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V-VIII

400-800

IX-XI

800-1025

XI-XIII

1025-1250

XIII-XIV

1250-1350

XIV

1350-1400

Beutelhalter XIII-XV Knieriemen XII-XV

XV

1400-1450

XV-XVI

1450-1520





DRAGAL

Rekonstruktion von Leibgürteln für das Reenactment im

Früh-, Hoch- und Spätmittelalter (kurz FMA/HMA/SMA).

Imagination anhand von Sachobjekten oder

wie kann man mittelalterliche Geschichte überzeugend darstellen?



= Die Leserschaft dieser Seiten nimmt ein wenig Kontur an, was Erstaunen meinerseits auslöste, denn dies ist ein Nischenprodukt für eine verschwindende Minderheit unserer Gesellschaft, so sei das Wort an die „Kulturschaffenden“ gerichtet: Im Bereich Film und Fernsehen ist wohl mit dem „Überleben“ zu rechnen, schließlich zahlen wir Rundfunkgebühren. Nachdem der Sender BBC Maßstäbe setzte, ist es üblich geworden TV-Dokumentationen mit kleinen Spielfilmsequenzen zu versehen, um Unterhaltungswert und Anschaulichkeit zu erhöhen. Die Meinungen dazu sind geteilt. Denn es gibt erkennbare Grenzen der Umsetzung historischer Sachverhalte. Für dt. Produktionen mit Themengebiet „Mittelalter“ wäre es mglw ratsam vor allem von Königs- oder Krönungsszenen Abstand zu nehmen, sie liegen über den Möglichkeiten der eher bescheidenen Dokumentationen und wirken meist recht unbeholfen, selbst die Darstellung eines „Grafen-Haushalts“ wäre schon eine Herausforderung, die eigentlich nur große Film-Produktionen stemmen können. Bei vielen alltäglichen Szenerien ist die Ausstattung mancher der Laienschauspieler oft dürftig, das FMA schneidet, wie neuzeitliche Themenkomplexe, besser ab als das HMA oder SMA. Es sind, vor allem bzgl der Kameraeinstellungen, positive Tendenzen erkennbar, aber möglich wäre mehr.1 Innerhalb des MA-Reenactments gibt es reichlich hochkarätige Darsteller, die einer anspruchsvollen Produktion genügen würden. Es wäre wünschenswert, wenn man sich von Seiten der „Macher“ etwas mehr um diesen Personenkreis bemühen würde, ansonsten nehme man sich doch ein Beispiel an eher „statischen Moderationen“ wie bsplw von Peter Milger, der in seiner sehenswerten Kreuzzugs-Dok von 1988, an Originalschauplätzen gedreht, ganz ohne Schauspiele auskam und Originalabbildungen „sprechen ließ“ =



Geschichte der Gürtelmode unter sozialen Aspekten anhand von Replikaten

Angestrebt wird die Gürtelmode vom V. bis zum XVI. Jh. durch Rekonstruktionen mittels originaler Fundstücke und zeitgenössischer Kunstwerke, sowie historischer Text- und Bildbelege exemplarisch vorzustellen mit dem Schwerpunkt auf die untere und auf die, sich in dieser Zeit entwickelnde, mittlere soziale Schicht. Objekte der Herrschenden, durch innovative Gold- und Silberschmiede erstellt, werden als modisch und richtungsweisend aufgefasst, indem sich Produzenten der unteren Schichten an diesen Formen orientierten, Material und Herstellungsweise vereinfachend. Es wird nach den Statuten der damaligen Gürtlerzunft gearbeitet und meist „Rinkenbleche“ gesetzt, also Schnallen mit Blech und Nieten befestigt. Im Gegensatz dazu war den „Riemern“, die Schnallen annähten, das Erstellen von Gürtelblechen nicht erlaubt. Die Zuordnung der Replikate auf den Seiten nach sozialen Gesichtspunkten ist als Vorschlag zu verstehen. Denn solche Beurteilungen stellen die größte zu nehmende Hürde da. Vielfach ist nicht das Erstellen eines Replikats die aufwändige Arbeit, sondern das Erkennen der sozialen Bezüge des Originals.



Die Arbeit hatte bislang eher die Form einer „ mittelalterlichen Materialsammlung“, das erfordert nicht nur Arbeit beim Schreiben, sondern auch beim Lesen. Es soll dem modernen Zeitgenossen nun etwas leichter gemacht werden, indem eine strukturelle Gliederung hier Einzug hält. Die Texte erscheinen in den äusseren Formen vielleicht etwas seriöser und nach aktuellen Gepflogenheiten inhaltlich ein wenig geglättet, aber möglichst nicht allzu brav. Dies ist keine wissenschaftliche Arbeit, sie enthält teilweise provokante Kritik, manche Betrachtungsweise und Selbstverständlichkeit hinterfragend. Dabei geht es um einen kritischen Umgang mit der Geschichte ohne revisionistische Tendenzen, ganz nach Johan Huizinga (1872-1946), demnach lege sich eine Kultur mit der Vergangenheitsbeschäftigung über die eigene Historie Rechenschaft ab, das schließt ein kritisches Abwägen mit ein. Daraus erwächst Verantwortung für die Zukunft, das wird oft postuliert. Was hinterlassen wir, welche Weichen stellen wir? Man wird uns nicht nur an unseren Taten messen, sondern auch an unseren Beurteilungen. Es geht nicht minder um eine gewisse Verpflichtung gegenüber unseren Vorfahren, das mag nun irreal klingen. Aber wir sind jenen etwas schuldig, das Mindeste ist eine halbwegs ausgewogene Betrachtungsweise.



I. Einführung

II. Die Grenzen der „privaten Forschung“

III. Die mittelalterliche Ständegesellschaft

IV. Die Quellen

V. Urheber der Quellen im HMA/SMA

VI. Hinweise für den Darsteller

VII. Hinweise für den Interessenten mit 5 Fragen

VIII. Markttermine

IX. Thematische Exkurse

X. Rechtliches und Technisches





I. Einführung ins Thema

Dieses Projekt ist extrem breit angelegt und der gewählte Betrachtungszeitraum groß, so daß sich aufgrund der vielen modischen und technischen Innovationen notwendigerweise Vereinfachungen ergeben müssen. Denn wie weit ist das SMA vom FMA modisch entfernt! Und wie sehr sind wir als Betrachter vom Damaligen entfernt, daß Relikte wie „Abziehbilder“ wirken, die wir mühsam mit Inhalten füllen, um den Zeitgeist ihrer „Schöpfer“ zu erfassen.2 Es können nur grundlegende Beispiele gezeigt werden. Zur Einführung in die jeweiligen Jahrhunderte sind historische Begebenheiten kurz angerissen, damit die jeweiligen Gürteltypen in ihrem zeitlichen Kontext gesehen und Modifikationen aus diesem Umstand heraus erklärbar werden. Der Schwerpunkt liegt auf der zivilen Gürtelmode, dem Leib- oder Kleidergürtel [Definition3]. Er war Bestandteil der Kleidung, raffte, hielt sie in Form und diente dazu auch andere Gegenstände, wie Tasche, Beutel, Messer, Dolch, Sax, Schlüssel, diverse Werkzeuge und sonstige Utensilien des täglichen Gebrauchs zu tragen. Waffengurte sind untrennbar mit der Waffe verbunden, wie Schultergurte, Köchergurte oder die schweren Gurte mit Spannhaken für Armbrustschützen und ähnliche Spezialformen. Schwertgurte hatten meist besondere Befestigungen für die Scheide, ein Spathagurt war definitiv kein Leibgürtel. Für den Waffengurt öffnet sich ein eigenes Untersuchungsfeld, das bei den Betrachtungen auf diesen Seiten nur eine untergeordnete Rolle spielen kann.4 Einen besonderen Nimbus hatte der standesgemäße Schwertgurt des HMAs, meistens gebunden und ab dem XIV. Jh im Reich auch geschnallt. Er kennzeichnete mit der Waffe den Stand, war sichtbares Zeichen besonderer Privilegien und Ausdruck verliehener Macht. Ansonsten verdeutlicht eine Waffe Konfliktsituationen. Bei der Darstellung politisch-militärischer Ereignisse ist sie unentbehrliches Utensil. Auf Abbildungen mit „biblischen“ Szenen (als Altarretabel vor allem wichtige Quelle im SMA) ist die Auswahl der Bewaffneten auf bestimmte Personengruppen eng begrenzt! Hier markiert die Waffe den Stand und die Rolle im Gesamtgefüge, sie ist Erkennungszeichen.

Zur historischen Bedeutung des Gürtels: Der Leibgürtel war nicht nur Gebrauchsgegenstand, sondern bei den gehobenen Schichten auch schmückende Zier und damit Ausdruck der gesellschaftlichen Stellung. In der sozialen Ordnung spielt(e) Kleidung immer eine besondere Rolle. Gürtel der oberen Schichten waren den Modetrends unterworfen und konnten in relativ kurzen Zeiten starken Veränderungen unterliegen. Ein Generationen- und Machtwechsel brachte immer neue Moden hervor, um den Wechsel äusserlich zu unterstreichen. „Kleidung ist eine Sprache, mit der in einer Gesellschaft kommuniziert wird.“5 Auch heute noch gilt die Redewendung „ein Amt bekleiden“ und unterstreicht Autorität durch äussere Erscheinung. Gürtel waren Zeichen, so symbolisierten die überlangen Formen bei Madonnendarstellungen und jungen weiblichen Trägerinnen deren Jungfräulichkeit, das Lösen des Gürtels folglich deren Ende“, wie es H.D. Mück treffend formulierte.6 Gürtel konnten in Mythen und Sagen als „Träger der Kraft“ gelten, man denke an die „Gunther-Brunhild-Szene“ im Nibelungenlied. Es gab auch Gürtelteile, die als Reliquienbehälter gedient haben [Belege des FMAs in Sutton Hoo, in Gondorf, Kr Mayen-Koblenz aus dem VI./VII. Jh mit einem seitlichen Scharnier und Hohlraum, Schnalle aus Grab 8 von St. Ulrich und Afra in Augsburg um 600 oder wie die Riemenzunge von Walda/Donau vom Ende des VII. Jhs mit einem Schiebedeckel]. Auch ganz profan zur monetären Aufbewahrung und zum Geldtransport wurden Gürtel bis ins XX. Jh durch Einnähen oder verdeckte Fächer genutzt. Während der Belagerung von Akkon durch Guy de Lusignan seit Aug. 1189 versuchten muslimische Schwimmer den eingeschlossenen Glaubensbrüdern in der Stadt, durch Geld und Lebensmittel in oder an ihren Gürteln befestigt, Hilfe zu bringen.


Wissenschaftliche Aussagen sind spekulativ und als „Diskussionsbeitrag“ zu werten. „Wissen“ hat auch mit „Glauben“ zu tun, bzw. mit Vertrauen. Denn nicht immer besteht die Möglichkeit sich mit Primärquellen zu beschäftigen. Aus rationalen und vielleicht manchmal eher aus rationellen Gründen vertrauen wir Sekundärquellen, wir können ihnen folgen und übernehmen ihre Aussage oder zweifeln sie an. Jede Erkenntnis ist momentan und kurzzeitig, kann durch neue Ergebnisse hinterfragt werden. Wir haben alle unser „eigenes Mittelalter“ in den Köpfen und jeder legt nach Wissen und Neigung andere Schwerpunkte, fokussiert auf diverse Aspekte dieser gewaltigen gut 1000jährigen Zeitspanne. So gibt es eine ganze Reihe hochgradigen Spezialisten für spezifische Sachverhalte oder Zeiträume. Diese Arbeit hier dient dem groben Überblick, nicht fokussiert auf 50 Jahre Entwicklung, sondern auf die 20fache Zeitspanne (!) und dabei liegt mancher „Stolperstein“ auf der Strecke...

Bayeux 2. Hälfte XI. Jh mit geschnallten Schwertgurten

Auf diesen Seiten werden bestimmte Themenbereiche breit erörtert, dazu zählen Fragen der Sozialstruktur und Verfassung des mittelalterlichen Gesellschaftssystems, die intensive Beschäftigung mit dem Gefolgschaftswesen im FMA, das folgenreiche Phänomen der Kreuzzüge im HMA oder öffentliche Aufführungen mit einer möglichen Nähe zur Tafelmalerei im SMA. Diese Verbindung wird in der modernen Forschung verworfen, von der älteren Forschergeneration aber durchaus bejaht, m.E. wohl begründet. Ebenso ist dem Übergang aus der Spätantike ins FMA breiten Raum zugedacht, da hier entscheidende Weichen für den weiteren Verlauf gestellt wurden. Gürtelkombinationen aus dieser Zeit spielen in der Archäologie als aussagekräftige Fundgattung, neben Waffen oder Fibeln, eine erhebliche Rolle. In den nachfolgenden Jahrhunderten wurde immer wieder Bezug auf römische Relikte genommen, nicht nur in der ausdrücklich so titulierten „Romanik“. Auch die karolingische Akanthusornamentik liefert bsplw eine deutliche Richtungsvorgabe. Scheibenfibeln des FMAs hatten ihre Vorbilder in der röm Mode, so werden sich auch die paarweisen Tasselscheiben des HMAs an röm Formen, wie den Tutulusfibeln, orientiert haben. Pferdegeschirrschnallen hatten direkte Vorläufer in der Spätantike. An vielen Schnallen des HMAs mit „Hörnchen“ und „Noppen“ erkennt man die Weiterentwicklung provinzialrömischer Formen. Die schweren Dusinge des SMAs erinnern an die mit Zierblechen beschlagene Gürtel der frühen röm Kaiserzeit, deshalb findet man ihre Abbildung teilweise an den „schlafenden Wächtern“, denn sie sollten ja röm. Soldaten darstellen. Im SMA tauchen einige spätantike Schnallenvarianten wieder auf, wie Bogenschnallen, die es bereits 1000 Jahre vorher gegeben hatte. Bezüge zur röm Kaiserzeit waren vielfältig. Die äusseren Erscheinungsformen sind signifikante Hinweise auf die Geisteshaltung. Die Verwendung des Lateinischen als Amtssprache ist wohl eine der bekanntesten. Menschen des Mittelalters sahen sich nicht in einer eigenen Epoche, sondern lebten in der Zeit des letzten Weltreichs, des römischen, welches auf eine Endpunkt zusteuerte, das Wiedererscheinen von Jesus Christus. Neben dieser Einteilung nach Weltreichen ist auch die nach den sieben Weltaltern von jeweils tausend Jahren Dauer in unterschiedlichen Formen bekannt, dann wäre nach einer Variante der Wechsel vom VI. auf das VII. Alter um 1000 AD erfolgt und demnach um 2000 AD Schluß, na prima ! Die übergeordnete Zeitrechnung, wie sie uns in den Weltchroniken präsentiert wird, war eine durch und durch biblisch-christliche. Römisches wurde nicht nur durch die Kirche tradiert, sondern fand hohe Akzeptanz in der gehobenen Laienwelt, keineswegs nach modischer Laune, sondern als Ausdruck von Kontinuität und Stabilität.

Grundsätzlich soll auf diesen Seiten ein gedankliches „Spielfeld“ geschaffen werden, beleuchtet durch die Facetten in denen sich das Mittelalter uns heute zeigt. Meine Vorgehensweise ist von lauter Fragen, einer „gesunden Skepsis“ und auch durch eine gewisse Naivität geprägt, indem versucht wird die Ausdrucksformen des Mittelalters zu erklären, nach dem Motto „Watt is´n Dampfmaschien...[„Feuerzangenbowle“]. Es geht nicht darum altbekanntes Wissen um die Historie, meist in unsäglicher Reihung der Folgen von Macht und Machterhalt, als „Füllmaterial“ wiederzukäuen, sondern es ist das erklärte Ziel herauszuarbeiten wie sich die sozialen Ränge gestalteten und wer unter wessen Einfluß stand, um die jeweilige Kleidung und damit auch den dazugehörigen Gürtel einzuschätzen. Wie sehr waren Sachobjekte verbindend, abgrenzend oder Identität stiftend? Welche Bedeutung hatten politische Ereignisse, Heiraten, Handelsverbindungen, Kriege, Seuchen mit ihren sozialen Katastrophen, räumliche Trennungen, regionale Völkerverschiebungen, bzw -wanderungen für unser Themengebiet?7

Der Mensch macht Geschichte und merkt nicht, dass die Geschichte ihn macht“ Raymond Aron


Originalschnallen XIII. - Anf XIV. Jh

In der Rekonstruktion historischer Objekte werden folgende Metalle verwendet: Eisen, Bronze, Messing, Tombak, Zinn oder Objekte mit Weißmetallüberzug [Begriff der modernen Forschung] von Zinn oder/und Silber, hinzu vergoldete Buntmetalle. Der Schwerpunkt liegt auf dem standes- und zeitgemäßen Gürtel unterer und mittlerer Schichten, nach mittelalterlicher Arbeitsweise und Material belegbar und für eine hohe Zahl von Darstellungen für Mann und Frau im Reenactment angemessen [hier ein detailliertes Bspl8]. Die notwendige Voraussetzung ist die bereits erwähnte Beschäftigung mit der mittelalterlichen Gesellschaft, um zu erkennen, was einzelnen Personen möglich war.





II. Die Grenzen der „privaten Forschung“

Dies ist keine universitäre Studie, die mit Hilfe von „Forschungsgeldern“ erstellt wird. Diese Seiten richten sich nicht nach der persönlichen Interessen-, sondern viel mehr nach der Auftragslage! Denn die Seiten werden dankenswert finanziert und erstellt nach den Anfragen der Kunden. So werden bestimmte Zeitabschnitte unterschiedlich intensiv bearbeitet und es tauchen Gürtelkombinationen „ungefragter Zeiten“ nicht auf. Mit dem Mut zur Lücke werden auch die Texte bearbeitet, mache Aussagen haben eher „Platzhalterfunktionen“. Sie sind zu überarbeiten. Würde ich aber jeden Punkt bis zur Perfektion treiben und dann erst veröffentlichen, gäbe es diese Seiten gar nicht, sondern bestenfalls einen „schicken Nachlaß“, den aber keinen mehr interessiert. So manche vorschnelle Einschätzung stellt sich nachträglich als nicht haltbar heraus. Nachbesserungen werden vorgenommen, quantitativ und qualitativ, auch wegen mancher Flüchtigkeitsfehler, denn es gibt keinen Korrekturleser. Ansonsten finde das Vorwort aus dem STRATEGIKON (oström. Strategiehandbuch) Anwendung: „Um die genaue Wortwahl also oder den Prunk der Rede kümmern wir uns, wie gesagt, nicht; denn es sollte kein heiliges Werk sein, vielmehr eine „kurze Schrift“ für die Praxis. Daher verwenden wir auch oft lateinische Ausdrücke und andere, die bei den Soldaten üblich sind, zum klaren Verständnis der Leser“. Das Ziel ist es Schritt für Schritt neue Gürtelkombinationen zu ergänzen, die der Quellenlage nach angemessen sind und das Bisherige, was meist im Kundenauftrag entstand, erweitert. Damit soll das „Gestalt“ gewinnen, was schon lange auf meiner digitalen und „biologischen Festplatte“ ist, aber bislang von niemandem eingesehen werden konnte...

Im Gegensatz zur „exakten Wissenschaft“ wird hier nicht mit kritischen Bemerkungen zur Vergangenheit gespart, auch wenn sie selbstverständlich aus moderner Sichtweise stammen und eigentlich nicht auf historische Begebenheiten übertragen werden sollten. Auch kleine Anekdoten sind, nicht ohne eigenes Amüsement, eingefügt. Wenn es allzu sehr in die Moderne abdriftet, sind Textstellen, wie diese, in schwarz gehalten, aber das mag man dann überspringen, falls nicht gewünscht. Auch eigenartige Gebaren der Gegenwart werden aufs Korn genommen. Es geht in erster Linie darum moderne Zeitgenossen mit Details der Vergangenheit „vertraut zu machen“, da ist es wohl angebracht Dinge, die uns von den damaligen Menschen trennen, in beide Richtungen deutlich aufzuzeigen. Was verstellt und erschwert unsere Sichtweisen? Rekonstruierte Objekte sollen nicht rein von ihrem artifiziellen Charakter, sondern in den sozialen Kontext eingebettet, beurteilt werden. Dahinter steckt der Gedanke, daß die Darstellung historischer Vorgänge und Präsentation vor Publikum ohne eine gewisse „soziale Verantwortung“ eigentlich unmöglich ist, so sehr sie auch vom Darsteller negiert werden mag. Der Punkt soll nicht überbewertet werden, aber die Beschränkung auf das Objekt allein ist „Schubladen-“ oder eher „Vitrinendenken“. Dazu würden Figuren reichen und es bedarf eines lebendigen Reenacters eigentlich nicht.9 Vielen ist vermutlich gar nicht klar, was wir mit dem "modernen Mittelalter" anrichten, wenn aus Geschichte ein „Freizeitpark“ gemacht wird. Unser -hier und heute- beruht auf Unveränderlichkeiten von Ereignissen in der Vergangenheit, welche mal Tagespolitik waren. Gute Geschichtsvermittlung zeigt Stränge der Entwicklung auf und Gründe für die Verfestigung in der Gegenwart. Vergangene Ereignisse sind nicht zu ändern, nur die Auswahl der Dokumentierung und Deutung obliegt uns. Das tut jeder nach seinem Gutdünken oder nach seiner Forschungsfinanzierung oder oder oder...folglich brauchen wir viele unterschiedliche Betrachtungsweisen. Es gab nicht das „eine Mittelalter“, so wie es keine absolute Wahrheit gibt, sondern nur unendlich viele Facetten und Fragmente, die wie ein Puzzle nach Belieben zusammengesetzt werden können und damit verschiedene Aussagen ergeben!

Aus diesem Grund bedeuten, trotz angesammeltem „Fachwissen“, diese Seiten nicht „Ich weiß wie es geht“, sondern „Ich schlage jetzt mal eine Richtung ein“. Das kann bewirken, daß bei neuem Kenntnisstand der Kurs geändert wird, nicht unbegründet, damit der Gedankengang nachvollziehbar bleibt. Es wurde nicht ständig ein „vielleicht“, „mglw“, „könnte sein“, „es obliegt dem Anschein“ oder ähnliche Zweifelsformulierungen eingebaut, aber sie sind da! Die Erstellung dieser Seiten legt manche Überraschung offenbar, wenn bisherige Ansichten mit Museumsexponaten oder mit Text und Bild aus dem eigenen Archiv abgeglichen werden. So entstehen vollkommen neue Vorstellungen vom Mittelalter. Diese Seiten werden also immer ein „work in progress“ sein. Ich stehe mit mir selbst im Diskurs, auch wenn das äusserlich nicht so wirkt, sozusagen „Arbeit zum Mitlesen“. Deshalb werden immer wieder Passagen aktualisiert und müssen auch überarbeitet werden, das ist vollkommen klar. Meine Vorgehensweise ist mit vielen Fehlern behaftet. Der Leser mag, sofern er sich etwas von diesem Informationswust annehmen möchte, den Ansichten folgen, zur eigenen Nachforschung angeregt werden oder sie für sich als überholt ansehen. Das hier ist kein genereller Leitfaden, sondern in manchen Punkten vielleicht eine Empfehlung, eher eine Groborientierung und dient in erster Linie dazu sich dem Thema aus verschiedenen Blickwinkeln anzunähern, getreu nach dem Motto eines russ. Sprichworts: „Ziele erreichen nicht die, die es können, sondern die, die es wollen.

[Bislang habe ich diesbzgl immer angemerkt, daß auf meinem „Hundertmeter-Lauf“ bereits ein Meter geschafft sei, 2020 bestand die Möglichkeit etwas aufzuholen, so daß „nur noch 95 Meter“ vor mir liegen, auch 2021 geht es weiter, „nur noch 93 m“...]






Königsportal“ Chartres, gehobene „biblische Protagonisten“ mit Bindegürtel im Stil der franz Mode Mitte XII. Jh

III. Die mittelalterliche Ständegesellschaft

Das personale Abhängigkeitsgeflecht war enorm und das damalige Gesellschaftssystem von dem heutigen so grundverschieden, daß es schwer fallen mag Verständnis dafür zu entwickeln und es glaubhaft darzustellen. Also wird auf der Seite „400-800“ in der Spätantike angesetzt, um sich dann die Entwicklung der Grundherrschaft mit den daraus resultierenden Rechten und Zwängen für den Einzelnen anzuschauen und zu beurteilen, wer welche Materialien bzgl. der Gürtel erlangte, verarbeitete oder trug? Das Mittelalter kannte lange Zeit nur eine hohe und niedere soziale Schicht, grob unterschieden in Freie und Unfreie/Hörige, wie es noch Karl d Gr formulierte.10 Ein Mittelstand arbeitete sich vor allem im städtischen Umfeld (im wahrsten Sinne des Wortes) langsam heraus. „Unfrei“ bedeutete nicht, daß arme Geknechtete ständig in Ketten umherliefen, sondern es gab Weisungsbefugte gegenüber Weisungsgebundenen. Das kennen wir heute auch. Vor allem Beamte, die einen Amtseid ablegten, sind absolut nicht mehr frei in ihren Handlungen und Entscheidungen. In der modernen Forschung wird die „Unfreiheit“ und daraus resultierende Abhängigkeiten für Land- und Stadtbewohner unterschiedlich abgestuft. Stellvertretend für die zahlenmäßig breite untere Schicht der Hörigen standen unfreie Bauern als Pächter auf der Scholle des Grundherrn oder Landarbeiter, wie Köhler, Hirten und verschiedene Formen der Tagelöhner auf den Höfen. Schergen/Schalke/Knechte, Stall- bzw Küchenburschen und Mägde (ancillae) waren dem „Gesinde“ zuzuordnen und damit als Leibeigene zu bezeichnen, ein gänzlich anderer Status als nur die „Unfreiheit“. Mit der Entwicklung der Städte standen sich Stadteinwohner, wie Arbeiter(-innen) einfacher Gewerke, bsplw. Schuhflicker oder Weberinnen, die meisten Gesellen und Handwerker besser, da die Grenzen zwischen Freiheit und Unfreiheit unschärfer wurden. Stadtluft machte allerdings nur bedingt frei, da es schwierig war wirklich Eigenständigkeit zu erlangen. Die meisten Stadtbewohner unterer Schichten werden in den Quellen als „Inwohnerbezeichnet. Viele pachteten ihre Arbeitsstätte, befanden sich damit in Abhängigkeiten und galten nicht als „Bürger“, denn dieser Status war abhängig vom Haus- und Grundeigentum, Eintrag in die Bürgerrolle und Steueraufkommen. „Schmutzige Gewerbe“, wie Gerber, Lederer und auch Schmiede, die in den Dörfern erheblich höheres Ansehen genossen, waren in den Städten weitaus weniger angesehen als z.B. Berufe im Umgang mit Stoffen bzw der Bekleidung, wie Färber, Schneider, Schuhmacher oder Kürschner, letztere zählten bereits, ähnlich wie Silber- oder Goldschmiede, zu den gehobenen Handwerkerrängen.



Es gab weitere Spezialisierungen, die aus dem Gros der Handwerker heraus stachen, wie Waffenschmiede und das Plattnerhandwerk, auch sie konnten für das Renommee einer Stadt sorgen. Nicht weniger bestimmte bei den Kaufleuten das Angebot den sozialen Rang. Der Tuchhändler und der Fernkaufmann für Rohstoffe oder Gewürze genoss höheres Ansehen als ein Krämer mit Ware für den täglichen Bedarf. Frauen konnten in die handwerkliche Produktion oder in kaufmännische Vorgänge eingebunden sein. In einigen Fällen sind auch vollkommen selbständig agierende Frauen nachweisbar, wie die Ladeninhaberinnen rund um die Frauenkirche Nürnbergs im SMA. Alle auf diesen Seiten abgebildete Gürtelrekonstruktionen werden zukünftig in einer sozialen Zuordnung getrennt zwischen einfachen Formen für Bauern, Schergen und Gesinde, hinzu Krämer, Handwerker und einfache Dienstmannen als untere Gesellschaftsschicht. Über jenen standen höhere Amtsleute „auf dem Sprung in den Dienstadel“ oder das Bürgertum als sich entwickelnde mittlere soziale Schicht. Mit letzterem gemeint seien betuchte Bürger“, wie Fern- und Großkaufleute, Bau-, Münz- und Zunftmeister, geschworene Eich- oder Handwerksmeister exklusiver Gewerke und Notare, Universitätsgelehrte und -absolventen, Ärzte und Juristen mit Gürtelformen in Silber oder Buntmetalle mit Weißmetallüberzug. Dienstmannen/Ministeriale/Amtsleute in höheren Positionen waren als Repräsentanten des Königs oder der Fürsten in den Städten ratsfähig, oft allerdings mit den Bürgern im Konflikt. Ihnen, ebenso wie Edelfreien, seien vergoldete Varianten angedacht, auf spezielle Anfrage erhältlich. Exquisite „höfische oder hochadelige Formen“ tauchen auf den Seiten eigentlich nicht auf, denn das impliziert Silber vergoldet und Gold.

Aus der breiten Schicht der Unfreien konnten Dienstmannen aufgrund ihrer Ämter Spitzenpositionen erreichen, die als ernannte Stellvertreter mit wichtigen Verwaltungsaufgaben betreut waren, wie Burg-, Amt- oder Hauptmänner (alle mit Richterfunktionen), Meier/Mair (Leiter grösserer Höfe, moderner Name der Nachfahren: Meyer, Mayer, etc), sculteti (Schultheiße mit Richterfunktion, modern: Schulze), Schosser (Steuereintreiber), Schepfe=Schöffen (Gerichtsmitglieder). Einen Sonderstatus hatten halbfreie Laten, ursprünglich eigentlich „Freigelassene“, welche als Pächter eine selbstgewählte vertragliche Unfreiheit oder nur bedingte Freiheit besassen, im Gegensatz zu „Freisassen“, bzw „Frei- und Königsbauern“, die oft in gefährdeten Marken wirtschafteten und nur dem Herrscher unterstellt waren. Weitere Fallbeispiele und angemessene Materialempfehlungen für Gürtel, siehe unten.11 Eine weitere Sonderrolle führten auf ihren Ritterschlag verzichtenden Edelknechte/-knappen. Der „Ritter“ war zunächst lediglich die Bezeichnung für einen „Reiterkrieger“, den unfreien Ministerialen, siehe engl. knight (Knecht). Nach der „Landfriedensordnung“ Friedrich Barbarossas von 1152 war nur der „ritterbürtig“, welcher seine Vorfahren zu den Rittern zählen konnte. Genauer formulierte es das Dienstrecht des Klosters Erstein, wessen Urgroßvater nicht die Rechte der gehobenen Dienstleute besass, konnte selbst diese Privilegien nicht einfordern. Erst im Laufe der Zeit bildete sich aus diesen ehemalig unfreien gewappneten Amtsleuten ein eigener Stand niederen Adels heraus, als Dienstadel war er deutlich getrennt vom Geburts-/Hochadel. Jener musste neben der Ritterbürtigkeit die Rechtmässigkeit der Ehen über 8 bis zu 16 Ahnen nachweisen (Adelsprobe) und genoss weitreichende Privilegien.



Der bewaffnete Streiter, hoch zu Roß, der „Ritter“ war in der militärisch geprägten mittelalterlichen Gesellschaft ein Ehrbegriff und dem Rittertum haftete ein Nimbus an, dem sich selbst Könige nicht entziehen konnten, die höfische Kultur war, durch einen starken französischen Einfluß, untrennbar mit ihm verbunden. Gewappnete mit Sporen, Schwert, Schild und Lanze werden durch Skulpturen, an Kapitellen, auf Grabplatten, Münzen, Siegeln und Typaren dargestellt. Auf die Ausrüstung ist acht zu geben, um zu erkennen ob sich dahinter unfreie Ministeriale, Freie als mögliche Vasallen oder gar hochadelige Fürsten verbergen, wie bsplw die „sieben Kurfürsten“ in Rüstung vom Kaufhaus Brand (heute im Landesmuseum Mainz) aus der ersten Hälfte des XIV. Jahrhunderts. Da sich die Ausrüstung zunehmend anglich war der soziale Stand seit Wende XII./XIII. Jh ablesbar am Wappen und Waffenrock, an der Schabracke, an Farbe/Material der Sporen und metallischen Ausrüstung, am Schwertgurt, an Helm- und Schildform, an Zieren oft mit Symbolgehalt, am Zaumzeug, uvam. Als Beispiel seinen die Naumburger Stifterfiguren erwähnt, Mitte des XIII. Jhs gefertigt, rein äusserlich in ritterlicher Aufmachung waren es Markgrafen und Grafen des Hochadels. Auch wenn sie Ornamente und keine ausgeprägten Wappen auf den Schilden zeigen, stellen sie sich adelig modisch zur Schau.

Hortus Deliciarumzw 1175 u 1185 Hohenburg im Elsass, Rekonstruktion des XIX. Jhs. Das Original wurde durch die preuss Artillerie 1870 in der Bibliothek Strassburgs zerstört








Salzburg Mitte XIII. Jh, einem jüd. Bankier verpfändet

IV. Die Quellen

Archäologische Funde sollen mit künstlerischen Erzeugnissen in Stein, Metall oder auf Pergament und Papier abgeglichen werden, um sich der Aussage anzunähern, wer mit welcher Ausstattung dargestellt wurde? Alle Gedankengänge zielen auf ein praktisches Ergebnis hin und weniger auf kunsthistorisch ästhetische Betrachtungen, die aber als Mittel zum Zweck für HMA/SMA bzgl. der Ikonographie, also der Bildbetrachtung unter Berücksichtigung des Inhalts und der Darstellungsgegenstände, unerläßlich sind. Denn als Quellengattung stehen uns häufig Kunstwerke, nach heutiger Normierung, zur Verfügung. Damals war ein Tafelbild oder eine Skulptur in erster Linie Handwerk. Und das Handwerk, wenn auch in erheblich einfacherer Form, ist hier ebenso wichtiges Betätigungsfeld, denn es gilt ja Gürtelformen zu rekonstruieren.

Nach den mittelalterlichen Statuten eines „Gürtlers“ werden meist „Rinkenbleche“ gesetzt, also Schnallen mit Blech und Nieten befestigt, im Gegensatz zu den „Riemern“, die Schnallen wohl annähten, da ihnen das Erstellen von Gürtelblechen nicht erlaubt war.12 Aufwändige Varianten in Silber und Gold wurden damals von den Silber-/Goldschmieden erstellt. Von jenen ging Innovation, künstlerische Erfindung und Neuerung aus, um den Geltungsdrang potentieller Auftraggeber zu befriedigen. Sie schufen wegweisende Objekte, die als „modisch“ im eigentlichen Sinne bezeichnet werden durften. Gürtler haben die aufwändigen Formen in Bronze, Messing oder Zinn nachgeahmt und die Güsse vereinfacht. Für aufwändige Formen sei auf die grundlegende Publikation Ilse Fingerlins verwiesen, die sich, neben einfachen Schnallen und archäologischen Funden, auf recht kostbare Objekte stützt, die obertägig erhalten blieben. Bei den erhaltenen Stücken erwähnt sie, neben Leder, oft Stoffborten und weist damit auf die gehobene Qualität des Untersuchungsmaterials hin.



Horn-, Geweih- oder Knochenarbeiten werden auf diesen Seiten erwähnt, aber nicht anschaulich gemacht. Es gab kostbare Schnallen aus Elfenbein oder Walrosszahn (siehe den frühmittelalterlichen Fund aus dem Frauengrab 129 in Bopfingen, aus der 1. Hälfte XIV. im Mus. Kopenhagen oder den vollständigen Gürtel Ende XV. Jh, heute in Dublin, Fingerlin-KatNr.72). Schlichte Formen konnten im eigenen Haushalt erstellt werden. Der Anteil von Horn-/Knochenmaterial bei den Gebrauchsgegenständen des Mittelalters war hoch, wie dies archäologische Funde unter günstigen Bedingungen belegen, siehe z.B. die Funde aus Haithabu/Schleswig oder die große Anzahl von erhaltenen Messergriffen, Kämmen, Ahlen, Nadeln, etc. Nur selten haben wir auch Nachweise für Schnallen aus Geweih oder Knochen. Auf zeitgenössischen Abbildungen sind sie schwierig zu interpretieren, mglw. sind die Schnallen der oben abgebildeten „Marionettenspieler“ im Hortus Deliciarum von 1185 aus diesem Material, da sie farblich genauso gestaltet sind, wie ihre weissen Gürtel. Die Abbildung ist allerdings eine Rekonstruktion des XIX. Jahrhunderts, also mglw eine Vereinfachung! Denn zu einer ritterlich-ministerialen Darstellung passt Horn oder Knochen eigentlich nicht sonderlich gut. Der Taschenfund von der Runneburg/Thüringen zeigt kleine Schnallen aus diesem Material, aber Abbildungen gemäss, wie in der Manesse, werden solche Taschen immer nur von Untergebenen getragen.

Die grossen runden Schnallen des XV. Jhs, getragen zur Männerrobe (Typ siehe auf den „1450-1520“ Seiten), könnten aus Geweih gewesen sein, denn sie werden auf Abbildungen, wie mehrmals bei Baegert, heutzutage in Münster aufbewahrt, farblich extrem hell dargestellt. Möglicherweise ist aber auch eine Verzinnung gemeint? Archäologisch ist eine Schnalle in London, (Egan Nr. 387), mit dem Maß von 47x55mm, in einer Zinn-Blei-Legierung nachweisbar. Das ist selten, denn eher waren so große Schnallen aus härterem Material und wurden verzinnt, so ist angeführtes Objekt auch an der Dornachse gebrochen. Der Vollständigkeit halber muss erwähnt werden, daß auch keine Schnallen aus Halbedelsteinen, wie Bergkristall, Nephrit, aus „Meerschaum“, o.ä. für diese Seiten gefertigt werden, wie sie aus dem FMA überliefert sind. Jene stammen aus den reichhaltigen Gräbern der sozialen Oberschicht.



Welche Quellen können herangezogen werden? In der Vergangenheit beging ich den Fehler interessante Objekte auf mittelalterlichen Bildern oder Skulpturen so nah wie eben zulässig zu fotografieren und nur diese Detailaufnahmen zu archivieren, um möglichst viel über Material, Beschaffenheit und Bearbeitung zum gewünschten Gegenstand auszusagen, ohne den Gesamtkontext zu beachten. Ein schwerwiegender Fehler! Denn dadurch konnten später keine Aussagen mehr getroffen werden, welche dargestellte Person die Tasche oder die Schnalle eigentlich trug? Inzwischen haben sich die Arbeitsweisen vollkommen geändert, mit überraschenden Ergebnissen. Abbildungen sind ohne kunsthistorische Betrachtungen nicht zu enträtseln. Leider gilt für uns die Ansicht des Kirchenvaters Augustinus nicht mehr, daß nämlich Bilder die Schriftzeichen der Leseunkundigen seien. Heute ist es genau umgekehrt und wir müssen die kryptischen Bildinhalte, die früher offene Botschaften waren, erst entschlüsseln. Dazu bedürfte es für das HMA und SMA einer gewissen „Bibelfestigkeit“ oder es erfordert die Beschäftigung mit der Legenda Aurea des Jacopo de Voragine. Viele Bildinhalte sind darauf zugeschnitten und die Kenntnis des Personals der dargestellten „biblischen“ Szenen, bzw Szenen aus der Familie Jesu Christi, Marias oder der Johannes des Täufers sind von Belang. Wer trägt was in welcher sozialen Stellung? Wie definiert Kleidung den Stand und wie funktionieren mögliche Codes? Auf den entsprechenden Seiten wird in diesen Themenkomplex eingeführt, um Klarheit zu erlangen, was z. B. von spätgotischen Tafelbildern, die durch ihre Detailtreue bestechen, als verwertbare Aussage zum „Durchschnittsgürtel“ herausgezogen werden kann.

Brüder Limbourg Tres Riches Heures um 1415 im „orientalisierend-byzantinischem Stil“ nach ital. Anregungen



Es sollte m.E. vermieden werden, daß der Darsteller eines Handwerkers den Gürtel „Melchiors“ trägt, wenn eine glaubhafte Darstellung angepeilt wird. Das klingt jetzt nachvollziehbar einfach. Aber wie steht es mit dem Gürtel eines Heiligen, der als mögliche Quelle in Frage kommt? Wen haben wir vor uns, einen Bürger oder einen Adeligen? Darstellungen Marias und die der weiblichen Heiligen sind lange Zeit nur bedingt aussagefähige Quellen zur generellen Gürtelerstellung für Frauen. Profane Darstellungen der unteren Schichten sind selten, da Frauen im öffentlichen Auftreten meist zurück standen und vermehrt erst in der bürgerlichen Sphäre des SMAs bildhaft werden. Die Heiligen stammen vornehmlich aus der Spätantike. Sie sind also zeitlich, und meist auch örtlich, weit entrückt. Die Biografie drückt sich in ihrer Kleidung aus. Der Trick sie mit ihrer Gewandung von den Betrachtern zu distanzieren und ihnen „antikes Gepräge“ zu verleihen, war die Umhüllung mit grossen wallenden Umhängen bis weit ins XV. Jhs hinein, deren dramatischer Darstellung mit eindrucksvollem Faltenwurf Malern und Bildhauern gleichviel Spaß machte. Solche Falten warfen nur kostbarste Stoffe! Unter diesen volumniösen, unpraktischen Verhüllungen kamen nicht weniger kostbare gemusterte Stoffe zum Vorschein, die im Schnitt figurbetont der aktuellen Mode folgten und durchaus Reize von weiblichen Heiligen zur Schau stellen konnten. Schaut man sich nun zeitgenössische Bilder des burgundischen Hofes im XV. Jh an finden sich falten- und stoffreiche Roben und Ärmelmäntel, mehr oder weniger körperbetont, aber keine Umhänge. Recht streng angelegt finden sie sich gefüttert bei Bürgerfrauen, wie auf dem Gemälde der „Capestrano Bußpredigt“ der 1470er Jahre in Bamberg oder schon mal bei knieenden Stifterpersonen lose auf der Schulter liegend, vor allem wenn sie dem klerikalen Umfeld oder den Orden zuzuordnen sind. Der übertrieben monströse Faltenwurf bei den Heiligen hatte also mit der aktuellen Mode wenig zu tun, hinzu verdeckte er Gürtelteile oft. Nun werfen sich Fragen auf: Stammt z.B. das Abbild des „Nikodemus“ der Kreuzigung wirklich aus dem europäischen Umfeld oder wird nicht eher das Heilige Land mit seiner fernen „röm.-, oström.- oder byzantinischen“ Vergangenheit historisierend umgesetzt? Denn es war keineswegs immer so, wie vielfach angenommen wird, daß historische Vorgänge in das Gewand der Entstehungszeit eines Bildes gepresst wurden. Auch ist die Bezeichnung „phantastische Kostümierung“ eher ein Notbehelf in der modernen Forschung. Die Thematik ist weitaus verzwickter, als sie auf den ersten Blick erscheinen mag. Siehe auch unten die Fußnote: Die Sprache der Kleidung 13

Ist das Kleid wirklich eine neue modische Form oder erscheint es nur dem heutigen Betrachter neu, weil es endlich bildhaft festgehalten wird, aber bereits geraume Zeit getragen wurde? War die Mode nur am Ort des Herstellers oder ebenso am Ort des Betrachters üblich? Bei Auftragsarbeiten konnten sich Divergenzen ergeben. Wir beobachten das erstmalige oder letztmalige Erscheinen einer Form, sollten uns vielleicht auf die häufigste Nennung als Mittelwert einigen? Denn unser nach „kriminalistischen Methoden“ gesteckte Zeitrahmen trifft die reale Nutzungsdauer mglw nicht.14 Hinzu kann jede neue Quelle weitere Erkenntnisse bringen oder sich unsere Sichtweise auf einen Beleg radikal ändern. Der Reenacter folgt mglw szeneinternen Publikationen mit alten Forschungserkenntnissen, die ja nur selten korrigiert und überarbeitet werden und in Details bereits überholt sind. Liebgewonnene Ansichten haben sich in unseren Köpfen festgesetzt und wir sehen nur das, was wir sehen wollen. Hier wird viel in Frage gestellt, was bleibt dann noch ….? Welche Aussagekraft hat ein mittelalterliches Kunstwerk für den Reenacter, der sich Orientierung bzgl seiner Darstellung wünscht, aber zur Auswertung solides Hintergrundwissen und eine angemessene Quellenkritik benötigt? Wir sprechen grundsätzlich über Annäherungswerte. Die Wissenschaft hat die Möglichkeit in Fachpublikationen Korrekturen vorzunehmen, sie erreichen aber nur selten die Reenacterszene. Wissenschaft bedeutet Diskussion und die Inhalte sind kein Dogma, in dieser Beziehung glauben wir das Mittelalter überwunden zu haben.





Hl. Grab“ Dom Fkft/Main 1435c, der „hochbürgerliche“ Nikodemus links und der Adelige Josef von Arimathea rechts, beide tragen Beutel am breiten Gürtel, der eine aus Leder, letzterer wohl eher aus kostbarem Stoff mit Metallring



Bei den Datierungsangaben bedeuten angehängte Kürzel

v“ = vor / „c“ = um / „n“ = nach

Die Datierung der Gürtelteile folgt einer „Kernzeit“. Es wird nicht unbedingt der früheste Beleg herangezogen, sondern der häufigste. „Das Leben zeigt ständig Übergänge, wenn das Alte nicht verschwunden und das Neue noch nicht zur Blüte gelangt ist.“ [Toller Satz, nicht wahr, weiss allerdings nicht mehr von wem er stammt?] Wir können davon ausgehen, daß ein Wechsel in der Mode mit jeder Generation erfolgte, vermutlich ist es auch nur ein Jahrzehnt, also sind die Abstufungen viel feiner als wir sie je erfassen können. Es gibt nicht „die Schnalle des XIII. Jhs“, sondern nur eine Form, die in bestimmten Jahrzehnten da und dort häufige Verbreitung fand, in einer anderen Region manchmal erst viel später oder gar nicht.15 Die Wissenschaft ist bemüht heutzutage solche Entstehungs-, Kern- und Verbreitungspunkte heraus zu arbeiten. Aber es ist es denkbar, daß Schnallentypen Jahrzehnte nach ihrer Nennung noch oder bereits vorher in Benutzung waren. Absolut punktgenaue Datierungen sind aus mehreren Gründen oft schwierig. Warum das so ist, siehe Beispiel unter Fußnote16. Unsere Quellen öffnen nur ein bedingt verlässliches Zeitfenster. Archäologische Schnallenfunde, die aus isolierten Einzel- oder Detektorsuchfunden stammen, können nur über ortsferne Vergleiche annähernd datiert werden. Bei Grabfunden gelingt dies ortsgebunden über mögliche Beifunde wie Münzen oder Keramik, manchmal Holz, die sich in aufwändigen Verfahren technisch bestimmen lassen, ähnlich bei Siedlungsgrabungen, die zumindest eine relative Chronologie zu Funden einer tieferen oder höheren Schicht aufweisen und meist Keramik zur Feindatierung verwenden.



Die Ortsangaben sind oft schwierig. Es wird versucht Ursprungsorte zu nennen, ansonsten der Verbleib, wenn künstlerische Werke in Museen landeten, wobei urspl. zusammengehörige Kunstwerke, wie spätmittelalterliche Retabelwerke, nicht selten auseinander gerissen, Vorder- und Rückseiten getrennt wurden und fragmentiert an unterschiedlichen Orten präsentiert werden. Zukünftig ist beabsichtigt „FO“ = Fundort und „AO“ = Aufbewahrungsort deutlicher zu trennen. Sicher angebracht wäre auch ein „HO“, ein Herstellungsort, sofern die Quellen dies hergeben. Der „HNO“ ist dann ein anderes Fachgebiet.



V. Urheber der Quellen im HMA/SMA - Maler, Steinmetze, Bilderhauer, etc

Zunächst sollten wir uns darüber bewußt machen, daß wir heute nur einen Bruchteil an erhaltenen mittelalterlichen Kunstwerken für unsere Betrachtungen zur Verfügung haben. Allein im Münster zu Ulm standen vor dem Bildersturm von 1531 einmal 50 Altäre! Der Nordschweizer-, Konstanzer- und Bodensee-Raum, eine der vielen künstlerischen Hochburgen des SMAs wurde durch die Bilderstürmer der zwinglianischen Reformation aus Zürich im dritten Jahrzehnt des XVI. Jhs gründlich „katholisch entkernt“. Andere Räume wurden nicht in Mitleidenschaft gezogen. Im Dom zu Brixen zählte man im XVI. Jh 17 Altäre, die es zum Zeitpunkt des Umbaus im Spätbarock um 1745 immer noch gab.

Die erhaltenen obertägigen Kunstwerke wurden vor dem XV. Jh bei uns selten signiert oder datiert, in Italien allerdings schon in romanischen Zeiten üblich. Im XIII. Jh verewigten sich Goldschmiede auf den kostbaren Reliquienschreinen und frühe Vertreter für die Tafelbildmalerei sind bsplw Conrad von Soest in Wildungen 1403, der Meister des Jacobialtarretabels in Göttingen 1402, Lukas Moser 1431 in Tiefenbronn (heute Person umstritten) oder zeitgleich Konrad Witz aus Rottweil, Hans Multscher signierte 1433 das Karg-Retabel im Ulmer Münster, 1437 den Wurzacher Altar (Tafelbilder heute Gemäldegalerie Berlin). Wobei die berühmten Namen häufig auf die Auftragnehmer und bekannte Inhaber großer Werkstätten verweisen und nicht unbedingt auf die ausführenden Künstler/Handwerker, wie bei Hans Multscher, der selber als Bildhauer tätig war und Schnitzaltäre ablieferte, die auch Tafelbilder beinhalteten und diese dann von seinen Gesellen oder einem beauftragtem Maler gefertigt wurden! Die Signatur ist Ausdruck des erwachten „Bürgerstolzes“, auch Zunftzeichen wurden üblich. Zuweilen gibt es Aktenstücke zu ausgeführten Aufträgen, Verträge oder datierbare Zeitzeugenberichte. Holztafelbilder lassen sich hinzu dendrochronologisch bestimmen. Ansonsten werden die Werke nach den Lebensläufen der Künstler, den Werkstätten und „Schulen“ mit gegenseitiger Beeinflußung oder generell nach kunsthistorischen Gesichtspunkten zeitlich eingeordnet. Aber es stellt sich entschieden die Frage, ob der Maler oder Bildhauer die Gegenstände aufnahm, die er momentan vor sich hatte, dokumentierte er die adelige und bürgerliche Lebenswelt oder arbeitete er nach einer Konvention, weil es der vorherrschende Stil war oder die Vorgabe des Auftraggebers?17 Archäologische Funde belegen, daß Gürtelteile nicht der Phantasie der Maler entsprungen waren. Aber Detailtreue heißt nicht unbedingt dokumentarische Qualität! Diese Betrachtungsweise ist nicht zulässig. Nur nach Können oder Vorliebe und nach dem, was er in der Jugend als Geselle gelernt hatte wird sich der Meister kaum gerichtet haben. In der Kunst musste man den Zeitgeschmack treffen, sonst konnte man im Wettbewerb, geschweige denn im „internationalen Konzert“, wie im SMA, nicht mithalten. Aktualität, nicht unbedingt Modernität war gefragt. Stefan Lochner behauptete sich Mitte des XV. Jhs mit seinen traditionellen Goldhintergründen noch gut gegenüber der modernen niederländischen Malerei, indem er auf prunkvolle Details und Requisiten, auf durchdachten Bildaufbau und erkennbare Physiognomien der Dargestellten Wert legte. Richtete sich ein Meister in den Details nach grafischen Vorlagen, Musterbüchern oder Skizzenblättern, nach der Buchillumination eines bedeutenden Scriptoriums und kopierte er so schlichtweg Kollegen, was häufig vorkam, denn sonst wären unsere heutigen vergleichenden Kunsthistoriker ja arbeitslos? Scheinbar war das Kopieren von Neuerungen nicht schändlich, im Gegenteil eher selbstverständlich und es wurden geniale, populäre Kompositionen wiederholt, mit deutlichen Ursprüngen und Ausstrahlungszentren. So sind Bildfindungen, Aufbau und Problemlösungen nachgeahmt worden, mglw. war auch Zeitdruck ein Grund.18 Zu den inhaltlichen Problemen kommen auch ganz formale, wie der Umstand, daß die Malerei auf Tafel oder im Buch den Eindruck erweckt Farben seien nicht unbedingt nach der Natur oder bekanntermaßen nach Bedeutungsebenen, sondern bewußt aus kompositorischen Gesichtspunkten gewählt worden. Der künstlerische Bildeindruck könnte also überwogen haben gegenüber einer nicht beabsichtigten naturalistischen Wiedergabe, wie wir sie vermeintlich voraussetzen, vor allem wenn die Bilder aufgrund der Maltechnik für den modernen Betrachter eine „fotografische Genauigkeit“ suggerieren. Zu dieser Genauigkeit zählen nicht nur die fein gestalteten Details, so daß wir mit dem Begriff „Realismus“ operieren, ausgehend von „sachlich, dinglich“ hin zu „wirklich, wahrhaftig“. Hinzu sind Kniffe der Maler zu beobachten bestimmte Personen aus den Bilder heraus auf den Betrachter schauen zu lassen, wie die Brüder Eyck auf ihrem mit Protagonisten gut gefülltem Retabel für den „Genter Altar“ von 1432. Das war vollkommen neu und wir fassen das in unserer modernen Betrachtungsweise eher als zufälliges Beiwerk der Fotografie auf, so erhalten die Bilder in unseren Köpfen einen dokumentarischen Charakter.

Wie haben wir uns bsplw. die Erstellung eines Stifterbildnisses praktisch vorzustellen, wenn die dargestellte Person bereits lange verstorben war? Wurde das Grabmal zu Lebzeiten gefertigt oder stand ein Nachfahre Modell, um den Urahn (üblicherweise meist vom 30. bis 33. Lebensjahr, nach der idealisierten „Jesus-Formel“ des HMAs) zu porträtieren, dem er ja „wie aus dem Gesicht geschnitten sein soll“? Möglicherweise liegt in diesem „Modell stehendes Nachfahren ein ganz praktischer Grund für die „Jugendlichkeit“ des Porträtierten, der nicht wie ein Greis kurz vor Lebensende Darstellung fand und es hat nichts mit Jesus Christus zu tun?19 In der Buchmalerei des HMAs war es anscheinend nicht üblich „nach der Natur“ zu malen, sondern man hielt sich an Vorbilder, Konventionen, Musterbücher, die sicher im Stil der Zeit in Details verändert wurden, um neue Strömungen aufzunehmen. Wie ist die erstaunliche Genauigkeit bei den Accessoires zu erklären, wenn ein Bildhauer sie nicht irgendwann „leibhaftig“ vor sich hatte. Vermutlich wird nicht sein „Nachbar“ in die Rolle des Landgrafen geschlüpft sein mit einer Ausstattung, die geliehen wurde, kostbare Kleinodien kurzzeitig vom Hof dem Künstler zur Verfügung gestellt? Da wird schon eher der direkte Nachfahre, s.o. ,Modell gestanden haben. Aus dem Gedächtnis, nach dem letzten Besuch bei Hofe, hat der Bildhauer wohl kaum gearbeitet? Im SMA entstanden allerdings einige Grabdenkmäler mit Porträts bereits zu Lebzeiten der Auftraggeber, sowohl von Adeligen, als auch „betuchten Bürgern“.20


Hohepriester“ auf dem Regleraltar Erfurt 1460c in kostbarem Gewand und mit dem im XV. Jh häufig abgebildeten Gürtelabschluß, einem „Halbmondort“

Auftraggeber werden Handwerker zu Reisen veranlasst haben, wenn sie nicht eh im Gefolge reisender Potentaten waren, um berühmte Kunstwerke zu skizzieren und durch ausgeführte Annäherung in den Genuß der Betrachtung zu kommen oder sich im Besitz von Gleichwertigem zu rühmen. Musterbücher konnten eine wichtige Rolle spielen. Sie wurden abgezeichnet und tradiert, im SMA auch gedruckt und fanden so weite Verbreitung. Auch die illuminierten Handschriften trugen zur Verbreitung von Bildinhalten bei. Übertragungen, Ähnlichkeiten über gewisse Zeiträume und Entfernungen waren möglich und vermutlich auch gewollt. In vielen Fällen arbeiteten unterschiedliche Gewerke Hand in Hand und übernahmen nur Teile der Ausführung unter der Regie des Werkstattmeisters, der „die Fäden in der Hand hielt“ und gegenüber den Auftraggebern die Werkverträge und Details aushandelte, von der Komposition über die Bezahlung, bis hin zu Transport und Aufstellung der Kunstwerke.

Bücher konnten auch ohne konkreten Auftraggeber für „die Halde“, bzw. den Handel produziert werden. In der Buchmalerei war, aufgrund des geringeren Equipments, das Wandern, nicht nur von Gesellen, sondern auch von Meistern verbreitet, im Gegensatz zur Tafelbildmalerei. Denn dafür benötigte man große Werkstätten mit viele Mitarbeitern und handwerkliche Spezialisten für Vergoldungen, Preßbrokate, etc. oder auch inhaltliche für Details, z.B. für Landschaft, Schmuck, Porträts, uvam. Ein Meister des SMAs konnte nur als Zunftangehöriger Berechtigung erlangen eine Werkstatt zu führen und war damit als Bürger an eine Stadt gebunden, die berühmten Handwerkern oft Sonderrechte gewährte. Des Meisters Arbeit beschränkte sich nicht selten auf den Vertrag und zeichnerische Entwürfe, heute auf den Bildtafeln durch Infrarot als „Unterzeichnung“ erkennbar, wenn er keinen weiteren künstlerischen Anreiz darin sah anspruchsvolle Elemente des Kunstwerks selbst zu fertigen. Auch die endgültige Aufstellung vor Ort oblag in der Regel dem Werkstattmeister. Weitere eigenhändige Leistungen mussten zuweilen gesondert vertraglich vereinbart werden, ansonsten oblagen fertig stellende Bildhauerarbeiten, Vergoldungen oder die farbliche Ausmalung eines Bildes der Schar anonymer Gesellen, deren Aufgabe eher solides, solidarisches Handwerk und weniger die geniale Einzelleistung war, die ja als „Meister“ später noch folgen konnte.



VI. Hinweise für den Darsteller

Grundsätzlich sollen die erstellten Gürtelreplikate dem „prüfenden Auge“ eines Museumsexperten standhalten, falls ein Darsteller hier sein Betätigungsfeld sucht. Bevorzugt wird auf diesen Seiten die „glaubwürdige Darstellung“ und es wird weniger mit dem „A“-Begriff operiert. Wenn überhaupt steht „A“ für „Annäherung“ und nicht mehr. Im Fokus steht dabei nicht der Aspekt zu beurteilen wie Dinge im Detail „richtig zu sein haben“, sondern von wem bestimmte Objekte den Quellen nach genutzt wurde und ob es für den Darsteller Sinn macht sich damit auszurüsten. So wird ein Schwert der „Hl. drei Könige“ ein markantes Erkennungszeichen sein und keine alltägliche Ausrüstung. Beispielsweise war die gebogene Klinge des „Malchus“, dessen Bezeichnung auf den Diener des Hohepriesters zurückgeht, auf Tafelbildern vornehmlich ein Zeichen für den heidnischen Krieger und den Bösewicht. Auf der anderen Seite gibt es eine Reihe profaner Abbildungen, die belegen, daß dieser „Krummsäbel“ im Westen spätestens seit den Kreuzzügen bekannt und auch genutzt wurde, wie auf der Abb. „Wildschweinjagd“ des Gaston Phoebus zu Beginn des XV. Jhs durch Bedienstete zu Fuß. Der Adel verwendete für diese Jagdart vom Pferd herab, welches dazu oft besonders geschützt war, eigens „Sauschwerter“ mit einer präparierten Spezialklinge, siehe zeitlich spätes Objekt im Bay. Nationalmuseum in München. Hinzu brachten seit den Hussitenkriegen ungarische Kontingente Säbel vermehrt in den Westen und als „Dussack“ fand diese nicht-ritterliche einschneidige Waffe Verwendung. Demnach stehen jedem verschiedene Herangehensweisen zur Verfügung, sie sollten jedoch begründbar sein.

Wie kann man für seinen gewählten Charakter die angemessene Form finden? Es spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Ort und Zeitpunkt der gewählten Darstellung und sozialer Rang sind ausschlaggebend, aber auch besondere Umstände in denen sich der mögliche Charakter befindet, wie Kriegszeiten, Wik-Fahrt und Plünderung, auf dem Marsch, auf Kreuzzug, auf der Jagd, im Feldlager (was sicher die meisten Darsteller betrifft), auf der Scholle, auf Reisen, auf dem Thing oder Markt, bei der Ausübung eines Handwerks, auf dem Turnier oder bei einer Festivität, einem politischen Akt, einem repräsentativen Ereignis, einer sakraler oder profanen Prozession,21 am Hof eines Fürsten und Bischofs oder gar bei dem Großereignis eines Königseinzugs oder -empfangs, im Gottesdienst, im Ratssaal oder vor Gericht, uvam. Bei all diesen Ereignissen wird, vor allem bei gehobenem Rang, unterschiedliche Kleidung angelegt und dazu zählen passende Gürtel! Selbstredend erfordern militärische Darstellungen gänzlich andere, z.B. stabile Formen, als zivile repräsentative Darstellungen, wo Ornament und schmückende Zier in den Vordergrund rücken. Englische Reenacter vermitteln teilweise eine solch „belebte“ Sichtweise in ihrem Reenactment vor Publikum. Das intensive „Eintauchen“ in die Zeit des gewählten Charakters erzeugt „Glaubwürdigkeit“ und erscheint mir erstrebenswerter als die in Dtld weit verbreitete „Genauigkeit im Detail = Echtheit“. Die kommt von alleine, wenn sie denn beabsichtigt wird, man zielstrebig seinen Weg verfolgt und die Darstellung in ein gedankliches Umfeld gebettet hat.


Die „ältere Form“ und das „Erbstück“, in der Reenacterszene oft argumentativ herangezogen, wenn das gewählte Objekt zeitlich nicht exakt zur Darstellung paßt. Das erwartet man im gewissen Sinn für die unteren Schichten, welche ältere Formen „auftrugen“, wie es für Kleidungsstücke des Adels an Untergebene verteilt in den Quellen bezeugt ist. Nach einem ähnlichen Prinzip werden auf den Seiten die neuen modischen Formen der Oberschicht zugewiesen und die vorangegangenen Varianten für die einfachen Darstellungen verwendet, so daß jene glaubhaft „etwas hinterher hinken“. Dieses erklärbare Gefälle läßt sich an der Kleidung festmachen, denn wirklich modisch, sprich nach Neuerungen gierend, ist lange Zeit Sache des Adels, der höheren Amtsleute und Bürger, die aufs Repräsentieren wert legen. Deren silberne und goldene Gegenstände, teilweise Kleidungsstücke, sind mit Testamenten zu belegen. Wir wissen allerdings nicht, ob diese Objekte von den Erben wirklich genutzt oder nur aus gesellschaftlicher Konvention oder wegen ihres Materialwerts aufgehoben wurden? Für Aufheben und Benützen gibt es schwierig zu erkennende Grenzen. Man wird auch dem Handwerkerstand gewisse gesellschaftliche Zwänge zusprechen müssen, dem er als Stadteinwohner zu folgen hat, ohne gleich hochmodisch zu sein. Schnallen und Fibeln wurden nicht beliebig oft weiterverwendet, denn irgendwann waren sie gänzlich „out of fashion“. In der Mode verhalten wir uns im Generationenwechsel heute nicht anders! Grabfunde des Frühmittelalters zeigen einen Wechsel der militärischen Ausrüstung, Schnallen oder Fibeln eigentlich mit jeder Generation, was auch verständlich ist. Militärische Änderungen erfolgen recht schnell, denn sie schaffen taktische Vorteile und sichern das Überleben. Adel und gut situierte Bürger trugen vornehmlich modische Gürtel zu unterschiedlichen Anlässen, die auf den Kleidungsstil abgestimmt waren, so daß der Besitz mehrerer Gürtel wahrscheinlich und ein Wechsel von Formen zeitlebens möglich war.

Znaim Mitte XV. Jh „Centurio u Würfler“, Offizier u Kriegsknecht, beide tragen relativ breite und stabile Gürtelformen, der Centurio mit Riemenschieber


Es ist denkbar, daß eine Schnallenform am Hof als exquisites Accessoire in kostbarem Edelmetall ausgeführt, eine Weile später in minderen Metallen vereinfacht nachgeahmt wurde und dadurch gewisse Verbreitung fand. Untere soziale Schichten trugen einfache Formen wohl erheblich länger, denn deren Gewandung unterlag geringen Veränderungen und wenn oft nur in Details, man denke nur daran, wie lang sich Tunikaformen oder Umhänge hielten. Erst im Spätmittelalter erscheinen uns auch untere Schichten auf Abbildungen in „modischer Kleidung“. Sie wurden nun stärker ins Bildgeschehen eingearbeitet, was lange Zeit nicht so war. Für Ordensdarsteller gelten Sonderregeln, da gemäß den Statuten persönlicher Besitz nach dem Ableben an den Orden zurückfiel und dann von den Brüdern weiter genutzt werden konnte.


An Heiligenabbildungen lassen sich oft recht altertümliche Formen belegen, beispielsweise Tasseln im XV. Jh am Gewand Mariens. Auch eine männliche Herrscherdarstellung konnte recht konservativ sein. Sie prunkt durch Accessoires und Stoffe, aber nicht unbedingt durch den Schnitt der Gewandung, im Gegensatz zum höfischen Umfeld oder auch zur Herrschergattin, von der eher modische Extravaganz gefordert wurde. Repräsentationskleidung war traditionsgebunden, um Legitimation und Stabilität ableiten zu können. Auch die Kleidung von Amtsträgern steht in diesem Kontext, das gilt bis heute, man denke nur an unsere Richterroben oder Arztkittel. Ältere Formen zeigen auch die vielen Hortfunde (wie aus Dune, Pritzwalk, Münster, Erfurt, Colmar, Salzburg, Wiener Neustadt, Chalcis/Euboea oder vom Fuchsenhof, uvam.). Ihre Zusammensetzung mit einer Menge „Altmaterial“ kam meist aufgrund des gehobenen Materialwerts zustande. Diese angehäuften Gegenstände erschweren uns die Bestimmung der eigentlichen Nutzdauer, da nur ein grober Gesamtzeitrahmen und möglicher Deponierungsszeitpunkt, z.B. durch beigegebene Münzen, abgesteckt werden kann. Schwierig wird es auch, wenn das MA historisierend arbeitete. So stellte man Stifterfiguren, die bereits vor Jahrhunderten gestorben waren, nicht immer in der Gewandung der Entstehungszeit des Kunstwerks dar, sondern es wurden auch altmodische Gewandungen verwendet, um das Vergangene zum Ausdruck zu bringen, wie bsplw. bei den Stifterfiguren des Chorgestühls von Blaubeuren, entstanden 1493, wenn sich die kunsthistorische Forschung nicht gewaltig irrt. Der Stifter Lebzeiten lagen im XI. und XII. Jh. Die Darstellung erfolgte in der Gewandung kurz nach 1400 und keineswegs zeit- und erwartungsgemäß im Stil zum Ende des XV. Jhs!



Fortgeschrittene Ringrollschnallen für Pferdegeschirr oder Rüstungsteile meist aus Eisen, zuweilen aus Buntmetall oder aus einer Kombination von beidem, deshalb fehlt der verrostete Dorn an der rechten Schnalle. Schnallentypen mit Hülse oder rotierender Dornauflage sind nachweislich seit der 1. Hälfte des XIII. Jh beim Pferdegeschirr aus Eisen gebräuchlich.

Absolut wirkende Aussagen sind der Kürze und Knappheit geschuldet, um nicht ständig abzuwägen, wie es vielleicht manchmal sinnvoll wäre. Hier soll ein praktischer Einblick in die Gürtelmode entstehen und keine wissenschaftliche Studie, wenn überhaupt vergleichbar, bestenfalls auf „Wikipedia“-Niveau. Falls einer dieser Gürtel Euch künftig zieren soll, wird auch der Wert angegeben. Inzwischen ist das private Bilderarchiv über Gürtel, Taschen, Fibeln und verschiedene Aspekte der mittelalterlichen Mode und Alltagskultur gewaltig angewachsen. Aus rechtlichen Gründen sind Veröffentlichungen ausserhalb dieser Seiten nicht möglich. Bei Fragen technischer Art oder über die Herkunft von Schnallen, Zungen, etc., einfach eine mail-Postille schicken, siehe unten. Auch weitere Detailbilder und Quellenbelege werden dann zugeschickt. Ich gebe hier vieles „frei Haus“, möchte es aber auch nicht übertreiben!





VII. Hinweise für den Interessenten

Für den mail-Verkehr: In der mail-Überschrift bitte das betreffende Jahrhundert „XII, XIII“, etc. nennen und plant etwas Zeit ein. Ich bin nicht ständig online, trotz aller derzeit möglichen technischen Raffinessen. Meine Internet-Aktivitäten sind ziemlich eingeschränkt, denn das ist nicht der zentrale Punkt meines Daseins. Der „cookie-Scheiß“ im Netz nervt. Ich mag nicht mehr als „auszuspionierender Konsumidiot“ dahin gestellt oder ständig darauf hingewiesen werden. Auf meinen Seiten habe ich persönlich so etwas nicht installiert !!! Und zu recht verlange ich Privatsphäre, denn damit verbunden ist ein gewisser Respekt, den ich anderen gegenüber erweisen möchte, wie ich ihn selbst in Anspruch nehme. Unsere Gesellschaft und unsere Umgangsformen züchten in hohem Maß Respektlosigkeit heran. Warum will jemand ständig durch Nutzungsgewohnheiten „meine Daten“, sie gehören alleinig nur mir und möchte die volle Entscheidung darüber, wer sie erlangen darf, dann verzichte ich lieber auf manche Dinge !!!

Der Sommer ist Reise- und Marktzeit, der Winter ist Werkstattzeit. In der Saison sind alle Kapazitäten ausgeschöpft und irgendwann muss produziert werden... Ich möchte mich nicht ständig entschuldigen für späte Rückantworten. Kommt nach 10 Tagen allerdings gar keine Reaktion, bitte noch einmal versuchen, dann ist was schief gelaufen. Seht die mail nicht als blitzschnelle Kommunikation an. Es wird nicht mal eben auf dem Smarty „herumgehackt“, vor allem nicht beim Autofahren und auch sonst nirgendwo. Es ist die Möglichkeit mich zu erreichen, so ähnlich wie es ein Bote getan hätte. Die Antwort kommt, aber nicht in Eile. Denn nur eins ist gewiß: Wie eilen alle dem Tod entgegen, ein Tag ist nix, Wochen und Monate sind mögliche „Operationseinheiten“, so rasen wir Jahr um Jahr und schwupps ist das Leben vorbei...





Größenangaben und System der Gürtelbenennung

Riemenbreiten werden in mm angegeben und

Zungen in cm (Länge x Breite) zur Einschätzung der Größenverhältnisse,

Gürteltypen nach Jahrhundert + fortl. Nr. + Metall, siehe Bspl. rechts

[zur Verständigung möglichst diese Bezeichnung wählen]



Zum Wert eines Gürtels

Schnallen und Zungen bestehen ausschließlich aus Vollmaterial. Im einfachsten Fall aus Zinn, desweiteren Eis, Me, Bz, Si.

Schnalle, meist mit Blech + Riemen + (Senkel) Zunge = Gürtel fertig montiert.

Spenglin (Riemenbeschläge) können optional auf den Gürtel angebracht werden.

(1/5 des Preises ist Steuer an die Obrigkeit, kommt der Allgemeinheit zugute)

Versandkostenpauschale 7,50 EUR (in der Regel DHL)



Das Handwerk

Schnallen, Zungen und Riemenbeschläge werden historisch korrekt angenietet,

die Riemen gesäubert, kantenbeschnitten oder -gerundet, geölt oder gefettet.

Das Leder ist erhältlich in den Farben: natur, abgedunkeltes natur, rotbraun, schwarz oder rot.

In der Regel wird Rindsvolleder vegetabiler Gerbung verwendet, auf Wunsch und mit Aufpreis aus der Grubengerbung, auf Anfrage auch Hirsch (natur, sämisch oder alaunweiß)

- Länge beim Rind bis ca 2,20 m möglich



Bei konkretem Interesse bitte fünf Fragen beantworten:

[mglw vorher unten Fußnote „empfohlene Materialien/Metalle“ lesen ?]

1. Ist die Darstellung zivil oder militärisch, wie ist der soziale Rang?

2. Zeit und Region der Darstellung [wichtig: denn die modischen Einflüße in Hamburg waren andere als in Innsbruck, in Nürnberg andere als in Köln !]

3. Wie lang ist die Gewandung (Taille, Oberschenkel, Knie, Wade, Knöchel)?

4. Körpergröße oder gewünschte Gürtelgesamtlänge und Farbe des Leders.

5. Umfang des Gürtels auf Taille oder Hüfte. Dazu bitte anhand eines vorhandenen Gürtels die Maßeinheit vom Schnallendornansatz (meint Scharnier, nicht Dornspitze) bis zum engsten bislang genutzten Loch auf der Gewandung messen.

[Falls Ihr am Körper mit Maßband messt, dann zieht zu, denn bei einem Gürtel mit angehangener Tasche werdet Ihr ihn eng ziehen. Es werden Löcher in beide Richtungen gemacht zu dem mir angegebenen Wert, sogenannte „Sommer- und Winterlöcher“. Bitte keine Maßangabe nach Jeans-Gürtel, die sitzen anders als Gewandungsgürtel]





Beispiel:

XIV_012_me“

[Gürtelform gegen Mitte XIV. Jh]

15 mm Riemen (schw/rotbraun/natur/rot)

und Senkel_me 11 x 1,5 cm

montiert 75,00 EUR (inkl. Steuer)

Beschläge „Nr. 7016“ optional





...falls Fragen, schickt Eure mail-Postille an

dragal (at) web.de [bitte selbst „zusammenfügen“]

Vielen Dank für Euer Interesse

Christian

[ja, ja, die offene Bundhaube...das HMA trägt sie geschlossen, das SMA aber auch offen, bunt und in stabilen Ausführungen, siehe „Nikodemus“ auf dem Retabel von 1410-20 in der Reinoldikirche Dortmund. Kopfbedeckungen während der Arbeit am Stand sind eh ein Graus, da im Sommer meist die Säfte aus allen Poren rinnen und so nicht mehr „verdampfen“ können...]





Impressum

Stand 26. Tag des Februaris im XVI. Jahr Merkel










Leider muss ich noch etwas Nachschicken: Explizit zur Farbe des Leders, da momentan recht eigenartige Vorstellungen in der Szene kursieren im MA wäre kein braunes Leder verwendet worden. Der Eindruck mag wohl aufgrund diverser Abbildungen des HMA´s entstanden sein, die soziale Schichten thematisierten, welche auf ihren Prunkgewandungen überhaupt kein Leder trugen. Da sieht man selbstverständlich kein Braun. Erd- und Grautöne sind Farben der unteren Schichten. Es gibt aber Hunderte von Abbildungen mit braunem Leder und das ist nicht ausschließlich nachgedunkeltes Naturleder, siehe z.B. oben Abb. „Centurio u Würfler“. Schön sind die unterschiedlichen Farbtöne „natur“, schwarz, braun zu unterscheiden. Es sollen keine weiteren Exkurse über Ledergerbungen eröffnet werden, dazu gibt es genügend Informationen im Netz. Nur so viel: Man konnte Leder auch im MA auf jeden Farbton bringen ! Die Frage ist nur war man auch bereit oder in der Lage diese aufwändigen Verfahren zu bezahlen ! Eine Grubengerbung mit Rinde, Lohgerbung, ergibt Farbtöne von einem hellen bis zu einem kräftigen und manchmal recht dunklen rot-braun. Eine moderne Chromgerbung ist im Gegensatz dazu grau-grün und muss nachgefärbt werden. Spezialfärbungen wurden mineralisch mit Alaun (bei Römern, Mauren, aber auch im skandinav. FMA nachweisbar, im SMA hatte Italien hier ein Monopol mit zusätzlichen Importen aus Griechenland) von den Weißgerbern vorgenommen, meist für Schaf und Ziege. Die Sämischgerbung als Fettgerbung, oft mit Dorschtran, deshalb war im Norden diese Gerbung häufig, wurde für Wildleder verwendet. Die Glacegerbung des XVII. Jhs hat ihre Ursprünge in der „Dänischen Gerbung“ seit dem XIV. Jh als besondere Form der Sämischgerbung, verfeinert als ein Zwischending von Alaun- und Fettgerbung, z.B. für teure Handschuhe.

In des Leders Werdegang / ist die Hauptsach` der Gestank. / Kalk, Alaun, Salz, Mehl, Arsen / machens gar recht weiß und schön. / Eigelb, Pinkel, Hundeschiete geben ihm besondere Güte. Darum ist ein Hochgenuß / auf den Handschuh zart ein Kuß“

Die Schwarzfärbung mit Eisenalzen wurde schon lange praktiziert. Man hat bei der Analyse archäologischer Funde bemerkt, daß der Eisengehalt grundsätzlich extrem hoch ist. Die Erklärung: in vielen Fällen fand eine Sekundärgerbung durch eisenhaltige Sickerwässer statt. Die vielen schwarzen Lederstücke in den Museen hatten ursprünglich mglw eine ganz andere Farbe.



Die erste Kogge“

Es gibt zwei eigene Darstellungen, ein Navigator aus der 2. Hälfte des XIV. Jhs [Bild links mit dem Schild aus dem Zeughaus Elbings] und die zweite betrifft den Handwerker Mitte des XV. Jhs, der sich auf diesen Seiten austobt, seinem Ahn „wie aus dem Gesicht geschnitten“. Auf Märkten „arbeitet sich“ allmählich eine frühmittelalterliche Darstellung heraus, da eine Tunika, vor allem im Sommer, für anstrengende Tätigkeiten besser geeignet ist, als die enge SMA-Kleidung.

Stadtsiegel von Elbing

Meiner Mutter Vater war Navigator und Bürger der Stadt Elbing unter der Herrschaft des Ordens am Baltischen Meere und verkehrte mit den Herren im Rat. Es kam die schicksalhafte Schlacht, die vieles veränderte. Seitdem ist der polnische König unser Lehnsherr. Nun, Jahrzehnte später, hat unsere Familie keinen Grundbesitz mehr in der Stadt. Ich bin als Handwerker tätig, der, mit zünftischer Erlaubnis, durch die Lande ziehen muss, um sein Auskommen zu finden.“





VIII. Markttermine 2021

= Vorbereitungen laufen mit mehr Hoffnung als Überzeugung =




V.-VIII. / IX.-XI. / XI.-XIII. / XIII.-XIV. / XIV. / XV. / XV.-XVI. Jh

400-800 / 800-1025 / 1025-1250 / 1250-1350 / 1350-1400 / 1400-1450 / 1450-1520

Es wurde bei den Datierungen bewusst die Entscheidung für lateinische Zahlen getroffen, damit in der Benennung des Gürtels das betreffende Jahrhundert sofort erkennbar ist. Falls Ihr kein „Asterix“ gelesen habt, Ihr Muslime oder Italiener seid, darunter die genauen Zeitabschnitte in arabischen Zahlen.



Desweiteren haben bei meinen privaten Studien Abkürzungen, die häufig benutzt werden, wie „mglw, uvm, etc, usw“ keinen angehangenen Punkt, mich stört er im Schreib- und Lesefluß. Es kommt also auch auf diesen Seiten vor und wird vielleicht beim Nachlesen korrigiert. Einen möglichen unvermittelten Wechsel mag mir der geneigte Leser nachsehen...ungeneigte kommen eh nicht bis hierhin...

Objekte mit längeren Laufzeiten im direkten Zugriff:

Beutelhalter XIII.-XV. Jh

Knieriemen und Nestelschnüre XII.-XV. Jh

IX. Thematische Exkurse:

Gürtelformen seit Bronzezeit und Antike

1 - Westrom-Ostrom-Italien

2 - Adel-Vasallen-Heerschildordnung-Heraldik

3 - Hundertschaft-Gefolgschaft-Lehnswesen-Ministeriale

4 – Bürger-Stadteinwohner

5 - Textilreste in nordischen Gräbern

6a - Bronze oder Messing im FMA

6b - Bronze oder Messing im HMA/SMA

7 – Verwendete Ledersorten im HMA (Schleswig)

8 - Eisenproduktion vom HMA zum SMA

9 - Überlegungen zu Tafelbild und Schauspiel im SMA



mit Dank ...

Es soll noch die Gelegenheit genutzt werden, um mich bei allen herzlich zu bedanken, bei Autoren, Museen und Verlagen genauso, wie bei Darstellern, die mir am Marktstand durch anregende Gespräche oder durch mails wertvolle Tips zu Originalfunden, Material und Verarbeitung, Hinweise zu Literatur oder sehenswerten Ausstellungen oder schlichtweg zur Korrektur von Fehlern auf diesen Seiten gegeben haben. Vor allem gilt der Dank allen, die durch Ihre Bestellungen die Seiten finanziell möglich machen. Ich danke auch für die Geduld, denn durch die arbeitsintensiven Aufträge ist das Voranschreiten recht langsam. Durch jeden neuen Auftrag überprüfe ich meine Aussagen und lerne durch den Kunden! Nach wie vor sind Anregungen und Kritik willkommen oder mögliche andere Sichtweisen, um eigene Anschauungen zu relativieren. Denn keiner ist davon ausgeschlossen: Wir sehen nur, was wir auch sehen wollen.

Trotz mancher Kritik, die auf diesen Seiten an Vergangenheit und Gegenwart geäussert wird, soll auch den Vorvätern und Vätern unseres aktuellen Gesellschaftssystems gedankt werden, welche die Grundlage schufen solche Gedankengänge öffentlich kund zu tun. Das war und ist keineswegs eine Selbstverständlichkeit, wobei momentan allerdings der Eindruck entsteht, daß durch die umfassende Digitalisierung starke Änderungen eintreten! Uns ist heute keine leichte Verpflichtung auferlegt Freiheiten zu erhalten, zu aktualisieren und anzupassen. Es scheint manchmal schwieriger als der grundlegende Aufbau, denn oft ist Errungenes für alle Nachfolgenden zu selbstverständlich und die Mühen darum nicht immer im Bewußtsein, deshalb gibt man es wohl allzu leichtfertig ab !






(Kundengürtel, nach Jahren mal wieder auf dem Tisch) …herrlich, so können Gürtel aussehen, wenn sie dafür genutzt werden, wofür sie auch gedacht sind, etwas mehr Grünspan an den Senkel und von einem Original nicht mehr zu unterscheiden..., so was kann mich durchaus begeistern! Zukünftigen Forschergenerationen könnte der Gürtel rein optisch, ohne eingehende Materialanalyse, durchaus Probleme bereiten. „Warum liegt der in der 21. Jh-Schicht?“




X. Rechtliches und Technisches

Sollte nach der Erstellung eines Gürtels irgendetwas nicht zu Eurer Zufriedenheit sein, übersehene Gußfehler oder vorschnelle Materialermüdung zu Schäden führen, dann setzt Euch mit mir in Verbindung. Es wird im beidseitigen Einvernehmen für Abhilfe gesorgt als Form der Garantieleistung.


Ich bin in erster Linie auf dem Markt und dort für viele tätig, hier nun stehe ich Euch ganz exklusiv zur Verfügung. Rechnet bitte immer ein wenig Dauer bei Anfragen ein, oft müssen speziell Bilder zugeschickt, Fragen geklärt oder Probestücke angefertigt werden. Es sind zuweilen recht umfangreiche Recherchen notwendig. Kommunizieren kostet Zeit, die mir in der Werkstatt fehlt. In der laufenden Saison bin ich nur in gewissen Abständen im Netz. Im Sommer werden zukünftig keine speziellen Gürtelrekonstruktionen mehr erstellt. Das schnelle „Geburtstagsgeschenk“ ist ohne Vorbereitungszeit unmöglich. Märkte beschränken sich leider nicht nur auf zwei bis drei Tage Arbeit, sondern Standauf- und Abbau, Hin und Rückfahrt, Vor- und Nacharbeiten, Steuer- und Bürokram lassen die Woche dahin schmelzen, so daß für die Werkstatt oft zu wenig Zeit bleibt. Bei verbundenen Markt-Kombi-Touren ist auch ein Monat „schnipp“ vorbei...ohne daß nur eine Schnalle gefertigt, ein Blech geschnitten oder irgendwelche Spenglin entgratet und poliert wurden.

Bitte achtet und respektiert die Arbeit und die vielen Stunden Recherche. Die Verwendung der Inhalte dieser Seiten darf nur nach Genehmigung erfolgen. Vor allem keine Bilder von Originalmaterial in den sozialen Medien veröffentlichen, sofern es die Maschinen nicht sowieso tun, aber der Mensch sollte in jeder Beziehung verantwortungsvoller sein als die Maschine, noch …, meist liegt auf dem Material eine eingeschränkte Erlaubnis, welche die Weiterveröffentlichung nicht beinhaltet, wer dagegen verstößt haftet mit! Ansonsten soll hier nicht mehr als notwendig mit Paragraphen gestrotzt werden. Es soll mit diesen Seiten Niemandem Schaden zugefügt werden, ganz im Gegenteil, und bitte dies auch umgekehrt so zu handhaben. Ich danke für Euer Verständnis.


Das ganze hier ist ein Entwurf, bzw. besteht aus vielen kleinen „Würfen“. Aus Zeitmangel für die digitale Welt werden diese Seiten immer bruchstückhaft, teilweise zu grob gestrickt und wohl auch mit Fehlern behaftet sein, manchmal sind nur Anregungen und Ideen hier hineingeworfen, um später überarbeitet und nachvollziehbar ausformuliert zu werden, manchmal ist es nur die Müdigkeit, da ich in der Saison aufgrund von Erschöpfung oft keinen vernünftigen Satz schreiben kann und mir schon „SPO“ schwer fällt [das ist keine Partei]. Dieses Projekt ist ein grosser Lernprozeß. Denn „das Schreiben“ wurde mir nicht in die Wiege gelegt. Am Stand sind Dinge schnell gesagt oder behauptet, zumal dort, aufgrund der Fülle der Anforderungen, meist „Streßsituation“ herrscht. Hier bin ich gezwungen, bzw bezwinge mich selbst, in immer neuen Anläufen, auf den Punkt zu kommen (ja genau den, der zuweilen weglassen wird, da Abkürzungen bei mir oft keinen Punkt erhalten, weil sie den Lesefluß stören). Falls irgendetwas unklar ist, schickt mir eine mail unter dragal (at) web.de

Das Voranschreiten ist oft sehr langsam. Es wurden inzwischen hunderte von Gürtelrekonstruktionen erstellt, die bildtechnisch fürs net aufbereitet werden müssten, auf diesen Seiten wird also nur ein Bruchteil abgebildet, lange Zeit wurde es bedauerlicherweise überhaupt versäumt Bilder von den erstellten Stücken anzufertigen. Es soll allerdings nicht ausschließlich gezeigt werden, daß etwas angefertigt wurde, sondern warum es in dieser Form geschah. Vornehmlich gilt es also das Archiv gründlich aufzubauen, um stichhaltige Aussagen zu liefern und die eigenen Erkenntnisse zu untermauern. Die „private Forschung“ hat Vorrang und die Fülle des Materials ist schlichtweg erdrückend. Die Annäherung ans Mittelalter geschieht mit einer gewissen „Naivität“, möglichst nicht überheblich dem Thema gegenüber, da wir ja „allwissend“ am Ende der Kette stehen, sondern ehrfürchtig.

Fragmente Originalschnallen Wende XV. - XVI. Jh

Es gibt hier keine „cookies, tracker, ...“ oder sonstige bizarre Dinge. Es müssen keine persönlichen Daten in irgendwelche Formulare eingegeben werden. Wer mich erreichen möchte, schicke eine übliche mail. Übrigens, reitende Boten haben in manchen Situationen bei den heutigen Verkehrsverhältnisse nur noch auf Schleichwegen eine Chance durchzukommen, ansonsten werden ihre Pferde im Dauerstau verdursten und sie selbst verhungern, falls nicht genügend verproviantiert...

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Anmerkungen, Quellenverweise:

1/Als gelungene Ausführung für HMA/SMA sei beispielhaft die Produktion „Das Mittelalter im Südwesten“ von 2014 angeführt. Sie erzeugt wirklich Freude an der Betrachtung mittelalterlicher Darstellung. Das Umfeld des Konstanzer Konzils ist mit unseren momentan vorhandenen Mitteln kaum besser darzustellen, auch wenn man sich dabei eher an die späten Illustrationen der 2. Hälfte hielt und weniger an die exakte zeitliche Umsetzung zu Anfang des XV. Jahrhunderts, aber das sind Details. Absolute Negativbeispiele für „TV-Historienspiele“ sind momentan französische Dokumentationen zum MA und vielfach US-Produktionen zur Antike mit ihren unsäglichen Schlachtdarstellungen, in denen sich alles in wilde Knäuel auflöst, was deutschen Dokumentationen durch geschickte Kameraführung z.B. in „Kaiser Ludwig IV. der Bayer“ von 2008 erheblich besser gelingt. Es ist eine Binsenweisheit der Militärhistorie, daß man seit der Bronzezeit über Jahrtausende auf den Schlachtfeldern in FORMATIONEN kämpfte, lösten sich diese auf, war die Schlacht meist verloren, also werden immer nur chaotische Rückzugs- und Fluchtgemetzel, damit Schlussphasen einer Schlacht gezeigt, das sollte eher in Nahaufnahme geschehen, ansonsten halte man sich besser an Guerillaaktionen, Lager- oder Belagerungsdetails oder stelle gleich friedliche Szenen in Detail-Perspektive vernünftig dar. Ich stehe mit dieser Meinung nicht alleine da und oft wird nur abgewunken, wenn das Thema auf TV-Dokumentationen zu sprechen kommt. Die Kritik wird also von vielen geteilt und vielleicht erreicht sie mal die richtigen Adresse?



2/Nicht nur als Betrachter, sondern vor allem als Reenacter (Darsteller) in der Umsetzung von Beobachtetem, sollten wir kritisch mit uns selbst sein. Denn es ist wohl ein großer Irrtum anzunehmen, daß das Hüllen in nachgeschneiderte Gewandungen uns dem mittelalterlichen Menschen mit seinen Empfindungen und Denkweisen, mit seiner tiefen Religiösität, dem übersteigerten Glauben und Aberglauben, den kollektiven Ängsten und Anmaßungen der Stände, seiner manchmal bestialischen Brutalität und Primitivität, dem Unwissen einerseits und hohem Spezialistentum anderseits, dem grossen über viele Generationen unschriftlich gehüteten Erfahrungsschatz, der heute vielfach verloren gegangen ist und mühsam rekonstruiert werden muß, näher brächte. Auch für unsere Wissenschaft gilt, daß historische Vorgänge in ihrer ungeheuren Komplexität nie zur Gänze erfasst werden können. Es bleibt bei Strömungen, Ausschnitten, Meinungen, die in der Betrachtungsauswahl selbstverständlich höchst manipulativ sind. Davon auszugehen, daß Geschichtswissenschaft nur annähernd objektive Ergebnisse zu tage fördere wäre kindliches Denken. Zu sehr sind wir von unserer eigenen Welt geprägt und die Zeit vor rund 1000 Jahren muß uns im Kern unverständlich bleiben. So wie es „natürliche Phänomene“ gibt, gibt es auch „historische“ mit einer gewissen Ratlosigkeiten ihnen gegenüber. Es erfordert ein enormes Quellenstudium, um den mittelalterlichen Menschen nur im Ansatz zu erfassen, dazu wird die Masse der Darsteller kaum Zeit haben, mir persönlich fehlt sie. Es hat Versuche gegeben, um sich bsplw in den spätmittelalterlichen Zeitgeist ein zu empfinden, vor allem für Darsteller mit westeuropäischen Bezügen sei vielleicht Johan Huizinga (1827-1946), „Herbst des Mittelalters - Studien über Lebens- und Geistesformen des XIV. und XV. Jhs in Frankreich und in den Niederlanden“ von 1919 empfohlen, aber auch weitere westeurop. Autoren, wie Henri Pirenne oder Jacques Le Goff sind, trotz wissenschaftlicher Erkenntnisfortschritte, noch immer lesenswert.



3/Definition: Der Leibgürtel ist Teil der Bekleidung, aus Stoff oder Leder, geschlossen durch ein Bindesystem, Haken, Riegel oder die Schnalle. Breite und stabile Ledervarianten, meist aus Rindsleder, sollen als „Gurt“ bezeichnet werden, wie Leib- oder Waffengurte. Man kennt diese stabilen Ausführungen auch aus anderen Bereichen, wie aus mehreren Lagen vernähte Sattelgurte oder Geschirre im Transportwesen. Der „Riemen“ wird hingegen als recht schmal definiert und kann für Zaumzeug und Sporen, Knieriemen, Schuhe, Taschen und diverse Ausrüstungsteile genutzt werden. Diese bestehen entweder aus einer Schicht Rinds-, bzw Kalbsleder oder können gedoppelt vernäht sein, wie bei dünnerem Schaf-, Ziegen-, Schweins-, oder Wildleder. Kurze Riemenstücke für die Handhabe von Schilden wurden oft aus mehreren Lagen Leder gesteppt. Unter einemLanggürtel“ sei der Leibgürtel verstanden, der nach dem Anlegen ein deutlich längeres Zungenteil aufweist als moderne Gürtelformen und damit über den Oberschenkel bis auf Knielänge reichen kann und in speziellen Fällen mit „Überlänge“ bis zum Schienbein. Fingerlin verwendete für die Gürtel des XIV. Jhs mit gestreckten manieristischen Beschlagformen den Begriff des „Gürtels mit Überlänge“. Daran anlehnend soll deutlich geschieden werden: Länge bis Oberschenkel/Knie = „Langgürtel“ und Länge bis Schienbein = „überlanger Gürtel“.

Mythos Langgürtel“

Genau genommen müsste es eigentlich heißen „Mythos geschnallter Langgürtel“. Denn diese Gürtelform ist heutzutage im Besitz fast jeden „Mittelalterdarstellers“. Er ist aus der Szene nicht mehr wegzudenken und gilt neben Waffen und anderen Kleidungsstücken als typisch mittelalterliches Attribut. Dadurch wird er stilisiert und hat er eine „Aura“ erhalten, bzw Mittelalter und Langgürtel werden von vielen Darstellern unweigerlich miteinander verknüpft. Nimmt man das Mittelalter als 1000jährige Epoche mit unterschiedlichen Modeströmungen ist dem aber nach historisch korrekter quellenkundlicher Betrachtungsweise nicht unbedingt so. Dabei geht es keineswegs um „Besserwisserei“, sondern um genaues Hinschauen und einen kritischen Umgang mit den Quellen. In der Szene wird nur zu oft ein Gegenstand ausschließlich nach Funktionsweise und Datierung befragt, dabei der Gesamtkontext außer acht gelassen. Beim Reenactment „hört ja der Ernst auf und fängt der Spaß an“.

Belege für geschnallte Gürtel, die mit ihrem Zungenteil eine deutliche Überlänge bis zum Knie und länger aufwiesen sind in West- und Mitteleuropa für Mann und Frau vor der Mitte des XII. Jhs ausserordentlich selten und längere Gürtelformen werden, Abbildungen gemäß, eher Bindegürteln zugesprochen, also vornehmlich textilen Gürtelvarianten ohne Schnalle. Osteuropäische Formen der Reitervölker sind davon ausgenommen. Die nordeuropäische Funde von Langgürteln stehen im gleichen Kontext, denn es sind reiternomadische Gürtel. Im Zuge der französischen Gotik verbreiteten sich geschnallte Gürtelformen, durch Skulpturen nachweisbar, die Überlängen bis zum Schienbein und länger aufwiesen. Dadurch, daß meist gehobene Schichten thematisiert wurden und damit Stoff und weniger Leder Verwendung fand, konnten die Gürtel extreme Längen erreichen! Denn Gürteln aus Leder sind natürliche Grenzen gesetzt, sofern sie der Länge nach aus einem Stück geschnitten werden und man nicht im Kreis schneidet, was je nach Lederart ungünstig ist. Den Quellen nach beschränkte sich die überlange Gürtelvariante zunächst auf Adel und den höfischen Bereich, mag vom gehobenen städtischen Bürgertum (max. ca. 2 % der Stadteinwohnerschaft) vielleicht nachgeahmt worden sein, betraf den Großteil der damaligen Bevölkerung jedoch nicht. Dieser trug bestenfalls Gürtellängen bis zum Saum der Gewandung, meint in der Regel Oberschenkel, manchmal bis zum Knie, aber keinesfalls mit Überlänge! Die überlangen Gürtel fanden bei den führenden Schichten europaweit im XIV. Jh den modischen Höhepunkt (Fingerlin hebt diesbzgl die oben erwähnten extrem lang gestreckten Bleche und Dekors hervor). Diese Gürtel wurden teilweise mit religiösen Gesichtspunkten aufgeladen, wie Mariengürtel als Zeichen des „Unberührten und Keuschen“, das Motiv hielt sich noch bis ins XVIII. Jh (!). In diesem Sinn könnten auch überlange Gürtel bei den häufig dargestellten „klugen und törichten Jungfrauen“ zu verstehen sein. Die Jugendlichkeit und die Unberührtheit der adeligen Patriziertöchter wurde durch die Gürtellänge betont. Davon kann man keineswegs Standardgürtel dieser Zeit ableiten!!! Mit den modischen Veränderungen in der zweiten Hälfte des XIV. Jhs beginnen sich bei den Männern die Gürtel der führenden Schichten deutlich einzukürzen und ab Mitte des XV. Jhs verschwinden Langgürtel fast gänzlich. Der überstehende Zungenteil ist nun oft nicht viel länger als eine Handspanne. Speziell ritualisierte Handlungen am Hof und in Adelskreisen oder historisierende Darstellungen erforderten zuweilen den älteren Langgürtel [Belege werden auf den entsprechenden Seiten gebracht]. Auch in der spätmittelalterlichen weiblichen Sphäre der gehobenen Schichten und als „Sonn- oder Festtagsgürtel“ hielt er sich. Das XV. Jh wies diesbzgl ein hohes Spektrum mit vollkommen neuartigen Formen unterschiedlichster Länge und Breite auf. Allerdings darf dabei nicht außer acht gelassen werden, daß in dieser Zeit auch untere Chargen immer stärker bildlich thematisiert wurden und damit Gürtelformen ins Blickfeld rücken, die vorher kaum zu entdecken waren. Siehe beispielhaft die Schweizer Bilderchroniken um 1500, in denen Frauen allerdings weniger präsent sind als Männer. Im XV. Jh ist durch die gute Quellenlage das Spektrum automatisch breit gefächert, was in vorherigen Zeiten mglw erahnt, aber mangels Quellen nicht nachgewiesen werden kann. Ein Grundsatzproblem stellt sich für den heutigen Betrachter zu erkennen, wer in den Kunstwerken überhaupt Darstellung fand. Es gilt als die Quellen nach sozialen Gesichtspunkten korrekt zu interpretieren. Mariengürtel oder die weiblicher Heiliger als Standard für weibliche Gürtelformen anzusehen wäre sicher ein Fehler. Eine „Madonna im Ährenkleid“ trug keinen extrem überlangen Gürtel, dessen Senkel ein gutes Stück auf dem Boden neben ihr lag, um einen verrückten Modegag der Zeit aufzunehmen, sondern verdeutlicht die absolute Unberührtheit und Keuschheit dieser weiblichen „Himmelserscheinung“, die gleichzeitig Symbol der Fruchtbarkeit (Ähre) ist ! Die Logik der röm-kathol. Kirche werde ich nie verstehen...

Fazit: In der 1000jährigen mittelalterlichen Epoche, nach geläufiger Definition, beschränkte sich die Kernphase des geschnallten Langgürtels in West- und Mitteleuropa bei Männern auf maximal 250 Jahre (2. Hälfte XII. bis 1. Hälfte XV. Jh), die des „Gürtels mit Überlänge“ für den gehobenen Stand auf weniger als 100 Jahre (2. Hälfte XIII. bis 2. Hälfte XIV. Jh). Grundsätzlich läßt sich festhalten, daß Gürtelzungen nur selten über den Gewandsaum ragten, wenn Zungen getragen wurden, ansonsten „endet der Gürtel blank“. Also bestimmte die Länge der Gewandung die Gürtellänge, wobei ein langes Gewand, meist Vorrecht der Oberschicht, nicht zwingend einen Langgürtel erforderte, siehe „Bürger“ in der Wende zum XV. Jh. mit kurzen breiten Gürteln. Während kürzere Kleidung, ob Tunika, Kotte oder Schecke, in der Regel einen kürzeren Gürtel bedingte. Das FMA und das beginnende HMA kannte, nach archäologischen Befunden, den Langgürtel im westlichen Kulturkreis gar nicht, der Osten (Balkan, Russland) im Bereich der Reitervölker durchaus, so sind die „oriental. Birkagürtel“ seltene Importstücke oder wurden von nomadischen Söldnern getragen und waren wohl kein skandinavischer Standard. Von diesen Aussagen sind textile Bindevarianten grundsätzlich abzugrenzen. Das SMA kannte Langgürtel nur noch im eingeschränkten Maß. Auch in der weibl. Modesphäre betrafen sie hauptsächlich Adel und besitzendes Bürgertum, damit also die „obereren (Zehn-)Tausend“ und waren keineswegs typischer Bestandteil mittelalterlicher Kleidung, schon gar nicht Ausstattung der hart arbeitenden Bevölkerung. Knechte, Mägde und jedwede ältere Personen werden meist mit viel kürzeren Gürtelformen dargestellt, egal was gerade Modetrend war.



4/Das schließt sicher auch Überlegungen mit ein „die Waffe“ als solche überhaupt zu definieren, wer war befugt eine zu tragen und welchen Typ? Ein Waffenrecht hatte der Adel und von der Obrigkeit dazu Befugte, also auch Kriegs- und Soldknechte bei entsprechendem Dienstverhältnis, eine Waffenpflicht der „Freie“ und später im Ernstfall der „Bürger“ mit Eintrag in die Bürgerrolle. Das sind eigentlich Minderheiten in der mittelalterlichen Gesellschaft, siehe Exkurs 4: „Bürger-Einwohner“. Mitte des XV. Jhs war bsplw in Nürnberg und in Weissensee/Thüringen das Tragen von „Barten, Langmessern oder Mordwehren“ grundsätzlich verboten! Auch ein Kriegsknecht wird hier mglw mit Dolch, aber nicht mit einer Langwaffe umher gelaufen sein. Nicht jeder Mann des Mittelalters war automatisch ein Waffenträger, ganz im Gegenteil. Siehe Statuta thaberna von 1434 aus Weißensee/Thüringen in: GE König, Anno Domini. Jahrbuch für mittelalterl. Kulturgeschichte u hist. Brauchtum 1999, S. 50. Neben dem Waffentragen werden hier auch andere Dinge der Zivilordnung zur Sprache gebracht, wie das Strafen derjenigen, die Unflat auf die Straße abschütteten. Wenn es verboten werden musste, ist es also vorher gemacht worden. Es wurde versucht Mißstände zu beseitigen, der Text ist eindeutig. Soweit zu unseren grundsätzlich klischeehaften Vorstellungen der Müllentsorgung und Nachttopfentleerungen in mittelalterl. Städten, man versuchte Lösungen zu finden. Zur Frage des Waffentragens und vor allem zum Problem mittelalterliche Quellen ohne ausreichende Detailkenntnis korrekt zu interpretieren sei noch kurz ein Beispiel angeführt. Es gibt Abbildungen, die Bewaffnete beim Mauerbau zeigen. Davon ausgehend, daß normale Steinmetzen keine Waffen während ihrer Arbeit trugen, musste eine Sondersituation vorliegen. Und in der Tat wurde hier die alttestamentarische Geschichte von Nehemia bildhaft umgesetzt, der als Mundschenk und Vertrauter des pers. Großkönigs nach Jerusalem gesandt worden war, um den Mauerbau in der von Babyloniern zerstörten Stadt voran zu treiben. Da die umliegenden Völker den Mauerbau mit Waffengewalt verhindern wollten, mussten die jüdischen Arbeiter ihre Tätigkeit bewacht und bewaffnet vollrichten (Nehemia 4, 15-18). Ohne diese Hintergrundinformation, nach der ein mittelalterlicher Meister eine Textstelle aus dem Alten Testament illustriert hatte, wäre die Abbildung mißverständlich gewesen.



5/Geppert in Ars Sacra, S. 131. Der Wandel von Formen in der Mode ist nicht nur eine Frage der Ästhetik. Die Häufung, das Vorhandensein oder Fehlen von Formen in bestimmten Regionen lassen meines Erachtens Spekulationen über Strukturen von Herrschaft, Diplomatie, soziale Hierarchien, die Beeinflussung in religiösen, künstlerischen und technischen Dingen, im Handel mit Warenströmen und Verkehrswegen oder Rohstoffzugriff und -verarbeitung zu. Handel bsplw. beschränkt sich nicht nur auf die Sachkultur, sondern ist immer zugleich Träger wichtiger Impulse und Ideen. Sobald unterschiedliche Kulturen Kontakt miteinander haben, beeinflussen sie sich gegenseitig, was sich allerdings nicht sogleich in den materiellen Hinterlassenschaften abzeichnen muss, aber durchaus kann. Die Diffusionismus-Theorie grenzt sich mit der infiltrierenden Verbreitung von Ideen und Sachgütern gegenüber der alten Migrations-Theorie, also Verbreitung durch Einwanderungen oder Völkerverschiebungen, ab. Massive kulturelle Veränderungen konnten auch ohne große räumliche Bewegungen von Völkern durch Handel und Übernahme von Gebräuchen stattfinden. Die heutige Forschung in ihren Spezialgebieten ist vorsichtig in Deutungsversuchen übergeordneter Art, z.B. eine Verifizierung von historischen Sachverhalten anhand von archäologischen Artefakten oder die Zuordnung jener zu bestimmten Ethnien. Mit Sicherheit ist Vorsicht geboten, doch es ist durchaus vertretbar, daß der heutige Betrachter eines archäologischen Fundstücks oder eines zeitgenössischen Kunstwerks ein Ergebnis obiger Determinanten wahrnimmt, die zur Erhellung historischer Zusammenhänge beitragen können als Mosaikstein im grossen Puzzle der Vergangenheitsbetrachtung.



6/H.D. Mück, Ich Wolkenstein 1377-1445, Bd. I, S. 46



7/Interessant sind diesbzgl. Detailbetrachtungen zu Formen, die in „Rückzugsräumen“ entstanden, wie tradierte Elemente bei Auswanderergenerationen, die bewußt länger gepflegt wurden, als in den Ursprungsgebieten. Wandernde Gruppen behielten immer einen Kern ihrer Sitten und Bräuche, ergänzend hinzu kam der Einfluß neuer Faktoren, wie Klima, Handel und kultureller Austausch mit neuen Nachbarn. Beispielhaft seien Modeelemente bei den in Nordafrika eingewanderten Vandalen gegen Mitte des V. Jhs genannt. Ihre Mehrfibeltracht mit Schulterfibeln für ein Kleidungsstück im Peplosstil unterschied sich deutlich von der provinzialrömischen Kleidung, wie sie uns von Grabmälern und Mosaiken bekannt ist. Im Laufe der Zeit waren Anpassungsprozesse zu beobachten, in dem bsplw röm Trachtelemente der Oberschicht, wie Kolliers, Ohrringe oder kostbare Schleier und Haarnetze, auch die Stirnbinde („vitta“) übernommen wurden. Die Stirnbinde aus Goldbrokat ist in langobardisch-fränk. Zusammenhängen erst im VI./VII. Jh bekannt. Am Regierungssitz Geiserichs wurden romanisch gekleidete Beamte in der Übergangsphase noch geduldet, später setzte sich für alle Identität stiftend im Hofzeremoniell die vandalische Tracht mit röm. Einflüßen durch [C. Eger in Germania 79 2001 II, S. 384f und „vitta“ S. 375]. Aus dem VI. Jh fehlen hingegen eindeutig bestimmbare Gräber mit vandal. Trachten, so daß in diesen Generationen die Akkulturation an die vormals röm Umgebung voll wirkte. Quellen geben gute Auskunft über die Sozialstruktur in diesem neu entstandenen frühmittelalterlichen Reich, auch wenn der Germane im nordafrikanischen Raum nicht einer gewissen Exotik entbehrt, vielleicht macht auch das die Betrachtung besonders interessant mit einer sehr speziellen Fokussierungsmöglichkeit. Eine Exotik, die neugierig macht, nicht weniger bei den Spaniern, die spätmittelalterliche Formen ihrer Heimat, welche eine Symbiose aus europäischen und maurischen Elementen beinhalteten, im XVI. Jh nach Neuspanien (Mexico/Texas) exportierten. Dort entwickelte sich unter optimalen Bedingungen eine ansehnliche Viehwirtschaft, besser noch als in der span. Heimat, und brachte letztendlich auch US-amerikanischen Hirten (Cowboys) durch den Viehtrieb zu Verladebahnhöfen mit Weitertransport nach den Schlachthöfen an den Großen Seen Arbeit. Deren Ausrüstung war rudimentär geprägt von mexikanisch-spanischen Formen !



8/Was ist mit dem zeitgemäßen Gürtel gemeint? Es soll anhand einer sehr speziellen Schnallenform verdeutlicht werden, falls es jemand genau nimmt. Denn jetzt geht es sehr in die Details: Exemplarisch werden die oft genutzten Schnallen in Doppelovalform, bzw. mit Mittelsteg herangezogen, siehe Beispiele auf den Seiten 2. Hälfte XV. Jh. Wann tauchen sie auf, können sie von Darstellern des Hochmittelalters genutzt werden oder ist es eine Form des Spätmittelalters, wurden sie für Leibgürtel, für Riemen von Schuhen, Taschen, etc oder gar für Sattelgurte genutzt? Nach den Funden aus London [Egan, G. (Hrsg.): Dress Accessories 1150-1450. Medieval Finds from Excavations in London, S. 65-88] wird das Gros unverzierter Doppelovalschnallen aus Kupferlegierungen von 15-25mm Breite (Egan Nr. 331-341) zwischen 1350 und 1450 datiert. Ihre einstige Verwendung bleibt offen. Kleine unverzierte Ausführungen aus Zinn-Blei-Legierungen unter 20mm Breite (Egan Nr. 350-375) werden dem Schuhwerk zugerechnet und ebenso zwischen 1350 und 1450 datiert. Ähnlich wird die Sonderform kleiner runder Schnallen mit mittlerer Dornachse meist aus einer Zinn-Blei-Legierung von max. 22-23mm Durchmesser (Egan Nr. 221-259) betrachtet und stammt in London in der Regel aus der Zeit nach 1400. Grössere, oft verzierte Formen, aus Messing/Bronze oder verzinntem Eisen von ca 40-65mm Breite (Egan Nr. 334, 342-345, 377, 387) werden um 1400 datiert. Von den eisernen Formen (Egan Nr. 346-349) weicht nur ein einziger Fund, eine gestauchte Doppelovalform, aus Eisen verzinnt von ca. 50mm Breite (Egan Nr. 346) in der Datierung mit 1230-60 entschieden davon ab. Mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit wurde die Schnalle für das Pferdegeschirr genutzt, denn eiserne Schnallen zwischen 40-60mm Größe stammen in der Regel aus diesem Zusammenhang. Die gestauchte hohe Doppelovalform findet sich als einmaliger Fund auch auf der Isenburg in Hattingen, vor 1225 datiert. Eine ähnliche hohe Doppelschnalle von 78 mm Breite stammt aus Beverungen und wird vor 1444 datiert [Krabath, Buntmetallfunde nördl d Alpen XVI.19]. Vier kleinere Doppelovalformen aus verzinnten Kupferlegierungen mit Blechen von unter 12mm Breite (Egan Nr. 378-381), teilweise auch mit Riemenbreiten von nur 6mm, werden zwischen 1270 und 1350 datiert. Diese Schnallen sind aufgrund der Größe keinen Gürteln zuzurechnen, sondern Schuh-, Sporen- oder Taschenriemen! Fazit: Die Form Doppeloval, bzw mit Mittelsteg ist im XIII. Jh bekannt, denn archäologische Funde sind bereits früher nachweisbar, wie die Schnalle aus Fyrkat VIII.-X. Jh, vermutlich vom Zaumzeug. Auch um 1200 wird die Sonderform der gestauchten hohen Doppelschnalle für die aufwändigen Dekorschnallen mit Emailleeinlagen verwendet und eine schlichte Variante von der Isenburg wurde bereits erwähnt. Die meisten archäologischen Funde des Doppelovals werden aber in der Regel ins SMA meist deutlich ab 1350 datiert und es gibt in London nur wenige Abweichungen vom Gros der datierten Schnallentypen. Das sind m.E stichhaltige Gründe diesen Schnallentyp für Leibgürtel, mit Ausnahme der „Emailleschnallen“, frühestens erst um 1400 zu verwenden. Auf Abbildungen taucht die Form mit Mittelsteg bei Gürteln vermehrt erst im Laufe des XV. Jhs auf, übrigens begegnen uns dort neben den runden sehr viele eckige Varianten, die aber in der Reenactment-Szene meistens abgelehnt werden. Eckige Schnallen gelten vermutlich bei eng anliegenden modernen Hosen als unangenehm, somit lehnt man auch die historischen Schnallen ab, obwohl die Gürtel ganz anders sitzen. Hier kann also das aktuelle Empfinden oder das moderne Auge nicht abgeschaltet werden...



9/Es ist die Fokussierung auf gesellschaftliche Verhältnisse, die Verknüpfung von Darsteller mit dem Darzustellenden in seinem Umfeld vor einem Betrachter, was die „soziale Verantwortung“ mit sich bringt. Bin ich Träger, Lenker und Leiter eines Systems, partizipiere ich, stehe ihm gleichgültig gegenüber, muß mich anpassen oder leide wohlmöglich darunter, zweifel es an, versuche es zu Fall zu bringen und bin ihm feindlich gesinnt? Diese Grundhaltungen sind vornehmlich in historischen Relikten (Texte), hypothetisch aber auch in archäologischen durch den Befund erkennbar. Menschen der Vergangenheit „sprechen zu uns“. Das tun sie in vielfältiger Art und Weise. Berücksichtigt man diese Dinge nicht, ist jede Darstellung flach und eindimensional, eigentlich „unmenschlich“. Sie mag bezüglich des Spaßfaktors befriedigen sein, mehr aber nicht. Von historischer Realität oder historischem Bewußtsein keine Spur. Nicht jede Darstellung verdient eine so scharfe Beurteilung...Eine gänzlich unpolitische Ausnahme mag vielleicht das „altsteinzeitliche Reenactment“ sein, spätestens mit der Seßhaftwerdung in der „Jungsteinzeit“ und vor allem mit der rohstoffhungrigen „Bronzezeit“ hört es auf. Es beginnen gesellschaftliche Prozesse erkennbar zu werden, die jede Darstellung unweigerlich mit sich bringt, ob man will oder nicht (genau genommen drückt sie jede Darstellung alleine schon durch ihre Kleidung aus). Eine Gesellschaft fügt sich nicht von alleine, sie wird gemacht. Wir sprechen also von Politik, Ableitung griech „polis- „politeia. Damit ist keineswegs heutige Parteien-Politik und deren Gesinnung gemeint. Es soll hier auf keine parlamentarische „Links – Rechts Klassifizierung“ mit ererbten Kämpfen und gegenseitigen Schuldzuweisungen abgehoben werden, die Richtung ist mir zuwider, das ewige Schwarz/Weiß-Denken. Jegliche politische Richtung zeigt immer die gleichen Muster, immer geht es um Machtverlust und Machterhalt, wenn man das ständig lesen muss „macht“ es höchstens müde. Im Mittelalter ist alleine die Verquickung von Religion und Politik mehr als unglücklich...aber lassen wir das...

Bei Einzeldarstellungen, die vielleicht mehr handwerkliche Aspekte thematisieren, schauen wir über die Komponente der „sozialen Verantwortung“ hinweg, wie bei folgender Situation: „Mami, für wen hat der Bronzegießer die Nadel gemacht? Der Darsteller mag antworten, „na, halt zum Verkaufen“. Klingt da nicht eher das Wunschdenken eines bronzezeitlichen Wanderhandwerkers an? In der Archäologie schwierig zu stützen, mglw durch Depotfunde, Handwerkergräber oder durch seltene Fundzusammenhänge wie beim „Ötzi“. Für das Mittelalter gab es nachweisbar zahlreiche wandernde Spezialisten und Steinmetze im Bauhüttenbetrieb. Die archäologische Realität zur Bronzezeit zeigt hingegen die Anfänge einer streng hierarchisch aufgebauten Gesellschaft mit Handwerkern an Herrenhöfen, sie wurden geschätzt und waren unverzichtbar zur Ausbildung des Prunkgehabes der Oberschicht. Umgekehrt erhielten sie Schutz für das eigene Leben und die kostbaren Rohstoffe. Der Mann handelte also vermutlich im Auftrag, war mglw aufgrund seines Könnens und der Unverzichtbarkeit an den Hof gebunden, vielleicht war er unfrei? Wilfried Menghin in MWZ ohne Grenzen, S. 26 zur sozialen Gemeinschaft der Bronzezeit: „Kult- und Machtzentren in archäologisch definierbaren Fundprovinzen und Kulturen verweisen auf eine agrarisch organisierte Gesellschaft mit herrschaftlichen Strukturen.Mit der sozialen Komponente haben wir im gewissen Sinn eine politische Note, sie ist in diesem Fall nicht so hoch zu werten, weil vor Publikum eher das handwerkliche Können zählt. Aber wie sieht es aus bei Ein- und Umzügen, bei Banketten, Versammlungen, Turnieren, Gerichtsszenen, bei den beliebten Hexenverbrennungen, die m.E. mit mehr Ernst dargestellt werden sollten, denn spaßig ist darin eigentlich gar nichts, bei Pestumzügen ist der „Jux“ inzwischen wohl raus. Gesellschaftliche Großereignisse sind und waren immer politisch. Nur weil sie in ein historisierendes Deckmäntelchen gekleidet werden, wollen wir sie so nicht wahr nehmen, vor allem in der Rückzugsnische unserer Freizeit. Hier trennen sich wohl die Wege für den Hobbyisten gegenüber einem überzeugenden Darsteller. Darstellung fordert Stellungnahme. Ein Graf bittet nicht artig, er befiehlt. Der Untergebene hat zu gehorchen, paßt ihm das nicht, wird er bestraft oder stellt den Rebellen dar. Das erfordert Engagement, denn es muß klar werden wo die persönlichen Mißstände seiner Meinung nach liegen, wenn er glaubhaft sein will.

Im mittelalterlichen Reenactment kommt für viele Darsteller eine stark religiöse Komponente hinzu. Warum trägt der Mann mit dem roten Kreuz ein Schwert ?“, fragt der kleine muslimische Sohn seinen Vater...gebt mal eine Antwort, wenn die Frage an Euch kommt....[die unverfänglichste wäre vielleicht: „...das ist doch nur der freundliche Sanitäter, der das gefundene Schwert an der Kasse abgeben möchte.“ Scherz beiseite. Wir sind als „Fachpersonal“ weder rhetorisch geschult, noch ist unser Bewußtsein diesbezüglich auf die eigene Darstellung gerichtet, da wir zu sehr auf Details oder handwerkliche Fähigkeiten blicken. Wir arbeiten mit der Wissenschaft eng zusammen und es hat sich ein eigenartiges Credo entwickelt: Wissenschaft hat unpolitisch zu sein. Aha, … aber wie sieht es mit aktuellen Debatten zur Klimaforschung oder im Fall der Corona-Pandemie aus? Unsere persönliche Meinung stützt sich auf Aussagen von Wissenschaftlern mit deren enormen politischen Konsequenzen. Wissenschaftliche Ergebnisse geben eine Richtung vor, durch Deutungen forciert oder abgeschwächt, also Auslegungssache. Wird jetzt noch der Aspekt der Forschungsfinanzierung ins Spiel gebracht, dann wird es höchst politisch ! So weit zu Wissenschaft und Politik. Es sollte durch diese Gedankengänge niemandem der Spaß an der Darstellung genommen werden. Soweit darf die Sache nicht gehen. Reenactment ist für die meisten Hobby als Ausgleich zum „Ernst des Lebens“, keine Frage. Allgemein wird immer gefordert, daß wir an unsere Nachfahren und an die Zukunft denken sollen, aber denkt bitte daran, daß wir auch unseren Vorfahren etwas schuldig sind. Wird Vergangenheit verblödelt, als billige Unterhaltung oft auf den Märkten, und nicht ernst genommen, wirft das ein deutliches Licht auf unsere heutige Zeit. Man glaubt die Feudalgesellschaft überwunden, deshalb wird sie verjuxt. Wir sollten aber den Vorkämpfern für unsere heutigen Freiheiten dankbar sein und ihnen durch eine gute Darstellung huldigen (auch wenn viele die Gegenseite darstellen). Wir reiten auf ihren Schultern...Umgekehrt sollte Vergangenheit nicht glorifiziert werden, ausgelöst meist durch Nationalstaatlichkeit, was m.E. mehr Übel als Segen in die Welt brachte, vielfach aus übertriebenem Stolz und vermeintlichem Überlegenheitsgefühl. Keine Nation/Gesellschaft/Kultur/Religion ist einer anderen moralisch in irgendeiner Art und Weise überlegen. Wer das glaubt leidet vermutlich unter Persönlichkeitsdefiziten.



10/Buttinger/Keup, Die Ritter, Stuttgart 2013, S. 61



11/ Dienstmannen werden explizit in der Grundherrschaft des Stifts Essen genannt, wie die scultetiSchulten/Schultheiße“. Wir finden sie in recht unterschiedlichen sozialen Rängen. Im Raum Essen übernahmen sie Richterfunktionen an den bäuerlichen Oberhöfen, an denen Abgaben der Unterhöfe/Hufen/Mansen gesammelt wurden, um an das Stift weitergeleitet zu werden, das jene mit den zu erbringenden Dienstleistungen (Hand- und Spanndienste) als servitium verlangte. Einteilungen nahm der magister culturae, der „Baumeister“, als Verantwortlicher der Wirtschaftsführung vor. Dazu zog er die Hörigen der Unterhöfe, halbfreie Hörige (Laten) und Handwerker des Oberhofes heran [Küppers-Braun, U.: Macht in Frauenhand. 1000 Jahre Herrschaft adeliger Frauen in Essen, S. 25ff]. Der Begriff des „Schultheißen“ war weit gefasst, er konnte als Vertreter eines hohen Potentaten agieren, stammte manchmal selbst aus der Adelsschicht der Freien und nahm das ehrenvolle Amt als Vasall an. Einflussreiche Aufgabenfelder gab es bsplw im städtischen Umfeld, vom Grundherrn an die Position des Stadtoberhaupts gesetzt, wie es Wolfram, der Schultheiß zu Erfurt war, ernannt durch den Mainzer Erzbischof. Wolfram stiftete um 1157 die lebensgrosse figürliche Bronzeplastik des „menschlichen Leuchters“ (mit Bindegürtel), heute im Dom zu Erfurt. In einfacher Form konnte er als „Dorfschulze“ die niedere Gerichtsbarkeit vertreten. Zu den Schultheißen wird in verschiedenen Quellen ein „Schulzenstaberwähnt, wohl ein frühneuzeitlicher Begriff für dieses Amtszeichen. Vorläufer sind vermutlich bei röm Machtsymbolen zu suchen, wie die virga, der Stab, abgebildet in der Hand eines röm Gutsherrn auf dem Sarkophag von Lamta (Leptis Minor) nördl von Bekalta in Nordafrika aus dem IV. JhAD. Grafen ernannten erfahrene Dienstmannen auch zu „Schöffen“ für den Ausschuss in Form eines Schöffenkollegiums, meist von sieben Gerichtsmitgliedern, die zur Urteilsfindung in Rechtssachen beitragen sollten. Vielfach wurden höhere Dienstmannen per Auftrag im FMA und HMA zu Trägern der Kolonisierung mit Rodung, Urbarmachung von Land und Errichtung von Siedelstellen. Zunächst standen sie dem Bauernstand näher, bzw. waren Bestandteil der „nährenden Schicht“. Gefolgschaftsleute, wie „Mayer/Meier/Meyer“ wirtschafteten auf ihren Siedelstellen/Höfen und waren verpflichtet ihrem Herrn jederzeit zur Verfügung zu stehen. So mussten die 50 „Sattelmeyer“ des Amts Sparrenbergs noch im XVII. Jh ein gesatteltes Pferd, Pistolen (übliche dt. Reiterwaffe im XVI./XVII. Jh) und Reiter für Kriegs-, Geleit- und Botendienste oder eine entsprechende Summe Geldes als Ersatz stellen. Des Bischofs von Brixen „küchenmairbewirtschaftete den Haupthof, der unmittelbar für den Tisch des Geistlichen Lebensmittel und Heizmaterial lieferte. Als einfache Dienstmannen galten z.B. „Scheffler“, die u.a. die Vorratshaltung, Mühlen und Brauereien überwachten und „Fischmeister“ oder „Waldknechte“, die für das Jagdrevier und die Honiggewinnung zuständig waren. Die unterste Riege waren die Kriegs- und Soldknechte, welche dem berittenen Herrn zu folgen hatten, sich um dessen Ausrüstung, Waffen und Pferde kümmerten. Sie erhielten, je nach Rang ihres Auftraggebers, neben der eigenen Waffenausbildung, gerade mal den „klainen Sold, wie Oswald von Wolkenstein dies um 1400 bezeichnete. Das war nicht mehr als die Verpflegung, die Ausrüstung und vielleicht mal ein abgelegtes Kleidungsstück des Herrn. Ansonsten galt jeder legitimierte Raub in kriegerischen Zeiten als „Verdienstmöglichkeit“ in Naturalien. Ihr Ansehen konnte nur mit der gesellschaftlichen Position ihres Dienstherrn steigen. Zu den Dienstmannen/Ministerialen siehe auch den Exkurs 3.

Zu den empfohlenen Materialien/Metallen. Grundsätzlich wird zu unterscheiden sein zwischen einer Alltagsgarnitur und dem Repräsentationsstück. Es folgt also eine recht schematisierte Rangfolge: In der Merowingerzeit ist Eisen grundsätzlich immer eine gute Wahl, Bronze oft nachweisbar, Messing scheint knapp gewesen zu sein, so daß es damals einen hohen Wert besaß. Die sozialen Eliten wurden durch silberne und vergoldete oder goldene Objekte gekennzeichnet. In den nachfolgenden Jhn änderte sich diesbzgl. wenig. Mit der Karolingerzeit scheint, nach neueren Erkenntnissen, Messing allerdings nun häufiger verfügbar zu sein. Sogar in der nordischen Sachkultur tauchen Messingbarren in Haithabu auf, ansonsten wird in den Publikationen meist Bronze genannt, oder schlichtweg die ungenau definierte „Kupferlegierung“. Messing fand besonders im SMA über den Handel weite Verbreitung und konnte bis in die frühe Neuzeit sowohl für Kleinobjekte genutzt, als auch für Aquamanilen, Leuchter, Schüsseln, Kannen, etc. verwendet werden. Bronze war stabil, oft besser verfügbar und ließ sich, aufgrund des gegenüber Messing einfacheren Legierungsverfahrens, für qualitätvolle Großobjekte wie Glocken, Grabplatten oder die gewaltigen Bronzetüren der Kirchen gießen. Darsteller einfacher sozialer Schichten im HMA/SMA sollten, wenn nicht die häufig verbreitete textile Gürtelvariante, also der Strick aus Wolle oder Hanf gewählt wird (für arme Landleute, die sich oft kaum mehr lederne Schuhe leisten konnten und welche aus Bast oder Stroh trugen, siehe „Hirten“ im Dom Brixen Kreuzgang Arkade XIII), bestenfalls bei einer Leder-Eisen-Garnitur bleiben. Aufgrund der Stabilität zählt meines Erachtens auch der einfache Söldner/Berufskrieger dazu, der militärische Dienste verrichtete oder im Feld stand und dessen Ausrüstung das „Überleben“ sicherte. Je nach Rangordnung waren sicher auch Buntmetalle möglich, aber Militär erfordert nun einmal stabile Formen und die waren in erster Linie aus Eisen und Stahl, meist verzinnt. Auch dem einfachen Handwerker ohne Grundbesitz und Eintrag in die Bürgerrolle sei eher Eisen angedacht. Erst als „Bürger“ der besseren Gewerbe mit Eintrag in die Bürgerrolle, steuer- und waffenpflichtig, je nach Region bis zu fast einem Drittel der Stadteinwohnerschaft, sei Bronze oder Messing und eine mögliche Verzinnung angeraten, ebenso einfachen Dienstmannen. Aus dieser Schicht erhob sich die „Geld scheffelnde Riege“ der „betuchten“ Groß- und Fernkaufleute, der Zunftmeister, der Reeder und Ratsherren. Sie greife in der Darstellung zu Silber als „Zeichen der neuen Anmaßung“, wie es in Testamenten häufig belegt ist, mit dem Bewußtsein, daß sie allerdings je nach Gewicht/Wert der Stücke und je nach Region mit der „vorherrschenden Kleiderordnung“ in Konflikt gekommen wäre. In Göttingen war Mitte des XIV. Jh Bürgerinnen das Tragen von silbernen Gürteln nicht gestattet und später besagte die Reichskleiderordung von 1530, daß sich eine Bürgersfrau nicht mit vergoldetem Silber schmücken solle, eine erkennbare Lockerung innerhalb von zwei Jahrhunderten. Archäologische Fundstücke aus gehobenem Besitz zeigen in den Städten Vergoldungen, partiell bei Silberstücken, ansonsten bei Kupferlegierungen. Denn in den Städten residierte das gehobene Bürgertum (ca. 2 % der Stadtbevölkerung), an den Formen des Adels orientierend. Für einfache Dienstmannen wird militärisch Eisen und zivil Bronze oder im SMA Messing mit mgl. Verzinnung für angemessen gehalten. Den höheren Amtsleuten, den Ministerialen und Rittern, die seit den Saliern und unter den Staufern wichtige politische Funktionen erfüllten, wird Silber, bzw vergoldetes Buntmetall zugedacht werden können, als Zeichen des gesellschaftlichen Aufstiegs. Für die höchsten Ränge im unmittelbaren Hofdienst (Drost, Marschall, Kämmerer oder Mundschenk) war auf jeden Fall Silber und Gold üblich, da hier quasi der Sprung in die Adelsschicht bereits vollzogen war und der Hofstaat mit wertvollen Donativen/Geschenken der Herrscher rechnen konnte. Ansonsten gebührt vergoldetes Silber zweifelsohne dem Geburts-/Hochadel, bzw Aufwertungen durch Edelsteineinlagen und selbstverständlich Gold, das Symbol von Herrschaft und Dauer, das mit der beständigen Sonne verglichen wurde. Es gilt zu beachten, daß nicht allein das Material zählt, sondern selbstverständlich auch die Verarbeitung, der Unterschied zwischen Massenware und kunstvoller individueller Ausführung einzelner Objekte.



12/In Paris ist das Gürtlerhandwerk durch erhaltene Statuten sicher um 1250 nachweisbar. Für Köln sind Gürtlersatzungen aus dem XIV. Jh. bekannt. In Krakau wurde zwischen Messing- und Zinngürtlern unterschieden, in Paris kamen noch die Eisengürtler hinzu, die hauptsächlich schwere Gürtel für das Pferdegeschirr fertigten. Es gab Riemenschneider und Gürtler, wobei nur letztere Beschläge setzen durften, Krakau 1365: „so haben dy zelbigen rymer vor der stad den gortlern entwichn, das sy keyne rewsische gorteln machen sollen noch keyn blechrinke umschloen.“ und Wien 1403: „ also dass fürbas die riemer chainerlei gurteln machen sollen mit hammer noch mit nageln.“ Auch die Liegnitzer Zunftordnung von 1424 trennt die Gürtler mit der Setzung von Messingbeschlägen von den Riemern. Für das Erstellen der Schnallen waren die „Spengler“ zuständig, selbst für das Ziehen der Nieten gab es ein eigenes Gewerbe. Edelmetalle wurden nur von den Silber- und Goldschmieden verarbeitet! Diese waren oft angesehene Bürger, mit Eintrag in die Bürgerrolle der Stadt, also keineswegs nur („Einsitzer“) Einwohner derselben, wie einfache Handwerker ohne Grundbesitz. Die Rechnungsbücher des franz Hofs weisen eindeutig auf jene hin, Fingerlin, Gürtel, S. 24-30. [Die „Rinke“ meinte die Schnalle, vermutlich zunächst meist in rundlicher Form, denn der „Salwürker“ (mhd. sal = Draht) war der „Rinkelschmied“, der Drahtringel für das Kettenhemd vernietete.]



13/Die Sprache der Kleidung [zusammenfassend nach S. Geppert, Mittelalterliche Zeitmode im Heiligengewand, in: Ars Sacra, Salzburg 2010, S. 132]: Für alle Epochen gilt, daß die Kleidung, vor allem bei figürlichen Plastiken und Gemälden biblischen Inhalts, in hohem Maße tendenziös ist. Geppert spricht von einem „Codesystem“. Der heutige Betrachter muß dieses System entschlüsseln und Darsteller sollten sich vor einer „Eins zu eins“-Übernahme hüten, bzw. prüfen, wer trägt was aus welchem Grund? Geppert unterscheidet bei den biblischen Szenen in den „historischen Code“, nach dem Protagonisten in antikisierende Gewänder und Umhänge gehüllt wurden, auch Ehren- und Zeremonialgewänder waren üblich, um Authentizität in ferner Vergangenheit zum Betrachter und zugleich den ehrfurchtsgebietenden Abstand zum Geschehen zu vermitteln. Der „geografische Code“ fügt dem noch Ortsferne hinzu, um die Herkunft des Protagonisten zu verdeutlichen. Hier scheinen durchaus fantastische Elemente nach unserer modernen Betrachtungsweise möglich, um das Fremde zu betonen. Allerdings sehe ich dahinter die erstaunliche Fähigkeit des Mittelalters Ort und Zeit miteinander zu verknüpfen und „historisierend“ zu Denken. Geppert zitiert in ihrer Dissertation „Mode unter dem Kreuz“ von 2010 die „Kreuzigung“ der Brüder Limbourg in den Tres Riches Heures um 1415 und spricht von „märchenhaften Phantasiekostümen“, auffällig bei „Nikodemus“ oder „Josef von Arimathea“, siehe textbegleitende Abb oben. Diese Gewandungen sind m.E. allerdings eher Zitate, indem Illuminatoren ihre italienischen Anregungen mit tradierten byzantinisch-orientalisierenden Stilelementen offen legen, die bei Giotto, Martini oder Lorenzetti bereits im XIII./XIV. Jh üblich gewesen sind, denn Italien war in seiner Kunstauffassung extrem byzantinisch geprägt. Durch den „modischen Code“ wird eine Nähe zum Betrachter hergestellt, der sich in zeitgenössischen Bezügen, geregelt durch Kleider-, Hofordnungen oder Standes- und Berufstrachten, selbst wiederfindet. Allerdings betrifft dies nur Bildelemente und nie das gesamte Bild. In der zitierten Buchillumination der Brüder Limbourg würde Maria Magdalena diese Rolle mit fein gemusterten kostbar wirkenden Stoffen übernehmen, wie es scheinbar grundsätzlich für diese Person von Stand „unter dem Kreuz“ üblich war, denn darauf stützt sich ein Gutteil von Gepperts lesenswerter Dissertation. In der von ihr besprochenen „Kreuzigung“ Jan van Eycks von 1420-25 finden sich deutlich mehr Bezüge zur burgundischen Mode dieser Zeit, zugleich aber auch orientalisierende Versatzstücke, wie turbanartige Kopfbedeckungen, Bögen, Krummschwerter und im Hintergrund eine Art „Hagia Sophia“ als Tempel Jerusalems, eingebettet in eine italienisch anmutende Stadt- und voralpine Gebirgslandschaft. Der „metaphorische Code“ verwendet Kleidungsstücke oder deren Farben im übertragenen Sinne, so vermittelt Marias Umhang Schutz für den Gläubigen, der extrem lange Gürtel Unberührtheit und Keuschheit oder der nahtlose Rock Christi ist Zeichen der Vollkommenheit. Es können auch mehrere Codes gleichzeitig verwendet werden, wie das zum Ende des XV. Jhs häufig geschieht.



14/Erschwerend kommt hinzu, daß beispielsweise für das Hoch- und Spätmittelalter durchaus Diskrepanzen zwischen archäologischen und kunsthistorischen Quellen wahrgenommen werden. Das könnte mglw. mit unseren Publikationen zusammen hängen. Veröffentlichte Detektorfunde werden auf diesen Seiten als Quelle zur Datierung möglichst ausgeklammert, da deren Einzeldatierungen hoffnungslos grobmaschig sind. Detektorfunde dienen lediglich zum Aufbau von Typologien und für relative Chronologien. Ähnlich sind Sammlerpublikationen zu werten, da bei Objekten aus dem Kunsthandel meist die Fundzusammenhänge fehlen, oder sie von stilistischen Vorlieben der Sammler geprägt und damit sehr einseitig sind. Bei den archäologischen Quellen werden häufig die Funde aus London herangezogen, da sie vorbildlich publiziert wurden und für viele zugänglich sind. Internetrecherchen und Anbieter für Replikate aus ganz Europa beziehen sich oft auf London, denn die Fundmenge ist beeindruckend, gemessen an den relativ kleinen Ausgrabungsarealen. Der weiterer Vorteil dieser Funddokumentation besteht darin, daß hier Objekte gezeigt werden, die zu einem guten Teil der „bürgerlichen Sphäre“ entstammen (Gegenstände aus diversen Kupferlegierungen und Eisen/Zinn/Blei oder verzinnt) und nicht ausschließlich Bestandteile der Adelswelt sind, die sonst auf Abbildungen und figürlichen Bildwerken meist im Vordergrund stehen. Ortsferne wird meist billigend in Kauf genommen. Auch aus den Niederlanden gibt es diesbezüglich eine Publikation mit gröberen Datierungen. Für gut dokumentierte Funde aus Deutschland bedarf es in der Regel einer UNI-Bibliothek, samt den dort zugänglichen Fachzeitschriften. Bei den Monographien öffnet bsplw. die empfehlenswerte „Isenburg“-Publikation ein schmales Zeitfenster für das XIII. Jh oder für das XIV. Jh die Funddokumentationen der Hortfunde von Erfurt, Pritzwalk, Wiener Neustadt, etc. und natürlich sind die Standardwerke von Fingerlin und Krabath zu nennen. Bezüglich der Londoner Funde stellt sich die Frage, inwieweit wissenschaftliche Ergebnisse der engl. Hauptstadt, mit dem recht speziellen Verlauf der engl. Geschichte und den gänzlich anders gearteten Sozialstrukturen als auf dem Kontinent, auf davon weit entfernte Orte übertragbar sind? Ist nicht mit mehr lokalen Eigenständigkeiten zu rechnen? Es gibt Einflüße, die sich anderswo in Europa zeigen aber in London überhaupt nicht dokumentieren lassen, zumal die Grabung in der Schicht von 1450 endet. So sind auf spätgotischen Tafelbildern „Londoner“ Schnallen, aufgrund der zeitlichen Diskrepanz, nur selten zu finden! London hat für die mitteleuropäische hoch- und spätmittelalterliche Geschichte im Hansehandel durchaus höhere Bedeutung und deshalb lassen sich Ähnlichkeiten zu „Londoner Formen“ in den kontinentalen Küstenbereichen um 1400 am ehesten nachweisen. Aber weiter im Landesinneren scheinen andere Formen zu überwiegen. Sie dokumentieren sich eher auf Tafelbildern und Skulpturen, mit stilistischer Beeinflußung durch Italien und Frankreich und weiteren Einflüßen aus Osteuropa von Böhmen, über Ungarn bis nach Byzanz, wobei letzteres wiederum auf Italien und Frankreich wirkte. So zeigt sich ein eigenes Repertoire an Schnallen und Gürteln. Aus diesem Grund werden auf diesen Seiten für das Spätmittelalter Abbildungen und figürliche Plastiken mit möglichen Ortsbezügen bevorzugt und versucht sie möglichst mit archäologischen Quellen in Material und Verarbeitung abzugleichen.



15/So gibt es auch kein „typisches Haithabu-Ovalfibelpaar“. Es gab mal eine recht aggressive Kundin, weil ich Ihr nicht diese, von ihr so bezeichnete, verkauft hatte, sondern eine Form, die man unter anderem auch in Haithabu fand, m.E. ihrer Darstellung gemäß [die filigrane silberne mit gekordeltem Draht aus dem Kammergrab 5/Südgräberfeld war nicht im Gespräch, denn es ging um eine Preisklasse knapp über 100.- EUR das Paar, dafür ist die silberne nicht zu bekommen]. Mir ist bewußt, daß viele der „Haithabu- Formen“ ähnlich auch woanders auftauchen, so daß der Begriff der Einmaligkeit schwierig ist. Vermutlich meinte sie die „P37“ und verkauft hatte ich ihr die „P51“ [nicht das ehem. US-Jagdflugzeug „Mustang“]. Beide Formen sind aber auch in Birka und an anderen Fundorten präsent. Was daran ist nun typisch für Haithabu? Beim Kauf lag hinzu der Fundkatalog vor und ich zeigte ihr verschiedene Formen, wobei sie nicht explizit auf die „37er“ und schon gar nicht auf die silberne filigranverzierte hinwies. Manchmal bewegt man sich auf zwei unterschiedlichen Kommunikationsebenen. Da ist einfach nichts zu machen, wenn Begriffsdefinition und Sprache so voneinander abweichen...



16/Es soll die Problematik anhand von üblichen Datierungen zum Kloster Fontenay in Burgund verdeutlicht werden. Angenommen wir hätten ein Kapitell oder ein Skulptur aus der Klosterkirche als Quelle vorliegen, welche Datierung könnte ein Autor zu dieser Quelle heranziehen? Das Gründungsdatum des Klosters Fontenay in Burgund wird mit 1118 angegeben, aber auch 1119 erwähnt, damit ist aber nur die frühe Mönchsgemeinschaft gemeint, denn erst 1130 wurde das Kloster an seine heutige Stelle verlegt. 1133 wurde mit dem Bau der Abteikirche innerhalb des neuen Klosterareals begonnen. In einer weiteren Schrift wird der Beginn dieses Baudatums auf 1139 gelegt. Eine andere Quelle datiert das Kloster Fontenay einfach zwischen 1118–47, oder Fertigstellung der Kirche 1147. 1149 wurde die Kirche den Quellen nach geweiht, erst zwei Jahre nach Fertigstellung? Der grösste Teil der Innenausstattung und Beifügungen stammt aus späteren Zeiten, wie Madonnenstatuen und Grabplatten ab dem XIII. Jh. Allgemein heisst es, dass das romanische Gotteshaus seit der Fertigstellung nur geringfügige Änderung erfahren habe und dass die schmucklose Abteikirche heute eine der am besten erhaltenen in Burgund sei, welche das ursprüngliche Aussehen bewahrt habe. In der Französischen Revolution wurde das Kloster hingegen säkularisiert und als Papierfabrik genutzt. Erst 1906 wurden die Gebäude wieder in den möglichen ursprünglichen Zustand gebracht. Damit läge eine sinnvolle mögliche Datierung für einen Bauteil der Kirche vor der Mitte des XII. Jhs, im vierten und fünften Jahrzehnt, eine isolierte Statue könnte aber auch erst später in den Gesamtkontext der Kirche gefügt worden sein.



17/Ein Beispiel für die „Konvention“ mag die Darstellung von Panzerringen auf Skulpturen des XIV. Jhs sein. Es wurden u.a. aneinander gesetzte „Halbmonde“ gemeisselt, um verflochtene Ringe überzeugend darzustellen. Viele Handwerker schufen nicht rein aus dem Kopf, sondern werden sich die Arbeit mit diversen Hilfestellungen erleichtert haben. Dazu könnte das „Modell stehen“ zählen. Interessant diesbzgl sind die Bilder von Hans Memling, wie die „Flucht aus Ägypten“ des Triptychons von 1475-80, heute in Cincinatti. Hier wird Maria Magdalena mit Salbgefäß in der rechten Hand, Kettengürtel (demi-ceint) und rot-goldenem Brokatstoff stehend, recht steif dargestellt. Auf dem Bild der „Kreuzabnahme für A. Reins“ in Bruegge trägt auf der Haupttafel eine andere Person als „Maria Magdalena“ zurecht gemacht das gleiche rot-goldene gemusterte Kleid, allerdings in Kombination mit oben geschlossener Überbekleidung. Dafür übernahm die Darstellerin der „1475-80er Maria“ vom ersten erwähnten Bild nun die Rolle der Barbara auf der Seitentafel, fast in der gleichen bekannten und schon einmal eingenommenen steifen Haltung, diesmal statt Salbgefäß mit Turmmodell in der rechten Hand, das Attribut der Barbara, was hier aber eigenartig nachträglich zugefügt wirkt, demi-ceint und dunkelfarbigem Kleid. Person und Haltung ist auf den zwei Bildern eindeutig identisch. Wir haben einmal also das gleiche Kleid an zwei verschiedenen Personen und zum anderen eine Person in zwei verschiedenen „Rollen“.

Zur Frage der Konventionen und spezieller Sichtweisen mag mglw, vom eigentlichen Themenkomlex abweichend, zur Anschauung ein Beispiel aus der Antike dienen. Es ist in der Kunstgeschichte schon oft angemerkt worden, daß griech. rotfigurige Vasenbilder idealisierte Krieger in „heroischer Nacktheit“ bei Kämpfen darstellen, wo doch bekannt ist, daß in dieser Zeit kriegerische Auseinandersetzung in Rüstungen (Linothorax) stattfanden? Es ging also nicht um eine dokumentarische Darstellung. Plutarch berichtet, daß ein spartanischer Krieger bei der Verteidigung des heimatlichen Bodens ohne Schutzbewaffnung aus dem Haus rennend an den Kämpfen teilnahm und dafür von den Ephoren ausgezeichnet wurde, also wird hier eine besondere und ungewöhnliche Situation geschildert. Die „Nacktheit“ auf den Keramikbildern war eine Modeerscheinung in der Malerei ab Mitte des V. JhvC im Zuge der Verherrlichung der Siege über die Perser. Griech Helden aus Geschichte und Sage wurden in mythischen Zweikämpfen nackt dargestellt. Das übertrug man auch auf zeitgenössische Ereignisse, doch ohne realistische Schlachtgemetzel dieser Zeit abbilden zu wollen! Die Maler könnten zur Anschauung Übungskämpfer barfuß auf sandigem Boden leibhaftig vor Augen gehabt haben. Denn die Griechen betrieben ihren Sport, zu dem auch der Umgang mit Waffen gehörte, nackt. So bekam das ganze eine „sportliche Note“, indem der muskulöse durchtrainierte Körper gezeigt wurde mit einer überlegenen griech Kampftechnik. Im Gegensatz zu dem barbarischen Gegner, meist in unterlegener Pose, der sich in Schutzkleidung hüllen musste.



18/Zum Beispiel kopierte der Meister des „Lichtenthalers Marienflügels“ (heute KarlsruheAO) 1489 das kleine Bild „Verkündigung Marias“ (heute AntwerpenAO) aus der Rvd Wyden-Werkstatt entstanden um 1460 fast eins zu eins. Der „Meister der Schwäbischen Schule“ musste nicht unbedingt in die Niederen Lande reisen, um sich seine Anregung zu holen. Denn das Kloster Lichtenthal, bei Baden-Baden war durch die Äbtissin Margarethe von Baden, Tochter des Markgrafen von Baden, im Besitz des kleinen niederländischen Bildes, was sie nun in einem Kopiervorgang vergrössert wissen wollte [Borchert, Van Eyck bis Dürer, S. 281f]

Zum Zeitdruck siehe Kloster Blaubeuren. Der Chor und sein Hochaltar, S. 205. Hier werden Gründe für einen Termindruck der Fertigstellung genannt. Der Termindruck in den Werkstätten könnte auch mit immer neuen Aufträgen verbunden gewesen sein, die nicht mehr zu bewältigen waren ohne eine Schar von Kopisten, ebenda S. 217. Auswüchse in einer Zeit als große gemalte zweidimensionale Kunstwerke nicht technisch reproduzierbar waren.



19/Nach mittelalterlicher Vorstellung sollten am Tag der Auferstehung durch Jesus Christus, gleich ihm, alle im selben Alter aus den Gräbern steigen als es dem Heiland selbst vergönnt war, prima! Nach meiner Ansicht gibt es eine ganze Reihe von Grabdarstellungen des HMAs, die von diesem „Jugendlichkeitswahn“ abweichen, nicht nur die bekannte Rudolfs I. von Habsburg in der Krypta des Dom von Speyer. Auch die Naumbuger Stifterfiguren z.B. zählen teilweise, der Physiognomie nach, deutlich mehr Lebensjahre.



20/Bereits zu Lebzeiten erstellt wurde das Marmor-Epitaph (Gedächtnismal, nicht über dem eigentlichen Grab errichtet) für den reichen Bürger Ulrich Kastenmayr, welcher als Handelsherr, Ratsherr, Kämmerer und im Auftrag des Herzogs von Straubing-Holland, Mautner in Schärding gewesen war, gest 1431. Das Plattengrab des Kanonikers Konrad Selchen wurde 1470 gefertigt, er starb nach 1485, und das Epitaph des Kanonikers Hermann Hankrat 1510, beide im Chorherrenstift von Fritzlar. Letzerer starb am 21. März 1514, siehe Hinz, Dom St. Peter zu Fritzlar, S. 42-45. Demnach wurden beide im betagten Altar dargestellt und nicht jugendlich idealisiert wie im HMA noch üblich.



21/Prozessionen und Schauspiele spielten im MA eine größere Rolle, als mir das bislang bekannt war. Die christlichen fanden nach fest definierter Liturgie statt, bsplw. an Lichtmeß, Himmelfahrt, Fronleichnam oder die Osterprozession in der Karwoche und am Palmsonntag mit Jesus den beweglichen „Palmesel“ auf Rollen reitend, wovon einige Holzbildhauerwerke die Zeiten überdauerten. Der „Einzug in Jerusalem“ wurde auch häufig in der Tafelbildmalerei festgehalten, wo ein reicher Bürger mit seinem Rock Jesus den Weg bereitete. Dargestellt wurde die Passion, Kreuzdeponierung oder Grabesprozession, für die extra ein festes sepulcrum oder ein mobiler hölzerner Tragschrein errichtet wurde, in denen kostbare Reliquien mitgeführt werden konnten, siehe erhaltene Exemplare in Salzburg und Chemnitz. In theatralischen Inszenierungen sollten die zeitlich und örtlich weit entfernten überlieferten Handlungen dem Gläubigen nahe gebracht werden. Verschiedene Wunder- und Mysterienspiele wanden sich aus dem kirchlichen Bereich in die weltliche Sphäre. Daraus entstand das Laienschauspiel. Bekannt waren die „rederijker-Spiele“ der Handwerker und kleinen Kaufleute mit zumeist lustigen und moralisierenden Stücken in den Städten der Niederen Lande. Auch der sinnenfreudige Karneval mit seinen ausartenden Exzessen wurde dort ausgiebig zelebriert, in grossen Umzügen mit vielen thematischen Wagen oft prunkvoller gestaltet als mancher Königseinzug. Heidnische Attribute der Fruchtbarkeit mussten wohl oder übel von den Oberen toleriert werden (vermutlich hatten die bei manchen Reenactern beliebten obszönen Abzeichen hier ihren Ursprung, in Analogie zur antik-römischen Symbolik). Ähnlich werden die heidnischen Fastnachts- und Frühjahrsbräuche in Süddtld zu werten sein oder speziell der „Schembartlauf“ in Nürnberg, mit Tiermasken und Fellen. Karl IV. hatte den dortigen Schlachtern das Privileg zugestanden heidnisch anmutenden Tänze aufzuführen, das die Stadt bald als einen grossen weltlichen mehrtägigen Umzug gestaltete. Den Höhepunkt bildete die Erstürmung eines Wagens in Schiff- oder Turmform, der von Dämonen gegen die anlaufenden Schembartläufer verteidigt wurde bis das ganze in Flammen aufging. Erst mit der Reformation wurde diesen Bräuchen Einhalt geboten. So hatten eine hohe Zahl von Umzügen eher weltlichen Charakter und nach wie vor fanden Bittprozessionen statt, in denen um Regen oder Abkehr von Stürmen, bzw. schönes Wetter gebeten wurde. Es waren in jedem Fall Massenspektakel. Die herrschenden Schichten versuchten diese selbstverständlich zur eigenen Zurschaustellung und Präsentation im öffentlichen Raum zu nutzen. Von je her hatte der Einzug des Königs in eine Stadt einen besonderen symbolischen Charakter und wurde ab dem XIV. Jh stärker zelebriert, indem Vertreter der Bürgerschaft jenem entgegen zogen und mit Schlüsselübergabe im Gegenzug Privilegien erhofften. Städte galten den Königshäusern oft als willkommene Geldquelle oder Verbündete im Kampf gegen den aufsässigen Adel. Vor allem in Frankreich und England galten weltliche Prozessionen der Legitimation und Sichtbarmachung des Heils der Herrschaft und der königlichen Politik, so geschehen bei den Umzügen von Mai bis Juli 1412 in Paris, als Karl IV. (1380-1422) um Unterstützung für den Kampf gegen die Armagnaken warb. Jegliche Herrscherbegräbnisse und Inthronierungen wurden von einer reichen Bildersprache begleitet. In Frankreich war es zum Ende des XV. Jhs üblich im Begräbniszug das Ebenbild des Königs durch eine Puppe in den Staatsgewändern zu präsentieren. Die Übergabe der Herrschaft an den Nachfolger musste sichtbar zelebriert werden. Besonders prunkvoll war der Einzug Heinrich VI. von England 1431 in Paris und nachfolgend in London, als man besondere Schauplätze und Requisiten erstellte und Schaustücke mit Personifizierungen der Tugenden und weitere Allegorien aufführte. Zum Ende des Mittelalters wurden diese immer aufwändiger und es entstand ein fester Kanon an Dargestelltem, das biblische Gestalten, Heilige, historische Vorbilder und vor allem in Italien auch antike Themen mit einschloß. Aber auch 1485 beim Einzug Karl VIII. in Rouen wurde u.a. Kaiser Konstantin beschworen, Maxentius schlagend, um die hohe Abkunft des franz. Königshauses herzuleiten, neben der von Karl dem Großen selbstverständlich. Grosse dynastische Verbindungen wurden in besonderen Heiratsprozessionen durch allegorische Darstellungen dem Volk vor Augen geführt, wie 1501 beim Einzug der hoch gerühmten Braut Katharina von Aragon in London. Auch die Turniere des Adels wurden immer prunkvoller mit der Einfügung von Allegorien und kleine Spielszenen. Durch die finanziellen Möglichkeiten der Städte und das dort angesiedelte unverzichtbare Plattnerhandwerk wanderten Turnierveranstaltungen allmählich in die urbane Sphäre. Das erstarkende Bürgertum wetteiferte mit dem Adel, so daß es bald auch Bürgerlichen möglich war Turniere in Form von Festspielen abzuhalten. Erst recht nach der Reformation ersetzten städtische Turniere viele kirchliche Veranstaltungen [nach B. Holme, Der Glanz höfischen Lebens im Mittelalter, 1987]