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1250-1350

XIV

1350-1400

Beutelhalter XIII-XV Knieriemen XII-XV

XV

1400-1450

XV-XVI

1450-1520





DRAGAL





Rekonstruktion von Leibgürteln für das Reenactment im

Früh-, Hoch- und Spätmittelalter (kurz FMA/HMA/SMA).

Imagination anhand von Sachobjekten oder

wie kann man Vergangenes überzeugend darstellen?



Geschichte der Gürtelmode vom V. bis zum XVI. Jh1

Angestrebt wird die Gürtelmode vom V. bis zum XVI. Jh. durch Rekonstruktionen anhand von originalen Fundstücken, zeitgenössischen Kunstwerken, historischen Text- und Bildbelegen exemplarisch vorzustellen mit dem Schwerpunkt auf die untere und auf die, sich in dieser Zeit entwickelnde, mittlere soziale Schicht. Die Formen der gehobenen Schichten werden als richtungsweisend aufgefasst, aber nur ausschnitthaft anschaulich gemacht, denn sie tauchen ja zur Genüge in diversen Publikationen auf. Es wird in der Regel davon ausgegangen, daß sich die Produzenten für die unteren Schichten an diesen Formen orientierten, Material und Herstellungsweise vereinfachend. Diesbezüglich werden auch Statuten der Gürtlerzunft herangezogen. Denn sie fertigte für die breite Masse. Innovative und modische Formen erstellten Gold- und Silberschmiede. Von den „Gürtlern“ deutlich unterschieden wurden die „Riemer“ und „Riemenschneider“, die keine Bleche oder Beschläge setzen durften.

Dieses Projekt ist extrem breit angelegt und der gewählte Betrachtungszeitraum groß, so daß sich aufgrund der vielen modischen und technischen Innovationen notwendigerweise Vereinfachungen ergeben müssen. Denn wie weit ist das SMA vom FMA modisch entfernt! Und wie sehr sind wir als Betrachter vom Damaligen entfernt, daß die Relikte wie „Abziehbilder“ wirken, die wir mühsam mit Inhalten füllen, um den Zeitgeist ihrer „Schöpfer“ zu erfassen.2 Es können nur grundlegende Beispiele gezeigt werden. Zur Einführung in die jeweiligen Jahrhunderte sind historische Begebenheiten kurz angerissen, damit die jeweiligen Gürteltypen in ihrem zeitlichen Kontext gesehen und Modifikationen aus diesem Umstand heraus erklärbar werden. Der Schwerpunkt liegt auf der zivilen Gürtelmode, dem Leib- oder Kleidergürtel! Er war Bestandteil der Kleidung, raffte, hielt sie in Form und diente dazu auch andere Gegenstände, wie Tasche, Beutel, Messer, Dolch, Sax, Schlüssel, diverse Werkzeuge und sonstige Utensilien des täglichen Gebrauchs zu tragen. Waffengurte sind untrennbar mit der Waffe verbunden, wie Schultergurte, Köchergurte oder die schweren Gurte mit Spannhaken für Armbrustschützen und ähnliche Spezialformen. Schwertgurte hatten meist besondere Befestigungen für die Scheide, ein Spathagurt war definitiv kein Leibgürtel. Für den Waffengurt öffnet sich ein eigenes Untersuchungsfeld, das bei den Betrachtungen auf diesen Seiten nur eine untergeordnete Rolle spielen kann.3 Einen besonderen Nimbus hatte der standesgemäße Schwertgurt des HMAs, als Rittergurt meistens gebunden und ab dem XIV. Jh im Reich auch geschnallt. Er kennzeichnete mit der Waffe den Stand, war sichtbares Zeichen besonderer Privilegien und Ausdruck verliehener Macht. Ansonsten verdeutlicht eine Waffe Konfliktsituationen. Bei der Darstellung politisch-militärischer Ereignisse ist sie unentbehrliches Utensil. Auf Abbildungen mit „biblischen“ Szenen (als Altarretabel vor allem wichtige Quelle im SMA) ist die Auswahl der Bewaffneten auf bestimmte Personengruppen eng begrenzt! Hier markiert die Waffe den Stand und die Rolle im Gesamtgefüge, sie ist Erkennungszeichen.

Hist. Bedeutung des Gürtels / Der Leibgürtel war nicht nur Gebrauchsgegenstand, bei den gehobenen Schichten zusätzlich eine schmückende Zier und wurde ein Element des Ausdrucks gesellschaftlicher Hierarchie. In der sozialen Ordnung spielt(e) Kleidung immer eine besondere Rolle. Gürtel der oberen Schichten waren den Modetrends unterworfen und konnten in relativ kurzen Zeiten starken Veränderungen unterliegen. Ein Generationen- und Machtwechsel brachte immer neue Moden hervor, um den Wechsel äusserlich zu unterstreichen. „Kleidung ist eine Sprache, mit der in einer Gesellschaft kommuniziert wird.“4 Auch heute noch gilt die Redewendung „ein Amt bekleiden“ und unterstreicht Autorität durch äussere Erscheinung. Gürtel waren Zeichen, so symbolisierten die überlangen Formen bei Madonnendarstellungen und jungen weiblichen Trägerinnen deren Jungfräulichkeit, das Lösen des Gürtels folglich deren Ende“, wie es H.D. Mück treffend formulierte.5 Gürtel konnten in Mythen und Sagen als „Träger der Kraft“ gelten, man denke an die „Gunther-Brunhild-Szene“ im Nibelungenlied. Es gab auch Gürtelteile, die als Reliquienbehälter gedient haben, Belege des FMAs in Sutton Hoo, in Gondorf, Kr Mayen-Koblenz aus dem VI./VII. Jh mit einem seitlichen Scharnier und Hohlraum, Schnalle aus Grab 8 von St. Ulrich und Afra in Augsburg um 600 oder wie die Riemenzunge von Walda/Donau vom Ende des VII. Jhs mit einem Schiebedeckel. Auch ganz profan zur monetären Aufbewahrung und zum Geldtransport wurden Gürtel bis ins XX. Jh durch Einnähen oder verdeckte Fächer genutzt. Während der Belagerung von Akkon durch Guy de Lusignan seit Aug. 1189 versuchten muslimische Schwimmer den eingeschlossenen Glaubensbrüdern in der Stadt, durch Geld und Lebensmittel in oder an ihren Gürteln befestigt, Hilfe zu bringen.

Dem Leser dieser Seiten mag ein scheinbar befremdliches Abdriften zu Fragen der Sozialstruktur und zur Verfassung des mittelalterlichen Gesellschaftssystems auffallen oder stören, wie die intensive Beschäftigung mit dem Gefolgschaftswesen im FMA, mit dem folgenreichen Phänomen der Kreuzzüge im HMA oder öffentlichen Aufführungen mit einer möglichen Verbindung zur Tafelmalerei im SMA, die in der modernen Forschung verworfen wird, was allerdings auch anders betrachtet werden kann. Ebenso ist der Einführung ins Mittelalter mit dem Übergang aus der Spätantike breiten Raum zugedacht, da hier entscheidende Weichen für den weiteren Verlauf gestellt wurden. Nebenbei spielen Gürtelkombinationen aus dieser Zeit in der Archäologie als aussagekräftige Fundgattung, neben Waffen oder Fibeln, eine erhebliche Rolle. In den nachfolgenden Jahrhunderte wurde immer wieder Bezug auf römische Relikte genommen, nicht nur in der ausdrücklich so titulierten „Romanik“, bereits die karolingische Akanthusornamentik liefert eine deutliche Richtungsangabe. So wie die Scheibenfibeln des FMAs ihre Vorbilder in der röm Mode hatten, werden sich auch die paarweisen Tasselscheiben des HMAs an röm Fibelformen orientiert haben, viele Pferdegeschirrelemente, wie Rollschnallen hatten direkte Vorläufer in der Spätantike, an vielen Schnallen des HMAs mit „Hörnchen“ und „Noppen“ erkennt man die Weiterentwicklung provinzialrömischer Formen, die schweren Dusinge des SMAs erinnern an die mit Zierblechen beschlagene Gürtel der röm Kaiserzeit, deshalb findet man ihre Abbildungen auch an den „schlafenden Wächtern“, denn sie sollten ja röm. Soldaten darstellen. Im SMA tauchen viele spätantike Schnallenvarianten wieder auf, wie Bogenschnallen, die es bereits 1000 Jahre vorher gegeben hatte. Jede Zeit suchte ihre ganz eigenen Bezüge zur röm Kaiserzeit und das nach einem inhaltlichen Programm, mit dem sich weitaus mehr verband. Die äusseren Erscheinungsformen sind für uns lediglich signifikante Hinweise auf die jeweilige Geisteshaltung.

Grundsätzlich soll auf diesen Seiten ein gedankliches „Spielfeld“ geschaffen werden, beleuchtet durch die Facetten in denen sich das Mittelalter uns heute zeigt. Und das ist momentan noch sehr klein, gemessen an den Möglichkeiten die der persönliche literarische Fundus und das Archiv her gäben, wenn mehr Zeit für die „Forschung“ da wäre. Meine Vorgehensweise ist von lauter Fragen, einer „gesunden Skepsis“ und auch durch eine gewisse Naivität geprägt, indem versucht wird die Ausdrucksformen des Mittelalters zu erklären, nach dem Motto „Watt is´n Dampfmaschien...[„Feuerzangenbowle“]. Es geht nicht darum altbekanntes Wissen um die Historie, meist in unsäglicher Reihung der Folgen von Macht und Machterhalt, als „Füllmaterial“ wiederzukäuen, sondern es ist das erklärte Ziel herauszuarbeiten wie sich die sozialen Ränge gestalteten und wer unter wessen Einfluß stand, um die jeweilige Kleidung und damit auch den dazugehörigen Gürtel einzuschätzen. Wie sehr waren Sachobjekte verbindend, abgrenzend oder Identität stiftend? Welche Bedeutung hatten politische Ereignisse, Heiraten, Handelsverbindungen, Kriege, Seuchen mit ihren sozialen Katastrophen, räumliche Trennungen, Völkerverschiebungen oder Auswanderungen für unser Themengebiet?6


Das personale Abhängigkeitsgeflecht war enorm und das damalige Gesellschaftssystem von dem heutigen so grundverschieden, daß es schwer fallen mag Verständnis dafür zu entwickeln und es glaubhaft darzustellen. Also wird versucht zeitlich weit vorne anzusetzen mit Beginn in der Spätantike, um sich die Entwicklung der Grundherrschaft mit den daraus resultierenden Rechten und Zwängen für den Einzelnen anzuschauen, um zu beurteilen, wer welche Materialien bzgl. der Gürtel erlangte, verarbeitete oder trug. Archäologische Funde sollen mit künstlerischen Erzeugnissen in Stein, Metall oder auf Pergament und Papier abgeglichen werden, um sich der Aussage anzunähern, wer mit welcher Ausstattung dargestellt wurde? Alle Gedankengänge zielen auf ein praktisches Ergebnis hin und weniger auf kunsthistorisch ästhetische Betrachtungen, die aber als Mittel zum Zweck für HMA/SMA bzgl. der Ikonographie, also der Bildbetrachtung unter Berücksichtigung des Inhalts und der Darstellungsgegenstände, unerläßlich sind. Denn als Quellengattung stehen uns häufig Kunstwerke, nach heutiger Normierung, zur Verfügung. Damals war ein Tafelbild oder eine Skulptur in erster Linie Handwerk. Und das Handwerk, wenn auch in erheblich einfacherer Form, ist hier ebenso wichtiges Betätigungsfeld, denn es gilt ja Gürtelformen zu rekonstruieren.

Bayeux 2. Hälfte XI. Jh mit geschnallten Schwertgurten

Dies ist keine universitäre Studie, die mit Hilfe von „Forschungsgeldern“ erstellt wird. Diese Seiten richten sich nicht nach der persönlichen Interessen-, sondern viel mehr nach der Auftragslage! Denn die Seiten werden dankenswert finanziert und erstellt nach den Anfragen ihrer Kunden. So werden bestimmte Zeitabschnitte unterschiedlich intensiv bearbeitet und es tauchen Gürtelkombinationen „ungefragter Zeiten“ nicht auf. Mit dem Mut zur Lücke werden auch die Texte bearbeitet, mache Aussagen haben eher „Platzhalterfunktionen“. Sie sind zu überarbeiten. Würde ich aber jeden Punkt bis zur Perfektion treiben und dann erst veröffentlichen, gäbe es diese Seiten gar nicht, sondern bestenfalls einen „schicken Nachlaß“, den aber keinen mehr interessiert. So manche vorschnelle Einschätzung stellt sich nachträglich als nicht haltbar heraus. Nachbesserungen werden vorgenommen, quantitativ und qualitativ, auch wegen mancher Flüchtigkeitsfehler, denn es gibt keinen Korrekturleser. Ansonsten finde das Vorwort aus dem STRATEGIKON (oström. strategische Anweisung) Anwendung: „Um die genaue Wortwahl also oder den Prunk der Rede kümmern wir uns, wie gesagt, nicht; denn es sollte kein heiliges Werk sein, vielmehr eine „kurze Schrift“ für die Praxis. Daher verwenden wir auch oft lateinische Ausdrücke und andere, die bei den Soldaten üblich sind, zum klaren Verständnis der Leser“. Das Ziel ist es Schritt für Schritt neue Gürtelkombinationen zu ergänzen, die der Quellenlage nach angemessen sind und das Bisherige, was meist im Kundenauftrag entstand, deutlich erweitert. Damit soll endlich das „Gestalt“ gewinnen, was schon lange auf meiner digitalen und „biologischen Festplatte“ ist, aber bislang von niemandem eingesehen werden konnte...

Im Gegensatz zur „exakten Wissenschaft“ wird hier nicht mit kritischen Bemerkungen zur Vergangenheit gespart, auch wenn sie selbstverständlich aus moderner Sichtweise stammen und eigentlich nicht auf historische Begebenheiten übertragen werden sollten. Auch kleine Anekdoten sind, nicht ohne eigenes Amüsement, eingefügt. Wenn es allzu sehr in die Moderne abdriftet, sind Textstellen, wie diese, in schwarz gehalten, aber das mag man dann überspringen, falls nicht gewünscht. Auch eigenartige Gebaren der Jetztzeit werden aufs Korn genommen. Es geht in erster Linie darum moderne Zeitgenossen mit Details der Vergangenheit „vertraut zu machen“, da ist es wohl angebracht Dinge, die uns von den damaligen Menschen trennen, in beide Richtungen deutlich aufzuzeigen. Was verstellt und erschwert unsere Sichtweisen? Rekonstruierte Objekte sollen nicht rein von ihrem artifiziellen Charakter, sondern in den sozialen Kontext eingebettet, beurteilt werden. Damit wird bei der Darstellung eine Präsentation vor Publikum ohne eine gewisse „soziale Verantwortung“ unmöglich. Der Punkt soll nicht überbewertet werden, aber die Beschränkung auf das Objekt allein ist „Schubladen-“ oder eher „Vitrinendenken“. Dazu würden Figuren reichen und es bedarf eines lebendigen Reenacters eigentlich nicht.7 Vielen ist vermutlich gar nicht klar, was wir mit dem "modernen Mittelalter" anrichten, wenn aus Geschichte ein „Freizeitpark“ gemacht wird. Unser -hier und heute- beruht auf Unveränderlichkeiten von Ereignissen in der Vergangenheit, welche mal Tagespolitik waren. Gute Geschichtsvermittlung zeigt Stränge der Entwicklung auf und Gründe für die Verfestigung in der Gegenwart. Vergangene Ereignisse sind nicht zu ändern, nur die Deutung obliegt uns. Das tut jeder nach seinem Gutdünken oder nach seiner Forschungsfinanzierung oder oder oder...folglich brauchen wir viele unterschiedliche Betrachtungsweisen.

Trotz bisher angesammeltem „Fachwissen“ heißen diese Seiten nicht „Ich weiß wie es geht“, sondern „Ich schlage jetzt mal eine Richtung ein“. Das kann bedeuten, daß bei neuem Kenntnisstand der Kurs geändert wird, nicht unbegründet, damit der Gedankengang nachvollziehbar bleibt. Es wurde nicht ständig ein „vielleicht“, „mglw“, „könnte sein“, „es obliegt dem Anschein“ oder ähnliche Zweifelsformulierungen eingebaut, aber sie sind da! Die Erstellung dieser Seiten legt manche Überraschung offenbar, wenn bisherige Ansichten mit Museumsexponaten oder mit Text und Bild aus dem eigenen Archiv abgeglichen werden. So entstehen vollkommen neue Vorstellungen vom Mittelalter. Diese Seiten werden also immer ein „work in progress“ sein. Ich stehe mit mir selbst im Diskurs, auch wenn das äusserlich nicht so wirkt, sozusagen „Arbeit zum Mitlesen“. Deshalb werden immer wieder Passagen aktualisiert und müssen auch überarbeitet werden, das ist vollkommen klar. Meine Vorgehensweise ist mit vielen Fehlern behaftet. Der Leser mag, sofern er sich etwas von diesem Informationswust annehmen möchte, den Ansichten folgen, zur eigenen Nachforschung angeregt werden oder sie für sich als überholt ansehen. Das hier ist kein genereller Leitfaden, sondern in manchen Punkten vielleicht eine Empfehlung, eher eine Groborientierung und dient in erster Linie dazu sich dem Thema aus verschiedenen Blickwinkeln anzunähern, getreu nach dem Motto eines russ. Sprichworts: „Ziele erreichen nicht die, die es können, sondern die, die es wollen.


Originalschnallen XIII. - Anf XIV. Jh

In der Rekonstruktion historischer Objekte gilt anzumerken, daß sich diese Seiten bezüglich der verwendeten Materialien auf die Metalle Eisen, Bronze, Messing, Zinn, bzw. auf verzinnte oder Gegenstände mit Weißmetallüberzug [wie es die Forschung bezeichnet] beschränken. Weitere Materialien werden erwähnt, aber nicht anschaulich gemacht. Der Schwerpunkt liegt auf dem standes- und zeitgemäßen Gürtel unterer und mittlerer Schichten, nach mittelalterlicher Arbeitsweise und Material belegbar und für eine gewisse Zahl von Darstellungen für Mann und Frau im Reenactment angemessen.8 Die notwendige Voraussetzung ist die bereits erwähnte Beschäftigung mit der mittelalterlichen Gesellschaft, um zu erkennen, was einzelnen Personen möglich war.



Die mittelalterliche Ständegesellschaft

Das Mittelalter kannte lange Zeit nur eine hohe und niedere soziale Schicht, grob unterschieden in Freie und Unfreie/Hörige, ein Mittelstand arbeitete sich im städtischen Umfeld (im wahrsten Sinne des Wortes) langsam heraus. „Unfreiheiten“ und daraus resultierende Abhängigkeiten werden in der modernen Forschung abgestuft. Die folgenden Betrachtungsweisen gelten für Land- und Stadtbewohner unterschiedlich. Stellvertretend für die zahlenmäßig breite untere Schicht der Hörigen standen zunächst Bauern als Pächter und Landarbeiter, wie Köhler oder Hirten und verschiedene Formen der Tagelöhner auf den Höfen, schließlich die Schergen/Schalke/Knechte, Stall- bzw Küchenburschen und Mägde (ancillae), welche dem Gesinde zuzuordnen und damit als Leibeigene zu bezeichnen sind. Mit der Entwicklung der Städte standen sich die unteren Stadteinwohner, wie Arbeiter(-innen) einfacher Gewerke, bsplw. Schuhflicker oder Weberinnen, die meisten Gesellen und Handwerker besser, da die Grenzen zwischen Freiheit und Unfreiheit unschärfer wurden. Stadtluft machte nur bedingt frei, da es schwierig war vollkommene Unabhängigkeit zu erlangen. Die meisten Stadtbewohner unterer Schichten werden in den Quellen als „Inwohner“ bezeichnet. Viele pachteten ihre Arbeitsstätte, befanden sich damit in Abhängigkeiten und galten nicht als „Bürger“, denn dieser Status war abhängig vom Haus- und Grundeigentum, Eintrag in die Bürgerrolle und Steueraufkommen. „Schmutzige“ Gewerbe, wie Gerber, Lederer und auch Schmiede, die in den Dörfern erheblich höheres Ansehen genossen, waren in den Städten weitaus weniger angesehen als z.B. Berufe im Umgang mit Stoffen bzw Bekleidung, die Färber, Schneider, Schuhmacher oder Kürschner, letztere zählten bereits, ähnlich wie Silber- oder Goldschmiede, zu den gehobenen Handwerkerrängen. Aus dem Gros der Handwerker stachen Waffenschmiede und das Plattnerhandwerk hervor, denn sie sorgten für das Renommee einer Stadt. Auch bei den Kaufleuten bestimmte das Angebot den sozialen Rang. Der Krämer mit Ware für den täglichen Bedarf hatte einen anderen Status als der Tuchhändler und der Fernkaufmann für Rohstoffe oder Gewürze. Frauen konnten in die handwerkliche Produktion oder in kaufmännische Vorgänge eingebunden sein. In einigen Fällen sind auch vollkommen selbständig agierende Frauen nachweisbar. Alle auf den Seiten abgebildete Gürtelrekonstruktionen werden in einer sozialen Zuordnung getrennt zwischen Formendes einfachen Volkes“ mit Bauern, Schergen und Gesinde, im SMA hinzu „Stadtbewohnermit Krämern und Handwerkern als untere Gesellschaftsschicht gegenüber einer höheren mit (hoch)bürgerlichen Formen“. Damit gemeint ist das „betuchte“ Bürgertum, wie Fern- und Großkaufleute, Bau-, Münz- und Zunftmeister, geschworene Eich- oder Handwerksmeister exklusiver Gewerke und Notare oder Stadtschreiber, Universitätsgelehrte und -absolventen, Ärzte und Juristen, schließlich Dienstmannen in gehobenen Positionen, die in den Städten ratsfähig waren. Dazu werden nun zukünftig vermehrt Formen in Silber, auch Buntmetalle mit Weißmetallüberzug oder vergoldet präsentiert. „Höfische Formentreten bei mir eigentlich nicht auf. Denn das bedeutet Silber vergoldet und Gold.

Zu einer mittleren sozialen Schicht konnte man die unfreien Beamten/Dienstmannen/Ministeriale zählen, die im Laufe des MAs zäh an ihrem Aufstieg arbeiteten. Das waren höhere und niedere Stellvertreter mit Verwaltungsaufgaben, wie Burg-, Amt- oder Hauptmänner (alle mit Richterfunktionen), Meier/Mair (Leiter grösserer Höfe, moderner Name der Nachfahren: Meyer, Mayer, etc), sculteti (Schultheiße mit Richterfunktion, modern: Schulze), Schosser (Steuereintreiber), Schepfe=Schöffen (Gerichtsmitglieder) oder halbfreie Laten, ursprünglich eigentlich „Freigelassene“, welche als Pächter eine selbstgewählte vertragliche Unfreiheit oder nur bedingte Freiheit besassen. Eine Sonderrolle hatten „Freisassen“, bzw Freibauern auf einem Königshof inne, die nur dem Herrscher unmittelbar unterstellt waren oder auf ihren Ritterschlag verzichtenden Edelknechte (Knappen). Weitere Fallbeispiele und angemessene Materialempfehlungen für Gürtel nach einem grob vereinfachendem Schema, siehe unten.9 Noch einmal deutlich: Es werden auf diesen Seiten keine exklusiven und einmaligen Sonderformen aus wertigen Edelmetallen (Gold, Silber) für den Geburts-/Hochadel (Herzog, Jarl, Lord, Freiherr-Baron) gezeigt, deshalb gibt es bei mir als Notbehelf die Zuordnung „Adel zweite oder dritte Garnitur. Denn mehr kann ein Gürtel aus Bronze oder Messing für jene nicht gewesen sein, wird zukünftig ersetzt durch: Niederadel, Ministeriale oder gehobener Dienstmann“. Der „Ritter“ hatte einen Sonderstatus, da dieser dehnbare militärische Begriff zunächst den „freien Reiterkrieger“ bezeichnete. Erst in der „Landfriedensordnung“ Friedrich Barbarossas von 1152 wurde der Ritterstand erbständig und „ritterbürtig“ war nur, der seine Vorfahren zu den Rittern zählte. Das waren reine Titel, nicht abhängig vom Landbesitz, wie beim Adel. Damit bildete sich im Laufe der Zeit ein eigener Stand niederen Adels heraus, als Dienstadel war er deutlich getrennt vom Geburts-/Hochadel. Jener musste neben der Ritterbürtigkeit die Rechtmässigkeit der Ehen über 8 bis zu 16 Ahnen nachweisen (Adelsprobe) und hatte seit der Zeit um 1200 das Privileg der individuellen Wappenführung. Ritter wurden als gewappnete Reiter mit Sporen, Schwert, Schild und Lanze durch Skulpturen oder auf Grabplatten dargestellt. Die Ausrüstung alleine sagt noch wenig aus. Denn dahinter konnten sich ebenso unfreie Ministeriale, engl. knights (Knechte) in einem Gefolge, aufsteigende Ministeriale mit erbberechtigten Titeln als niedere Adelige, sowie Hochadelige verbergen, wie bsplw die „sieben Kurfürsten“ in Rüstung vom Kaufhaus Brand (heute im Landesmuseum Mainz) aus der ersten Hälfte des XIV. Jh. Auch als Gewappnete an Kapitellen tauchen Gerüstete auf, wo ihre Rolle meist nur aus dem Zusammenhang zu entschlüsseln ist. Der Stand ist bestenfalls ablesbar an der Exklusivität der Ausrüstung, bsplw. an der Farbe des Schwertgurts, Farbe/Material der Sporen und übrigen metallischen Ausrüstung und möglichen Zieren, am möglichen Wappen, uvam. Als weiteres Beispiel sollen hier die bekannten Naumburger Stifterfiguren dienen, Mitte des XIII. Jhs gefertigt, rein äusserlich in ritterlicher Aufmachung waren es doch adelige Grafen und Markgrafen. Es ist zu vermuten, daß sie deutlich bessere Ausrüstung zur Schau stellen, als ein „gewöhnlicher“ Ritter. Der „Ritter“ wurde in der militärisch geprägten mittelalterlichen Gesellschaft zu einem Ehrbegriff und dem Rittertum haftete ein Nimbus an, dem sich selbst Könige nicht entziehen konnten, die höfische Kultur war, durch einen starken französischen Einfluß, untrennbar mit ihm verbunden.

Grundsätzlich sollen die erstellten Gürtelreplikate dem „prüfenden Auge“ eines Museumsexperten standhalten, falls ein Darsteller hier sein Betätigungsfeld sucht. Bevorzugt wird die „glaubwürdige Darstellung“ und es wird weniger mit dem „A“-Begriff operiert. Wenn überhaupt steht „A“ für Annäherung“ und nicht mehr...Denn es ist unsinnig sich in Haarspalterei zu verlieren. Es soll bsplw. nicht darüber diskutiert werden, wieweit die Parierstange gebogen sein muß, „damit es richtig ist“, sondern von wem das Schwert der Abbildung gemäß getragen wurde und ob es überhaupt Sinn macht sich als „ernsthafter Reenacter“ damit auszurüsten. So kann ein Schwert der Hl. drei Könige ein markantes Erkennungszeichen sein und keine alltägliche Ausrüstung. Die gebogene Klinge des „Malchus“, dessen Bezeichnung auf den Diener des Hohepriesters zurückgeht, war in den Schauspielen und auf den Tafelbildern vornehmlich ein Zeichen für den heidnischen Krieger und den Bösewicht. Auf der anderen Seite gibt es eine Reihe profaner Abbildungen, die belegen, daß dieser „Krummsäbel“ im Westen spätestens seit den Kreuzzügen bekannt und auch genutzt wurde, wie auf der Abb. „Wildschweinjagd“ des Gaston Phoebus zu Beginn des XV. Jhs durch Bedienstete zu Fuß. Der Adel verwendete für diese Jagdart vom Pferd herab, das oft dazu speziell „gepanzert“ war, eigens „Sauschwerter“ mit einer präparierten Spezialklinge, siehe zeitlich spätes Objekt im Bay. Nationalmuseum in München. Hinzu brachten seit den Hussitenkriegen ungarische Kontingente Säbel vermehrt in den Westen und als „Dussack“ fand diese nicht ritterliche einschneidige Waffe Verwendung.

Zudem sind „wissenschaftliche Aussagen“ sehr spekulativ und eher als „Diskussionsbeitrag“ zu werten, überprüf- und anzweifelbar in der Forschung. Denn „Wissen“ hat auch mit „Glauben“ zu tun, bzw. mit Vertrauen. Denn nicht immer besteht die Möglichkeit sich mit Primärquellen zu beschäftigen. Aus rationalen und vielleicht manchmal eher aus rationellen Gründen vertrauen wir Sekundärquellen, wir können ihnen folgen und übernehmen ihre Aussage oder zweifeln sie an. Jede Erkenntnis ist momentan und kurzzeitig, kann jederzeit durch neue Ergebnisse hinterfragt werden. Wer möchte schon aus seiner Darstellung heraus eine Magister- oder Doktorarbeit schreiben und sich damit auf eine wissenschaftliche Diskussion einlassen? Sicher gibt es Personen in der Szene, die das tun, aber die Masse der Darsteller nicht unbedingt. Wir haben alle unser „eigenes Mittelalter“ in den Köpfen und jeder legt nach Wissen und Neigung andere Schwerpunkte, fokussiert auf diverse Aspekte dieser gewaltigen gut 1000jährigen Zeitspanne. So gibt es eine ganze Reihe hochgradigen Spezialisten für spezifische Sachverhalte oder Zeiträume. Diese Arbeit hier dient dem groben Überblick, nicht fokussiert auf 50 Jahre Entwicklung, sondern auf die 20fache Zeitspanne (!) und dabei liegt mancher „Stolperstein“ auf der Strecke ausgelöst durch Dinge, die scheinbar bislang hinreichend bekannt waren und deshalb mglw kaum hinterfragt wurden...?

Der Mensch macht Geschichte und merkt nicht, dass die Geschichte ihn macht“ Raymond Aron



Königsportal“ Chartres, gehobene „biblische Protagonisten“ mit Bindegürtel im Stil der franz Mode Mitte XII. Jh

Nach den mittelalterlichen Statuten eines „Gürtlers“ werden im Schwerpunkt „einfache“ Gebrauchsgürtel gefertigt.10 Dazu werden meist „Rinkenbleche“ gesetzt, also Schnallen mit Blech und Nieten befestigt, im Gegensatz zu den „Riemern“, die Schnallen wohl annähten, da ihnen das Erstellen von Gürtelblechen nicht erlaubt war. Aufwändige Varianten in Silber und Gold wurden damals von den Silber-/Goldschmieden erstellt. Von jenen ging Innovation, künstlerische Erfindung und Neuerung aus, um den Geltungsdrang potentieller Auftraggeber zu befriedigen. Sie schufen wegweisende Objekte, die als „modisch“ im eigentlichen Sinne bezeichnet werden durften. Gürtler haben die aufwändigen Formen in Bronze, Messing oder Zinn nachgeahmt und die Güsse vereinfacht. Nur in Ausnahmen wurden im Rahmen dieser Seiten für Darsteller gehobener sozialer Schichten Werkstücke in Silber und Gürtel in Seide gefertigt (es sei auf die grundlegende Publikation Ilse Fingerlins verwiesen, die sich, neben einfachen Schnallen und archäologischen Funden, auf recht kostbare Objekte stützt, die obertägig erhalten blieben, hierzu bedarf es keiner Ergänzung. Bei den erhaltenen Stücken erwähnt sie, neben Leder, oft Stoffborten und weist damit auf die gehobene Qualität des Untersuchungsmaterials hin). Das Betätigungsfeld dieser Seiten liegt auch nicht bei Horn-, Geweih- oder Knochenarbeiten. Es gab kostbare Schnallen aus Elfenbein oder Walrosszahn (siehe den frühmittelalterlichen Fund aus dem Frauengrab 129 in Bopfingen, aus der 1. Hälfte XIV. im Mus. Kopenhagen oder den vollständigen Gürtel Ende XV. Jh, heute in Dublin, Fingerlin-KatNr.72). Schlichte Formen konnten im eigenen Haushalt erstellt werden. Der Anteil von Horn-/Knochenmaterial bei den Gebrauchsgegenständen des Mittelalters war hoch, wie dies archäologische Funde unter günstigen Bedingungen belegen, siehe z.B. die Funde aus Haithabu/Schleswig oder die große Anzahl von erhaltenen Messergriffen, Kämmen, Ahlen, Nadeln, etc. Nur selten haben wir auch Nachweise für Schnallen aus Geweih oder Knochen. Auf zeitgenössischen Abbildungen sind sie schwierig zu interpretieren, mglw. sind die Schnallen der beiden „Marionettenspieler“ im Hortus Deliciarum von 1185 aus diesem Material, da sie farblich genauso gestaltet sind, wie ihre weissen Gürtel, siehe rechts unten. Auch die grossen runden Schnallen des XV. Jhs, getragen zur Männerrobe (Typ siehe auf den „1450-1520“ Seiten), könnten aus Geweih gewesen sein, denn sie werden auf Abbildungen farblich extrem hell dargestellt. Möglicherweise ist aber auch eine Verzinnung gemeint. Archäologisch ist eine solche Schnalle in London, (Egan Nr. 387), mit einem Maß von 47x55mm in einer Zinn-Blei-Legierung nachweisbar. Das ist selten, denn eher waren so große Schnallen aus härterem Material und wurden verzinnt, so ist obiges Objekt auch an der Dornachse gebrochen. Der Vollständigkeit halber muss erwähnt werden, daß auch keine Schnallen aus Halbedelsteinen, wie Bergkristall, Nephrit, aus „Meerschaum“, o.ä. gefertigt werden, wie sie aus dem FMA überliefert sind. Jene stammen aus den reichhaltigen Gräbern der sozialen Oberschicht.



Wie kann man für seinen gewählten Charakter die angemessene Form finden? Eine Frage, die nicht leicht zu beantworten ist. Denn es spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Ort und Zeitpunkt der gewählten Darstellung und sozialer Rang sind ausschlaggebend, aber auch besondere Umstände in denen sich der mögliche Charakter befindet, wie Kriegszeiten, Wik-Fahrt und Plünderung, auf dem Marsch, auf Kreuzzug, auf der Jagd, im Feldlager (was sicher die meisten Darsteller betrifft), auf der Scholle, auf Reisen, auf dem Thing oder Markt, bei der Ausübung eines Handwerks, auf dem Turnier oder bei einer Festivität, einem politischen Akt, einem repräsentativen Ereignis, einer sakraler oder profanen Prozession,11 am Hof eines Fürsten und Bischofs oder gar bei dem Großereignis eines Königseinzugs oder -empfangs, im Gottesdienst, im Ratssaal oder vor Gericht, uvam. Bei all diesen Ereignissen wird, vor allem bei gehobenem Rang, unterschiedliche Kleidung angelegt und dazu zählen passende Gürtel! Selbstredend erfordern militärische Darstellungen gänzlich andere, z.B. stabile Formen, als zivile repräsentative Darstellungen, wo Ornament und schmückende Zier in den Vordergrund rücken. Diese detailliert „belebte“ Sichtweise wurde durch einen englischen Reenacter vermittelt als gutes Reenactment vor Publikum. Das intensive „Eintauchen“ in die Zeit des gewählten Charakters erzeugt „Glaubwürdigkeit“ und erscheint mir erstrebenswerter als die in Dtld weit verbreitete „Genauigkeit im Detail = Echtheit“. Die kommt von alleine, wenn sie denn beabsichtigt wird, man zielstrebig seinen Weg verfolgt und die Darstellung in ein gedankliches Umfeld gebettet hat.

Hortus DeliciarumEnde XII. Jh, der junge Adel bereitet sich spielerisch auf seine spätere Tätigkeit vor



Salzburg Mitte XIII. Jh, einem jüd. Bankier verpfändet

Welche Quellen können herangezogen werden? Ein Fehler war es interessante Objekte auf mittelalterlichen Bildern oder Skulpturen so nah wie eben zulässig zu fotografieren. Und nur diese Detailaufnahmen wurden archiviert, um möglichst viel über Material, Beschaffenheit und Bearbeitung zum gewünschten Gegenstand auszusagen, ohne den Gesamtkontext zu beachten. Ein schwerwiegender Fehler! Denn dadurch konnten später keine Aussagen mehr getroffen werden, welche dargestellte Person die Tasche oder die Schnalle eigentlich trug? Inzwischen haben sich die Arbeitsweisen vollkommen geändert, mit überraschenden Ergebnissen. Abbildungen sind ohne kunsthistorische Betrachtungen nicht zu enträtseln. Leider gilt für uns die Ansicht des Kirchenvaters Augustinus nicht mehr, daß nämlich Bilder die Schriftzeichen der Leseunkundigen seien. Heute ist es genau umgekehrt und wir müssen die kryptischen Bildinhalte, die früher offene Botschaften waren, erst entschlüsseln. Dazu bedürfte es für das HMA und SMA einer gewissen „Bibelfestigkeit“ oder es erfordert die Beschäftigung mit der Legenda Aurea des Jacopo de Voragine. Viele Bildinhalte sind darauf zugeschnitten und die Kenntnis des Personals der dargestellten „biblischen“ Szenen, bzw Szenen aus der Familie Jesu Christi, Marias oder der Johannes des Täufers sind von Belang. Wer trägt was in welcher sozialen Stellung? Wie definiert Kleidung den Stand und wie funktionieren mögliche Codes? Auf den entsprechenden Seiten wird in diesen Themenkomplex eingeführt, um Klarheit zu erlangen, was z. B. von spätgotischen Tafelbildern, die durch ihre Detailtreue bestechen, als verwertbare Aussage zum „Durchschnittsgürtel“ herausgezogen werden kann.



Es sollte vermieden werden, daß der Darsteller eines Handwerkers den Gürtel „Melchiors“ trägt, wenn eine glaubhafte Darstellung angepeilt wird. Das klingt jetzt nachvollziehbar einfach. Aber wie steht es mit dem Gürtel eines Heiligen, der als mögliche Quelle in Frage kommt? Wen haben wir vor uns, einen Bürger oder einen Adeligen? Darstellungen Marias und die der weiblichen Heiligen sind lange Zeit nur bedingt aussagefähige Quellen zur generellen Gürtelerstellung für Frauen. Profane Darstellungen der unteren Schichten sind selten, da Frauen im öffentlichen Auftreten meist zurück standen und vermehrt erst in der bürgerlichen Sphäre des SMAs bildhaft werden. Die Heiligen stammen vornehmlich aus der Spätantike. Sie sind also zeitlich, und meist auch örtlich, weit entrückt. Die Biografie drückt sich in ihrer Kleidung aus. Der Trick sie mit ihrer Gewandung von den Betrachtern zu distanzieren und ihnen „antikes Gepräge“ zu verleihen, war die Umhüllung mit grossen wallenden Umhängen bis weit ins XV. Jhs hinein, deren dramatischer Darstellung mit eindrucksvollem Faltenwurf Malern und Bildhauern gleichviel Spaß machte. Solche Falten warfen nur kostbarste Stoffe! Unter diesen volumniösen, unpraktischen Verhüllungen kamen nicht weniger kostbare gemusterte Stoffe zum Vorschein, die im Schnitt figurbetont der aktuellen Mode folgten und durchaus Reize von weiblichen Heiligen zur Schau stellen konnten. Schaut man sich nun zeitgenössische Bilder des burgundischen Hofes im XV. Jh an finden sich falten- und stoffreiche Roben und Ärmelmäntel, mehr oder weniger körperbetont, aber keine Umhänge. Recht streng angelegt finden sie sich gefüttert bei Bürgerfrauen, wie auf dem Gemälde der „Capestrano Bußpredigt“ der 1470er Jahre in Bamberg oder schon mal bei knieenden Stifterpersonen lose auf der Schulter liegend, vor allem wenn sie dem klerikalen Umfeld oder den Orden zuzuordnen sind. Der übertrieben monströse Faltenwurf bei den Heiligen hatte also mit der aktuellen Mode wenig zu tun, hinzu verdeckte er Gürtelteile oft. Nun werfen sich Fragen auf: Stammt z.B. das Abbild des „Nikodemus“ der Kreuzigung wirklich aus dem europäischen Umfeld oder wird nicht eher das Heilige Land mit seiner fernen „röm.-, oström.- oder byzantinischen“ Vergangenheit historisierend umgesetzt? Denn es war keineswegs immer so, wie vielfach angenommen wird, daß historische Vorgänge in das Gewand der Entstehungszeit eines Bildes gepresst wurden. Auch ist die Bezeichnung „phantastische Kostümierung“ eher ein Notbehelf in der modernen Forschung. Die Thematik ist weitaus verzwickter, als sie auf den ersten Blick erscheinen mag. Siehe auch unten die Fußnote: Die Sprache der Kleidung 12

Brüder Limbourg Tres Riches Heures um 1415 im „orientalisierend-byzantinischem Stil“ nach ital. Anregungen








Hl. Grab“ Dom Fkft/Main 1435c, der „hochbürgerliche“ Nikodemus links und der Adelige Josef von Arimathea rechts, beide tragen Beutel am breiten Gürtel, der eine aus Leder, letzterer wohl eher aus kostbarem Stoff mit Metallring

Die Datierung der Gürtelteile folgt einer „Kernzeit“. Es wird nicht unbedingt der früheste Beleg herangezogen, sondern der häufigste. „Das Leben zeigt ständig Übergänge, wenn das Alte nicht verschwunden und das Neue noch nicht zur Blüte gelangt ist.“ [Toller Satz, nicht wahr, weiss allerdings nicht mehr von wem er stammt?] Wir können davon ausgehen, daß ein Wechsel in der Mode mit jeder Generation erfolgte, vermutlich ist es auch nur ein Jahrzehnt, also sind die Abstufungen viel feiner als wir sie je erfassen können. Es gibt nicht „die Schnalle des XIII. Jhs“, sondern nur eine Form, die in bestimmten Jahrzehnten da und dort häufige Verbreitung fand, in einer anderen Region manchmal erst viel später oder gar nicht.13 Die Wissenschaft ist bemüht heutzutage solche Entstehungs-, Kern- und Verbreitungspunkte heraus zu arbeiten. Aber es ist es denkbar, daß Schnallentypen Jahrzehnte nach ihrer Nennung noch oder bereits vorher in Benutzung waren. Absolut punktgenaue Datierungen sind aus mehreren Gründen oft schwierig. Warum das so ist, siehe Beispiel unter Fußnote14. Vielleicht ist es sinnvoll sich eher an stilistischen und kunsthistorischen Definitionen von romanischen, früh- hoch- oder spätgotischen Formen anzulehnen. Unsere Quellen öffnen nur ein bedingt verlässliches Zeitfenster. Archäologische Schnallenfunde, die aus isolierten Einzel- oder Detektorsuchfunden stammen, können nur über ortsferne Vergleiche annähernd datiert werden. Bei Grabfunden gelingt dies ortsgebunden über mögliche Beifunde wie Münzen oder Keramik, manchmal Holz, die sich in aufwändigen Verfahren technisch bestimmen lassen, ähnlich bei Siedlungsgrabungen, die zumindest eine relative Chronologie zu Funden einer tieferen oder höheren Schicht aufweisen und meist Keramik zur Feindatierung verwenden.



Urheber der Quellen im HMA/SMA: Maler, Steinmetze, Bilderhauer, etc

Zunächst sollten wir uns darüber bewußt machen, daß wir heute nur einen Bruchteil an erhaltenen mittelalterlichen Kunstwerken für unsere Betrachtungen zur Verfügung haben. Allein im Münster zu Ulm standen vor dem Bildersturm von 1531 einmal 50 Altäre! Der Nordschweizer-, Konstanzer- und Bodensee-Raum, eine der vielen künstlerischen Hochburgen des SMAs wurde durch die Bilderstürmer der zwinglianischen Reformation aus Zürich im dritten Jahrzehnt des XVI. Jhs gründlich „katholisch entkernt“. Andere Räume wurden nicht in Mitleidenschaft gezogen. Im Dom zu Brixen zählte man im XVI. Jh 17 Altäre, die es zum Zeitpunkt des Umbaus im Spätbarock um 1745 immer noch gab.

Die erhaltenen obertägigen Kunstwerke wurden vor dem XV. Jh bei uns selten signiert oder datiert, in Italien allerdings schon in romanischen Zeiten üblich. Im XIII. Jh verewigten sich Goldschmiede auf den kostbaren Reliquienschreinen und frühe Vertreter für die Tafelbildmalerei sind bsplw Conrad von Soest in Wildungen 1403, der Meister des Jacobialtarretabels in Göttingen 1402, Lukas Moser 1431 in Tiefenbronn (heute Person umstritten) oder zeitgleich Konrad Witz aus Rottweil, Hans Multscher signierte 1433 das Karg-Retabel im Ulmer Münster, 1437 den Wurzacher Altar (Tafelbilder heute Gemäldegalerie Berlin). Wobei die berühmten Namen häufig auf die Auftragnehmer und bekannte Inhaber großer Werkstätten verweisen und nicht unbedingt auf die ausführenden Künstler/Handwerker, wie bei Hans Multscher, der selber als Bildhauer tätig war und Schnitzaltäre ablieferte, die auch Tafelbilder beinhalteten und diese dann von seinen Gesellen oder einem beauftragtem Maler gefertigt wurden! Die Signatur ist Ausdruck des erwachten „Bürgerstolzes“, auch Zunftzeichen wurden üblich. Zuweilen gibt es Aktenstücke zu ausgeführten Aufträgen, Verträge oder datierbare Zeitzeugenberichte. Holztafelbilder lassen sich hinzu dendrochronologisch bestimmen. Ansonsten werden die Werke nach den Lebensläufen der Künstler, den Werkstätten und „Schulen“ mit gegenseitiger Beeinflußung oder generell nach kunsthistorischen Gesichtspunkten zeitlich eingeordnet. Aber es stellt sich entschieden die Frage, ob der Maler oder Bildhauer die Gegenstände aufnahm, die er momentan vor sich hatte, dokumentierte er die adelige und bürgerliche Lebenswelt oder arbeitete er nach einer Konvention, weil es der vorherrschende Stil war oder die Vorgabe des Auftraggebers?15 Archäologische Funde belegen, daß Gürtelteile nicht der Phantasie der Maler entsprungen waren. Aber Detailtreue heißt nicht unbedingt dokumentarische Qualität! Diese Betrachtungsweise ist nicht zulässig. Nur nach Können oder Vorliebe und nach dem, was er in der Jugend als Geselle gelernt hatte wird sich der Meister kaum gerichtet haben. In der Kunst musste man den Zeitgeschmack treffen, sonst konnte man im Wettbewerb, geschweige denn im „internationalen Konzert“, wie im SMA, nicht mithalten. Aktualität, nicht unbedingt Modernität war gefragt. Stefan Lochner behauptete sich Mitte des XV. Jhs mit seinen traditionellen Goldhintergründen noch gut gegenüber der modernen niederländischen Malerei, indem er auf prunkvolle Details und Requisiten, auf durchdachten Bildaufbau und erkennbare Physiognomien der Dargestellten Wert legte. Richtete sich ein Meister in den Details nach grafischen Vorlagen, Musterbüchern oder Skizzenblättern, nach der Buchillumination eines bedeutenden Scriptoriums und kopierte er so schlichtweg Kollegen, was häufig vorkam, denn sonst wären unsere heutigen vergleichenden Kunsthistoriker ja arbeitslos? Scheinbar war das Kopieren von Neuerungen nicht schändlich, im Gegenteil eher selbstverständlich und es wurden geniale, populäre Kompositionen wiederholt, mit deutlichen Ursprüngen und Ausstrahlungszentren. So sind Bildfindungen, Aufbau und Problemlösungen nachgeahmt worden, mglw. war auch Zeitdruck ein Grund.16 Zu den inhaltlichen Problemen kommen auch ganz formale, wie der Umstand, daß die Malerei auf Tafel oder im Buch den Eindruck erweckt Farben seien nicht unbedingt nach der Natur oder bekanntermaßen nach Bedeutungsebenen, sondern bewußt aus kompositorischen Gesichtspunkten gewählt worden. Der künstlerische Bildeindruck könnte also überwogen haben gegenüber einer nicht beabsichtigten naturalistischen Wiedergabe, wie wir sie vermeintlich voraussetzen, vor allem wenn die Bilder aufgrund der Maltechnik für den modernen Betrachter eine „fotografische Genauigkeit“ suggerieren. Zu dieser Genauigkeit zählen nicht nur die fein gestalteten Details, so daß wir mit dem Begriff „Realismus“ operieren, ausgehend von „sachlich, dinglich“ hin zu „wirklich, wahrhaftig“. Hinzu sind Kniffe der Maler zu beobachten bestimmte Personen aus den Bilder heraus auf den Betrachter schauen zu lassen, wie die Brüder Eyck auf ihrem mit Protagonisten gut gefülltem Retabel für den „Genter Altar“ von 1432. Das war vollkommen neu und wir fassen das in unserer modernen Betrachtungsweise eher als zufälliges Beiwerk der Fotografie auf, so erhalten die Bilder in unseren Köpfen einen dokumentarischen Charakter.


Hohepriester“ auf dem Regleraltar Erfurt 1460c in kostbarem Gewand und mit dem im XV. Jh häufig abgebildeten Gürtelabschluß, einem „Halbmondort“

Auftraggeber werden Künstler zu Reisen veranlasst haben, wenn sie nicht eh im Gefolge reisender Potentaten waren, um berühmte Kunstwerke zu skizzieren und durch ausgeführte Annäherungen in den Genuß der Betrachtung zu kommen oder sich im Besitz von Gleichwertigem zu rühmen. Musterbücher konnten eine wichtige Rolle spielen. Sie wurden abgezeichnet und tradiert, im SMA auch gedruckt und fanden so weite Verbreitung. Auch die illuminierten Handschriften trugen zur Verbreitung von Bildinhalten bei. Übertragungen, Ähnlichkeiten über gewisse Zeiträume und Entfernungen waren möglich und vermutlich auch gewollt. In vielen Fällen arbeiteten unterschiedliche Gewerke Hand in Hand und übernahmen nur Teile der Ausführung unter der Regie des Werkstattmeisters, der „die Fäden in der Hand hielt“ und gegenüber den Auftraggebern die Werkverträge und Details aushandelte, von der Komposition über die Bezahlung, bis hin zu Transport und Aufstellung.

Bücher konnten auch ohne konkreten Auftraggeber für „die Halde“, bzw. den Handel produziert werden. In der Buchmalerei war, aufgrund des geringeren Equipments, das Wandern, nicht nur von Gesellen, sondern auch von Meistern verbreitet, im Gegensatz zu Tafelbildmalerei. Denn dafür benötigte man große Werkstätten mit viele Mitarbeitern und handwerkliche Spezialisten für Vergoldungen, Preßbrokate, etc. oder auch inhaltliche für Details, z.B. für Landschaft, Schmuck, Porträts, uvam. Ein Meister des SMAs konnte nur als Zunftangehöriger Berechtigung erlangen eine Werkstatt zu führen und war damit als Bürger an eine Stadt gebunden, die berühmten Künstlerhandwerkern oft Sonderrechte gewährte. Des Meisters Arbeit beschränkte sich nicht selten auf den Vertrag und zeichnerische Entwürfe, heute auf den Bildtafeln durch Infrarot als „Unterzeichnung“ erkennbar, wenn er keinen weiteren künstlerischen Anreiz darin sah anspruchsvolle Elemente des Kunstwerks selbst zu fertigen. Auch die endgültige Aufstellung vor Ort oblag in der Regel dem Werkstattmeister. Weitere eigenhändige Leistungen mussten zuweilen gesondert vertraglich vereinbart werden, ansonsten oblagen fertig stellende Bildhauerarbeiten, Vergoldungen oder die farbliche Ausmalung eines Bildes der Schar anonymer Gesellen, deren Aufgabe eher solides, solidarisches Handwerk und weniger die geniale Einzelleistung war, die ja als „Meister“ später noch folgen konnte.

Wie haben wir uns bsplw. die Erstellung eines Stifterbildnisses praktisch vorzustellen, wenn die dargestellte Person bereits lange verstorben war? Wurde das Grabmal zu Lebzeiten gefertigt oder stand ein Nachfahre Modell, um den Urahn (üblicherweise meist vom 30. bis 33. Lebensjahr, nach der idealisierten „Jesus-Formel“ des HMAs) zu porträtieren, dem er ja „wie aus dem Gesicht geschnitten sein soll“? Möglicherweise liegt in diesem „Modell stehen“ des Nachfahren ein ganz praktischer Grund für die „Jugendlichkeit“ des Porträtierten, der nicht wie ein Greis kurz vor Lebensende Darstellung fand und es hat nichts mit Jesus Christus zu tun?17 In der Buchmalerei des HMAs war es anscheinend nicht üblich „nach der Natur“ zu malen, sondern man hielt sich an Vorbilder, Konventionen, Musterbücher, die sicher im Stil der Zeit in Details verändert wurden, um neue Strömungen aufzunehmen. Wie ist die erstaunliche Genauigkeit bei den Accessoires zu erklären, wenn ein Bildhauer sie nicht irgendwann „leibhaftig“ vor sich hatte. Vermutlich wird nicht sein „Nachbar“ in die Rolle des Landgrafen geschlüpft sein mit einer Ausstattung, die geliehen wurde, kostbare Kleinodien kurzzeitig vom Hof dem Künstler zur Verfügung gestellt? Da wird schon eher der direkte Nachfahre, s.o. ,Modell gestanden haben. Aus dem Gedächtnis, nach dem letzten Besuch bei Hofe, hat der Bildhauer wohl kaum gearbeitet? Im SMA entstanden allerdings einige Grabdenkmäler mit Porträts bereits zu Lebzeiten der Auftraggeber, sowohl von Adeligen, als auch „betuchten Bürgern“.18

Ist das Kleid wirklich eine neue modische Form oder erscheint es nur dem heutigen Betrachter neu, weil es endlich bildhaft festgehalten wird, aber bereits geraume Zeit getragen wurde? War die Mode am Ort des Herstellers oder am Ort des Betrachters üblich? Denn die beiden Punkte müssen nicht identisch sein. Wir können das erstmalige oder letztmalige Erscheinen einer Form beobachten, sollten uns vielleicht auf die häufigste Nennung als Mittelwert einigen? Denn unser nach „kriminalistischen Methoden“ gesteckte Zeitrahmen trifft die reale Nutzungsdauer mglw nicht.19 Hinzu kann jede neue Quelle weitere Erkenntnisse bringen oder sich unsere Sichtweise auf einen Beleg radikal ändern. Der Reenacter folgt mglw szeneinternen Publikationen mit alten Forschungserkenntnissen, die ja nur selten korrigiert und überarbeitet werden und in Details bereits überholt sind. Liebgewonnene Ansichten haben sich in unseren Köpfen festgesetzt und wir sehen nur das, was wir sehen wollen. Hier wird viel in Frage gestellt, was bleibt dann noch ….? Welche Aussagekraft hat ein mittelalterliches Kunstwerk für den Reenacter, der sich Orientierung bzgl seiner Darstellung wünscht, aber zur Auswertung viel Hintergrundwissen und eine angemessene Quellenkritik benötigt? Wir sollten uns klar werden, daß wir mit unseren „pseudowissenschaftlichen Ansätzen“ grundsätzlich über Annäherungswerte sprechen. Die Wissenschaft hat die Möglichkeit in Fachpublikationen Korrekturen vorzunehmen, sie erreichen aber nur selten die Reenacterszene. Wissenschaft bedeutet Diskussion und die Inhalte sind kein Dogma, in dieser Beziehung glauben wir das Mittelalter überwunden zu haben.

Bei den Datierungsangaben bedeuten angehängte Kürzel „v“ = vor / „c“ = um / „n“ = nach

Die Ortsangaben sind oft schwierig. Es wurde sich bemüht Ursprungsorte zu nennen, ansonsten der Verbleib, wenn künstlerische Werke in Museen landeten, wobei urspl. zusammengehörige Kunstwerke, wie spätmittelalterliche Retabelwerke, nicht selten auseinander gerissen, Vorder- und Rückseiten getrennt wurden und fragmentiert an unterschiedlichen Orten präsentiert werden. Zukünftig ist beabsichtigt „FO“ = Fundort und „AO“ = Aufbewahrungsort deutlicher zu trennen. Sicher angebracht wäre auch ein „HO“, ein Herstellungsort, sofern die Quellen dies hergeben. Der „HNO“ ist dann ein anderes Fachgebiet.


Es wird in der Reenacterszene oft mit dem „Erbstück“ argumentiert, wenn das gewählte Objekt zeitlich nicht exakt zur Darstellung paßt, das mag für die unteren Schichten gelten, welche ältere Formen „auftrugen“, aber nicht für eine Adels- oder Hochbürgerliche Darstellung. Kostbare silberne und goldene Gegenstände, teilweise Kleidungsstücke, sind mit Testamenten zu belegen. Wir wissen allerdings nicht, ob diese Stücke von den Erben wirklich genutzt oder nur aus gesellschaftlicher Konvention oder wegen ihres Materialwerts aufgehoben wurden. Grabfunde des Frühmittelalters zeigen einen Wechsel der militärischen Ausrüstung, Schnallen oder Fibeln eigentlich mit jeder Generation, was auch verständlich ist. Militärische Änderungen erfolgen recht schnell, denn sie schaffen taktische Vorteile und sichern das Überleben. Schnallen und Fibeln wurden nicht beliebig oft weiterverwendet, denn irgendwann waren sie gänzlich „out of fashion“. In der Mode verhalten wir uns im Generationenwechsel heute nicht grundsätzlich anders! Adel und gut situierte Bürger trugen vornehmlich modische Gürtel zu unterschiedlichen Anlässen, die auf den Kleidungsstil abgestimmt waren, so daß der Besitz mehrerer Gürtel wahrscheinlich und ein Wechsel von Formen zeitlebens möglich war. Es war wohl üblich, daß eine Schnallenform am Hof als exquisites Accessoire in kostbarem Edelmetall ausgeführt, eine Weile später in minderem Buntmetall nachgeahmt, als „modisch“ durch das Kopieren weite Verbreitung fand. Untere soziale Schichten trugen einfache Formen wohl erheblich länger, denn deren Gewandung unterlag geringen Veränderungen und wenn oft nur in Details, man denke nur daran, wie lang sich Tunikaformen oder Umhänge hielten. Erst im Spätmittelalter erscheinen uns auch untere Schichten auf Abbildungen in „modischer Kleidung“. Sie wurden nun stärker ins Bildgeschehen eingearbeitet, was lange Zeit nicht so war. Für Ordensdarsteller gelten Sonderregeln, da gemäß den Statuten persönlicher Besitz nach dem Ableben an den Orden zurückfiel und dann von den Brüdern weiter genutzt werden konnte.

Znaim Mitte XV. Jh „Centurio u Würfler“, Offizier u Kriegsknecht, beide tragen relativ breite und stabile Gürtelformen, der Centurio mit Riemenschieber



An Heiligenabbildungen lassen sich oft recht altertümliche Formen belegen, beispielsweise Tasseln im XV. Jh am Gewand Mariens. Auch Herrscherdarstellungen sind eher konservativ. Sie prunken durch Accessoires und Stoffe, aber nicht durch Mode und Schnitt der Gewandung, im Gegensatz zum höfischen Umfeld oder auch zur Herrschergattin, von der modische Extravaganz gefordert wurde. Repräsentationskleidung war traditionsgebunden und von ihr muß Legitimation und Stabilität ableitbar sein. Auch die Kleidung von Amtsträgern steht in diesem Kontext, das gilt bis heute, man denke nur an unsere Richterroben oder Arztkittel. Ältere Formen zeigen auch die vielen Hortfunde (wie aus Dune, Pritzwalk, Münster, Erfurt, Colmar, Salzburg, Wiener Neustadt, Chalcis/Euboea oder vom Fuchsenhof, uvam.). Ihre Zusammensetzung mit einer Menge „Altmaterial“ kam meist aufgrund des gehobenen Materialwerts zustande. Diese angehäuften Gegenstände erschweren uns die Bestimmung der eigentlichen Nutzdauer, da nur ein grober Gesamtzeitrahmen und möglicher Deponierungsszeitpunkt, z.B. durch beigegebene Münzen, abgesteckt werden kann. Schwierig wird es auch, wenn das MA historisierend arbeitete. So stellte man Stifterfiguren, die bereits vor Jahrhunderten gestorben waren, nicht immer in der Gewandung der Entstehungszeit des Kunstwerks dar, sondern es wurden auch altmodische Gewandungen verwendet, um das Vergangene zum Ausdruck zu bringen, wie bsplw. bei den Stifterfiguren des Chorgestühls von Blaubeuren, entstanden 1493, wenn sich die kunsthistorische Forschung nicht gewaltig irrt. Der Stifter Lebzeiten lagen im XI. und XII. Jh. Die Darstellung erfolgte in der Gewandung kurz nach 1400 und keineswegs zeit- und erwartungsgemäß im Stil zum Ende des XV. Jhs!



Fortgeschrittene Ringrollschnallen für Pferdegeschirr oder Rüstungsteile meist aus Eisen, zuweilen aus Buntmetall oder aus einer Kombination von beidem, deshalb fehlt der verrostete Dorn an der rechten Schnalle. Schnallentypen mit Hülse oder rotierender Dornauflage sind nachweislich seit der 1. Hälfte des XIII. Jh beim Pferdegeschirr aus Eisen gebräuchlich.

Absolut wirkende Aussagen sind der Kürze und Knappheit geschuldet, um nicht ständig abzuwägen, wie es vielleicht manchmal sinnvoll wäre. Hier soll ein praktischer Einblick in die Gürtelmode entstehen und keine wissenschaftliche Studie, wenn überhaupt vergleichbar, bestenfalls auf „Wikipedia“-Niveau. Falls einer dieser Gürtel Euch künftig zieren soll, wird auch der Wert angegeben. Inzwischen ist das private Bilderarchiv über Gürtel, Taschen, Fibeln und verschiedene Aspekte der mittelalterlichen Mode und Alltagskultur gewaltig angewachsen. Aus rechtlichen Gründen sind Veröffentlichungen ausserhalb dieser Seiten nicht möglich. Bei Fragen technischer Art oder über die Herkunft von Schnallen, Zungen, etc., einfach eine mail-Postille schicken, siehe unten. Auch weitere Detailbilder und Quellenbelege werden dann zugeschickt. Ich gebe hier vieles „frei Haus“, möchte es aber auch nicht übertreiben!



Wichtig für den mail-Verkehr: In der mail-Überschrift möglichst das betreffende Jahrhundert „XII, XIII“, etc. nennen und plant etwas Zeit ein. Ich bin nicht ständig online, trotz aller derzeit möglichen technischen Raffinessen, momentan nur noch einmal die Woche. Ich schränke meine Internet-Aktivitäten radikal ein. Denn mich nervt dieser cookie-Scheiß ohne Ende. Ich habe die Schnauze voll und will nicht mehr als „auszuspionierender Konsumidiot“ dahin gestellt werden. Auf meinen Seiten habe ich persönlich so etwas nicht installiert !!! Und zu recht verlange ich Privatsphäre, denn damit verbunden ist ein gewisser Respekt, den ich anderen gegenüber erweisen möchte, wie ich ihn selbst in Anspruch nehme. Unsere Gesellschaft und unsere Umgangsformen züchten in hohem Maß Respektlosigkeit heran. Denn warum will jemand ständig durch Nutzungsgewohnheiten „meine Daten“, die gehören alleinig nur mir und möchte die volle Entscheidung darüber, wer sie erlangen darf !!!

Der Sommer ist Reise- und Marktzeit, der Winter ist Werkstattzeit. In der Saison sind alle Kapazitäten ausgeschöpft und irgendwann muss produziert werden... Ich möchte mich nicht ständig entschuldigen für späte Rückantworten. Kommt nach 10 Tagen allerdings gar keine Reaktion, bitte noch einmal versuchen, dann ist was schief gelaufen. Seht die mail nicht als blitzschnelle Kommunikation an. Es wird nicht mal eben auf dem Smarty „herumgehackt“, vor allem nicht beim Autofahren und auch sonst nirgendwo. Es ist die Möglichkeit mich zu erreichen, so ähnlich wie es ein Bote getan hätte. Die Antwort kommt, aber nicht in Eile. Denn nur eins ist gewiß: Wie eilen alle dem Tod entgegen, ein Tag ist nix, Wochen und Monate sind mögliche „Operationseinheiten“, so rasen wir Jahr um Jahr und schwupps ist das Leben vorbei...



HINWEIS

Riemenbreiten werden in mm angegeben und

Zungen in cm (Länge x Breite) zur Einschätzung der Größenverhältnisse.

Typenbezeichnung nach Jahrhundert + fortl. Nr. + Metall, siehe Bspl. rechts

[zur Verständigung möglichst diese Bezeichnung wählen]



Zum Wert eines Gürtels

Schnallen und Zungen bestehen ausschließlich aus Vollmaterial Si, Bz, Me, Eis und im einfachsten Fall aus Zinn.

Schnalle, meist mit Blech + Riemen + (Senkel) Zunge = Gürtel fertig montiert.

Spenglin (Riemenbeschläge) werden optional auf den Gürtel angebracht.

(1/5 des Preises ist Steuer an die Obrigkeit, kommt also der Allgemeinheit zugute)

Versandkostenpauschale 7,50 EUR (Hermes oder DHL), wird entsprechend Auftraggröße gemindert und die offiziell geringer angesetzte Steuer davon abgezogen, um nicht wegen -3% „Einkaufsvorteil“ jeden Preis auf den Seiten anzugleichen



Unser Handwerk

Schnallen, Zungen und Riemenbeschläge werden historisch korrekt angenietet,

die Riemen gesäubert, kantenbeschnitten oder -gerundet, geölt oder gefettet.

Das Leder ist erhältlich in den Farben: natur, abgedunkeltes natur, rotbraun, schwarz oder rot.

In der Regel wird Rindsvolleder vegetabiler Gerbung verwendet, auf Wunsch und mit Aufpreis aus der Grubengerbung, auf Anfrage auch Hirsch (natur, sämisch oder alaunweiß)

- Länge beim Rind bis ca 2,20 m möglich



Bei konkretem Interesse bitte fünf Fragen beantworten:

[mglw vorher unten Fußnote „empfohlene Materialien/Metalle“ lesen ?]

1. Ist die Darstellung zivil oder militärisch, wie ist der soziale Rang?

2. Zeit und Region der Darstellung [wichtig: denn die modischen Einflüße in Hamburg waren andere als in Innsbruck, in Nürnberg andere als in Köln !]

3. Wie lang ist die Gewandung (Taille, Oberschenkel, Knie, Wade, Knöchel)?

4. Körpergröße oder gewünschte Gürtelgesamtlänge und Farbe des Leders.

5. Umfang des Gürtels auf Taille oder Hüfte. Dazu bitte anhand eines vorhandenen Gürtels die Maßeinheit vom Schnallendornansatz bis zum engsten bislang genutzten Loch auf der Gewandung messen.

[Messen möglichst an vorhandenem Gürtel vom Dornansatz (meint Scharnier, nicht Dornspitze) bis zum engsten bislang genutzten Loch. Falls Ihr am Körper mit Maßband messt, dann zieht zu, denn bei einem Gürtel mit angehangener Tasche werdet Ihr ihn eng ziehen, so daß locker abgemessene Löcher zu weit aussen sitzen. Es werden Löcher in beide Richtungen gemacht zu dem mir angegebenen Wert, sogenannte „Sommer- und Winterlöcher“. Bitte keine Maßangabe nach Jeans-Gürtel, die sitzen anders als Gewandungsgürtel.]

Gürtel des Früh- und Hochmittelalters (FMA/HMA) werden in der Regel in Taillenhöhe getragen, Gürtel des Spätmittelalters (SMA) in der Taille, zuweilen aber auch auf der Hüfte, die breiten Houppelande-Gürtel der Frauen aus Stoff sind davon ausgenommen.



Beispiel:

XIV_012_me“

[Gürtelform gegen Mitte XIV. Jh]

20 mm Riemen (schw/rotbraun/natur/rot)

und Senkel_me 10 x 1,5 cm

montiert 69,00 EUR inkl. Steuer

Beschläge „Nr. 7016“ optional auf Anfrage



Explizit zur Farbe des Leders, da momentan recht eigenartige Vorstellungen in der Szene kursieren im MA hätte es kein braunes Leder gegeben. Es gibt Hunderte von Abbildungen mit braunem Leder und das ist kein nachgedunkeltes Naturleder, siehe z.B. oben Abb. „Centurio u Würfler“. Schön sind die unterschiedlichen Farbtöne „natur“, schwarz, braun zu unterscheiden. Es sollen keine weiteren Exkurse über Ledergerbungen eröffnet werden, dazu gibt es genügend Informationen im Netz. Nur so viel: Man konnte Leder auch im MA auf jeden Farbton bringen ! Die Frage ist nur war man auch bereit oder in der Lage diese aufwändigen Verfahren zu bezahlen ! Eine Grubengerbung mit Rinde, Lohgerbung, ergibt Farbtöne bis zu einem kräftigen und manchmal recht dunklen rot-braun. Eine moderne Chromgerbung ist im Gegensatz dazu grau-grün und muss nachgefärbt werden. Spezialfärbungen wurden mineralisch mit Alaun (bei Römern, Mauren, aber auch im skandinav. FMA nachweisbar, im SMA hatte Italien hier ein Monopol mit zusätzlichen Importen aus Griechenland) von den Weißgerbern vorgenommen, meist für Schaf und Ziege. Die Sämischgerbung als Fettgerbung, oft mit Dorschtran, deshalb war im Norden diese Gerbung häufig, wurde für Wildleder verwendet. Die Glacegerbung des XVII. Jhs hat ihre Ursprünge in der „Dänischen Gerbung“ seit dem XIV. Jh als besondere Form der Sämischgerbung, verfeinert als ein Zwischending von Alaun- und Fettgerbung, z.B. für teure Handschuhe.

In des Leders Werdegang / ist die Hauptsach` der Gestank. / Kalk, Alaun, Salz, Mehl, Arsen / machens gar recht weiß und schön. / Eigelb, Pinkel, Hundeschiete geben ihm besondere Güte. Darum ist ein Hochgenuß / auf den Handschuh zart ein Kuß“

Die Schwarzfärbung mit Eisenalzen wurde schon lange praktiziert. Man hat bei der Analyse archäologischer Funde bemerkt, daß der Eisengehalt grundsätzlich extrem hoch ist. Die Erklärung: in vielen Fällen fand eine Sekundärgerbung durch eisenhaltige Sickerwässer statt. Die vielen schwarzen Lederstücke in den Museen hatten ursprünglich mglw eine ganz andere Farbe.





...falls Fragen zu den Replikaten, schickt Eure mail-Postille an

dragal (at) web.de [bitte selbst „zusammenfügen“]

Vielen Dank für Euer Interesse

Christian

[ja, ja, die offene Bundhaube...das HMA trägt sie geschlossen, das SMA aber auch offen, bunt und in stabilen Ausführungen, siehe „Nikodemus“ auf dem Retabel von 1410-20 in der Reinoldikirche Dortmund. Kopfbedeckungen während der Arbeit sind eh ein Graus, da im Sommer meist die Säfte aus allen Poren rinnen und so nicht mehr „verdampfen“ können...]





Sollte nach der Erstellung eines Gürtels irgendetwas nicht zu Eurer Zufriedenheit sein, nicht erkennbare Gußfehler oder vorschnelle Materialermüdung zu unvorhersehbaren Schäden führen, dann setzt Euch mit mir in Verbindung. Es wird im beidseitigen Einvernehmen für Abhilfe gesorgt als Form der Garantieleistung.

Stadtsiegel von Elbing um 1400



Die erste Kogge“

Es gibt zwei eigene Darstellungen, ein Navigator um 1400 und die zweite betrifft den Handwerker Mitte des XV. Jhs, der sich auf diesen Seiten austobt, seinem Großvater „wie aus dem Gesicht geschnitten“. Auf Märkten „arbeitet sich“ allmählich eine frühmittelalterliche Darstellung heraus, da eine Tunika, vor allem im Sommer, für anstrengende Tätigkeiten sehr gut geeignet ist.



Meiner Mutter Vater war Navigator und Bürger der Stadt Elbing unter der Herrschaft des Ordens am Baltischen Meere und verkehrte mit den Herren im Rat. Es kam die schicksalhafte Schlacht, die vieles veränderte. Seitdem ist der polnische König unser Lehnsherr. Nun, Jahrzehnte später, hat unsere Familie keinen Grundbesitz mehr in der Stadt. Ich bin als Handwerker tätig, der, mit zünftischer Erlaubnis, durch die Lande ziehen muss, um sein Auskommen zu finden.“





ausgefallene Markttermine Ende 2020

geplant waren die drei Dezemberwochenenden

in Schloß Broich, Mülheim/Ruhr (Ende IX. Jh zur Abwehr der Nordmannen errichtet)

aber die regionalen Behörden, ach so sehr um unsere Sicherheit bemüht, lassen uns nicht !

[...vielleicht wegen der Nordmannen ?!?, weiss nicht...Anlage ist fortifikatorisch nicht mehr so „in Schuß“]



V.-VIII. / IX.-XI. / XI.-XIII. / XIII.-XIV. / XIV. / XV. / XV.-XVI. Jh

400-800 / 800-1025 / 1025-1250 / 1250-1350 / 1350-1400 / 1400-1450 / 1450-1520

Es wurde bei den Datierungen bewusst die Entscheidung für lateinische Zahlen getroffen, damit in der Benennung des Gürtels das betreffende Jahrhundert sofort erkennbar ist. Falls Ihr kein „Asterix“ gelesen habt, Ihr Muslime oder Italiener seid, darunter die genauen Zeitabschnitte in arabischen Zahlen.



Desweiteren haben bei meinen privaten Studien Abkürzungen, die häufig benutzt werden, wie „mglw, uvm, etc, usw“ keinen angehangenen Punkt, mich stört er im Schreib- und Lesefluß. Es kommt also auch auf diesen Seiten vor und wird vielleicht beim Nachlesen korrigiert. Einen möglichen unvermittelten Wechsel mag mir der geneigte Leser nachsehen...ungeneigte kommen eh nicht bis hierhin...

Objekte mit längeren Laufzeiten im direkten Zugriff:

Beutelhalter XIII.-XV. Jh

Knieriemen und Nestelschnüre XII.-XV. Jh

Thematische Exkurse im direkten Zugriff:

Gürtelformen seit Bronzezeit und Antike

1 - Westrom-Ostrom-Italien

2 - Adel

3 - Hundertschaft-Gefolgschaft-Lehnswesen-Ministeriale

4 – Bürger-Stadteinwohner

5a - Bronze oder Messing im FMA

5b - Bronze oder Messing im HMA/SMA

6 - Textilreste in nordischen Gräbern

7 – Verwendete Ledersorten im HMA

8 - Eisenproduktion vom HMA zum SMA

9 - Überlegungen zu Tafelbild und Schauspiel im SMA



Es soll noch die Gelegenheit genutzt werden, um mich bei allen herzlich zu bedanken, bei Autoren, Museen und Verlagen genauso, wie bei Darstellern, die mir am Marktstand durch anregende Gespräche oder durch mails wertvolle Tips zu Originalfunden, Material und Verarbeitung, Hinweise zu Literatur oder sehenswerten Ausstellungen oder schlichtweg zur Korrektur von Fehlern auf diesen Seiten gegeben haben. Vor allem gilt der Dank allen, die durch Ihre Bestellungen die Seiten finanziell möglich machen. Ich danke auch für die Geduld, denn durch die arbeitsintensiven Aufträge ist das Voranschreiten recht langsam. Die Hauptarbeitszeit ist Recherche oder liegt in der Werkstatt. Nach wie vor sind Anregungen und Kritik immer willkommen oder mögliche andere Sichtweisen, um eigene Anschauungen zu relativieren und zu prüfen. Denn keiner ist davon ausgeschlossen: Wir sehen nur, was wir auch sehen wollen.

Trotz mancher Kritik, die auf diesen Seiten an Vergangenheit und Gegenwart geäussert wird, soll auch den Vorvätern und Vätern unseres aktuellen Gesellschaftssystems gedankt werden, daß es bislang möglich ist solche Gedankengänge öffentlich kund zu tun Das war und ist keineswegs eine Selbstverständlichkeit, dessen bin ich mir vollkommen bewußt, wobei ich den Eindruck habe, daß nun starke Änderungen eintreten werden! Uns ist heute keine leichte Verpflichtung auferlegt Dinge zu erhalten und vor allem zu verbessern. Erhaltung und aktualisierende Anpassung ist manchmal schwieriger als der grundlegende Aufbau, denn oft sind errungene Freiheiten zu selbstverständlich und nicht immer in aller Bewußtsein, deshalb gibt man sie wohl allzu leichtfertig ab !

Impressum

Stand 24. Tag des Novembris im XV. Jahr Merkel




(Kundengürtel, nach Jahren mal wieder auf dem Tisch) …herrlich, so können Gürtel aussehen, wenn sie dafür genutzt werden, wofür sie auch gedacht sind, etwas mehr Grünspan an den Senkel und von einem Original nicht mehr zu unterscheiden..., so was kann mich durchaus begeistern! Zukünftigen Forschergenerationen könnte der Gürtel rein optisch, ohne eingehende Materialanalyse, durchaus Probleme bereiten. „Warum liegt der in der 21. Jh-Schicht?“



Ich bin in erster Linie auf dem Markt und dort für viele tätig, hier nun stehe ich Euch ganz exklusiv zur Verfügung. Rechnet bitte immer ein wenig Dauer bei Anfragen ein, oft müssen speziell Bilder zugeschickt, Fragen geklärt oder Probestücke angefertigt werden. Es sind zuweilen recht umfangreiche Recherchen notwendig. Kommunizieren kostet Zeit, die mir in der Werkstatt fehlt. In der laufenden Saison bin ich nur in gewissen Abständen im Netz. Im Sommer werden zukünftig keine speziellen Gürtelrekonstruktionen mehr erstellt. Das schnelle „Geburtstagsgeschenk“ ist ohne Vorbereitungszeit unmöglich. Märkte beschränken sich leider nicht nur auf zwei bis drei Tage Arbeit, sondern Standauf- und Abbau, Hin und Rückfahrt, Vor- und Nacharbeiten, Steuer- und Bürokram lassen die Woche dahin schmelzen, so daß für die Werkstatt oft zu wenig Zeit bleibt. Bei verbundenen Markt-Kombi-Touren ist auch ein Monat „schnipp“ vorbei...ohne daß nur eine Schnalle gefertigt, ein Blech geschnitten oder irgendwelche Spenglin entgratet und poliert wurden.

Bitte achtet und respektiert die Arbeit und die vielen Stunden Recherche. Die Verwendung der Inhalte dieser Seiten darf nur nach Genehmigung erfolgen. Vor allem keine Bilder von Originalmaterial in den sozialen Medien veröffentlichen, sofern es die Maschinen nicht sowieso tun, aber der Mensch sollte in jeder Beziehung verantwortungsvoller sein als die Maschine, noch …, meist liegt auf dem Material eine eingeschränkte Erlaubnis, welche die Weiterveröffentlichung nicht beinhaltet, wer dagegen verstößt haftet mit! Ansonsten soll hier nicht mehr als notwendig mit Paragraphen gestrotzt werden, das Korsett ist mir zu eng. Es soll mit diesen Seiten Niemandem Schaden zugefügt werden, ganz im Gegenteil, und bitte dies auch umgekehrt so zu handhaben. Ich danke für Euer Verständnis.


Das ganze hier ist ein Entwurf, bzw. besteht aus vielen kleinen „Würfen“. Aus Zeitmangel für die digitale Welt werden diese Seiten immer bruchstückhaft, teilweise zu grob gestrickt und wohl auch mit Fehlern behaftet sein, manchmal sind nur Anregungen und Ideen hier hineingeworfen, um später überarbeitet und nachvollziehbar ausformuliert zu werden, manchmal war ich auch einfach nur zu müde, da ich in der Saison aufgrund von Erschöpfung oft keinen vernünftigen Satz schreiben kann und mir schon „SPO“ schwer fällt [das ist keine Partei]. Dieses Projekt ist ein grosser Lernprozeß für mich. Denn „das Schreiben“ wurde mir nicht in die Wiege gelegt. Am Stand sind Dinge schnell gesagt oder behauptet, zumal ich dort, aufgrund der Fülle der Anforderungen, meist in „Streßsituationen“ stehe. Hier bin ich gezwungen, bzw bezwinge mich selbst, in immer neuen Anläufen, auf den Punkt zu kommen (ja genau den, den ich zuweilen weglasse, da, wie gesagt, Abkürzungen bei mir oft keinen Punkt erhalten, wenn sie den Lesefluß stören). Falls irgendetwas unklar ist, schickt mir eine mail...

Das Voranschreiten ist oft sehr langsam. Es wurden inzwischen hunderte von Gürtelrekonstruktionen erstellt, die bildtechnisch fürs net aufbereitet werden müssten, auf diesen Seiten wird also nur ein Bruchteil abgebildet, lange Zeit wurde es bedauerlicherweise überhaupt versäumt Bilder von den erstellten Stücken anzufertigen. Es soll allerdings nicht ausschließlich gezeigt werden, daß etwas angefertigt wurde, sondern warum es in dieser Form geschah. Vornehmlich gilt es also das Archiv gründlich aufzubauen, um stichhaltige Aussagen zu liefern und die eigenen Erkenntnisse zu untermauern. Die private „Forschung“ hat Vorrang und die Fülle des Materials ist schlichtweg erdrückend. Die Annäherung ans Mittelalter geschieht mit einer gewissen „Naivität“, möglichst nicht überheblich dem Thema gegenüber, da wir ja „allwissend“ am Ende der Kette stehen, sondern ehrfürchtig und schließend mit einem poetischen Bild: Das Mittelalter liegt vor uns wie ein gefällter Mammut-Baum, gewaltig und riesig, der Stamm übermannshoch. Wir nähern uns und kratzen ein wenig an der Rinde. Der Duft erweckt eine Ahnung, mehr nicht. Die Tiefe ist überhaupt nicht zu ermessen, hart und verschlossen, genauso wenig wie der Anfang oder das Ende des sperrig vor uns liegenden „Riesen“ zu erkennen ist, obwohl wir wissen, daß er Anfang und Ende hat, da er ja der Zeit zum Opfer fiel...

Es gibt hier keine „cookies, tracker, ...“ oder sonstige bizarre Dinge. Es müssen keine persönlichen Daten in irgendwelche Formulare eingegeben werden. Wer mich erreichen möchte, schicke eine übliche mail. Übrigens, reitende Boten haben in manchen Situationen bei den heutigen Verkehrsverhältnisse nur noch auf Schleichwegen eine Chance durchzukommen, ansonsten werden ihre Pferde im Dauerstau verdursten und sie selbst verhungern, falls nicht genügend verproviantiert.

Fragmente Originalschnallen Ende XV. - XVI. Jh


Anmerkungen, Quellenverweise, Exkurse:

1/Vorab eine paar Definitionen: Gürtel werden als Teil der Bekleidung angesehen, aus Stoff oder Leder, geschlossen durch Bindesysteme, Haken, Riegel oder Schnallen. Breite und stabile Varianten, meist aus Rindsleder, sollen als „Gurt“ bezeichnet werden, wie Leib- oder Waffengurte. Man kennt diese stabilen Ausführungen auch aus anderen Bereichen, wie aus mehreren Lagen vernähte Sattelgurte oder Geschirre im Transportwesen. Der „Riemen“ ist hingegen recht schmal und kann für Zaumzeug und Sporen, Knieriemen, Schuhe, Taschen und diverse Ausrüstungsteile genutzt werden. Diese bestehen entweder aus einer Schicht Rinds-, bzw Kalbsleder oder können gedoppelt vernäht sein, wie bei dünnerem Schaf-, Ziegen-, Schweins-, oder Wildleder. Unter einemLanggürtel“ sei der Leibgürtel verstanden, der nach dem Anlegen ein deutlich längeres Zungenteil aufweist als moderne Gürtelformen und damit über den Oberschenkel bis auf Knielänge reichen kann und in speziellen Fällen mit „Überlänge“ bis zum Schienbein. Fingerlin verwendete für die Gürtel des XIV. Jhs mit gestreckten manieristischen Beschlagformen den Begriff des „Gürtels mit Überlänge“. Daran anlehnend soll der Begriff sinnvoll erweitert werden: Länge bis Oberschenkel/Knie = „Langgürtel“ und Länge bis Schienbein = „überlanger Gürtel“.

Mythos Langgürtel“

Genau genommen müsste es eigentlich heißen „Mythos geschnallter Langgürtel“. Denn diese Gürtelform ist heutzutage im Besitz fast jeden „Mittelalterdarstellers“. Er ist aus der Szene nicht mehr wegzudenken und gilt neben Waffen und anderen Kleidungsstücken als typisch mittelalterliches Attribut. Dadurch wird er stilisiert und hat er eine „Aura“ erhalten, bzw Mittelalter und Langgürtel werden von vielen Darstellern unweigerlich miteinander verknüpft. Nimmt man das Mittelalter als 1000jährige Epoche mit unterschiedlichen Modeströmungen ist dem aber nach historisch korrekter quellenkundlicher Betrachtungsweise nicht unbedingt so. Dabei geht es keineswegs um „Besserwisserei“, sondern um genaues Hinschauen und einen kritischen Umgang mit den Quellen, die von manchen in der Szene zu wenig hinterfragt werden, selbst von ausgewiesenen „Magistern“ ihres Fachs. Nur zu oft wird ein Gegenstand ausschließlich nach der Datierung befragt und der Gesamtkontext außer acht gelassen. Beim Reenactment „hört ja der Ernst auf und fängt der Spaß an“.

Belege für geschnallte Gürtel, die mit ihrem Zungenteil eine deutliche Überlänge bis zum Knie und länger aufwiesen sind in West- und Mitteleuropa für Mann und Frau vor der Mitte des XII. Jhs ausserordentlich selten und längere Gürtelformen werden, Abbildungen gemäß, eher Bindegürteln zugesprochen, also vornehmlich textilen Gürtelvarianten ohne Schnalle. Osteuropäische Formen der Reitervölker sind davon ausgenommen. Die nordeuropäische Funde von Langgürteln stehen im gleichen Kontext, denn es sind reiternomadische Gürtel. Im Zuge der französischen Gotik verbreiteten sich geschnallte Gürtelformen, durch Skulpturen nachweisbar, die Überlängen bis zum Schienbein und länger aufwiesen. Dadurch, daß meist gehobene Schichten thematisiert wurden und damit Stoff und weniger Leder Verwendung fand, konnten die Gürtel extreme Längen erreichen! Denn Gürteln aus Leder sind natürliche Grenzen gesetzt, sofern sie der Länge nach aus einem Stück geschnitten werden und man nicht im Kreis schneidet, was je nach Lederart ungünstig ist. Den Quellen nach beschränkte sich die überlange Gürtelvariante zunächst auf Adel und den höfischen Bereich, mag vom gehobenen städtischen Bürgertum (max. ca. 2 % der Stadteinwohnerschaft) vielleicht nachgeahmt worden sein, betraf den Großteil der damaligen Bevölkerung jedoch nicht. Dieser trug bestenfalls Gürtellängen bis zum Saum der Gewandung, meint in der Regel Oberschenkel, manchmal bis zum Knie, aber keinesfalls mit Überlänge! Die überlangen Gürtel fanden bei den führenden Schichten europaweit im XIV. Jh den modischen Höhepunkt (Fingerlin hebt diesbzgl die oben erwähnten extrem lang gestreckten Bleche und Dekors hervor). Diese Gürtel wurden teilweise mit religiösen Gesichtspunkten aufgeladen, wie Mariengürtel als Zeichen des „Unberührten und Keuschen“, das Motiv hielt sich noch bis ins XVIII. Jh (!). In diesem Sinn könnten auch überlange Gürtel bei den häufig dargestellten „klugen und törichten Jungfrauen“ zu verstehen sein. Die Jugendlichkeit und die Unberührtheit der adeligen Patriziertöchter wurde durch die Gürtellänge betont. Davon kann man keineswegs Standardgürtel dieser Zeit ableiten!!! Mit den modischen Veränderungen in der zweiten Hälfte des XIV. Jhs beginnen sich bei den Männern die Gürtel der führenden Schichten deutlich einzukürzen und ab Mitte des XV. Jhs verschwinden Langgürtel fast gänzlich. Der überstehende Zungenteil ist nun oft nicht viel länger als eine Handspanne. Speziell ritualisierte Handlungen am Hof und in Adelskreisen oder historisierende Darstellungen erforderten zuweilen den älteren Langgürtel [Belege werden auf den entsprechenden Seiten gebracht]. Auch in der spätmittelalterlichen weiblichen Sphäre der gehobenen Schichten und als „Sonn- oder Festtagsgürtel“ hielt er sich. Das XV. Jh wies diesbzgl ein hohes Spektrum mit vollkommen neuartigen Formen unterschiedlichster Länge und Breite auf. Allerdings darf dabei nicht außer acht gelassen werden, daß in dieser Zeit auch untere Chargen immer stärker bildlich thematisiert wurden und damit Gürtelformen ins Blickfeld rücken, die vorher kaum zu entdecken waren. Siehe beispielhaft die Schweizer Bilderchroniken um 1500, in denen Frauen allerdings weniger präsent sind als Männer. Im XV. Jh ist durch die gute Quellenlage das Spektrum automatisch breit gefächert, was in vorherigen Zeiten mglw erahnt, aber mangels Quellen nicht nachgewiesen werden kann. Ein Grundsatzproblem stellt sich für den heutigen Betrachter zu erkennen, wer in den Kunstwerken überhaupt Darstellung fand. Es gilt als die Quellen nach sozialen Gesichtspunkten korrekt zu interpretieren. Mariengürtel oder die weiblicher Heiliger als Standard für weibliche Gürtelformen anzusehen wäre sicher ein Fehler. Eine „Madonna im Ährenkleid“ trug keinen extrem überlangen Gürtel, dessen Senkel ein gutes Stück auf dem Boden neben ihr lag, um einen verrückten Modegag der Zeit aufzunehmen, sondern verdeutlicht die absolute Unberührtheit und Keuschheit dieser weiblichen „Himmelserscheinung“, die gleichzeitig Symbol der Fruchtbarkeit (Ähre) ist ! Die Logik der röm-kathol. Kirche werde ich nie verstehen... und „by the way“, nachdem ich mal wieder entsprechend „leidvolle“ Erfahrungen machen musste, warum duldet Ihr Katholiken eigentlich dieses absolut nervtötende nächtliche Gebimmel eurer Stadt- und Dorfkirchen? Nun ist mir wohl klar warum Calvinisten und Protestanten wirtschaftlich immer eine Nasenlänge voraus waren. Die gingen/gehen ausgeschlafen an ihr Tagewerk...und haben heutzutage einschränkende „Läuteordnungen“.

Fazit: In der 1000jährigen mittelalterlichen Epoche, nach geläufiger Definition, beschränkte sich die Kernphase des geschnallten Langgürtels in West- und Mitteleuropa bei Männern auf maximal 250 Jahre (2. Hälfte XII. bis 1. Hälfte XV. Jh), die des „Gürtels mit Überlänge“ für den gehobenen Stand auf weniger als 100 Jahre (2. Hälfte XIII. bis 2. Hälfte XIV. Jh). Grundsätzlich läßt sich festhalten, daß Gürtelzungen nur selten über den Gewandsaum ragten, wenn Zungen getragen wurden, ansonsten „endet der Gürtel blank“. Also bestimmte die Länge der Gewandung die Gürtellänge, wobei ein langes Gewand, meist Vorrecht der Oberschicht, nicht zwingend einen Langgürtel erforderte, siehe „Bürger“ in der Wende zum XV. Jh. mit kurzen breiten Gürteln. Während kürzere Kleidung, ob Tunika, Kotte oder Schecke, in der Regel einen kürzeren Gürtel bedingte. Das FMA und das beginnende HMA kannte, nach archäologischen Befunden, den Langgürtel im westlichen Kulturkreis gar nicht, der Osten (Balkan, Russland) im Bereich der Reitervölker durchaus, so sind die „oriental. Birkagürtel“ seltene Importstücke oder wurden von nomadischen Söldnern getragen und waren wohl kein skandinavischer Standard. Von diesen Aussagen sind textile Bindevarianten grundsätzlich abzugrenzen. Das SMA kannte Langgürtel nur noch im eingeschränkten Maß. Auch in der weibl. Modesphäre betrafen sie hauptsächlich Adel und besitzendes Bürgertum, damit also die „obereren (Zehn-)Tausend“ und waren keineswegs typischer Bestandteil mittelalterlicher Kleidung, schon gar nicht Ausstattung der hart arbeitenden Bevölkerung. Knechte, Mägde und jedwede ältere Personen werden meist mit viel kürzeren Gürtelformen dargestellt, egal was gerade Modetrend war.



2/Nicht nur als Betrachter, sondern vor allem als Reenacter (Darsteller) in der Umsetzung von Beobachtetem, sollten wir kritisch mit uns selbst sein. Denn es ist wohl ein großer Irrtum anzunehmen, daß das Hüllen in nachgeschneiderte Gewandungen uns dem mittelalterlichen Menschen mit seinen Empfindungen und Denkweisen, mit seiner tiefen Religiösität, dem übersteigerten Glauben und Aberglauben, den kollektiven Ängsten und Anmaßungen der Stände, seiner manchmal bestialischen Brutalität und Primitivität, dem Unwissen einerseits und hohem Spezialistentum anderseits, dem grossen über viele Generationen unschriftlich gehüteten Erfahrungsschatz, der heute vielfach verloren gegangen ist und mühsam rekonstruiert werden muß, näher brächte. Auch für unsere Wissenschaft gilt, daß historische Vorgänge in ihrer ungeheuren Komplexität nie zur Gänze erfasst werden können. Es bleibt bei Strömungen, Ausschnitten, Meinungen, die in der Betrachtungsauswahl selbstverständlich höchst manipulativ sind. Davon auszugehen, daß Geschichtswissenschaft nur annähernd objektive Ergebnisse zu tage fördere wäre kindliches Denken. Zu sehr sind wir von unserer eigenen Welt geprägt und die Zeit vor rund 1000 Jahren muß uns im Kern unverständlich bleiben. So wie es „natürliche Phänomene“ gibt, gibt es auch „historische“ mit einer gewissen Ratslosigkeiten ihnen gegenüber. Es erfordert ein enormes Quellenstudium, um den mittelalterlichen Menschen nur im Ansatz zu erfassen, dazu wird die Masse der Darsteller kaum die Zeit haben, mir persönlich fehlt sie vollkommen. Es hat Versuche gegeben, um sich bsplw in den spätmittelalterlichen Zeitgeist ein zu empfinden, vor allem für Darsteller mit westeurop. Bezügen sei deshalb Johan Huizinga, „Herbst des Mittelalters. Studien über Lebens- und Geistesformen des XIV. und XV. Jhs in Frankreich und in den Niederlanden“ von 1919, in diversen dt. Ausgaben, empfohlen, aber auch weitere westeurop. Autoren, wie Henri Pirenne oder Jacques Le Goff sind, trotz wissenschaftlicher Erkenntnisfortschritte, noch immer lesenswert.



3/Das schließt sicher auch Überlegungen mit ein „die Waffe“ als solche überhaupt zu definieren, wer war befugt eine zu tragen und welchen Typ? Ein Waffenrecht hatte der Adel und von der Obrigkeit dazu Befugte, also auch Kriegs- und Soldknechte bei entsprechendem Dienstverhältnis, eine Waffenpflicht der „Freie“ und später im Ernstfall der „Bürger“ mit Eintrag in die Bürgerrolle. Das sind eigentlich Minderheiten in der mittelalterlichen Gesellschaft, siehe unten Exkurs 4: „Bürger-Einwohner“. Mitte des XV. Jhs war bsplw in Nürnberg und in Weissensee/Thüringen das Tragen von „Barten, Langmessern oder Mordwehren“ grundsätzlich verboten! Auch ein Kriegsknecht wird hier mglw mit Dolch, aber nicht mit einer Langwaffe umher gelaufen sein. Nicht jeder Mann des Mittelalters war automatisch ein Waffenträger, ganz im Gegenteil. Siehe Statuta thaberna von 1434 aus Weißensee/Thüringen in: GE König, Anno Domini. Jahrbuch für mittelalterl. Kulturgeschichte u hist. Brauchtum 1999, S. 50. Neben dem Waffentragen werden hier auch andere Dinge der Zivilordnung zur Sprache gebracht, wie das Strafen derjenigen, die Unflat auf die Straße abschütteten. Wenn es verboten werden musste, ist es also vorher gemacht worden. Es wurde versucht Mißstände zu beseitigen, der Text ist eindeutig. Soweit zu unseren grundsätzlich klischeehaften Vorstellungen der Müllentsorgung und Nachttopfentleerungen in mittelalterl. Städten, man versuchte Lösungen zu finden. Zur Frage des Waffentragens und vor allem zum Problem mittelalterliche Quellen ohne ausreichende Detailkenntnis korrekt zu interpretieren sei noch kurz ein Beispiel angeführt. Es gibt Abbildungen, die Bewaffnete beim Mauerbau zeigen. Davon ausgehend, daß normale Steinmetzen keine Waffen während ihrer Arbeit trugen, musste eine Sondersituation vorliegen. Und in der Tat wurde hier die alttestamentarische Geschichte von Nehemia bildhaft umgesetzt, der als Mundschenk und Vertrauter des pers. Großkönigs nach Jerusalem gesandt worden war, um den Mauerbau in der von Babyloniern zerstörten Stadt voran zu treiben. Da die umliegenden Völker den Mauerbau mit Waffengewalt verhindern wollten, mussten die jüdischen Arbeiter ihre Tätigkeit bewacht und bewaffnet vollrichten (Nehemia 4, 15-18). Ohne diese Hintergrundinformation, nach der ein mittelalterlicher Meister eine Textstelle aus dem Alten Testament illustriert hatte, wäre die Abbildung mißverständlich gewesen.



4/Geppert in Ars Sacra, S. 131. Der Wandel von Formen in der Mode ist nicht nur eine Frage der Ästhetik. Die Häufung, das Vorhandensein oder Fehlen von Formen in bestimmten Regionen lassen meines Erachtens Spekulationen über Strukturen von Herrschaft, Diplomatie, soziale Hierarchien, die Beeinflussung in religiösen, künstlerischen und technischen Dingen, im Handel mit Warenströmen und Verkehrswegen oder Rohstoffzugriff und -verarbeitung zu. Handel bsplw. beschränkt sich nicht nur auf die Sachkultur, sondern ist immer zugleich Träger wichtiger Impulse und Ideen. Sobald unterschiedliche Kulturen Kontakt miteinander haben, beeinflussen sie sich gegenseitig, was sich allerdings nicht sogleich in den materiellen Hinterlassenschaften abzeichnen muss, aber durchaus kann. Die Diffusionismus-Theorie grenzt sich mit der infiltrierenden Verbreitung von Ideen und Sachgütern gegenüber der alten Migrations-Theorie, also Verbreitung durch Einwanderungen oder Völkerverschiebungen, ab. Massive kulturelle Veränderungen konnten auch ohne große räumliche Bewegungen von Völkern durch Handel und Übernahme von Gebräuchen stattfinden. Die heutige Forschung in ihren Spezialgebieten ist vorsichtig in Deutungsversuchen übergeordneter Art, z.B. eine Verifizierung von historischen Sachverhalten anhand von archäologischen Artefakten oder die Zuordnung jener zu bestimmten Ethnien. Mit Sicherheit ist Vorsicht geboten, doch es ist durchaus vertretbar, daß der heutige Betrachter eines archäologischen Fundstücks oder eines zeitgenössischen Kunstwerks ein Ergebnis obiger Determinanten wahrnimmt, die zur Erhellung historischer Zusammenhänge beitragen können als Mosaikstein im grossen Puzzle der Vergangenheitsbetrachtung.



5/H.D. Mück, Ich Wolkenstein 1377-1445, Bd. I, S. 46



6/Interessant sind diesbzgl. Detailbetrachtungen zu Formen, die in „Rückzugsräumen“ entstanden, wie tradierte Elemente bei Auswanderergenerationen, die bewußt länger gepflegt wurden, als in den Ursprungsgebieten. Wandernde Gruppen behielten immer einen Kern ihrer Sitten und Bräuche, ergänzend hinzu kam der Einfluß neuer Faktoren, wie Klima, Handel und kultureller Austausch mit neuen Nachbarn. Beispielhaft seien Modeelemente bei den in Nordafrika eingewanderten Vandalen gegen Mitte des V. Jhs genannt. Ihre Mehrfibeltracht mit Schulterfibeln für ein Kleidungsstück im Peplosstil unterschied sich deutlich von der provinzialrömischen Kleidung, wie sie uns von Grabmälern und Mosaiken bekannt ist. Im Laufe der Zeit waren Anpassungsprozesse zu beobachten, in dem bsplw röm Trachtelemente der Oberschicht, wie Kolliers, Ohrringe oder kostbare Schleier und Haarnetze, auch die Stirnbinde („vitta“) übernommen wurden. Die Stirnbinde aus Goldbrokat ist in langobardisch-fränk. Zusammenhängen erst im VI./VII. Jh bekannt. Am Regierungssitz Geiserichs wurden romanisch gekleidete Beamte in der Übergangsphase noch geduldet, später setzte sich für alle Identität stiftend im Hofzeremoniell die vandalische Tracht mit röm. Einflüßen durch [C. Eger in Germania 79 2001 II, S. 384f und „vitta“ S. 375]. Aus dem VI. Jh fehlen hingegen eindeutig bestimmbare Gräber mit vandal. Trachten, so daß in diesen Generationen die Akkulturation an die vormals röm Umgebung voll wirkte. Quellen geben gute Auskunft über die Sozialstruktur in diesem neu entstandenen frühmittelalterlichen Reich, auch wenn der Germane im nordafrikanischen Raum nicht einer gewissen Exotik entbehrt, vielleicht macht auch das die Betrachtung besonders interessant mit einer sehr speziellen Fokussierungsmöglichkeit. Eine Exotik, die neugierig macht, nicht weniger bei den Spaniern, die spätmittelalterliche Formen ihrer Heimat, welche eine Symbiose aus europäischen und maurischen Elementen beinhalteten, im XVI. Jh nach Neuspanien (Mexico/Texas) exportierten. Dort entwickelte sich unter optimalen Bedingungen eine ansehnliche Viehwirtschaft, besser noch als in der span. Heimat, und brachte letztendlich auch US-amerikanischen Hirten (Cowboys) durch den Viehtrieb zu Verladebahnhöfen mit Weitertransport nach den Schlachthöfen an den Großen Seen Arbeit. Deren Ausrüstung war rudimentär geprägt von mexikanisch-spanischen Formen !



7/Es ist die Fokussierung auf gesellschaftliche Verhältnisse, die Verknüpfung von Darsteller mit dem Darzustellenden in seinem Umfeld vor einem Betrachter, was die „soziale Verantwortung“ mit sich bringt. Bin ich Träger, Lenker und Leiter eines Systems, partizipiere ich, stehe ihm gleichgültig gegenüber, muß mich anpassen oder leide wohlmöglich darunter, zweifel es an, versuche es zu Fall zu bringen und bin ihm feindlich gesinnt? Diese Grundhaltungen sind vornehmlich in historischen Relikten, im Ansatz aber auch in archäologischen durch den Befund erkennbar. Menschen der Vergangenheit „sprechen zu uns“. Das tun sie in vielfältiger Art und Weise. Berücksichtigt man diese Dinge nicht, ist jede Darstellung flach und eindimensional, eigentlich „unmenschlich“. Sie mag bezüglich des Spaßfaktors befriedigen sein, mehr aber nicht. Von historischer Realität oder historischem Bewußtsein keine Spur. Nicht jede Darstellung verdient eine so scharfe Beurteilung...Eine gänzlich unpolitische Ausnahme mag vielleicht das „altsteinzeitliche Reenactment“ sein, spätestens mit der Seßhaftwerdung in der „Jungsteinzeit“ und vor allem mit der rohstoffhungrigen „Bronzezeit“ hört es auf. Es beginnen gesellschaftliche Prozesse erkennbar zu werden, die jede Darstellung unweigerlich mit sich bringt, ob man will oder nicht (genau genommen drückt sie jede Darstellung alleine schon durch ihre Kleidung aus). Eine Gesellschaft fügt sich nicht von alleine, sie wird gemacht. Wir sprechen also von Politik, Ableitung griech „polis- „politeia. Damit ist keineswegs heutige Parteien-Politik und deren Gesinnung gemeint. Es soll hier auf keine überholte „Links – Rechts Klassifizierung“ mit ererbten Kämpfen und gegenseitigen Schuldzuweisungen abgehoben werden, die Richtung ist mir zuwider, das ewige Schwarz/Weiß-Denken. Das Pendel schlägt auf diesen Seiten nicht nach links oder rechts, „hier bekommt jeder sein Fett weg“. Jegliche politische Richtung hat irgendwann „Mist gebaut“, immer geht es um Machtverlust und Machterhalt, wenn man das ständig lesen muss „macht“ es höchstens müde. Im Mittelalter ist alleine die Verquickung von Religion und Politik mehr als unglücklich...aber lassen wir das...

Bei Einzeldarstellungen, die vielleicht mehr handwerkliche Aspekte thematisieren, schauen wir über die Komponente der „sozialen Verantwortung“ hinweg, wie bei folgender Situation: „Mami, für wen hat der Bronzegießer die Nadel gemacht? Der Darsteller mag antworten, „na, halt zum Verkaufen“. Da schwingt vielleicht das Wunschdenken des bronzezeitlichen Wanderhandwerkers mit, eher eine romantische Vorstellung. Denn läßt man „begnadete Handwerker“ einfach so umherziehen, um sich „Märkte zu erobern“? Die archäologische Realität zur Bronzezeit zeigt die Anfänge einer streng hierarchisch aufgebauten Gesellschaft mit Handwerkern an Herrenhöfen, sie wurden geschätzt und waren unverzichtbar zur Ausbildung des Prunkgehabes der Oberschicht. Umgekehrt erhielten sie Schutz für das eigene Leben und die kostbaren Rohstoffe. Der Mann handelte vermutlich im Auftrag, war mglw aufgrund seines Könnens und der Unverzichtbarkeit an den Hof gebunden, vielleicht war er unfrei? Mit der sozialen Komponente haben wir im gewissen Sinn eine politische Note, sie ist in diesem Fall nicht so hoch zu werten, weil vor Publikum eher das handwerkliche Können zählt. Aber wie sieht es aus bei Ein- und Umzügen, bei Banketten, Versammlungen, Turnieren, Gerichtsszenen, bei den beliebten Hexenverbrennungen, die m.E. mit mehr Ernst dargestellt werden sollten, denn spaßig ist darin eigentlich gar nichts, bei Pestumzügen ist der „Jux“ inzwischen wohl raus. Gesellschaftliche Großereignisse sind und waren immer politisch. Nur weil sie in ein historisierendes Deckmäntelchen gekleidet werden, wollen wir sie so nicht wahr nehmen, vor allem in der Rückzugsnische unserer Freizeit. Hier trennen sich wohl die Wege für den Hobbyisten gegenüber einem überzeugenden Darsteller. Darstellung fordert Stellungnahme. Ein Graf bittet nicht artig, er befiehlt. Der Untergebene hat zu gehorchen, paßt ihm das nicht, wird er bestraft oder stellt den Rebellen dar. Das erfordert Engagement, denn es muß klar werden wo die persönlichen Mißstände seiner Meinung nach liegen, wenn er glaubhaft sein will.

Im mittelalterlichen Reenactment kommt eine stark religiöse Komponente hinzu. Warum trägt der Mann mit dem roten Kreuz ein Schwert ?“, fragt der kleine muslimische Sohn seinen Vater...gebt mal eine unpolitische Antwort, wenn die Frage an Euch kommt....[die unverfänglichste wäre vielleicht: „...das ist doch nur der freundliche Sanitäter, der das gefundene Schwert an der Kasse abgeben möchte.“ Scherz beiseite. Wir sind als „Fachpersonal“ weder rhetorisch geschult, noch ist unser Bewußtsein diesbezüglich auf die eigene Darstellung gerichtet, da wir zu sehr auf Details oder handwerkliche Fähigkeiten blicken. Wir arbeiten mit der Wissenschaft eng zusammen und es hat sich ein eigenartiges Credo entwickelt: Wissenschaft hat unpolitisch zu sein. Aha, … aber wie sieht es mit aktuellen Debatten zur Klimaforschung oder im Fall der Corona-Pandemie aus? Unsere persönliche Meinung stützt sich auf Aussagen von Wissenschaftlern mit deren enormen politischen Konsequenzen. Wissenschaftliche Ergebnisse geben eine Richtung vor, durch Deutungen forciert oder abgeschwächt, also Auslegungssache. Wird jetzt noch der Aspekt der Forschungsfinanzierung ins Spiel gebracht, dann wird es höchst politisch ! So weit zu Wissenschaft und Politik. Es soll durch diese Gedankengänge niemandem der Spaß an der Darstellung genommen werden. Soweit darf die Sache nicht gehen. Sie soll und muß Ausgleich zum „Ernst des Lebens“ sein, keine Frage. Aber denkt bitte daran was wir unseren Vorfahren schuldig sind. Wird Vergangenheit verblödelt, als billige Unterhaltung oft auf den Märkten, und nicht ernst genommen, wirft das ein Licht auf unsere heutige Zeit. Man glaubt die Feudalgesellschaft überwunden, deshalb wird sie verjuxt. Wir sollten aber den Vorkämpfern für unsere heutigen Freiheiten dankbar sein und ihnen durch eine gute Darstellung huldigen. Wir reiten auf ihren Schultern...



8/Was ist mit dem zeitgemäßen Gürtel gemeint? Es soll anhand einer sehr speziellen Schnallenform verdeutlicht werden, falls es jemand genau nimmt. Denn jetzt geht es sehr in die Details: Exemplarisch werden die oft genutzten Schnallen in Doppelovalform herangezogen, siehe Beispiele auf den Seiten 2. Hälfte XV. Jh. Wann tauchen sie auf, können sie von Darstellern des Hochmittelalters genutzt werden oder ist es eine Form des Spätmittelalters, werden sie für Sattelgurte, Leibgürtel oder Riemen für Schuhe, Taschen, etc genutzt? Nach den Funden aus London [Egan, G. (Hrsg.): Dress Accessories 1150-1450. Medieval Finds from Excavations in London, S. 65-88] wird das Gros unverzierter Doppelovalschnallen aus Kupferlegierungen von 15-25mm Breite (Egan Nr. 331-341) zwischen 1350 und 1450 datiert. Ihre einstige Verwendung bleibt offen. Kleine unverzierte Ausführungen aus Zinn-Blei-Legierungen unter 20mm Breite (Egan Nr. 350-375) werden dem Schuhwerk zugerechnet und ebenso zwischen 1350 und 1450 datiert. Ähnlich wird die Sonderform kleiner runder Schnallen mit mittlerer Dornachse meist aus einer Zinn-Blei-Legierung von max. 22-23mm Durchmesser (Egan Nr. 221-259) betrachtet und stammt in London in der Regel aus der Zeit nach 1400. Grössere, oft verzierte Formen, aus Messing/Bronze oder verzinntem Eisen von ca 40-65mm Breite (Egan Nr. 334, 342-345, 377, 387) werden um 1400 datiert. Von den eisernen Formen (Egan Nr. 346-349) weicht nur ein einziger Fund, eine gestauchte Doppelovalform, aus Eisen verzinnt von ca. 50mm Breite (Egan Nr. 346) in der Datierung mit 1230-60 entschieden davon ab. Mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit wurde die Schnalle für das Pferdegeschirr genutzt, denn eiserne Schnallen zwischen 40-60mm Größe stammen in der Regel aus diesem Zusammenhang. Die gestauchte hohe Doppelovalform findet sich als einmaliger Fund auch auf der Isenburg in Hattingen, vor 1225 datiert. Eine ähnliche hohe Doppelschnalle von 78 mm Breite stammt aus Beverungen und wird vor 1444 datiert [Krabath, Buntmetallfunde nördl d Alpen XVI.19]. Vier kleinere Doppelovalformen aus verzinnten Kupferlegierungen mit Blechen von unter 12mm Breite (Egan Nr. 378-381), teilweise auch nur mit Riemenbreiten von 6mm, werden zwischen 1270 und 1350 datiert. Diese Schnallen sind aufgrund der Größe keinen Gürteln zuzurechnen, sondern Schuh-, Sporen- oder Taschenriemen! Fazit: Die Doppelovalform ist im XIII. Jh bekannt, denn archäologische Funde sind bereits früher nachweisbar, wie die Schnalle aus Fyrkat VIII.-X. Jh, vermutlich vom Zaumzeug. Auch um 1200 wird die Sonderform der gestauchten hohen Doppelschnalle für die aufwändigen Dekorschnallen mit Emailleeinlagen verwendet und eine schlichte Variante von der Isenburg wurde bereits erwähnt. Die meisten archäologischen Funde des Doppelovals werden aber in der Regel ins SMA meist deutlich ab 1350 datiert und es gibt in London nur wenige Abweichungen vom Gros der datierten Schnallentypen. Das sind m.E stichhaltige Gründe diesen Schnallentyp für Gürtel, mit Ausnahme der „Emailleschnallen“, frühestens erst um 1400 zu verwenden, da hier hinzu keine Riemen für Zaumzeug, Schuhwerk, etc erstellt werden, bis auf Knierriemen. Auf Abbildungen taucht die Doppelovalform bei Gürteln überhaupt erst im Laufe des XV. Jhs auf, nebenbei begegnen uns dort neben den runden sehr häufig eckige Varianten, die aber in der Reenactment-Szene meistens abgelehnt werden.



9/ Dienstmannen werden explizit in der Grundherrschaft des Stifts Essen genannt, wie die scultetiSchulten/Schultheiße“. Sie übernahmen Richterfunktionen an den bäuerlichen Herren-/Oberhöfen, an denen Abgaben der Unterhöfe/Hufen/Mansen gesammelt wurden, um an das Stift weitergeleitet zu werden, das jene mit den zu erbringenden Dienstleistungen (Hand- und Spanndienste) als servitium verlangte. Einteilungen nahm der magister culturae, der „Baumeister“, als Verantwortlicher der Wirtschaftsführung vor. Dazu zog er die Hörigen der Unterhöfe, halbfreie Hörige (Laten) und Handwerker des Oberhofes heran [Küppers-Braun, U.: Macht in Frauenhand. 1000 Jahre Herrschaft adeliger Frauen in Essen, S. 25ff]. Der Begriff des „Schultheißen“ war weit gefasst, anfangs galt er als Vertreter eines Grafen oder Bischofs. Er konnte die niedere Gerichtsbarkeit vertreten als „Dorfschulze“ oder sogar das Oberhaupt einer Stadt darstellen, von einem Grundherrn an diese Position gesetzt, wie es mglw. Wolfram, der Schultheiß zu Erfurt war, eingesetzt durch den Mainzer Erzbischof. Wolfram stiftete um 1157 die lebensgrosse figürliche Bronzeplastik des „menschlichen Leuchters“ (mit Bindegürtel), heute im Dom zu Erfurt. Zu den Schultheißen wird in verschiedenen Quellen ein „Schulzenstab“ erwähnt, wohl ein frühneuzeitlicher Begriff für dieses Amtszeichen. Vorläufer sind vermutlich bei röm Machtsymbolen zu suchen, wie die virga, der Stab abgebildet in der Hand eines röm Gutsherrn auf dem Sarkophag von Lamta (Leptis Minor) nördl von Bekalta in Nordafrika aus dem IV. JhAD. Grafen ernannten erfahrene Dienstmannen auch zu „Schöffen“ für den Ausschuss in Form eines Schöffenkollegiums, meist von sieben Gerichtsmitgliedern, die zur Urteilsfindung in Rechtssachen beitragen sollten. Vielfach waren Dienstmannen per Auftrag im FMA und HMA auch Träger der Kolonisierung mit Rodung, Urbarmachung von Land und Errichtung von Siedelstellen. Zunächst standen sie dem Bauernstand näher, bzw. waren Bestandteil der „nährenden Schicht“ „Mayer/Meier/Meyer“ waren Gefolgschaftsleute auf ihren Siedelstellen/Höfen, die verpflichtet waren ihrem Herrn jederzeit zur Verfügung zu stehen. So mussten die 50 „Sattelmeyer“ des Amts Sparrenbergs noch im XVII. Jh ein gesatteltes Pferd, Pistolen (übliche dt. Reiterwaffe im XVI./XVII. Jh) und Reiter für Kriegs-, Geleit- und Botendienste oder eine entsprechende Summe Geldes als Ersatz stellen. Des Bischofs von Brixen „küchenmairbewirtschaftete den Haupthof, der unmittelbar für den Tisch des Geistlichen Lebensmittel und Heizmaterial lieferte. Als niedere Dienstmannen galten z.B. „Scheffler“, die u.a. die Vorratshaltung, Mühlen und Brauereien überwachten und „Fischmeister“ oder „Waldknechte“, die für das Jagdrevier und die Honiggewinnung zuständig waren. Die unterste Riege waren die Kriegs- und Soldknechte, welche dem berittenen Herrn zu folgen hatten, sich um dessen Ausrüstung, Waffen und Pferde kümmerten. Sie erhielten, je nach Rang ihres Auftraggebers, neben der eigenen Waffenausbildung, gerade mal den „klainen Sold, wie Oswald von Wolkenstein dies um 1400 bezeichnete. Das war nicht mehr als die Verpflegung, die Ausrüstung und vielleicht mal ein abgelegtes Kleidungsstück des Herrn. Ansonsten galt jeder legitimierte Raub in kriegerischen Zeiten als „Verdienstmöglichkeit“ in Naturalien. Ihr Ansehen konnte nur mit der gesellschaftlichen Position ihres Dienstherrn steigen. Zu den Dienstmannen/Ministerialen siehe auch den Exkurs unten. Für selbständig agierende Frauen gibt es eine Auflistung der Kramladeninhaber rund um die Frauenkirche in Nürnberg im Spätmittelalter. Falls nicht selbständig, mögen weibliche Personen sich in den Standeszuordnungen bitte gedanklich an des Gatten Seite stellen:

Zu den empfohlenen Materialien/Metallen. Grundsätzlich wird zu unterscheiden sein zwischen einer Alltagsgarnitur und dem Repräsentationsstück. Es folgt also eine recht schematisierte Rangfolge: In der Merowingerzeit ist Eisen grundsätzlich immer eine gute Wahl, Bronze oft nachweisbar, Messing scheint knapp gewesen zu sein, so daß es damals einen hohen Wert besaß. Die sozialen Eliten wurden durch silberne und vergoldete, selten durch goldene Objekte gekennzeichnet. In den nachfolgenden Jhn änderte sich diesbzgl. wenig. Mit der Karolingerzeit scheint, nach neueren Erkenntnissen, Messing allerdings nun häufiger verfügbar zu sein. Sogar in der nordischen Sachkultur tauchen Messingbarren in Haithabu auf, ansonsten wird in den Publikationen meist Bronze genannt, oder schlichtweg die ungenau definierte „Kupferlegierung“. Messing fand besonders im SMA über den Handel weite Verbreitung und konnte bis in die frühe Neuzeit sowohl für Kleinobjekte genutzt, als auch für Aquamanilen, Leuchter, Schüsseln, Kannen, etc. verwendet werden. Bronze war stabil, oft besser verfügbar und ließ sich, aufgrund des gegenüber Messing einfacheren Legierungsverfahrens, für qualitätvolle Großobjekte wie Glocken, Grabplatten oder die gewaltigen Bronzetüren der Kirchen gießen. Darsteller einfacher sozialer Schichten im HMA/SMA sollten, wenn nicht die häufig verbreitete textile Gürtelvariante, also der Strick aus Wolle oder Hanf gewählt wird (für arme Landleute, die sich oft kaum mehr lederne Schuhe leisten konnten und welche aus Bast oder Stroh trugen, siehe „Hirten“ im Dom Brixen Kreuzgang Arkade XIII), bestenfalls bei einer Leder-Eisen-Garnitur bleiben. Aufgrund der Stabilität zählt meines Erachtens auch der einfache Söldner/Berufskrieger/Kämpfer dazu, der militärische Dienste verrichtet oder im Feld steht und dessen Ausrüstung das „Überleben“ sichert. Je nach Rangordnung waren sicher auch Buntmetalle möglich, aber Militär erfordert nun einmal stabile Formen und die waren in erster Linie aus Eisen und Stahl, meist verzinnt. Auch dem einfachen Handwerker weniger angesehener Gewerbe ohne Grundbesitz und Eintrag in die Bürgerrolle sei eher Eisen angedacht. Erst als „Bürger“ der besseren Gewerbe mit Eintrag in die Bürgerrolle, steuer- und waffenpflichtig, je nach Region bis zu fast einem Drittel der Stadteinwohnerschaft, sei Bronze oder Messing und eine mögliche Verzinnung angeraten. Aus diesem Mittelstand erhob sich die „Geld scheffelnde Schicht“ der „betuchten“ Groß- und Fernkaufleute, der Zunftmeister, der Reeder, Ratsherren und Patrizier. Sie greife in der Darstellung zu Silber als „Zeichen der neuen Anmaßung“, wie es in Testamenten häufig belegt ist, mit dem Bewußtsein, daß sie allerdings je nach Gewicht/Wert der Stücke und je nach Region mit der „vorherrschenden Kleiderordnung“ in Konflikt gekommen wäre. In Göttingen war Mitte des XIV. Jh Bürgerinnen das Tragen von silbernen Gürteln nicht gestattet und später besagte die Reichskleiderordung von 1530, daß sich eine Bürgersfrau nicht mit vergoldetem Silber schmücken solle, eine erkennbare Entwicklung innerhalb von zwei Jahrhunderten. Archäologische Fundstücke aus den Städten zeigen Feuervergoldungen, partiell bei Silberstücken, ansonsten auch bei Kupferlegierungen, die urspl. aus gehobenem Besitz stammten, also vom Stadtpatriziat. Denn in den Städten „thronte“ über allem das gehobene Bürgertum und die besitzende Schicht der Patrizier (gerade mal 2 % der Stadtbevölkerung), das sich an den Formen des Adels orientierte. Für unfreie Ministeriale niederen Ranges wird militärisch Eisen, zivil Bronze im FMA/HMA oder Messing im SMA mit mgl. Verzinnung für angemessen gehalten, hier wäre eine Rangfolge mglw durch die Buntmetalle zu verdeutlichen. Den gehobenen Ministerialen, die seit den Saliern und unter den Staufern wichtige politische Funktionen erfüllten und erst recht seit dem Untergang der staufischen Herrschaft in der 2. Hälfte des XIII. Jhs, wird mit Ambitionen zum Aufstieg in den niederen Adel/Dienstadel/Ritterstand, sicher auch Silber, Vergoldung, bzw die vergoldete Kupferlegierung zugedacht werden können, als Zeichen des gesellschaftlichen Aufstiegs und später der neu erworbenen „Freiheit“. Für die höchsten Ränge im unmittelbaren Hofdienst (Drost, Marschall, Kämmerer oder Mundschenk) war auf jeden Fall Silber und Gold üblich, da hier quasi der Sprung in die Adelsschicht bereits vollzogen war und der Hofstaat mit wertvollen Donativen/Geschenken der Herrscher rechnen konnte. Ansonsten gebührt vergoldetes Silber zweifelsohne dem Geburts-/Hochadel, bzw Aufwertungen durch Edelsteineinlagen und selbstverständlich Gold, eigentlich das „königliche“ Symbol von Herrschaft und Dauer, das mit der Sonne verglichen wurde. Es gilt hinzu zu beachten, daß nicht allein das Material zählt, sondern selbstverständlich auch die Ausführung, der Unterschied zwischen Massenware und kunstvoller individueller Verarbeitung einzelner Objekte.



10/In Paris ist das Gürtlerhandwerk durch erhaltene Statuten sicher um 1250 nachweisbar. Für Köln sind Gürtlersatzungen aus dem XIV. Jh. bekannt. In Krakau wurde zwischen Messing- und Zinngürtlern unterschieden, in Paris kamen noch die Eisengürtler hinzu, die hauptsächlich schwere Gürtel für das Pferdegeschirr fertigten. Es gab Riemenschneider und Gürtler, wobei nur letztere Beschläge setzen durften, Krakau 1365: „so haben dy zelbigen rymer vor der stad den gortlern entwichn, das sy keyne rewsische gorteln machen sollen noch keyn blechrinke umschloen.“ und Wien 1403: „ also dass fürbas die riemer chainerlei gurteln machen sollen mit hammer noch mit nageln.“ Auch die Liegnitzer Zunftordnung von 1424 trennt die Gürtler mit der Setzung von Messingbeschlägen von den Riemern. Für das Erstellen der Schnallen waren die „Spengler“ zuständig, selbst für das Ziehen der Nieten gab es ein eigenes Gewerbe. Edelmetalle wurden nur von den Silber- und Goldschmieden verarbeitet! Diese waren oft angesehene Bürger, mit Eintrag in die Bürgerrolle der Stadt, also keineswegs nur („Einsitzer“) Einwohner derselben, wie einfache Handwerker ohne Grundbesitz. Die Rechnungsbücher des franz Hofs weisen eindeutig auf jene hin, Fingerlin, Gürtel, S. 24-30. [Die „Rinke“ meinte die Schnalle, vermutlich zunächst meist in rundlicher Form, denn der „Salwürker“ (mhd. sal = Draht) war der „Rinkelschmied“, der Drahtringel für das Kettenhemd vernietete.]



11/Prozessionen und Schauspiele spielten im MA eine größere Rolle, als mir das bislang bekannt war. Die christlichen fanden nach fest definierter Liturgie statt, bsplw. an Lichtmeß, Himmelfahrt, Fronleichnam oder die Osterprozession in der Karwoche und am Palmsonntag mit Jesus den beweglichen „Palmesel“ auf Rollen reitend, wovon einige Holzbildhauerwerke die Zeiten überdauerten. Der „Einzug in Jerusalem“ wurde auch häufig in der Tafelbildmalerei festgehalten, wo ein reicher Bürger mit seinem Rock Jesus den Weg bereitete. Dargestellt wurde die Passion, Kreuzdeponierung oder Grabesprozession, für die extra ein festes sepulcrum oder ein mobiler hölzerner Tragschrein errichtet wurde, in denen kostbare Reliquien mitgeführt werden konnten, siehe erhaltene Exemplare in Salzburg und Chemnitz. In theatralischen Inszenierungen sollten die zeitlich und örtlich weit entfernten überlieferten Handlungen dem Gläubigen nahe gebracht werden. Verschiedene Wunder- und Mysterienspiele wanden sich aus dem kirchlichen Bereich in die weltliche Sphäre. Daraus entstand das Laienschauspiel. Bekannt waren die „rederijker-Spiele“ der Handwerker und kleinen Kaufleute mit zumeist lustigen und moralisierenden Stücken in den Städten der Niederen Lande. Auch der sinnenfreudige Karneval mit seinen ausartenden Exzessen wurde dort ausgiebig zelebriert, in grossen Umzügen mit vielen thematischen Wagen oft prunkvoller gestaltet als mancher Königseinzug. Heidnische Attribute der Fruchtbarkeit mussten wohl oder übel von den Oberen toleriert werden (vermutlich hatten die bei manchen Reenactern beliebten obszönen Abzeichen hier ihren Ursprung, in Analogie zur antik-römischen Symbolik). Ähnlich werden die heidnischen Fastnachts- und Frühjahrsbräuche in Süddtld zu werten sein oder speziell der „Schembartlauf“ in Nürnberg, mit Tiermasken und Fellen. Karl IV. hatte den dortigen Schlachtern das Privileg zugestanden heidnisch anmutenden Tänze aufzuführen, das die Stadt bald als einen grossen weltlichen mehrtägigen Umzug gestaltete. Den Höhepunkt bildete die Erstürmung eines Wagens in Schiff- oder Turmform, der von Dämonen gegen die anlaufenden Schembartläufer verteidigt wurde bis das ganze in Flammen aufging. Erst mit der Reformation wurde diesen Bräuchen Einhalt geboten. So hatten eine hohe Zahl von Umzügen eher weltlichen Charakter und nach wie vor fanden Bittprozessionen statt, in denen um Regen oder Abkehr von Stürmen, bzw. schönes Wetter gebeten wurde. Es waren in jedem Fall Massenspektakel. Die herrschenden Schichten versuchten diese selbstverständlich zur eigenen Zurschaustellung und Präsentation im öffentlichen Raum zu nutzen. Von je her hatte der Einzug des Königs in eine Stadt einen besonderen symbolischen Charakter und wurde ab dem XIV. Jh stärker zelebriert, indem Vertreter der Bürgerschaft jenem entgegen zogen und mit Schlüsselübergabe im Gegenzug Privilegien erhofften. Städte galten den Königshäusern oft als willkommene Geldquelle oder Verbündete im Kampf gegen den aufsässigen Adel. Vor allem in Frankreich und England galten weltliche Prozessionen der Legitimation und Sichtbarmachung des Heils der Herrschaft und der königlichen Politik, so geschehen bei den Umzügen von Mai bis Juli 1412 in Paris, als Karl IV. (1380-1422) um Unterstützung für den Kampf gegen die Armagnaken warb. Jegliche Herrscherbegräbnisse und Inthronierungen wurden von einer reichen Bildersprache begleitet. In Frankreich war es zum Ende des XV. Jhs üblich im Begräbniszug das Ebenbild des Königs durch eine Puppe in den Staatsgewändern zu präsentieren. Die Übergabe der Herrschaft an den Nachfolger musste sichtbar zelebriert werden. Besonders prunkvoll war der Einzug Heinrich VI. von England 1431 in Paris und nachfolgend in London, als man besondere Schauplätze und Requisiten erstellte und Schaustücke mit Personifizierungen der Tugenden und weitere Allegorien aufführte. Zum Ende des Mittelalters wurden diese immer aufwändiger und es entstand ein fester Kanon an Dargestelltem, das biblische Gestalten, Heilige, historische Vorbilder und vor allem in Italien auch antike Themen mit einschloß. Aber auch 1485 beim Einzug Karl VIII. in Rouen wurde u.a. Kaiser Konstantin beschworen, Maxentius schlagend, um die hohe Abkunft des franz. Königshauses herzuleiten, neben der von Karl dem Großen selbstverständlich. Grosse dynastische Verbindungen wurden in besonderen Heiratsprozessionen durch allegorische Darstellungen dem Volk vor Augen geführt, wie 1501 beim Einzug der hoch gerühmten Braut Katharina von Aragon in London. Auch die Turniere des Adels wurden immer prunkvoller mit der Einfügung von Allegorien und kleine Spielszenen. Durch die finanziellen Möglichkeiten der Städte und das dort angesiedelte unverzichtbare Plattnerhandwerk wanderten Turnierveranstaltungen allmählich in die urbane Sphäre. Das erstarkende Bürgertum wetteiferte mit dem Adel, so daß es bald auch Bürgerlichen möglich war Turniere in Form von Festspielen abzuhalten. Erst recht nach der Reformation ersetzten städtische Turniere viele kirchliche Veranstaltungen [nach B. Holme, Der Glanz höfischen Lebens im Mittelalter, 1987]



12/Die Sprache der Kleidung [zusammenfassend nach S. Geppert, Mittelalterliche Zeitmode im Heiligengewand, in: Ars Sacra, Salzburg 2010, S. 132]: Für alle Epochen gilt, daß die Kleidung, vor allem bei figürlichen Plastiken und Gemälden biblischen Inhalts, in hohem Maße tendenziös ist. Geppert spricht von einem „Codesystem“. Der heutige Betrachter muß dieses System entschlüsseln und Darsteller sollten sich vor einer „Eins zu eins“-Übernahme hüten, bzw. prüfen, wer trägt was aus welchem Grund? Geppert unterscheidet bei den biblischen Szenen in den „historischen Code“, nach dem Protagonisten in antikisierende Gewänder und Umhänge gehüllt wurden, auch Ehren- und Zeremonialgewänder waren üblich, um Authentizität in ferner Vergangenheit zum Betrachter und zugleich den ehrfurchtsgebietenden Abstand zum Geschehen zu vermitteln. Der „geografische Code“ fügt dem noch Ortsferne hinzu, um die Herkunft des Protagonisten zu verdeutlichen. Hier scheinen durchaus fantastische Elemente nach unserer modernen Betrachtungsweise möglich, um das Fremde zu betonen. Allerdings sehe ich dahinter die erstaunliche Fähigkeit des Mittelalters Ort und Zeit miteinander zu verknüpfen und „historisierend“ zu Denken. Geppert zitiert in ihrer Dissertation „Mode unter dem Kreuz“ von 2010 die „Kreuzigung“ der Brüder Limbourg in den Tres Riches Heures um 1415 und spricht von „märchenhaften Phantasiekostümen“, auffällig bei „Nikodemus“ oder „Josef von Arimathea“, siehe textbegleitende Abb oben. Diese Gewandungen sind m.E. allerdings eher Zitate, indem Illuminatoren ihre italienischen Anregungen mit tradierten byzantinisch-orientalisierenden Stilelementen offen legen, die bei Giotto, Martini oder Lorenzetti bereits im XIII./XIV. Jh üblich gewesen sind, denn Italien war in seiner Kunstauffassung extrem byzantinisch geprägt. Durch den „modischen Code“ wird eine Nähe zum Betrachter hergestellt, der sich in zeitgenössischen Bezügen, geregelt durch Kleider-, Hofordnungen oder Standes- und Berufstrachten, selbst wiederfindet. Allerdings betrifft dies nur Bildelemente und nie das gesamte Bild. In der zitierten Buchillumination der Brüder Limbourg würde Maria Magdalena diese Rolle mit fein gemusterten kostbar wirkenden Stoffen übernehmen, wie es scheinbar grundsätzlich für diese Person von Stand „unter dem Kreuz“ üblich war, denn darauf stützt sich ein Gutteil von Gepperts lesenswerter Dissertation. In der von ihr besprochenen „Kreuzigung“ Jan van Eycks von 1420-25 finden sich deutlich mehr Bezüge zur burgundischen Mode dieser Zeit, zugleich aber auch orientalisierende Versatzstücke, wie turbanartige Kopfbedeckungen, Bögen, Krummschwerter und im Hintergrund eine Art „Hagia Sophia“ als Tempel Jerusalems, eingebettet in eine italienisch anmutende Stadt- und voralpine Gebirgslandschaft. Der „metaphorische Code“ verwendet Kleidungsstücke oder deren Farben im übertragenen Sinne, so vermittelt Marias Umhang Schutz für den Gläubigen, der extrem lange Gürtel Unberührtheit und Keuschheit oder der nahtlose Rock Christi ist Zeichen der Vollkommenheit. Es können auch mehrere Codes gleichzeitig verwendet werden, wie das zum Ende des XV. Jhs häufig geschieht.



13/So gibt es auch kein „typisches Haithabu-Ovalfibelpaar“. Es gab mal eine recht aggressive Kundin, weil ich Ihr nicht diese, von ihr so bezeichnete, verkauft hatte, sondern eine Form, die man unter anderem auch in Haithabu fand, m.E. ihrer Darstellung gemäß [die filigrane silberne mit gekordeltem Draht aus dem Kammergrab 5/Südgräberfeld war nicht im Gespräch, denn es ging um eine Preisklasse knapp über 100.- EUR das Paar, dafür ist die silberne nicht zu bekommen]. Mir ist bewußt, daß viele der „Haithabu- Formen“ ähnlich auch woanders auftauchen, so daß der Begriff der Einmaligkeit schwierig ist. Vermutlich meinte sie die „P37“ und verkauft hatte ich ihr die „P51“. Beide Formen sind aber auch in Birka und an anderen Fundorten präsent. Was daran ist nun typisch für Haithabu? Beim Kauf lag hinzu der Fundkatalog vor und ich zeigte ihr verschiedene Formen, wobei sie nicht explizit auf die „37er“ und schon gar nicht auf die silberne filigranverzierte hinwies. Manchmal bewegt man sich auf zwei unterschiedlichen Kommunikationsebenen. Da ist einfach nichts zu machen, wenn Begriffsdefinition und Sprache so voneinander abweichen...



14/Es soll die Problematik anhand von üblichen Datierungen zum Kloster Fontenay in Burgund verdeutlicht werden. Angenommen wir hätten ein Kapitell oder ein Skulptur aus der Klosterkirche als Quelle vorliegen, welche Datierung könnte ein Autor zu dieser Quelle heranziehen? Das Gründungsdatum des Klosters Fontenay in Burgund wird mit 1118 angegeben, aber auch 1119 erwähnt, damit ist aber nur die frühe Mönchsgemeinschaft gemeint, denn erst 1130 wurde das Kloster an seine heutige Stelle verlegt. 1133 wurde mit dem Bau der Abteikirche innerhalb des neuen Klosterareals begonnen. In einer weiteren Schrift wird der Beginn dieses Baudatums auf 1139 gelegt. Eine andere Quelle datiert das Kloster Fontenay einfach zwischen 1118–47, oder Fertigstellung der Kirche 1147. 1149 wurde die Kirche den Quellen nach geweiht, erst zwei Jahre nach Fertigstellung? Der grösste Teil der Innenausstattung und Beifügungen stammt aus späteren Zeiten, wie Madonnenstatuen und Grabplatten ab dem XIII. Jh. Allgemein heisst es, dass das romanische Gotteshaus seit der Fertigstellung nur geringfügige Änderung erfahren habe und dass die schmucklose Abteikirche heute eine der am besten erhaltenen in Burgund sei, welche das ursprüngliche Aussehen bewahrt habe. In der Französischen Revolution wurde das Kloster hingegen säkularisiert und als Papierfabrik genutzt. Erst 1906 wurden die Gebäude wieder in den möglichen ursprünglichen Zustand gebracht. Damit läge eine sinnvolle mögliche Datierung für einen Bauteil der Kirche vor der Mitte des XII. Jhs, im vierten und fünften Jahrzehnt, eine isolierte Statue könnte aber auch erst später in den Gesamtkontext der Kirche gefügt worden sein.



15/Ein Beispiel für die „Konvention“ mag die Darstellung von Panzerringen auf Skulpturen des XIV. Jhs sein. Es wurden aneinander gesetzte „Halbmonde“ gemeisselt, um verflochtene Ringe überzeugend darzustellen. Viele Handwerker schufen nicht rein aus dem Kopf, sondern werden sich die Arbeit mit diversen Hilfestellungen erleichtert haben. Dazu könnte das „Modell stehen“ zählen. Interessant diesbzgl sind die Bilder von Hans Memling, wie die „Flucht aus Ägypten“ des Triptychons von 1475-80, heute in Cincinatti. Hier wird Maria Magdalena mit Salbgefäß in der rechten Hand, Kettengürtel (demi-ceint) und rot-goldenem Brokatstoff stehend, recht steif dargestellt. Auf dem Bild der „Kreuzabnahme für A. Reins“ in Bruegge trägt auf der Haupttafel eine andere Person als „Maria Magdalena“ zurecht gemacht das gleiche rot-goldene gemusterte Kleid, allerdings in Kombination mit oben geschlossener Überbekleidung. Dafür übernahm die Darstellerin der „1475-80er Maria“ vom ersten erwähnten Bild nun die Rolle der Barbara auf der Seitentafel, fast in der gleichen bekannten und schon einmal eingenommenen steifen Haltung, diesmal statt Salbgefäß mit Turmmodell in der rechten Hand, das Attribut der Barbara, was hier aber eigenartig nachträglich zugefügt wirkt, demi-ceint und dunkelfarbigem Kleid. Person und Haltung ist auf den zwei Bildern eindeutig identisch. Wir haben einmal also das gleiche Kleid an zwei verschiedenen Personen und zum anderen eine Person in zwei verschiedenen „Rollen“.

Zur Frage der Konventionen und spezieller Sichtweisen mag mglw, vom eigentlichen Themenkomlex abweichend, zur Anschauung ein Beispiel aus der Antike dienen. Es ist in der Kunstgeschichte schon oft angemerkt worden, daß griech. rotfigurige Vasenbilder idealisierte Krieger in „heroischer Nacktheit“ bei Kämpfen darstellen, wo doch bekannt ist, daß in dieser Zeit kriegerische Auseinandersetzung in Rüstungen (Linothorax) stattfanden? Es ging also nicht um eine dokumentarische Darstellung. Plutarch berichtet, daß ein spartanischer Krieger bei der Verteidigung des heimatlichen Bodens ohne Schutzbewaffnung aus dem Haus rennend an den Kämpfen teilnahm und dafür von den Ephoren ausgezeichnet wurde, also wird hier eine besondere und ungewöhnliche Situation geschildert. Die „Nacktheit“ auf den Keramikbildern war eine Modeerscheinung in der Malerei ab Mitte des V. JhvC im Zuge der Verherrlichung der Siege über die Perser. Griech Helden aus Geschichte und Sage wurden in mythischen Zweikämpfen nackt dargestellt. Das übertrug man auch auf zeitgenössische Ereignisse, doch ohne realistische Schlachtgemetzel dieser Zeit abbilden zu wollen! Die Maler könnten zur Anschauung Übungskämpfer barfuß auf sandigem Boden leibhaftig vor Augen gehabt haben. Denn die Griechen betrieben ihren Sport, zu dem auch der Umgang mit Waffen gehörte, nackt. So bekam das ganze eine „sportliche Note“, indem der muskulöse durchtrainierte Körper gezeigt wurde mit einer überlegenen griech Kampftechnik. Im Gegensatz zu dem barbarischen Gegner, meist in unterlegener Pose, der sich in Schutzkleidung hüllen musste.



16/Zum Beispiel kopierte der Meister des „Lichtenthalers Marienflügels“ (heute KarlsruheAO) 1489 das kleine Bild „Verkündigung Marias“ (heute AntwerpenAO) aus der Rvd Wyden-Werkstatt entstanden um 1460 fast eins zu eins. Der „Meister der Schwäbischen Schule“ musste nicht unbedingt in die Niederen Lande reisen, um sich seine Anregung zu holen. Denn das Kloster Lichtenthal, bei Baden-Baden war durch die Äbtissin Margarethe von Baden, Tochter des Markgrafen von Baden, im Besitz des kleinen niederländischen Bildes, was sie nun in einem Kopiervorgang vergrössert wissen wollte [Borchert, Van Eyck bis Dürer, S. 281f]

Zum Zeitdruck siehe Kloster Blaubeuren. Der Chor und sein Hochaltar, S. 205. Hier werden Gründe für einen Termindruck der Fertigstellung genannt. Der Termindruck in den Werkstätten könnte auch mit immer neuen Aufträgen verbunden gewesen sein, die nicht mehr zu bewältigen waren ohne eine Schar von Kopisten, ebenda S. 217. Auswüchse in einer Zeit als große gemalte zweidimensionale Kunstwerke nicht technisch reproduzierbar waren.



17/Nach mittelalterlicher Vorstellung sollten am Tag der Auferstehung durch Jesus Christus, gleich ihm, alle im selben Alter aus den Gräbern steigen als es dem Heiland selbst vergönnt war, prima! Nach meiner Ansicht gibt es eine ganze Reihe von Grabdarstellungen des HMAs, die von diesem „Jugendlichkeitswahn“ abweichen, nicht nur die bekannte Rudolfs I. von Habsburg in der Krypta des Dom von Speyer. Auch die Naumbuger Stifterfiguren z.B. zählen, der Physiognomie nach, deutlich mehr Lebensjahre.



18/Bereits zu Lebzeiten erstellt wurde das Marmor-Epitaph (Gedächtnismal, nicht über dem eigentlichen Grab errichtet) für den reichen Bürger Ulrich Kastenmayr, welcher als Handelsherr, Ratsherr, Kämmerer und im Auftrag des Herzogs von Straubing-Holland, Mautner in Schärding gewesen war, gest 1431. Das Plattengrab des Kanonikers Konrad Selchen wurde 1470 gefertigt, er starb nach 1485, und das Epitaph des Kanonikers Hermann Hankrat 1510, beide im Chorherrenstift von Fritzlar. Letzerer starb am 21. März 1514, siehe Hinz, Dom St. Peter zu Fritzlar, S. 42-45. Demnach wurden beide im betagten Altar dargestellt und nicht jugendlich idealisiert wie im HMA noch üblich.



19/Erschwerend kommt hinzu, daß beispielsweise für das Hoch- und Spätmittelalter durchaus Diskrepanzen zwischen archäologischen und kunsthistorischen Quellen wahrgenommen werden. Das könnte mglw. mit unseren Publikationen zusammen hängen. Veröffentlichte Detektorfunde werden auf diesen Seiten als Quelle zur Datierung möglichst ausgeklammert, da deren Einzeldatierungen hoffnungslos grobmaschig sind. Detektorfunde dienen lediglich zum Aufbau von Typologien und für relative Chronologien. Ähnlich sind Sammlerpublikationen zu werten, da bei Objekten aus dem Kunsthandel meist die Fundzusammenhänge fehlen, oder sie von stilistischen Vorlieben der Sammler geprägt und damit sehr einseitig sind. Bei den archäologischen Quellen werden häufig die Funde aus London herangezogen, da sie vorbildlich publiziert wurden und für viele zugänglich sind. Internetrecherchen und Anbieter für Replikate aus ganz Europa beziehen sich oft auf London, denn die Fundmenge ist beeindruckend, gemessen an den relativ kleinen Ausgrabungsarealen. Der weiterer Vorteil dieser Funddokumentation besteht darin, daß hier Objekte gezeigt werden, die zu einem guten Teil der „bürgerlichen Sphäre“ entstammen (Gegenstände aus diversen Kupferlegierungen und Eisen/Zinn/Blei oder verzinnt) und nicht ausschließlich Bestandteile der Adelswelt sind, die sonst auf Abbildungen und figürlichen Bildwerken meist im Vordergrund stehen. Ortsferne wird meist billigend in Kauf genommen. Auch aus den Niederlanden gibt es diesbezüglich eine Publikation mit gröberen Datierungen. Für gut dokumentierte Funde aus Deutschland bedarf es in der Regel einer UNI-Bibliothek, samt den dort zugänglichen Fachzeitschriften. Bei den Monographien öffnet bsplw. die empfehlenswerte „Isenburg“-Publikation ein schmales Zeitfenster für das XIII. Jh oder für das XIV. Jh die Funddokumentationen der Hortfunde von Erfurt, Pritzwalk, Wiener Neustadt, etc. und natürlich sind die Standardwerke von Fingerlin und Krabath zu nennen. Bezüglich der Londoner Funde stellt sich die Frage, inwieweit wissenschaftliche Ergebnisse der engl. Hauptstadt, mit dem recht speziellen Verlauf der engl. Geschichte und den gänzlich anders gearteten Sozialstrukturen als auf dem Kontinent, auf davon weit entfernte Orte übertragbar sind? Ist nicht mit mehr lokalen Eigenständigkeiten zu rechnen? Es gibt Einflüße, die sich anderswo in Europa zeigen aber in London überhaupt nicht dokumentieren lassen, zumal die Grabung in der Schicht von 1450 endet. So sind auf spätgotischen Tafelbildern „Londoner“ Schnallen, aufgrund der zeitlichen Diskrepanz, nur selten zu finden! London hat für die mitteleuropäische hoch- und spätmittelalterliche Geschichte im Hansehandel durchaus höhere Bedeutung und deshalb lassen sich Ähnlichkeiten zu „Londoner Formen“ in den kontinentalen Küstenbereichen um 1400 am ehesten nachweisen. Aber weiter im Landesinneren scheinen andere Formen zu überwiegen. Sie dokumentieren sich eher auf Tafelbildern und Skulpturen, mit stilistischer Beeinflußung durch Italien und Frankreich und weiteren Einflüßen aus Osteuropa von Böhmen, über Ungarn bis nach Byzanz, wobei letzteres wiederum auf Italien und Frankreich wirkte. So zeigt sich ein eigenes Repertoire an Schnallen und Gürteln. Aus diesem Grund werden auf diesen Seiten für das Spätmittelalter Abbildungen und figürliche Plastiken mit möglichen Ortsbezügen bevorzugt und versucht sie möglichst mit archäologischen Quellen in Material und Verarbeitung abzugleichen.



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Thematische Exkurse:

Exkurs 1: Westrom – Ostrom (Byzanz) - Italien

Das antike Rom war für den gebildeten Menschen des Früh- und Hochmittelalters Westeuropas, der in der Regel dem Klerus entstammte, der Leitstern seiner Ausrichtung, der Maßstab aller Dinge. Er verstand sich nicht in einer eigenen Epoche [der Begriff „Mittelalter“ ist ihm ja vollkommen fremd], sondern glaubte sich der römischen Zeit, dem letzten Zeitalter nach christl. Heilslehre, verpflichtet. Solange ein Ostrom existierte war diese Ansicht auch in jeder Weise nachvollziehbar. Diese Ausrichtung wird nicht zuletzt durch in der Forschung genutzte Begriffe wie „Romanik“ augenfällig [das dahinter mehr steckt als die bloße Nachahmung antiker Formen ist selbstverständlich]. Erst im Spätmittelalter wurde der Blickwinkel auf die gesamte Antike erweitert, indem eine Wiederbelebung derselben das Verständnis eines Zeitenwandels hervorbrachte, mit einer vergangenen und abgeschlossenen Epoche zwischen Antike und der wiedergeborenen Antike (Renaissance), dem „medium aevum“. Der Begriff wurde 1464 in Italien verwendet [nach Scott, Kleidung und Mode, S. 117]. Francesco Petrarca (1304-1374) hatte den Zeitraum zwischen Antike und seiner eigenen Zeit bereits als „medium tempusbezeichnet.

Unsere zeitliche Definition des Mittelalters ist fast deckungsgleich mit dem Bestand von Ostrom/Konstantinopel/Byzanz als eigenständige politische Macht von ca. 400 bis 1453. Wobei „byzantinisch“ ein moderner Forschungsbegriff ist, die damaligen Oströmer haben sich selbst als Romäi bezeichnet und verstanden sich als hellenisierte Römer. Herakleios (610-641) hatte Griechisch, die im Osten dominierende Sprache, zur alleinigen Amtssprache erhoben. Zugleich legte er den Titel imperator ab und nannte sich fortan offiziell basileus. Papst Urban nannte in seiner berühmten Rede auf dem Konzil zu Clermont im Nov 1095 die an Seldschuken verlorene Gebiete Kleinasiens „Romanien. Umgekehrt nannten die Byzantiner die Franzosen des I. Kreuzzuges nicht „Franken“, sondern „Kelten“, um ihre barbarische Abscheulichkeit deutlich zum Ausdruck zu bringen, wie es die Kaisertochter Anna Comnena bezeugt ist. Im Laufe der Recherchen wurde wiederholt auf den enormen kulturellen Einfluß von Byzanz gestossen, west- und osteuropäische Moden immer wieder anregend („imitatio imperii), oft über die norditalienischen Städte, insbesondere Venedig als byzant. Außenposten und Handelspartner oder Sizilien und Süditalien von der Zeit der Normannen bis zu den letzten Stauferkönigen. Während Westrom das Zentrum und der ideelle Hort des röm.-katholischen Christentums war, beständig um seinen Machtanspruch kämpfte, blieb das mächtige Ostrom lange Zeit unangefochten der materielle Kulturbringer, trotz enormer Gebiets- und Ansehensverluste durch die erschöpfenden Kämpfe gegen Slawen und nomadische Völker an der Nordgrenze oder Sassaniden und den vordringenden Islam an seiner Ostfront. Letzteres traf Konstantinopel an empfindlicher Stelle und es war ein Todesstoß, denn die Provinzen in Ägypten, Syrien, Palästina und große Teile Kleinasiens galten als Haupteinnahmequelle für die Besteuerung und den Handel, auch für die Rekrutierung waren diese Räume von Belang. Nur durch ihre Existenz war es Ostrom gelungen zu überleben, nachdem die westlichen Reichsteile alle verloren gegangen waren.

Konstantinopel galt als Quell des Luxus, in Form von Stoffen, speziell Seide, afrikanischem Elfenbein und Elfenbeinarbeiten, Gewürzen, Edelsteinen, Goldschmuck, Goldmünzen, aber auch begehrten Reliquien. Im Westen überdauerten letztere in den Kirchenschätzen. Die kostbaren Objekte waren nicht selten diplomatische Geschenke, mit denen Byzanz seine kulturelle Überlegenheit dem Westen gegenüber klar zum Ausdruck brachte. „Byzantinische Herkunft“ meint übrigens den gesamten östlichen Mittelmeerraum, denn die Werkstätten konnten genauso auf dem Balkan und in Griechenland, in Ägypten, wie im Vorderen Orient liegen, je nachdem wie sich gerade die Handelsbeziehungen gestalteten, deshalb wird in der Forschung auch von „orientalischen Produkten“ gesprochen. Im Lauf der Zeit wuchs auf der Nehmerseite Begehrlichkeit und der Transfer war keineswegs immer gewollt und legal. Reliquien wurden geschmuggelt und spätestens mit der Eroberung von Konstantinopel 1204 im Auftrag Venedigs, gelangten immense Reichtümer vornehmlich nach Venedig, Italien und auch nach Frankreich, festigten oder begründeten die franz. Vormachtstellung in speziellen Produktbereichen, beispielsweise in der Herstellung von Elfenbeinartikeln. Auch nach Dtld gelangten in diesem Zug kostbare Gegenstände, wie das byzant. Kreuzreliquiar ins Kloster Stuben an der Mosel aus dem X. Jh, heute im Domschatz Limburg. Nun kamen Konsumgüter östlicher Art „erschwinglich“ auf europäische Märkte und schufen neue Modeformen. Für die Betrachtungen zur Gürtelentwicklung ist dieser Aspekt wohl nicht unerheblich. [Die Eroberung Venedigs durch Kreuzfahrer wäre heute in ihrer Dimension vergleichbar mit der Einnahme New Yorks durch EU-Truppen. Allerdings wurden die Invasoren und Kreuzzugsteilnehmer von 1204 vom Papst bezahlt. Das kann man wohl heute ausschließen... Der Papst ließ damals Gelder zur Rückeroberung des Heiligen Landes in ganz Europa sammeln. Doch blieben die finanziellen Mittel irgendwann aus, so daß die Überfahrt von Venedig nach Palästina nicht mehr bezahlt werden konnte. Das zeigt, wie sehr sich die Kreuzzüge finanziell gewandelt hatten, ausgehend von der wirtschaftlichen Selbstaufgabe jedes einzelnen in religiöser Begeisterung hin zu kapitalintensiven Großunternehmungen, die erhebliche Mittel erforderten. Das führte im Fall des 4. Kreuzzugs u.a. zu der unheilvollen Eroberung Zaras in der Adria und Konstantinopels im Interesse der Dogenstadt, kam könnte es auch salopp formulieren in der Sprache des modernen Kapitalismus: "Eine Filiale läßt ihren Mutterkonzern liquidieren"].

...nach der osmanischen Machtübernahme („TW Attila Rad mod“)

Nicht nur in diesem Fall war die Zeit der Kreuzzüge von Rivalitäten zwischen Christen und Orthodoxen geprägt. Der Stauferkaiser Friedrich I. Barbarossa hatte bereits im Winter 1189/90 erwogen die Mauern Konstantinopels anzugreifen und es war immer wieder zu Scharmützeln zwischen Kreuzfahrern auf dem Landweg und Byzantinern gekommen. Eine erfolgreiche Zusammenarbeit fand nur selten statt und beschränkte sich meist auf eine der untereinander rivalisierenden ital Seestädte. Byzanz hatte definitiv keine Neugründung von christlichen Fürstentümern im Hl Land erwartet, sondern eine Erneuerung der byzant. Herrschaft in der Levante erhofft. Byzantinische Produkte, wiederum mit vielfältigen Einflüßen aus dem ostmediterranen und syrisch-persischen Raum, befruchteten das europäische Mittelalter in mancherlei Belangen. Der Transfer beschränkte sich nicht nur auf die Sachkultur, sondern war zugleich Träger wichtiger Impulse und Ideen, auch gelangten viele Handschriften und antike Manuskripte in den Westen. Der Niedergang Konstantinopels seit 1204, der endgültige Verlust des Heiligen Landes Ende des XIII. Jhs, das Vordringen der Osmanen auf dem Balkan seit dem XIV. Jh und der finale Fall der Stadt 1453 entfachte hinzu im Westen durch Flüchtlinge eine Wiederbelebung antiker Vorstellungen, die in Italien bereits seit langem gärte, einer neuen Epoche weiteren Schub verleihen sollte. Wobei italienische Kommunen, von „Konsulen“ und Stadträten geleitet, mit den Relikten der antiken Vergangenheit „vor der Haustür“, an Statussymbolen und Ideen der römischen Republik ihre eigene Identität festigten. So schwelgte das zerstrittene Italien, dominiert von regionalen Stadtrepubliken oder besetzt durch fremde Mächte, in der glorreichen antiken Vergangenheit mit dem Wunsch zu neuer Einigkeit und Größe, ähnlich wie die napoleonisch-franz. Besetzung Dtlds im XIX. Jh die Romantik und eine Beschäftigung mit der mittelalterlichen Vergangenheit hervorbrachte. Die „Renaissance“ war in Italien kein plötzlicher Umbruch, keine neue Mode- und Gesinnungserscheinung, wie bei uns nördlich der Alpen, sondern Ausdruck für einen Jahrhunderte währenden kontinuierlichen Prozeß der Selbstfindung. Deshalb werden wir als Nicht-Italiener immer nur die äusseren Erscheinungen und künstlerischen Leistungen bewundern können, niemals aber den notwendigen Drang dahinter erkennen und verstehen.



Exkurs 2: Der Adel

Der Geburts-/Hochadel („adal“ = edles Geschlecht) der german. „Edelinge“ war die herrschende Schicht mit möglichst langer Ahnenreihe und religiös motivierter Legitimation. Ein ausgeprägter Ahnenkult dokumentiert sich über Jahrtausende in den Grabstätten. So sind beispielsweise im eisenzeitlichen Norddeutschland bewußt Nachbestattungen in oder rund um grössere bronzezeitliche Hügelgräber vorgenommen worden oder es wurden Brandurnenfelder rings um ein überwölbtes Megaltihgrab angelegt, um Nähe zur Herrschaftsschicht und Kontinuität auszudrücken. Wilfried Menghin in MWZ ohne Grenzen, S. 26 zur sozialen Gemeinschaft der Bronzezeit: „Kult- und Machtzentren in archäologisch definierbaren Fundprovinzen und Kulturen verweisen auf eine agrarisch organisierte Gesellschaft mit herrschaftlichen Strukturen.“ Nach den entscheidenden Umwälzungen der Völkerwanderungszeit und der neuen Landnahme auf ehem. röm Reichsterritorium wurden alle hohen Positionen der Gesellschaft, bis hin zum Königsamt, durch den Adel besetzt. Aus ihm wurde ein Oberhaupt als König erkoren, in sakrale Sphären erhoben, ein- und wieder absetzbar. Zumindest schöpfte der Adel aus dieser Legitimation die Begründung mancher Revolte. In den mittelalterlichen Textquellen verwendete man lat./röm. Titel, wie dux, comes, etc., wobei der dux im röm. Militärsystem des V. Jhs einst den Oberbefehl über regionale Grenztruppen (limitanei) übernommen hatte und der comes über Teile des beweglichen Feldheeres (comitatenses). Die Anwendung der Titel erstreckte sich bis ins hohe Mittelalter. So kennen wir den „dux“ von Apulien, Ismael, welcher vor 1020 Kaiser Heinrich II. den berühmten Sternenmantel schenkte, heute im Diözesanmuseum Bamberg. Herzöge aus dem hohen Adel wurden mit diesem Titel geehrt, während der comes, „Graf“ weisungsgebunden war und laut lex Salica vom König als regionaler Verwaltungsbeamter eingesetzt wurde. Angehörige aus den adeligen Häusern übernahmen diese angesehenen Ämter und begaben sich somit freiwillig in Königsdienst. 614 gelang es immer mächtiger werdenden Großgrundbesitzern dem merowing. Herrscher Chlothar II. das Recht abzutrotzen die Grafen nicht nach dessen Gutdünken, sondern ausschließlich aus den jeweiligen Gauen gewählt, einzusetzen. Damit behielt der grundbesitzende Adel die regionale Kontrolle über diese wichtigen Ämter! Seit karolingischer Zeit hatte ein Graf Richterbefugnis im Gau (Gograf). Ursprünglich war er reiner Beamter und erhielt das Amt zu Lehen, welches aber später erblich werden konnte. So wurden im HMA/SMA aus den Grafschaften Landesherrschaften. Der Adel, hohe Beamte und Geistliche besaßen unter den Merowingern und Karolingern als Kronvasallen das Recht auf die annua dona, das jährliche Geschenk in Form von Titeln, Land- oder Sachgütern durch den König. Grundsätzlich waren Donative bereits seit röm Zeiten bekannt und selbst ein Legionär der röm Armee konnte zu besonderen Anläßen mit einem Donativ rechnen. Ein schwacher Herrscher, oder zerstrittene Herrscherhäuser wie unter den Merowingern, boten dem Adel hinzu reichlich Möglichkeiten der persönlichen Bereicherung und Machterweiterung. Der Adel besetzte auch die hohen Kirchenämter, welche in der Konsolidierungsphase der german. Reiche noch die alte provinzialröm. Senatorenschicht inne gehabt hatte, geschult im röm. Kirchenrecht, bis der german. Adel hier Fuß fasste. Im Rahmen der Kirchenorganisation wurde er nun dem antiken Bildungskanon verpflichtet, eine Laienbildung, wie noch in der Spätantike üblich, gab es lange Zeit nicht mehr. Hohe Geistliche sollten deshalb unentbehrlich werden in der Verwaltung des Reiches.

Im Weltlichen galt seit dem HMA die zunehmend verfeinerte höfische Ausbildung der Jugend, meist an fremden Höfen, als das anzustrebende Ideal. Mit Ernst und Spiel, in Leibes-, Reit- und Waffenübung, Musik, Tanz, Gesang, Dichtung und der Juncfrouwen in Handarbeit und Kunst, Heilkunde, mglw. Lesen und Schreiben wurde die Ausbildung von Anmut, Geist und Gemüt geschult, wie es die hochmittelalterliche Literatur dokumentiert. Im SMA war ein gewisser Elementarunterricht im Rechnen, Singen, Auswendiglernen, Lesen, wohl auch Schreiben durch Verwandte oder Priester in Mundart und Latein auch beim Adel üblich geworden. In Klöstern, Dom- und Stiftsschulen wurde er fortgeführt. Eine längerfristige Karriere war dort vor allem den Zweit- und Drittgeborenen vorbehalten. Der Hochadel wachte eifrig darauf sich nach unten abzugrenzen und die ständischen Vorrechte, wie Wappenführung, Erbrecht oder Steuerfreiheit, die gemeinsame Königswahl, Recht auf die Frondienste der Unfreien, auf die Zurschaustellung von Luxus, die eigene Gerichtsbarkeit, Erziehung der Nachkommen in seinem Sinne und weitere Privilegien in Staat, Militär und Gesellschaft zu sichern, die weit bis in die Neuzeit galten. Im XVI. Jh zählte dazu auch Sitz und Stimme auf dem Reichstag. Seit der 2. Hälfte des XIV. Jhs verlieh der Kaiser „Adelsbriefe“. Dieser „Briefadel“ blieb deutlich getrennt vom eigentlichen „Uradel“, den vor 1350 ritterbürtigen Geschlechtern, die sich meist durch ein „von“ kenntlich machten, dazu zählten auch die „Edelfreien“ aus dem Uradel stammend, welche keinen anderen Lehnsherrn als den König akzeptieren mussten. In der Neuzeit wurden „Graf“ und „Freiherr“ zu reinen Titeln ohne Vorrechte. Aber erst die Weimarer Verfassung von 1919 begrenzte die Adelsbezeichnungen als Teil des Namens, hob den Adel nicht gänzlich auf, wie in Rußland, der Tschechoslowakei, in Österreich oder seit hundert Jahren in der Schweiz. Aus den unfreien Dienstmannen des Königs, mit Lehen ausgestattet, bildete sich ein reichsunmittelbarer niederer Adel, der „Dienstadel“ oder die „Reichsritterschaft“ und aus den Dienstleuten der Landesherren ein landsässiger niederer Adel heraus [teilw. nach Lingen Lexikon in 20 Bdn, Köln o.J].

England: Der Begriff des engl. lord (Herr, Gebieter) hatte seinen Ursprung im altengl. hlaf-ord („Loaf ward“/Brot–Aufseher). Er war der „Brotgeber“, hatte die Aufsicht über Korn und Ernte, verteilte die Früchte der Erde an seine Untergebenen.

[Ausblick: Es wäre wünschenswert, wenn sich die gesellschaftliche Entwicklung an den demokratischen Idealen der griech Antike orientieren würde, die weitaus mehr beinhalteten, als in den neuzeitlichen Revolutionen zur Beseitigung mittelalterlich feudaler Verhältnisse je umgesetzt werden konnten. Diese Umstürze etablierten und begünstigten lediglich ein Eliten-System. Es wurden nirgendwo „Demokratien“ geschaffen, sondern bewußt „Republiken“, nach röm. Vorbild. Also war das Ziel niemals Volksherrschaft. Denn die gab es in Rom nicht, genauso wenig wie eine „Gleichheit der Bürger“. Aber als Anhänger eines recht utopischen Weltbildes muß man natürlich fragen, warum soll nach Geburt der eine Mensch mehr gelten als der andere? Sicher sind uns „Gaben in die Wiege gelegt“, aber die Persönlichkeit gestalten Erziehung und Bildung, bevor wir eigenen Neigungen zu folgen vermögen. Führungspositionen müssen besetzt werden, keine Frage. Folgen wir den Gedanken ital. Humanisten der Renaissance, dann war das nicht mehr alleinig die Aufgabe des Geburtsadels und damit eine Frage der Herkunft, sondern eine des Verdiensts. Diese Forderung besitzt nach wie vor Aktualität. Ämter sollten nach Fähigkeit und Verdienst besetzt werden und weniger nach Herkunft und gesellschaftlichem Vorrecht. Deshalb ist Bildung für alle unabdingbar und nicht nur ein Privileg für Minderheiten, die sich dann das Recht herausnehmen besondere Fähigkeiten zu besitzen und Schlüsselpositionen besetzen. Wenn wir die Historie feiern, und das tun wir im gewissen Sinne, dann sollten wir uns darüber bewußt sein, daß die Feudalherrschaft nur mit Kampf und Opfer unserer Vorfahren überwunden wurde und wir ihnen diesbezüglich einiges zu verdanken haben. In Dtld war der Niedergang der Aristokratie ein schleichender Prozeß, der von wirtschaftlichem Abstieg begleitet war. Als letztes gesellschaftliches Rückzugsgebiet blieb dem Adel im XVIII./XIX. Jh der Militär- und Beamtendienst. Daraus resultierten manche Privilegien, die sich bis heute gehalten haben. Im Zuge der Aufklärung wurden dem unteren Offizierkorps die Stellenbesetzung durch das wirtschaftlich prosperierende Bürgertum streitig gemacht, in der 2. Hälfte des XIX. Jhs auch den höheren Rängen. In Preußen bildeten dazu die Reformen Scharnhorsts das Fundament zu napoleonischer Zeit, denn man benötigte das „Volk in Waffen“ im Freiheitskampf gegen Napoleon. Das „Eindringen des Bürgertums“ in militärische Ressorts hatte im Mittelalter mit der Entwicklung spezieller Waffengattungen, wie der Artillerie, ihren Anfang genommen, wurde in der Neuzeit fortgeführt mit dem Ingenieur-, Pionier- oder Vermessungswesen und zeigte sich in der Wende zum XX. Jh auch in der Marine. „Technische Berufe und ebensolche Offiziersstellen“ wurden zur Domäne des Bürgertums. Nach der militärischen Emanzipation folgte erst spät die immer wieder geforderte politische, von der herrschenden Schicht lange Zeit versprochen, aber hinaus gezögert, wobei in Dtld die Verbürgerlichung des Militärs eine fatale Militarisierung des Bürgertums, vor allem nach der Reichsgründung von 1871, nach sich zog. Uniform verlieh soziale Anerkennung. Anfang der 1870er Jahre war bereits ein Drittel der preuß. Generalstabsoffiziere bürgerlicher Abkunft, in den 1890ern die Hälfte. Das brachte allerdings keinen „frischen Wind in das verknöcherte System“, sondern bewirkte in Anpassungsprozessen eher eine Feudalisierung der Bürgeroffiziere. Beim Offiziersnachwuchs musste immer mehr auf nichtadlige Bevölkerungsschichten zurückgegriffen werden. 1913 waren 70 Prozent der Truppenoffiziere Bürgerliche. Mit dem Anwachsen des Kapitals gewann das gehobene Industrie- und Finanzbürgertum an Macht im ständigen Kampf der Ideen zwischen einem staatlich gelenkten oder liberalem Wirtschaftssystem. Die neuen Produktionsweisen brachten das Anwachsen des städtischen Proletariats mit sich, das zu einer politischen Größe und, neben Adel und Bürgertum, zur dritten Kraft im Staat wurde. Die herrschende Schicht sah sich nun zugleich mit den Kräften des liberalen Kapitalismus und des Sozialismus konfrontiert, bis die verheerenden Kriege des XX. Jhs große gesellschaftliche Umwälzungen brachten. Sie haben dem gehobenen Bürgertum nicht geschadet, sondern eher Gewinne maximiert. Und wurde auf der einen Seite ein Großkonzern zerschlagen, wuchs auf der anderen ein neuer heran. Das elitäre Offizierskorps, der adeligen Gegenpart, der gebunden war an den Souverän, verschwand mit jenem. Die Rolle wird nun von einflußreichen Funktionären übernommen. Doch wie die meisten Politiker sind sie Interessenvertreter und agieren auf Zeit. Es wird für „medialen Rummel“ gesorgt, die eigentlichen Entscheidungsträger sitzen woanders und haben „einen längeren Atem“. Jene vererben mit dem Eigentum ihre geistige Grundhaltung und diese „neuen Eliten“ werden alles dafür tun ihre Macht zu behalten. Aus der Mittelschicht steht zahlungskräftigen Familien heute mehr Bildung denn je zur Verfügung, für gesellschaftliche Karrieren unabdingbar. Wenn diese Schicht schwindet, werden damit „lästige Verfolger“ ausgeschaltet. Die breite Masse war bislang zufrieden und schicklich, profitierte von der wirtschaftlichen Entwicklung, eingelullt in Konsum- und Technikwahn, ein paar fallen durch das Rost, wobei die Maschen weiter werden, und ein paar „Nörgler“ gibt es immer. Das System wird funktionieren, solange die Angehörigen der Eliten, vor allem wenn sie wirtschaftlich tätig sind, auf die Beherrschten, die Abhängigen, die „Konsumenten“ angewiesen sind. Allgemeiner Konsumverzicht wäre der Kollaps. Unser Leben heutzutage hat sich weit von dem der letzten Jahrhunderte entfernt. Wir haben durchaus im Rahmen der geringen politischen Handlungsfähigkeit Gewinne erzielt an persönlichen Rechten und Freiheiten, an Vorstellungen über einen verantwortungsvollen Umgang miteinander und sollten uns dies immer wieder vergegenwärtigen, bevor wir beginnen diese Errungenschaften, die in der Historie keineswegs selbstverständlich sind und die nur wenige Generationen genossen haben, Stück für Stück wieder abzugeben !! Es muss unter allen Umständen verhindert werden, daß die anstehende Wirtschaftskrise die Buntheit und Vielfalt unserer Gesellschaft austrocknet, die vielen unterschiedlichen Lebenskonzepte, die jenseits des Althergebrachten liegen und das Leben wirklich lebenswert machen, Geld und Reichtum ist es wohl kaum. Glücklichsein erkauft man nicht.]



Exkurs 3: Hundertschaft / Gefolgschaft / Vasall / Lehen / Heerschildordnung / Dienstmann / Ministeriale

hier werden noch einmal Informationen zu diesem Thema, die auf mehreren Seiten verstreut sind, zusammengefasst [manche Begriffe sind manchmal recht altertümlich wirkende Übersetzungen aus antiken Quellen, andere wurden erst im XIX. Jh künstlich gebildet, wie das Wort „Gefolgschaft“, abgeleitet vom „Gefolge“ als Übersetzung von comitatus und in der Form z.B. von Delbrück, Geschichte der Kriegskunst, Bd II, Die Germanen 1901 ohne politische Hintergründe verwendet. Es gibt zu diesen teilweise recht überstrapazierten und „aufgeladenen“ Begriffen nur wenig Alternativen und man muß nicht unbedingt mit Delbrücks Schlußfolgerungen überein stimmen. Manche Gedankengänge im Stil der vorletzten Jahrhundertwende sind langatmig, schwierig zu lesen und nicht immer nachvollziehbar]. Interessant ist das Vorwort von U. Raulff zur Delbrück Neuausgabe von 2000, bzw Nachdruck 2008, mit dem Hinweis zur „Wehrverfassung“ als Staatsverfassung, die ein Licht wirft auf Rüstung und Rekrutierung, Kampfweise und Stellung der Soldaten einer Gesellschaft, in der Waffenträger eine gewichtige Rolle spielten, wie wir es für das Mittelalter voraus setzen. Dieser Gedanke soll aufgegriffen werden, um mögliche Details zur Ausrüstung innerhalb des sozialen Gefüges heraus arbeiten zu können.

Grob vollzogen sich im Übergang Antike – MA folgende Prozesse: Die statischen und regional geprägten Sippenverbände gingen zur Zeit der Völkerwanderung teilweise verloren aufgrund der polyethnischen und vielleicht eher zufälligen Zweckgemeinschaften der inhomogenen wandernden Gruppen. Gefolgschaften errangen einen höheren Stellenwert mit klarer Kommandostruktur, die das Überleben in den schwierigen Zeiten sichern sollten. Schließlich ging es nicht nur um Beute und Zugewinn, sondern auch darum Organisationsformen zu schaffen, welche die Ernährung großer Personengruppen gewährleisteten. Die „Sippe“ bestand weiterhin in den Rechtssystemen, so konnte die Verpflichtung zur Blutrache von Sippengenossen auf Gefolgschaftsangehörige übergehen, wie H. Wolfram in „Erben des Imperiums in Nordafrika. Das Königreich der Vandalen“, S. 20 anmerkt. In der Konsolidierungsphase mit Neubesiedlung der Räume West- und Südeuropas musste der hohe Anteil einheimischer Bevölkerung in das Gesellschaftssystem integriert werden mit Anpassungsprozessen von beiden Seiten. Nach der ursprünglichen Seßhaftigkeit, der Bewegung und neuerlichen Niederlassung waren nun Systeme gefragt große Menschenmassen unter Kontrolle zu behalten. Dazu diente eine Auswahl von Befugten durch die herrschende Schicht. Das Gefolgschaftswesen bekam eine statisch regional gebundene Ausdrucksform in der Grundherrschaft.

Die folgenden Betrachtungen holen etwas weiter in der Vorgeschichte aus, Prozesse betrachtend, die sich seit Jahrtausenden in der Menschheitsgeschichte abgespielt und erheblich tiefere Wurzeln geschlagen haben als unsere neuzeitliche Lebensform seit wenigen Jahrhunderten. Dabei bildeten sich Mechanismen aus, die unser Verhalten unterbewußt noch heute stark beeinflußen. Es gibt eine Menge Gründe warum der Mensch soziale Bindungen in Gemeinschaften anstrebt und sich freiwillig in Abhängigkeitsverhältnisse begibt. Vorrangig wird das Stillen der individuellen körperlichen Grundbedürfnisse erleichtert, um das Überleben zu sichern. Da auch die Tierwelt diese Verhaltensmuster zeigt, ist das als ein Relikt unseres Evolutionsprozesses anzusehen. Zur Entwicklung der Persönlichkeit und bei Interaktionen sind psychische Grundmotivatoren erkennbar, wie Anerkennung, Macht, Zuneigung, uvam. Den Unterschied zwischen Tier- und Menschenwelt formulierte bereits der Böotier Hesiod, ein Zeitgenosse Homers, im VIII. JhvC: „...während er (Zeus) den Menschen Recht verlieh, das höchste Gut unter allen.“ Rechtsbewußtsein als Voraussetzung menschlichen Zusammenlebens. Recht und Religion fungieren bis heute als soziales Regelwerk und waren in alten Zeiten eng verzahnt. Solch frühen schriftlichen Zeugnissen mediterraner Gesellschaftsformen der Eisenzeit stehen in West- und Mitteleuropa ausschließlich archäologische Quellen gegenüber. Aber es ist wohl statthaft Verhältnisse der Ägäis in den griech. „Dark Ages“, also nach Untergang der bronzezeitlichen mykenischen Kultur, im begrenzten Maß auf unseren Raum zu übertragen. Denn es wirkten ähnliche Mechanismen menschlichen Verhaltens in den frühen Gemeinschaften. Zum Aufschlüsseln des sozialen Gefüges bringt es C. Hattler auf den Punkt siehe, Kleine Gaben erhalten die Freundschaft [in: Zeit der Helden. Die dunklen Jahrhunderte Griechenlands 1200-700vC, S. 122f.]. Hattler zitiert dazu ein Beispiel aus Homers „Ilias“, um die Bedeutung des Geschenks, des „Ehrgeschenks“, bzw des Gabentauschs zu verdeutlichen. Geschenke binden Geber und Nehmer! Die Gabe ist sichtbares Zeichen dieses Bundes und hat Vertragscharakter (keine Unterschrift), der auch die Nachkommen bindet! Wertvolle Geschenke können, müssen vielleicht sogar, über Generationen weitergereicht und gehortet werden. Eine Gabe erfordert meist eine äquivalente Gegengabe unter Gleichrangigen oder es erwächst aus ihr eine Verpflichtung bei einem asymmetrischen sozialen Verhältnis. Von einem Untergebenen wird durch die Annahme Loyalität erwartet. Schenken verleiht Macht! Hattler: „Gaben sind der Kitt sozialer und politischer Beziehungen in vormodernen Gesellschaften.“ Geschenke können auch in umgekehrter Richtung als eine Form des Tributs verstanden werden. Der Geber bekundet durch sein Geschenk die Loyalität zu seinem Herren. Die Darbringung durch Materialdeponierung in einem rituellen Bezirk, im Boden oder in Gewässern, vermag in der Vorstellung dieser Zeit auch Gottheiten zu besänftigen, von denen dann eine Gegenleistung erwartet wurde.

Bevor der Aspekt der Bindung durch Verpflichtung in der Gefolgschaft weiter vertieft wird, sei der Sprung in unseren geografischen Raum anhand von konkreten Begriffen zunächst mit der „Hundertschaft“, wie sie in den Schriftquellen mit der Berührung von Germanen und Römern fassbar wird, vollzogen. Die Hundertschaft bezeichnet einen militärischen Verband, abgeleitet von der röm. centurie, mit ihren Ursprung in der röm Verfassung und den Schätzklassen, nach denen die röm Bürger in der Königszeit und der Republik vermögensabhängig Kriegsdienst zu leisten hatten. Gab es zu Beginn in Rom diesbzgl noch eine Einteilung je nach tribus, Stamm, verlor sich diese Zusammensetzung im Lauf der Zeit mit der spätrepublikanischen Armee. In der kaiserzeitlichen Berufsarmee diente der Begriff nur mehr zur militärischen Gliederung ohne soziale Bezüge, wobei eine Centurie eine Sollstärke von 80 Mann Kampftruppe und 20 Mann für Versorgung und Verwaltung erreichte. Im Gegensatz dazu waren im Germanischen bei den Verbänden vor allem familiäre Bindungen von Bedeutung, somit ist der Begriff der „Hundertschaft“ nur im übertragenen Sinne durch röm Autoren in Beschreibung german Verhältnisse als Analogie verwendet worden und in dieser Frühphase weniger an tatsächliche Mannstärken gebunden. Später ist mit der Völkerwanderung die vollkommene Übernahme der röm Gliederung auch bei den Germanen zu beobachten. Hier fehlen schriftliche Eigenaussagen, deshalb sei eine Quelle aus dem östlichen Mittelmeerraum angeführt. Im Alten Testament finden wir für das V. JhvC bei Nehemia 4, 7 eine jüdische Heeresorganisation nach Familienverbänden geordnet, bewaffnet mit Schwertern, Lanzen und Bögen. Nehemia hielt eine aufmunternde Ansprache zu den Sippenältesten und anderen führenden Männern. Für unsere Breiten ist der Römer Tacitus die maßgebliche Schriftquelle. Er übertrug die Anzahl von „einhundert Männern“ in unterschiedlichen Zusammenhängen auf Bestandteile der german Schlachtordnung, die ansonsten nach Sippen und Geschlechtern gegliedert war. Jeder pagus (Gau) stellte demnach einhundert auserwählte junge Männer ab, die entweder als Plänkler zu Fuß oder als Reiter behende vor den eigenen Linien agieren sollten [„Germania“ Kap 6]. Tacitus ist als Quelle mit Vorsicht zu geniessen. Denn er entwirft bewußt ein Gegenbild zur röm. Zivilisation, indem er eine für Rom gefährliche Völkergruppe auf verhältnismäßig primitiver Entwicklungsstufe jenseits der Alpen auswählt, gemessen am Fortschritt Roms mit seiner bis dahin über 800jährigen Geschichte. Er schildert eine waffenstarrende barbarische Gesellschaft mit einem unkontrollierten Aggressionspotential, das durch kein staatliches Gewaltmonopol kontrolliert wird. Eine latente Gefahr für Roms Grenzen. Dahinter steckt wohl seine Kritik an der aktuellen kaiserlichen Politik zu Beginn des II. JhsAD verborgen und die mögliche Forderung die alten augusteisch-tiberischen Angriffskriege wieder aufzunehmen, die eingestellt wurden, da Aufwand und Nutzen die röm Grenzen bis zur Elbe vor zu treiben, in keinem Verhältnis mehr standen.

Tacitus hob bei den Germanen als Besonderheit die zentralen Kultorte, Kultgemeinschaften und „genossenschaftlich genutzte Böden ohne Privateigentum“ hervor. Zu letzterem hielt er sich hier an seinen Gewährsmann Caesar, der Sueben in einer Sondersituation beschrieb, was nicht auf alle Germanen verallgemeinert werden sollte. Hinter den Kultgemeinschaften mag eine gens (Völkerschaft) gestanden haben mit regionaler Teilung in verschiedene pagi (= Gaue, Feld-/Flurbezirke als fester Siedelraum, wir nutzen heute noch Begriffe wie „Rhein- oder Maingau“), beherrscht von Edelingen, Adelige mit langer Ahnenkette. Wahrscheinlich waren die Bezeichnungen „Bataver, Chamaver, Tubanten, Chauken, Usipeter, Brukterer, usw“ auf diese Ahnen der langen Geschlechterkette zurück zu führen und keine politische Formierung, wie die spätantiken Großverbände „Franken, Alamannen, etc“, dem wir eine ethnische Zuordnung beimessen. Lange Zeit war eine Gesellschaftsordnung im Familienverband (Sippe oder Clan) mit einem ausgeprägten Gruppenbewußtsein dominant. Intern gab es Regeln bezüglich Ahnenverehrung und Kult, Ehe, Rechtsprechung, Führung, Kriegsdienst, Landbesitz, Wirtschaftsform und vielen anderen Dingen mehr, die später auf übergeordneter Ebene der Staat übernehmen sollte. Den Sippenältesten kam besondere Bedeutung zu. Der „Hunno“ oder angelsächs. „Ealdorman“-„Altermann“ war Herr über eine Anzahl von Familien in den dörflichen Gemeinschaften, deren Überleben er zu sichern hatte. Er sorgte durch sein Alter und die damit verbundene Erfahrung für seine Schützlinge, dazu lag ihm die Befehlsgewalt in Form einer natürlichen Autorität und wohl auch eine Richterfunktion, inne. Im Verlauf des Mittelalters blieb dieses Amt als „Dorfschulze“ erhalten. Für den Kriegszug in Notzeiten sammelte und kommandierte er die in seinen Zuständigkeitsbereich fallenden Männer und führte sein Kontingent im Heerbann (harja= Heer) den Fürsten (nobilitas/Edelingen) zu, die ihre Herkunft und Stellung aus dem Ahnengeschlecht legitimierten und für den Heereszug einen von ihnen zum dux („Herzog“) kürten [Delbrück]. Wobei Tacitus, Kap. 7, anführt, daß Heerführer nach der Tapferkeit und reges (Könige) nach Maßgabe des Adels gewählt wurden. Der „Königs“-Begriff (thiudans) ist allerdings schwierig, da Römer in der Völkerwanderungszeit german Herrscher auch „Richter“ (lat iudex) nannten. In röm Ohren mag das „thiudanswie „iudexgeklungen haben, so daß die Römer die Hierarchie der Germanen nur schwer deuten konnten. Tacitus nennt darüber hinaus principes, die „Ersten“, welche in der Volksversammlung gewählt wurden, um in den Dörfern und Gauen Recht zu sprechen. Jedem von ihnen stand ein Geleit von einhundert Mann als Rat (comites consilium) und zu größerem Ansehen zu [„Germania“ Kap 12]. In diesem Fall kann von einer Gefolgschaft ausgegangen werden. Ob gewählte „Hundertschaftsführer“ mit den obigen Sippenältesten identisch waren, bleibt dahin gestellt, auch eine mögliche Erblichkeit des Amtes. Zumindest hatte der princeps, der in den Quellen auch mit „Gefolgsherr“ übersetzt wird [Tac, Germ Kap 13] einen gehobenen Status, der über Freie gebot. In den romanischen Gebieten wurden mit der Landnahme nach der Völkerwanderung solche Hundertschaftsführer (centenarius) als vicarius Unterbeamte des Grafen, sie wurden weisungsgebundene Unfreie [Delbrück, Bd II Die Germanen 1. Buch, 1. Kap]. Da dieses System lange Zeit ohne schriftliche Fixierung von Titeln und Rechten funktionieren musste, waren moralische Konvention und an Ehrbegriffe gebundene Traditionen von übergeordneter Bedeutung. Jegliches Recht hatte unabdingbar einen personalen Bezug, da es keine unpersönliche Instanz gab, die „Staatsgewalt“ verkörperte und hinzu immer eine stark religiös legitimierte Komponente, wenn es galt die „göttliche Ordnung“ wieder herzustellen.

Lange Zeit bot die Sippenbindung den Zusammenhalt der gemeinsamen Lebensführung und durch das daran gebundene Rechtssystem in Kriegszeiten ein Mindestmaß an Disziplin. Die Verbände waren ungleich groß und davon abhängig wohl auch der Einfluß der militärischen Anführer. Taktische Körper und ein gemeinsames Exerzieren waren vermutlich unbekannt, sieht man von den Waffenübungen der Jugend in den Scharmützeln durch Beutezüge und Sippenfehden ab. Eine weitergehende militärische Gliederung übernahmen wandernde germanische Völker erst nach intensiven Kontakten mit den Römern. Nach Delbrück führten die Goten spätestens nach dem Sieg von Adrianopel 378 AD eine militärische Gliederung nach röm Muster ein, anstatt der bisherigen familiären Verbandsgliederung. Eine Anzahl Hundertschaften geführt von den hunni, röm centenarii, eingeteilt in Zehnerschaften unter einem dekani, wurde zu einer Tausendschaft unter dem thiuphad, röm millenarius oder griech chiliarchen zusammen gefasst, später gab es auch Fünfhundertschaften. Diese Einteilung war eindeutig röm/griech Ursprungs und wurde in ähnlicher Form auch von den Vandalen übernommen, allerdings behauptet Prokop [Vandalenkrieg III, 5], vermutlich zu Recht, daß Geiserich 80 chiliarchen ernannte, nur um eine hohe Mannschaftsstärke vorzutäuschen. Die barbarische militärische Gliederung wird sich in der Wanderphase von der römischen unterschieden haben durch die Mitführung der Angehörigen und des Gesindes, die ernährt werden mussten. Somit können sie zugleich als wirtschaftliche Einheiten angesehen werden. Delbrück [II, 2. Buch, 5. Kap] vermutet, dass der gemeinschaftliche Besitz von Vieh, Wagen, Vorräten und Waffen eng an bestimmte Einheiten gebunden war und räumt hier der Hundertschaft als überschaubare Größenordnung einen besonderen Stellenwert ein, die später in den „Kompagnien“ seit dem SMA wieder auflebten. Den barbarischen Formen wird man eine hohe Wandelbarkeit durch ethnische Vielfalt der zweckgebunden Interessengemeinschaften zusprechen müssen, denn die langen Wanderungen waren für Mensch und Vieh sehr verlustreich. Es gab keine Intendantur und geregelte Versorgung. Das machte die barbarischen Züge anfällig und zwang sie dazu Organisationsformen zur Verteilung von Beute, Fourage und Lebensmitteln zu finden. Mit der dauerhaften Ansiedlung beiderseits der Pyrenäen ging das System bei den Westgoten zugunsten von regionalen Rekrutierungen, durch duces in Provinzen oder comites in den Grafschaften, verloren. Es war nun schwieriger ein Heeresaufgebot zusammen zu bringen, was auf den Schultern dieser regionalen Führungsschicht lastete, weniger auf familiären Bindungen und nicht mehr auf festen Einheitsgrößen, sondern vielmehr auf Abhängigkeitsverhältnissen beruhend, sozusagen „erzwungene Gefolgschaften in der Grundherrschaft“. Das wird wohl alle Völker gleich getroffen haben, die aus der Wanderung in die Siedelphase übergingen. Wer diese Umstellung länger überwunden und neue Strukturen ausbilden konnte, genoß Vorteile, wie Alamannen oder Franken. Es bestanden allerdings regionale Unterschiede in der Art und Weise wie der Heerbann sich zusammen setzte. Während für die Goten lange Zeit eine strikte Trennung zwischen Romanen und Germanen bezeugt ist, wobei nur letztere Waffen tragen durften und im Fall eines Verbots der zivilen Betätigung das Berufskriegertum unausweichlich war, so galt das für die Franken nicht. Durch ihre integrierende Gesellschaftsform wurden neben den grundbesitzenden Freien, Halbfreie und wohl im begrenzten Maß auch Unfreie (z.B. Fuhrknechte im Dienstgefolge der Optimaten, selbst Kirchenfürsten stellten Kontingente) und sogar Romanen als Halbfreie zum Kriegsdienst heran gezogen. In der ältesten vorliegenden Fassung der Lex Salica werden Provinzialrömer nämlich als Untertanen, und keineswegs als Sklaven oder Unterworfene, bezeichnet. Spätestens unter Chlodwigs Nachfolgern dienten sie im fränk. Heer, waren Mitglieder von Zeltgemeinschaften im Feldheer. Sicher beruhte ein Teil des Erfolgs der Franken auf der zahlenmässigen Überlegenheit des Heerbanns gegenüber kleineren Aufgeboten ihrer Gegner mit der Grundhaltung einer elitären Kriegerschaft, auch wenn jene im Einzelfall in Fragen der Ausrüstung und Ausbildung, vielleicht auch bzgl der Motivation, qualitativ höher bewertet werden können. Wir erkennen eine Art Miliz, fast eine „fränk. Wehrpflicht“, was den Berufskriegerstand allerdings nicht ausscheidet, vermutlich auch dringend nötig macht um eine „Korsettstange“ im militärischen Gefüge zu bilden. Vor allem persönliche Gefolgschaften werden als Leibwachen Berufskrieger gewesen sein. Die Romanen sorgten auf jeden Fall nicht für eine qualitative Aufwertung des fränk. Heeres, wenn das STRATEGIKON Anfang des VII. Jhs über Franken und Langobarden urteilte: „Sie stellen sich im Kampf zu Fuß oder zu Pferd in keinem bestimmten Maß und keiner bestimmten Ordnung auf, in Regimentern oder in Divisionen, sondern nach Stämmen, der Verwandtschaft und der Zuneigung... Sie machen eine gleichmäßige und dichte Front ihrer Schlachtaufstellung im Kampf...Sie sind ihren Anführern ungehorsam und sorglos...“

In der spätantiken röm Kaiserzeit (RKZ) war die germanische Gesellschaft streng geschieden in Freie und Unfreie. Wobei letztere weisungs- und abgabegebunden eigene Höfe bewirtschafteten, wie mittelalterliche Hörige, Tacitus spricht von „Kolonen[„Germania“ Kap 25]. Die unterste Stufe bildete das Hausgesinde mit Leibeigenen und Knechten als Sklaven. Sie galten als rechtlich unfrei und konnten hinzu wie eine Sache angesehen und behandelt werden, dazu zählte die Bestrafung, Veräußerung, oder ähnliches, was aber nach Tacitus selten vorkam. Der Totschlag eines Sklaven wurde nicht geahndet. Freigelassene sollen nur wenig über den Sklaven gestanden haben. Die Franken haben das röm. System der Freien, Unfreien und Sklaven problemlos in ihre Gesellschaft übernehmen können, ohne daß es sich zur antiken „Sklavenhaltergesellschaft“ wandelte. Die Römer hatten Sklaven für niedere Verrichtungen mit Muskelkraft in Landwirtschaft, Gewerbe und Transport eingesetzt, beschäftigten sie aber auch als Schreiber, Ärzte, Architekten, Künstler, Erzieher, Leiter von Unternehmen, uvam in den gehobenen Tätigkeitsbereichen. Ehemalig Freie konnten durch Überschuldung in die „Sklavenfalle“ rutschen, als Kompensation für die Gläubiger, was im Laufe der röm. Geschichte, vor allem in der Landwirtschaft, unzählige Male geschah, siehe z.B. die Gründe für die „Gracchischen Reformen“ in der Republik im II. JhvC nach den langen Kriegen, welche die Bauernschaft, das Gros des röm. Milizheeres stellend, in den Ruin getrieben hatte...nicht viel anders wiederholten sich die Vorgänge später im fränkisch-merowingischen Reich durch die ewigen Feldzüge der Franken. Im ehemaligen Heerbann war noch jeder Grundbesitzer und Freie mit Waffenrecht in der Miliz dienstverpflichtet. Das bedingte die Abwesenheit von der Hofstelle für eine geraume Zeit. Karl der Große versuchte dem abzuhelfen, indem jeweils vier Hufen zu einer Wehrgemeinschaft gefügt und nur einer der vier Landwirte abwechselnd zum Kriegsdienst genötigt wurde. Es gab auch die Möglichkeit einen Ersatzmann zu stellen, was aber nur Großgrundbesitzer zu leisten vermochten, die sich ein Privatgefolge leisteten, so daß kleine Hofstellen in deren Abhängigkeit gerieten, wenn sie die Ersatzmannregelung durch jenen Grundbesitzer trafen, aus Freien wurden Halbfreie. Sie konnten über ihr Eigentum nicht mehr nach eigenem Gutdünken verfügen. Die Anzahl der freien Bauernstellen schwand durch das grösser werdende System der Abhängigkeiten und Konzentrierung auf Großgrundbesitzer, um ein Berufskriegertum zu ernähren. Durch die bessere Ausrüstung und ständige Waffenübung war jenes mit einem hohen Grad der Professionalisierung sehr effektiv und das nicht zum Schaden des Herrschers, also gab es keinen Grund auf diese Prozesse steuernd einzuwirken.

Mit der Zerfall des röm. Staatsheeres seit Mitte des V. Jhs war es üblich, daß sich die röm. Provinzkommandeure und Feldherrn, ebenso german. „Warlords“ oder die großen röm. Grundbesitzer und selbst Kirchenfürsten ein eigenes Gefolge, den „comitatus, oder die buccellarii („Brotleute“ von bucella = Zwieback, haltbares Brot) als Haustruppe oder Leibwache, aus eigener Tasche finanziert, hielten. Bei den Feldzügen des oström. Feldherrn Belisar in der ersten Hälfte des VI. Jhs gegen Sassaniden, Vandalen und Ostgoten leisteten seine Bucellarier von mehreren tausend Mann Erstaunliches. Es war vor allem dieser Truppe zu verdanken, die man wohl als „Garde“ bezeichnen kann, in erfolgreichen Operationen das Vandalenheer geschlagen und gegen die Ostgoten schnelle Erfolge in der Eroberung von Neapel und Rom erzielt zu haben, welche der Eroberung große Teile Italiens voran ging. Auf germanischer Seite war nach dem Gesetz des Westgotenkönigs Eurich der Bucellarius ein freier Mann und konnte sich den Herrn wählen. Er erhielt Besoldung, Verpflegung und mglw die Ausrüstung, aber kein Land. Bei einem Wechsel musste er allerdings die Ausrüstung seines bisherigen Brotgebers an diesen zurück geben [Delbrück, Bd II Die Germanen IV. Buch, 1. Kap]. Das mochten also Leihgaben sein, wie später im Lehnswesen! Möglicherweise ist das Gefolgschaftsmodell sehr alt und verweist auf bronzezeitliche Gesellschaftsformen, mit deutlichen hierarchischen Strukturen. Auf jeden Fall ersetzte es in der Völkerwanderungszeit auf röm Territorium die alten gewohnten Sippenstrukturen und Familienverbände durch inhomogene Einheiten, gebunden durch Eid und persönliche Abhängigkeit, statt der strengen unpersönlichen Rang- und Befehlshierarchie der röm Armee. Diverse nordeuropäische Mooropferfunden des III.-IV. JhAD mit zahlreichen Ausrüstungs- und Waffenteilen, zumeist seegestützter „Kommandounternehmen“ aus Südskandinavien auf die jütische Küste, vermitteln eine hohe Professionalität und sind keineswegs Hinterlassenschaften des allgemeinen Heerbanns einer möglichen Invasionsarmee. Gefolgschaftsanhänger begaben sich freiwillig in „fremde Dienste“ ohne ethnische Zuordnungen und waren mit regelmässigen Zuwendungen, Donativen oder Stellung der Ausrüstung durch die Herren als Berufskrieger deutlich besser bewaffnet und ausgerüstet, als der freie Grundbesitzer der Germanen zur frühen röm. Kaiserzeit. Bei jenem, der die Masse des allgemeinen Heeresaufgebots (exercitus) in Notzeiten stellen musste kann wohl oft nicht mehr als Schild, Lanze oder Bogen vorausgesetzt werden. Eine Klassifizierung wurde nach Besitzstand vor genommen. Gemäß den Schätzklassen der langobard. Heerschildordnung des Aistulf (749-756) hatten einfach Begüterte und Händler mit Pferd, Lanze und Schild anzutreten und reiche Grundbesitzer und vermögende Händler gepanzert und beritten.

Für das Gefolge gab es keine familiäre Bezüge. Auf die Gefolgschaft geht Tacitus in „Germania“ Kap 13-14 detailliert ein. Er benutzt den Begriff „comitatus“, der von ihm bewußt instrumentalisiert wurde als gesellschaftliches Erklärungsmuster, warum militante Gruppen unter zu Erfolg verdammter Führung mit unkontrollierter Gewalt dazu neigten, durch Raubzüge Roms Grenzen zu bedrohen. Gefolgschaften sind selbstverständlich nicht auf die Germanen zu beschränken, sondern existieren bis heute in allen möglichen Kulturen als eine bestimmte Form gesellschaftlicher Struktur. Das „Gefolge“ mag im Kern aus dem hauswirtschaftlichen Gesinde (langobard. gasinde, angelsächs. gesiths), die unmittelbare Umgebung eines angesehenen Gefolgsherrn entsprungen sein, das waren abhängige Knechte und Leibeigene, familia im röm Patronatssinne gemeint, ohne direkte Blutsverwandschaft. Zum Gesinde zählten auch die noch nicht volljährigen Männer. Erst mit der Verleihung des Waffenrechts gehörten sie offiziell zur Kriegergemeinschaft. Um diesen Kern des Hausherrn scharte sich eine schwer bewaffnete „Haustruppe“ oder Leibwache aus altgedienten „Kämpen“, welche ihre Erfahrungen an die nachrückenden jungen Männer weiter gaben. Eine Rangfolge wird bei Tacitus angedeutet. Ihre Gefolgschaft mochte durchaus eine freiwillige nach dem Muster der spätantiken bucellarii sein, mit einer Form der Entlohnung, welche den Nehmer band, mglw bekräftigt durch einen Vasalleneid. Denn auch junge Fürstensöhne suchten für Ruhm und Beute fremde Gefolgsherren auf, später als „Reisige“ bezeichnet. Ihre Einsatz wird zeitlich begrenzt gewesen sein. Trat ein Geringerer aus diesem System aus, konnte der Herr Forderungen stellen, wie z.B. die bereits erwähnte Rückgabe oder die Auslösung der Ausrüstung. Das Gefolge erwartete für seine Leistung, welche unter Einsatz des Lebens vollbracht wurde, materielle Zuwendung, Absicherung und Schutz. Tacitus nennt speziell Verpflegung, Waffen und Streitroß, demnach wäre eine german. Gefolgschaft beritten [Kap 14]. Die Führer/Herren waren zu Erfolg, Einkommen und mglw. Beute verdammt, um ihre Position zu sichern! Nicht selten ließ sich der hohe Standard nur durch Expansion und kriegerische ruhmreiche Aktionen halten. Hattler (s.o.) überspitzt korrekt und nennt dies „Beschaffungskriminalität“ nach unserer heutigen Rechtsauffassung. Die Gefolgschaft bestand nicht nur aus einer schwer bewaffneten Leibwache, sondern auch aus Hofdienern für tägliche Abläufe in Haushaltung und Administration. Diese fanden sich nicht nur am Königshof (aule regie familiares), sondern auch bei Herzögen und Grafen, Bischöfen und grossen Grundbesitzern, wer auch immer sich eine Haustruppe, durch Eide gebunden, leisten konnte. Im Klosterplan von St. Gallen war ein Gebäude speziell für die Gefolgschaft der vornehmen Reisenden vorgesehen.

Die Gefolgschaft war ein komplexes System mit Personen, in einer Zweckgemeinschaft miteinander verbunden, die sich aus sehr unterschiedlichen Abhängigkeiten für eine unbestimmte Zeit zusammensetzte. Größe und Gliederung war bzgl der freiwilligen Mitglieder veränderlich und sollte mit Erfolg oder Mißerfolg der Führer zusammen hängen. Bindeglieder waren der Eid auf den Gefolgschaftsführer, Schutz und Geschenke, bzw Privilegien, die der Herr vergab. Herrscher des FMAs setzten Gefolgschaftsführer an strategisch wichtige Punkte, um die Kolonisierung und Urbarmachung von Land oder die Errichtung neuer Siedlungen zu leiten. Ein probates Mittel im weiteren Verlauf des Mittelalters. Durch die Erschließung von Land, das vorher öd und leer als ungenutzter Wald und Wildnis Eigentum der Krone war, (der Forst war urspl. herrenloses Land, das der König durch Bann zum Sondereigentum erklärte), konnte ein Lehnsherr aber auch Eigentümer dessen werden, wie die Babenberger an der Grenze zu den Slawen in Niederösterreich im XII. Jahrhundert. In der Forschung wurde mit W. Schlesinger [Herrschaft und Gefolgschaft in der german-dt. Verfassungsgeschichte, in: Hist. Zeitschrift 176, 1953, S. 225-275] lange Zeit die Gefolgschaft als das Rückgrat der früh- und hochmittelalterlichen Gesellschaft, vor allem in militärischen Belangen, aber auch in der Verwaltung und Ausweitung der Infrastruktur und des Herrschaftsbereichs angesehen, obwohl es zu dieser Begriffsdefinition mit H. Kuhn, F. Graus oder R. Wenskus auch eine Reihe Kritiker gibt. Zur Gefolgschaftspflicht waren alle gezwungen, die in einem Abhängigkeitsverhältnis zum Gefolgsherrn standen, so z.B. die erst spät fassbaren „Meier“, welche auf ihren Eigenhöfen saßen und im Bedarfsfall herangezogen wurden. Denn im Laufe der Jahrhunderte stiegen die Anforderungen an das Gefolge bzgl. der Ausrüstung. Ein schwer gerüsteter Panzerreiter konnte nur durch denjenigen gestellt werden, der ausreichend Ländereien und Höfe besaß oder Lehen, eine Leihgabe, erhalten hatte, das die Abhängigkeit vom Lehnsherrn forderte und förderte. Dieser hatte als Oberhaupt auch hier für seine sich ihm unterordnenden Schützlinge Sorge zu tragen, deshalb wird diese Gemeinschaft in Quellen auch „familia“ im röm. Patronats-Sinne genannt, ohne daß wirklich familiäre Bindungen bestehen mussten. Selbst in der Zeit der großen Parteienkämpfe des SMA´s, die das regional und standesmässig begrenzte Fehdewesen des HMAs deutlich überstiegen, wurde mit Livrees, Abzeichen, Wappenfarben und Emblemen die Gefolgschaft zum Ausdruck gebracht. Es galt äusserlich Farbe zu bekennen, nicht nur vom Gefolge selbst, sondern auch von Bürgern, Sympathisanten und Parteianhängern.

Als höchste Form des Lehnsmanns galt der Vasall, der sich einem Höheren freiwillig unterstellte durch Treueeid zu Gehorsam verpflichtete, dafür Schutz und Rechte genoß. Das waren gegenüber dem König die Kronvasallen, die Herzöge, Grafen und hohen Geistliche. Reichsvasallen waren unmittelbare des Königs, darunter auch Edelfreie, und die Unter- Aftervasallen (mediati), die der Fürsten und Bischöfe. Diese Unterordnung wurde im „Nibelungenlied“ zum folgenschweren Problemfall, denn Brunhild, als König Gunthers Gattin erhob Vorrechte gegenüber Kriemhild, die ja nur das Eheweib eines Vasallen und Dienstmanns sei, da Siegfried Gunther den Treueid geschworen und einst für seinen Herrn auf Island geworben hatte. Das konnte Kriemhild nicht auf sich sitzen lassen. Ein tödlicher Konflikt war vorprogrammiert. Das Nibelungenlied musste aufgrund der persönlichen Verpflichtungen für die damaligen Zuhörer verständlich dramatisch wirken. Alle Handelnden waren durch ein enges Geflecht von Abhängigkeiten mit Treue- und Vasalleneide gebunden. Sie konnten nicht frei nach eigenem Willen handeln, sondern nur aus ihren gegenseitigen Verpflichtungen heraus. Daran sollten diese „Helden“ scheitern, deshalb wird „Nibelungentreue“ heute als politische Torheit angesehen und mit überholten Ehrbegriffen besetzt.

Schwere Kavallerie, kaum anders als durch Lehen zu „finanzieren“, sie beherrschte über Jahrhunderte die Schlachtfelder Europas („TW Medieval“)

Der Begriff Vasall wird wohl abgeleitet vom kelt „gwas(Jüngling oder Diener). Das Adjektiv „gwassawlwurde von den röm Eroberern in ihre Sprache als „vasallus(Diener) übernommen und mit dem „vassusals Unfreier an die Merowinger, laut Lex Salica, vererbt. Seit dem VII. Jh wurde der Begriff „vasallaber zunehmend auf Freie angewendet, die sich in Lehnsabhängigkeit befanden. So leistete Herzog Tassilo 757 gegenüber Pippin dem Jüngeren mit seinen Edelingen mehrfach den Vasallen- und Treueid mit Schwur auf Heiligenreliquien. Doch wurden die Eide dadurch nicht dauerhafter. Durch die Rechtsstellung frei oder unfrei unterschieden sich Vasallen von den Ministerialen (ministeriales, servientes). Der Treue- oder Lehnseid band den Vasallen, der Ministeriale war ursprünglich als Unfreier eh an Weisungen gebunden. Letzterer war im Extremfall wie ein Höriger mit Leib und Leben Eigentum seines Herrn und hatte damit eine ähnliche Rechtsstellung wie ein antiker höher gestellte Sklave, ragte allerdings in der gesellschaftlichen Position durch sein verliehenes Amt aus der Masse heraus und erlangte durch seine Unverzichtbarkeit in wichtigen Ämtern der Ständegesellschaft immer mehr Freiheiten.

Das Lehen war eine Landleihe und ein gegenseitiges Treueverhältnis auf Lebenszeit, das bezog sich auf beide Seiten [siehe dazu ausführlich auf der Seite XI-XII 1025-1250 Der Umbruch in eine neue Zeit, Anfänge der Ministerialität, samt Fußnoten]. Damit verbunden waren persönliche, nicht bäuerliche Leistungen zugunsten des Leihenden (Lehnsherr). Im Gegenzug war der Lehnsnehmer Nutzniesser der erwirtschafteten Abgaben, der auf dem Landstrich angesiedelten Güter und Höfe in Naturalien und im Verlauf des Mittelalters auch in barer Münze, um sich den Lebensunterhalt zu sichern, damit er seinen kostspieligen Verpflichtungen politischer und militärischer Art nachkommen konnte, dazu zählte vor allem die Instandhaltung seines verliehenen Herrschaftssitzes, der Infrastruktur und der militärischen Ausrüstung, samt der nicht unerheblichen Kosten der Pferdehaltung, aber auch die Sicherung der Grenzen, Heeresfolge, Zeugenbeurkundungen, etc. Angesichts der nur rudimentär entwickelten „staatlichen“ Kontrolle und Verwaltung im Feudalsystem war das personale Geflecht mit Lehenvergabe und Gefolgschaftspflicht von struktureller Bedeutung. Starb eine der beiden Seiten, mussten alle Rechte neu ausgehandelt werden! Während der Kreuzzugsvorbereitungen Heinrichs VI. starb jener 1197 auf Sizilien, hatte aber schon Kontingente voraus geschickt, darunter seinen Reichskanzler Konrad von Querfurt. Jener verlor mit der Todesmeldung sein Amt, da dieses an die Person des Kaisers gebunden war. Deshalb brachen die meisten deutschen Adligen im Hl Land auf, um im Reich ihre Lehnsrechte gegenüber dem Nachfolger Heinrichs zu sichern. Alle ehrbaren Kreuzzugsgedanken waren verflogen.

Die „Heerschildordnung“, aus dem „Sachsenspiegel“ des Eike von Repgow um 1230 zeigt deutlich wer in wessen Verpflichtung stand und wie die Rangfolge war. Denn die Begrifflichkeit stammte noch aus der Zeit der Gefolgschaft mit der schildbewaffneten Schar von Kriegern, langobard. „arischild, nord. „herskjöldr“, 1165 „herskilt“ und um 1230 „herscilde“, deren Schilde zur Zeit des Sachsenspiegels bereits seit ein bis zwei Generationen Wappen aufzeigten. Ursprünglich war also das Heeresaufgebot gemeint, das sich zum Geflecht der Lehensfähigkeit wandelte. Dem Heerschildinhaber oblagen innerhalb der Lehnshierarchie deutliche Rechte und Pflichte. Das erste Schild hatte der König als oberster Lehnsherr inne. Den zweiten Schild führten Bischöfe, Reichsäbte und -äbtissinnen, den dritten die Laienfürsten (Herzöge), den vierten die freien Herren (Edelfreie, Barone, Mark- und Landgrafen), den fünften die Lehnsmannen der freien Herren (Grafen) und die Schöffenbaren („bar“ meint nicht entledigt, sondern mhd. „baren“ = erscheinen, darbieten, bzw. die zur Teilnahme am Gericht Befähigten) den sechsten deren Dienstmannen, die sogenannten „einschildigen Ritter“. Eike von Repgow war selbst Schöffenbare und durfte im Rang eines Lehnsmanns noch Dienste vergeben. Die süddt Landrechte „Spiegel dt. Leute“ und „Schwabenspiegel“ nennen einen siebten Schild mit Unfreien.

Gegen Ende des XII. Jhs wurde das Wappenwesen aufgrund der das Gesicht verhüllenden Helmformen von England über Frankreich kommend auch im Reich üblich. Der dynastische Adel begann ein Wappen zu führen, welches als Dienstwappen, von den Ministerialen übernommen werden konnte. Es waren keine Familienwappen. Sie dienten zunächst nicht der Identifizierung von Einzelpersonen wie in der späteren Turnierheraldik, sondern zur Kenntlichmachung von Gefolgsherr und Gefolgschaft, die alle unter dem gleichen Banner kämpften. Es ist interessant, daß z.B. viele rheinisch-bergische Geschlechter die doppeltgezinnten Balken Graf Adolfs V. von Berg (gest. 1218 vor Damiette) in ihre Wappen aufnahmen. Es wird sich um ehemals bergische Ministeriale gehandelt haben, die ihr Dienstwappen später zu ihrem Familienwappen machten oder in ein solches diese Elemente mit einbrachten. Erst später nutzten die Grafen von Berg den steigenden Löwen. Dieser wurde im zweiten Jahrzehnt des XIII. Jhs vor allem das Wappentier der weltlichen Reichsfürsten, wie die Landgrafen von Thüringen, die Pfalzgrafen bei Rhein, die Herzöge von Brabant, die Grafen von Flandern, von Geldern, von Jülich, von Holland, uam., die ihre Lehen ausschließlich vom deutschen König erhielten. Der Löwe läßt sich zurück führen auf Heinrich den Löwen, der 1166 vor seiner Burg Dankwarderode in Braunschweig das Löwenstandbild errichten ließ. Wie der Adler, der König der Lüfte, und Symbol des Heiligen Römischen Reiches, so stand der Löwe, der König der Landtiere, für den Machtanspruch der deutschen Landesfürsten, als gleichberechtigte Partner des deutschen Königs, des Primus inter pares, des Ersten unter Gleichen. Diesen Anspruch hat im XII. Jh niemand konsequenter vertreten als Heinrich der Löwe, selbst wenn er noch gar kein Wappen führte, da es zu seiner Zeit nicht üblich war. Man kämpfte noch ohne Visier und der Gegner war jederzeit zu erkennen. In seinem Siegel und auf Münzen findet sich allerdings der Löwe und seit der Zeit um 1200 taucht er im Wappen der Welfen auf, siehe bekannte Skulptur von der Grablege im Kloster Steingaden im Bayerischen Nationalmus [nach Reinhold Stirnberg, Bevor die Märker kamen (pdf-Dok o.J.)].


Dienstmannen waren recht unterschiedlicher ständischer Herkunft und erhielten besondere Dienstrechte oder Dienstlehen, in engem persönlichen Treueverhältnis zu ihrem Auftraggeber, manchmal zeitlich begrenzt, um den Aufgaben in der (Regional-)Verwaltung oder als berittene Streiter nachzukommen. Ein gehobener Dienstmann war der Stellvertreter der Erzbischofs von Mainz, der vice dominus („Viztum“) im Rheingau zwischen Taunus, Wisper und Rhein, nicht zu verwechseln mit der Pfalzgrafschaft bei Rhein weiter im Süden. Dieses Amt mit Richterfunktion wurde meist von einem der ansässigen Ritterfamilien bekleidet. Eine der Aufgaben war auch die Landwehr, das „Rheingauer Gebück“ instand zu halten, dazu wurden bestimmte Streckenabschnitte diversen begüterten Familien zugeteilt. Der Rheingau besaß interessanterweise eine Eigenverwaltung mit vielen Freiheiten, u.a. kannte man hier die Leibeigenschaft nicht (!) [siehe C. Grubert in Karfunkel 37, S. 15-17]. Ähnlich agierte ein (Land-)“Pflegeroder ein „Vogt(advocat), oft ein Graf, welcher als Vertreter des Landesherrn die Gerichtsbarkeit repräsentierte und mit Sammlung der Dienstmannen im Kriegsfall die Landesverteidigung übernahm oder als Laie die Geistlichkeit, eine Kirche, ein Kloster in weltlichen Angelegenheiten, z.B. vor Gericht, zu vertreten hatte [Hier ist ganz interessant sich mal den Gürtel des 1313 gestorbenen Klostervogts Herzog Hermann v Teck auf der Grabplatte im Kloster Alpirsbach anzuschauen. Wer also dorthin wegen der „berühmten Kleidung“ des XVI. Jhs fährt, nehme sich auch dafür kurz Zeit !]. Das Recht zur Vogtei konnte aber auch auf viel niederer Ebene vergeben werden. Da überließ 1281 der Ritter Bernhard von Hörde seinem Freigelassenen Hermann, genannt Unversagede, Güter in Berghofen als Lehen. Wegen der Freilassung und Einsetzung als Vogt über das Lehen sollte Hermann dem Hl. Reinoldi zu Dmund einen jährlichen Zins zahlen [Der Berswordt-Meister u d Dmunder Malerei um 1400, S. 18].

Schultheiße (langobard. sculdahis) waren auch Dienstmannen, oft mit unterer Richterfunktion. Sie verwalteten Dörfer, Städte oder kleinere Regionen. In den aufsteigenden Städten regierten sie anstelle des Landesherrn, wie der „schulthaissein Rottweil in Vertretung des Königs, bis ein „burgermaisterund ab 1265 auch ein Stadtrat bezeugt wurde. In Xanten hatte der Erzbischof von Köln einen Schultheißen eingesetzt, der zunächst mit den halbfreien Laten vom Hof des Erzbischofs Recht sprach und seit der Stadterhebung Xantens 1228 als Vorstand des Schöffengerichts fungierte. Der Schultheiß von Erfurt Wolfram und seine Ehefrau Hiltiburc, eingesetzt durch den Erzbischof von Mainz, stifteten die wertvolle lebensgrosse figürliche Bronzeplastik des „menschlichen Leuchters“ (mit Bindegürtel) um 1157, heute im Dom. Zu den Schultheißen wird in verschiedenen Quellen ein „Schulzenstab“ erwähnt, wohl ein frühneuzeitlicher Begriff für dieses Amtszeichen. Vorläufer sind vermutlich bei röm Machtsymbolen zu suchen, wie die virga, der Stab abgebildet in der Hand eines röm Gutsherrn auf dem Sarkophag von Lamta (Leptis Minor) nördl von Bekalta in Nordafrika aus dem IV. JhAD.

Der Bischof von Brixen bezeichnete seine Untergebenen als „unsere lieben getreuen“, wie im XIV. Jh die „Herren von Kastelruth“ oder die “Herren von Hauenstein“. Ein Dienstverhältnis als haubtman des Erwirdigen Gotshaws ze Brichsen“ zwischen dem Bischof von Brixen und dem niederadeligen Oswald von Wolkenstein (1377-1445), auf 10 Jahre befristet und mit 100 Gulden im Jahr dotiert, scheiterte 1410/11 am gegenseitigen Zerwürfnis, das nur durch den Tiroler Landesherrn Herzog Friedrich IV. von Österreich geschlichtet werden konnte. Oswald suchte daraufhin ausgerechnet die Nähe zu dessen Widersacher König Sigismund, um als „dienerins „hofgesinde ufgenomenzu werden gegen einen „Jarsoldvon „drey hundert hungrischer Roter gulden, durch einen „dinst brieffgarantiert. Dienstverhältnisse wurde also im SMA schriftlich bestätigt, in barer Münze entlohnt und in älteren Zeiten wohl mehr durch Landleihe finanziert. Allerdings blieben in beiden Fällen die Dienstherren den Lohn gänzlich, bzw teilweise schuldig und Oswald musste seine Aufgaben als Sonderbeauftragter des Königs verrichten, um sich danach immer wieder in der Schlange der Bittsteller des Hofgesindes einzureihen. Hinzu hatte es sich Oswald durch den Seitenwechsel mit seinem Tiroler Landesherrn gründlich verdorben, erst recht da er Fehden führte, so daß seine Position „zwischen den Stühlen“ unhaltbar war, in Tirol Drangsal und Pein folgen musste. Um dem vollen wirtschaftlichen Ruin zu entgehen, strengte er recht clever ungewöhnliche Rechtsmittel an. So ist seine Biographie ein interessantes Kapitel mittelalterlicher Rechtsgeschichte. Auch wenn der König den Nobilis Oswaldus de volkenstein, Imperalis aule nostre familiaris fidelis dilectus besonders auszeichnete, blieb jenem ein standesgemässes niederadeliges Leben, als Zweitgeborenen und Nichterben der väterlichen Lehen, die längste Zeit unvergönnt. Immerhin war aber er in der Lage im Dom zu Brixen eine Kapelle aus der Einnahme von Höfen und eines Weingartens zu stiften. Und gegen Ende seiner Laufbahn, nach fast 20 Jahren Königsdienst, wurde er als kaiserlicher Rat zum Reichsritter ernannt, was ihn nicht davon abhielt als renitenter Zeitgenosse nach dem Thronwechsel gegen den neuen König und Landesherrn von Tirol Friedrich III. zu opponieren und zu revoltieren. In den 1430er/40er Jahren hatten sich seine wirtschaftlichen Verhältnisse gebessert. Es wird hier im Auszug eine Auflistung der bewegliche Habe von 1445 auf Burg Hauenstein nach Oswalds Tod angefügt, „obwohl sie hier viel Platz frißt“, aber um zu verdeutlichen, was einem niederen Adeligen möglich war, scheint sie aussagekräftig: Neben seidenen Kissen, türkischem Messer, zwei Silberschalen und zwei Orientteppichen wird die Anzahl der Betten, samt Bettzeug, Leinentüchern, Wolldecken, Fellen, etc aufgelistet. Es folgt das Kücheninventar mit Rost, Pfannen, Kannen, Zinngerät und diverse Vorräte, darunter die obligaten Fässer mit Wein und Essig, 41 Pf. Talg und 400 Talgkerzen oder Vieh, nämlich 6 Kühe. Werkzeug war einiges vorhanden zum Brunnen bohren und Instandsetzen der Gebäude und Ausrüstung, wie Zimmermanns-, Schmiede- oder Schusterwerkzeug. Bemerkenswert ist die „Waffenkammer“: 6 Brustpanzer, 4 Harnisch-Schurze, 2 Panzer-Kragen, darunter ein Eisenkragen aus Lamellen, eine Mailänder Harnisch-Brustplatte und diverse Harnisch-“Kleinteile“, wie Beinschutz, zwei fischbeinverstärkte Kampfhosen, Schulterharnische, 14 Paar Armröhren, Ellbogenschützer, 6 Paar eiserne Handschuhe, diverse Kampfschuhe, darunter „türkische“ und eine „türkische Kampfjoppe“, vermutlich mit Lamellen, etc. Es waren vorhanden ein „englischer Helm“, ein „türkischer Helm“, zwei kleine Helme, ein Helm mit Visier, 6 Hundsgugeln, 7 Helme mit Nackenschutz, 5 Eisenhüte, 5 Eisenhauben. An Schilden fanden sich zwei, weitere 5 aus Leder und zwei ungarische Schilde. Es folgten 5 Bärenspieße und 8 Stangenwaffen, ein türkischer und ein ungarischer Streitkolben und „türkische Sporen“. Für die 30 Armbrüste gab es 1000 eiserne Bolzenspitzen, eine Winde und mehrere Haken zum Spannen. Zu den schweren Waffen zählten 2 Schirmbüchsen mit klappbaren Schutzschilden, 7 „Steinbüchsen“, eine Hakenbüchse, 9 alte und 10 neue Handbüchsen, ein Bottich mit Schwefel, ein Ledersack mit Salpeter, zweieinviertel Bleiplatten zum Gießen der Geschosse und 11 „Wurfkegel“, vermutlich Handgranaten, die damals durchaus bekannt waren. Die Schlösser zu Bludenz und Bregenz wiesen in den 1480er Jahren kaum eine höhere Anzahl an Schwarzpulverwaffen auf. Das waren schon beachtliche Arsenale. Die „Auflistung Oswald“ beinhaltete also das Notwendigste, um den militärischen Pflichten nachzukommen, aber von Luxus keine Spur. Es wird kein Geschmeide, kein Bargeld erwähnt, keine Kleidung, keinerlei Tand. Das macht schon ein wenig stutzig. Die Angaben stammen von Dieter Kühn, Ich Wolkenstein. Eine Biographie, Ausgabe Insel Verlag ,Frkft 1981, S. 439-41. Er fügt als Kontrast eine Auflistung von Oswalds Verwandten Veit an, da „klimpert“ es ganz ordentlich.

Ministeriale werden in schriftlichen Quellen oft vereinfachend als servientes/servitores (Dienende/Diener) oder wie alle berittenen Krieger als milites bezeichnet, deutlich abgegrenzt zu den pedites, den Fußsoldaten. Damit unterschieden sie sich den Anforderungen gemäß nicht von einem Ritter und nähertem sich diesem Stand der Freien immer mehr an. Durch das anhaltende Bevölkerungswachstum und die Ausbreitung der Grundherrschaften, war es nötig jene Gebiete stärker administrativ zu durchdringen. Es war Grundrecht des Geburtsadels durch Rodungen die Eigenherrschaft auszuweiten, auch wenn dem König Land entzogen wurde. Mit den vielen kriegerischen Auseinandersetzungen, Bürgerkriegen und Fehden wuchs der Bedarf an zuverlässigem bewaffnetem Gefolge, den die alten Eliten nicht mehr decken konnten. Da besann man sich auf die unfreien Dienstmannen, befähigte Hörige zum ehrenvollen Aufgaben in der gehobenen Gutsverwaltung, um im Gegenzug als Panzerreiter zur Verfügung zu stehen. Der Unterhalt von Pferden und Waffenausrüstung verlangte eine angemessene Güterausstattung. Wurde Land im HMA verliehen musste es oft erst gerodet und urbar gemacht werden, so daß der Ministeriale zunächst kaum mehr als ein besser gestellter Grundbesitzer war, der Aufsicht über die bäuerliche Bevölkerung ausübte und das Land für seinen Herrn erschloß, verwaltete und sicherte. Damit verbunden waren zunehmend mehr Privilegien mit vererbbarem Rechtsstatus und eigenem Gerichtsstand, obwohl an ihnen der Makel des „Unfreien“ haften blieb, der in vielen Bereichen auf das Wohlwollen seines Herren angewiesen war. Doch sie konnten Wohlstand anhäufen und ohne sie war die regionale Verwaltung mit einem Netz von Burgen und Dienstsitzen oder ein Heereszug nicht mehr möglich, denn sie stellten inzwischen die Mehrzahl der Panzerreiter. Der Ministeriale wurde zum unverzichtbaren Bindeglied zwischen Bauer und geistlichem oder adeligem Grundherrn und erfüllte Aufgaben in der Administration, indem er Zeugeneide bei wichtigen Vorgängen, wie Verkäufen, Schiedsgerichten und weiteren Rechtshandlungen leistete, die durch Urkunden und Verträge dokumentiert wurden. Diese gelten mithin als wichtigste Quellen für die namentliche Erwähnung von Ministerialen, die durch besondere Gunst bis in höchste Ämter im Hofdienst der Fürsten oder des Königs aufsteigen konnten. Die höchsten Positionen wurden im Bereich der Hofhaltung des Königs vergeben (Erzämter), die später in den Händen von Reichsfürsten lagen und mit bestimmten Territorien verbunden waren. Nach dem Vorbild der Höfe röm. Kaiser vergaben die merowingischen Könige diese Posten an verdiente Untergebene. Aus ihrer unfreien Gefolgschaft ernannten sie den Marschall als Aufseher für die Pferdehaltung, den Seneschall für die Haushaltung („-schalkwar der Begriff für unfrei), den Buticularius für Keller und Vorräte, den Majordomus (Hausmeier) als Oberaufseher der Dienerschaft und den Referendarius an der Spitze der Schreiber. Daraus wurden im HMA an den kleineren Höfen der Herzöge und Erzbischöfe der Drost als Haushaltsvorstand, der Marschall als Oberstallmeister und Richter, der Kämmerer Finanzherr, Schenk Mundschenk oder Cellarius mit Keller- und Weinaufsicht. Zur Hofhaltung gehörten aber auch die aristokratischen Jünglinge in der Ausbildung, die mglw. in der Wartestellung für ein Amt, eine „Landeswürde“ waren, dazu zählten die Junker des Hochadels, später auch des Niederadels und vereinzelt sogar Bürgersöhne. Es wurden universell gebildete oder erfahrene Spezialisten im Bereich der Kanzleien, der gehobenen Boten- und Eskortdienste, als Übersetzer und schlichtweg auf dem breiten Feld jedweder Diplomatie benötigt. Herolde waren befugt neue Gesetze und Verordnungen der Obrigkeit durch Ausrufen bekannt zu machen, eine schriftliche Fixierung erfolgte erst später, der „Feldhüterübernahm diese Rolle in den kleineren Regionen.

Die Ministerialen auf Königsland oder den sich ständig erweiterten königseigenen Rodungsländereien waren ausschließlich gegenüber dem König verpflichtet, als ministerialis imperatoris. Sie waren reichsunmittelbar, ohne zwischengeschaltete Adelige oder Bischöfe und unterstützten königliche Politik nicht selten gegen die Interessen des Hochadels. Fehlte dem Königshaus der starke Herrscher war mit dem Verlust von Königsland zu rechnen, wenn der Lehnsmann abtrünnig wurde, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen. Manche Lehnsleute wurden in Konflikte getrieben, da sie mehreren Herren dienstbar waren und bei Entzweiungen jener eine der beiden Seiten wählen mussten, was erhebliche Konsequenzen nach sich zog. Viele Ministeriale wurden mächtig, alleine durch die Wahl der „richtigen Seite“ und die gewährte Unterstützung, gewannen im XIII./XIV. Jh ihre Freiheit, da sie unverzichtbar in der staufischen Reichspolitik geworden waren und nach dem Fall der Staufer unkontrollierbar, als das Netz der persönlichen Bindungen im Interregnum zerfiel. Nur starken Landesherren konnte es gelingen widerspenstige Ministeriale durch Belagerung und Zerstörung ihrer Amtssitze zur Raison zu bringen, wie 1265 Bertho II.von Leibolz, Abt zu Fulda in der „Fuldaer Fehde“, in der er gegen die Abtrünningen unter dem revoltierenden Abteivogt Graf von Ziegenhain vorging. Die Könige versuchten ihr Eigentum, das als „Flickenteppich“ über das gesamte Reichsgebiet streute und durch reichsunmittelbare Amtsleute verwaltet wurde mit Tausch, Kauf und Zwang zu konzentrieren, wie die Staufer dies im Altenburger Land an der Pleiße, im Vogt- und Egerland oder im Nürnberger Raum erfolgreich betrieben. Es wird versucht den Anfängen der Ministerialenschicht mit den Gefolgschaften des FMAs auf den Seiten V-VIII. Jh nachzugehen, um zu erahnen, wie sie sich im archäologischen Fundgut oder später auf Abbildungen und in der Bildhauerkunst auch ohne Erwähnung ihres Titels als „Herr“ zu erkennen geben mögen.

[...uff, da hat sich aber ganz schön was angesammelt...]



Exkurs 4: Der Bürger-Stadteinwohner

Der „Bürger“ ist ein Begriff, der auf diesen Seiten häufig auftaucht, aber wohl recht unterschiedlich verstanden wird. Deshalb folgt hier eine Definition nach vorliegenden Quellen. Übrigens ist erst ab ca. 1300 durch die zunehmende Verstädterung mit etwas über 10 % Anteil von „Städtern“ an der Gesamtbevölkerung zu rechnen, vorher war der Anteil deutlich geringer. Aber wer waren nun diese „Städter“?

Die Reichskleiderordnung zu Augsburg von 1530 besagt, daß „Item nach dem in stetten gemeynlich dreierley Burger und innwoner seind als gemeyne Burger und Handtwercker, kauf und gewerbsleut und andere so im Radt von geschlechten oder sunst ehrlich herkommen und irer zinss und renthen sich erneren.“. Demnach kann man unterscheiden in den Anteil der arbeitsamen Bevölkerung mit einfachen (Handwerker) und gehobenen Tätigkeiten (Kaufleute) und einem Stadtadel von Herkunft, der nicht arbeitete, sondern sich vom Zins seiner Eigentümer nährte, z.B. vom bewirtschafteten Grundbesitz ausserhalb der Stadt. Den Schriftquellen nach war der Bürger keineswegs nur „Niedersitzer, meint Einwohner der Stadt, sondern streng genommen ein Grundstückseigentümer innerhalb der Mauern, mit nachweisbarem Besitz und vor allem mit Eintrag in der Bürgerrolle nach der er steuerlich veranschlagt wurde! Zu den Einwohnern zählte das Gesinde, die Mägde, Knechte, Gesellen, Tagelöhner und alle Arbeiter für einfache Verrichtungen. Sie hatten keinen aufgeführten Besitzstand und zahlten keine Steuern! Sie waren stimm- und oft rechtlos. Der Haus- oder Grundbesitz alleine oder die Ausübung eines Handwerks bedingte noch nicht das Bürgerrecht. So war Stefan Lochner als anerkannter Malerhandwerker und Hausbesitzer ohne Bürgerrecht, was er aber erwerben musste, als er 1447 in den Kölner Stadtrat gewählt wurde. In anderen Städten genossen berühmte Künstler oft Vorzüge, wie Hans Multscher in Ulm ab 1427 oder Friedrich Herlin in Nördlingen ab 1467, wenn ihnen das Bürgerrecht ohne Bürgen, kostenlos und ohne damit verbundene Abgaben oder sonstige Bürgerpflichten verliehen wurden. Denn normalerweise erwuchsen mit dem Bürgerstatus besondere Rechte und Pflichten, wie Steuern, Arbeitspflicht bei öffentlichen Bauvorhaben, dazu gehörte vornehmlich die Stadtbefestigung mit dem eifrig betriebenen Mauerbau, Wach- und Wehrdienste und die Bindung an die städtische Gerichtshoheit. Nach R. Kiessling [Bürgerliche Gesellschaft u Kirche in Augsburg im SMA von 1971] bestand die Bevölkerung in Augsburg zu zwei Dritteln aus besitzlosen Einwohnern, nur ein Drittel hatte eine Besitz von mehr als ca 100 bis 500 Gulden und war steuerpflichtig, von ihnen wurde also das „Geschoßeingetrieben, wie man die Steuer in der Statuta thaberna von 1434 in Weißensee/Thüringen bezeichnete. Dazu werden wohl Handswerksmeister und Zunftangehörige oder gut situierte Kaufleute zählen. In Dortmund zahlte 1499 der Bronzegussmeister Reynolt „Potgeiter“ (Grapengießer) laut Steuerliste einen halben Goldgulden und drei Stüber. So lag sein Vermögen vermutlich zw. 500 bis 1000 Gulden nach moderner Schätzung. Es wurden mehrere fest vorgegebene Tage im Jahr als Abgabetermin bestimmt. Im Rottweiler Stadtmuseum liegt einsehbar das Steuerbuch der bekannten Reichsstadt von 1441 mit Bürgernamen, Summen und Zahlvermerk. In Augsburg besaß von den Bürgern des oben genannten Drittels am Gesamt der Einwohnerschaft nur ein Bruchteil mehr als 3000 Gulden und stellte damit das gehobene Bürgertum mit einem Anteil von weniger als 2% der Einwohner dieser süddt Stadt dar.

Die Verstädterung ist ein Prozeß, der bereits in der Antike im Mittelmeerraum zu hoher Blüte gelangte. Bei den demokratischen griech. Stadtstaaten war nach dem Athener Modell ab dem V. JhvC nur derjenige ein Bürger, welcher Besitz in der Stadt oder in der Mehrzahl als Bauer Landbesitz vor der Stadt nachweisen konnte. Er war damit politisch voll stimmberechtigt in seiner polis. Zu den Pflichten gehörte u.a. die Verteidigung des Stadtstaates als schwer gepanzerter Milizionär, als „Hoplit“ mit eigener Rüstung und Bewaffnung, deren Wert schon ein gewisses Einkommen voraussetzte. [Daß Athen seine Kräfte nicht nur zur Verteidigung, sondern als erste aggressive Demokratie der Welt auch offensiv einsetzte, steht auf einem anderen Blatt, war eine Folgeentwicklung der gewonnenen Perserkriege und die Hegemonie in der Ägäis aufrecht halten zu wollen]. Das Beispiel sollte Schule machen und Rom übernahm ein ähnliches Modell, nach dem die Einteilung in Steuerklassen die Art und Weise des Kriegsdienstes reglementierte und übernahm auch eine ähnliche Grundhaltung und Einsatzweise seiner Bürger, was die Republik zur Herrin im Mittelmeer werden ließ, natürlich musste man sich immer nur gegen äussere Feinde zur Wehr setzen!?! Ursprünglich war also die Verteidigungsfähigkeit einer Stadt, bzw eines Stadtstaates eng an die Wirtschaftskraft seiner vermögenden Einwohner geknüpft. Trotz der in diesem Punkt abweichenden Entwicklung in der Spätantike, da das Rückgrat der röm. Armee nun aus Berufssoldaten und Söldnern bestand und weniger aus Milizionären, wurde das Grundmodell einer sich selbst verwaltenden Stadt in das Mittelalter, nach dem Muster der röm Municipalordnung, übernommen. Nördlich der Alpen wurden dieses Modell wohl im HMA aus der fortschrittlich entwickelten norditalienischen Stadtkultur eingeführt, die sich als Erbe antiker Traditionen und der Stadtentwicklung verstand, wo bereits um 1100 diverse Stadträte eine Selbstverwaltung praktizierten, keineswegs im Interesse der Landesherren.

Dem mittelalterlichen Bürger oblag nun die Verteidigung seiner Stadt. Auch dazu bedurfte es einer gewissen Wirtschaftskraft, um die eigene Bewaffnung/Ausrüstung zu stellen, wobei mglw auf Stadtfarben gemäße Details wert gelegt wurde. Waffenröcke wurden oft in den Stadtfarben ausgegeben, Schilde trugen die Wappen. Zeughäuser mit staatlich/städtischen Waffen hatte es bereits in der Antike gegeben. Denn die finanzielle Einstiegschwelle zum Dienst an der Waffe musste immer weiter nach unten gesenkt werden, so hoch war der Blutzoll und die Bedürfnisse Massen zu rekrutieren. Im Mittelalter hat ein Bürger in verantwortungsvollen Positionen seine Stadt geschützt. Denn es oblagen bsplw den Zünften und Berufsvereinigungen feste Mauerabschnitte, Tore und Türme. Die Masse der unteren Einwohnerschicht wird sich dann mit Zeughausware begnügt haben, wenn es galt die verteidigungsfähige männl. Bevölkerung für den Ernstfall zu mobilisieren. Aber dies war natürlich eine Sondersituation. Führte die Stadt einen Krieg im Auftrag des Stadt- oder Landesherrn oder einen Angriffskrieg, wie manche Stadtbündnisse dies mit sich brachten, wurden dafür Berufssoldaten, meint Söldner engagiert. Der Bürger konnte sich von solchen Unternehmungen frei kaufen. Die Stadtbevölkerung trug, nach Statuten des SMA`s, im allgemeinen wohl keine Waffe in Friedenszeiten, bis auf die Erfüllungsgehilfen der Machtorgane, die als Wächter oder Aufseher dazu befugt waren. Mitte des XV. Jhs ist in Nürnberg und in Weissensee/Thüringen das Tragen von „Barten, Langmessern oder Mordwehren“ ausdrücklich verboten worden [Statuta thaberna von 1434 aus Weißensee/Thüringen in: GE König, Anno Domini. Jahrbuch für mittelalterl. Kulturgeschichte u hist. Brauchtum 1999, S. 50].

Pfahlbürger“ wohnten außerhalb der Stadt, galten aber rechtlich als Bürger. Auswärtige Adelige konnten innerhalb der Mauern grundsteuerpflichtigen Besitz haben. Die Ministerialen, ehemals unfreie Dienstmannen an den Fürsten- und hohen Klerikerhöfen, wie Vögte, Münzmeister oder Schultheisse konnten zum Stadtpatriziat aufsteigen und stellten mit den hinzutretenden reichen Kaufleuten fortan die Oberschicht und später auch die Ratsherren. Durch die gesteigerte Wirtschaftskraft gelangten Zünfte und Berufsgemeinschaften im XIV. Jh an Bedeutung, so daß auch sie „ratsfähig“ wurden. Im hansisch-nordt. Raum nannte man diese Vereinigungen „Gilden, der westdt. Raum, wie in Köln sprach von „Gaffelnund der südtdt.-österr. Raum von „Zechen. Die acht Handwerkergilden der Stadt Recklinghausen wählten ab 1378 jährlich zum Stefanstag (26. Dezember) den Rat und zwei Bürgermeister. Die wichtigste Gilde bildeten die Tuchhändler, gefolgt von den Schmieden, Bauleuten, Schustern, Bäckern, Schneidern und Metzgern, später kam noch die Gilde der Leinenweber hinzu. In Köln konnte im XV. Jh nur derjenige in den Rat gewählt werden, wer eine mindestens 10jährige Haushaltsführung in der Stadt nachweisen, das Kölner Bürgerrecht erworben und die daran gebundene Aufnahmegebühr von 12 Gulden bezahlt hatte. Der Kölner Rat bestand zu diesem Zeitpunkt aus 49 Mitgliedern, die jeweils für ein Jahr amtierten und nach einer zweijährigen Karenzzeit wiedergewählt werden konnten. So rotierten in diesem Dreijahresrythmus meist die gleichen rd. 150 Männer. Die Wahlorgane waren die 22 „Gaffeln“, die entweder durch Kaufleute oder die Zünfte repräsentiert wurden. Neben die gewählten 36 Ratsherrn zog der Rat selbst nach Gutdünken 13 „freie“ Kandidaten hinzu, das sogenannte „Gebrech, unabhängig von der Gunst der Gaffeln. Die Ratsherren tagten an drei Vormittagen in der Woche und mussten hinzu in Kommissionen und in diversen Ämtern tätig sein, waren also zeitlich nicht gering eingebunden [Stefan Lochner. Meister zu Köln. Herkunft-Werke-Wirkung von 1993, S. 11/12]. In Wesel erhielt der Stadtrat erst im Juni 1493 die herzögliche Erlaubnis einen Raum im neuen Rathaus zu beziehen. Bislang tagte er im Freien, auch Tagungen in den Pfarrkirchen, wie in Dortmund, meist mit einem Gottesdienst verbunden, waren möglich. Dem Rat zur Seite standen in der Kanzlei juristisch geschulte Bedienstete. Wichtige Akten wurden in Truhen bei einem Notar, Ratsmitglied oder im Kloster verwahrt, bei dem ständigen Zuwachs an Schriftstücken erstellte man Archive in den Rathäusern, Stadttürmen oder Kirchen im Zugriff des Stadtkämmerers. Geistliche waren urspl. vom Bürgerrecht ausgeschlossen, genossen aber ein paar Privilegien. Mit der Zeit wurden sie aus dem Kirchenrecht gelöst und eingebürgert, um sich deren steuerliche Einnahmen zu sichern. Damit unterstanden sie der städtischen Gerichtsbarkeit des Rats. Sonderrechte genossen Universitätsangehörige. Sie waren durch die langen Roben als gehobene Schicht kenntlich. Einen Teil ihrer kostbaren Kleidung erhielten sie als „Geschenk“. Neben dem Prüfungsgeld waren nämlich Naturalien von den angehenden Doktoren gegenüber der Prüfungskommission üblich. Es war vorgeschrieben teure Stoffe, wie Mäntel mit Pelzbesatz, Kopfbedeckungen, Ziegenlederhandschuhe und sonstige Accessoires zu schenken. Das wirft ein Licht auf die finanziellen Möglichkeiten der Studierenden, wie auf die Professoren [siehe Geppert, Mode unter dem Kreuz, Diss 2010, S. 2]. Juden konnten ein eingeschränktes Bürgerrecht erhalten, das allerdings die Wahl zum Stadtrat verbot. Nach den grossen Progromen Mitte des XIV. Jhs wurde ihnen nur noch für ein Jahr Bürgerrecht erteilt und musste immer neu beantragt werden.

Eine Sonderrolle auf Zeit nahm die sozial hochrangige Personengruppe der spezialisierten Handwerker ein, wie die Leiter der Bauhütten, bzw Baumeister, die sich für bestimmte Bauprojekte vertraglich banden wie Arnold von Westfalen, der als Landeswerkmeister der Wettiner verschiedene Bauprojekte leitete, z.B. den Ausbau der Albrechtsburg in Meißen. Laut Bestallungsurkunde von Juni 1471 „Uffnemung Meister Arnolts Westveling zcu eynem buwemeisterstanden jenem neben Jahressold und Wochenlohnzahlung ein Dienstpferd und jährlich ein Hofgewand durch die kurfürstliche Kammer zu. Bürgerliche Steuern und Dienste musste er nicht leisten [Monumente 11/12-2009, S. 68]. Beschränkte sich diese Gabe auf das reine Kleidungsstück oder gehörten Kopfbedeckung, Schuhe, Gürtel, etc. dazu?

Bürgerschaften standen nicht selten in Konflikt mit ihren Stadtherren, einem Bischof oder mglw Vogt als dessen Vertreter. Im SMA wurde die Loslösung angestrebt und der König vergab wenn möglich Privilegien, die diese Tendenzen verstärkten. Städte wurden aus den Territorialherrschaften in die Reichsunmittelbarkeit überführt. Diese galten dann als „Freie Stadt“. Der Aufstieg der Städte gelang politisch im Reichsgefüge, da weltliche und geistliche Potentaten häufig untereinander zerstritten waren. Gelder aus den Städten führten so manche Entscheidung herbei. Städte schlossen untereinander Bündnisse, wie den „Rheinischen Städtebund“ 1254 zum Schutz der Erhaltung des Landfriedens und gegen das Raubrittertum oder die Dekapolisseit 1354 mit zehn Städten in Südwestdeutschland.

Im äusseren Erscheinungbild waren „Bürger“ als angesehene Kaufleute oder Patrizier Abbildungen nach gut zu erkennen. Sie trugen geschlossene knielange oder bodenlange Gewandungen und zeigten im Gegensatz zu Bauern oder Knechten in der Öffentlichkeit und zu offiziellen Anläßen lange Zeit keine Unterwäsche. Denn das wäre äusserst unschicklich gewesen. Zumal Maler selbst nicht selten angesehene Bürger in den Städten waren, die oft hohe Ämter innehatten. Sie mussten in ihren Bildern deutlich Konventionen wahren und konnten nur mit den „niederen Randfiguren“ über die Strenge schlagen, was sie dann wiederum gerne taten. Erst in der 2. Hälfte des XV. Jhs begann die Bürgersfrau am tiefen Halsausschnitt und an den Ärmeln ein Stück des Untergewands zu zeigen, so wie es die unteren Schichten der arbeitenden Bevölkerung ungeniert und natürlich aufgrund der schweißtreibenden Arbeit schon länger tat. Auch der Adel, und durch ihn eingekleidete Höflinge, nahmen sich seit geraumer Weile die Freiheit heraus provokant den Brustlatz oder an den Ärmeln das weisse Hemd, nun aber aus kostbaren Stoffen, wie Seide, zu präsentieren, siehe Bilder von Memling, Frueauf dem Älteren oder das berühmte adelige Liebespaar aus Gotha um 1480/85 mit „offener“ Bekleidung von Wams und Kleid, die viel Seide an Ärmeln, auf Brust und Brustlatz sehen ließ und mit „Gesperr“ geschlossen wurde.