich möchte das anhand einer sehr speziellen Schnallenform verdeutlichen für denjenigen, der es genau wissen will. Denn jetzt geht es sehr in die Details: Es geht um die oft genutzten Schnallen in Doppelovalform, siehe Beispiele auf meinen Seiten 2. Hälfte XV. Jh. Wann tauchen sie auf, können sie von Darstellern des Hochmittelalters genutzt werden oder ist es eine Form des Spätmittelalters? Nach den Funden aus London [Egan, G. (Hrsg.): Dress Accessories 1150-1450. Medieval Finds from Excavations in London, S. 65-88] wird das Gros unverzierter Doppelovalschnallen aus Kupferlegierungen von 15-25mm Breite (Egan Nr. 331-341) zwischen 1350 und 1450 datiert. Ihre einstige Verwendung bleibt offen. Kleine unverzierte Ausführungen aus Zinn-Blei-Legierungen unter 20mm Breite (Egan Nr. 350-375) werden dem Schuhwerk zugerechnet und ebenso zwischen 1350 und 1450 datiert. Ähnlich wird die Sonderform kleiner runder Schnallen mit mittlerer Dornachse meist aus einer Zinn-Blei-Legierung von max. 22-23mm Durchmesser (Egan Nr. 221-259) betrachtet und stammt in London in der Regel aus der Zeit nach 1400. Grössere, oft verzierten Formen, aus Messing/Bronze oder Zinn/Blei von ca 40-65mm Breite (Egan Nr. 334, 342-345, 377, 387) werden um 1400 datiert. Von den eisernen Formen (Egan Nr. 346-349) weicht nur ein einziger Fund, eine gestauchte Doppelovalform, aus Eisen verzinnt von ca. 50mm Breite (Egan Nr. 346) in der Datierung mit 1230-60 entschieden davon ab. Mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit wurde die Schnalle für das Zaumzeug genutzt, denn eiserne Schnallen zwischen 40-60mm Größe stammen in der Regel aus diesem Zusammenhang. Die gestauchte hohe Doppelovalform taucht als einmaliger Fund auch auf der Isenburg in Hattingen, vor 1225 datiert, auf. Vier kleinere Doppelovalformen aus verzinnten Kupferlegierungen mit Blechen von unter 12mm Breite (Egan Nr. 378-381), teilweise mit Gurtbreiten von nur 6mm, werden zwischen 1270 und 1350 datiert, gehören also ins XIII. oder XIV. Jh. Eine recht ungenaue Aussage, hinzu sind diese Schnallen aufgrund der Größe eindeutig keinen Gürteln zuzurechnen! Fazit: Die Doppelovalform ist im XIII. Jh bekannt, denn archäologische Funde sind bereits früher nachweisbar, wie die Schnalle aus Fyrkat VIII.-X. Jh, vermutlich vom Zaumzeug. Die meisten Funde werden aber in der Regel ins SMA datiert und es gibt in London nur eine präzise Abweichung vom Gros der datierten Schnallentypen. Für mich sind das stichhaltige Gründe diesen Schnallentyp für Gürtel frühestens erst um 1400 zu verwenden, da ich hinzu weder Zaumzeug noch Schuhwerk erstelle. Auf Abbildungen taucht er bei den Gürteln erst im Laufe des XV. Jhs auf, nebenbei begegnen uns dort neben den runden sehr viele eckige Doppelformen.

5/Als niedere Dienstmannen galten z.B. Scheffler, die u.a. die Vorratshaltung, Mühlen und Brauereien überwachten und Fischmeister oder Waldknechte, die für das Jagdrevier und die Honiggewinnung zuständig waren. Dienstmannen werden explizit in der Grundherrschaft des Stifts Essen u.a. als sculteti Schulten/Schultheiße genannt, die Richterfunktionen an den bäuerlichen Herren-/Oberhöfen erfüllten, an denen Abgaben der Unterhöfe/Hufen/Mansen gesammelt wurden, um an das Stift weitergeleitet zu werden, das jene mit den zu erbringenden Dienstleistungen (Hand- und Spanndienste) als servitium verlangte. Einteilungen nahm der magister culturae, der „Baumeister“, als Verantwortlicher der Wirtschaftsführung vor. Dazu zog er die Hörigen der Unterhöfe, halbfreie Hörige und Handwerker des Oberhofes heran [Küppers-Braun, U.: Macht in Frauenhand. 1000 Jahre Herrschaft adeliger Frauen in Essen, S. 25ff]. Der Begriff des „Schultheißen“ war weit gefasst. Er konnte die niedere Gerichtsbarkeit vertreten als „Dorfschulze“ oder sogar das Oberhaupt einer Stadt darstellen, von einem Grundherrn an diese Position gesetzt, wie es mglw. Wolfram, der Schultheiß zu Erfurt war, der die grosse Bronzeskulptur des „menschlichen Leuchters“ (mit Bindegürtel) um 1157, heute im Dom zu Erfurt, stiftete. „Meyer“ bsplw waren Gefolgschaftsleute auf ihren Siedelstellen/Höfen, die verpflichtet waren ihrem Herrn jederzeit zur Verfügung zu stehen. So mussten die 50 „Sattelmeyer“ des Amts Sparrenbergs noch im XVII. Jh ein gesatteltes Pferd, Pistolen (übliche dt. Reiterwaffe im XVI./XVII. Jh) und Reiter für Kriegs-, Geleit- und Botendienste oder eine entsprechende Summe Geldes als Ersatz stellen. Vielfach waren gehobene Dienstmannen per Auftrag im FMA und HMA Träger der Kolonisierung mit Rodung, Urbarmachung von Land und Errichtung von Siedelstellen. Zunächst standen sie dem Bauernstand näher, bzw. waren Bestandteil der „nährenden Schicht“ und dürfen deshalb gesellschaftlich nicht zu hoch angesetzt werden. Zu den Dienstmannen/Ministerialen siehe auch den Exkurs unten. Zu den selbständig agierenden Frauen gibt es eine Auflistung der Kramladeninhaber rund um die Frauenkirche in Nürnberg im Spätmittelalter. Falls nicht selbständig, mögen weibliche Personen sich in meiner Auflistung bitte, nach mittelalterlicher Rangordnung gedanklich an des Gatten Seite stellen. Interessant ist auch die sozial hochrangige Personengruppe der spezialisierten Handwerker, wie die Leiter der Bauhütten, bzw Baumeister, die sich für bestimmte Bauprojekte vertraglich banden oder Positionen einnahmen wie Arnold von Westfalen, der als Landeswerkmeister der Wettiner verschiedene Bauprojekte leitete, wie z.B. den Ausbau der Albrechtsburg in Meißen. Laut Bestallungsurkunde von Juni 1471 „Uffnemung Meister Arnolts Westveling zcu eynem buwemeisterstanden jenem neben Jahressold und Wochenlohnzahlung ein Dienstpferd und jährlich ein Hofgewand durch die kurfürstliche Kammer zu. Bürgerliche Steuern und Dienste musste er nicht leisten [Monumente 11/12-2009, S. 68]. Beschränkte sich diese Gabe auf das reine Kleidungsstück oder gehörten Kopfbedeckung, Schuhe, Gürtel, etc. dazu?

Zu den empfohlenen Materialien/Metallen. Grundsätzlich wird zu unterscheiden sein zwischen einer Alltagsgarnitur und dem Repräsentationsstück. Es folgt also eine recht schematisierte Rangfolge: In der Merowingerzeit ist Eisen grundsätzlich immer eine gute Wahl, Bronze oft nachweisbar, Messing scheint knapp gewesen zu sein, so daß es damals einen hohen Wert besaß. Die sozialen Eliten wurden durch silberne und vergoldete, selten durch goldene Objekte gekennzeichnet. In den nachfolgenden Jhn änderte sich diesbzgl. wenig. Erst mit der Karolingerzeit scheint, nach neueren Erkenntnissen, Messing nun häufiger verfügbar zu sein. Sogar in der nordischen Sachkultur tauchen Messingbarren in Haithabu auf, ansonsten wird in den Publikationen meist Bronze genannt, oder schlichtweg die ungenau definierte „Kupferlegierung“, für die Edelmetalle gelte das Schema der Merowingerzeit. Messing fand dann im SMA weite Verbreitung und konnte bis in die frühe Neuzeit sowohl für Kleinobjekte genutzt, als auch für Aquamanilen, Leuchter, Schüsseln, Kannen, etc. verwendet werden, der Wert des Materials wird aufgrund der Verfügbarkeit deutlich gesunken sein. Bronze war stabiler, besser verfügbar und ließ sich, aufgrund des gegenüber Messing einfacheren Legierungsverfahrens, sogar für qualitätvolle Großobjekte wie Glocken, Grabplatten oder die grossen Bronzetüren der Kirchen gießen. Darsteller einfacher sozialer Schichten sollten, wenn nicht die häufig verbreitete textile Gürtelvariante, der Strick aus Wolle oder Hanf gewählt wird, auch im HMA/SMA bei einer Leder-Eisen-Garnitur bleiben, dazu zählt meines Erachtens auch der einfache Söldner/Berufskrieger/Kämpfer, der im Feld steht. Je nach Rangordnung waren sicher auch Buntmetalle möglich, aber Militär erfordert nun einmal stabile Formen und die waren in erster Linie aus Eisen und Stahl, meist verzinnt. Auch dem einfachen Handwerker weniger angesehener Gewerbe ohne Grundbesitz und Eintrag in die Bürgerrolle sei eher Eisen angedacht. Erst als „Bürger“ der besseren Gewerbe mit Eintrag in die Bürgerrolle, steuer- und waffenpflichtig, je nach Region bis zu fast einem Drittel der Stadteinwohnerschaft, sei Bronze im FMA/HMA oder Messing im SMA und eine mögliche Verzinnung angeraten. Aus diesem Mittelstand erhob sich die „Geld scheffelnde Schicht“ der Reeder, der „betuchten“ Groß- und Fernkaufleute, sie greife zu Silber als „Zeichen der neuen Anmaßung“, wie es in Testamenten häufig belegt ist, mit dem Bewußtsein, daß sie allerdings je nach Gewicht/Wert der Stücke und je nach Region mit der „vorherrschenden Kleiderordnung“ in Konflikt gekommen wäre. In Göttingen war Mitte des XIV. Jh Bürgerinnen das Tragen von silbernen Gürteln nicht gestattet und die Reichskleiderordung von 1530 besagte deutlich, daß sich z.B. eine Bürgersfrau nicht mit vergoldetem Silber schmücken solle. Archäologische Fundstücke aus den Städten zeigen Feuervergoldungen, partiell bei Silberstücken, ansonsten auch bei Kupferlegierungen, die urspl. aus gehobenem Besitz stammten, also vom Stadtpatriziat. Denn in den Städten „thronte“ über allem das gehobene Bürgertum und die besitzende Schicht der Patrizier (gerade mal noch 2 % der Stadtbevölkerung), das sich an den internationalen Formen des Adels orientierte. Für unfreie Ministeriale niederen Ranges halte ich militärisch Eisen, zivil Bronze im FMA/HMA oder Messing im SMA mit mgl. Verzinnung für angemessen, auch hier wäre eine Rangfolge durch die Buntmetalle zu verdeutlichen. Den gehobenen Ministerialen, die seit den Saliern und unter den Staufern wichtige politische Funktionen erfüllten und erst recht seit dem Untergang der staufischen Herrschaft in der 2. Hälfte des XIII. Jhs, wird mit Ambitionen zum Aufstieg in den niederen Adel/Dienstadel/Ritterstand, sicher auch Silber, Vergoldung, bzw die vergoldete Kupferlegierung zugedacht werden können, als Zeichen des gesellschaftlichen Aufstiegs und später der neu erworbenen „Freiheit“. Für die höchsten Ränge im unmittelbaren Hofdienst (Drost, Marschall, Kämmerer oder Mundschenk) war auf jeden Fall Silber und Gold üblich, da hier quasi der Sprung in die Adelsschicht bereits vollzogen war und der Hofstaat mit wertvollen Donativen/Geschenken der Herrscher rechnen konnte. Ansonsten gebührt vergoldetes Silber zweifelsohne dem Geburts-/Hochadel, bzw Aufwertungen durch Edelsteineinlagen und selbstverständlich Gold, eigentlich das „königliche“ Symbol von Herrschaft und Dauer, aber der Herrscher entstammte ja dem Hochadel. Es gilt hinzu zu beachten, daß nicht allein das Material zählt, sondern selbstverständlich auch die Ausführung, der Unterschied zwischen Massenware und kunstvoller individueller Verarbeitung einzelner Objekte.

6/In Paris ist das Gürtlerhandwerk durch erhaltene Statuten sicher um 1250 nachweisbar. Für Köln sind Gürtlersatzungen aus dem XIV. Jh. bekannt. In Krakau wurde zwischen Messing- und Zinngürtlern unterschieden, in Paris kamen noch die Eisengürtler hinzu, die hauptsächlich schwere Gürtel für das Pferdegeschirr fertigten. Es gab Riemenschneider und Gürtler, wobei nur letztere Beschläge setzen durften, Krakau 1365: „so haben dy zelbigen rymer vor der stad den gortlern entwichn, das sy keyne rewsische gorteln machen sollen noch keyn blechrinke umschloen.“ und Wien 1403: „ also dass fürbas die riemer chainerlei gurteln machen sollen mit hammer noch mit nageln.“ Auch die Liegnitzer Zunftordnung von 1424 trennt die Gürtler mit der Setzung von Messingbeschlägen von den Riemern. Für das Erstellen der Schnallen waren die „Spengler“ zuständig, selbst für das Ziehen der Nieten gab es ein eigenes Gewerbe. Edelmetalle wurden nur von den Silber- und Goldschmieden verarbeitet! Diese waren oft angesehene Bürger, mit Eintrag in die Bürgerrolle der Stadt, also keineswegs nur („Einsitzer“) Einwohner derselben, wie einfache Handwerker ohne Grundbesitz. Die Rechnungsbücher des franz Hofs weisen eindeutig auf jene hin, Fingerlin, Gürtel, S. 24-30. [Die „Rinke“ meinte die Schnalle, vermutlich zunächst meist in rundlicher Form, denn der „Salwürker“ (mhd. sal = Draht) war der „Rinkelschmied“, der Drahtringel für das Kettenhemd nietete.]

7/Prozessionen spielten im MA eine größere Rolle, als mir das bislang bekannt war. Die christlichen fanden nach fest definierter Liturgie statt, bsplw. an Lichtmeß, Himmelfahrt, Fronleichnam oder die Osterprozession in der Karwoche und am Palmsonntag mit dem hölzernen „Palmesel“ auf Rollen, wovon einige Skulpturen die Zeiten überdauerten, und dem „Einzug in Jerusalem“, der in der Tafelbildmalerei festgehalten wurde, wo reiche Bürger Jesus auf dem Esel mit ihrem Rock den Weg bereiteten. Es gab die Passion, Kreuzdeponierung oder Grabesprozession, für die extra ein festes sepulcrum oder mobile aufwändige hölzerne Tragschreine errichtet wurden, erhaltene Exemplare in Salzburg und Chemnitz. In theatralischen Inszenierungen sollten die zeitlich und örtlich weit entfernten überlieferten Handlungen dem einfachen Gläubigen nahe gebracht werden. Verschiedene Wunder- und Mysterienspiele wanden sich allmählich aus dem kirchlichen Bereich in die weltliche Sphäre. Daraus entstand das Laienschauspiel. Bekannt waren die „rederijker-Spiele“ der Handwerker und kleinen Kaufleute mit zumeist lustigen und moralisierenden Stücken in den Städten der Niederen Lande. Auch der sinnenfreudige Karneval mit seinen ausartenden Exzessen wurde dort ausgiebig zelebriert, in grossen Umzügen mit vielen thematischen Wagen oft prunkvoller gestaltet als mancher Königseinzug. Heidnische Attribute der Fruchtbarkeit mussten wohl oder übel von den Oberen toleriert werden (vermutlich hatten die bei manchen Reenactern beliebten obszönen Abzeichen hier ihren Ursprung, in Analogie zur antik-römischen Symbolik). Ähnlich werden die heidnischen Fastnachts- und Frühjahrsbräuche in Süddtld zu werten sein oder speziell der „Schembartlauf“ in Nürnberg, mit Tiermasken und Fellen. Karl IV. hatte den dortigen Schlachtern das Privileg zugestanden heidnisch anmutenden Tänze aufzuführen, das die Stadt bald als einen grossen weltlichen mehrtägigen Umzug gestaltete. Den Höhepunkt bildete die Erstürmung eines Wagens in Schiff- oder Turmform, das von Dämonen gegen die anlaufenden Schembartläufer verteidigt wurde bis das ganze in Flammen aufging. Erst mit der Reformation wurde diesen Bräuchen Einhalt geboten. So hatten eine hohe Zahl von Umzügen eher weltlichen Charakter und nach wie vor fanden Bittprozessionen statt, in denen um Regen oder Abkehr von Stürmen, bzw. schönes Wetter gebeten wurde. Es waren in jedem Fall Massenspektakel. Die herrschenden Schichten versuchten diese selbstverständlich zur eigenen Zurschaustellung und Präsentation im öffentlichen Raum zu nutzen. Von je her hatte der Einzug des Königs in eine Stadt einen besonderen symbolischen Charakter und wurde ab dem XIV. Jh stärker zelebriert, indem Vertreter der Bürgerschaft jenem entgegen zogen und mit Schlüsselübergabe im Gegenzug Privilegien erhofften. Städte galten den Königshäusern oft als willkommenen Geldquellen oder Verbündete im Kampf gegen den aufsässigen Adel. Vor allem in Frankreich und England galten weltliche Prozessionen der Legitimation und Sichtbarmachung des Heils der Königsherrschaft und der königlichen Politik, so geschehen bei den Umzügen von Mai bis Juli 1412 in Paris, als König Karl IV. (1380-1422) um Unterstützung für den Kampf gegen die Armagnaken warb. Jegliche Herrscherbegräbnisse und Inthronierungen wurden von einer reichen Bildersprache begleitet. In Frankreich wurde es zum Ende des XV. Jhs üblich im Begräbniszug das Ebenbild des Königs durch eine Puppe in den Staatsgewändern zu präsentieren. Die Übergabe der Herrschaft an den Nachfolger musste sichtbar zelebriert werden. Besonders prunkvoll war der Einzug Heinrich VI. von England 1431 in Paris und nachfolgend in London, als man besondere Schauplätze und Requisiten erstellte und Schaustücke mit Personifizierungen der Tugenden und weitere Allegorien aufführte. Zum Ende des Mittelalters wurden diese immer aufwändiger und es entstand ein fester Kanon an Dargestelltem, das biblische Gestalten, Heilige, historische Vorbilder und vor allem in Italien auch antike Themen mit einschloß. Aber auch 1485 beim Einzug Karl VIII. in Rouen wurde u.a. Kaiser Konstantin beschworen, Maxentius schlagend, um die hohe Abkunft des franz. Königshauses herzuleiten, neben der von Karl dem Großen selbstverständlich. Grosse dynastische Verbindungen wurden in besonderen Heiratsprozessionen durch allegorische Darstellungen dem Volk vor Augen geführt, wie 1501 beim Einzug der hoch gerühmten Braut Katharina von Aragon in London. Auch die Turniere des Adels wurden immer prunkvoller und hier wurden ebenso Allegorien und kleine Spielszenen eingefügt. Mit den finanziellen Möglichkeiten der Städte und durch das dort angesiedelte unverzichtbare Plattnerhandwerk wanderten Turnierveranstaltungen allmählich in die urbane Sphäre. Das erstarkende Bürgertum wetteiferte mit dem Adel, so daß es bald auch Bürgerlichen möglich war Turniere in Form von Festspielen abzuhalten. Erst recht nach der Reformation ersetzten städtische Turniere viele kirchliche Veranstaltungen. [nach B. Holme, Der Glanz höfischen Lebens im Mittelalter, 1987]

8/Die Sprache der Kleidung [nach S. Geppert (2010)] Für alle Epochen gilt, daß die Kleidung, vor allem bei Plastiken und Gemälden biblischen Inhalts, in hohem Maße tendenziös ist. Geppert spricht von einem „Codesystem“. Der heutige Betrachter muß dieses System entschlüsseln und Darsteller sollten sich vor einer „Eins zu eins“-Übernahme hüten, bzw. prüfen, wer trägt was aus welchem Grund? Geppert unterscheidet bei den biblischen Szenen in den „historischen Code“, nach dem Protagonisten in antikisierende Gewänder und Umhänge gehüllt wurden, auch Ehren- und Zeremonialgewänder waren üblich, um Authentizität in ferner Vergangenheit zum Betrachter und zugleich den ehrfurchtsgebietenden Abstand zum Geschehen zu vermitteln. Der „geografische Code“ fügt dem noch Ortsferne hinzu, um die Herkunft des Protagonisten zu verdeutlichen. Hier sind durchaus fantastische Elemente möglich, um das Fremde zu betonen. Durch den „modischen Code“ wird eine Nähe zum Betrachter hergestellt, der sich in zeitgenössischen Bezügen, geregelt durch Kleider-, Hofordnungen oder Standes- und Berufstrachten, selbst wiederfindet. Der „metaphorische Code“ verwendet Kleidungsstücke oder deren Farben im übertragenen Sinne, so vermittelt Marias Umhang Schutz für den Gläubigen, der extrem lange Gürtel Unberührtheit und Keuschheit oder der nahtlose Rock Christi ist Zeichen der Vollkommenheit. Es können auch mehrere Codes gleichzeitig verwendet werden, wie das zum Ende des XV. Jhs häufig geschieht [S. Geppert, Mittelalterliche Zeitmode im Heiligengewand, in: Ars Sacra, Salzburg 2010, S. 132].

9/Ich möchte die Problematik anhand von üblichen Datierungen zum Kloster Fontenay in Burgund verdeutlichen. Angenommen wir hätten ein Kapitell oder ein Skulptur aus der Klosterkirche als Quelle vorliegen, welche Datierung könnte ein Autor zu dieser Quelle heranziehen? Das Gründungsdatum des Klosters Fontenay in Burgund wird mit 1118 angegeben, aber auch 1119 erwähnt, damit ist aber nur die frühe Mönchsgemeinschaft gemeint, denn erst 1130 wurde das Kloster an seine heutige Stelle verlegt. 1133 wurde mit dem Bau der Abteikirche innerhalb des neuen Klosterareals begonnen. In einer weiteren Schrift wird der Beginn dieses Baudatums auf 1139 gelegt. Eine andere Quelle datiert das Kloster Fontenay einfach zwischen 1118–47, oder Fertigstellung der Kirche 1147. 1149 wurde die Kirche geweiht, erst zwei Jahre nach Fertigstellung? Der grösste Teil der Innenausstattung und Beifügungen stammt aus späteren Zeiten, wie Madonnenstatuen und Grabplatten ab dem XIII. Jh. Allgemein heisst es, dass das romanische Gotteshaus seit der Fertigstellung nur geringfügige Änderung erfahren habe und dass die schmucklose Abteikirche heute eine der am besten erhaltenen in Burgund sei, welche das ursprüngliche Aussehen bewahrt habe. In der Französischen Revolution wurde das Kloster hingegen säkularisiert und als Papierfabrik genutzt. Erst 1906 wurden die Gebäude wieder in den möglichen ursprünglichen Zustand gebracht. Damit läge eine sinnvolle mögliche Datierung für einen Bauteil der Kirche vor der Mitte des XII. Jhs, im vierten und fünften Jahrzehnt, eine isolierte Skulptur könnte aber auch erst später in den Gesamtkontext der Kirche gefügt worden sein.

10/Siehe Kloster Blaubeuren. Der Chor und sein Hochaltar, S. 205. Hier werden Gründe für einen Termindruck der Fertigstellung genannt. Der Termindruck in den Werkstätten könnte auch mit immer neuen Aufträgen verbunden gewesen sein, die nicht mehr zu bewältigen waren ohne eine Schar von Kopisten, ebenda S. 217. Auswüchse in einer Zeit als große gemalte zweidimensionale Kunstwerke nicht technisch reproduzierbar waren.

11/Nach mittelalterlicher Vorstellung sollten am Tag der Auferstehung durch Jesus Christus gleich ihm alle im selben Alter aus den Gräbern steigen als es dem Heiland selbst vergönnt war, prima! Nach meiner Ansicht gibt es eine ganze Reihe von Grabdarstellungen des HMAs, die von der Jugendlichkeit abweichen, nicht nur die bekannte Rudolfs I. von Habsburg in Speyer. Auch die Naumbuger Stifterfiguren z.B. zählen der Physiognomie nach deutlich mehr Lebensjahre.

12/Bereits zu Lebzeiten erstellt wurde 1470 das Plattengrab des Kanonikers Konrad Selchen, er starb nach 1485, und das Epitaph (Gedächtnismal, nicht über dem eigentlichen Grab errichtet) des Kanonikers Hermann Hankrat 1510, beide im Chorherrenstift von Fritzlar. Letzerer starb am 21. März 1514, siehe Hinz, Dom St. Peter zu Fritzlar, S. 42-45. Demnach wurden im SMA beide im betagten Altar dargestellt.

13/Erschwerend kommt hinzu, daß ich beispielsweise für das Hoch- und Spätmittelalter durchaus Diskrepanzen zwischen archäologischen und kunsthistorischen Quellen wahrnehme. Das könnte mglw. mit unseren Publikationen zusammen hängen. Veröffentlichte Detektorfunde klammere ich als Quelle zur Datierung komplett aus, da deren Einzeldatierungen hoffnungslos grobmaschig sind. Detektorfunde dienen lediglich zum Aufbau von Typologien und sind für relative Chronologien interessant. Ähnlich sind Sammlerpublikationen zu werten, da bei Objekten aus dem Kunsthandel meist die Fundzusammenhänge fehlen, oder sie von stilistischen Vorlieben der Sammler geprägt und damit sehr einseitig sind. Bei den archäologischen Quellen werden häufig die Funde aus London herangezogen, da sie sehr gut publiziert wurden und für viele zugänglich sind. Internetrecherchen und Anbieter für Replikate aus ganz Europa beziehen sich oft auf London. Ortsferne wird meist billigend in Kauf genommen. Der Vorteil dieser Funddokumentation besteht darin, daß hier Objekte gezeigt werden, die zu einem guten Teil der „bürgerlichen Sphäre“ entstammen (Gegenstände aus diversen Kupferlegierungen und Eisen/Zinn/Blei oder verzinnt) und nicht ausschließlich Bestandteile der Adelswelt sind, die sonst auf Abbildungen und Skulpturen meist im Vordergrund stehen. Auch aus den Niederlanden gibt es diesbezüglich eine Publikation mit gröberen Datierungen. Für gut dokumentierte Funde aus Deutschland bedarf es in der Regel einer UNI-Bibliothek, samt den dort zugänglichen Fachzeitschriften. Bei den Monographien öffnet bsplw. die empfehlenswerte „Isenburg“-Publikation ein schmales Zeitfenster für das XIII. Jh oder für das XIV. Jh die Funddokumentationen der Hortfunde von Erfurt, Pritzwalk, Wiener Neustadt, etc. und natürlich sind die Standardwerke von Fingerlin und Krabath zu nennen. Bezüglich der Londoner Funde stellt sich die Frage, inwieweit wissenschaftliche Ergebnisse der engl. Hauptstadt auf davon weit entfernte Orte übertragbar sind? Ist nicht mit mehr lokalen Eigenständigkeiten zu rechnen? Es gibt Einflüße, die sich anderswo in Europa zeigen aber in London überhaupt nicht dokumentieren lassen, zumal die dortige Grabung in der Schicht von 1450 endet. Umgekehrt finde ich auf spätgotischen Tafelbildern „Londoner“ Schnallen, wohlmöglich auch aufgrund der zeitlichen Diskrepanz, nur selten. Auf den Tafelbildern zeigt sich ein komplett eigenes Repertoire an Schnallen und Gürteln, die ich wiederum archäologisch oft nur schwierig fassen kann. Aus diesem Grund bevorzuge ich für das Spätmittelalter Abbildungen und Plastiken mit möglichen Ortsbezügen und gleiche archäologische Quellen in Material und Verarbeitung ab.



Exkurs 1: Westrom – Bzanz - Italien

Das antike Rom war für den gebildeten Menschen des Früh- und Hochmittelalters, in der Regel dem Klerus entstammend, der Leitstern seiner Ausrichtung, der Maßstab aller Dinge. Er verstand sich nicht in einer eigenen Epoche [der Begriff „Mittelalter“ ist ihm ja vollkommen fremd], sondern glaubte sich der römischen Zeit, dem letzten Zeitalter nach christl. Heilslehre, verpflichtet. Schließlich benutzen wir seit dem 19. Jh begriffliche Hilfsmittel wie die „Romanik“, um diesen Prozess zu erklären. [Das dahinter mehr steckt als die bloße Nachahmung antiker Formen soll hier nicht weiter thematisiert werden. Kunsthistorische Betrachtungen werden auf diesen Seiten nur zur Erörterung von Detailfragen vorgenommen.] Erst im Spätmittelalter wurde der Blickwinkel auf die gesamte Antike erweitert, indem eine Wiederbelebung derselben das Verständnis eines Zeitenwandels hervorbrachte, mit einer vergangenen und abgeschlossenen Epoche zwischen Antike und der wiedergeborenen Antike (Renaissance), dem „medium aevum“. Der Begriff wurde 1464 in Italien verwendet [nach Scott, Kleidung und Mode, S. 117]. Francesco Petrarca (1304-1374) hatte den Zeitraum zwischen Antike und seiner eigenen Zeit bereits als „medium tempusbezeichnet.

Unsere zeitliche Definition des Mittelalters ist fast deckungsgleich mit dem Bestand von Ostrom/Konstantinopel/Byzanz als eigenständige politische Macht von ca. 400 bis 1453. Wobei „byzantinisch“ ein moderner Forschungsbegriff ist, die damaligen Oströmer haben sich selbst als Romäi bezeichnet und verstanden sich als hellenisierte Römer. Im Laufe meiner Recherchen bin ich wiederholt auf den enormen kulturellen Einfluß von Byzanz gestossen, west- und osteuropäische Moden immer wieder anregend („imitatio imperii“), oft über die norditalienischen Städte, insbesondere Venedig als byzant. Handelspartner oder Sizilien und Süditalien zur Zeit der letzten Stauferkönige. Während Westrom das Zentrum und der ideelle Hort des röm.-katholischen Christentums war, beständig um seinen Machtanspruch kämpfte, blieb das mächtige Ostrom lange Zeit unangefochten der materielle Kulturbringer, trotz der enormen Gebiets- und Ansehensverluste durch den vordringenden Islam. Byzanz galt als Quell des Luxus, in Form von Stoffen, speziell Seide, Elfenbeinarbeiten, Gewürzen, Edelsteinen, Goldschmuck, Goldmünzen, aber auch begehrte Reliquien. Im Westen überdauerten nicht nur letztere in den Kirchenschätzen. Die begehrten Objekte waren nicht selten diplomatische Geschenke, mit denen Byzanz seine kulturelle Überlegenheit dem Westen gegenüber klar zum Ausdruck brachte. Im Lauf der Zeit wuchs auf der Nehmerseite Begehrlichkeit und der Transfer war keineswegs immer gewollt und legal. Reliquien wurden geschmuggelt und spätestens mit der Eroberung von Konstantinopel 1204 im Auftrag Venedigs [salopp formuliert in der Sprache des modernen Kapitalismus: "Eine Filiale läßt ihren eigenen Mutterkonzern liquidieren"], gelangten immense Reichtümer nach Venedig, Italien und auch nach Frankreich, festigten oder begründeten dessen Vormachtstellung in speziellen Produktbereichen, beispielsweise in der Herstellung von Elfenbeinartikeln. Nun kamen Konsumgüter östlicher Art „erschwinglich“ auf europäische Märkte und schufen neue Modeformen. Für meine Betrachtungen zur Gürtelentwicklung ist dieser Aspekt wohl nicht unerheblich.

Byzantinische Produkte, wiederum mit vielfältigen Einflüßen aus dem ostmediterranen und syrisch-persischen Raum, befruchteten das europäische Mittelalter in mancherlei Belangen, und dies nicht erst seit den Kreuzzügen. Der Transfer beschränkte sich nicht nur auf die Sachkultur, sondern war zugleich Träger wichtiger Impulse und Ideen, auch gelangten viele Handschriften und antike Manuskripte in den Westen. Der Niedergang Konstantinopels seit 1204, der Verlust des Heiligen Landes, das Vordringen der Osmanen auf dem Balkan seit dem XIV. Jh und der endgültige Fall Ostroms 1453 entfachte hinzu im Westen durch Flüchtlinge eine Wiederbelebung antiker Vorstellungen, die in Italien auf fruchtbaren Boden fiel und eine neue Epoche einleiten sollte. Wobei italienische Stadtrepubliken, von „Konsulen“ und Stadträten geleitet, mit den Relikten der antiken Vergangenheit „vor der Haustür“, an Statussymbolen und Ideen der römischen Republik immer festgehalten hatten. So schwelgte das zerstrittene Italien, Jahrhunderte besetzt durch fremde Mächte, in der glorreichen antiken Vergangenheit mit dem Wunsch zu neuer Einigkeit und Größe, ähnlich wie die napoleonisch-franz. Besetzung Dtlds im 19. Jh die Romantik und eine Beschäftigung mit der dt. Vergangenheit hervorbrachte. Die „Renaissance“ war in Italien kein plötzlicher Umbruch, keine neue Mode- und Gesinnungserscheinung, wie bei uns nördlich der Alpen, sondern Ausdruck für einen Jahrhunderte währenden kontinuierlichen Prozeß der Selbstfindung. Deshalb werden wir als Nicht-Italiener immer nur die äusseren Erscheinungen und künstlerischen Leistungen bewundern können, niemals aber den notwendigen Drang dahinter erkennen und verstehen.



Exkurs 2: Der Adel

Der Schlüssel zum Verständnis der mittelalterlichen Adelsschicht liegt im Eigentum an Grund und Boden. Bereits der Geburts-/Hochadel („adal“ = edles Geschlecht) der german. „Edelinge“ oder „Edelfreien“ galt als eigentlich herrschende Schicht mit möglichst langer Ahnenreihe und religiöser Legitimation, jedoch schien sich nach den antiken Quellen ihre Herrschaft noch nicht durch Landbesitz auszuzeichnen. Die entscheidenden Umwälzungen waren Folgeerscheinungen der Völkerwanderung und der neuen Landnahme. Alle hohen Positionen der Gesellschaft, bis hin zum Königsamt, wurden durch den Adel besetzt. Diese Ämter wurden mit röm. Titeln bezeichnet, wie dux, comes, etc., wobei der dux im röm. Militärsystem des V. Jhs einst den Oberbefehl in den Grenzregionen (Limitanei-Truppen) übernommen hatte und der comes über Teile des beweglichen Feldheeres (comitatenses). Mittelalterliche lat. Textquellen verwendeten diese Titel, so kennen wir den „dux von Apulien“, Ismael, der vor 1020 Kaiser Heinrich II. den berühmten Sternenmantel schenkte, heute im Diözesanmuseum Bamberg, oder den comes als „Grafen“, laut lex Salica vom König als regionaler Beamter eingesetzt. In der Phase der Christianisierung und Konsolidierung der neuen german. Reiche hatte zunächst die röm. Senatorenschicht, geschult im röm. Kirchenrecht, die hohen Kirchenämter inne, bis auch diese durch den german. Adel durchsetzt wurden. Im Verlauf des Mittelalters war er nur im Rahmen der Kirchenorganisation dem antiken Bildungskanon verpflichtet, ansonsten folgte er der eigenen verfeinerten höfischen Ausbildung seiner Jugend meist an fremden Höfen mit Ernst und Spiel, in Leibes-, Reit- und Waffenübung, Musik, Tanz, Gesang, Dichtung oder speziell der Juncfrouwen in Handarbeit und Kunst, Heilkunde, Lesen und Schreiben, der Ausbildung von Anmut, Geist und Gemüt. Der Hochadel (Herzog, Graf, Freiherr=Baron, Ritter in Bayern und Österreich, Edler in Österreich) wachte eifrig darauf sich abzugrenzen und die ständischen Vorrechte, wie Erbrecht oder Steuerfreiheit, Königswahl, eigene Gerichtsbarkeit, Recht auf die Frondienste der Unfreien, Erziehung der Nachkommen in seinem Sinne und weitere Privilegien in Staat, Militär und Gesellschaft zu sichern, die weit bis in die Neuzeit galten. Im XVI. Jh zählte dazu auch Sitz und Stimme auf dem Reichstag. Seit der 2. Hälfte des XIV. Jhs verlieh der Kaiser „Adelsbriefe“. Dieser „Briefadel“ blieb deutlich getrennt vom eigentlichen „Uradel“, den vor 1350 ritterbürtigen Geschlechtern, die sich meist durch ein „von“ kenntlich machten, dazu zählten auch die „Edelfreien“ aus diesem Uradel stammend, welche keinen anderen Lehnsherrn als den König akzeptieren mussten. In der Neuzeit wurden „Graf“ und „Freiherr“ zu reinen Titeln ohne Vorrechte. Aber erst die Weimarer Verfassung von 1919 begrenzte die Adelsbezeichnungen als Teil des Namens, hob den Adel nicht gänzlich auf, wie in Rußland, der Tschechoslowakei, in Österreich oder seit hundert Jahren in der Schweiz. Aus den unfreien Dienstmannen des Königs, mit Lehen ausgestattet, bildete sich ein reichsunmittelbarer niederer Adel, der „Dienstadel“ oder die „Reichsritterschaft“ und aus den Dienstleuten der Landesherren ein landsässiger niederer Adel heraus [teilw. nach Lingen Lexikon in 20 Bdn, Köln o.J].

Der Begriff des engl. lord (Herr, Gebieter) hatte seinen Ursprung im altengl. hlaf-ord („Loaf ward“/Brot – Aufseher). Er war der „Brotgeber“, hatte die Aufsicht über Korn und Ernte, verteilte die Früchte der Erde an seine Untergebenen.

[Ich selbst bin Anhänger eines recht utopischen Weltbildes. Denn warum gilt nach Geburt der eine Mensch mehr als der andere? Führungspositionen müssen besetzt werden, keine Frage. Aber sollte das nicht nach persönlichen Fähigkeiten und Verdienst geschehen und weniger nach Herkunft und gesellschaftlichem Vorrecht? Deshalb ist Bildung für alle unabdingbar und nicht nur ein Privileg für Minderheiten, die sich dann das Recht herausnehmen besondere Fähigkeiten zu besitzen und Schlüsselpositionen besetzen. Ich habe durchaus Verständnis dafür, wenn im Reenactment und als notwendige Kompensation zum mühseligen Alltag ein Adeliger zur Schau gestellt wird. Rollen einzunehmen oder zu tauschen bringt persönlich oft viel Gewinn! Wenn wir aber die Historie feiern, und das tun wir im gewissen Sinne, dann sollten wir uns darüber bewußt sein, daß die Feudalherrschaft nur mit Kampf und Opfer unserer Vorfahren quasi überwunden wurde und wir ihnen diesbezüglich einiges zu verdanken haben. Die Machtübernahme durch das gehobene Bildungsbürgertum ist bis heute eine Frage des Geldes und die elitären Schichten werden alles dafür tun diese Macht auch zu behalten. Die Massen sind zufrieden und schicklich, ein paar „Nörgler“ gibt es immer. Letztendlich sollte man aber nicht ungerecht sein. Denn unser Leben heutzutage hat sich weit von dem der letzten Jahrhunderte entfernt. Den Gewinn an persönlichen Rechten und Freiheiten gilt es immer wieder heraus zu heben, bevor wir beginnen diese Errungenschaften, die in der Historie keineswegs selbstverständlich sind und nur wenige Generationen genossen haben, Stück für Stück wieder abzugeben !!]



Exkurs 3: Hundertschaft / Gefolgschaft / Lehnsmann / Vasall / Heerschildordnung / Ministeriale

hier werden noch einmal Informationen zu diesem Thema, die auf mehreren Seiten verstreut sind, zusammengefasst [manche Begriffe als Übersetzungen aus den antiken lat. Quellen mögen den modernen Leser verstören, sie wurden in der Form z.B. von Delbrück, Geschichte der Kriegskunst, Bd II Die Germanen 1901 ohne politische Hintergründe verwendet, ich sehe hierzu keine Alternative, auch wenn ich nicht unbedingt mit seinen Schlußfolgerungen überein stimme. Interessant ist das Vorwort von U. Raulff zur Delbrück Neuausgabe von 2000, bzw 2008 mit dem Hinweis zur „Wehrverfassung“ als Staatsverfassung, die ein Licht werfe auf Rüstung und Rekrutierung, Kampfweise und Stellung der Soldaten einer Gesellschaft, in der das Militär eine gewichtige Rolle spielt, wie wir es für das Mittelalter voraus setzen. Das könnte den Rahmen bilden, um mögliche Details zur Ausrüstung innerhalb dieses erkennbaren Gefüges zu rekonstruieren.]:

Die Hundertschaft ist ein germanischer Begriff und meinte einen militärischen Verband auf unterer Ebene ohne exakt fest definierte Anzahl von Streitern, orientiert mglw. an der röm. centurie, die nur begrifflich, nicht realiter einhundert Mann umfasste. Im Gegensatz zur römischen Truppe waren im Germanischen die familiären und regionalen Bindungen von übergeordneter Bedeutung. Tacitus betont auch die Kultgemeinschaft und, neben anderen antiken Quellen, die eher genossenschaftlich genutzten Böden ohne Privateigentum. Jede sesshafte gens (Völkerschaft) wurde regional unterteilt in verschiedene pagi (Gaue, Feld-flurbezirke, wobei im „Gau“ ein Siedelraum in Tal- und Flußnähe, der „Aue“ anzunehmen ist, so sprechen wir heute noch vom Rhein- oder Maingau und das „Feld“ davon entfernt auf den Hochebenen gelegen haben mag), von unterschiedlichen Geschlechtern [zeitliche Komponente] mit langer Ahnenkette beherrscht, die sich in Sippen [regionale Komponente] verzweigten und weiter in einzelne Familien verästelten. Wahrscheinlich waren die german. Bezeichnungen wie „Bataver, Chamaver, Tubanten, Chauken, Usipeter, Brukterer, usw“ auf diese Geschlechter mit langer Ahnenreihe zurück zu führen und keine freie politische Formierung, wie die späteren Groß-Stämme „Franken, Alamannen, etc“. Der Hundertschaftsführer centenarius, „Hunno“ oder angelsächs. „Ealdorman“, „Altermann“ war Herr über eine überschaubare Anzahl von Familien in einer oder in mehreren dörflichen Gemeinschaften, deren Überleben er zu sichern hatte. Er sorgte durch sein Alter und die damit verbundene Erfahrung für seine Schützlinge, dazu lag ihm die Befehlsgewalt, vielleicht auch eine Richterfunktion, auf einer gewissen Ebene inne. Im Verlauf des Mittelalters blieb dieses Amt als „Dorfschulze“ erhalten. Für den Kriegszug in Notzeiten sammelte und kommandierte er die in seinen Zuständigkeitsbereich fallenden Männer und führte sein Kontingent im Heerbann (harjis= Heer) den Fürsten (nobilitas/Edelinge) zu, die ihre Herkunft und Stellung aus dem Geschlecht legitimierten. Inwieweit bereits der Hunderschaftsführer ein Adeliger war, das Amt zugeteilt, wählbar oder erblich wurde bleibt zunächst dahin gestellt, zumindest hatte er wohl den Status eines Freien, der über andere Freie und Unfreie gebot. Erst in den romanischen Gebieten wurde nach der Landnahme der „Centenar“ unter dem Namen des vicarius ein Unterbeamter des Grafen [Delbrück Bd II, S. 23]. Da dieses System lange Zeit ohne schriftliche Fixierung von Titeln und Rechten funktionieren musste, waren moralische Konvention und an Ehrbegriffe gebundene Traditionen von übergeordneter Bedeutung. Jegliches Recht hatte unabdingbar einen personalen Bezug, da es keine unpersönliche Instanz gab, die „Staatsgewalt“ verkörperte. Das Recht wird hinzu immer eine stark religiös legitimierte Komponente gehabt haben.

Die Gefolgschaft war neutraler, ohne zwingende familiäre oder regionale Bezüge. Das „Gefolge“ war das Gesinde und betraf im Kern die unmittelbare Umgebung eines angesehenen Gefolgsherrn, familiäre Bindungen konnten, mussten aber nicht bestehen. Es war die „Haustruppe“ oder Leibwache, bestand aus altgedienten „Kämpen“, die ihre Erfahrungen an die nachrückenden jungen Männer weiter gaben. Die Gefolgschaft war ein komplexes System, das sich aus Freien und Unfreien fügte, die freiwillig oder unfreiwillig miteinander verbunden waren und konnte sich aus sehr unterschiedlichen personenbezogenen Abhängigkeitsverhältnissen zusammensetzen. Das Bindeglied war der Eid auf den Gefolgschaftsführer. Dieser hatte als Oberhaupt auch hier für seine sich ihm unterordnenden Schützlinge Sorge zu tragen, deshalb wird diese Gemeinschaft in Quellen auch schon mal „familia“ im röm. Patronats-Sinne genannt, ohne daß wirklich familiäre Bindungen bestehen mussten.

Grundsätzlich kannte die germanische Gesellschaft den Freien und Unfreien. Die Untergebenen in den beiden oben genannten Gruppierungen standen zu ihren Anführern in gewissen Abhängigkeitsverhältnissen, waren also nur mehr bedingt frei. Rechtlich unfrei waren „Hörige“, die wie eine Sache angesehen und behandelt werden konnten, dazu zählte die Bestrafung, Veräußerung, oder ähnliches. Die Franken haben im FMA das röm. System der Freien, Unfreien und Sklaven keineswegs abgeschafft, sondern in ihr Gesellschaftssytem übernommen. Genauso wie die Römer Sklaven für niedere Verrichtungen mit Muskelkraft in Landwirtschaft, Gewerbe und Transport einsetzten, beschäftigten sie auch unfreie Schreiber, Ärzte, Architekten, Künstler, Erzieher, Leiter von Unternehmen, uvam in den gehobenen Tätigkeitsbereichen. Ehemalig Freie konnten durch Überschuldung in die „Sklavenfalle“ rutschen, als Kompensation für die Gläubiger, was im Laufe der röm. Geschichte, vor allem in der Landwirtschaft, unzählige Male geschah, siehe z.B. die Gründe für die Gracchischen Reformen in der Republik im II. JhvC nach den langen Kriegen, welche die Bauernschaft, das Gros des röm. Milizheeres stellend, in den Ruin getrieben hatte...nicht viel anders lagen die Vorgänge später im fränkisch-merowingischen Reich. Mit der Zerfall des röm. Staatsheeres ab Mitte des V. Jhs hielten sich die röm. Provinzkommandeure und Feldherrn, ebenso die german. „Warlords“ oder die großen röm. Grundbesitzer ein eigenes Gefolge, den „comitatus“, die Haustruppe oder Leibwache, von ihnen besoldet und ausgerüstet. Möglicherweise ist das Gefolgschaftsmodell überhaupt germanischen Ursprungs, bereits sehr alt und ersetzte die strenge unpersönliche röm. Rang- und Befehlshierarchie durch Eid und persönliche Abhängigkeit. Diverse nordeuropäische Mooropferfunden des III.-IV. JhAD mit zahlreichen Ausrüstungs- und Waffenteilen zumeist seegestützter „Kommandounternehmen“ aus Südskandinavien auf die jütische Küste vermitteln eine hohe Professionalität und sind keineswegs Hinterlassenschaften des allgemeinen Heerbanns einer Invasionsarmee. Gefolgschaftsanhänger begaben sich wohl freiwillig in „fremde Dienste“ zu Pflicht und Schutz und waren mit regelmässigen Zuwendungen, Donativen oder Stellung der Ausrüstung durch die Herren deutlich besser ausgerüstet, als der Wehrbauer der Germanen zur röm. Kaiserzeit, die wohl die Masse des Heerbanns in Notzeiten stellten. Herrscher des FMAs setzten Gefolgschaftsführer an strategisch wichtige Punkte, um die Kolonisierung und Urbarmachung von Land oder die Errichtung neuer Siedlungen zu leiten. Ein probates Mittel im weiteren Verlauf des Mittelalters. Die Gefolgschaft wurde zum Rückgrat der früh- und hochmittelalterlichen Gesellschaft, vor allem in militärischen Belangen, aber auch in der Verwaltung und in der Ausweitung der Infrastruktur und damit der Herrschaftsbereiche. Denn durch die Erschließung von Land, das vorher öd und leer, als ungenutzter Wald und Wildnis Eigentum der Krone war, konnte der Lehnsherr und Auftraggeber Eigentümer dessen werden, wie die Babenberger an der Grenze zu den Slawen in Niederösterreich im XII. Jh.

Der enge Kern der Gefolgschaft waren die Leibwache und die Hofdiener für die täglichen Abläufe in Haushaltung und Adminstration. Diese befanden sich nicht nur am Königshof (aule regie familiares), sondern auch bei Herzögen und Grafen, Bischöfen und grossen Grundbesitzern , wer auch immer sich eine Haustruppe (Gesinde, angelsächs. „gesiths), durch Eide gebunden, leisten konnte. Das Gefolge erwartete für seine Leistungen materielle Zuwendung, Absicherung und Schutz. Die Führer/Herren waren zu Erfolg, Einkommen und mglw. Beute verdammt, um ihre Position zu halten. Nicht selten ließ sich der hohe Standard nur durch Expansion und kriegerische Aktionen halten. Im Laufe der Jahrhunderte stiegen die Anforderungen an das Gefolge bzgl. der Ausrüstung. Ein schwer gerüsteter Panzerreiter, der Ritter, konnte nur durch den freien Grundeigener gestellt werden, der ausreichend Ländereien besaß oder wurde durch die Vergabe von Lehen finanziert, das die Abhängigkeit vom Lehnsherrn forderte und förderte. Die höchste Form des Lehnsmanns war der Vasall, der sich einem Höheren unterstellend zu Gehorsam verpflichtet war, dafür Schutz und Rechte genoß, das konnte gegenüber König und Fürst auch ein Edelfreier sein. Reichsvasallen waren unmittelbare des Königs und die Vasallen mediati, die der Fürsten und Bischöfe. Durch ihre gehobenen Dienste und die Rechtsstellung frei oder unfrei unterschieden sich Vasallen von den Ministerialen (ministeriales, servientes). Durch den Treueeid band sich der Vasall, der Ministeriale war ursprünglich als Unfreier eh an Weisungen gebunden. Letzterer war im Extremfall wie ein Höriger mit Leib und Leben Eigentum seines Herrn und hatte damit eine ähnliche Rechtsstellung wie ein antiker Sklave, ragte allerdings in der gesellschaftlichen Position durch sein verliehenes Amt aus der Maße heraus und erlangte durch seine Unverzichtbarkeit in wichtigen Ämtern der Ständegesellschaft immer mehr Freiheiten. Der Schultheiß bspwl konnte in seiner Richterfunktion ein Ministeriale unterschiedlich hohen Ranges sein. In den aufsteigenden Städten regierten sie anstelle des Landesherrn, wie der „schulthaisse“ in Rottweil in Vertretung des Königs, bis ein „burgermaister“ und ab 1265 auch ein Stadtrat bezeugt wurde. Der Schultheiß Wolfram und seine Ehefrau Hiltiburc stifteten die wertvolle grosse Bronzeskulptur des „menschlichen Leuchters“ (mit Bindegürtel) um 1157, heute im Dom zu Erfurt ! Die höchsten Positionen wurden im Bereich der Hofhaltung vergeben. Nach dem Vorbild der Höfe röm. Kaiser vergaben die merowingischen Könige diese Posten an verdiente Untergebene. Aus ihrer unfreien Gefolgschaft ernannten sie den Marschall als Aufseher für die Pferdehaltung, den Seneschall für die Haushaltung, den Buticularius für Keller und Vorräte, den Majordomus als Oberaufseher der Dienerschaft und den Referendarius an der Spitze der Schreiber. Daraus wurden im HMA an den kleineren Höfen der Drost als Haushaltsvorstand, der Marschall als Oberstallmeister und Richter, der Kämmerer Finanzherr, Schenk Mundschenk mit Keller- und Weinaufsicht. Zur Hofhaltung gehörten aber auch die aristokratischen Jünglinge in der Ausbildung, die mglw. in der Wartestellung für ein Amt, eine „Landeswürde“ waren, dazu zählten die Junker des Hochadels, später auch des Niederadels und vereinzelt sogar Bürgersöhne.

Die „Heerschildordnung“, aus dem „Sachsenspiegel“ des Eike von Repgow um 1230 zeigt deutlich wer in wessen Verpflichtung stand und wie die Rangfolge war. Denn die Begrifflichkeit stammt noch aus der Zeit der Gefolgschaft mit der schildbewaffneten Schar von Kriegern, langobard. „arischild, nord. „herskjöldr“, 1165 „herskilt“ und um 1230 „herscilde“, deren Schilde zur Zeit des Sachsenspiegels bereits Wappen aufzeigten. Dem Heerschildinhaber oblagen innerhalb der Lehnshierarchie deutliche Rechte und Pflichte. Das erste Schild hatte der König als oberster Lehnsherr inne. Den zweiten Schild führten Bischöfe, Reichsäbte und -äbtissinnen, den dritten die Laienfürsten (Herzöge, Grafen, Mark- und Landgrafen), den vierten die freien Herren (Edelfreien, Barone), den fünften die Lehnsmannen der freien Herren und die Schöffenbaren („bar“ meint nicht entledigt, sondern mhd. „baren“ erscheinen, darbieten) den sechsten deren Dienstmannen. Eike von Repgow war selbst Schöffenbare, also Richter auf unterer Stufe und durfte im Rang eines Lehnsmanns noch Dienste vergeben. Die süddt Landrechte „Spiegel dt. Leute“ und „Schwabenspiegel“ nennen einen siebten Schild mit weiteren Unfreien.

Die Dienstmannen/Ministeriale erhielten besondere Dienstrechte und Dienstlehen, in engem persönlichen Treueverhältnis zu ihrem Herrn, um den Aufgaben als berittene Streiter nachzukommen. Damit unterschieden sie sich den Anforderungen gemäß nicht von einem Ritter und nähertem sich diesem Stand der Freien immer mehr an. In den Quellen werden sie oft vereinfachend wie alle berittenen Krieger als milites bezeichnet, deutlich abgegrenzt zu den pedites, den Fußsoldaten. Oft musste das verliehene Land erst gerodet und urbar gemacht werden, so daß ein Ministeriale zunächst ein besser gestellter Grundbesitzer war, der Aufsicht über die bäuerliche Bevölkerung ausübte und das Land für seinen Herrn erschloß, verwaltete und sicherte. Denn es war Grundrecht des Adels durch Rodungen die Eigenherrschaft auszuweiten, auch wenn dem König somit Land entzogen wurde. Der Ministeriale war Bindeglied zwischen Bauer und adeligem Herrn und erfüllte Aufgaben in der Administration, indem er Zeugeneide bei wichtigen Vorgängen, wie Verkäufen, Schiedsgerichten und weiteren Rechtshandlungen leistete, die durch Urkunden und Verträge dokumentiert wurden. Sie gelten mithin als wichtigste Quellen für die namentliche Erwähnung von Ministerialen, die durch besondere Gunst bis in höchste Ämter im Hofdienst der Fürsten oder des Königs aufsteigen konnten. Die Ministerialen/Lehnsmänner auf Königsland und den sich ebenfalls ständig erweiterten königseigenen Rodungsländereien waren ausschließlich gegenüber dem König verpflichtet, als ministerialis imperatoris, reichsunmittelbar und ohne zwischengeschaltete Adelige oder Bischöfe und unterstützten königliche Politik nicht selten gegen die Interessen des Hochadels. Fehlte dem Königshaus der starke Herrscher war mit dem Verlust von Königsland zu rechnen, wenn der Lehnsmann abtrünnig wurde, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen. Viele Ministeriale wurden mächtig, verloren im XIII./XIV. Jh ihre Unfreiheit, da sie unverzichtbar in der staufischen Reichspolitik geworden waren und nach dem Fall der Staufer unkontrollierbar, da das Netz der persönlichen Bindungen zerfiel. Nur starken Herrschern konnte es gelingen widerspenstige Ministeriale durch Belagerung und Zerstörung ihrer Amtssitze zur Raison zu bringen, wie es Quellen zuweilen berichten. Die Könige versuchten ihr Eigentum, das wie ein Flickenteppich über das gesamte Reichsgebiet streute und durch reichsunmittelbare Amtsleute verwaltet wurde mit Tausch, Kauf und Zwang zu konzentrieren, wie die Staufer dies im Altenburger Land an der Pleiße, im Vogt- und Egerland oder im Nürnberger Raum erfolgreich betrieben. Den Anfängen der Ministerialenschicht versuche ich bereits mit den Gefolgschaften des FMAs auf den Seiten V-VIII. Jh nachzugehen um zu erahnen, wie sie sich uns im archäologischen Fundgut oder später auf Abbildungen und in der Plastik zu erkennen geben.



Exkurs 4: Der Bürger-Stadteinwohner

Der „Bürger“ ist ein Begriff, der auf meinen Seiten recht häufig auftaucht, aber anscheinend von manchen anders verwendet wird, als er mir vorschwebt. Deshalb gebe ich eine Definition nach den mir vorliegenden Quellen. Übrigens ist erst ab ca. 1300 durch die zunehmende Verstädterung mit etwas über 10 % Anteil von „Städtern“ an der Gesamtbevölkerung zu rechnen, vorher war der Anteil deutlich geringer. Aber wer sind nun diese „Städter“?

Die Reichskleiderordnung zu Augsburg von 1530 besagt deutlich, daß „Item nach dem in stetten gemeynlich dreierley Burger und innwoner seind als gemeyne Burger und Handtwercker, kauf und gewerbsleut und andere so im Radt von geschlechten oder sunst ehrlich herkommen und irer zinss und renthen sich erneren.“. Demnach kann man unterscheiden in den Anteil der arbeitsamen Bevölkerung mit einfachen und gehobenen Tätigkeiten und einem Stadtadel von Herkunft, der nicht arbeitete, sondern sich vom Zins seiner Eigentümer nährte. Jetzt war aber der Bürger den Schriftquellen nach streng genommen ein Grundstücksbesitzer in der Stadt, mit nachweisbarem Besitz und vor allem mit Eintrag in der Bürgerrolle nach der er steuerlich veranschlagt wurde und keineswegs nur „Niedersitzer, meint Einwohner derselben! Zu letzteren zählte das Gesinde, die Mägde, Knechte, Gesellen, Tagelöhner und alle Arbeiter für einfache Verrichtungen. Sie hatten keinen aufgeführten Besitzstand und zahlten keine Steuern! Sie waren stimm- und oft rechtlos. Der Haus- oder Grundbesitz alleine oder die Ausübung eines Handwerks bedingte noch nicht das Bürgerrecht. So war Stefan Lochner als anerkannter Malerhandwerker und Hausbesitzer noch ohne Bürgerrecht, was er aber erwerben musste, als er 1447 in den Stadtrat gewählt wurde. Mit dem Bürgerstatus erwuchsen besondere Rechte und Pflichten, wie Steuern, Arbeitspflicht bei öffentlichen Bauvorhaben, dazu gehörte vornehmlich die Stadtbefestigung mit dem eifrig betriebenen Mauerbau, Wach- und Wehrdienste und die Bindung an die städtische Gerichtshoheit. Nach R. Kiessling [Bürgerliche Gesellschaft u Kirche in Augsburg im SMA von 1971] bestand die Bevölkerung dieser Stadt zu zwei Dritteln aus besitzlosen Einwohnern, nur ein Drittel hatte eine Besitz von mehr als ca 100 bis 500 Gulden und war steuerpflichtig, von ihnen wurde also das „Geschoßeingetrieben, wie man die Steuer in der Statuta thaberna von 1434 in Weißensee/Thüringen bezeichnete. Dazu wurden mehrere fest vorgegebene Tage im Jahr als Abgabetermin bestimmt. Im Rottweiler Stadtmuseum liegt offen einsehbar das Steuerbuch der berühmten Reichsstadt von 1441 mit Bürgernamen, Summen und Zahlvermerk. Von dem vormalen genannten Drittel besaß nur ein Bruchteil mehr als 3000 Gulden und stellte damit das gehobene Bürgertum mit einem Anteil am Gesamt Augsburgs von weniger als 2%.

Die Verstädterung ist ein Prozeß, der bereits in der Antike im Mittelmeerraum zu hoher Blüte gelangte. Bei den demokratischen griech. Stadtstaaten war nach dem Athener Modell ab dem V. JhvC nur derjenige ein Bürger, welcher Besitz in der Stadt oder als Bauer auch mit entsprechendem Land vor der Stadt nachweisen konnte. Er war damit politisch voll stimmberechtigt in seiner polis. Zu den Pflichten gehörte u.a. die Verteidigung des Stadtstaates als schwer gepanzerter Milizionär, als Hoplit mit eigener Rüstung und Bewaffnung, deren Wert schon ein gewisses Einkommen voraussetzte. [Daß Athen seine Kräfte nicht nur defensiv, sondern als erste äusserst aggressive Demokratie der Welt auch offensiv einsetzte, steht auf einem anderen Blatt und war eine Folgeentwicklung der gewonnenen Perserkriege]. Das Beispiel sollte Schule machen und Rom übernahm ein ähnliches Modell, nach dem die Einteilung in Steuerklassen die Art und Weise des Kriegsdienstes reglementierte und übernahm auch eine ähnliche Grundhaltung und Einsatzweise seiner Bürger, was die Republik zur Herrin im Mittelmeer werden ließ. Ursprünglich war also die Verteidigungsfähigkeit einer Stadt, bzw eines Stadtstaates eng an die Wirtschaftskraft seiner vermögenden Einwohner geknüpft. Trotz der in diesem Punkt abweichenden Entwicklung in der Spätantike, da die röm. Armee nun aus Berufssoldaten und Söldnern bestand, wurde das Grundmodell einer sich selbst verwaltenden Stadt in das Mittelalter, angeregt durch röm Municipalordnung, vererbt. Mglw kamen diese Anregungen aus der hoch entwickelten mittelalterlichen norditalienischen Stadtkultur.

Dem mittelalterlichen Bürger oblag nun die Verteidigung seiner Stadt. Auch dazu bedurfte es einer gewissen Wirtschaftskraft, um die eigene Bewaffnung/Ausrüstung zu stellen, wobei mglw auf den stadtfarben gemäße Details wert gelegt wurde. Zeughäuser mit staatlich/städtischen Waffen hatte es bereits in der Antike gegeben. Denn die finanzielle Einstiegschwelle zum Dienst an der Waffe musste immer weiter nach unten gesenkt werden, so hoch waren Blutzoll und die Bedürfnisse Massen zu rekrutieren. Im Mittelalter hat ein Bürger in verantwortungsvollen Positionen seine Stadt geschützt. Denn es oblagen bsplw den Zünften und Berufsvereinigungen feste Mauerabschnitte, Tore und Türme. Die Masse der unteren Einwohnerschicht wird sich dann mit Zeughausware begnügt haben, wenn es galt die verteidigungsfähige männl. Bevölkerung für den Ernstfall zu mobilisieren. Aber dies war natürlich eine Sondersituation. Führte die Stadt einen Krieg im Auftrag des Stadt- oder Landesherrn oder einen Angriffskrieg, wie manche Stadtbündnisse dies mit sich brachten, wurden dafür Berufssoldaten, meint Söldner engagiert. Der Bürger konnte sich von solchen Unternehmungen frei kaufen. Die Stadtbevölkerung trug, nach Statuten des SMA`s, im allgemeinen wohl keine Waffe in Friedenszeiten, bis auf die Machtorgane, die als Wächter oder Aufseher dazu befugt waren. Mitte des XV. Jhs ist in Nürnberg und in Weissensee/Thüringen das Tragen von „Barten, Langmessern oder Mordwehren“ ausdrücklich verboten worden [Statuta thaberna von 1434 aus Weißensee/Thüringen in: GE König, Anno Domini. Jahrbuch für mittelalterl. Kulturgeschichte u hist. Brauchtum 1999, S. 50].

Pfahlbürger“ wohnten außerhalb der Stadt, galten aber rechtlich als Bürger. Auswärtige Adelige konnten innerhalb der Mauern grundsteuerpflichtigen Besitz haben. Die Ministerialen, ehemals unfreie Dienstmannen an den Fürsten- und hohen Klerikerhöfen, wie Vögte, Münzmeister oder Schöffen konnten zum Stadtpatriziat aufsteigen und stellten mit den reichen Kaufleuten die Oberschicht und später die Ratsherren. Durch die gesteigerte Wirtschaftskraft gelangten Zünfte und Berufsgemeinschaften im XIV. Jh an Bedeutung, so daß auch sie „ratsfähig“ wurden. In Köln konnte im XV. Jh nur derjenige in den Rat gewählt werden, wer eine mind 10jährige Haushaltsführung in der Stadt nachzuweisen, das Kölner Bürgerrecht erworben und die daran gebundene Aufnahmegebühr von 12 Gulden bezahlt hatte. Der Kölner Rat bestand zu diesem Zeitpunkt aus 49 Mitgliedern, die jeweils für ein Jahr amtierten und nach einer zweijährigen Karenzzeit wiedergewählt werden konnten. So rotierten in diesem Dreijahresrythmus meist die gleichen rd. 150 Männer. Die Wahlorgane waren die 22 „Gaffeln“, die entweder durch Kaufleute oder die Zünfte repräsentiert wurden. Neben die gewählten 36 Ratsherrn zog der Rat selbst nach Gutdünken 13 „freie“ Kandidaten hinzu, das sogenannte „Gebrech“, unabhängig von der Gunst der Gaffeln. Die Ratsherren tagten an drei Vormittagen in der Woche und mussten hinzu in Kommissionen und in diversen Ämtern tätig sein, waren also zeitlich nicht gering eingebunden [Stefan Lochner. Meister zu Köln. Herkunft-Werke-Wirkung von 1993, S. 11/12]. Geistliche waren urspl. vom Bürgerrecht ausgeschlossen, genossen aber ein paar Privilegien. Mit der Zeit wurden sie aus dem Kirchenrecht gelöst und eingebürgert, um sich steuerliche Einnahmen zu sichern. Juden konnten ein eingeschränktes Bürgerrecht erhalten, das allerdings die Wahl zum Stadtrat verbot. Nach den grossen Progromen Mitte des 14. Jhs wurde ihnen nur noch für ein Jahr Bürgerrecht erteilt und musste immer neu beantragt werden.

Bürgerschaften standen nicht selten in Konflikt mit ihren Stadtherren, einem Bischof oder mglw Vogt als Vertreter des Landesherren. Im SMA wurde die Loslösung angestrebt und der König vergab wenn möglich Privilegien, die diese Tendenzen verstärkten. Städte wurden aus den Territorialherrschaften in die Reichsunmittelbarkeit überführt. Diese galten dann als „Freie Stadt“. Der Aufstieg der Städte gelang politisch im Reichsgefüge, da weltliche und geistliche Potentaten häufig untereinander zerstritten waren. Gelder aus den Städten führten so manche Entscheidung herbei. Städte schlossen untereinander Bündnisse, wie den Rheinischen Städtebund 1254 zum Schutz der Erhaltung des Landfriedens und gegen das Raubrittertum oder die Dekapolisseit 1354 mit zehn Städten in Südwestdeutschland.

Im äusseren Erscheinungbild waren „Bürger“, wie Handwerker, Kaufleute oder gar Patrizier Abbildungen nach gut zu erkennen. Sie trugen geschlossene knielange oder bodenlange Gewandungen und zeigten im Gegensatz zu Bauern oder Knechten in der Öffentlichkeit und zu offiziellen Anläßen lange Zeit keine Unterwäsche. Denn das wäre äusserst unschicklich gewesen. Zumal Maler selbst nicht selten angesehene Bürger in den Städten waren, die oft hohe Ämter innehatten. Sie mussten in ihren Bildern deutlich Konventionen wahren und konnten nur mit den „niederen Randfiguren“ über die Strenge schlagen, was sie dann wiederum gerne taten. Erst in der 2. Hälfte des XV. Jhs begann die Bürgersfrau am tiefen Halsausschnitt und an den Ärmeln ein Stück des Untergewands zu zeigen, so wie es die unteren Schichten der arbeitenden Bevölkerung ungeniert und natürlich aufgrund der schweißtreibenden Arbeit schon länger tat. Auch der Adel, und durch ihn eingekleidete Höflinge, nahmen sich seit geraumer Weile die Freiheit heraus provokant den Brustlatz oder an den Ärmeln das weisse Hemd, nun aber aus kostbaren Stoffen, wie Seide, zu präsentieren, siehe Bilder von Memling, Frueauf dem Älteren oder das berühmte adelige Liebespaar aus Gotha um 1480/85 mit „offener“ Bekleidung von Wams und Kleid, die viel Seide an Ärmeln, auf Brust und Brustlatz sehen ließ und mit „Gesperr“ geschlossen wurde.