V-VIII

400-800

IX-XI

800-1025

XI-XIII

1025-1250

XIII-XIV

1250-1350

XIV

1350-1400

XV

1400-1450

XV-XVI

1450-1520





DRAGAL

fertigt und montiert „Rinken“ (Schnallen), „Spenglin“ (Beschläge) und „Senkel“ (Zungen)

für Gürtelrekonstruktionen der Darsteller/Reenacter

im Früh-, Hoch- und Spätmittelalter (=FMA/HMA/SMA).

Beratung und Ausstattung für Museen, Dokumentationen, Film- und Theaterproduktionen möglich.



Mythos Langgürtel“

Geschichte der Gürtelmode vom V. bis zum XVI. Jh1

Angestrebt wird die Gürtelmode vom V. bis zum XVI. Jh. anhand von Gürtelrekonstruktionen exemplarisch vorzustellen, angelehnt an Abbildungen originaler Fundstücke, an zeitgenössische Kunstwerke, historische Text- und Bildbelege und an Statuten für die Gürtlerzunft (deutlich unterschieden von der der „Riemer“ und „Riemenschneider“) mit dem Schwerpunkt auf die untere und eine, sich in dieser Zeit entwickelnde, mittlerer soziale Schicht. Das Projekt ist damit extrem breit angelegt, der gewählte Betrachtungszeitraum groß, so daß sich aufgrund der vielen modischen und technischen Innovationen notwendigerweise Vereinfachungen ergeben müssen. Denn wie unendlich weit ist das SMA vom FMA modisch und inhaltlich entfernt! Es können nur grundlegende Beispiele gezeigt werden. Zur Einführung in die jeweiligen Jahrhunderte sind historische Begebenheiten kurz angerissen, damit die jeweiligen Gürteltypen in ihrem zeitlichen Kontext gesehen und Modifikationen der Gürteltypen aus diesem Umstand heraus erklärbar werden. Der Schwerpunkt liegt auf der zivilen Gürtelmode! Es gibt Zeiten wo diese Gürtelformen von den militärischen kaum geschieden werden können, in anderen Epochen findet aber eine deutliche Trennung statt und Waffengurte zeigen eigenständige Formen. Allerdings ist dieser Punkt häufig eine Frage des sozialen Standes, das schließt die Überlegung mit ein wer überhaupt befugt war eine Waffe zu tragen und falls ja, welchen Waffentyp? Das bedingt unterschiedliche Gurtformen und es öffnet sich ein eigenes Untersuchungsfeld, das bei meinen Betrachtungen nur eine untergeordnete Rolle spielen kann. Für mich ist selbstverständlich nicht jeder Mann des Mittelalters ein Waffenträger gewesen. Denn die Waffe verdeutlicht Konfliktsituationen, kennzeichnet einen Stand und ist Ausdruck verliehener Macht. So ist die Auswahl der Waffenträger in den zivilen Szenen auf bestimmte Personengruppen eng begrenzt. Ein Gürtel ist in erster Linie Bestandteil der Kleidung, als Gebrauchsgegenstand und bei den gehobenen Schichten als schmückende Zier und wurde so zum Ausdruck der Gesellschaftshierarchie. Er war der Mode unterworfen und konnte in relativ kurzen Zeiten starken Veränderungen unterliegen. „Kleidung ist eine Sprache, mit der in einer Gesellschaft kommuniziert wird.“2 Auch heute noch gilt die Redewendung „ein Amt bekleiden“ und unterstreicht Autorität durch äussere Erscheinung. Gürtel konnten in Tradition, Mythen und Sagen auch als „Träger der Kraft“ gelten, deshalb gab es z.B. Gürtelschnallen, die als Reliquienbehälter gedient haben mögen, Belege in Sutton Hoo oder bei alemannischen Grabfunden.

Dem Leser dieser Seiten mag ein scheinbar befremdliches Abdriften zu Fragen der Sozialstruktur und zur Verfassung des mittelalterlichen Gesellschaftssystems auffallen oder die vielleicht übertrieben wirkende Beschäftigung mit mittelalterlichen Ausdrucksformen wie Prozessionen, geistlichen und weltlichen Aufführungen mit einer möglichen Verbindung zur Tafelmalerei, die in der modernen Forschung bereits verworfen wurde, was ich allerdings anders sehe. Ich bin bestrebt mir ein gedankliches „Spielfeld“ zu schaffen, beleuchtet durch die vielen Facetten in denen sich das Mittelalter uns heute zeigt. Es geht nicht darum altbekanntes Wissen als „Füllmaterial“ wiederzukäuen, sondern es ist mein erklärtes Ziel herauszuarbeiten, wie sich die sozialen Ränge gestalteten und wer unter wessen Einfluß stand, um die jeweilige Kleidung und damit auch den dazugehörigen Gürtel einzuschätzen. Das personale Abhängigkeitsgeflecht war enorm und das damalige Gesellschaftssystem von dem heutigen so grundverschieden, daß es schwer fallen mag Verständnis dafür zu entwickeln und es glaubhaft darzustellen. Also versuche ich zeitlich weit vorne anzusetzen und beginne bereits in der Spätantike, schaue mir die Entwicklung des Gesellschaftssystems mit den daraus resultierenden Rechten und Zwängen für den Einzelnen an, um mir eine Ermessungsgrundlage zu schaffen für die Beurteilung wer welche Grundmaterialien bzgl. der Gürtel erlangte, verwendete, verarbeitete oder trug. Archäologische Funde sollen mit künstlerischen Erzeugnissen in Stein, Metall oder auf Pergament und Papier abgeglichen werden, um sich der Aussage anzunähern wer mit welcher Ausstattung dargestellt wurde? Meine Gedankengänge zielen auf ein praktisches Ergebnis hin und weniger auf kunsthistorische Betrachtungen, die aber als Mittel zum Zweck unerläßlich sind. Denn als Quellengattung stehen uns häufig Kunstwerke, nach heutiger Normierung, zur Verfügung, damals war ein Tafelbild in erster Linie Handwerk. Und das Handwerk, wenn auch in erheblich einfacherer Form, ist für mich ebenso wichtiges Betätigungsfeld, denn es gilt ja Gürtelformen zu rekonstruieren.

= Bestellungen über das Internet werden bis Ende September 2018 nicht möglich sein. Alle noch bestehenden Anfragen werden abgearbeitet. Meine volle Aufmerksamkeit gilt nun den Märkten, nutzt mglw. diese Gelegenheiten, denn dazu waren sie einst gedacht...ab Oktober wieder Normalzustand. Bis dahin ist die Zeit einfach zu knapp =

[Die Seiten werden ungeachtet dessen weiter umstrukturiert, momentan also Großbaustelle (!), nun ist das HMA dran...]



Originalschnallen XIII. - Anf XIV. Jh

In der Rekonstruktion historischer Objekte gilt anzumerken, daß sich diese Seiten bezüglich der verwendeten Materialien auf die Metalle Eisen, Bronze, Messing, Zinn, bzw. auf verzinnte oder versilberte Gegenstände beschränken. Weitere Materialien werden erwähnt, aber nicht anschaulich gemacht. Der Schwerpunkt liegt auf dem standes- und zeitgemäßen Gürtel unterer Schichten, nach mittelalterlicher Arbeitsweise und Material belegbar und für eine gewisse Zahl von Darstellungen für Mann und Frau im Reenactment angemessen.3 Die notwendige Voraussetzung ist die bereits erwähnte Beschäftigung mit der mittelalterlichen Ständegesellschaft, um zu erkennen, was einzelnen Ständen möglich war.



Das Mittelalter kannte lange Zeit nur eine niedere und hohe soziale Schicht, der Mittelstand arbeitete sich (im wahrsten Sinne des Wortes) langsam heraus. Stellvertretend für die zahlenmäßig breite untere Schicht standen z.B. Knechte und Kriegsknechte, ancillae (Mägde), Schergen, Gesellen, unfreie Bauern als Hörige, usw. Besser situiert waren Handwerker, wovon der Großteil nicht automatisch „Bürger“ in einer Stadt war, nur weil er in dieser lebte, sondern es war abhängig vom Grundbesitz und der Tätigkeit („schmutzige“ Gewerbe, wie Gerber, Lederer, Schmiede waren weitaus weniger angesehen als z.B. Silber- und Goldschmiede, Schneider, Kürschner, etc), auch bei den Kaufleuten bestimmte die Ware den Status. Frauen waren, je nach Gewerbe, in die handwerkliche Produktion, auch in kaufmännische Vorgänge eingebunden und es sind in seltenen Fällen auch vollkommen selbständig agierende Frauen nachweisbar. Es folgt die große Riege der niederen und höheren unfreien Beamten/Dienstmannen/Ministeriale, wie Burg- bzw. Amtmänner, Meier, Schultheiße (Schulze), Schöffen, halbreie Laten, Freisassen. bzw Freibauern oder die auf ihren Ritterschlag verzichtenden Edelknechte, Gefolgschaftsführer, bzw später Hauptleute, etc. Weitere Fallbeispiele und angemessene Materialempfehlungen für Gürtel nach einem grob vereinfachendem Schema, siehe unten.4 Es werden keine exklusiven und einmalige Sonderformen aus wertigen Edelmetallen (Gold, Silber, Vergoldung) für den Geburts-/Hochadel (Herzog, Graf, Earl, Jarl, Lord, Freiherr-Baron) gezeigt. Der „Ritter“ hatte eine Sonderrolle, da dieser dehnbare militärische Begriff zunächst den „freien Reiterkrieger“ bezeichnete. Erst in der „Landfriedensordnung“ Friedrich Barbarossas von 1152 wurde der Ritterstand erbständig und „ritterbürtig“ war nur, der seine Vorfahren zu den Rittern zählte. Das waren reine Titel, nicht abhängig vom Landbesitz, wie beim Adel. Damit bildete sich im Laufe der Zeit ein eigener Stand niederen Adels heraus, als Dienstadel war er deutlich getrennt vom Geburts-/Hochadel. Ritter wurden als gewappnete Reiter mit Sporen, Schwert, Schild und Lanze durch Skulpturen oder auf Grabplatten dargestellt. Die Ausrüstung alleine sagt noch wenig aus. Denn dahinter konnten sich ebenso unfreie Ministeriale, engl. knights (Knechte) in einem Gefolge, aufsteigende Ministeriale mit oder ohne erbberechtigten Titeln, niedere Adelige, sowie Hochadelige verbergen. Auch als Gewappnete an Kapitellen tauchten sie auf, wo ihre Rolle meist nur aus dem Zusammenhang zu entschlüsseln ist. Der Stand ist ablesbar an der Exklusivität der Ausrüstung, bsplw. an der Farbe des Schwertgurts, Farbe/Material der Sporen und übrigen metallischen Ausrüstung und möglichen Zieren, am Wappen, uvam. Als Beispiel sollen hier die Naumburger Stifterfiguren dienen, Mitte des XIII. Jhs erstellt, rein äusserlich in ritterlicher Aufmachung waren es doch hochadelige Grafen und Markgrafen. Sie werden also deutlich bessere Ausrüstung zur Schau gestellt haben, als ein „gemeiner“ Reiterkrieger/Ritter. Der „Ritter“ wurde in einer militärisch geprägten Gesellschaft zu einem Ehrbegriff und dem Rittertum haftete ein Nimbus an, dem sich selbst Könige nicht entziehen konnten, die höfische Kultur war, durch den französischen Einfluß, untrennbar mit ihm verbunden.

Grundsätzlich soll mein Gürtelreplikat dem „prüfenden Auge“ eines Museumsexperten standhalten, falls ein Darsteller hier sein Betätigungsfeld sucht. Ich bevorzuge die „glaubwürdige Darstellung“ und werde weniger mit dem „A“-Begriff operieren. Wenn überhaupt steht „A“ für „Annäherung“ und nicht mehr...Denn ich halte es für unsinnig sich in Haarspalterei zu verlieren, ich möchte bsplw. nicht darüber diskutieren, ob die Parierstange nach vorne oder nach hinten gebogen sein muß, „damit es richtig ist“, sondern von wem das Schwert der Abbildung gemäß getragen wurde und ob es überhaupt Sinn macht sich als „ernsthafter Reenacter“ damit auszurüsten. So kann ein Schwert der Hl. drei Könige ein markantes Erkennungszeichen sein und keine alltägliche Ausrüstung, obwohl es rein der Abbildung nach belegbar ist! Oder es galt die gebogene Klinge des „Malchus“, dessen Bezeichnung auf den Diener des Hohepriesters zurückgeht, in den Schauspielen und auf den Tafelbildern als Zeichen für den heidnischen Krieger und den Bösewicht. Zudem bin ich mir bewußt wie spekulativ selbst „wissenschaftliche Feststellungen“ sind. Denn „Wissen“ hat auch mit „Glauben“ zu tun, bzw. mit Vertrauen. Denn nicht immer besteht die Möglichkeit sich mit Primärquellen zu beschäftigen. Aus rationalen und rationellen Gründen vertrauen wir Sekundärquellen, wir können ihnen folgen und übernehmen ihre Aussage oder zweifeln sie an. Jede Erkenntnis ist momentan und kurzzeitig, kann jederzeit hinterfragt werden. Wer möchte schon aus seiner Darstellung heraus eine Doktorarbeit schreiben und sich damit auf eine wissenschaftliche Diskussion einlassen? Wir haben alle unser „eigenes Mittelalter“ in den Köpfen und jeder legt nach Wissen und Neigung andere Schwerpunkte, fokussiert auf diverse Aspekte dieser gewaltigen gut 1000jährigen Zeitspanne. So begegne ich immer wieder hochgradigen Spezialisten für spezifische Sachverhalte oder Zeiträume. Meine Arbeit dient dem groben Überblick, nicht fokussiert auf 50 Jahre Entwicklung, sondern auf die 20fache Zeitspanne (!) und dabei „stolpere“ ich nicht selten und nicht ungern über Dinge, die doch angeblich bislang allen hinreichend bekannt waren und deshalb kaum hinterfragt wurden...



Königsportal“ Chartres Mitte XII. Jh

Ich bin „Gürtler“ und nach mittelalterlichen Statuten nur für „einfache“ Gebrauchsgürtel zuständig.5 Hinzu setze ich meist „Rinkenbleche“, also befestige Schnallen mit Blechen und Nieten, im Gegensatz zu den „Riemern“, die Schnallen wohl annähten, da ihnen das Erstellen von Blechen nicht erlaubt war. Aufwändige Varianten in Silber und Gold wurden damals von den Silber-/Goldschmieden erstellt. Von jenen gingen Innovation, künstlerische Erfindung und Neuerung aus, um den Geltungsdrang potentieller Auftraggeber zu befriedigen. Sie schufen wegweisende Objekte, die als „modisch“ im eigentlichen Sinne bezeichnet werden durften. Gürtler haben die aufwändigen Formen in Bronze, Messing oder Zinn nachgeahmt und die Güsse vereinfacht. Nur in Ausnahmen habe ich bisher für Darsteller gehobener sozialer Schichten Werkstücke in Silber und Gürtel in Seide gefertigt (es sei auf die grundlegende Publikation Ilse Fingerlins verwiesen, die sich, neben archäologischen Funden, auch auf recht kostbare Objekte stützt, die obertägig erhalten blieben, hierzu bedarf es keiner Ergänzung meinerseits. Bei den erhaltenen Stücken erwähnt sie, neben Ledergurten, oft Stoffborten und weist damit auf die gehobene Qualität des Untersuchungsmaterials hin). Mein Hauptbetätigungsfeld liegt auch nicht bei Horn-, Geweih- oder Knochenarbeiten. Es gab durchaus kostbare Schnallen aus Elfenbein (siehe den frühmittelalterlichen Fund aus dem Frauengrab 129 in Bopfingen oder den vollständigen Gürtel Ende XV. Jh, heute in Dublin, Fingerlin-KatNr.72). Schlichte Formen konnten im eigenen Haushalt erstellt werden. Der Anteil von Horn-/Knochenmaterial bei den Gebrauchsgegenständen des Mittelalters war hoch, wie dies archäologische Funde unter günstigen Bedingungen belegen, siehe z.B. die Funde aus Haithabu/Schleswig oder die große Anzahl von erhaltenen Messergriffen, Kämmen, Ahlen, Nadeln, etc. Nur selten haben wir auch Nachweise für Schnallen aus Geweih oder Knochen. Auf zeitgenössischen Abbildungen sind sie schwierig zu interpretieren, mglw. sind die Schnallen der beiden „Marionettenspieler“ im Hortus Deliciarum von 1185 aus diesem Material, da sie farblich genauso gestaltet sind, wie ihre weissen Gurte, siehe rechts unten. Auch die grossen runden Schnallen des XV. Jhs, getragen zur Männerrobe (Typ siehe XV_210_me auf den XV.-Jh Seiten), könnten aus Geweih gewesen sein, denn sie werden auf Abbildungen farblich recht hell dargestellt. Möglicherweise ist aber auch eine Verzinnung gemeint. Archäologisch ist eine solche Schnalle in London, (Egan Nr. 387), mit einem Maß von 47x55mm in einer Zinn-Blei-Legierung nachweisbar. Der Vollständigkeit halber muss ich erwähnen, daß ich auch keine Schnallen aus Halbedelsteinen, wie Bergkristall, Nephrit, aus „Meerschaum“, o.ä. fertige, wie sie aus dem FMA überliefert sind. Denn auch jene stammen aus den reichhaltigen Gräbern der sozialen Oberschicht.



Wie kann man für seinen gewählten Charakter die angemessene Form finden? Eine Frage, die nicht leicht zu beantworten ist. Denn es spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Ort und Zeitpunkt der gewählten Darstellung und sozialer Rang sind ausschlaggebend, aber auch besondere Umstände in denen sich der mögliche Charakter befindet, wie Kriegszeiten, Wik-Fahrt und Plünderung, auf dem Marsch, auf der Jagd, im Feldlager (was sicher die meisten Darsteller betrifft), auf der Scholle, auf Reisen, auf dem Thing oder Markt, bei der Ausübung eines Handwerks, auf dem Turnier oder bei einer Festivität, einem politischen Akt, einem repräsentativen Ereignis, einer sakraler oder profanen Prozession,6 am Hof eines Fürsten und Bischofs oder gar bei dem Großereignis eines Königseinzugs oder -empfangs, im Gottesdienst, im Ratssaal oder vor Gericht, uvam. Bei all diesen Ereignissen wird, vor allem bei gehobenem Rang, unterschiedliche Kleidung angelegt und dazu zählen passende Gürtel! Selbstredend erfordern militärische Darstellungen gänzlich andere, z.B. stabile Formen, als zivile repräsentative Darstellungen, wo Ornament und schmückende Zier in den Vordergrund rücken. Diese detailliert „belebte“ Sichtweise wurde mir durch einen englischen Reenacter vermittelt und sehe darin tatsächlich gutes Reenactment begründet. Das intensive „Eintauchen“ in die Zeit des gewählten Charakters erzeugt „Glaubwürdigkeit“ und erscheint mir erstrebenswerter als die in Dtld weit verbreitete „Genauigkeit = Echtheit“ im Detail. Die kommt von alleine, wenn sie denn beabsichtigt wird, man zielstrebig seinen Weg verfolgt und die Darstellung in ein gedankliches Umfeld gebettet hat.



Hortus Deliciarum“ Ende XII. Jh



Salzburg Mitte XIII. Jh

Welche Quellen können herangezogen werden? Ich habe früher den Fehler gemacht und interessante Objekte auf mittelalterlichen Bildern oder Skulpturen so nah wie eben zulässig fotografiert. Und nur diese Detailaufnahmen wurden archiviert, um möglichst viel über Material, Beschaffenheit und Bearbeitung zum gewünschten Gegenstand auszusagen, ohne den Gesamtkontext zu beachten. Ein schwerwiegender Fehler! Denn dadurch konnte ich später nicht mehr sagen, welche dargestellte Person die Tasche oder die Schnalle eigentlich trug? Inzwischen arbeite ich vollkommen anders und komme zu überraschenden Ergebnissen. Abbildungen sind ohne kunsthistorische Betrachtungen kaum zu enträtseln. Hinzu bedürfte es für das HMA und SMA einer grösseren „Bibelfestigkeit“ als ich sie mitbringe oder es erfordert die Beschäftigung mit der Legenda Aurea des Jacopo de Voragine. Da viele Bildinhalte darauf zugeschnitten sind ist die Kenntnis des Personals der dargestellten „biblischen“ Szenen, bzw. Szenen aus der Familie Jesu Christi, Marias oder der Johannes des Täufers von enormen Belang. Wer trägt was in welcher sozialen Stellung? Wie definiert Kleidung den Stand und wie funktionieren mögliche Codes? Auf den entsprechenden Seiten wird in diesen Themenkomplex eingeführt, um mir selbst klar zu werden, was z. B. von spätgotischen Tafelbildern, die durch ihre Detailtreue bestechen, als verwertbare Aussage zum „Durchschnittsgürtel“ herausgezogen werden kann.



Ich bin der Ansicht, es sollte vermieden werden, daß der Darsteller eines Handwerkers den Gürtel „Melchiors“ trägt, wenn eine glaubhafte Darstellung angepeilt wird. Das klingt jetzt simpel und einfach. Aber wie steht es mit dem Gürtel eines Heiligen? Ist hier ein Bürger oder ein Adeliger dargestellt? Darstellungen Marias und weibliche Heilige sind lange Zeit die einzigen Quellen zur Gürtelerstellung für Frauen, da sie im öffentlichen Auftreten so lange zurück standen und erst in der bürgerlichen Sphäre des SMAs bildhaft werden. Die Heiligen stammen vornehmlich aus der Spätantike, sind also zeitlich, und meist auch örtlich, weit entrückt. Stammt das Abbild des Geißlers aus dem europäischen Umfeld oder wird eher das Heilige Land mit seiner fernen „röm.-byzant.“ Vergangenheit historisierend umgesetzt? Denn es ist keineswegs immer so, wie vielfach angenommen wird, daß historische Vorgänge in das Gewand der Entstehungszeit eines Bildes, gepresst werden. Die Thematik ist weitaus verzwickter, als sie auf den ersten Blick erscheinen mag. Siehe auch unten den Exkurs: Die Sprache der Kleidung 7



Bayeux 2. Hälfte XI. Jh









Fragmente Originalschnallen Ende XV. - XVI. Jh

Die Datierung der Gürtelteile folgt einer „Kernzeit“. Es wird nicht unbedingt der früheste Beleg herangezogen, sondern der häufigste. „Das Leben zeigt ständig Übergänge, wenn das Alte nicht verschwunden und das Neue noch nicht zur Blüte gelangt ist.“ So ist es durchaus denkbar, daß Schnallentypen Jahrzehnte nach meiner Nennung noch oder bereits vorher in Benutzung waren. Punktgenaue absolute Datierungen sind auf meinem Sachgebiet aus mehreren Gründen oft schwierig. Ein Beispiel siehe unten8. Vielleicht ist es sinnvoll sich eher an stilistischen und kunsthistorischen Definitionen von romanischen, früh- hoch- oder spätgotischen Formen anzulehnen.



Unsere Quellen öffnen nur ein bedingt verlässliches Zeitfenster. Archäologische Schnallenfunde stammen oft aus isolierten Einzel- oder Detektorsuchfunden, sie können meist nur über ortsferne Vergleiche annähernd datiert werden. Bei Grabfunden gelingt dies ortsgebunden über mögliche Beifunde wie Münzen oder Keramik, manchmal Holz, die sich in aufwändigen Verfahren technisch bestimmen lassen, ähnlich bei Siedlungsgrabungen, die zumindest eine relative Chronologie zu Funden einer tieferen oder höheren Schicht aufweisen und meist Keramik zur Feindatierung verwenden. Obertägig erhaltene Kunstwerke wurden nur selten signiert oder datiert, wie das Altarbild des Conrad von Soest in Wildungen 1403 oder das Retabel des Jacobialtars in Göttingen 1402. Zuweilen gibt es Aktenstücke zu den ausgeführten Aufträgen, Verträge oder datierbare Zeitzeugenberichte. Holztafelbilder lassen sich hinzu dendrochronologisch bestimmen. Ansonsten werden die Werke nach den Lebensläufen der Künstler, den „Schulen“ mit gegenseitigen Beeinflußungen oder generell nach kunsthistorischen Gesichtspunkten zeitlich eingeordnet. Aber es stellt sich entschieden die Frage, ob der Maler oder Bildhauer die Gegenstände aufnahm, die er momentan vor sich hatte, dokumentierte er die adelige und bürgerliche Lebenswelt oder arbeitete er nach Konvention, bzw. Vorgabe des Auftraggebers, nach Vorliebe und nach dem, was er in der Jugend als Geselle in der Werkstatt seines Meisters gelernt hatte? Richtete er sich nach einer grafischen Vorlage, einem Musterbuch oder Skizzenblatt, nach der Buchillumination eines bedeutenden Scriptoriums oder kopierte er schlichtweg einen Kollegen? Scheinbar war das Kopieren nicht schändlich, im Gegenteil eher selbstverständlich und es wurden geniale, populäre Kompositionen gerne wiederholt. Sie sind in Bildfindung, Aufbau und Problemlösungen oder in Details nachgeahmt worden, mglw. war Zeitdruck auch ein Grund.9 Auch werden Auftraggeber Künstler zu Reisen veranlasst haben, wenn es nicht eh Wanderhandwerker waren, um berühmte Kunstwerke bewußt zu kopieren und in den Genuß der Betrachtung zu kommen oder sich dadurch im Besitz von Gleichwertigem zu rühmen. Malerwerkstätten im SMA hatten nicht nur handwerkliche Spezialisten für Vergoldungen, Preßbrokate, etc., sondern auch inhaltliche für Details, z.B. für Landschaft, Schmuck, uvam. Musterbücher spielten hier eine wichtige Rolle. Sie wurden abgezeichnet und tradiert, im SMA auch gedruckt und fanden so weite Verbreitung. Übertragungen, Ähnlichkeiten über gewisse Zeiträume und Entfernungen waren möglich und vermutlich auch gewollt. In vielen Fällen arbeiteten unterschiedliche Gewerke Hand in Hand und übernahmen nur Teile der Ausführung. Bücher konnten z.B. auch ohne konkreten Auftraggeber für „die Halde“, bzw. den Handel produziert werden. Die Arbeit eines Meisters in den spätmittelalterlichen Werkstätten beschränkte sich nicht selten auf den Vertrag und den zeichnerischen Entwurf der Bildtafel, heute durch Infrarot als „Unterzeichnung“ erkennbar, wenn er keinen weiteren künstlerischen Anreiz darin sah anspruchsvolle Elemente des Bildes selbst zu fertigen. Eigenhändige Leistungen mussten zuweilen gesondert vertraglich vereinbart werden, ansonsten oblag die Arbeit, bzw. die Fertigstellung des Kunstwerks, wahrscheinlich sogar die farbliche Ausmalung des Bildes, der Schar anonymer Gesellen, deren Aufgabe eher solides, solidarisches Handwerk und weniger die geniale Einzelleistung war.

Wie haben wir uns bsplw. die Erstellung eines Stifterbildnisses praktisch vorzustellen, wenn die dargestellte Person bereits lange verstorben war? Wurde das Grabmal zu Lebzeiten gefertigt oder stand ein Nachfahre Modell, um den Urahn (üblicherweise meist vom 30. bis 33. Lebensjahr, nach der idealisierten „Jesus-Formel“ des HMAs) zu porträtieren, dem er ja „wie aus dem Gesicht geschnitten sein soll“? Möglicherweise liegt in diesem „Modell stehen“ des Nachfahren ein ganz praktischer Grund für die „Jugendlichkeit“ des Porträtierten, der nicht wie ein Greis kurz vor Lebensende Darstellung fand und es hat nichts mit Jesus Christus zu tun?10 In der Buchmalerei des HMAs war es anscheinend nicht üblich „nach der Natur“ zu malen, sondern man hielt sich an Vorbilder, Konventionen, Musterbücher, die auch bedingt im Stil der Zeit in Details verändert wurden. Wie ist die erstaunliche Genauigkeit bei den Accessoires zu erklären, wenn ein Bildhauer sie nicht irgendwann „leibhaftig“ vor sich hatte. Vermutlich wird nicht sein „Nachbar“ in die Rolle des Landgrafen geschlüpft sein mit einer Ausstattung, die geliehen wurde, kostbare Kleinodien kurzzeitig vom Hof dem Künstler zur Verfügung gestellt? Da wird schon eher der direkte Nachfahre, s.o. ,Modell gestanden haben. Aus dem Gedächtnis, nach dem letzten Besuch bei Hofe, hat der Bildhauer wohl kaum gearbeitet?11

Ist das Kleid wirklich eine neue modische Form oder erscheint es nur dem heutigen Betrachter neu, weil es endlich bildhaft festgehalten wird, aber bereits geraume Zeit getragen wurde? Wir können immer nur das erstmalige oder letztmalige Erscheinen einer Form beobachten, sollten uns vielleicht auf die häufigste Nennung als Mittelwert einigen? Denn unser nach „kriminalistischen Methoden“ gesteckte Zeitrahmen trifft die reale Nutzungsdauer mglw. nicht.12 Hinzu kann jede neue Quelle weitere Erkenntnisse bringen oder sich unsere Sichtweise auf einen Beleg radikal ändern. Für den Reenacter kann dies bedeuten manchmal szeneinternen Publikationen mit alten Forschungserkenntnissen zu folgen, die ja nur sehr selten korrigiert und überarbeitet werden und in Details bereits überholt sind. Liebgewonnene Ansichten haben sich in unseren Köpfen festgesetzt und wir sehen nur das, was wir sehen wollen. Ich weiß, hier wird viel in Frage gestellt. Wir sollten uns klar werden, daß wir mit unseren „pseudowissenschaftlichen Ansätzen“ grundsätzlich über Annäherungswerte sprechen. Die Wissenschaft hat die Möglichkeit in Fachpublikationen Korrekturen vorzunehmen, sie erreichen aber nur selten die Reenacterszene. Wissenschaft bedeutet Diskussion und die Inhalte sind kein Dogma, in dieser Beziehung glauben wir das Mittelalter überwunden zu haben.

Bei meinen Datierungsangaben bedeuten die angehängten Kürzel „v“ = vor / „c“ = um / „n“ = nach

Die Ortsangaben sind oft schwierig. Ich habe mich bemüht Ursprungsorte zu nennen, ansonsten der Verbleib, wenn künstlerische Werke in Museen landeten, wobei urspl. zusammengehörige Kunstwerke, wie spätmittelalterliche Retabelwerke, nicht selten auseinander gerissen wurden und fragmentiert an unterschiedlichen Orten präsentiert werden. Zukünftig beabsichtige ich „FO“ = Fundort und „AO“ = Aufbewahrungsort deutlicher zu trennen.



Es wird in der Reenacterszene oft mit dem „Erbstück“ argumentiert, wenn das gewählte Objekt zeitlich nicht exakt zur Darstellung paßt. Das läßt sich für sehr kostbare Gegenstände in Silber und Gold, teilweise für Kleidungsstücke, etc. in gewissem Maß mit Testamenten belegen. Wir wissen allerdings nicht, ob diese Stücke von den Erben auch genutzt oder nur wegen ihres Materialwerts aufgehoben wurden, manche Hortfunde ließen sich so erklären! Das gewählte Objekt sollte nicht unbedingt das Endglied einer Kette über mehrere Generationen darstellen. Grabfunde des Frühmittelalters zeigen einen Wechsel der militärischen Ausrüstung, Schnallen oder Fibeln spätestens nach zwei Generationen! Viele Gegenstände halten bei ständiger Nutzung nur bedingt ein Menschenleben lang. Schnallen wurden sicher nicht beliebig oft weiterverwendet, denn irgendwann waren sie gänzlich „out of fashion“. Auf Abbildungen des XV. Jhs finden wir definitiv keine Schnallentypen des XIII. Jhs! Adel und gut situierte Bürger trugen vornehmlich modische Gürtel zu unterschiedlichen Anlässen, die auf den Kleidungsstil abgestimmt waren, so daß der Besitz mehrerer Gürtel wahrscheinlich und ein Wechsel von Formen zeitlebens möglich war. Untere soziale Schichten trugen einfache Formen wohl erheblich länger, denn deren Gewandung unterlag geringen Veränderungen. Erst im Spätmittelalter erscheinen uns auch untere Schichten auf Abbildungen in modischer Kleidung. Sie wurden stärker ins Bildgeschehen eingearbeitet, was lange Zeit nicht so war.

Centurio u Würfler“ Znaim Mitte XV. Jh



An konservativen Heiligenabbildungen lassen sich hingegen recht altertümliche Formen belegen, beispielsweise Tasseln im XV. Jh am Gewand Mariens. Auch Hortfunde (wie aus Dune, Pritzwalk, Münster, Erfurt, Colmar, Salzburg, Wiener Neustadt, Chalcis/Euboea oder vom Fuchsenhof, uvam.) zeigen „Altmaterial“, da deren Zusammensetzung meist aufgrund des gehobenen Materialwerts zustande kam. Diese angehäuften Gegenstände erschweren uns die Bestimmung der eigentlichen Nutzdauer, da meist nur ein grober Gesamtzeitrahmen und möglicher Deponierungsszeitpunkt, z.B. durch beigegebene Münzen, abgesteckt werden kann. Schwierig wird es auch, wenn das MA historisierend arbeitete. So stellte man Stifterfiguren, die bereits vor Jahrhunderten gestorben waren, nicht immer in der Gewandung der Entstehungszeit des Kunstwerks dar, sondern es wurden auch altmodische Gewandungen verwendet, um das Vergangene zum Ausdruck zu bringen, wie bsplw. bei den Stifterfiguren auf dem Chorgestühl von Blaubeuren, entstanden 1493. Der Stifter Lebzeiten lagen im XI. und XII. Jh. Die Darstellung erfolgte in der Gewandung kurz nach 1400 und keineswegs zeit- und erwartungsgemäß im Stil zum Ende des XV. Jhs!





Fortgeschrittene Ringrollschnallen für Pferdegeschirr oder Rüstungsteile meist aus Eisen, zuweilen aus Buntmetall oder aus einer Kombination von beidem

Absolut wirkende Aussagen sind der Kürze und Knappheit geschuldet, um nicht ständig abzuwägen, wie es vielleicht manchmal sinnvoll wäre. Hier soll ein praktischer Einblick in die Gürtelmode entstehen und keine wissenschaftliche Studie, wenn überhaupt vergleichbar, bestenfalls auf „Wikipedia“-Niveau. Denn ich bin auf Märkten oft gebeten worden meine Arbeitsergebnisse in irgendeiner Form zu präsentieren. Dem will ich hiermit nachkommen in einer chronologisch sinnvollen Art und Weise. Falls einer dieser Gürtel Euch künftig zieren soll, wird auch der Wert angegeben. Inzwischen ist mein Bilderarchiv über Gürtel, Taschen, Fibeln und verschiedene Aspekte der mittelalterlichen Mode und Alltagskultur auf weit über 4000 bearbeitete und viele tausend unbearbeitete Bilder angewachsen,…, ich bleibe dran und gewinne ständig neue Erkenntnisse. Bei Fragen technischer Art oder über die Herkunft von Schnallen, Zungen, etc., einfach eine mail-Postille schicken, siehe unten.



Wichtig: In der mail-Überschrift möglichst das betreffende Jahrhundert „XII, XIII“, etc. benennen, und plant etwas Zeit ein, da ich im Sommer lange unterwegs bin als reisender Handwerker. Ich möchte mich nicht entschuldigen für meine späte Rückantwort durch Abwesenheit, denn auf den Reisen und hauptsächlich auf Märkten verdiene ich mein Geld. Ich bin darüber hinaus nicht ständig online, trotz aller derzeit möglichen technischen Raffinessen. Kommunizieren kostet viel Zeit, in der Saison ist diese Zeit durch die vielen Märkte nicht vorhanden und irgendwann muss ich auch produzieren...



HINWEIS

Die Riemenbreiten werden in mm (15er Riemen = 15 mm breit) angegeben und

Zungen in cm (Länge x Breite), zur Einschätzung der Größenverhältnisse.

Die Typenbezeichnung ergibt sich aus: Jahrhundert + fortl. Nr. + Material, Bspl.: „XIV_012_me“

[bei Anfragen bitte immer diese komplette Bezeichnung wählen + Farbe des Leders]



Zum Wert eines Gürtels

Schnalle + Riemen + (Senkel) Zunge = Gürtel fertig montiert.

Spenglin (Riemenbeschläge) werden auf Wunsch auf den Gürtel montiert.

(ca. 1/5 des Preises ist Steuer an die Obrigkeit, kommt also der Allgemeinheit zugute)

Versandkostenpauschale 5,00 EUR (Hermes oder DHL)



Unser Handwerk

Schnallen, Zungen und Riemenbeschläge werden historisch korrekt angenietet,

die Riemen gesäubert, kantenbeschnitten oder -gerundet, geölt oder gefettet.

Das Leder ist erhältlich in den Farben: natur, dunkelbraun, schwarz oder rot.

In der Regel verwende ich Rindsvolleder vegetabiler Gerbung, manchmal aus der Grubengerbung, auf Anfrage auch Hirsch (natur oder sämischweiß)

- Länge beim Rind bis ca 2,20 m möglich



Bei konkretem Interesse bitte vier Fragen beantworten:

1. Ist die Darstellung zivil oder militärisch, wie ist der soziale Rang?

2. Wie lang ist die Gewandung (Taille, Oberschenkel, Knie, Wade, Knöchel)?

3. Körpergröße oder gewünschte Gürtelgesamtlänge angeben.

4. Umfang des Gürtels auf Taille oder Hüfte, dazu bitte die Maßeinheit bis zum engsten bislang genutzten Loch

[möglichst auf der Gewandung mit einem vorhandenen Gürtel vom Dornansatz (Scharnier), nicht Dornspitze, bis zum engsten genutzten Loch messen, falls mit Maßband, dann zieht kräftig zu, denn bei einem Gürtel mit angehangener Tasche werdet Ihr ihn enger ziehen, so daß locker abgemessenen Löcher zu weit aussen sitzen. Ich mache meist Löcher in beide Richtungen zu dem mir angegebenen Wert, sogenannte „Sommer- und Winterlöcher“. Bitte keine Maßangabe in moderner Hose, Jeans o.ä.]

Gürtel des Früh- und Hochmittelalters werden in der Regel in Taillenhöhe getragen,

Gürtel des Spätmittelalters in der Taille, zuweilen aber auch auf der Hüfte,

(die breiten Houppelande-Gürtel aus Stoff sind davon ausgenommen).









Beispiel:

XIV_012_me“

[Gürtelform gegen Mitte XIV. Jh]

20 mm Riemen (schw/dunkelbraun/natur/rot)

hier dunkelbraun

und Senkel_me 10 x 1,5 cm

montiert 69,00 EUR inkl. Steuer

Beschläge „Nr. 7016“ auf Anfrage







...falls Fragen, schickt Eure mail-Postille an

dragal (at) web.de

Vielen Dank für Euer Interesse

Christian





Sollte nach der Erstellung eines Gürtels irgendetwas nicht zu Eurer Zufriedenheit sein, nicht erkennbare Gußfehler oder vorschnelle Materialermüdung zu unvorhersehbaren Schäden führen, dann setzt Euch mit mir in Verbindung. Ich werde für Abhilfe sorgen.









Stadtsiegel von Elbing um 1400

Ich selbst habe zwei Darstellungen:

[...obwohl ich gestehen muß, daß ich dem nicht mehr so hohe Bedeutung beimesse. Das „wissenschaftl.“ Interesse überwiegt gegenüber dem darstellerischen. Die frühe Darstellung ist ein Navigator um 1400, die zweite betrifft den Handwerker gegen Mitte des XV. Jhs, der sich auf diesen Seiten austobt]

Mein Großvater war Navigator und Bürger der Stadt Elbing unter der Herrschaft des Ordens am Baltischen Meere und verkehrte mit den Herren im Rat. Es kam die schicksalhafte Schlacht, die vieles veränderte. Seitdem wurde der polnische König unser Lehnsherr. Nun, Jahrzehnte später, hat unsere Familie keinen Grundbesitz mehr in der Stadt. Ich bin als Handwerker tätig, der, mit zünftischer Erlaubnis, durch die Lande ziehen muss, um sein Auskommen zu finden.“



Markttermine 1. Jahreshälfte 2018




V-VIII / IX-XI / XI-XIII / XIII-XIV / XIV / XV / XVI-XVI Jh

400-800 / 800-1025 / 1025-1250 / 1250-1350 / 1350-1400 / 1400-1450 / 1450-1520

Jahrhundertwenden ergeben nicht unbedingt eine Zäsur in der Mode, sondern wir haben allmähliche Übergänge. Also schaue man/frau bis dahin auch etwas vorher und nachher...

Spezielle Objekte mit längeren Laufzeiten im direkten Zugriff:

Beutelhalter XIII.-XV. Jh

Knieriemen XII.-XV. Jh

[verschiedene thematische Exkurse, wie Byzanz / Adel / Hundertschaft / Gefolgschaft / Lehnswesen / Ministeriale sind im Aufbau begriffen siehe unten]

Ich habe mich bei den Datierungen am Marktstand und im Internet bewusst für die lateinischen Zahlen entschieden, damit in der Benennung des Gürtels das betreffende Jahrhundert sofort erkennbar ist. Falls Ihr keine „Asterix“-Leser gewesen seid, habe ich es Euch links etwas einfacher gemacht.

Desweiteren haben bei meinen privaten Studien Abkürzungen, die häufig benutzt werden, wie „mglw, uvm, etc, usw“ keinen angehangenen Punkt, mich stört er im Schreib- und Lesefluß. Es wird also auch auf diesen Seiten vorkommen und wird mglw. beim Nachlesen korrigiert. Auf jeden Fall gibt es kein „Jahrhundert“ und keinen Punkt, sondern nur „Jh“, jeder wird wissen, was gemeint ist. Ich konnte mich hinzu noch nicht entschließen, ob ich die Texte/Verben in Vergangenheitsform, Präteritum verfassen soll oder zeitlich lebendiger im historischen Präsens. Einen möglichen unvermittelten Wechsel mag mir der geneigte Leser nachsehen...ungeneigte kommen eh nicht bis hierhin...



Ich möchte hier die Gelegenheit nutzen und mich bei allen herzlich bedanken, Museen und Verlagen genauso, wie bei Darstellern, die mir am Marktstand durch anregende Gespräche oder durch mails wertvolle Tips zu Originalfunden, Material und Verarbeitung, Hinweise zu Literatur oder sehenswerten Ausstellungen gegeben haben, die ich hier für viele möglichst gewinnbringend anwenden möchte. Auch danke ich jenen, die durch Ihre Bestellungen diese Seiten finanziell möglich machen, auch wenn die Bestellzeiten zukünftig eingeschränkt werden !!! Nach wie vor bin ich für Anregungen und Kritik dankbar und mögliche andere Sichtweisen, um meine Anschauungen zu relativieren und zu prüfen. Denn keiner ist davon ausgeschlossen: Wir sehen nur, was wir auch sehen wollen.

Impressum

Stand 16.05.2018




...herrlich, so schön können meine Gürtel aussehen, wenn sie dafür genutzt werden, wofür sie auch gedacht sind, etwas mehr Grünspan an den Senkel und von einem Original nicht mehr zu unterscheiden..., so was kann mich durchaus begeistern! Zukünftigen Forschergenerationen könnte der Gürtel rein optisch, ohne eingehende Materialanalyse, durchaus Probleme bereiten. „Warum liegt der in der 21. Jh-Schicht?“



Ich bin in erster Linie auf dem Markt und dort für viele tätig, hier nun stehe ich Euch ganz exklusiv zur Verfügung. Rechnet bitte immer ein wenig Dauer bei Anfragen ein, oft müssen speziell Bilder zurückgeschickt, Fragen geklärt oder Stücke angefertigt werden. In der laufenden Saison ist die Zeit knapp und ich bin nur in gewissen Abständen im Netz. In der Saison werde ich zukünftig keine speziellen Gürtelrekonstruktionen mehr erstellen. Das schnelle „Geburtstagsgeschenk“ ist ohne Vorbereitungszeit unmöglich. Märkte beschränken sich in unserer Größenordnung leider nicht nur auf zwei bis drei Tage Arbeit, sondern Standauf- und Abbau, Hin und Rückfahrt, Vor- und Nacharbeiten, Steuer und Bürokram lassen die Woche dahin schmelzen, so daß für die Werkstatt oft zu wenig Zeit bleibt. Bei Markt-Kombi-Touren ist auch ein Monat „schnipp“ vorbei...ohne daß nur eine Schnalle gefertigt, ein Blech geschnitten oder irgendwelche Spenglin entgratet und poliert wurden.

Bitte achtet und respektiert die Arbeit und die vielen Stunden Recherche. Die Verwendung der Inhalte dieser Seiten darf nur nach Genehmigung erfolgen. Ich will hier nicht mit Paragraphen strotzen, das Korsett ist mir zu eng. Es soll mit diesen Seiten Niemandem Schaden zugefügt werden, ganz im Gegenteil, und bitte dies auch umgekehrt so zu handhaben. Ich danke für Euer Verständnis.


Das ganze hier ist ein Entwurf, bzw. besteht aus vielen kleinen „Würfen“. Aus Zeitmangel für die digitale Welt werden diese Seiten immer bruchstückhaft, teilweise zu grob gestrickt und wohl auch mit Fehlern behaftet sein, manchmal sind nur Anregungen und Ideen hier hineingeworfen, um später überarbeitet zu werden (es lohnt sich also noch einmal vorbei zu schauen und die aktualisierte oder korrigierte Fassung zu lesen), manchmal war ich auch einfach nur zu müde, da ich eher abends am Rechner sitze. Das Projekt ist ein grosser Lernprozeß für mich. Denn „das Schreiben“ wurde mir nicht in die Wiege gelegt. Am Stand sind Dinge schnell gesagt oder behauptet, zumal ich dort, aufgrund der Fülle der Anforderungen, meist in „Streßsituationen“ stehe. Hier bin ich gezwungen, bzw. bezwinge mich selbst, in immer neuen Anläufen, auf den Punkt zu kommen (ja genau den, den ich zuweilen weglasse). Falls irgendetwas unklar ist, schickt mir eine mail...

[Ich weiss, daß ich sehr langsam voranschreite. Ich habe inzwischen hunderte von Gürtelrekonstruktionen erstellt, die bildtechnisch fürs net aufbereitet werden müssten, auf diesen Seiten wird also nur ein Bruchteil abgebildet, lange Zeit habe ich es bedauerlicherweise überhaupt versäumt Bilder von den erstellten Stücken anzufertigen. Es soll allerdings nicht gezeigt werden, daß ich etwas angefertigt habe, sondern warum ich es in dieser Form tat. Vornehmlich gilt es also mein Archiv gründlich aufzubauen, um stichhaltige Aussagen zu liefern und die eigenen Erkenntnisse zu untermauern. Die private „Forschung“ hat für mich Vorrang und die Fülle des Materials ist schlichtweg erdrückend. Ich nähere mich dem Mittelalter mit der „Naivität“ eines modernen Menschen, möglichst nicht überheblich dem Thema gegenüber, wie ich es oft in meiner Zeit erlebe, da wir ja „allwissend“ am Ende der Kette stehen, sondern ehrfürchtig. Das Mittelalter liegt vor mir wie ein gefällter „Mammut- Baum“, gewaltig und riesig, der Stamm übermannshoch. Ich nähere mich ihm und kratze ein wenig an der Rinde. Der entströmende Duft erweckt eine Ahnung. Die Tiefe ist überhaupt nicht zu ermessen, hart und verschlossen, genauso wenig wie Anfang oder Ende des Baums zu erkennen sind, obwohl ich weiß, daß er Anfang und Ende hat, da er ja der Zeit zum Opfer fiel...]

Auf diesen Seiten gibt es keine „cookies, tracker, ...“ oder sonstige bizarre Dinge. Es müssen keine persönlichen Daten eingegeben werden oder ähnliches. Wer mich erreichen möchte, schicke eine übliche mail. Übrigens, reitende Boten haben bei den heutigen Verkehrsverhältnisse nur noch auf Schleichwegen eine Chance durchzukommen, ansonsten werden ihre Pferde im Dauerstau verdursten und sie selbst verhungern, wenn nicht genügend verproviantiert.


Anmerkungen, Quellenverweise, Exkurse:

1/Auf berechtigte Kritik hin will ich zunächst einmal den „Langgürtel“ definieren. Ich verstehe darunter Gürtel, die nach dem Anlegen ein deutlich längeres Zungenteil aufweisen als moderne Gürtelformen und damit über den Oberschenkel bis auf Knielänge reichen und in speziellen Fällen bis zum Schienbein. Fingerlin verwendet für die langen Gürtel des XIV. Jhs mit gestreckten manieristischen Beschlagformen den Begriff des „Gürtels mit Überlänge“. Daran würde ich mich gerne anlehnen und den Begriff erweitern: Länge bis Knie = „Langgürtel“ und Länge bis Schienbein = „überlanger Gürtel“. Der provokante Titel wird meinen Beliebtheitsgrad in der Szene sicher nicht gerade steigern, aber es geht hier nicht um „Besserwisserei“, sondern um genaues Hinschauen und einen kritischen Umgang mit den Quellen. Genau genommen sollte es eigentlich heißen „Mythos geschnallter Langgürtel“.

Diese Gürtelform ist heutzutage im Besitz fast jeden „Mittelalterdarstellers“. Er ist aus der Szene nicht mehr wegzudenken und gilt neben Waffen und anderen Kleidungsstücken als typisch mittelalterliches Attribut. Dadurch wird er stilisiert und hat er eine „Aura“ erhalten, bzw Mittelalter und Langgürtel werden von den Darstellern unweigerlich miteinander verknüpft. Nimmt man das Mittelalter als 1000jährige Epoche mit unterschiedlichen Modeströmungen ist dem aber nach historisch korrekter quellenkundlicher Betrachtungsweise nicht so. Nachweise für geschnallte Gürtel, die mit ihrem Zungenteil eine deutliche Überlänge bis zum Knie aufweisen sind für Mann und Frau vor der Mitte des XII. Jhs ausserordentlich selten und längere Gürtelformen werden, Abbildungen gemäß, eher reinen Bindegürteln zugesprochen, also vornehmlich textilen Gürtelvarianten ohne Schnalle. Erst im Zuge der französischen Gotik verbreiten sich lange geschnallte Gürtelformen, durch Skulpturen gut nachweisbar, die nun sogar Überlängen bis zum Schienbein und länger aufweisen. Den Quellen nach beschränkt sich diese Gürtelvariante zunächst auf Adel und den höfischen Bereich, mag dann im SMA vom gehobenen städtischen Bürgertum im gewissen Sinne nachgeahmt worden sein, betrifft den Großteil der damaligen Bevölkerung jedoch nicht, er trägt bestenfalls lange Gürtel bis zum Saum der Gewandung, meint in der Regel Oberschenkel, bzw. Knie, aber keine Überlänge! Diese speziellen Gürtel finden bei den führenden Schichten europaweit im XIV. Jh den modischen Höhepunkt (Fingerlin hebt diesbzgl auch die extrem lang gestreckten Bleche und Dekors hervor). Sie werden teilweise mit religiösen Gesichtspunkten aufgeladen, wie Mariengürtel als Zeichen des „Unberührten und Keuschen“. In diesem Sinne werden auch die Langgürtel bei den häufig dargestellten „klugen und törichten Jungfrauen“ zu verstehen sein. Die Jugendlichkeit und die Unberührtheit der adeligen Patriziertöchter wurde durch die Gürtellänge betont. Davon kann man keineswegs Standardgürtel dieser Zeit ableiten!!! Mit den modischen Veränderungen in der zweiten Hälfte des XIV. Jhs beginnen sich bei den Männern die Gürtel der führenden Schichten deutlich einzukürzen, um ab Mitte des XV. Jhs als Langgürtel fast gänzlich zu verschwinden. Der überstehende Zungenteil ist nun oft nicht viel länger als eine Handspanne. Spezielle ritualisierte Handlungen am Hof und in Adelskreisen oder historisierende Darstellungen erforderten zuweilen den älteren Langgürtel (Belege werden auf den entsprechenden Seiten gebracht). Auch in der weiblichen Sphäre der gehobenen Schichten und als „Sonntagsgürtel“ der Bürgerinnen hält er sich, teilweise allerdings mit auf Knielänge eingekürzten Varianten, länger und im Laufe des XV. Jhs erweitert sich das Spektrum mit vollkommen neuartigen Formen unterschiedlichster Länge und Breite. Im Schwerpunkt gilt dies für Adel und das gehobene Bürgertum. In den unteren Schichten sind Langgürtel bei Frauen in der Wende XV./XVI. Jh bestenfalls „Sonntags-, bzw Festgürtel“, wobei allerdings generell gilt, daß, vielleicht mit Ausnahme der Schweizer Bilderchroniken um 1500, in den Quellen Frauen dieser sozialen Schicht weniger präsent sind als Männer. Für den heutigen Betrachter stellt sich erschwerend das Problem zu erkennen wer in den Kunstwerken überhaupt Darstellung fand und die Quellen nach sozialen Gesichtspunkten korrekt zu interpretieren. Mariengürtel oder die weiblicher Heiliger als Standard für weibliche Gürtelformen anzusehen wäre ein grober Fehler. Eine „Madonna im Ährenkleid“ trägt keinen extrem überlangen Gürtel, dessen Senkel ein gutes Stück auf dem Boden neben ihr liegt, um einen verrückten Modegag der Zeit aufzunehmen, sondern verdeutlicht die absolute Unberührtheit und Keuschheit dieser weiblichen „Himmelserscheinung“, die gleichzeitig Symbol der Fruchtbarkeit (Ähre) ist ! Die Logik der röm-kathol. Kirche werde ich nie verstehen...

Fazit: In der 1000jährigen mittelalterlichen Epoche, nach geläufiger Definition, beschränkte sich die Kernphase des geschnallten Langgürtels bei Männern auf rund 250 Jahre (2. Hälfte XII. bis 1. Hälfte XV. Jh), die des „Gürtels mit Überlänge“ auf nicht einmal 100 Jahre (2. Hälfte XIII. bis 2. Hälfte XIV. Jh). Grundsätzlich läßt sich festhalten, daß Gürtelzungen nur äusserst selten über den Gewandsaum ragten. Also bestimmte die Länge der Gewandung auch die Gürtellänge, wobei ein langes Gewand, meist Vorrecht der Oberschicht, nicht zwingend einen Langgürtel erforderte, siehe Bürger ab Wende zum XV. Jh. Während kürzere Kleidung, ob Tunika oder kurze Schecke, in der Regel einen kürzeren Gürtel bedingte. Das FMA und das beginnende HMA kannte, nach archäologischen Befunden, den Langgürtel nicht, abgesehen von textilen Bindevarianten auf Abbildungen/Skulpturen, das SMA nur noch im eingeschränkten Maß. Auch in der weibl. Modesphäre betrafen Langgürtel hauptsächlich Adel und besitzendes Bürgertum, damit also die „obereren Zehntausend“ und waren keineswegs typischer Bestandteil mittelalterlicher Kleidung, schon gar nicht Ausstattung der hart arbeitenden Bevölkerung. Mägde und ältere Personen wurden oft mit viel kürzeren Gürtelformen dargestellt.

2/Geppert in Ars Sacra, S. 131. Der Wandel von Formen in der Mode ist nicht nur eine Frage der Ästhetik. Die Häufung, das Vorhandensein oder Fehlen von Formen in bestimmten Regionen lassen meines Erachtens Spekulationen über Strukturen von Herrschaft, Diplomatie, soziale Hierarchien, die Beeinflussung in religiösen, künstlerischen und technischen Dingen, im Handel mit Warenströmen und Verkehrswegen oder Rohstoffzugriff und -verarbeitung zu. Handel bsplw. beschränkt sich nicht nur auf die Sachkultur, sondern ist immer zugleich Träger wichtiger Impulse und Ideen. Die heutige Forschung in ihren Spezialgebieten ist vorsichtig in Deutungsversuchen übergeordneter Art, z.B. eine Verifizierung von historischen Sachverhalten anhand von archäologischen Artefakten oder die Zuordnung jener zu bestimmten Ethnien. Mit Sicherheit ist Vorsicht geboten, doch ich bin durchaus der Ansicht, daß der heutige Betrachter eines archäologischen Fundstücks oder eines zeitgenössischen Kunstwerks ein Ergebnis obiger Determinanten wahrnimmt, die zur Erhellung historischer Zusammenhänge beitragen können als Mosaikstein im grossen Puzzle der Vergangenheitsbetrachtung.

3/Was ist mit dem zeitgemäßen Gürtel gemeint? Ich möchte das anhand einer sehr speziellen Schnallenform verdeutlichen für denjenigen, der es genau wissen will. Denn jetzt geht es sehr in die Details: Es geht um die oft genutzten Schnallen in Doppelovalform, siehe Beispiele auf meinen Seiten 2. Hälfte XV. Jh. Wann tauchen sie auf, können sie von Darstellern des Hochmittelalters genutzt werden oder ist es eine Form des Spätmittelalters? Nach den Funden aus London [Egan, G. (Hrsg.): Dress Accessories 1150-1450. Medieval Finds from Excavations in London, S. 65-88] wird das Gros unverzierter Doppelovalschnallen aus Kupferlegierungen von 15-25mm Breite (Egan Nr. 331-341) zwischen 1350 und 1450 datiert. Ihre einstige Verwendung bleibt offen. Kleine unverzierte Ausführungen aus Zinn-Blei-Legierungen unter 20mm Breite (Egan Nr. 350-375) werden dem Schuhwerk zugerechnet und ebenso zwischen 1350 und 1450 datiert. Ähnlich wird die Sonderform kleiner runder Schnallen mit mittlerer Dornachse meist aus einer Zinn-Blei-Legierung von max. 22-23mm Durchmesser (Egan Nr. 221-259) betrachtet und stammt in London in der Regel aus der Zeit nach 1400. Grössere, oft verzierten Formen, aus Messing/Bronze oder Zinn/Blei von ca 40-65mm Breite (Egan Nr. 334, 342-345, 377, 387) werden um 1400 datiert. Von den eisernen Formen (Egan Nr. 346-349) weicht nur ein einziger Fund, eine gestauchte Doppelovalform, aus Eisen verzinnt von ca. 50mm Breite (Egan Nr. 346) in der Datierung mit 1230-60 entschieden davon ab. Mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit wurde die Schnalle für das Zaumzeug genutzt, denn eiserne Schnallen zwischen 40-60mm Größe stammen in der Regel aus diesem Zusammenhang. Die gestauchte hohe Doppelovalform taucht als einmaliger Fund auch auf der Isenburg in Hattingen, vor 1225 datiert, auf. Vier kleinere Doppelovalformen aus verzinnten Kupferlegierungen mit Blechen von unter 12mm Breite (Egan Nr. 378-381), teilweise mit Gurtbreiten von nur 6mm, werden zwischen 1270 und 1350 datiert, gehören also ins XIII. oder XIV. Jh. Eine recht ungenaue Aussage, hinzu sind diese Schnallen aufgrund der Größe eindeutig keinen Gürteln zuzurechnen! Fazit: Die Doppelovalform ist im XIII. Jh bekannt, denn archäologische Funde sind bereits früher nachweisbar, wie die Schnalle aus Fyrkat VIII.-X. Jh, vermutlich vom Zaumzeug. Die meisten Funde werden aber in der Regel ins SMA datiert und es gibt in London nur eine präzise Abweichung vom Gros der datierten Schnallentypen. Für mich sind das stichhaltige Gründe diesen Schnallentyp für Gürtel frühestens erst um 1400 zu verwenden, da ich hinzu weder Zaumzeug noch Schuhwerk erstelle. Auf Abbildungen taucht er bei den Gürteln erst im Laufe des XV. Jhs auf, nebenbei begegnen uns dort neben den runden sehr viele eckige Doppelformen.

4/Als Dienstmannen werden bsplw. in der Grundherrschaft des Stifts Essen die sculteti Schulten/Schultheiße genannt, die Richterfunktionen an den bäuerlichen Herren-/Oberhöfen erfüllten, an denen Abgaben der Unterhöfe/Hufen/Mansen gesammelt wurden, um an das Stift weitergeleitet zu werden, das jene mit den zu erbringenden Dienstleistungen (Hand- und Spanndienste) als servitium verlangte, die wiederum vom magister culturae, dem „Baumeister“ als Verantwortlichen der Wirtschaftsführung eingeteilt wurden. Dazu zog er die Hörigen der Unterhöfe, halbfreie Hörige und Handwerker des Oberhofes heran [Küppers-Braun, U.: Macht in Frauenhand. 1000 Jahre Herrschaft adeliger Frauen in Essen, S. 25ff] Als niedere Dienstmannen galten z.B. Scheffler, die u.a. die Vorratshaltung, Mühlen und Brauereien überwachten und Fischmeister oder Waldknechte, die für das Jagdrevier und die Honiggewinnung zuständig waren. Vielfach waren Dienstmannen per Auftrag im FMA und HMA Träger der Kolonisierung mit Rodung, Urbarmachung von Land und Errichtung von Siedelstellen. Sie standen dem Bauernstand näher, bzw. waren Bestandteil der „nährenden Schicht“ und dürfen deshalb gesellschaftlich nicht zu hoch angesetzt werden. Zu den Dienstmannen/Ministerialen siehe auch den Exkurs unten. Zu den selbständig agierenden Frauen gibt es eine Auflistung der Kramladeninhaber rund um die Frauenkirche in Nürnberg im Spätmittelalter. Falls nicht selbständig, mögen weibliche Personen sich in meiner Auflistung bitte, nach mittelalterlicher Rangordnung gedanklich an des Gatten Seite stellen. Interessant ist auch die sozial hochrangige Personengruppe der spezialisierten Handwerker, wie die Leiter der Bauhütten, bzw Baumeister, die sich für bestimmte Bauprojekte vertraglich banden oder Positionen einnahmen wie Arnold von Westfalen, der als Landeswerkmeister der Wettiner verschiedene Bauprojekte leitete, wie z.B. den Ausbau der Albrechtsburg in Meißen. Laut Bestallungsurkunde von Juni 1471 „Uffnemung Meister Arnolts Westveling zcu eynem buwemeisterstanden jenem neben Jahressold und Wochenlohnzahlung ein Dienstpferd und jährlich ein Hofgewand durch die kurfürstliche Kammer zu. Bürgerliche Steuern und Dienste musste er nicht leisten [Monumente 11/12-2009, S. 68]. Beschränkte sich diese Gabe auf das reine Kleidungsstück oder gehörten Kopfbedeckung, Schuhe, Gürtel, etc. dazu?

Zu den empfohlenen Materialien/Metallen. Grundsätzlich gilt anzumerken, daß sich die einzeln Schichten/Stände im Laufe der Jahrhunderte wohl immer mehr leisten konnten, sonst hätte es ja keine Reglementierungen/Kleiderordungen gegeben. Auch wird zu unterscheiden sein zwischen der Alltagsgarnitur und dem Repräsentationsstück. Es folgt also eine recht schematisierte Rangfolge: In der Merowingerzeit ist Eisen grundsätzlich immer eine gute Wahl, Bronze oft möglich, Messing scheint knapp gewesen zu sein, so daß es damals einen hohen Wert besaß. Die sozialen Eliten wurden durch silberne und vergoldete, selten durch goldene Objekte gekennzeichnet. In den nachfolgenden Jhn änderte sich daran wenig. Seit der Karolingerzeit scheint, nach neueren Erkenntnissen, Messing inzwischen häufiger verfügbar zu sein. Sogar in der nordischen Sachkultur tauchen Messingbarren in Haithabu auf, ansonsten wird in den Publikationen meist Bronze genannt, oder schlichtweg die ungenau definierte „Kupferlegierung“, für die übrigen Metalle gelte das Schema der Merowingerzeit. Messing fand erst im HMA weite Verbreitung und konnte bis in die frühe Neuzeit sowohl für Kleinobjekte genutzt, als auch für Aquamanilen, Leuchter, Schüsseln, Kannen, etc. verwendet werden, der Wert des Materials wird aufgrund der Verfügbarkeit deutlich gesunken sein. Bronze war stabiler und ließ sich, aufgrund des gegenüber Messing einfacheren Legierungsverfahrens, für qualitätvolle Großobjekte wie Glocken, Grabplatten oder die grossen Bronzetüren der Kirchen gießen. Darsteller einfacher sozialer Schichten sollten, wenn nicht die häufig verbreitete textile Gürtelvariante, der Strick aus Wolle oder Hanf gewählt wird, auch im HMA/SMA bei einer Leder-Eisen-Garnitur bleiben, dazu zählt meines Erachtens auch der einfache Söldner/Berufskrieger/Kämpfer, der im Feld steht. Je nach Rangordnung waren sicher auch ganz andere Metalle möglich, aber Militär fordert stabile Formen und die waren in erster Linie aus Eisen und Stahl, oft verzinnt. Dem besser situierten Handwerker/Kaufmann sei je nach Gewerbe Messing oder Zinn/Verzinnung angeraten und der Patrizier/Ratsherr/reiche Kaufmann als „echter Bürger“, mit Eintrag in die Bürgerrolle, wie es in Testamenten durchaus belegt ist, greife möglicherweise zu Silber als „Zeichen der neuen Anmaßung“, mit dem Bewußtsein, daß er allerdings je nach Gewicht/Wert der Stücke und je nach Region mit der „vorherrschenden Kleiderordnung“ in Konflikt gekommen wäre. In Göttingen war Mitte des XIV. Jh Bürgerinnen das Tragen von silbernen Gürteln nicht gestattet und die Reichskleiderordung von 1530 besagte deutlich, daß sich z.B. eine Bürgersfrau nicht mit vergoldetem Silber schmücken solle. Archäologische Fundstücke aus den Städten zeigen Feuervergoldungen, partiell bei Silberstücken, ansonsten häufig bei Kupferlegierungen, die urspl. aus gehobenem Besitz stammten. Für unfreie Ministeriale niederen Ranges halte ich Eisen (militärisch), Messing (zivil) oder Zinn/Verzinnung für angemessen, auch Bronze als qualitative und optisch sichtbare Aufwertung gegenüber dem inzwischen geläufigen und schnöden Messing. Dadurch daß gehobene Ministeriale seit den Saliern und unter den Staufern wichtige politische Funktionen erfüllten und erst recht seit dem Untergang der staufischen Herrschaft in der 2. Hälfte des XIII. Jhs wird diesen mit Ambitionen zum Aufstieg in den niederen Adel/Dienstadel/Ritterstand, sicher auch Silber, Vergoldung, bzw die vergoldete Kupferlegierung zugedacht werden können, als Zeichen des gesellschaftlichen Aufstiegs und später der neu erworbenen „Freiheit“. Für die höchsten Ränge im unmittelbaren Hofdienst (Drost, Marschall, Kämmerer oder Mundschenk) war auf jeden Fall Silber und Gold üblich, da hier quasi der Sprung in die Adelsschicht bereits vollzogen war und der Hofstaat mit wertvollen Donativen/Geschenken der Herrscher rechnen konnte. Ansonsten gebührt Silber zweifelsohne dem Geburts-/Hochadels, üblicherweise folgten Vergoldungen und Aufwertungen durch Edelsteineinlagen und selbstverständlich Gold, eigentlich das „königliche“ Symbol der Herrschaft und Dauer, aber selbst dieser entstammte ja dem Hochadel. Es gilt hinzu zu beachten, daß nicht allein das Material zählt, sondern auch die Ausführung, der Unterschied zwischen Massenware und kunstvoller individueller Verarbeitung einzelner Objekte.

5/In Paris ist das Gürtlerhandwerk durch erhaltene Statuten sicher um 1250 nachweisbar. Für Köln sind Gürtlersatzungen aus dem XIV. Jh. bekannt. In Krakau wurde zwischen Messing- und Zinngürtlern unterschieden, in Paris kamen noch die Eisengürtler hinzu, die hauptsächlich schwere Gürtel für das Pferdegeschirr fertigten. Es gab Riemenschneider und Gürtler, wobei nur letztere Beschläge setzen durften, Krakau 1365: „so haben dy zelbigen rymer vor der stad den gortlern entwichn, das sy keyne rewsische gorteln machen sollen noch keyn blechrinke umschloen.“ und Wien 1403: „ also dass fürbas die riemer chainerlei gurteln machen sollen mit hammer noch mit nageln.“ Auch die Liegnitzer Zunftordnung von 1424 trennt die Gürtler mit der Setzung von Messingbeschlägen von den Riemern. Für das Erstellen der Schnallen waren die „Spengler“ zuständig, selbst für das Ziehen der Nieten gab es ein eigenes Gewerbe. Edelmetalle wurden nur von den Silber- und Goldschmieden verarbeitet! Diese waren oft angesehene Bürger, mit Eintrag in die Bürgerrolle der Stadt, also keineswegs nur Einwohner derselben, wie einfache Handwerker ohne Grundbesitz. Die Rechnungsbücher des franz Hofs weisen eindeutig auf jene hin, Fingerlin, Gürtel, S. 24-30. [Die „Rinke“ meinte die Schnalle, vermutlich zunächst meist in rundlicher Form, denn der „Salwürker“ (mhd. sal = Draht) war der „Rinkelschmied“, der Drahtringel für das Kettenhemd nietete.]

6/Prozessionen spielten im MA eine größere Rolle, als mir das bislang bekannt war. Die christlichen fanden nach fest definierter Liturgie statt, bsplw. an Lichtmeß, Himmelfahrt, Fronleichnam oder die Osterprozession in der Karwoche und am Palmsonntag mit dem hölzernen „Palmesel“ auf Rollen, wovon einige Skulpturen die Zeiten überdauerten, und dem „Einzug in Jerusalem“, der in der Tafelbildmalerei festgehalten wurde, wo reiche Bürger Jesus auf dem Esel mit ihrem Rock den Weg bereiteten. Es gab die Passion, Kreuzdeponierung oder Grabesprozession, für die extra ein festes sepulcrum oder mobile aufwändige hölzerne Tragschreine errichtet wurden, erhaltene Exemplare in Salzburg und Chemnitz. In theatralischen Inszenierungen sollten die zeitlich und örtlich weit entfernten überlieferten Handlungen dem einfachen Gläubigen nahe gebracht werden. Verschiedene Wunder- und Mysterienspiele wanden sich allmählich aus dem kirchlichen Bereich in die weltliche Sphäre. Daraus entstand das Laienschauspiel. Bekannt waren die „rederijker-Spiele“ der Handwerker und kleinen Kaufleute mit zumeist lustigen und moralisierenden Stücken in den Städten der Niederen Lande. Auch der sinnenfreudige Karneval mit seinen ausartenden Exzessen wurde dort ausgiebig zelebriert, in grossen Umzügen mit vielen thematischen Wagen oft prunkvoller gestaltet als mancher Königseinzug. Heidnische Attribute der Fruchtbarkeit mussten wohl oder übel von den Oberen toleriert werden (vermutlich hatten die bei manchen Reenactern beliebten obszönen Abzeichen hier ihren Ursprung, in Analogie zur antik-römischen Symbolik). Ähnlich werden die heidnischen Fastnachts- und Frühjahrsbräuche in Süddtld zu werten sein oder speziell der „Schembartlauf“ in Nürnberg, mit Tiermasken und Fellen. Karl IV. hatte den dortigen Schlachtern das Privileg zugestanden heidnisch anmutenden Tänze aufzuführen, das die Stadt bald als einen grossen weltlichen mehrtägigen Umzug gestaltete. Den Höhepunkt bildete die Erstürmung eines Wagens in Schiff- oder Turmform, das von Dämonen gegen die anlaufenden Schembartläufer verteidigt wurde bis das ganze in Flammen aufging. Erst mit der Reformation wurde diesen Bräuchen Einhalt geboten. So hatten eine hohe Zahl von Umzügen eher weltlichen Charakter und nach wie vor fanden Bittprozessionen statt, in denen um Regen oder Abkehr von Stürmen, bzw. schönes Wetter gebeten wurde. Es waren in jedem Fall Massenspektakel. Die herrschenden Schichten versuchten diese selbstverständlich zur eigenen Zurschaustellung und Präsentation im öffentlichen Raum zu nutzen. Von je her hatte der Einzug des Königs in eine Stadt einen besonderen symbolischen Charakter und wurde ab dem XIV. Jh stärker zelebriert, indem Vertreter der Bürgerschaft jenem entgegen zogen und mit Schlüsselübergabe im Gegenzug Privilegien erhofften. Städte galten den Königshäusern oft als willkommenen Geldquellen oder Verbündete im Kampf gegen den aufsässigen Adel. Vor allem in Frankreich und England galten weltliche Prozessionen der Legitimation und Sichtbarmachung des Heils der Königsherrschaft und der königlichen Politik, so geschehen bei den Umzügen von Mai bis Juli 1412 in Paris, als König Karl IV. (1380-1422) um Unterstützung für den Kampf gegen die Armagnaken warb. Jegliche Herrscherbegräbnisse und Inthronierungen wurden von einer reichen Bildersprache begleitet. In Frankreich wurde es zum Ende des XV. Jhs üblich im Begräbniszug das Ebenbild des Königs durch eine Puppe in den Staatsgewändern zu präsentieren. Die Übergabe der Herrschaft an den Nachfolger musste sichtbar zelebriert werden. Besonders prunkvoll war der Einzug Heinrich VI. von England 1431 in Paris und nachfolgend in London, als man besondere Schauplätze und Requisiten erstellte und Schaustücke mit Personifizierungen der Tugenden und weitere Allegorien aufführte. Zum Ende des Mittelalters wurden diese immer aufwändiger und es entstand ein fester Kanon an Dargestelltem, das biblische Gestalten, Heilige, historische Vorbilder und vor allem in Italien auch antike Themen mit einschloß. Aber auch 1485 beim Einzug Karl VIII. in Rouen wurde u.a. Kaiser Konstantin beschworen, Maxentius schlagend, um die hohe Abkunft des franz. Königshauses herzuleiten, neben der von Karl dem Großen selbstverständlich. Grosse dynastische Verbindungen wurden in besonderen Heiratsprozessionen durch allegorische Darstellungen dem Volk vor Augen geführt, wie 1501 beim Einzug der hoch gerühmten Braut Katharina von Aragon in London. Auch die Turniere des Adels wurden immer prunkvoller und hier wurden ebenso Allegorien und kleine Spielszenen eingefügt. Mit den finanziellen Möglichkeiten der Städte und durch das dort angesiedelte unverzichtbare Plattnerhandwerk wanderten Turnierveranstaltungen allmählich in die urbane Sphäre. Das erstarkende Bürgertum wetteiferte mit dem Adel, so daß es bald auch Bürgerlichen möglich war Turniere in Form von Festspielen abzuhalten. Erst recht nach der Reformation ersetzten städtische Turniere viele kirchliche Veranstaltungen. [nach B. Holme, Der Glanz höfischen Lebens im Mittelalter, 1987]

7/Die Sprache der Kleidung [nach S. Geppert (2010)] Für alle Epochen gilt, daß die Kleidung, vor allem bei Plastiken und Gemälden biblischen Inhalts, in hohem Maße tendenziös ist. Geppert spricht von einem „Codesystem“. Der heutige Betrachter muß dieses System entschlüsseln und Darsteller sollten sich vor einer „Eins zu eins“-Übernahme hüten, bzw. prüfen, wer trägt was aus welchem Grund? Geppert unterscheidet bei den biblischen Szenen in den „historischen Code“, nach dem Protagonisten in antikisierende Gewänder und Umhänge gehüllt wurden, auch Ehren- und Zeremonialgewänder waren üblich, um Authentizität in ferner Vergangenheit zum Betrachter und zugleich den ehrfurchtsgebietenden Abstand zum Geschehen zu vermitteln. Der „geografische Code“ fügt dem noch Ortsferne hinzu, um die Herkunft des Protagonisten zu verdeutlichen. Hier sind durchaus fantastische Elemente möglich, um das Fremde zu betonen. Durch den „modischen Code“ wird eine Nähe zum Betrachter hergestellt, der sich in zeitgenössischen Bezügen, geregelt durch Kleider-, Hofordnungen oder Standes- und Berufstrachten, selbst wiederfindet. Der „metaphorische Code“ verwendet Kleidungsstücke oder deren Farben im übertragenen Sinne, so vermittelt Marias Umhang Schutz für den Gläubigen, der extrem lange Gürtel Unberührtheit und Keuschheit oder der nahtlose Rock Christi ist Zeichen der Vollkommenheit. Es können auch mehrere Codes gleichzeitig verwendet werden, wie das zum Ende des XV. Jhs häufig geschieht [S. Geppert, Mittelalterliche Zeitmode im Heiligengewand, in: Ars Sacra, Salzburg 2010, S. 132].

8/Ich möchte die Problematik anhand von üblichen Datierungen zum Kloster Fontenay in Burgund verdeutlichen. Angenommen wir hätten ein Kapitell oder ein Skulptur aus der Klosterkirche als Quelle vorliegen, welche Datierung könnte ein Autor zu dieser Quelle heranziehen? Das Gründungsdatum des Klosters Fontenay in Burgund wird mit 1118 angegeben, aber auch 1119 erwähnt, damit ist aber nur die frühe Mönchsgemeinschaft gemeint, denn erst 1130 wurde das Kloster an seine heutige Stelle verlegt. 1133 wurde mit dem Bau der Abteikirche innerhalb des neuen Klosterareals begonnen. In einer weiteren Schrift wird der Beginn dieses Baudatums auf 1139 gelegt. Eine andere Quelle datiert das Kloster Fontenay einfach zwischen 1118–47, oder Fertigstellung der Kirche 1147. 1149 wurde die Kirche geweiht, erst zwei Jahre nach Fertigstellung? Der grösste Teil der Innenausstattung und Beifügungen stammt aus späteren Zeiten, wie Madonnenstatuen und Grabplatten ab dem XIII. Jh. Allgemein heisst es, dass das romanische Gotteshaus seit der Fertigstellung nur geringfügige Änderung erfahren habe und dass die schmucklose Abteikirche heute eine der am besten erhaltenen in Burgund sei, welche das ursprüngliche Aussehen bewahrt habe. In der Französischen Revolution wurde das Kloster hingegen säkularisiert und als Papierfabrik genutzt. Erst 1906 wurden die Gebäude wieder in den möglichen ursprünglichen Zustand gebracht. Damit läge eine sinnvolle mögliche Datierung für einen Bauteil der Kirche vor der Mitte des XII. Jhs, im vierten und fünften Jahrzehnt, eine isolierte Skulptur könnte aber auch erst später in den Gesamtkontext der Kirche gefügt worden sein.

9/Siehe Kloster Blaubeuren. Der Chor und sein Hochaltar, S. 205. Hier werden Gründe für einen Termindruck der Fertigstellung genannt. Der Termindruck in den Werkstätten könnte auch mit immer neuen Aufträgen verbunden gewesen sein, die nicht mehr zu bewältigen waren ohne eine Schar von Kopisten, ebenda S. 217. Auswüchse in einer Zeit als gemalte zweidimensionale Kunstwerke nicht technisch reproduzierbar waren.

10/Nach mittelalterlicher Vorstellung sollten am Tag der Auferstehung durch Jesus Christus gleich ihm alle in dem Alter aus den Gräbern steigen als es dem Heiland selbst vergönnt war, prima! Nach meiner Ansicht gibt es eine ganze Reihe von Grabdarstellungen des HMAs, die von der Jugendlichkeit abweichen, nicht nur die bekannte Rudolfs I. von Habsburg in Speyer. Die Naumbuger Stifterfiguren z.B. zählen deutlich mehr Lebensjahre.

11/Bereits zu Lebzeiten erstellt wurde 1470 das Plattengrab des Kanonikers Konrad Selchen, er starb nach 1485, und das Epitaph (Gedächtnismal, nicht über dem eigentlichen Grab errichtet) des Kanonikers Hermann Hankrat 1510, beide im Chorherrenstift von Fritzlar. Letzerer starb am 21. März 1514, siehe Hinz, Dom St. Peter zu Fritzlar, S. 42-45. Demnach wurden im SMA beide im betagten Altar dargestellt.

12/Erschwerend kommt hinzu, daß ich beispielsweise für das Hoch- und Spätmittelalter durchaus Diskrepanzen zwischen archäologischen und kunsthistorischen Quellen wahrnehme. Das könnte mglw. mit unseren Publikationen zusammen hängen. Veröffentlichte Detektorfunde klammere ich als Quelle zur Datierung komplett aus, da deren Einzeldatierungen hoffnungslos grobmaschig sind. Detektorfunde dienen lediglich zum Aufbau von Typologien und sind für relative Chronologien interessant. Ähnlich sind Sammlerpublikationen zu werten, da bei Objekten aus dem Kunsthandel meist die Fundzusammenhänge fehlen, oder sie von stilistischen Vorlieben der Sammler geprägt und damit sehr einseitig sind. Bei den archäologischen Quellen werden häufig die Funde aus London herangezogen, da sie sehr gut publiziert wurden und für viele zugänglich sind. Internetrecherchen und Anbieter für Replikate aus ganz Europa beziehen sich oft auf London. Ortsferne wird meist billigend in Kauf genommen. Der Vorteil dieser Funddokumentation besteht darin, daß hier Objekte gezeigt werden, die zu einem guten Teil der „bürgerlichen Sphäre“ entstammen (Gegenstände aus diversen Kupferlegierungen und Eisen/Zinn/Blei oder verzinnt) und nicht ausschließlich Bestandteile der Adelswelt sind, die sonst auf Abbildungen und Skulpturen meist im Vordergrund stehen. Auch aus den Niederlanden gibt es diesbezüglich eine Publikation mit gröberen Datierungen. Für gut dokumentierte Funde aus Deutschland bedarf es in der Regel einer UNI-Bibliothek, samt den dort zugänglichen Fachzeitschriften. Bei den Monographien öffnet bsplw. die empfehlenswerte „Isenburg“-Publikation ein schmales Zeitfenster für das XIII. Jh oder für das XIV. Jh die Funddokumentationen der Hortfunde von Erfurt, Pritzwalk, Wiener Neustadt, etc. und natürlich sind die Standardwerke von Fingerlin und Krabath zu nennen. Bezüglich der Londoner Funde stellt sich die Frage, inwieweit wissenschaftliche Ergebnisse der engl. Hauptstadt auf davon weit entfernte Orte übertragbar sind? Ist nicht mit mehr lokalen Eigenständigkeiten zu rechnen? Es gibt Einflüße, die sich anderswo in Europa zeigen aber in London überhaupt nicht dokumentieren lassen, zumal die dortige Grabung in der Schicht von 1450 endet. Umgekehrt finde ich auf spätgotischen Tafelbildern „Londoner“ Schnallen, wohlmöglich auch aufgrund der zeitlichen Diskrepanz, nur selten. Auf den Tafelbildern zeigt sich ein komplett eigenes Repertoire an Schnallen und Gürteln, die ich wiederum archäologisch oft nur schwierig fassen kann. Aus diesem Grund bevorzuge ich für das Spätmittelalter Abbildungen und Plastiken mit möglichen Ortsbezügen und gleiche archäologische Quellen in Material und Verarbeitung ab.



Exkurs: Westrom – Byzanz - Italien

Das antike Rom war für den gebildeten Menschen des Früh- und Hochmittelalters, in der Regel dem Klerus entstammend, der Leitstern seiner Ausrichtung, der Maßstab aller Dinge. Er verstand sich nicht in einer eigenen Epoche [der Begriff „Mittelalter“ ist ihm ja vollkommen fremd], sondern glaubte sich der römischen Zeit, dem letzten Zeitalter nach christl. Heilslehre, verpflichtet. Schließlich benutzen wir seit dem 19. Jh begriffliche Hilfsmittel wie die „Romanik“, um diesen Prozess zu erklären. [Das dahinter mehr steckt als die bloße Nachahmung antiker Formen soll hier nicht weiter thematisiert werden. Kunsthistorische Betrachtungen werden auf diesen Seiten nur zur Erörterung von Detailfragen vorgenommen.] Erst im Spätmittelalter wurde der Blickwinkel auf die gesamte Antike erweitert, indem eine Wiederbelebung derselben das Verständnis eines Zeitenwandels hervorbrachte, mit einer vergangenen und abgeschlossenen Epoche zwischen Antike und der wiedergeborenen Antike (Renaissance), dem „medium aevum“. Der Begriff wurde 1464 in Italien verwendet [nach Scott, Kleidung und Mode, S. 117]. Francesco Petrarca (1304-1374) hatte den Zeitraum zwischen Antike und seiner eigenen Zeit bereits als „medium tempusbezeichnet.

Unsere zeitliche Definition des Mittelalters ist fast deckungsgleich mit dem Bestand von Ostrom/Konstantinopel/Byzanz als eigenständige politische Macht von ca. 400 bis 1453. Wobei „byzantinisch“ ein moderner Forschungsbegriff ist, die damaligen Oströmer haben sich selbst als Romäi bezeichnet und verstanden sich als hellenisierte Römer. Im Laufe meiner Recherchen bin ich wiederholt auf den enormen kulturellen Einfluß von Byzanz gestossen, west- und osteuropäische Moden immer wieder anregend („imitatio imperii“), oft über die norditalienischen Städte, insbesondere Venedig als byzant. Handelspartner oder Sizilien und Süditalien zur Zeit der letzten Stauferkönige. Während Westrom das Zentrum und der ideelle Hort des röm.-katholischen Christentums war, beständig um seinen Machtanspruch kämpfte, blieb das mächtige Ostrom lange Zeit unangefochten der materielle Kulturbringer, trotz der enormen Gebiets- und Ansehensverluste durch den vordringenden Islam. Byzanz galt als Quell des Luxus, in Form von Stoffen, speziell Seide, Elfenbeinarbeiten, Gewürzen, Edelsteinen, Goldschmuck, Goldmünzen, aber auch begehrte Reliquien. Im Westen überdauerten nicht nur letztere in den Kirchenschätzen. Die begehrten Objekte waren nicht selten diplomatische Geschenke, mit denen Byzanz seine kulturelle Überlegenheit dem Westen gegenüber klar zum Ausdruck brachte. Im Lauf der Zeit wuchs auf der Nehmerseite Begehrlichkeit und der Transfer war keineswegs immer gewollt und legal. Reliquien wurden geschmuggelt und spätestens mit der Eroberung von Konstantinopel 1204 im Auftrag Venedigs [salopp formuliert in der Sprache des modernen Kapitalismus: "Eine Filiale läßt ihren eigenen Mutterkonzern liquidieren"], gelangten immense Reichtümer nach Venedig, Italien und auch nach Frankreich, festigten oder begründeten dessen Vormachtstellung in speziellen Produktbereichen, beispielsweise in der Herstellung von Elfenbeinartikeln. Nun kamen Konsumgüter östlicher Art „erschwinglich“ auf europäische Märkte und schufen neue Modeformen. Für meine Betrachtungen zur Gürtelentwicklung ist dieser Aspekt wohl nicht unerheblich.

Byzantinische Produkte, wiederum mit vielfältigen Einflüßen aus dem ostmediterranen und syrisch-persischen Raum, befruchteten das europäische Mittelalter in mancherlei Belangen, und dies nicht erst seit den Kreuzzügen. Der Transfer beschränkte sich nicht nur auf die Sachkultur, sondern war zugleich Träger wichtiger Impulse und Ideen, auch gelangten viele Handschriften und antike Manuskripte in den Westen. Der Niedergang Konstantinopels seit 1204, der Verlust des Heiligen Landes, das Vordringen der Osmanen auf dem Balkan seit dem XIV. Jh und der endgültige Fall Ostroms 1453 entfachte hinzu im Westen durch Flüchtlinge eine Wiederbelebung antiker Vorstellungen, die in Italien auf fruchtbaren Boden fiel und eine neue Epoche einleiten sollte. Wobei italienische Stadtrepubliken, von „Konsulen“ und Stadträten geleitet, mit den Relikten der antiken Vergangenheit „vor der Haustür“, an Statussymbolen und Ideen der römischen Republik immer festgehalten hatten. So schwelgte das zerstrittene Italien, Jahrhunderte besetzt durch fremde Mächte, in der glorreichen antiken Vergangenheit mit dem Wunsch zu neuer Einigkeit und Größe, ähnlich wie die napoleonisch-franz. Besetzung Dtlds im 19. Jh die Romantik und eine Beschäftigung mit der dt. Vergangenheit hervorbrachte. Die „Renaissance“ war in Italien kein plötzlicher Umbruch, keine neue Mode- und Gesinnungserscheinung, wie bei uns nördlich der Alpen, sondern Ausdruck für einen Jahrhunderte währenden kontinuierlichen Prozeß der Selbstfindung. Deshalb werden wir als Nicht-Italiener immer nur die äusseren Erscheinungen und künstlerischen Leistungen bewundern können, niemals aber den notwendigen Drang dahinter erkennen und verstehen.



Exkurs: Der Adel [im Aufbau...]

Der Schlüssel zum Verständnis der mittelalterlichen Adelsschicht liegt im Eigentum an Grund und Boden. Bereits der Geburts-/Hochadel („adal“ = edles Geschlecht) der german. „Edelinge“ oder „Edelfreien“ galt als eigentlich herrschende Schicht mit möglichst langer Ahnenreihe und religiöser Legitimation, jedoch schien sich nach den antiken Quellen ihre Herrschaft noch nicht durch Landbesitz auszuzeichnen. Die entscheidenden Umwälzungen waren Folgeerscheinungen der Völkerwanderung und der neuen Landnahme. Alle hohen Positionen der Gesellschaft, bis hin zum Königsamt, wurden nun durch den Adel besetzt. Diese Ämter wurden mit röm. Titeln bezeichnet, wie dux, comes, etc., wobei der dux einst im röm. Militärsystem des V. Jhs den Oberbefehl in den Grenzregionen (Limitanei-Truppen) übernommen hatte und der comes über Teile des beweglichen Feldheeres (comitatenses). Mittelalterliche lat. Textquellen nutzten diese Titel, so kennen wir den „dux von Apulien“, Ismael, der vor 1020 Kaiser Heinrich II. den berühmten Sternenmantel schenkte, heute im Diözesanmuseum Bamberg, oder den comes als „Grafen“, laut lex Salica vom König als regionaler Beamter eingesetzt. In der Phase der Christianisierung und Konsolidierung der neuen german. Reiche hatte zunächst die röm. Senatorenschicht, geschult im röm. Kirchenrecht, die hohen Kirchenämter inne, bis auch diese durch den german. Adel durchsetzt wurden. Im Verlauf des Mittelalters war er nur im Rahmen der Kirchenorganisation dem antiken Bildungskanon verpflichtet, ansonsten folgte er der eigenen verfeinerten höfischen Ausbildung seiner Jugend meist an fremden Höfen mit Ernst und Spiel, in Leibes-, Reit- und Waffenübung, Musik, Tanz, Gesang, Dichtung oder speziell der Juncfrouwen in Handarbeit und Kunst, Heilkunde, Lesen und Schreiben, der Ausbildung von Anmut, Geist und Gemüt. Der Hochadel (Herzog, Graf, Freiherr=Baron, Ritter in Bayern und Österreich, Edler in Österreich) wachte eifrig darauf sich abzugrenzen und die ständischen Vorrechte, wie Erbrecht oder Steuerfreiheit, Königswahl, eigene Gerichtsbarkeit, Recht auf die Frondienste der Unfreien, Erziehung der Nachkommen in seinem Sinne und weitere Privilegien in Staat, Militär und Gesellschaft zu sichern, die weit bis in die Neuzeit galten. Im XVI. Jh zählte dazu auch Sitz und Stimme auf dem Reichstag. Seit der 2. Hälfte des XIV. Jhs verlieh der Kaiser „Adelsbriefe“. Dieser „Briefadel“ blieb deutlich getrennt vom eigentlichen „Uradel“, den vor 1350 ritterbürtigen Geschlechtern, die sich meist durch ein „von“ kenntlich machten. In der Neuzeit wurden „Graf“ und „Freiherr“ zu reinen Titeln ohne Vorrechte. Aber erst die Weimarer Verfassung von 1919 begrenzte die Adelsbezeichnungen als Teil des Namens, hob den Adel nicht gänzlich auf, wie in Rußland, der Tschechoslowakei, in Österreich oder seit hundert Jahren in der Schweiz. Aus den unfreien Dienstmannen des Königs, mit Lehen ausgestattet, bildete sich ein reichsunmittelbarer niederer Adel, der „Dienstadel“ oder die „Reichsritterschaft“ und aus den Dienstleuten der Landesherren ein landsässiger niederer Adel heraus [teilw. nach Lingen Lexikon in 20 Bdn, Köln o.J].

Der Begriff des engl. lord (Herr, Gebieter) hatte seinen Ursprung im altengl. hlaf-ord („Loaf ward“/Brot – Aufseher). Er war der „Brotgeber“, hatte die Aufsicht über Korn und Ernte, verteilte die Früchte der Erde an seine Untergebenen.

[Ich selbst bin Anhänger eines recht utopischen Weltbildes. Denn warum gilt nach Geburt der eine Mensch mehr als der andere? Führungspositionen müssen besetzt werden, keine Frage. Aber sollte das nicht nach persönlichen Fähigkeiten und Verdienst geschehen und weniger nach Herkunft und gesellschaftlichem Vorrecht? Deshalb ist Bildung für alle unabdingbar und nicht nur ein Privileg für Minderheiten, die sich dann das Recht herausnehmen besondere Fähigkeiten zu besitzen. Ich habe durchaus Verständnis dafür, wenn im Reenactment und als notwendige Kompensation zum mühseligen Alltag ein Adeliger zur Schau gestellt wird. Rollen einzunehmen oder zu tauschen bringt persönlich oft viel Gewinn! Wenn wir aber die Historie feiern, und das tun wir im gewissen Sinne, dann sollten wir uns darüber bewußt sein, daß die Feudalherrschaft nur mit Kampf und Opfer unserer Vorfahren quasi überwunden wurde und wir ihnen diesbezüglich einiges zu verdanken haben. Die Machtübernahme durch das gehobene Bildungsbürgertum ist bis heute eine Frage des Geldes und die elitären Schichten werden alles dafür tun diese Macht auch zu behalten. Die Massen sind zufrieden und schicklich, ein paar „Nörgler“ gibt es immer. Letztendlich sollte man aber nicht ungerecht sein. Denn unser Leben heutzutage hat sich weit von dem der letzten Jahrhunderte entfernt. Den Gewinn an persönlichen Rechten und Freiheiten gilt es immer wieder heraus zu heben, bevor wir beginnen diese Errungenschaften, die in der Historie keineswegs selbstverständlich sind und nur wenige Generationen genossen haben, Stück für Stück wieder abzugeben !!]



Exkurs: Hundertschaft / Gefolgschaft / Lehnsmann / Vasall / Heerschildordnung / Ministeriale [im Aufbau...]

hier werden noch einmal Informationen zu diesem Thema, die auf mehreren Seiten verstreut sind, zusammengefasst [manche Begriffe als Übersetzungen aus den antiken lat. Quellen mögen den modernen Leser verstören, sie wurden in der Form z.B. von Delbrück, Geschichte der Kriegskunst, Bd II Die Germanen 1901 ohne politische Hintergründe verwendet, ich sehe hierzu keine Alternative, auch wenn ich nicht unbedingt mit seinen Schlußfolgerungen überein stimme]:

Die Hundertschaft ist ein germanischer Begriff und meinte einen militärischen Verband auf unterer Ebene ohne exakt fest definierte Anzahl von Streitern, orientiert mglw. an der röm. centurie, die nur begrifflich, nicht realiter einhundert Mann umfasste. Im Gegensatz zur römischen Truppe waren im Germanischen die familiären und regionalen Bindungen von übergeordneter Bedeutung. Tacitus betont auch die Kultgemeinschaft und, neben anderen antiken Quellen, die eher genossenschaftlich genutzten Böden ohne Privateigentum. Jede sesshafte gens (Völkerschaft) wurde regional unterteilt in verschiedene pagi (Gaue, Flurbezirke), von unterschiedlichen Geschlechtern (zeitliche Komponente) mit langer Ahnenkette beherrscht, die sich in Sippen (regionale Komponente) verzweigten und weiter in einzelne Familien verästelten. Wahrscheinlich waren die german. Bezeichnungen wie „Bataver, Chamaver, Tubanten, Chauken, Usipeter, Brukterer, usw“ auf diese Geschlechter mit langer Ahnenreihe zurück zu führen und keine freie politische Formierung, wie die späteren Groß-Stämme „Franken, Alamannen, etc“. Der Hundertschaftsführer centenarius, „Hunno“ oder angelsächs. „Ealdorman“, „Altermann“ war Herr über eine überschaubare Anzahl von Familien in einer oder in mehreren dörflichen Gemeinschaften, deren Überleben er zu sichern hatte. Er sorgte durch sein Alter und die damit verbundene Erfahrung für seine Schützlinge, dazu lag ihm die Befehlsgewalt, vielleicht auch eine Richterfunktion, auf einer gewissen Ebene inne. Im Verlauf des Mittelalters blieb dieses Amt als „Dorfschulze“ erhalten. Für den Kriegszug in Notzeiten sammelte und kommandierte er die in seinen Zuständigkeitsbereich fallenden Männer und führte sein Kontingent im Heerbann den Fürsten (nobilitas/Edelinge) zu, die ihre Herkunft und Stellung aus dem Geschlecht legitimierten. Inwieweit bereits der Hunderschaftsführer ein Adeliger war, das Amt zugeteilt, wählbar oder erblich war bleibt zunächst dahin gestellt, zumindest hatte er wohl den Status eines Freien, der über andere Freie und Unfreie gebot. Erst in den romanischen Gebieten wurde nach der Landnahme der „Centenar“ unter dem Namen des vicarius ein Unterbeamter des Grafen [Delbrück Bd II, S. 23]. Da dieses System lange Zeit ohne schriftliche Fixierung von Titeln und Rechten funktionieren musste, waren moralische Konvention und an Ehrbegriffe gebundene Traditionen von übergeordneter Bedeutung. Jegliches Recht hatte unabdingbar einen personalen Bezug, da es keine unpersönliche Instanz gab, die „Staatsgewalt“ verkörperte. Das Recht wird hinzu immer eine stark religiös legitimierte Komponente gehabt haben.

Die Gefolgschaft war neutraler, ohne zwingende familiäre oder regionale Bezüge. Das „Gefolge“ war das Gesinde und betraf im Kern die unmittelbare Umgebung eines angesehenen Gefolgsherrn, familiäre Bindungen konnten, mussten aber nicht bestehen. Es war die „Haustruppe“ oder Leibwache, bestand aus altgedienten „Kämpen“, die ihre Erfahrungen an die nachrückenden jungen Männer weiter gaben. Die Gefolgschaft war ein komplexes System, das sich aus Freien und Unfreien fügte, die freiwillig oder unfreiwillig miteinander verbunden waren und konnte sich aus sehr unterschiedlichen personenbezogenen Abhängigkeitsverhältnissen zusammensetzen. Das Bindeglied war der Eid auf den Gefolgschaftsführer. Dieser hatte als Oberhaupt auch hier für seine sich ihm unterordnenden Schützlinge Sorge zu tragen, deshalb wird diese Gemeinschaft in Quellen auch schon mal „familia“ im röm. Patronats-Sinne genannt, ohne daß wirklich familiäre Bindungen bestehen mussten.

Grundsätzlich kannte die germanische Gesellschaft den Freien und Unfreien. Die Untergebenen in den beiden oben genannten Gruppierungen standen zu ihren Anführern in gewissen Abhängigkeitsverhältnissen, waren also nur mehr bedingt frei. Rechtlich unfrei waren „Hörige“, die wie eine Sache angesehen und behandelt werden konnten, dazu zählte die Bestrafung, Veräußerung, oder ähnliches. Die Franken haben im FMA das röm. System der Freien, Unfreien und Sklaven keineswegs abgeschafft, sondern in ihr Gesellschaftssytem übernommen. Genauso wie die Römer Sklaven für niedere Verrichtungen mit Muskelkraft in Landwirtschaft, Gewerbe und Transport einsetzten, beschäftigten sie auch unfreie Schreiber, Ärzte, Architekten, Künstler, Erzieher, Leiter von Unternehmen, uvam in den gehobenen Tätigkeitsbereichen. Ehemalig Freie konnten durch Überschuldung in die „Sklavenfalle“ rutschen, als Kompensation für die Gläubiger, was im Laufe der röm. Geschichte, vor allem in der Landwirtschaft, unzählige Male geschah, siehe z.B. die Gründe für die Gracchischen Reformen in der Republik im II. JhvC nach den langen Kriegen, welche die Bauernschaft, das Gros des röm. Milizheeres stellend, in den Ruin getrieben hatte...nicht viel anders lagen die Vorgänge später im fränkisch-merowingischen Reich. Mit der Zerfall des röm. Staatsheeres ab Mitte des V. Jhs hielten sich die röm. Provinzkommandeure und Feldherrn, ebenso die german. „Warlords“ oder die großen röm. Grundbesitzer ein eigenes Gefolge, den „comitatus“, die Haustruppe oder Leibwache, von ihnen besoldet und ausgerüstet. Möglicherweise ist das Gefolgschaftsmodell überhaupt germanischen Ursprungs, bereits sehr alt und ersetzte die strenge unpersönliche röm. Rang- und Befehlshierarchie durch Eid und persönliche Abhängigkeit. Diverse nordeuropäische Mooropferfunden des III.-IV. JhAD mit zahlreichen Ausrüstungs- und Waffenteilen zumeist seegestützter „Kommandounternehmen“ aus Südskandinavien auf die jütische Küste vermitteln eine hohe Professionalität und sind keineswegs Hinterlassenschaften des allgemeinen Heerbanns einer Invasionsarmee. Gefolgschaftsanhänger begaben sich wohl freiwillig in „fremde Dienste“ zu Pflicht und Schutz und waren mit regelmässigen Zuwendungen, Donativen oder Stellung der Ausrüstung durch die Herren deutlich besser ausgerüstet, als der Wehrbauer der Germanen zur röm. Kaiserzeit, die wohl die Masse des Heerbanns in Notzeiten stellten. Herrscher des FMAs setzten Gefolgschaftsführer an strategisch wichtige Punkte, um die Kolonisierung und Urbarmachung von Land oder die Errichtung neuer Siedlungen zu leiten. Ein probates Mittel im weiteren Verlauf des Mittelalters. Die Gefolgschaft wurde zum Rückgrat der früh- und hochmittelalterlichen Gesellschaft, vor allem in militärischen Belangen, aber auch in der Verwaltung und in der Ausweitung der Infrastruktur und damit der Herrschaftsbereiche. Denn durch die Erschließung von Land, das vorher öd und leer, als ungenutzter Wald und Wildnis Eigentum der Krone war, konnte der Lehnsherr und Auftraggeber Eigentümer dessen werden, wie die Babenberger an der Grenze zu den Slawen in Niederösterreich im XII. Jh.

Der enge Kern der Gefolgschaft waren die Leibwache und die Hofdiener für die täglichen Abläufe in Haushaltung und Adminstration. Diese befanden sich nicht nur am Königshof (aule regie familiares), sondern auch bei Herzögen und Grafen, Bischöfen und grossen Grundbesitzern , wer auch immer sich eine Haustruppe (Gesinde, angelsächs. „gesiths), durch Eide gebunden, leisten konnte. Das Gefolge erwartete für seine Leistungen materielle Zuwendung, Absicherung und Schutz. Die Führer/Herren waren zu Erfolg, Einkommen und mglw. Beute verdammt, um ihre Position zu halten. Nicht selten ließ sich der hohe Standard nur durch Expansion und kriegerische Aktionen halten. Im Laufe der Jahrhunderte stiegen die Anforderungen an das Gefolge bzgl. der Ausrüstung. Ein schwer gerüsteter Panzerreiter, der Ritter, konnte nur durch den freien Grundeigener gestellt werden, der ausreichend Ländereien besaß oder wurde durch die Vergabe von Lehen finanziert, das die Abhängigkeit vom Lehnsherrn forderte und förderte. Die höchste Form des Lehnsmanns war der Vasall, der sich einem Höheren unterstellend zu Gehorsam verpflichtet war, dafür Schutz und Rechte genoß, das konnte gegenüber König und Fürst auch ein Edelfreier sein. Reichsvasallen waren unmittelbare des Königs und die Vasallen mediati, die der Fürsten und Bischöfe. Durch ihre gehobenen Dienste und die Rechtsstellung frei oder unfrei unterschieden sich Vasallen von den Ministerialen (ministeriales, servientes). Durch den Treueeid band sich der Vasall, der Ministeriale war ursprünglich als Unfreier eh an Weisungen gebunden, war im Extremfall wie ein Höriger mit Leib und Leben Eigentum seines Herrn und hatte damit eine ähnliche Rechtsstellung wie ein antiker Sklave, ragte allerdings in der gesellschaftlichen Position durch sein verliehenes Amt aus der Maße heraus und erlangte durch seine Unverzichtbarkeit in wichtigen Ämtern der Ständegesellschaft immer mehr Freiheiten. Die höchsten Positionen wurden im Bereich der Hofhaltung vergeben. Nach dem Vorbild der Höfe röm. Kaiser vergaben die merowingischen Könige diese Posten an verdiente Untergebene. Aus ihrer unfreien Gefolgschaft ernannten sie den Marschall als Aufseher für die Pferdehaltung, den Seneschall für die Haushaltung, den Buticularius für Keller und Vorräte, den Majordomus als Oberaufseher der Dienerschaft und den Referendarius an der Spitze der Schreiber. Daraus wurden im HMA an den kleineren Höfen der Drost als Haushaltsvorstand, der Marschall als Oberstallmeister und Richter, der Kämmerer Finanzherr, Schenk Mundschenk mit Keller- und Weinaufsicht. Zur Hofhaltung gehörten aber auch die aristokratischen Jünglinge in der Ausbildung, die mglw. in der Wartestellung für ein Amt, eine „Landeswürde“ waren, dazu zählten die Junker des Hochadels, später auch des Niederadels und vereinzelt sogar Bürgersöhne.

Die „Heerschildordnung“, aus dem „Sachsenspiegel“ des Eike von Repgow um 1230 zeigt deutlich wer in wessen Verpflichtung stand und wie die Rangfolge war. Denn die Begrifflichkeit stammt noch aus der Zeit der Gefolgschaft mit der schildbewaffneten Schar von Kriegern, langobard. „arischild, nord. „herskjöldr“, 1165 „herskilt“ und um 1230 „herscilde“, deren Schilde zur Zeit des Sachsenspiegels bereits Wappen aufzeigten. Dem Heerschildinhaber oblagen innerhalb der Lehnshierarchie deutliche Rechte und Pflichte. Das erste Schild hatte der König als oberster Lehnsherr inne. Den zweiten Schild führten Bischöfe, Reichsäbte und -äbtissinnen, den dritten die Laienfürsten (Herzöge, Grafen, Mark- und Landgrafen), den vierten die freien Herren (Edelfreien, Barone), den fünften die Lehnsmannen der freien Herren und die Schöffenbaren („bar“ meint nicht entledigt, sondern mhd. „baren“ erscheinen, darbieten) den sechsten deren Dienstmannen. Eike von Repgow war selbst Schöffenbare, also Richter auf unterer Stufe und durfte im Rang eines Lehnsmanns noch Dienste vergeben. Die süddt Landrechte „Spiegel dt. Leute“ und „Schwabenspiegel“ nennen einen siebten Schild mit weiteren Unfreien.

Die Dienstmannen/Ministeriale erhielten besondere Dienstrechte und Dienstlehen, in engem persönlichen Treueverhältnis zu ihrem Herrn, um den Aufgaben als berittene Streiter nachzukommen. Damit unterschieden sie sich den Anforderungen gemäß nicht von einem Ritter und nähertem sich diesem Stand der Freien immer mehr an. In den Quellen werden sie oft vereinfachend wie alle berittenen Krieger als milites bezeichnet, deutlich abgegrenzt zu den pedites, den Fußsoldaten. Oft musste das verliehene Land erst gerodet und urbar gemacht werden, so daß ein Ministeriale zunächst ein besser gestellter Grundbesitzer war, der Aufsicht über die bäuerliche Bevölkerung ausübte und das Land für seinen Herrn erschloß, verwaltete und sicherte. Denn es war Grundrecht des Adels durch Rodungen die Eigenherrschaft auszuweiten, auch wenn dem König somit Land entzogen wurde. Der Ministeriale war Bindeglied zwischen Bauer und adeligem Herrn und erfüllte Aufgaben in der Administration, indem er Zeugeneide bei wichtigen Vorgängen, wie Verkäufen, Schiedsgerichten und weiteren Rechtshandlungen leistete, die durch Urkunden und Verträge dokumentiert wurden. Sie gelten mithin als wichtigste Quellen für die namentliche Erwähnung von Ministerialen, die durch besondere Gunst bis in höchste Ämter im Hofdienst der Fürsten oder des Königs aufsteigen konnten. Die Ministerialen/Lehnsmänner auf Königsland und den sich ebenfalls ständig erweiterten königseigenen Rodungsländereien waren ausschließlich gegenüber dem König verpflichtet, als ministerialis imperatoris, reichsunmittelbar und ohne zwischengeschaltete Adelige oder Bischöfe und unterstützten königliche Politik nicht selten gegen die Interessen des Hochadels. Fehlte dem Königshaus der starke Herrscher war mit dem Verlust von Königsland zu rechnen, wenn der Lehnsmann abtrünnig wurde, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen. Viele Ministeriale wurden mächtig, verloren im XIII./XIV. Jh ihre Unfreiheit, da sie unverzichtbar in der staufischen Reichspolitik geworden waren und nach dem Fall der Staufer unkontrollierbar, da das Netz der persönlichen Bindungen zerfiel. Nur starken Herrschern konnte es gelingen widerspenstige Ministeriale durch Belagerung und Zerstörung ihrer Amtssitze zur Raison zu bringen, wie es Quellen zuweilen berichten. Die Könige versuchten ihr Eigentum, das wie ein Flickenteppich über das gesamte Reichsgebiet verteilt war, durch die reichsunmittelbaren Amtsleute verwaltet wurde mit Tausch, Kauf und Zwang zu konzentrieren, wie die Staufer dies im Altenburger Land an der Pleiße, im Vogt- und Egerland oder im Nürnberger Raum erfolgreich betrieben. Den Anfängen der Ministerialenschicht versuche ich bereits mit den Gefolgschaften des FMAs auf den Seiten V-VIII. Jh nachzugehen um zu erahnen, wie sie sich uns im archäologischen Fundgut oder später auf Abbildungen und in der Plastik zu erkennen geben.