Hinweise zur Wegführung durch die Jahrhunderte


I-VIII

0 bis 800

IX-XI

800-1025

XI-XIII

1025-1250

XIII-XIV

1250-1350

XIV

1350-1400

Beutelhalter XIII-XV

Knieriemen XII-XV

XV

1400-1450

XV-XVI

1450-1520


DRAGAL

Rekonstruktion von Leibgürteln für das Reenactment im

Früh-, Hoch- und Spätmittelalter (kurz FMA/HMA/SMA).

Imagination anhand von Sachobjekten oder

wie kann man mittelalterliche Geschichte überzeugend darstellen?



Die Seiten haben ein Maximum an Informationen erreicht, mehr als ihnen je zugedacht war. Die jeweiligen Zeitabschnitte sind in groben Zügen skizziert, der Rahmen ist abgesteckt, was Ziel des ersten Schritts war. Suchen kann man nur, wenn man weiß wonach. Es wird nun im Detail gefeilt, um Kernaussagen zu verdeutlichen und Bildbeispiele zu überarbeiten. Das Fortschreiten geschieht nach Bearbeitungsanforderungen durch Kundenwünsche. Das ganze ist ein Experiment. Es wird wohl nie ein „fertiges Produkt“ präsentiert, sondern der momentane Arbeitsstand dokumentiert. Ideen, Projekte, zu Bearbeitendes sind durch geschweifte Klammern {x} gekennzeichnet und Fußnoten in runde Klammern gesetzt (x), da sie sonst kaum auffallen, sie geben Detailerläuterungen und sollen Gedankengänge nachvollziehbar machen, Quellenverweise sind in eckigen Klammern [x] hinter die Zitate gestellt. Es werden jedoch nicht alle Bezüge genannt, um den Text lesbar zu halten. Grundstruktur bieten die obigen „Jahrhundert-Blöcke“. Im zunehmenden Maß findet die zeitliche Einteilung eine soziale Gliederung in Gürtelformen hoher und niederer Schichten. Dazu achte man auf den Seitenbalken links mit der Angabe nach 5 „Berufskategorien“ A-E, im Detail siehe: Ständegesellschaft im HMA/SMA. Auch die gesellschaftliche Stellung von Frauen wird dort anhand von Fallbeispielen zukünftig näher beleuchtet. Im Aufbau sind die Gesellschaftsstrukturen des FMAs - Annäherung über Grabfunde.

Eingeschoben werden Exkurse, die sich auf das Jahrhundert beziehen, in dem sie ihren Platz fanden oder möglicherweise größere Zeiträume betreffen. Deshalb sind 11 übergreifende Themengebiete unter „Exkurse im direkten Zugriff“ von der ersten Seite oder von hier aus unmittelbar zu erreichen. Es empfiehlt sich möglw Links oder Bilder durch „rechtsklick“ im neuen Tab oder Fenster zu öffnen, zur Parallel-Betrachtung und um das Zurückführen auf gerade Gelesenes zu erleichtern. Korrekturen und Ergänzungen werden auf den Seiten ständig vorgenommen! Manchmal ergeben sich glückliche Fügungen, andere Dinge wirken sperrig, bis zur notwendigen Be- und Überarbeitung, bzw Ausformulierung. Ich bin dankbar für Anregungen oder andere Sichtweisen.

Arbeiten der persönlichen Vergangenheit aus analogen Zeiten (Filme, Projektionen mit Lyrik, Foto, Video) wurden lebendig gestaltet. Es folgten eher nüchterne Wissenschafts-Darstellungen zur Alchemie, Medizin, Astronomie und Kartografie, auch dieses Projekt hier schien mir lange Zeit zu „verkopft“ und es fehlte der entscheidende Hauch. Schnallen sind recht starre Objekte, nicht weniger starr und „blutleer“ sind die notwendigen Kategorisierungen zeitlicher und technischer Art. So lautet die neu gestellte Aufgabe mittelalterliche Gedankenwelt und das Gefühl dieser Zeit beweglich zu erfassen auf der Suche nach dem flüchtigen Element, was hinter den Objekten steckt, dem vergangenen Leben, das ein Reenacter ja umzusetzen gedenkt. Im Gegensatz zur Moderne gab es im Mittelalter nicht das Bestreben starke Gemütsregungen zu verbergen, sondern sie gestalterisch zu zelebrieren. Vor allem im höfischen Umfeld wurden Lebensformen stilisiert und ein ästhetischer Ausdruck für Ehre und Tapferkeit, Liebe und Trauer gefunden. Bezüglich unserer Quellen sei zu anzumerken, daß sich hinter jedem Grabfund Emotionen des Abschiednehmens verbergen, überdeckt durch gesellschaftliche Konvention, das HMA besticht durch irrationale Religiösität mit impulsiven Ausbrüchen in Massenbewegungen, siehe bewaffnete und unbewaffnete Pilgerfahrten, im SMA wird individuelles Nachempfinden formuliert, dessen emotionaler Ausdruck uns heute noch in künstlerischen Erzeugnissen begeistert.

Vielleicht ist auf den Seiten ein Ansatz durch „ungewöhnliche Einfügungen“ spürbar - Stichwort „Imagination, es gewinnt Substanz, beginnt sich zu rühren, zu „leben“, „schaut mich an“ und irgendwann wird es sterben...aber bevor es jetzt allzu sentimental wird...den Seiten sind „Einführungen für Zeitenwanderer“ vorangestellt, an denen weiter gefeilt wird, neue sind in Bearbeitung, bislang Burgenleute (III. Jh) / Leave our homes in flames (V. Jh) / Die Alamannin (VI. Jh) / Fremde Küste (IX. Jh) / Ein verdammtes Loch (XV. Jh).




"ab nach Hause" (zurück auf die erste Seite)




Thematische Exkurse im direkten Zugriff:

Gürtelformen Bronzezeit und Antike

1 – Westrom-Ostrom-Italien

2 - Adel-Vasallen-Heerschildordnung-Heraldik

3 - Hundertschaft-Gefolgschaft-Lehnswesen-Ministeriale

4 – Bürger-Stadteinwohner

5 - Textilreste in nordischen Gräbern

6a - Bronze und Messing im FMA

6b - Bronze und Messing im HMA/SMA

7 – Verwendete Ledersorten im HMA (Schleswig)

8 - Eisenproduktion vom HMA zum SMA

9 - Überlegungen zu Tafelbild und Schauspiel im SMA

10 – Heer- und Handelswege im Mittelalter




hier folgen die Exkurse 1, 2, 3, 4, 7, 10, alle übrigen thematisch in die „Jahrhundert-Seiten“ eingefügt



Exkurs 1: Westrom – Ostrom (Byzanz) - Italien

Das antike Rom war für gebildete Menschen des westeurop. Früh- und Hochmittelalters, die in der Regel dem Klerus entstammten, Leitstern der Ausrichtung, Maßstab aller Dinge. Sie verstanden sich nicht in einer eigenen Epoche [der Begriff „Mittelalter“ war ihnen ja vollkommen fremd], sondern glaubten sich der römischen Zeit, dem letzten Zeitalter nach christl. Heilslehre, verpflichtet. Die Ausrichtung wird nicht zuletzt durch Begriffe der modernen Forschung wie „Romanik“ sinnfällig [dahinter steckt selbstverständlich mehr als die bloße Nachahmung antiker Formen]. Erst im Spätmittelalter wurde der Blickwinkel auf die gesamte Antike samt der Griechen erweitert, indem eine Wiederbelebung derselben das Verständnis eines Zeitenwandels hervorbrachte, mit einer vergangenen und abgeschlossenen Epoche zwischen Antike und der „wiedergeborenen Antike“ (=Renaissance), nämlich dem „medium aevum“. Dieser Begriff wurde spät. 1464 in Italien verwendet [nach Scott, Kleidung und Mode, S. 117]. Francesco Petrarca (1304-1374) hatte den Zeitraum zwischen Antike und seiner eigenen Zeit bereits als „medium tempusbezeichnet.

Unsere zeitliche Definition des Mittelalters ist fast deckungsgleich mit dem Bestand von Ostrom/Konstantinopel/Byzanz als eigenständige politische Macht von ca. 400 bis 1453. Wobei „byzantinisch“ ein moderner Forschungsbegriff ist, die damaligen Oströmer haben sich selbst als Romäi bezeichnet und verstanden sich als hellenisierte Römer. Herakleios (610-641) hatte Griechisch, die im Osten dominierende Sprache, zur alleinigen Amtssprache erhoben. Zugleich legte er den Titel imperator ab und nannte sich fortan offiziell basileus. Papst Urban bezeichnete in seiner berühmten Rede auf dem Konzil zu Clermont im Nov 1095 die an Seldschuken verlorene Gebiete Kleinasiens als „Romanien. Umgekehrt nannten Byzantiner die Franzosen des I. Kreuzzuges nicht „Franken“, sondern „Kelten“, um ihre barbarische Abscheulichkeit deutlich zum Ausdruck zu bringen, wie es von der Kaisertochter Anna Comnena bezeugt wurde. Byzanz übte enormen kulturelle Einfluß auf west- und osteuropäische Moden aus („imitatio imperii), oft über die norditalienischen Städte, insbesondere Venedig als byzant. Außenposten und Handelspartner oder über Sizilien und Süditalien. Während Westrom das Zentrum und der ideelle Hort des röm.-katholischen Christentums war, beständig um seinen Machtanspruch kämpfte, blieb das mächtige Ostrom lange Zeit unangefochten der Kulturbringer, trotz enormer Gebiets- und Ansehensverluste durch erschöpfende Kämpfe gegen Slawen und nomadische Völker an der Nordgrenze oder Sassaniden und den vordringenden Islam an seiner Ostfront. Letzteres traf Konstantinopel an empfindlicher Stelle, denn die Provinzen in Ägypten, Syrien, Palästina und große Teile Kleinasiens galten als Haupteinnahmequelle für die Besteuerung und den Handel, auch für die Rekrutierung waren diese Räume von Belang. Nur durch ihre Existenz war es Ostrom gelungen zu überleben, nachdem westliche Reichsteile verloren gegangen waren.

Konstantinopel galt als Quell des Luxus, in Form von Stoffen, speziell Seide, afrikanischem Elfenbein und Elfenbeinarbeiten, Gewürzen, Edelsteinen, Goldschmuck, Goldmünzen, aber auch begehrten Reliquien. Im Westen überdauerten letztere in den Kirchenschätzen. Die kostbaren Objekte waren nicht selten diplomatische Geschenke, mit denen Byzanz seine kulturelle Überlegenheit dem Westen gegenüber klar zum Ausdruck brachte. „Byzantinische Herkunft“ meint übrigens den gesamten östlichen Mittelmeerraum, denn die Werkstätten konnten genauso auf dem Balkan und in Griechenland, in Ägypten, wie im Vorderen Orient liegen, je nachdem wie sich gerade die Handelsbeziehungen gestalteten, deshalb wird in der Forschung auch von „orientalischen Produkten“ gesprochen. Im Lauf der Zeit wuchs auf der Nehmerseite Begehrlichkeit und der Transfer war keineswegs immer legal. Reliquien wurden geschmuggelt und spätestens mit der Eroberung Konstantinopels 1204 im Auftrag Venedigs, gelangten immense Reichtümer vornehmlich nach Italien und Frankreich, festigten oder begründeten die franz. Vormachtstellung in speziellen Produktbereichen, beispielsweise in der Herstellung von Elfenbeinartikeln. Auch nach Dtld gelangten in diesem Zug kostbare Gegenstände, wie das byzant. Kreuzreliquiar ins Kloster Stuben an der Mosel aus dem X. Jh, heute im Domschatz Limburg. Konsumgüter östlicher Art kamen „erschwinglich“ auf europäische Märkte und schufen neue Modeformen. Für Betrachtungen zur Gürtelentwicklung ist dieser Aspekt nicht unerheblich. [Der Papst ließ damals Gelder zur Rückeroberung des Heiligen Landes in ganz Europa sammeln. Doch blieben die finanziellen Mittel irgendwann aus, so daß die Überfahrt von Venedig nach Palästina nicht mehr bezahlt werden konnte. Das zeigt, wie sehr sich die Kreuzzüge gewandelt hatten, ausgehend von der wirtschaftlichen Selbstaufgabe jedes einzelnen in religiöser Begeisterung hin zu kapitalintensiven Großunternehmungen, die erhebliche Mittel erforderten. Das führte im Fall des 4. Kreuzzugs u.a. zu der unheilvollen Eroberung Zaras in der Adria und Konstantinopels im Interesse der Dogenstadt, kam könnte in der Sprache des modernen Kapitalismus salopp formulieren: "Eine Filiale läßt ihren Mutterkonzern liquidieren"].

Die Zeit der Kreuzzüge war von Rivalitäten zwischen Christen und Orthodoxen geprägt. Der Staufer Friedrich I. Barbarossa hatte bereits im Winter 1189/90 erwogen die Mauern Konstantinopels anzugreifen und es war immer wieder zu Scharmützeln zwischen Kreuzfahrern und Byzantinern gekommen. Eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit dem Westen fand nur selten statt und beschränkte sich meist auf eine der ital Seestädte. Byzanz hatte definitiv keine Neugründung von christlichen Fürstentümern im Hl Land erwartet, sondern eine Erneuerung byzantinischer Herrschaft in der Levante erhofft. Einflüße aus dem ostmediterranen und syrisch-persischen Raum befruchteten das europäische Mittelalter in mancherlei Belangen. Der Transfer beschränkte sich nicht nur auf die Sachkultur, sondern war zugleich Träger wichtiger Impulse und Ideen, so gelangten antike Manuskripte in den Westen. Der Niedergang Konstantinopels seit 1204, der endgültige Verlust des Heiligen Landes Ende des XIII. Jhs, das Vordringen der Osmanen auf dem Balkan seit dem XIV. Jh und der finale Fall der Stadt 1453 entfachte im Westen durch Flüchtlinge eine Wiederbelebung antiker Vorstellungen, die besonders in Italien auf bereiteten Boden fiel. Italienische Kommunen, von „Konsulen“ und Stadträten geleitet, mit den Relikten der antiken Vergangenheit „vor der Haustür“, definierten sich aus Statussymbolen und Ideen der römischen Republik heraus. So schwelgte das zerstrittene Italien, dominiert von regionalen Stadtrepubliken oder besetzt durch fremde Mächte, in der glorreichen antiken Vergangenheit mit dem Wunsch zu neuer Einigkeit und Größe, ähnlich wie die napoleonisch-franz. Besetzung Dtlds im XIX. Jh die Romantik und eine Beschäftigung mit der mittelalterlichen Vergangenheit hervorbrachte. Die „Renaissancewar in Italien kein plötzlicher Umbruch, keine neue Mode- und Gesinnungserscheinung, wie bei uns nördlich der Alpen, sondern Ausdruck für einen Jahrhunderte währenden kontinuierlichen Prozeß der Selbstfindung. Deshalb werden wir als Nicht-Italiener immer nur die äusseren Erscheinungen und künstlerischen Leistungen bewundern können, niemals aber den notwendigen Drang dahinter erkennen und verstehen.

Bild: „...nach der osmanischen Machtübernahme“ [TW Attila Rad mod]






Exkurs 2: Hoch- und Niederadel / Vasallen / Heerschildordnung / Heraldik / (Ausblick in die Zukunft)

Aufgrund archäologisch nachweisbarer Relikte (Wallfestungen, Grabhügel, reiche Grabausstattungen, mögliche Kalendaranlagen, etc) läßt bereits die Bronzezeit hierarchisch aufgebaute Gesellschaftsstrukturen erkennen. Eingehegte Grabstätten dokumentieren einen ausgeprägten Ahnenkult. Im eisenzeitlichen Norddeutschland wurden bewußt Nachbestattungen in oder um grössere bronzezeitliche Hügelgräber vorgenommen oder Brandurnenfelder rings um überwölbte Megaltihgräber angelegt, um Nähe zur Herrschaft und Kontinuität auszudrücken. Frühe Schriftquellen lassen einen Geburtsadel (ahd. „adal= edel) als herrschende Schicht und Anführer größerer Sippen vermuten, mit religiös motivierter Legitimation einer langen Ahnenreihe und einem (mythischen) Urahn, nach dem sich die Sippe selbst nannte. Ob es dauerhaft Anführer eines Stammes im Sippenverbund gab, ist fraglich, vielleicht nur in Notzeiten. Dazu wählten Freie aus den „Edelingen“ (daher später „edelfrei“), für die ein höheres Wehrgeld veranschlagt wurde, ihren Anführer (Herzog) für Heerfahrt und Rechtsprechung, einen „Fürsten“ (ahd. furisto = der Vorderste, noch im Sachsenspiegel: „vorste). Die dauerhafte Institution eines obersten Herren wird eine Folge der Angleichungsprozesse zu röm Verhältnissen sein. In lateinischen Quellen wurden für Angehörige dieser Führungsschicht Bezeichnungen verwendet, wie princeps, rex, dux oder iudex, da jene Recht sprachen, siehe adäquat dazu im AT das „Buch der Richter“. Nach Völkerwanderungszeit und Landnahme auf röm Territorium war zur Verwaltung der Gebiete eine Ämtervergabe an den Adel unerlässlich, wieder folgte man römischen Strukturen, s.u.. Der Titel des obersten Herrschers wurde nach Vorbild der Caesaren bei Vandalen und Franken erblich, mit Chlodwig und den Merowingern in sakrale Sphären erhoben. Die Ursprungsform war eigentlich das oben beschriebene Wahlverfahren, also ein Heer- oder Wahl-“königtum“, zu dem bsplw Goten nach einer Phase der Erblichkeit zurückkehrten. Es war nur die Frage wer wählte, der Freie oder der Adel unter sich? Im Fall der Letzteren ließen sich möglichst fähige oder „harmlose“ Kandidaten auswählen, beides konnte dem Adel Vorteile bringen. Erbliches Königtum führte nicht selten zu Thronstreitigkeiten. Schwache Anführer und zerstrittene Herrscherhäuser, nutzte der Adel zur persönlichen Bereicherung und Machterweiterung [siehe detailliert auch unten Hundertschaft]. Die german. Nobilität begann ab dem VII. Jh auch hohe Kirchenämter zu vereinnahmen, welche in der Konsolidierungsphase des fränk. Reichs zu Chlodwigs Zeiten noch durch die alte provinzialröm. Senatorenschicht besetzt worden war, geschult im röm. Kirchenrecht. Im Rahmen der Kirchenorganisation begannen sich Adelige dem antiken Bildungskanon zu verpflichten, eine Laienbildung darüber hinaus, wie noch in der Spätantike üblich, gab es lange Zeit nicht mehr. Deshalb wurden in der Reichsverwaltung hohe Geistliche unentbehrlich.

Der ältere Reichsfürstenstand benennt angeblich den Hochadel in Abstufung mit Herzögen, Mark-, Pfalzgrafen, Grafen und explizit Edelfreie (oft nur als „Edle“ oder „Herren“ bezeichnet, auch der Begriff „hochfrei“ war in Gebrauch) - [Für mich momentan noch nicht verständlich, denn Grafen zählten in der Frühzeit als weisungsgebundene hohe Funktionsträger eigentlich nicht zu den Fürsten???]. In den Textquellen verwendete man bis ins XII. Jh lat./röm. Begriffe, wie dux, comes etc. Der dux war als Herzog höchstes Lehnsamt des Königs, ursprünglich ein Rang im röm. Militärwesen des V. Jhs mit Oberbefehl über regionale Grenztruppen (limitanei), davon später abgeleitet das „Dukat“. Wir kennen aus dem XI. Jh den „dux“ von Apulien, Ismael, welcher Kaiser Heinrich II. den berühmten Sternenmantel vor 1020 schenkte, heute Prunkstück im Diözesanmuseum Bamberg. Ein comes kommandierte in der röm Militärhierarchie Teile des beweglichen Feldheeres (comitatenses) und war hinzu Inhaber höchster Zivilgewalt. Die Übernahme der Begrifflichkeiten erklärt sich aus der Situation nach der german Landnahme in Westeuropa. Chlodwig hatte, wie bereits erwähnt, eine Reihe röm Senatoren als Geistliche an seinen Hof geholt. Bewährte provinzialröm. referendarii behielten das gesamte Steuer-, Zoll- und Münzwesen inne, ebenso die Führung der Kanzlei. Unverzichtbar in den Regionen waren nun comites („Grafen“) in german Gauen geläufig bis ins hohe Mittelalter. Laut lex Salica setzte der König „comites“ als Regionalbefugte und weisungsgebundene Amtsträger ein. Angehörige aus den adeligen Häusern übernahmen diese Funktionen und begaben sich freiwillig in Königsdienst, später auch in den Dienst von Fürsten und Bischöfen, verbunden mit entsprechendem Ansehen, lukrativem Einkommen und Privilegien. Markgrafen (marchiones von ahd. „macha“ = Grenze) besassen besondere Machtbefugnisse. In des Reiches Grenzlanden unterhielten jene größere militärische Kontingente, zur raschen Einsatzbereitschaft. Unabhängig vom König mussten recht schnell Entscheidungen getroffen werden. Innerhalb des Reichsgefüges war ihre Haltung zum Königshaus von besonderer Bedeutung. Edelfreie, die aufgrund des Eigenbesitzes wirtschaftlich und rechtlich unabhängig waren, strebten mglw nach dem Amt eines Grafen oder Vogts (advocatus = Fürsprecher, Schutzbeauftragter für geistliche Einrichtungen). 614 gelang es Adeligen dem merowing. Herrscher Chlothar II. das Recht abzutrotzen Grafen nicht nach dessen Gutdünken, sondern ausschließlich aus den jeweiligen Gauen erlesen, einzusetzen. Damit behielt der grundbesitzende Adel die regionale Kontrolle über diese Positionen! Seit karolingischer Zeit übte der Graf Richterfunktionen im Gau (Gograf) aus. Ursprünglich war er ein- und absetzbar, denn er bekam das Amt ja nur verliehen, welches aber im Laufe der Zeit erblich werden konnte, wenn es nicht als Lehen an den König zurück fiel! Durch die Erblichkeit hoher Reichsämter verlagerten sich königliche Hoheitsrechte (Regalien) auf die Fürsten in der Herausbildung von Landeshoheiten.

Unter den Karolingern ist die Vergabe von Lehen gesichert, also Grundbesitz und Einkünfte, um wirtschaftliche Möglichkeiten zu schaffen die Anzahl gepanzerter Reiter zu erhöhen. Karls Nachfolger im ostfränkischen Reich folgten dieser Strategie. Hier lag die Geburtsstunde des „Ritters“, des unfreien Ministerialen, des späteren Nieder- oder Dienstadels, welcher speziell im Königsauftrag als reichsunmittelbar galt. Aber auch fürstliche Landesherren ernannten Untergebene aus ihrem Gefolge zu Dienstmannen, daraus sollte sich der niedere landsässige Adel entwickeln. Der Hochadel wachte eifrig darauf sich nach unten abzugrenzen und ständischen Vorrechte, wie Fehde- und Erbrecht oder Steuerfreiheit, die gemeinsame Königswahl, Recht auf Frondienste der Unfreien, auf Zurschaustellung von Luxus, eigene Gerichtsbarkeit, Erziehung der Nachkommen in seinem Sinne, Wappenführung (seit der Wende XII./XIII. Jh) und weitere Privilegien in Staat, Militär und Gesellschaft zu sichern, die erst zwischen 1789 und 1849 abgeschafft wurden. Im XVI. Jh zählte dazu auch Sitz und Stimme auf dem Reichstag. Im HMA galt die zunehmend verfeinerte höfische Ausbildung der Jugend an fremden Höfen, als anzustrebendes Ideal. Mit Ernst und Spiel wurde, beim jungen Mann vornehmlich in Leib-, Reit- und Waffenübung, durch französische Sitten auch mit Musik, Tanz, Gesang und Dichtung, bei Juncfrouwen in Handarbeit und Kunst, zuweilen mit Lesen, Schreiben und Heilkunde die Ausbildung von Anmut, Geist und Gemüt geschult. Im SMA wurde ein gewisser Elementarunterricht durch Verwandte oder Priester im Rechnen, Singen, Auswendiglernen, Lesen, wohl auch Schreiben in Mundart und Latein üblich. In Klöstern, Dom- und Stiftsschulen konnte er fortgeführt werden, dort war eine längerfristige Karriere vor allem Zweit- und Drittgeborenen vorbehalten.

In staufischer Zeit umfasste der hohe Adel des jüngeren Reichsfürstenstands weltliche und geistliche Fürsten, gekennzeichnet durch die unmittelbare Amts- und Territorialbelehnung durch den König. Die Aufwertung geistlicher Herrschaften war eine Folge des ottonischen Reichskirchensystems, welches das Königtum stärken und den Adel schwächen sollte. Denn der König entschied über die Besetzung der machtvollen geistlichen Positionen. Das brachte in der Folge die Salier mit dem Papsttum in Konflikt, im bekannten Investiturstreit. An dieser Frontstellung im mittelalterlichen Europa sollte das staufische Haus zerbrechen. In der Goldenen Bulle von 1356 wurde sieben Kurfürsten, mit Vorsitz des Erzbischofs von Mainz, Vorrechte gegenüber dem allgemeinen Fürstenrat eingeräumt. Seit Karl IV. verlieh der Kaiser, später auch Territorialfürsten, nach franz. Vorbild „Adelsbriefe“ an rechtskundige Beamte. Der „Briefadel“ blieb deutlich getrennt vom eigentlichen „Uradel“, den vor 1350 ritterbürtigen Geschlechtern, die sich meist durch ein „von“ kenntlich machten, dazu zählten auch „edelfreie Herren“ aus dem Uradel, welche nur dem König untertänig waren, sie konnten durchaus in den Dienst eines Lehnsherren treten, wenn damit vorteilhafte Einnahmen und Privilegien verbunden waren. Das „von“ alleine ist aber noch kein schlüssiger Hinweis auf den Titel, denn auch Ministeriale, also hochrangige Dienstmannen wurden nach ihrem Amtssitz benannt. 1521 sollten die Reichsmatrikel 7 Kurfürsten, 4 Erz-, 46 Bischöfe, 64 Prälaten, 13 Reichsäbtissinnen, 4 Deutschordensballeien, 28 weltliche Fürsten, 135 Grafen und Edelfreie benennen. Da Fürsten an Grafen und Edelfreie Lehen vergaben, schieden diese Lehnsnehmer aus dem Reichsfürstenstand aus. Andere Edelfreie, wie „Freiherr, Freifrau und Freiin“ oder nach frz-engl Vorbild „Baron“, vermochten ihre Rechte gegenüber den Territorialherren zu wahren, sie blieben nur dem König gegenüber verpflichtet. Manchmal kämpften Freie über mehrere Generationen darum ihre Unabhängigkeit zu wahren, wie die Herren von Dernbach, mit ihrem Stammsitz östlich von Dillenburg in Hessen gegen die Ansprüche der Grafen von Nassau, welchen erst 1325 nach fast hundertjähriger Fehde die Zerstörung der Dernbacher Burg gelang. Da der König in der frühen Neuzeit selbst Bürgerliche in den Reichsfreiherrenstand erhob, rutschte der „Freiherr“ in den niederen Adel ab, rangierte hinter dem „Grafen“ aber vor dem „Ritter“, ohne ein „von“ im Namen, da sie sich nicht nach ihrem Sitz benannten. In der Neuzeit degenerierten „Graf“ und „Freiherr“ zu reinen Titeln ohne Vorrechte. Die Weimarer Verfassung von 1919 beseitigte die letzten Adelsvorrechte und begrenzte die Adelsbezeichnungen als Teil des Namens, hob den Adel allerdings nicht gänzlich auf, wie in Rußland, der Tschechoslowakei, in Österreich oder seit hundert Jahren in der Schweiz [teilw. nach Lingen Lexikon in 20 Bdn, Köln o.J].

Vasallen - Heerschildordnung

Der Begriff wird wohl abgeleitet vom kelt „gwas(Jüngling oder Diener). Das Adjektiv „gwassawlwurde von den röm Eroberern in ihre Sprache als „vasallus(Diener) übernommen und mit dem „vassusan die Merowinger, laut Lex Salica, vererbt. Seit dem VII. Jh wurde der Begriff „vasallzunehmend auf Fürsten und Edelfreie angewendet, die sich in freiwillige Lehnsabhängigkeit begaben und Königsdienst versahen. So leistete Herzog Tassilo 757 gegenüber Pippin dem Jüngeren mit seinen Edelingen mehrfach den Vasallen- und Treueid mit Schwur auf Heiligenreliquien. Doch wurden die Eide dadurch nicht dauerhafter. Adelige Kronvasallen, hohe Amtsträger und Geistliche besaßen unter den Merowingern und Karolingern das Recht auf die annua dona, das jährliche Geschenk in Form von Titeln, Land- oder Sachgütern durch den König. Grundsätzlich waren Donative bereits seit röm Zeiten üblich und selbst ein Legionär der röm Armee konnte zu besonderen Anläßen mit einem Donativ rechnen. Des Herrschers Kronvasallen waren Herzöge, Grafen und hohe Geistliche. Als Reichsvasallen galten die unmittelbaren des Königs, die Edelfreien. Die Unter- oder Aftervasallen (mediati) waren die der Fürsten und Bischöfe. Der Bischof von Brixen bezeichnete seine Lehensnehmer als „unsere lieben getreuen, wie im XIV. Jh die „Herren von Kastelruth“ oder die “Herren von Hauenstein“. Damit waren wohl die freien Herren gemeint, welche ihm einen Treueeid geleistet hatten. Im „Nibelungenlied“ wurde die Rangfolge zum Problemfall, denn Brunhild, als König Gunthers Gattin erhob Vorrechte gegenüber Kriemhild, die ja nur das Eheweib eines Vasallen sei, da Siegfried Gunther den Treueid geschworen und einst für seinen Herrn auf Island geworben hatte. Das ließ Kriemhild nicht auf sich sitzen. Ein schwerer Konflikt war vorprogrammiert. Das Nibelungenlied musste aufgrund der persönlichen Verpflichtungen für die damaligen Zuhörer verständlich dramatisch wirken. Alle Akteure waren durch ein enges Geflecht von Abhängigkeiten und Eide gebunden. Sie konnten nicht frei nach eigenem Willen handeln, sondern nur aus ihren gegenseitigen Verpflichtungen heraus. Daran sollten die „Helden“ scheitern, deshalb wird „Nibelungentreue“ heute als politische Torheit angesehen und mit überholten Ehrbegriffen besetzt. Durch die Rechtsstellung frei oder unfrei unterschieden sich Vasallen von den Ministerialen (ministeriales, ministri, servientes). Der Treue- oder Lehnseid band den Vasallen, der Ministeriale war, ursprünglich unfrei, eh an Weisungen gebunden.

Die „Heerschildordnung“, aus dem Lehnrecht des „Sachsenspiegels“ verschriftlicht durch Eike von Repgow um 1230 zeigt deutlich die Rangfolge und wer in wessen Verpflichtung stand. Gemeint war die schildbewaffneter Schar, langobard. „arischild, nord. „herskjöldr“, 1165 „herskilt“ und um 1230 „herscilde“, wobei Schilde zur Zeit des Sachsenspiegels bereits seit ein, zwei Generationen Wappen aufweisen konnten. Ursprünglich war also das Heeresaufgebot gemeint, das sich zum Geflecht der Lehensfähigkeit wandelte. Dem Heerschildinhaber oblagen innerhalb der Lehnshierarchie deutliche Rechte und Pflichten. Das erste Schild hatte der König als oberster Lehnsherr inne. Den zweiten Schild führten biscope (Bischöfe), ebbede (Reichsäbte) und ebbedischen (-äbtissinnen), den dritten die leien vorsten (weltliche Fürsten = Herzöge, Mark- und Landgrafen), den vierten die vrie herren (freie Herren = Edelfreie = Barone), den fünften die man (Lehnsmannen) der Fürsten und freien Herren und die scepenbare lude (Schöffenbare Leute, „bar“ meint nicht entledigt, sondern mhd. „baren“ = erscheinen, darbieten, bzw. die zur Teilnahme am Gericht Befähigten) den sechsten deren man (höhere Dienstmannen), die sogenannten „einschildigen Ritter“ = Ministeriale. Eike von Repgow war selbst Schöffenbare und durfte im Rang eines Lehnsmanns noch Dienste vergeben. Die süddt Landrechte „Spiegel dt. Leute“ und „Schwabenspiegel“ nennen einen siebten Schild mit weiteren unfreien Dienstleuten.

Heraldik

Allgemein sagt man, daß gegen Ende des XII. Jhs das Wappenwesen aufgrund der das Gesicht verhüllenden Helmformen von England über Frankreich kommend auch im Reich üblich wurde. Der dynastische Adel begann ein Wappen zu führen, welches als Dienstwappen, von den Ministerialen abgewandelt übernommen werden konnte. Es waren keine Familienwappen. Sie dienten zunächst nicht der Identifizierung von Einzelpersonen wie in der späteren Turnierheraldik, sondern zur Kenntlichmachung von Herr und Gefolgschaft, die alle unter dem gleichen Banner kämpften, deshalb spielten Farben eine übergeordnete Rolle. Es steht zu vermuten, daß die ständigen Auseinandersetzung innerhalb des Reichs mit starken Parteibildungen eine deutlich sichtbare Stellungnahme erforderten. Es ist interessant, daß z.B. viele rheinisch-bergische Geschlechter die doppeltgezinnten Balken Graf Adolfs V. von Berg (gest. 1218 vor Damiette) in ihre Wappen aufnahmen. Der Graf als Lehnsmann des Königs vergab Lehen an bergische Ministeriale, die ihr Dienstwappen später zu ihrem Familienwappen machten. Der steigende Löwe fand sich so früh noch nicht bei den Grafen von Berg. Dieser wurde im zweiten Jahrzehnt des XIII. Jhs vor allem das Wappentier der weltlichen Reichsfürsten, wie die Herzöge von Brabant, die Landgrafen von Thüringen, die Markgrafen von Meißen, die Pfalzgrafen bei Rhein, die Grafen von Flandern, von Geldern, von Jülich, von Holland, uam., welche „ihre Lehen“ ausschließlich vom deutschen König erhielten. Der Löwe läßt sich zurück führen auf Heinrich den Löwen, der 1166 vor seiner Burg Dankwarderode in Braunschweig das Löwenstandbild errichten ließ. Wie der Adler, der König der Lüfte und Symbol des Heiligen Römischen Reiches, so stand der Löwe, der König der Landtiere, für den Machtanspruch der deutschen Landesfürsten, als „gleichberechtigte Partner“ des deutschen Königs. Diesen Anspruch hat im XII. Jh niemand konsequenter vertreten als Heinrich der Löwe, selbst wenn er noch gar kein Wappen führte, da es zu seiner Zeit nicht üblich war. In seinem Siegel und auf Münzen findet sich allerdings der Löwe und seit der Zeit um 1200 taucht er schließlich im Wappen der Welfen auf, siehe bekannte Skulptur von der Grablege des Kloster Steingaden, heute im Bayerischen Nationalmuseum. Ein Adler im Wappen verweist auf den König oder das Reich, so findet er sich bei reichsunmittelbaren Städten, Vasallen oder Reichsministerialen. Klare Zeichen und prägnante Farbigkeit war üblich. Tiersymbole galten scheinbar als Vorrecht der Fürsten (Herzöge, Grafen und freie Herren). Höhere Ministeriale, wie „Mundschenke“, „Schultheiße“ oder „Burggrafen“ konnten mit geteilten Wappen Auszüge ihrer angestammten Wappen mit denen ihrer Dienstherren verbinden, verwendeten Pflanzenmuster oder geometrischen Formen, die auch bei Höherrangigen auftraten. Solche Muster sowie einfache Tier- und Sachsymbole fanden sich später in den „Bürgerwappen“, deren Ursprung in der Stadtministerialtät lag, dem Patriziat.

Ein Beispiel für vertrackte Abhängigkeitsverhältnisse ausgedrückt in Wappen sei aus dem hessischen Raum angeführt durch den Schild des Vogts von Keseberg mit zwei silbernen laufenden Leoparden [seitliche Ansichten von Raubkatzen werden heraldisch nicht als Löwen bezeichnet] auf schwarzem Grund, heute im UNI-Museum Marburg. Die von Keseberg (Caseberch) gehörten urspl. als nobiliores milites dem freien Adel an, mit Eigenbesitz im Ederabschnitt nordöstl. von Frankenberg an der wichtigen Fernhandelsstraße von Frankfurt nach Korbach, zur Weser und nach Bremen. Die edelfreien Herren hatten das Recht den Leoparden im Wappen zu wählen. Durch das Amt des Vogts (Schutzbeauftragter) mit entsprechendem Lehnseid wurden sie Vasallen der Grafen von Ziegenhain, die einen sechsstrahligen silbernen Stern auf schwarz-gelbem Grund führten, welcher 1371/72 eine Rolle im „Sternerbund“ spielen sollte und sich noch heute im hess. Landeswappen befindet. Die Ziegenhainer Grafen selbst waren Stiftsvögte der Abtei Fulda und agierten in dieser Rolle in der Fuldaer Fehde ab den 1265er Jahren gegen verschiedene aufständische Ministeriale mit Zerstörung ihrer Amtssitze/Burgen. Durch dynastische Heirat wechselte das Keseberger Lehen von den Ziegenhainern zu dem mächtigen ludowingischen Landgrafen von Thüringen und später an Hessen (1).


{Entwicklung in Frankreich/England/Spanien zur möglichen weiteren Bearbeitung: In England und Frankreich eine stärkere Zentralmacht mit einflußreichem Adel im Dienst der Herrscher ohne eigenständige Regierungsgewalt. In England verwendete der Hochadel, die nobility, allgemein den Titel lord (Herr, Gebieter). Er hatte seinen Ursprung im altengl. hlaf-ord („Loaf ward“/Brot–Aufseher) als „Brotgeber“ mit Aufsicht über Korn und Ernte. Die Rangstufen waren duke (Herzog), marquess (Markgraf), earl (Graf), viscount (Vize-comes), Baron, wobei letzter als ehem. Kronvasall mit den aufgestiegenen knights zum niederen Adel zählte, erkennbar am Titel „Sir“. Der esquire war der Großgrundbesitzer, Landedelmann, vermutlich unseren Freiherren gleichgestellt. Der earl verweist mit early auf das Frühzeitige, Erste. Damit war jener nach duke und marquess ein Fürst, Vorderster. Frankreich kannte die Unterscheidung in Geburtsadel, Amts- und Briefadel mit den Rängen prince (Fürst), duc (Herzog), marquis (Markgraf), comte (Graf), vicomte (Stellvertreter-comes), Baron. Der hohe Herr war der monseigneur und der Junker (junger Herr) messire. In Spanien zählten zum höheren Adel die Granden und Titualdos (Betitelten), unterhalb des Barons rangierte der niedere Adel, die Hidalgos.}


[Ausblick in die Zukunft: Es wäre wünschenswert, wenn sich die gesellschaftliche Entwicklung an den demokratischen Idealen der griech Antike orientieren würde, die weitaus mehr beinhalteten, als in den neuzeitlichen Revolutionen zur Beseitigung mittelalterlich feudaler Verhältnisse je umgesetzt werden konnten. Etabliert und begünstigt wurde lediglich ein Eliten-System. Es wurden nirgendwo „Demokratien“ in Form einer Volksherrschaft geschaffen, sondern bewußt „Republiken“, nach röm. Vorbild. Eine Volksherrschaft gab es in Rom nicht, genauso wenig wie eine echte „Gleichheit der Bürger“. Aber als Anhänger eines recht utopischen Weltbildes muß man natürlich fragen, warum soll nach Geburt der eine Mensch mehr gelten als der andere? Sicher sind uns „Gaben in die Wiege gelegt“, aber die Persönlichkeit gestalten Erziehung und Bildung, bevor wir eigenen Neigungen zu folgen vermögen. Führungspositionen müssen besetzt werden, keine Frage. Folgen wir den Gedanken ital. Humanisten der Renaissance, dann war das nicht mehr alleinig die Aufgabe des Geburtsadels und damit eine Frage der Herkunft, sondern eine des Verdiensts. Diese Forderung besitzt nach wie vor Aktualität. Ämter sollten nach Fähigkeit und Verdienst besetzt werden und weniger nach Herkunft und gesellschaftlichem Vorrecht. Deshalb ist Bildung für alle unabdingbar und nicht nur ein Privileg für Minderheiten, die sich dann das Recht herausnehmen besondere Fähigkeiten zu besitzen und Schlüsselpositionen besetzen. Wenn wir die Historie feiern, und das tun wir im gewissen Sinne, dann sollten wir uns darüber bewußt sein, daß die Feudalherrschaft nur mit Kampf und Opfer unserer Vorfahren überwunden wurde und wir ihnen diesbezüglich viel zu verdanken haben. In Dtld war der Niedergang der Aristokratie ein schleichender Prozeß, der von wirtschaftlichem Abstieg begleitet war. Ein gesellschaftliches Rückzugsgebiet blieb dem Adel im XVIII./XIX. Jh mit den Ämtern im Militär- und Beamtendienst. Daraus resultierten manche Privilegien, die sich bis heute gehalten haben. Nach 1800 drang das wirtschaftlich prosperierende Bürgertum in die Ränge des unteren Offizierkorps, in der 2. Hälfte des XIX. Jhs auch in die höheren Ränge. In Preußen bildeten dazu die Reformen Scharnhorsts das Fundament zu napoleonischer Zeit, denn man benötigte das „Volk in Waffen“ im Freiheitskampf gegen Napoleon. Das „Eindringen des Bürgertums“ in militärische Ressorts hatte im Mittelalter mit der Entwicklung spezieller Waffengattungen, wie der Artillerie, ihren Anfang genommen, wurde in der Neuzeit fortgeführt mit dem Ingenieur-, Pionier- oder Vermessungswesen und zeigte sich in der Wende zum XX. Jh auch in der Marine. „Technische Berufe und ebensolche Offiziersstellen“ wurden zur Domäne des Bürgertums. Nach der militärischen Emanzipation folgte erst spät die immer wieder geforderte politische, von der herrschenden Schicht lange Zeit versprochen, aber hinaus gezögert, wobei in Dtld die Verbürgerlichung des Militärs eine Militarisierung des Bürgertums, vor allem ab Reichsgründung von 1871, nach sich zog. Uniform verlieh soziale Anerkennung. Anfang der 1870er Jahre war bereits ein Drittel der preuß. Generalstabsoffiziere bürgerlicher Abkunft, in den 1890ern die Hälfte. Das brachte allerdings keinen „frischen Wind in das verknöcherte System“, sondern bewirkte eher eine Feudalisierung der Bürgeroffiziere. Im Truppendienst waren 1913 rund 70 Prozent der Offiziere Bürgerliche.

Mit dem Anwachsen des Kapitals gewann das gehobene Industrie- und Finanzbürgertum an Macht im ständigen Kampf der Ideen zwischen einem staatlich gelenkten oder liberalem Wirtschaftssystem. Die neuen Produktionsweisen forderten das städtische Proletariat, das zu einer politischen Größe und, neben Adel und Bürgertum, zur neuen dritten Kraft im Staat wurde, nachdem der Klerus sich zurückzog. Die herrschende Schicht sah sich nun zugleich mit den Kräften des liberalen Kapitalismus und des fortschrittlichen Sozialismus konfrontiert, bis die verheerenden Kriege des XX. Jhs große gesellschaftliche Umwälzungen brachten. Sie haben dem gehobenen Bürgertum keineswegs nur geschadet, denn mit bewaffneten Konflikten ist viel Geld zu verdienen. Das elitäre Offizierskorps, der adeligen Gegenpart, der gebunden war an den Souverän, verschwand mit jenem. Die Rolle im Beamtenapparat wird nun von Funktionären übernommen. Doch wie die meisten Politiker sind sie Interessenvertreter [mit berechtigter Frage wessen Interessen?] und agieren auf Zeit. Es wird für „medialen Rummel“ gesorgt, die eigentlichen Entscheidungsträger sitzen aber woanders, beherrschen die Kapital- und Finanzmärkte und haben „einen längeren Atem“. Jene vererben mit dem anwachsenden Eigentum ihre geistige Grundhaltung an den Nachwuchs und diese „neuen Eliten“ werden alles dafür tun ihre Macht zu behalten. Aus der Mittelschicht steht zahlungskräftigen Familien heute mehr Bildung denn je zur Verfügung, für gesellschaftliche Karrieren unabdingbar, als Funktionäre und Politiker brauchbar. Sie werden also im begrenzten Maß benötigt. Schwindet diese Schicht, lassen sich „lästige Verfolger“ ausschalten. Die breite Masse war bislang zufrieden und schicklich, profitierte von der wirtschaftlichen Entwicklung, eingelullt in Konsum- und Technikwahn, ein paar fallen wie immer durch das Rost, wobei die Maschen weiter werden, und ein paar „Nörgler“ wird es auch immer geben. Das System wird funktionieren, solange die Angehörigen der Eliten, meist wirtschaftlich oder im Finanzgeschäft tätig, auf die Beherrschten, die Abhängigen, die „Konsumenten“ angewiesen sind. Man muß jenen nur klar machen was die „richtigen Produkte“ sind. Aber das schafft man im Post-Zeitalter von Edward Bernays (public relations) und der Propaganda mit den Mitteln der Digitalisierung spielend. Allgemeiner Konsumverzicht wäre der Kollaps. Unser Leben heutzutage hat sich weit von dem der letzten Jahrhunderte entfernt. Wir haben im Rahmen der politischen Handlungsfähigkeit durchaus Gewinne erzielt an persönlichen Rechten und Freiheiten, an Vorstellungen über einen verantwortungsvollen Umgang miteinander und sollten uns dies immer wieder vergegenwärtigen, bevor wir beginnen diese Errungenschaften, die in der Historie keineswegs selbstverständlich sind und die nur wenige Generationen genossen haben, Stück für Stück wieder abzugeben !! Es muss unter allen Umständen verhindert werden, daß die anstehende Wirtschaftskrise die Buntheit und Vielfalt unserer Gesellschaft austrocknet, die vielen unterschiedlichen Lebenskonzepte, die jenseits des Althergebrachten liegen und das Leben wirklich lebenswert machen...

Wikipedia („Adel“/24.05.2018): Selbst gestellte Aufgaben des europäischen Adels mit dem Ehrenkodex nach der Resolution von Porto vom 02.09.1989, Nr. 3 - Gesellschaftliche Werte: „Den Sinn der Freiheit darin zu sehen, Herausragendes anzustreben, Verantwortung zu übernehmen und uneigennützig zu dienen“, Berufung zur Verantwortung, zur Führung zum Wohl aller und nicht um der eigenen Vorteile willen, Aufrechterhaltung des Geistes des Dienens, Erwerb von Sprachkenntnissen, Profession statt Mittelmäßigkeit, Pflege der Haltung, die sich nicht an unmittelbarem Profit und an Macht orientiert, sondern am Nutzen für die Gesellschaft, Verantwortung aus der Geschichte, Unternehmergeist und Mut zur Opferbereitschaft, aktive Teilnahme am Aufbau Europas, Bürgersinn und gemeinwohlorientiertes Handeln, Sorge um das Wohlergehen anderer, insbesondere Schwächerer, Wahrung der Höflichkeit und entsprechender Umgangsformen, Verwurzelung in der örtlichen Gemeinde, Verbundenheit mit Grund und Boden, Heimatsinn und berechtigter Nationalstolz, Schutz der Umwelt, Bewahrung der natürlichen Ressourcen sowie Anerkennung der positiven Rolle des Humors in der Gesellschaft, Vorbild sein.“]






Exkurs 3: Hundertschaft / Gefolgschaft / Lehen / Dienstmann / Ministeriale

Manche der hier verwendeten Begriffe sind recht altertümlich wirkende Übersetzungen aus antiken Quellen, vielfach erst im XIX. Jh künstlich gebildet, wie das Wort „Gefolgschaft“, abgeleitet vom „Gefolge“ als Übersetzung von comitatus und in der Form z.B. von Delbrück, Geschichte der Kriegskunst, Bd II, Die Germanen 1901, noch ohne politische Hintergründe verwendet. Mit solchen Begriffen betritt man heutzutage „verbal kontaminiertes Gelände“. Denn in der NS-Zeit wurde vieles überstrapaziert und „aufgeladen“, wenn man bsplw von „Betriebsführern“ mit einer „Gefolgschaft von Arbeitern und Angestellten“ sprach [Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit von 20. Jan 1934]. Die dt Sprache wurde instrumentalisiert. Interessant ist das Vorwort von U. Raulff zur Delbrück-Neuausgabe von 2000, bzw zum Nachdruck 2008, mit dem Hinweis zur „Wehrverfassung“ als Staatsverfassung, die ein Licht wirft auf Rüstung und Rekrutierung, Kampfweise und Stellung der Soldaten einer Gesellschaft, in der Waffenträger eine gewichtige Rolle spielen, wie wir es für das Mittelalter voraus setzen. Dieser Gedanke soll aufgegriffen werden, um mögliche Details zur Ausrüstung innerhalb des sozialen Gefüges heraus arbeiten zu können.

Kurz gerafft vollzogen sich im Übergang Spätantike – MA folgende Prozesse: Die statischen und regional geprägten Sippenverbände, welche über lange Zeit bestimmende Dominanten in frühen Gesellschaftsstrukturen waren, befanden sich zur Zeit der Völkerwanderung in Umstrukturierung zugunsten polyethnischer und vielleicht eher zufälliger Zweckgemeinschaften von inhomogenen wandernden Gruppen. Gefolgschaften errangen einen höheren Stellenwert mit klarer Kommandostruktur, die das Überleben in den schwierigen Zeiten sichern sollten. Schließlich ging es nicht nur um Beute und Zugewinn, sondern auch darum Organisationsformen zu schaffen, welche die Ernährung großer Gruppen gewährleisteten. Die „Sippe“ bestand weiterhin in den Rechtssystemen, so konnte die Verpflichtung zur Blutrache von Sippengenossen auf Gefolgschaftsangehörige übergehen, wie H. Wolfram anmerkt [Erben des Imperiums in Nordafrika. Das Königreich der Vandalen“, S. 20]. In der Konsolidierungsphase mit Neubesiedlung der Räume West- und Südeuropas musste ein hoher Anteil einheimischer Bevölkerung in das Gesellschaftssystem integriert werden mit Anpassungsprozessen von beiden Seiten. Nach der Seßhaftigkeit im Ursprungsraum, der Bewegung und Niederlassung in neuen Siedelräumen waren Systeme gefragt, welche Menschenmassen unter Kontrolle zu halten vermochten. Dazu diente eine Auswahl von Befugten durch die Herrschenden. Das Gefolgschaftswesen bekam eine statisch regional gebundene Ausdrucksform in der Grundherrschaft.

Für die detaillierten Betrachtungen wird etwas weiter ausgeholt, Prozesse betrachtend, die sich seit Jahrtausenden in der Menschheitsgeschichte abgespielt und erheblich tiefere Wurzeln geschlagen haben als unsere neuzeitliche Lebensform seit wenigen Jahrhunderten. Dabei bildeten sich Mechanismen aus, die unser Verhalten unterbewußt noch heute stark beeinflußen. Es gibt eine Menge Gründe warum der Mensch soziale Bindungen in Gemeinschaften anstrebt und sich freiwillig in Abhängigkeitsverhältnisse begibt. Vorrangig wird das Stillen der individuellen körperlichen Grundbedürfnisse erleichtert, um das Überleben zu sichern. Da auch die Tierwelt diese Verhaltensmuster zeigt, ist das als Relikt unseres Evolutionsprozesses anzusehen. Zur Entwicklung der Persönlichkeit und bei Interaktionen sind psychische Grundmotivatoren erkennbar, wie Anerkennung, Macht, Zuneigung, uvam. Den Unterschied zwischen Tier- und Menschenwelt formulierte bereits der Böotier Hesiod, ein Zeitgenosse Homers, im VIII. JhvC: „...während er (Zeus) den Menschen Recht verlieh, das höchste Gut unter allen.“ Rechtsbewußtsein als Voraussetzung menschlichen Zusammenlebens. Recht und Religion fungieren bis heute als soziales Regelwerk und waren in alten Zeiten eng verzahnt. Solch frühen schriftlichen Zeugnissen mediterraner Gesellschaftsformen der Eisenzeit stehen in West- und Mitteleuropa ausschließlich archäologische Quellen gegenüber. Aber es ist wohl statthaft Verhältnisse der Ägäis in den griech. „Dark Ages“, also nach Untergang der bronzezeitlichen mykenischen Kultur, im begrenzten Maß auf unseren Raum zu übertragen. Denn es wirkten ähnliche Mechanismen menschlichen Verhaltens in den frühen Gemeinschaften. Seit der Bronzezeit werden wir durch Verteilungskämpfe im Zugriff auf Rohstoffe mit regionalen Zentralisierungsprozessen und einer stärkeren vertikalen Differenzierung der Gesellschaft zu rechnen haben. Zum Aufschlüsseln des sozialen Gefüges bringt es C. Hattler auf den Punkt siehe, Kleine Gaben erhalten die Freundschaft [in: Zeit der Helden. Die dunklen Jahrhunderte Griechenlands 1200-700vC, S. 122f.]. Hattler zitiert dazu ein Beispiel aus Homers „Ilias“, um die Bedeutung des Geschenks, des „Ehrgeschenks“, bzw des Gabentauschs zu verdeutlichen. Geschenke binden Geber und Nehmer! Die Gabe ist sichtbares Zeichen dieses Bundes und hat Vertragscharakter (keine Unterschrift), der auch die Nachkommen bindet! Wertvolle Geschenke können, müssen vielleicht sogar, über Generationen weitergereicht und gehortet werden. Eine Gabe erfordert meist eine äquivalente Gegengabe unter Gleichrangigen oder es erwächst aus ihr eine Verpflichtung bei einem asymmetrischen sozialen Verhältnis. Von einem Untergebenen wird durch die Annahme Loyalität erwartet. Schenken verleiht Macht! Hattler: „Gaben sind der Kitt sozialer und politischer Beziehungen in vormodernen Gesellschaften.“ Geschenke können auch in umgekehrter Richtung als eine Form des Tributs verstanden werden. Der Geber bekundet durch sein Geschenk die Loyalität zum Herren. Die Darbringung durch Materialdeponierung in einem rituellen Bezirk, im Boden oder in Gewässern, vermag in der Vorstellung dieser Zeit auch Gottheiten zu besänftigen, von denen dann eine Gegenleistung erwartet wurde.

Hundertschaft

Bevor der Aspekt der Bindung durch Verpflichtung in der Gefolgschaft weiter vertieft wird, sei der Sprung in unseren geografischen Raum anhand von konkreten Begriffen zunächst mit der „Hundertschaft“, wie sie in den Schriftquellen mit der Berührung von Germanen und Römern fassbar wird, vollzogen. Die Hundertschaft bezeichnet einen militärischen Verband, abgeleitet von der röm. centurie, mit ihren Ursprung in der röm Verfassung und den Schätzklassen, nach denen die röm Bürger in der Königszeit und der Republik vermögensabhängig Kriegsdienst zu leisten hatten. Gab es zu Beginn in Rom diesbzgl noch eine Einteilung je nach tribus (Stamm), verlor sich diese Zusammensetzung im Lauf der Zeit mit der spätrepublikanischen Armee. In der kaiserzeitlichen Berufsarmee diente der Begriff nur mehr zur militärischen Gliederung ohne soziale Bezüge, wobei eine Centurie eine Sollstärke von 80 Mann Kampftruppe und 20 Mann für Versorgung und Verwaltung erreichte. Im Gegensatz dazu waren im Germanischen bei den Verbänden nach obigem „Sippenmodell“ familiäre Bindungen von Bedeutung, somit ist der Begriff der „Hundertschaft“ nur im übertragenen Sinne durch röm Autoren in Beschreibung german Verhältnisse als Analogie verwendet worden und in dieser Frühphase weniger an tatsächliche Mannstärken gebunden. Später ist mit der Völkerwanderung die vollkommene Übernahme der röm Gliederung auch bei den Germanen zu beobachten. Da für Nord- und Mitteleuropa schriftliche Eigenaussagen fehlen, sei eine Quelle aus dem östlichen Mittelmeerraum des V. JhsvC angeführt. Das Alte Testament erwähnt mit Nehemia 4, 7 eine jüdische Heeresorganisation nach Familienverbänden geordnet, bewaffnet mit Schwertern, Lanzen und Bögen. Nehemia hielt eine aufmunternde Ansprache zu den Sippenältesten und anderen führenden Männern. Der Römer Tacitus ist für unsere Breiten die maßgebliche Schriftquelle. Er übertrug die Anzahl von „einhundert Männern“ in unterschiedlichen Zusammenhängen auf Bestandteile der german Schlachtordnung, die ansonsten nach Sippen und Geschlechtern gegliedert war. Jeder pagus (Gau) stellte einhundert auserwählte junge Männer ab, die entweder als Plänkler zu Fuß oder als Reiter behende vor den eigenen Linien agieren sollten [„Germania“ Kap 6]. Tacitus ist als Quelle mit Vorsicht zu geniessen. Denn er entwirft bewußt ein Gegenbild zur röm. Zivilisation, indem er eine für Rom gefährliche Völkergruppe auf verhältnismäßig primitiver Entwicklungsstufe jenseits der Alpen auswählt, gemessen am Fortschritt Roms mit seiner bis dahin über 800jährigen Geschichte. Er schildert eine waffenstarrende barbarische Gesellschaft mit unkontrolliertem Aggressionspotential, das durch kein staatliches Gewaltmonopol kontrolliert wird. Eine latente Gefahr für Roms Grenzen. Es wird darüber spekuliert, inwieweit dahinter mglw Kritik an der kaiserlichen Politik zu Beginn des II. JhsAD zu sehen ist, mit der Forderung die alten augusteisch-tiberischen Angriffskriege wieder aufzunehmen, die eingestellt wurden, da Aufwand und Nutzen die röm Grenzen bis zur Elbe vorzutreiben, in keinem Verhältnis mehr standen.

Tacitus hob bei Germanen als Besonderheit zentrale Kultorte, Kultgemeinschaften und „genossenschaftlich genutzte Böden ohne Privateigentum“ hervor. Zu letzterem hielt er sich hier an seinen Gewährsmann Caesar, der Sueben in einer Sondersituation beschrieb, was nicht auf alle Germanen verallgemeinert werden sollte. Hinter den Kultgemeinschaften mag eine gens (Völkerschaft) gestanden haben mit regionaler Teilung in verschiedene pagi (= Gaue, Feld-/Flurbezirke als fester Siedelraum, wir nutzen heute noch Begriffe wie „Rhein- oder Maingau“), beherrscht von Edelingen, Adelige mit langer Ahnenreihe. Wahrscheinlich waren die Bezeichnungen „Bataver, Chamaver, Tubanten, Chauken, Usipeter, Brukterer, usw“ auf diese Ahnen zurück zu führen und keine politische Formierung, wie die spätantiken Großverbände „Franken, Alamannen, etc“, dem wir eine ethnische Zuordnung beimessen. Lange Zeit war eine Gesellschaftsordnung im Familienverband (Sippe oder Clan) mit einem ausgeprägten Gruppenbewußtsein dominant. Intern gab es Regeln bezüglich Ahnenverehrung und Kult, Ehe, Rechtsprechung, Führung, Kriegsdienst, Landbesitz, Wirtschaftsform und vielen anderen Dingen mehr, die später auf übergeordneter Ebene der Staat übernehmen sollte. Den Sippenältesten kam besondere Bedeutung zu. Der „Hunno“ oder angelsächs. „Ealdorman“-„Altermann“ war Herr über eine Anzahl von Familien in den dörflichen Gemeinschaften, deren Überleben er zu sichern hatte. Er sorgte durch sein Alter und die damit verbundene Erfahrung für seine Schützlinge, dazu lag ihm die Befehlsgewalt in Form einer natürlichen Autorität und wohl auch eine Richterfunktion inne. Im Verlauf des Mittelalters blieb dieses Amt als „Dorfschulze“ erhalten, in den späteren Städten formten sie die „alten Geschlechter“. Für den Kriegszug in Notzeiten sammelte der Hunno die in seinen Zuständigkeitsbereich fallenden Männer und führte sein Kontingent im Heerbann (harja= Heer) den Fürsten (gewählte Heerführer aus dem Kreis der nobilites/Edelingen) zu, die ihre Herkunft und Stellung aus dem Ahnengeschlecht legitimierten und den Heereszug als dux („Herzog“) kommandierten [Delbrück]. Wobei Tacitus, Kap. 7, anführt, daß Heerführer nach der Tapferkeit und reges (Könige) nach Maßgabe des Adels gewählt wurden. Der „Königs“-Begriff (thiudans) ist nicht eindeutig klar, da Römer die german. Herrscher oft lediglich „Richter“ (lat iudex) nannten. In röm Ohren mag das „thiudanswie „iudexgeklungen haben, so daß die Römer die Hierarchie der Germanen nur schwer deuten konnten. Tacitus nennt darüber hinaus principes, die „Ersten“, welche in der Volksversammlung gewählt wurden, um in den Dörfern und Gauen Recht zu sprechen. Jedem von ihnen stand ein Geleit von einhundert Mann als Rat (comites consilium) und zu größerem Ansehen zu [„Germania“ Kap 12]. In diesem Fall kann von einer Gefolgschaft ausgegangen werden. Ob gewählte „Hundertschaftsführer“ mit den obigen Sippenältesten identisch waren, bleibt dahin gestellt, auch eine mögliche Erblichkeit des Amtes. Zumindest hatte der princeps, der in den Quellen auch mit „Gefolgsherr“ übersetzt wird [Tac, Germ Kap 13] einen gehobenen Status, der über Freie gebot. In den romanischen Gebieten fand sich nach der Landnahme der Völkerwanderung weniger der Hundertschaftsführer (centenarius), sondern eher der vicarius, ein weisungsgebundener Amtmann des Grafen [Delbrück, Bd II Die Germanen 1. Buch, 1. Kap]. Da dieses System lange Zeit ohne schriftliche Fixierung von Titeln und Rechten funktionieren musste, waren moralische Konvention und an Ehrbegriffe gebundene Traditionen von übergeordneter Bedeutung. Jegliches Recht hatte unabdingbar einen personalen Bezug, da es keine unpersönliche Instanz gab, die „Staatsgewalt“ verkörperte und hinzu immer eine stark religiös legitimierte Komponente, wenn es galt die „göttliche Ordnung“ wieder herzustellen.

Lange Zeit bot die Sippenbindung den Zusammenhalt der gemeinsamen Lebensführung und durch das daran gebundene Rechtssystem in Kriegszeiten ein Mindestmaß an Disziplin. Die Verbände waren ungleich groß und davon abhängig wohl auch der Einfluß der militärischen Anführer. Taktische Körper und ein gemeinsames Exerzieren waren vermutlich unbekannt, sieht man von Waffenübungen der Jugend in Scharmützeln durch Beutezüge und Sippenfehden ab. Eine weitergehende militärische Gliederung übernahmen wandernde germanische Völker erst nach intensiven Kontakten mit den Römern. Nach Delbrück führten die Goten spätestens nach dem Sieg von Adrianopel 378 AD eine militärische Gliederung nach röm Muster ein, anstatt der bisherigen familiären Verbandsgliederung. Eine Anzahl Hundertschaften geführt von den hunni, röm centenarii, eingeteilt in Zehnerschaften unter einem dekani, wurde zu einer Tausendschaft unter dem thiuphad, röm millenarius oder griech chiliarchen zusammen gefasst, später gab es auch Fünfhundertschaften. Diese Einteilung war eindeutig röm/griech Ursprungs und wurde in ähnlicher Form auch von den Vandalen übernommen, allerdings behauptet Prokop [Vandalenkrieg III, 5], vermutlich zu Recht, daß Geiserich 80 chiliarchen ernannte, nur um eine hohe Mannschaftsstärke vorzutäuschen. Die barbarische militärische Gliederung wird sich in der Wanderphase von der römischen unterschieden haben durch die Mitführung der Angehörigen und des Gesindes, die ernährt werden mussten. Somit können sie zugleich als wirtschaftliche Einheiten angesehen werden. Delbrück [II, 2. Buch, 5. Kap] vermutet, dass der gemeinschaftliche Besitz von Vieh, Wagen, Vorräten und Waffen eng an bestimmte Einheiten gebunden war und räumt hier der Hundertschaft als überschaubare Größenordnung einen besonderen Stellenwert ein, die später in den „Kompagnien“ seit dem SMA wieder auflebten. Den barbarischen Formen wird man eine hohe Wandelbarkeit durch ethnische Vielfalt der zweckgebunden Interessengemeinschaften zusprechen müssen, denn die langen Wanderungen waren für Mensch und Vieh sehr verlustreich. Es gab keine Intendantur und geregelte Versorgung. Das machte die barbarischen Züge anfällig und zwang sie dazu Organisationsformen zur Verteilung von Beute, Fourage und Lebensmitteln zu finden. Mit der dauerhaften Ansiedlung beiderseits der Pyrenäen ging das System bei den Westgoten zugunsten von regionalen Rekrutierungen, durch duces in Provinzen oder comites in den Grafschaften, verloren. Es war nun schwieriger ein Heeresaufgebot zusammen zu bringen, was auf den Schultern dieser regionalen Führungsschicht lastete, weniger auf familiären Bindungen und nicht mehr auf festen Einheitsgrößen, sondern vielmehr auf Abhängigkeitsverhältnissen beruhend, sozusagen „erzwungene Gefolgschaften in der Grundherrschaft“. Das wird wohl alle Völker gleich getroffen haben, die aus der Wanderung in die Siedelphase übergingen. Wer diese Umstellung länger überwunden und neue Strukturen ausbilden konnte, genoß Vorteile, wie Alamannen oder Franken. Es bestanden allerdings regionale Unterschiede in der Art und Weise wie der Heerbann sich zusammen setzte. Während für die Goten lange Zeit eine strikte Trennung zwischen Romanen und Germanen bezeugt ist, wobei nur letztere Waffen tragen durften und im Fall eines Verbots der zivilen Betätigung das Berufskriegertum unausweichlich war, so galt das für die Franken nicht. Durch ihre integrierende Gesellschaftsform wurden neben den grundbesitzenden Freien, Halbfreie und wohl im begrenzten Maß auch Unfreie (z.B. Fuhrknechte im Gefolge der Optimaten, selbst Kirchenfürsten stellten Kontingente) und sogar Romanen als Halbfreie zum Kriegsdienst heran gezogen. In der ältesten vorliegenden Fassung der Lex Salica werden Provinzialrömer nämlich als Untertanen, und keineswegs als Sklaven oder Unterworfene, bezeichnet. Spätestens unter Chlodwigs Nachfolgern dienten sie im fränk. Heer, waren Mitglieder von Zeltgemeinschaften im Feldheer. Sicher beruhte ein Teil des Erfolgs der Franken auf der zahlenmässigen Überlegenheit des Heerbanns gegenüber kleineren Aufgeboten ihrer Gegner mit der Grundhaltung einer elitären Kriegerschaft, auch wenn jene im Einzelfall in Fragen der Ausrüstung und Ausbildung, vielleicht auch bzgl der Motivation, qualitativ höher bewertet werden können. Wir erkennen fast eine „fränk. Wehrpflicht“, was den Berufskriegerstand allerdings nicht ausscheidet, vermutlich auch dringend nötig macht um eine „Korsettstange“ im militärischen Gefüge zu bilden. Vor allem persönliche Gefolgschaften werden als Leibwachen Berufskrieger gewesen sein. Die Romanen sorgten auf jeden Fall nicht für eine qualitative Aufwertung des fränk. Heeres, wenn das STRATEGIKON Anfang des VII. Jhs über Franken und Langobarden urteilte: „Sie stellen sich im Kampf zu Fuß oder zu Pferd in keinem bestimmten Maß und keiner bestimmten Ordnung auf, in Regimentern oder in Divisionen, sondern nach Stämmen, der Verwandtschaft und der Zuneigung... Sie machen eine gleichmäßige und dichte Front ihrer Schlachtaufstellung im Kampf...Sie sind ihren Anführern ungehorsam und sorglos...“

In der spätantiken röm Kaiserzeit (RKZ) war die germanische Gesellschaft streng geschieden in Freie und Unfreie. Wobei letztere weisungs- und abgabegebunden eigene Höfe bewirtschafteten, wie mittelalterliche Hörige, Tacitus spricht von „Kolonen[„Germania“ Kap 25]. Die unterste Stufe bildete das Hausgesinde mit Leibeigenen und Knechten als Sklaven. Sie galten als rechtlich unfrei und konnten hinzu wie eine Sache angesehen und behandelt werden, dazu zählte die Bestrafung, Veräußerung, oder ähnliches, was aber nach Tacitus selten vorkam. Der Totschlag eines Sklaven wurde nicht geahndet. Freigelassene sollen nur wenig über den Sklaven gestanden haben. Die Franken haben das röm. System der Freien, Unfreien und Sklaven problemlos in ihre Gesellschaft übernehmen können, ohne daß es sich zur antiken „Sklavenhaltergesellschaft“ wandelte. Die Römer hatten Sklaven für niedere Verrichtungen mit Muskelkraft in Landwirtschaft, Gewerbe und Transport eingesetzt, beschäftigten sie aber auch als Schreiber, Ärzte, Architekten, Künstler, Erzieher, Leiter von Unternehmen, uvam in den gehobenen Tätigkeitsbereichen. Ehemalig Freie konnten durch Überschuldung in die „Sklavenfalle“ rutschen, als Kompensation für die Gläubiger, was im Laufe der röm. Geschichte, vor allem in der Landwirtschaft, unzählige Male geschah, siehe z.B. die Gründe für die „Gracchischen Reformen“ in der Republik im II. JhvC nach den langen Kriegen, welche die Bauernschaft, das Gros des röm. Milizheeres stellend, in den Ruin getrieben hatte...ähnliche Vorgänge wiederholten sich später im fränkisch-merowingischen Reich durch die ewigen Feldzüge der Franken. Im ehemaligen Heerbann war noch jeder Grundbesitzer und Freie mit Waffenrecht in der Miliz dienstverpflichtet. Das bedingte die Abwesenheit von der Hofstelle für eine geraume Zeit. Karl der Große versuchte dem abzuhelfen, indem jeweils vier Hufen zu einer Wehrgemeinschaft gefügt und nur einer der vier Landwirte abwechselnd zum Kriegsdienst genötigt wurde. Es gab auch die Möglichkeit einen Ersatzmann zu stellen, was aber nur Großgrundbesitzer zu leisten vermochten, die sich ein Privatgefolge leisteten, so daß kleine Hofstellen in deren Abhängigkeit gerieten, wenn sie die Ersatzmannregelung durch jenen Grundbesitzer trafen, aus Freien wurden Halbfreie. Sie konnten über ihr Eigentum nicht mehr nach eigenem Gutdünken verfügen. Die Anzahl der freien Bauernstellen schwand durch das grösser werdende System der Abhängigkeiten und Konzentrierung auf Großgrundbesitzer, um ein Berufskriegertum zu ernähren. Durch die bessere Ausrüstung und ständige Waffenübung war jenes mit einem hohen Grad der Professionalisierung sehr effektiv und das nicht zum Schaden des Herrschers, also gab es keinen Grund auf diese Prozesse steuernd einzuwirken.

Notwendige Sitzung, „Hoch die Hörner“ [Bayeux]

Gefolgschaft

Mit der Zerfall des röm. Staatsheeres seit Mitte des V. Jhs war es üblich, daß sich die röm. Provinzkommandeure und Feldherrn, ebenso german. „Warlords“ oder die großen röm. Grundbesitzer und selbst Kirchenfürsten ein eigenes Gefolge, den „comitatus, oder die buccellarii („Brotleute“ von bucella = Zwieback, haltbares Brot) als Haustruppe oder Leibwache, aus eigener Tasche finanziert, hielten. Bei den Feldzügen des oström. Feldherrn Belisar in der ersten Hälfte des VI. Jhs gegen Sassaniden, Vandalen und Ostgoten leisteten seine Bucellarier von mehreren tausend Mann Erstaunliches. Es war vor allem dieser Truppe zu verdanken, die man wohl als „Garde“ bezeichnen kann, in erfolgreichen Operationen das Vandalenheer geschlagen und gegen die Ostgoten schnelle Erfolge in der Eroberung von Neapel und Rom erzielt zu haben, welche der Eroberung große Teile Italiens voran ging. Auf germanischer Seite war nach dem Gesetz des Westgotenkönigs Eurich der Bucellarius ein freier Mann und konnte sich den Herrn wählen. Er erhielt Besoldung, Verpflegung und die Ausrüstung, aber kein Land. Bei einem Wechsel musste er allerdings die Ausrüstung seines bisherigen Brotgebers an diesen zurück geben, es waren also Leihgaben, wie später im Lehnswesen [Delbrück, Bd II Die Germanen IV. Buch, 1. Kap]. Möglicherweise ist das Gefolgschaftsmodell sehr alt und verweist auf bronzezeitliche Gesellschaftsformen, mit deutlich hierarchischen Strukturen. Auf jeden Fall ersetzte es in der Völkerwanderungszeit auf röm Territorium die alten gewohnten Sippenstrukturen und Familienverbände durch inhomogene Einheiten, gebunden durch Eid und persönliche Abhängigkeit, statt der strengen unpersönlichen Rang- und Befehlshierarchie der röm Armee. Diverse nordeuropäische Mooropferfunden des III.-IV. JhAD mit zahlreichen Ausrüstungs- und Waffenteilen, zumeist seegestützter „Kommandounternehmen“ aus Südskandinavien auf die jütische Küste, vermitteln eine hohe Professionalität und wirken nicht wie Hinterlassenschaften einer Invasionsarmee im allgemeinen Heerbann. Gefolgschaftsanhänger begaben sich freiwillig in die Dienste eines Herren ohne ethnische Zuordnungen und waren mit regelmässigen Zuwendungen, Donativen oder Stellung der Ausrüstung als Berufskrieger vermutlich besser bewaffnet, als der freie german Grundbesitzer zur frühen röm. Kaiserzeit. Bei jenem, der die Masse des allgemeinen Heeresaufgebots (exercitus) in Notzeiten stellen musste kann wohl oft nicht mehr als Schild, Lanze oder Bogen vorausgesetzt werden. Jahrhunderte später hatten gemäß den Schätzklassen der langobard. Heerschildordnung des Aistulf (749-756) einfach Begüterte und Händler mit Pferd, Lanze und Schild anzutreten und reiche Grundbesitzer und vermögende Händler gepanzert und beritten. Im VIII. Jh hatte der Berittene einen höheren Stellenwert erreicht, als zum RKZ.

Auf die Gefolgschaft geht bereits Tacitus in „Germania“ Kap 13-14 detailliert ein. Er benutzt den Begriff „comitatus“, der von ihm bewußt instrumentalisiert wurde als gesellschaftliches Erklärungsmuster, warum militante Gruppen unter zu Erfolg verdammter Führung mit unkontrollierter Gewalt dazu neigten, durch Raubzüge Roms Grenzen zu bedrohen. Gefolgschaften sind selbstverständlich nicht auf die Germanen zu beschränken, sondern existieren bis heute in allen Kulturen als eine bestimmte Form gesellschaftlicher Struktur. Das „Gefolge“ mag im engen Kern aus dem hauswirtschaftlichen Gesinde (langobard. gasinde, angelsächs. gesiths), die unmittelbare Umgebung eines angesehenen Gefolgsherrn entsprungen sein, das waren abhängige Knechte und Leibeigene, familia im röm Patronatssinne gemeint, ohne direkte Blutsverwandschaft, also Hofdiener für die täglichen Abläufe in Haushaltung und Administration. Mit dem höchsten Ansehen fanden sich jene am Hof des Herrschers (aule regie familiares), aber auch bei Herzögen und Grafen, Bischöfen und grossen Grundbesitzern, wer immer sich eine Haustruppe leisten konnte. Im Klosterplan von St. Gallen war ein Gebäude speziell für die Gefolgschaft vornehmer Reisender vorgesehen. Zum Gesinde zählten auch die noch nicht volljährigen Männer. Erst mit der Verleihung des Waffenrechts gehörten sie offiziell zur Kriegergemeinschaft. Um diesen Kern des Hausherrn scharte sich eine schwer bewaffnete „Haustruppe“ oder Leibwache aus altgedienten „Kämpen“, welche ihre Erfahrungen an die nachrückenden jungen Männer weiter gaben. Eine Rangfolge wird bei Tacitus angedeutet. Ihre Gefolgschaft mochte durchaus eine freiwillige nach dem Muster der spätantiken bucellarii sein, mit einer Form der Entlohnung, welche den Nehmer band, mglw bekräftigt durch einen Vasalleneid. Trat er aus diesem System aus, konnte der Herr Forderungen stellen, wie z.B. die bereits erwähnte Rückgabe oder die Auslösung der Ausrüstung. Auch junge Fürstensöhne suchten für Ruhm und Beute fremde Gefolgsherren auf, später wie alle Söldner als „Reisige“ bezeichnet. Jeder Freie mochte sich temporär an bestimmte Unternehmungen gebunden zur Verfügung stellen, auf entsprechende Entlohung hoffend. Das Gefolge erwartete für seine Leistung, welche unter Einsatz des Lebens vollbracht wurde, materielle Zuwendung, Absicherung und Schutz. Tacitus nennt speziell Verpflegung, Waffen und Streitroß, demnach wäre eine german. Gefolgschaft beritten [Kap 14]. Die Führer/Herren waren zu Erfolg, Einkommen und mglw. Beute verdammt, um ihre Position zu sichern! Nicht selten ließ sich der hohe Standard nur durch Expansion und kriegerische ruhmreiche Aktionen halten. Hattler (s.o.) überspitzt korrekt und nennt dies „Beschaffungskriminalität“ nach unserer heutigen Rechtsauffassung.

Die Gefolgschaft war also ein komplexes System von Personen in einer Zweckgemeinschaft aus unterschiedlichen Abhängigkeiten für eine bestimmte Zeit. Größe und Gliederung war veränderlich und sollte mit Erfolg oder Mißerfolg der Führer zusammen hängen. Als Bindeglieder galten der Eid auf den Gefolgschaftsführer, Schutz und Geschenke, bzw Privilegien, welche der Herr vergab. Herrscher setzten Gefolgschaftsführer an strategisch wichtige Punkte, um die Kolonisierung und Urbarmachung von Land oder die Errichtung neuer Siedlungen zu leiten. Ein probates Mittel im Verlauf des Mittelalters. Durch jährliche Umritte versicherten sich die Herren der Treue ihrer Untergebenen. Mit Erschließung von Land, das vorher öd und leer als ungenutzter Wald und Wildnis Eigentum der Krone war, (der Forst war urspl. herrenloses Land, das der König durch Bann zum Sondereigentum erklärte), konnte ein geschickter Lehnsherr Eigentümer dessen werden, wie die Babenberger an der Grenze zu den Slawen in Niederösterreich im XII. Jahrhundert. Mit Schlesinger wurde in der Forschung die Gefolgschaft als das Rückgrat der mittelalterlichen Gesellschaft, vor allem in militärischen Belangen, aber auch in der Verwaltung oder Ausweitung von Infrastruktur und Herrschaftsbereich angesehen, obwohl es zu dieser Begriffsdefinition mit H. Kuhn, F. Graus oder R. Wenskus auch eine Reihe Kritiker gibt. Zur Gefolgschaftspflicht waren alle gezwungen, die in einem Abhängigkeitsverhältnis zum Gefolgsherrn standen, so z.B. „Meier“, welche auf den Königshöfen saßen und im Bedarfsfall für den Kriegsdienst herangezogen wurden. Im Laufe der Jahrhunderte stiegen die Anforderungen an das Gefolge bzgl. der Ausrüstung. Ein schwer gerüsteter Panzerreiter konnte nur durch denjenigen gestellt werden, welcher ausreichend Ländereien und Höfe besaß oder Lehen, eine Leihgabe, erhalten hatte, was die Abhängigkeit vom Lehnsherrn forderte und förderte. Dieser hatte als Oberhaupt für seine Schützlinge Sorge zu tragen, deshalb wird diese Gemeinschaft in Quellen „familia“ im röm. Patronats-Sinne genannt, ohne daß wirklich familiäre Bindungen bestehen mussten. Selbst in der Zeit der großen Parteienkämpfe des SMA´s, die das regional und standesmässig begrenzte Fehdewesen des HMAs deutlich überstiegen, wurde mit Livrees, Abzeichen, Wappenfarben und Emblemen die Gefolgschaft zum Ausdruck gebracht. Es galt äusserlich Farbe zu bekennen, nicht nur vom Gefolge selbst, sondern auch von Bürgern, Sympathisanten und Parteianhängern. Bis ins SMA wurden Kriegs- und Soldknechte erwähnt, welche dem berittenen Herrn zu folgen hatten, sich um dessen Ausrüstung, Waffen und Pferde kümmerten. Sie erhielten, je nach Rang ihres Auftraggebers, neben der eigenen Waffenausbildung, gerade mal den „klainen Sold, wie Oswald von Wolkenstein dies um 1400 bezeichnete. Das war nicht mehr als die Verpflegung, die Ausrüstung und vielleicht mal ein abgelegtes Kleidungsstück des Herrn. Ansonsten galt jeder legitimierte Raub in kriegerischen Zeiten als „Verdienstmöglichkeit in Naturalien“. Ihr Ansehen konnte nur mit der gesellschaftlichen Position ihres Dienstherrn steigen [siehe auch W. Schlesinger [Herrschaft und Gefolgschaft in der german-dt. Verfassungsgeschichte, in: Hist. Zeitschrift 176, 1953, S. 225-275].

Bild: Schwere Kavallerie, durch Lehen finanziert, beherrschte über Jahrhunderte die Schlachtfelder Europas [TW Medieval]

Lehen

Das war eine Landleihe und ein gegenseitiges Treueverhältnis zwischen Geber und Nehmer meist auf Lebenszeit, sich auf beide Seiten beziehend [siehe dazu auf Seite XI-XII 1025-1250 Anfänge der Ministerialität]. Damit verbunden waren persönliche Leistungen zugunsten des Leihenden (Lehnsherr). Im Gegenzug war der Lehnsnehmer Nutzniesser der erwirtschafteten Abgaben, der auf dem Landstrich angesiedelten Güter und Höfe in Naturalien und im Verlauf des Mittelalters auch in barer Münze, um sich den Lebensunterhalt zu sichern und seinen kostspieligen Verpflichtungen politischer und militärischer Art nachzukommen, dazu zählte vor allem die Instandhaltung seines verliehenen Herrschaftssitzes, der Infrastruktur und der militärischen Ausrüstung, samt nicht unerheblicher Kosten der Pferdehaltung, aber auch die Sicherung der Grenzen, Heeresfolge, Zeugenbeurkundungen, etc. Angesichts der nur rudimentär entwickelten „staatlichen“ Kontrolle und Verwaltung im Feudalsystem war das personale Geflecht mit Lehenvergabe und Gefolgschaftspflicht von struktureller Bedeutung. Als höchste Form des Lehnsmanns galt der Vasall, der sich einem Höheren freiwillig unterstellte durch Treueeid zu Gehorsam verpflichtete, dafür Schutz und Rechte genoß. Es gab auch den Fall, dass ein Herr den Vasallen bewußt in „Schirm und Frieden“ nahm, um dessen Existenz zu sichern. Wurde das Treueverhältnis durch Abtrünnigkeit verletzt, musste der Verursacher mit erheblichen Konsequenzen für Leib und Leben fürchten, man siehe die vielen Schauprozesse dieser Zeit, deren abschreckende Wirkung Nachahmer abhalten sollte. Ereilte eine der beiden Seiten ein natürlicher Tod, mussten alle Rechte neu ausgehandelt werden! Während der Kreuzzugsvorbereitungen starb Heinrich VI. 1197 auf Sizilien, hatte aber schon Kontingente voraus geschickt, darunter seinen Reichskanzler Konrad von Querfurt. Jener verlor mit der Todesmeldung sein Amt, da dieses an die Person des Kaisers gebunden war. Deshalb brachen die meisten deutschen Adligen im Hl Land auf, um im Reich ihre Lehnsrechte gegenüber dem Nachfolger Heinrichs zu sichern. Alle Kreuzzugsgedanken waren verflogen.

Dienstmann/Ministeriale und Burgenbau

Sie erhielten besondere Rechte und Ämter auf Zeit (ministri pro tempore constituti) im engem persönlichen Treueverhältnis zu ihrem Lehnsherrn, um Aufgaben in der Verwaltung oder als berittene Streiter nachzukommen. Durch das verliehene Amt ragten sie aus der Masse heraus und erlangten durch ihre Unverzichtbarkeit in wichtigen Positionen der Ständegesellschaft zunehmend Freiheiten. Solch ein höherer Dienstmann war der Stellvertreter der Erzbischofs von Mainz, der vice dominus („Viztum“) im Rheingau zwischen Taunus, Wisper und Rhein, nicht zu verwechseln mit der Pfalzgrafschaft bei Rhein weiter südlich. Dieses Amt mit Richterfunktion wurde von einer der ansässigen Familien bekleidet, als „Ritter“ bezeichnet. Eine der Aufgaben war die Landwehr, das „Rheingauer Gebück“ instand zu halten, dazu wurden bestimmte Streckenabschnitte diversen begüterten Familien zugeteilt. Der Rheingau besaß eine Eigenverwaltung mit vielen Freiheiten, u.a. kannte man hier die Leibeigenschaft nicht (!) [siehe C. Grubert in Karfunkel 37, S. 15-17]. Auch Mainz hatte nach der Stiftsfehde 1463 einen erzbischöflichen Vizedom als Stadtherrn, der Bürgerschaft wurden alle freiheitlichen Rechte aberkannt. Im ähnlichen Rang war ein (Land-)“Pflegeroder „Vogt(advocatus=Schutzbeauftragter), oft mit Vasallenstatus (z.B. freiwillige Unterordnung eines Edelfreien), welcher zum Vertreter des Landesherrn ernannt die Gerichtsbarkeit repräsentierte, im Kriegsfall die Landesverteidigung übernahm oder als Laie die Geistlichkeit, eine Kirche, ein Kloster in weltlichen Angelegenheiten, z.B. vor Gericht, zu vertreten und als Schirmvogt zu schützen hatte [ganz interessant ist es sich mal den Gürtel auf der Grabplatte des 1313 gestorbenen Herzogs Hermann v Teck als Klostervogt von Alpirsbach anzuschauen. Wer also dorthin wegen der „berühmten Kleidung“ des XVI. Jhs fährt, nehme sich auch dafür kurz Zeit !]. Oberster Vogt war der König selbst als Schirm des Reiches und gewährte z.B. Klöstern generell diesen Schutz, wobei das Recht auf hohe Amtsträger übertragen werden konnte. Vogtei-Rechte wurden aber auch auf viel niederer Ebene vergeben. 1281 überließ der Ritter Bernhard von Hörde seinem Freigelassenen Hermann, genannt Unversagede, Güter in Berghofen als Lehen. Wegen der Freilassung und Einsetzung „als Vogt“ über das Lehen sollte Hermann dem Hl. Reinoldi zu Dmund einen jährlichen Zins zahlen [Der Berswordt-Meister u d Dmunder Malerei um 1400, S. 18].

Ministeriale auf Königsland oder den sich ständig erweiterten königseigenen Rodungsländereien waren ausschließlich gegenüber dem König verpflichtet, als ministerialis imperatoris. Sie waren reichsunmittelbar und unterstützten königliche Politik nicht selten gegen die Interessen des Adels. Auf den Königshöfen des FMAs wirtschafteten sie für die Schatulle des Herrschers und sprachen Recht. Ein Quartier war dem Hofstaat, Boten oder Diplomaten jederzeit zu bieten. In Grünz (Nähe St. Pölten/NÖ) wurde Heimo, dem Mundschenken Kaiser Arnolfs 888 für seinen Besitz die Immunität und damit die Befreiung von der Amtsgewalt des regionalen bayerischen Markgrafen zugesprochen. Heimo durfte seinen Sitz befestigen und die niedere Gerichtsbarkeit über seine bäuerlichen Eigenleute und zuziehende Mährer ausüben. Vielfach waren jene Dienstmannen Träger der Kolonisierung mit Rodung, Urbarmachung von Land und Errichtung von Siedelstellen. Sie standen dem Bauernstand vor und vielfach waren ihre Höfe unbefestigt, im Gegensatz zu den Höhenfestungen des Adels [FarD28, S. 95]. Zunächst besaß der König das Burgenregal, nur er konnte die Neuanlage einer Befestigung gewähren. Unter Friedrich II., der sich in Dtld Ruhe erkaufen wollte für seine Italienpläne, wurde u.a. dieses Recht 1232 auf den Hochadel ausgedehnt. Fürsten ließen ihre Burgen durch unfreie Ministeriale besetzen („Ritter“). In der letzten und stärksten Phase des Burgenbaus waren dazu auch Ministeriale berechtigt. Burgen wechselten häufig den Besitzer und spielten eine wichtige Rolle in den Dynasten-Kämpfen. Mächtige Familien, wie die Wittelsbacher oder die Markgrafen von Baden, zwangen ihre Amtsleute, den niederen Adel vorwiegend in unbefestigten Behausungen zu leben. Die Staufer bekamen durch die Einsetzung von abhängigen Ministerialen große Gebiete im fränk-böhmisch-thüring. Raum unter ihre Kontrolle und boten so dem regionalen Adel Paroli. Fehlte dem Königshaus der starke Herrscher, war mit dem Verlust von Königsland zu rechnen, wenn der Lehnsmann abtrünnig wurde, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen. Manche wurden in Konflikte getrieben, wenn sie als Lehnsnehmer mehreren Herren gleichzeitig dienstbar waren und bei Entzweiungen eine der beiden Seiten wählen mussten, was erhebliche Konsequenzen nach sich zog. Das war die Kehrseite der Medaille, wenn man in den „Genuß“ einer hohen Position kam. Nicht selten landete bei Verfehlung der Betreffende im gesellschaftlichen Aus oder der Kopf auf dem Richtblock. Das „Rad der Fortuna“ war für diese Schicht mit Sicherheit ein zutreffendes Bild. Herrschen hieß auch Fallen, glücklich, „wer oben blieb“, das war keineswegs selbstverständlich. Viele Ministeriale gewannen durch die Wahl der „richtigen Seite“ im XIII./XIV. Jh ihre Freiheit, da sie unverzichtbar in der staufischen Reichspolitik geworden waren und nach dem Fall der Staufer unkontrollierbar, als das Netz der persönlichen Bindungen im Interregnum zerfiel. Nur starken Landesherren konnte es gelingen widerspenstige Ministeriale durch Belagerung und Zerstörung ihrer Amtssitze zur Raison zu bringen, wie 1265 Bertho II.von Leibolz, Abt zu Fulda in der „Fuldaer Fehde“, in der er gegen die Abtrünningen mit Hilfe seines Abteivogts Graf von Ziegenhain vorging. Die Könige versuchten ihr Eigentum, als „Flickenteppich“ über das gesamte Reichsgebiet gestreut und durch reichsunmittelbare Amtsleute verwaltet, mit Tausch, Kauf und Zwang zu konzentrieren, wie die Staufer dies mit „ihren Osterweiterungen“ im Altenburger Land an der Pleiße, im Vogt- und Egerland oder im Nürnberger Raum erfolgreich betrieben hatten. Auch Rudolf von Habsburg versuchte mit Amtsleuten, den Landvögten, unberechtigt angeeignete Reichsgüter zu finden und sie wieder als Königsgut dienstbar zu machen.

Schultheiße (langobard. sculdahis) mit Richterfunktion gab es unterschiedlichen Ranges in Ortschaften oder ländlichen Regionen. Aufgrund der dezentralisierten Herrschaftsbereiche mussten dies vertrauensvolle und tatkräftige Personen sein, denn oft wirkten sie eigenständig in großer Entfernung zu ihrem Herrn. Der Begriff war weit gefasst, er konnte als Vertreter eines hohen Potentaten agieren, stammte manchmal aus der Adelsschicht der Freien und nahm das ehrenvolle Amt als Vasall an. Einflussreiche Aufgabenfelder gab es bsplw im städtischen Umfeld, vom Landesherrn an die Position des Stadtoberhaupts gesetzt. Ein solcher Dienstmann agierte z.B. in Rottweil in Vertretung des Königs, bis in der 2. Hälfte des XIII. Jhs zusätzlich ein „burgermaister“ der Gemeinde nachweisbar ist. In Xanten hatte der Erzbischof von Köln einen „schulthaisseeingesetzt, der zunächst mit den halbfreien Laten vom Hof des Erzbischofs Recht sprach und seit der Stadterhebung Xantens 1228 als Vorstand des Schöffengerichts fungierte. Der Schultheiß von Erfurt Wolfram, als höherer Ministeriale/Dienstmanns des Erzbischofs von Mainz, stifteten mit seiner Ehefrau Hiltiburc die wertvolle lebensgrosse figürliche Bronzeplastik des „menschlichen Leuchters“ (mit Bindegürtel) um 1157, heute im Dom. Die niedere Gerichtsbarkeit vertraten Schultheiße als „Dorfschulzen“. Diese werden als sculteti explizit an den bäuerlichen Oberhöfen der Grundherrschaft des Stifts Essen genannt, an denen Abgaben der Unterhöfe/Hufen/Mansen gesammelt und mit den zu erbringenden Dienstleistungen (Hand- und Spanndienste) als servitium verlangt wurden. Die Einteilung nahm der magister culturae, der „Baumeister“, als Verantwortlicher der Wirtschaftsführung vor. Dazu zog er die Hörigen der Unterhöfe, halbfreie Hörige (Laten) und Handwerker des Oberhofes heran [Küppers-Braun, U.: Macht in Frauenhand. 1000 Jahre Herrschaft adeliger Frauen in Essen, S. 25ff]. In verschiedenen Quellen wird ein „Schulzenstaberwähnt, wohl der frühneuzeitlicher Begriff für ein Amtszeichen. Vorläufer sind vermutlich bei röm Machtsymbolen zu suchen, wie die virga, der Stab, abgebildet in der Hand eines röm Gutsherrn auf dem Sarkophag von Lamta (Leptis Minor) nördl von Bekalta in Nordafrika aus dem IV. JhAD. Grafen ernannten erfahrene Dienstmannen zu „Schöffen“ für den Ausschuss in Form eines Schöffenkollegiums, meist von sieben Gerichtsmitgliedern, die zur Urteilsfindung in Rechtssachen beitragen sollten. Als Vorsteher großer Höfe wirtschafteten die „Mayer/Meier/Meyerauf ihren Siedelstellen/Höfen und waren verpflichtet ihrem Herrn jederzeit zur Verfügung zu stehen. So mussten die 50 „Sattelmeyer“ des Amts Sparrenbergs noch im XVII. Jh ein gesatteltes Pferd, Pistolen (übliche dt. Reiterwaffe im XVI./XVII. Jh) und Reiter für Kriegs-, Geleit- und Botendienste oder eine entsprechende Summe Geldes als Ersatz stellen. Des Bischofs von Brixen „küchenmairbewirtschaftete den Haupthof, der unmittelbar für den Tisch des Geistlichen Lebensmittel und Heizmaterial lieferte. Durch die dezentralisierte Siedel- und Wirtschaftsweise des Mittelalters mit Streubesitz der weltlichen oder geistlichen Herren über große Flächen des Reiches verteilt, war es notwendig als Leiter der Oberhöfe tatkräftige und vertrauensvolle Personen einzusetzen, die eigenständig zu wirtschaften und abgabepflichtige abhängige Hofwirtschaften zu kontrollieren verstanden. Als einfache Dienstmannen galten z.B. „Scheffler“, die u.a. die Vorratshaltung, Mühlen und Brauereien überwachten und „Fisch- oder Jagdmeister“, welche für Reviere und Honiggewinnung zuständig waren.

Es soll Dienstmannen und Ministerialen nachgegangen werden, um sie nicht nur in den Texten durch Erwähnung ihres Amts oder durch ihr „von“, sondern auch im archäologischen Fundgut, auf Abbildungen und in der Bildhauerkunst zu erkennen. Werden Ministeriale nicht nach ihrem Amt benannt, tauchen sie in den schriftlichen Quellen oft vereinfachend als servientes/servitores (Dienende/Diener) oder wie alle berittenen Krieger als milites auf. Dahinter konnten sich allerdings auch „Edelfreie“ verbergen, wie die oben genannten nobiliores milites von Caseberch, deutlich abgegrenzt zu den pedites, den Fußsoldaten. Durch das anhaltende Bevölkerungswachstum und die Ausbreitung der Grundherrschaften, war es nötig die Regionen stärker administrativ zu durchdringen. Es war Grundrecht des Geburtsadels durch Rodungen die Eigenherrschaft auszuweiten, auch wenn dem König so Land entzogen wurde. Mit den vielen kriegerischen Auseinandersetzungen, Bürgerkriegen und Fehden wuchs der Bedarf an zuverlässigem bewaffnetem Gefolge. Unfreien Dienstmannen wurde Lehen vergeben, um im Gegenzug als Panzerreiter zur Verfügung zu stehen. Der Unterhalt von Pferden und Waffenausrüstung verlangte eine angemessene Güterausstattung. Wurde Land im HMA verliehen, musste es oft erst gerodet und urbar gemacht werden, so daß mancher Ministeriale kaum mehr als ein besser gestellter Grundbesitzer war, der Aufsicht über die bäuerliche Bevölkerung ausübte und das Land für seinen Herrn erschloß, verwaltete und sicherte. Der Ministeriale wurde zum unverzichtbaren Bindeglied zwischen der breiten Masse und dem geistlichem oder adeligem Grundherrn und erfüllte Aufgaben in der Administration, indem er Zeugeneide bei wichtigen Vorgängen, wie Verkäufen, Schiedsgerichten und weiteren Rechtshandlungen leistete, die durch Urkunden und Verträge dokumentiert wurden. Diese gelten mithin als wichtigste Quellen für die namentliche Erwähnung von Ministerialen. Damit verbunden waren zunehmend mehr Privilegien mit vererbbarem Rechtsstatus und eigenem Gerichtsstand, obwohl an ihnen der Makel des „Unfreien“ haften blieb, der in vielen Bereichen auf das Wohlwollen seines Herren angewiesen war. Doch sie konnten durch geschicktes Taktieren in den politischen Auseinandersetzungen und Bürgerkriegen, durch die Gunst ihres Herren oder durch clevere Heirat Besitztum und Wohlstand anhäufen und ohne sie war die regionale Verwaltung mit einem Netz von Burgen und Dienstsitzen oder ein Heereszug nicht mehr möglich, denn sie stellten inzwischen die Mehrzahl der Panzerreiter. Die höchsten Positionen wurden vergeben im Bereich der fürstlichen oder königlichen Hofhaltung, Erzämter, welche später in den Händen von Reichs-, dann der Kurfürsten (!) lagen und mit bestimmten Territorien verbunden waren. Nach dem Vorbild der Höfe röm. Kaiser hatten einst die merowingischen Könige diese Posten an verdiente Untergebene vergeben. Aus ihrer Gefolgschaft ernannten sie den Marschall als Aufseher für die Pferdehaltung, den Seneschall für die Haushaltung („-schalkwar der Begriff für unfrei), den Buticularius für Keller und Vorräte, den Majordomus (Hausmeier) als Oberaufseher der Dienerschaft und den Referendarius an der Spitze der Schreiber. Daraus wurden im HMA an den Höfen der Herzöge und Erzbischöfe der Drost als Haushaltsvorstand, der Marschall als Oberstallmeister und Richter, der Kämmerer Finanzherr, Schenk Mundschenk oder Cellarius mit Keller- und Weinaufsicht. Zur Hofhaltung gehörten auch aristokratische Jünglinge (junge Herren=Junker) des Hochadels, später auch des Niederadels und vereinzelt sogar Bürgersöhne, welche in der Ausbildung oder Wartestellung für ein Amt, eine „Landeswürde“ waren. Es wurden universell gebildete oder erfahrene Spezialisten im Bereich der Kanzleien, auf dem breiten Feld der Diplomatie, als Übersetzer oder für gehobene Boten- und Eskortdienste benötigt. Herolde waren befugt neue Gesetze und Verordnungen der Obrigkeit durch Ausrufen bekannt zu machen, eine schriftliche Fixierung erfolgte erst später, der „Feldhüterübernahm diese Rolle in den kleineren Regionen.

Oswald von Wolkenstein

Ein Dienstverhältnis als haubtman des Erwirdigen Gotshaws ze Brichsen“ zwischen dem Bischof von Brixen und dem niederadeligen Oswald von Wolkenstein (1377-1445), auf 10 Jahre befristet und mit 100 Gulden im Jahr dotiert, scheiterte 1410/11 am gegenseitigen Zerwürfnis, das nur durch den Tiroler Landesherrn Herzog Friedrich IV. von Österreich geschlichtet werden konnte. Oswald suchte daraufhin ausgerechnet die Nähe zu dessen Widersacher König Sigismund, um als „dienerins „hofgesinde ufgenomenzu werden gegen einen „Jarsoldvon „drey hundert hungrischer Roter gulden, durch einen „dinst brieffgarantiert. Dienstverhältnisse wurde also im SMA schriftlich bestätigt, in barer Münze entlohnt und in älteren Zeiten wohl mehr durch Landleihe finanziert. Allerdings blieben in beiden Fällen die Dienstherren den Lohn gänzlich, bzw teilweise schuldig und Oswald musste seine Aufgaben als Sonderbeauftragter des Königs verrichten, um sich danach immer wieder in der Schlange der Bittsteller des Hofgesindes einzureihen. Hinzu hatte es sich Oswald durch den Seitenwechsel mit seinem Tiroler Landesherrn gründlich verdorben, erst recht da er Fehden führte, so daß seine Position „zwischen den Stühlen“ unhaltbar war, in Tirol Drangsal und Pein folgen musste. Um dem vollen wirtschaftlichen Ruin zu entgehen, strengte er recht clever ungewöhnliche Rechtsmittel an. So ist seine Biographie ein interessantes Kapitel mittelalterlicher Rechtsgeschichte. Auch wenn der König den Nobilis Oswaldus de volkenstein, Imperalis aule nostre familiaris fidelis dilectus besonders auszeichnete, blieb jenem ein standesgemässes niederadeliges Leben, als Zweitgeborenen und Nichterben der väterlichen Lehen, die längste Zeit unvergönnt. Immerhin war aber er in der Lage im Dom zu Brixen eine Kapelle aus der Einnahme von Höfen und eines Weingartens zu stiften. Und gegen Ende seiner Laufbahn, nach fast 20 Jahren Königsdienst, wurde er als kaiserlicher Rat zum Reichsritter ernannt, was ihn nicht davon abhielt als renitenter Zeitgenosse nach dem Thronwechsel gegen den neuen König und Landesherrn von Tirol Friedrich III. zu opponieren und zu revoltieren. In den 1430er/40er Jahren hatten sich seine wirtschaftlichen Verhältnisse gebessert. Es wird hier im Auszug eine Auflistung der bewegliche Habe von 1445 auf Burg Hauenstein nach Oswalds Tod angefügt, „obwohl sie hier viel Platz frißt“, aber um zu verdeutlichen, was einem niederen Adeligen möglich war, scheint sie aussagekräftig: Neben seidenen Kissen, türkischem Messer, zwei Silberschalen und zwei Orientteppichen wird die Anzahl der Betten, samt Bettzeug, Leinentüchern, Wolldecken, Fellen, etc aufgelistet. Es folgt das Kücheninventar mit Rost, Pfannen, Kannen, Zinngerät und diverse Vorräte, darunter die obligaten Fässer mit Wein und Essig, 41 Pf. Talg und 400 Talgkerzen oder Vieh, nämlich 6 Kühe. Werkzeug war einiges vorhanden zum Brunnen bohren und Instandsetzen der Gebäude und Ausrüstung, wie Zimmermanns-, Schmiede- oder Schusterwerkzeug. Bemerkenswert ist die „Waffenkammer“: 6 Brustpanzer, 4 Harnisch-Schurze, 2 Panzer-Kragen, darunter ein Eisenkragen aus Lamellen, eine Mailänder Harnisch-Brustplatte und diverse Harnisch-“Kleinteile“, wie Beinschutz, zwei fischbeinverstärkte Kampfhosen, Schulterharnische, 14 Paar Armröhren, Ellbogenschützer, 6 Paar eiserne Handschuhe, diverse Kampfschuhe, darunter „türkische“ und eine „türkische Kampfjoppe“, vermutlich mit Lamellen, etc. Es waren vorhanden ein „englischer Helm“, ein „türkischer Helm“, zwei kleine Helme, ein Helm mit Visier, 6 Hundsgugeln, 7 Helme mit Nackenschutz, 5 Eisenhüte, 5 Eisenhauben. An Schilden fanden sich zwei, weitere 5 aus Leder und zwei ungarische Schilde. Es folgten 5 Bärenspieße und 8 Stangenwaffen, ein türkischer und ein ungarischer Streitkolben und „türkische Sporen“. Für die 30 Armbrüste gab es 1000 eiserne Bolzenspitzen, eine Winde und mehrere Haken zum Spannen. Zu den schweren Waffen zählten 2 Schirmbüchsen mit klappbaren Schutzschilden, 7 „Steinbüchsen“, eine Hakenbüchse, 9 alte und 10 neue Handbüchsen, ein Bottich mit Schwefel, ein Ledersack mit Salpeter, zweieinviertel Bleiplatten zum Gießen der Geschosse und 11 „Wurfkegel“, vermutlich Handgranaten, die damals durchaus bekannt waren. Die Schlösser zu Bludenz und Bregenz wiesen in den 1480er Jahren kaum eine höhere Anzahl an Schwarzpulverwaffen auf. Das waren schon beachtliche Arsenale. Die „Auflistung Oswald“ beinhaltete also das Notwendigste, um den militärischen Pflichten nachzukommen, aber von Luxus keine Spur. Es wird kein Geschmeide, kein Bargeld erwähnt, keine Kleidung, keinerlei Tand. Das macht schon ein wenig stutzig. Die Angaben stammen von Dieter Kühn, Ich Wolkenstein. Eine Biographie, Ausgabe Insel Verlag, Frkft 1981, S. 439-41. Er fügt als Kontrast eine Auflistung von Oswalds Verwandten Veit an, da „klimpert“ es ganz ordentlich.






Exkurs 4: Der Bürger-Stadteinwohner

Der Begriff „Bürger“ wird auf diesen Seiten häufig verwendet und bedarf mglw einer Definition. Erst ab ca. 1300 ist durch die zunehmende Verstädterung mit etwas über 10 % Anteil von „Stadteinwohnern“ an der Gesamtbevölkerung im Reich zu rechnen. {Fußnote aus „XV 1400-1450“ noch übernehmen}

Die Reichskleiderordnung zu Augsburg von 1530 besagt, daß „Item nach dem in stetten gemeynlich dreierley Burger und innwoner seind als gemeyne Burger und Handtwercker, kauf und gewerbsleut und andere so im Radt von geschlechten oder sunst ehrlich herkommen und irer zinss und renthen sich erneren.“ [Die Welt des Hans Sachs, S. XVIII]

In der zitierten Textstelle werden „Einwohner“ und „Bürger“ erwähnt, unterschieden in drei Rubriken mit einfachen Handwerkern, dann Kaufleuten und schließlich den Ratsherren von Stand und Herkunft (Geschlechter), auch gehässig als „Müßiggänger“ bezeichnet, da sie sich vom Einkommen durch Grundbesitz inner- und ausserhalb der Stadt, durch Ämter und damit verbundene Privilegien (z.B. Einkünfte im Zoll- oder Bergbauwesen) nährten. Denn eine Tätigkeit im Rat wurde nicht vergütet. Der Bürger war als Mitglied einer Schwurgemeinschaft streng genommen Grundstücksbesitzer mit nachweisbarem Eintrag in die Bürgerrolle, nach der er steuerlich veranschlagt wurde mit festen Zahlungsterminen im Jahr. Das Rottweiler Stadtmuseum zeigt einsehbar ein Steuerbuch der bekannten Reichsstadt von 1441 mit Bürgernamen, Summe und Zahlvermerk. Nicht als Bürger, wohl aber als „Insassezählte das Gesinde mit Mägden und Knechten, die Gesellen, Tagelöhner und Arbeiter für einfache Verrichtungen. Sie hatten keinen aufgeführten Besitzstand und zahlten keine Steuern. Sie waren selbst stimmlos, für sie sprach der Patron, ihr Herr. Herrscher, wie Karl IV. wagten es Verkündigungen im Reich nicht ausschließlich an Räte und das Patriziat, eben an die „Bürger, sondern an „alle Insassen, zu richten hier wurden auch nicht wahlberechtigte Einwohner direkt angesprochen, unerhört (!). Haus- oder Grundbesitz alleine oder die Ausübung eines Handwerks bedingte noch nicht das Bürgerrecht. So war Stefan Lochner ein anerkannter Malerhandwerker und Hausbesitzer zunächst ohne Bürgerrecht in Köln, was erworben und bezahlt werden musste, nachdem er 1447 als Zunftangehöriger in den Stadtrat gewählt wurde. In anderen Städten genossen berühmte Handwerker-Künstler oft Vorzüge, wie Hans Multscher in Ulm ab 1427 oder Friedrich Herlin in Nördlingen ab 1467, wenn ihnen das Bürgerrecht ohne Bürgen, kostenlos und ohne damit verbundene Abgaben oder sonstige Bürgerpflichten verliehen wurden. Denn normalerweise erwuchsen mit dem Bürgerstatus neben den Rechten auch Pflichten, wie Steuern, Arbeitsleistung bei öffentlichen Bauvorhaben, darunter der eifrig betriebene Mauerbau, Wach- und Wehrdienste und die Bindung an die städtische Gerichtshoheit. Nach R. Kiessling bestand die Bevölkerung in Augsburg zu zwei Dritteln aus besitzlosen Einwohnern, nur ein Drittel verfügte über mehr als ca 100 bis 500 Gulden und war steuerpflichtig, von ihnen wurde das „Geschoßeingetrieben, wie man die Steuer in der Statuta thaberna von 1434 in Weißensee/Thüringen bezeichnete. Die Zahler werden Handwerksmeister, Zunftangehörige oder gut situierte Kaufleute gewesen sein. In Dortmund zahlte 1499 der Bronzegussmeister Reynolt „Potgeiter“ (Grapengießer) laut Steuerliste einen halben Goldgulden und drei Stüber. So lag sein Vermögen vermutlich zw. 500 bis 1000 Gulden nach moderner Schätzung. In Augsburg besaß von den Bürgern des oben genannten Drittels am Gesamt nur ein Bruchteil mehr als 3000 Gulden und stellte mit weniger als 2% der Einwohnerschaft damit das gehobene Bürgertum der bekannten süddt Handelsmetropole dar [Kiessling].

Die Verstädterung ist ein Prozeß, der bereits in der Antike im Mittelmeerraum zu hoher Blüte gelangte. Bei den griech. Stadtstaaten war nach dem Athener Modell ab dem V. JhvC derjenige ein Bürger, welcher Besitz in der Stadt oder Landbesitz unmittelbar vor der Stadt nachweisen konnte. Er war damit politisch voll stimmberechtigt in seiner polis. Zu den Pflichten gehörte u.a. die Verteidigung des Stadtstaates als schwer gepanzerter Milizionär, der „Hoplit“ mit eigener Rüstung, deren Wert schon ein gewisses Einkommen voraus setzte. [Athen setzte seine Kräfte nicht nur zur Verteidigung ein, sondern als erste aggressive Demokratie der Welt auch offensiv, um die Hegemonie in der Ägäis nach den gewonnenen Perserkriegen aufrecht zu halten.] Das Beispiel sollte Schule machen und Rom führte ein ähnliches Modell ein, nach dem die Einteilung in Steuerklassen die Art und Weise des Kriegsdienstes regelte und übernahm auch eine ähnliche Grundhaltung, was die Republik zur Herrin im Mittelmeer machte, natürlich musste man sich immer nur gegen äussere Feinde zur Wehr setzen!?! Das militärische Potential einer Stadt, bzw eines Stadtstaates war damit ursprünglich eng an die Wirtschaftskraft seiner vermögenden Einwohner geknüpft. Das Grundmodell einer sich selbst verwaltenden Stadt wurde nach dem Muster der röm Municipalordnung in das Mittelalter übernommen, Motor dafür war die Stadtentwicklung in Gallien unter den Merowingern genauso wie die fortschrittliche norditalienische Stadtkultur, die sich als Erbe antiker Traditionen verstand, wo um 1100 diverse Stadträte eine Selbstverwaltung praktizierten, keineswegs im Interesse der Landesherren.

Auch im Mittelalter bedurfte der Bürger einer gewissen Wirtschaftskraft, um die eigene Bewaffnung/Ausrüstung zu stellen, wobei im zunehmenden Maß auf Stadtfarben gemäße Details wert gelegt wurde. Eine Entwicklung, die in Italien recht früh zu beobachten ist. Waffenröcke trugen Stadtfarben, Schilde die entsprechenden Wappen. Denn es bestand Wehrpflicht im Dienste der Stadt-, bzw. des Grundherren. Ab einem gewissen Vermögen musste der Bürger, nach Heerschauliste, eine eigene Schutzbewaffnung (Harnisch) stellen und wurde finanziell zu Kriegsleistungen, z.B. für die Pferdehaltung, mglw anteilig, heran gezogen [DBae, S. 14f]. Zünften oblag die Verteidigung bestimmter Mauerabschnitte, Tore und Türme. Die untere Einwohnerschicht wird sich mit „öffentlichem Rüstzeug“ begnügt haben, wenn es galt die verteidigungsfähige männl. Bevölkerung für den Ernstfall zu mobilisieren. Zeughäuser mit staatlich/städtischen Waffen hatte es bereits in der Antike gegeben. Denn die finanzielle Einstiegschwelle zum Dienst an der Waffe musste immer weiter nach unten gesenkt werden, um Massen zu mobilisieren. Bürger in Waffen bedeuteten für die Obrigkeit ein gewisses Risiko, zugleich wurde es für den vermögende Bürger üblich sich vom Kriegsdienst freizukaufen. Deshalb nahm man zunehmend Söldner unter Vertrag, die der Bürger zu bezahlen hatte. Solange jene ihren Sold erhielten waren sie vermutlich loyal, vom Bürger nicht immer zu sagen. Führte die Stadt Krieg im Auftrag des Landesherrn oder aufgrund von Stadtbündnissen wurden nicht selten diese Berufssoldaten engagiert. Söldner der prosperierenden Städte waren gefürchtet, wie aus Flandern und Brabant, vermutlich nicht nur wegen ihres Muts, sondern auch wegen Disziplin, Taktik und überdurchschnittlichen Ausrüstung durch städtische Wirtschaftskraft. Bekannte Stadtbündnisse waren der „Rheinische Bund1254 in den unsicheren Jahrzehnten des Interregnums, in der kein Herrscher für Rechtssicherheit sorgte. Die städtischen Räte versuchten Ordnung zu wahren, auf dem vom Adel regierten Land herrschten anarchische Zustände, was den überregionalen Handel beeinträchtigte. Dem starken Bund gliederten sich bald zahlreiche Fürsten und Herren an. König Albrecht, Sohn Rudolfs von Habsburg, verbot auf dem Landfrieden von 1299 Städtebünde ohne großen Erfolg, wohl um eine starke Zentralmacht aufzubauen. Bereits 1307 schlossen niederschwäbische Städte ein Bündnis, dem die Orte südlich des Bodensees bald folgten. Im XIV. Jh kam es immer wieder zu zeitlichen begrenzten Regional-Bünden dieser Art, bekannt wurde auch die „Dekapolismit zehn Städten in Südwestdeutschland ab 1354. Doch so rechtsbewusst Städte nach aussen hin auftraten, war es innerhalb der Mauern keineswegs immer zum Besten gestellt. Verfassungskämpfe erschütterten im XIV. Jh die Kommunen. Aus diesem Grund war es, bis auf Erfüllungsgehilfen der Machtorgane, untersagt Langwaffen in Friedenszeiten zu tragen. Erhaltene Statuten des SMA`s verboten ausdrücklich das Tragen von „Barten, Langmessern oder Mordwehren“. Durch den Bürgereid als Friedensschwur war man angehalten in Streitfällen Gerichte zu befragen. [Statuta thaberna von 1434 aus Weißensee/Thüringen in: GE König, Anno Domini. Jahrbuch für mittelalterl. Kulturgeschichte u hist. Brauchtum 1999, S. 50, ähnliche Quellen auch für Nürnberg].

Städtische Organisation/Verfassung: Könige, Landesherren oder hohe Geistlichkeit, welche die Stadtentwicklung forcierten und durch Steuern davon profitieren, setzten als Kontrollorgane ministri, höhere Dienstmannen/Amtsleute (Schultheisse) ein. Ihnen war der Sitz im Stadtrat sicher, der lange Zeit nur „edlen oder alten Geschlechternvorbehalten war, in Münster/Westfalen z.B. „Erbmänner“ genannt, alteingessener Stadtadel, ab dem XVI. Jh als „Patrizier“ bezeichnet. Nicht selten standen landesherrliche Amtsleute gegenüber dem Rat derconsules“, in Opposition. Der Geschlechteradel grenzte sich durch einen gehobenen repräsentativen Lebensstil, durch Ehrbegriffe und einen geschlossenen Heiratskreis von den übrigen Bürgern ab und war nicht unbedingt durch ein „von“ gekennzeichnet, wie Konrad Grünemberg (c1442-94), Verfasser des Reiseberichts einer Pilgerfahrt nach Jerusalem von 1486. Er war Baumeister, Ratsmitglied und mehrfach Bürgermeister, entstammte einem angesehenen Geschlecht der Stadt Konstanz. Die hohen Stadtämter wurden ausschließlich durch die angesehenen Familien besetzt. In Mainz besassen jene, als Dienstmannen der erzbischöfl. Ministerialität, besondere Privilegien, wie das „Gaden-, Dienst- und Münzerhausgenossenrecht“. Das beinhaltete u.a. am Domplatz mit Wolltuch Handel zu treiben, mit dem Dienstrecht war es ihnen ermöglicht in erzbischöfl. Dienste zu treten und eines der städt. Ämter zu erhalten, zugleich durfte mit dem Lehnsrecht auch von anderen Herren oder vom König Lehen empfangen werden. Das Münzerhausrecht sicherte ihnen alleinig den Handel mit Gold und Silber sowie den Geldwechsel zu. Ihr Gerichtsstand lag im Münzhaus vor dem Kämmerer oder Münzmeister. Heute sind die Standessymbole der hohen Herren, die Türme der Stadtburgen, zunächst in Holz, später in Stein errichtet, in manchen Städten, wie in Karden/Eifel, in Trier („Frankenturm“ um 1100), in Mainz („Haus zum Stein“ vor 1200) oder mehrfach in Regensburg, noch deutlich sichtbar. Scheinbar konkurrierten die edlen Familien untereinander nach dem Motto „wer hat den höchsten...“. Bevorzugt wurden Standorte an öffentlichen Plätzen, am Dom oder an denen des Marktgeschehens. Die Loslösung vom Stadt- und Territorialherren wurde oft angestrebt und der König vergab (verkaufte) Privilegien, welche diese Tendenzen verstärkten, um Städte auf seine Seite zu ziehen und in die Reichsunmittelbarkeit zu überführen. Das befreite von auswärtigen Gerichten und wurde mit „Freiheitsbrief“ nachgewiesen, deshalb „Freie Stadt“. Gelder aus den Städten führten manche politische Entscheidung im Reich herbei.

Zünfte und Räte: Durch gesteigerte Wirtschaftskraft verlangten im XIV. Jh wohlhabende Kaufleute und Handwerksmeister der Berufsgemeinschaften ein Mitspracherecht an den Entscheidungen des Rates, in Dortmund bereits in den 1250er Jahren! In harten Ständekämpfen erstritten sie die „Ratsfähigkeit“. Nach sozialen Unruhe wurde vielfach der Rat geteilt in ständige Mitglieder der alten Geschlechter und in jährlich gewählte der Kaufleute und Zunftvorstände, wobei nur Wohlhabende der zeitaufwändigen Ratstätigkeit nachgehen konnten, da die Aufgabe ehrenamtlich war. In der durch Waidhandel florierenden Stadt Mülhausen/Thüringen hatte im SMA ausschließlich der Ältestenrat (Bürgermeister und edle Geschlechter) die eigentliche Regierungsgewalt inne. Dieser entzog sich dem jährlichen Ratswechsel und jeglicher demokratischer Kontrolle, indem er in geheimen Sitzungen das Geschick der Stadt bestimmte. Es regierte eine Oligarchie der Reichen in den Städten über alle Einwohner, wobei auch verstreut liegende Dörfer den Städten angeschlossen sein konnten.

Entwicklung der Zünfte im SMA: Der Begriff „Zunft“ von conventus wurde hptsl im südwestdt. Raum geprägt, im hansisch-nordwestdt. Raum nannte man die Vereinigungen „Gilden, der niederrhein. Raum, wie in Köln, sprach von „Gaffelnund der südostdt.-österr. Raum von „Zechen. Auch Gesellen oder die Schützen der Stadt organisierten sich, in sogenannten Bruderschaften. Vielfach herrschte ein allgemeiner Zunftzwang, ohne den politische Einflußnahme unmöglich war. Die acht Handwerkergilden der Stadt Recklinghausen wählten ab 1378 jährlich zum Stefanstag (26. Dezember) ihren Ratsteil und zwei Bürgermeister. Die wichtigste Gilde bildeten die Tuchhändler, gefolgt von den Schmieden, Bauleuten, Schustern, Bäckern, Schneidern und Metzgern, später kam noch die Gilde der Leinenweber hinzu. Metall- und Tuchgewerbe waren häufig Motoren der Wirtschaft. In Köln konnte im XV. Jh nur derjenige in den Rat gewählt werden, wer eine mindestens 10jährige Haushaltsführung in der Stadt nachweisen, das Kölner Bürgerrecht erworben und die daran gebundene Aufnahmegebühr von 12 Gulden bezahlen konnte. Der Rat bestand zu diesem Zeitpunkt aus 49 Mitgliedern, die jeweils für ein Jahr amtierten und nach einer zweijährigen Karenzzeit wiedergewählt werden konnten. So rotierten in diesem Dreijahresrythmus meist die gleichen rd. 150 Männer. Die Wahlorgane waren die 22 „Gaffeln“, die entweder durch Kaufleute oder die Zünfte repräsentiert wurden. Neben die gewählten 36 Ratsherrn zog der Rat selbst nach Gutdünken 13 „freie“ Kandidaten hinzu, das sogenannte „Gebrech, unabhängig von der Gunst der Gaffeln. Die Ratsherren tagten an drei Vormittagen in der Woche und mussten hinzu in Kommissionen und in diversen Ämtern tätig sein, waren also zeitlich nicht gering eingebunden ohne jegliche Vergütung [Stefan Lochner. Meister zu Köln. Herkunft-Werke-Wirkung von 1993, S. 11/12]. In Wesel erhielt der Stadtrat erst im Juni 1493 die herzögliche Erlaubnis einen Raum im neuen Rathaus zu beziehen. Bislang tagte er im Freien, in Bürgerhäuser, auch Tagungen in den Pfarrkirchen, wie in Dortmund, meist mit einem Gottesdienst verbunden, waren möglich.

Dem Rat zur Seite standen in der Kanzlei juristisch geschulte Bedienstete. Wichtige Akten wurden in Truhen bei einem Notar, Ratsmitglied oder im Kloster verwahrt, bei dem ständigen Zuwachs an Schriftstücken erstellte man Archive in den Rathäusern, Stadttürmen oder Kirchen im Zugriff des Stadtkämmerers. Geistliche waren urspl. vom Bürgerrecht ausgeschlossen und genossen diverse Privilegien. Oft gegen ihren Willen wurden sie aus dem Kirchenrecht gelöst und eingebürgert, um sich deren steuerliche Einnahmen zu sichern. Damit unterstanden sie der städtischen Gerichtsbarkeit des Rats. „Pfahlbürgerwohnten außerhalb der Stadt, galten aber rechtlich als Bürger. Auswärtige Adelige konnten innerhalb der Mauern grundsteuerpflichtiges Eigentum haben, genauso war man bei Streubesitz auch anderen Städten gegenüber verpflichtet. Sonderrechte genossen Universitätsangehörige. Sie waren durch die langen Roben kenntlich. Einen Teil ihrer kostbaren Kleidung erhielten sie als „Geschenk“. Neben dem Prüfungsgeld waren nämlich Naturalien von den angehenden Doktoren gegenüber der Prüfungskommission üblich. Es war vorgeschrieben teure Stoffe, wie Mäntel mit Pelzbesatz, Kopfbedeckungen, Handschuhe aus Ziegenleder und sonstige Accessoires zu schenken. Das wirft ein Licht auf die finanziellen Möglichkeiten der Studierenden, wie auf die Professoren [MudK, S. 2]. Juden [abgeleitet vom Stamm Juda] konnten eingeschränktes Bürgerrecht erhalten, das allerdings die Wahl zum Stadtrat verbot. Seit der Spätantike war jenen durch die röm Gesetzgebung Schranken im öffentlichen Raum gesetzt, welche die Franken übernahmen [JLiD, S. 8]. Nach den grossen Progromen Mitte des XIV. Jhs wurde ihnen in manchen Orten nur noch für ein Jahr Bürgerrecht erteilt und musste immer neu beantragt werden. Sie unterlagen zahlreichen Sonderabgaben. Die angeblichen Schutzrechte der Potentaten dienten hauptsächlich dazu über diese Sonder- und Kopfsteuern deren Schatullen zu füllen, wirkliche Sicherheiten brachten sie jüdischen Bürgern kaum. Jene besassen über ihre Glaubensbrüder überregionale Kontakte und waren für weitreichende Handelsbeziehungen prädestiniert. Information ist „a und o“, wissen wir heutzutage. Gemeinsame Sprache und hohe Bildung waren für ein weit gespanntes Kommunikations-Netz hilfreich. Während Christen sich durch Verstädterung und Zunftzwang in ihren Regionen selbstverschuldet „einmauerten“, da sie Schutz als Gewinn erachteten, das vollkommene Gegenteil von „Globalisierung“, profitierten jüdische Kaufleute davon diesen Zwängen nicht zu unterliegen. Sie zahlten geforderte Abgaben, waren ansonsten in ihren Handelsgebaren frei, freier als die christliche Konkurrenz. Tätigkeiten im monetären Umfeld, z.B. als Pfandleiher, welche mglw vom Unglück anderer profitierten, machte sie nicht gerade beliebter. Eine Konfiskationsurkunde aus Bern vom 14. Aug 1294 listet folgende Gegenstände des jüdischen Bürgers Vivilinus auf: 89 aureos denarios (Gulden) hinzu franz Silbermünzen, 18 Fürspane, 74 Ringe, 12 vergoldete Bleche, 8 teilweise vergoldete Gürtel, drei vergoldete Pokale, ein Schlüssel, zwei Krüge, Schüssel und Kelch in Silber, ein beachtliches Vermögen [Bern, S. 157]. Durch Sonderstatus und Anhäufung von Reichtum wurden Juden ihren Mitbürgern suspekt, weshalb Städter Verfolgungen seit dem Mittelalter billigten. In Neid und Mißgunst lag der Keim des Haßes, welcher in die Katastrophe des XX. Jhs mündete, keine automatische Entwicklung, sondern bewusst gesteuert, latente Vorurteile und Vorbehalte einer intoleranten Gesellschaft ausnutzend. Seit dem Mittelalter berichten Quellen von Abneigung und Abgrenzung, Ansätze zur Ursachenforschung [„ein heißes Eisen“, beschäftigt sich die Forschung nicht ausreichend damit öffnet sich der Raum für abstruse Hypothesen, die leicht über heutige Medien Verbreitung finden, deutlich: Hier wird nichts entschuldigt, nichts aufgerechnet, nichts rein gewaschen. Durch unsere „Erbschuld“ scheint die Geschichte der Beziehung zu unseren jüdischen Mitbürgern meist von hinten nach vorne betrachtet zu werden, was Sperrblöcke in die Köpfe setzt und Unsagbares, Verbotenes mit dem Reiz der Grenzüberschreitung ausstattet].

Eine Sonderrolle nahm die sozial hochrangige Personengruppe der spezialisierten Handwerkermeister ein, wie Leiter der Bauhütten, die sich für bestimmte Projekte vertraglich an den zahlenden Herren banden, das konnte Bischof, Fürst oder auch der Rat sein. Arnold von Westfalen leitete als Landeswerkmeister am Wettiner Hof verschiedene Bauprojekte, z.B. den Ausbau der Albrechtsburg in Meißen. Laut Bestallungsurkunde von Juni 1471 „Uffnemung Meister Arnolts Westveling zcu eynem buwemeisterstanden jenem neben Jahressold und Wochenlohnzahlung ein Dienstpferd und jährlich ein Hofgewand durch die kurfürstliche Kammer zu. Bürgerliche Steuern und Dienste musste er nicht leisten [Monumente 11/12-2009, S. 68]. Beschränkte sich diese Gabe auf das reine Kleidungsstück oder zählten Kopfbedeckung, Schuhe, Gürtel, etc. dazu? In der Regel konnte ein Meister des SMAs nur als Zunftangehöriger Berechtigung erlangen eine Werkstatt zu führen und war damit als Bürger an das städtische Umfeld gebunden. Meist stammten die Künstler-Handwerker aus besseren Verhältnissen und sie erhielten ihren Talenten nach die entsprechende Ausbildung und Förderung, wie Hans Multscher (1400c-1467) aus Reichenhofen im Allgäu, geboren bei den „Freien Leuten auf Leutkircher Heide“, die als Nachfahren eines Königshofs besondere Rechte genossen, dem Herrscher direkt unterstellt. Der Vater Martin Schongauers (1445c-1491) war Goldschmied in Augsburg, der Dericks Baegerts erfolgreicher Kaufmann in Wesel und der Tilman Riemenschneiders (1460c-1531) Münzmeister in Osterode am Harz.

Im äusseren Erscheinungbild waren angesehene „Bürger“ auf Tafelbildern und in der Plastik gut zu erkennen. Sie trugen geschlossene knie- oder bodenlange Gewandungen und zeigten im Gegensatz zu Bauern oder Knechten in der Öffentlichkeit und zu offiziellen Anläßen keine Unterwäsche. Denn das wäre äusserst unschicklich gewesen. Zumal die Künstler-Handwerker und Kunstmaler selbst nicht selten angesehene Bürger in den Städten waren, die gewisse Ämter innehaben oder Ratsmitglied sein konnten, wie, bereits erwähnt, Stefan Lochner ab 1447 in Köln oder Tilman Riemenschneider ab 1504 in Würzburg. Sie wahrten in ihren Bildern Konvention und konnten mit „niederen Randfiguren“ über die Strenge schlagen, was der ein oder andere wiederum gerne tat, siehe Werke von Hans Hirtz, führender Straßburger Kunstmalermeister Mitte des XV. Jahrhunderts. Erst in der 2. Hälfte dieses Jhs begannen Bürgerfrauen am tiefen Halsausschnitt und an den Ärmeln ein Stück des Untergewands zu zeigen, so wie es die arbeitende Bevölkerung ungeniert und natürlich aufgrund der schweißtreibenden Tätigkeiten schon lange tat. Der Adel und durch ihn eingekleidete Höflinge nahmen sich die Freiheit heraus provokant Brustlatz oder an den Ärmeln das weisse Hemd aus Seide, zu präsentieren, siehe Bilder von Memling, Frueauf dem Älteren oder das berühmte adelige Liebespaar aus Gotha um 1480/85 mit „offener“ Bekleidung von Wams und Kleid, die Seide an Ärmeln, auf Brust und Brustlatz sehen ließ und mit vergoldetem oder goldenem „Gesperr“ geschlossen wurde (2).






Exkurs 7: Verwendete Ledersorten nach Fundkomplex aus Schleswig XI.-XIV. Jh

In den 1970er Jahren wurde im mittelalterlichen Stadtzentrum von Schleswig an der Schlei auf einem Areal von ca. 20 x 30 m die Werkstätten von Lederhandwerkern ergraben. Die fast 5 m tiefe Schicht barg Funde vom XI. bis zur Mitte des XIV. Jhs. Über 90% der Funde waren Schuhe, der Rest Lederscheiden für Messer und Schwerter, Gurte, Riemen und Gürtel, Beutel, Taschen und undefinierbare Fragmente. Die Handwerker hatten die Stücke entsorgt, umgearbeitet oder zur weiteren Verwendung gesammelt. Die für unsere Betrachtung in Frage kommenden Gurt- und Riemenstücke (sortiert in 5 Formen-Kategorien) fanden sich ungefähr im Zentrum der Grabungsfläche, zur Peripherie hin zahlenmässig ausdünnend. Von den rd 200 Fragmenten konnte nur ein geringer Teil eindeutig Gürteln zugerechnet werden. Es gibt Überschneidungen mit aufgeklappten Schwertscheidenstücken, die ihre urspl Form verloren hatten. Stabile und breite Gurte stammen hptsl aus dem Bereich des Reitzubehörs, schmale Riemen konnten ebenso für Zaumzeug und Sporen, Knieriemen, aber auch für Schuhe, Taschen und diverse Ausrüstungsteile genutzt werden. Nur vier von diesen Riemen wiesen kleine Schnallen auf und 10 % der Fragmente zeigen deutliche Schnittkanten, so daß Metalle mglw vor der Entsorgung entfernt wurden. Einige Formen (Kategorie Nr. 4) waren aus zwei Lagen zusammengefügt und an der Kanten vernäht mit Breiten zwischen 1,2 bis 8 cm! Die hohe Anzahl dieser Funde erklärt sich dadurch, daß jede einzelne Lage getrennt gezählt worden ist (127 Stücke), die normalerweise zusammen hätten erfasst werden müssen. Breite Formen mit bis zu 5 cm sind wohl dem Reitzubehör zuzurechnen aus doppelt vernähtem Rindsleder. Archäologisch sind breite Eisen- und Rollschnallen meist dem Pferdegeschirr zuzuordnen. Die Eisenschnallen von den Isenburgen in Hattingen und Essen im XIII. Jh weisen im Schnitt Durchlaßbreiten zwischen 4 und etwas über 5 cm auf, was einigen Lederbreiten in Schleswig entspricht.

Die Anzahl der einlagigen Streifen der Kategorie Nr. 1 lag bei 39 Stücken, plus sieben schmalen nietbesetzten einlagigen Streifen der Formenkategorie Nr. 3. Auch dünne Lederriemen wurden in Lagen vernäht, teilweise gefaltet, siehe 12 Stücke der Kategorie Nr. 2, wobei zwischen die Faltung gestückelte Lederstücke zur Stabilisierung eingenäht werden konnten, vor allem bei der Verwendung von Schaf- oder Ziegenleder. Auch diese Riemenformen müssen nicht unbedingt auf Gürtel verweisen, denn es gibt Überschneidungen mit Messer- und Schwertscheiden, wenn ein Hinweis auf Dornlöcher, -schlitze oder Nietpunkte für das Schnallenblech fehlen. Hinzu rechnet man allgemein für Gürtel eher mit Kalbs- und Rindsleder, es sei denn textilen Gurtformen wurden zur Stabilisierung durch dünneres Leder ge- oder unterfüttert, so daß sich Stiche an die Seitenkanten abzeichneten. Fingerlin kam 1971 zu dem Schluß, daß bei ihren untersuchten Grabfunden selten gedoppelte Riemen auftauchten, sondern eher einlagige Formen. Auch seien gestückelte Riemen den Zunftordnungen nach als Gürtel nicht üblich und erlaubt gewesen. 1998 besprach sie den Fund eines Bundschuhs aus Rindsleder vom Dominikanerkloster in Rottweil und spekulierte über die Verschlussmöglichkeit einer kleinen Metallschnalle [so, so...].

Punzierung und Stempeldekor findet sich auf Messerscheiden und ist bei Gürtelfragmenten kaum nachweisbar. Die Stempel wurden erhitzt in angefeuchtetes Leder gepresst. Das Anfeuchten war für das enge Anpassen an die Messerklinge, bzw an den Holzkorpus der Schwertscheide notwendig, aber nicht zur Fertigung eines Gürtels. Als Gürtelzieren sind ornamentaler Lederschnitt und Steppereien mit Ziermotiv oder schlichte Längsritzungen mit Relieflinien und eingeschlitzte Bereiche, durch die lederne oder textile Flechtbänder geführt wurden, mglw farblich kontrastierend zum Lederuntergrund wahrscheinlicher. Beim Steppen des Leders konnten die Ziernähte kunstvoll ausgeführt sein, siehe die Objekte im Fundkomplex Schleswig mit floralen Ornamenten und überkreuzenden Wellenbändern. Bei dieser aufwändigen Zier scheint die Nutzung als qualitätvolle Leibgurte gegeben, denn auch goldene Farbreste wurden bei einem Exemplar fest gestellt. Als reine Flechtriemen aus stabilem Rindsleder für hohe Beanspruchungen tauchten in Schleswig vier Stücke mit 2,5 bis 4 cm Breite, kategorisiert mit der Form Nr. 5 auf. Abbildungen gemäß sind sie der Reitausrüstung zuzuordnen (z.B. in Gaston Phoebus Jagdbuch Anf des XV. Jhs) und werden auch in Zunftordnungen erwähnt. Die wenigen mit Beschlägen versehene Riemen (7 Stücke der Kategorie Nr. 3) sind in Schleswig mit 1 bis 1,8 cm recht schmal und werden auf Zaumzeug oder eher auf Sporenriemen verweisen, wie die Masse der schmalen Riemchen mit Beschlägen aus London. Damit stammt ein Gutteil der dort aufgeführten mounts – Beschläge leider nicht aus dem Kleidungsbereich, sondern vom Reitzubehör!

Die Funde Schleswigs, welche Rückschlüße auf Taschen und Beutel erlauben waren überwiegend aus Ziegen- und Schafleder und zu einem geringen Teil aus Rindsleder gefertigt. Messerscheiden sind dort zu gleichen Anteilen aus Rind/Kalb und Schaf/Ziege gefertigt worden, wobei die älteren Formen des XI. Jhs aus Ziege bestanden. Nach einer Zunftordnung aus London war im XIII./XIV. Jh dafür Kalbsleder vorgeschrieben. Punzierungen, bzw Stempelverzierungen sind, wie bereits erwähnt, bei Messer- und Schwertscheiden wahrzunehmen. Im FMA und HMA konnten die Scheiden mit Steppereien, Ausstanzungen oder Relief- und Ritzverzierungen versehen sein, seit ca 1200 wurden die Messerscheidenkanten in Schleswig gefranst oder zipfelig gestaltet, bis zum XI. Jh zuweilen mit Metallbeschlägen meist aus Eisen versehen und vernietet (im slaw Kulturraum auch Funde aus Bronze, was durchaus Rückschlüsse auf das Reichsgebiet erlaubt), Lederschnitt und Punzierungen waren im HMA möglich. Der Lederschnitt ist dann vermehrt im SMA nachzuweisen [Schnack, C.: Mittelalterliche Lederfunde aus Schleswig - Futterale, Riemen, Taschen und andere Objekte, Neumünster 1998, S. 44-58].






Exkurs 10: Heer- und Handelswege im Mittelalter

...unde des koninges straten in watere unde in velde, de scolen stede vrede hebben...Des koninges strate scal sin also breit, dat en wagen deme anderen rumen moge...Swelk wagen erst op de brugge kumt, de scal erst over gan, he si idel oder geladen...Papen unde riddere unde er gesinde scolen wesen toln vri...swar he scepes oder bruggen nicht ne bedarf...[...und den Königs Straßen zu Wasser und zu Felde, diese sollen beständig Frieden haben...Des Königs Straßen sollen so breit sein, daß ein Wagen dem anderen auszuweichen vermag...Der Wagen als erstes auf eine Brücke kommt, soll sie auch als erstes überqueren, ungeachtet seines Ladezustands ...Pfaffen und Ritter samt ihrem Gefolge sollen zollfrei bleiben...wenn man Schiffe oder Brücken nicht nutzt...Sachsenspiegel Landrecht 1220n] (3)

Überlegungen zu den Verkehrsverbindungen ergänzen die Exkurse 6a/b über die Verarbeitung der Buntmetalle. Die Erlangung von Rohstoffen oder der Transport von Halbzeugen und Fertigprodukten zum Abnehmer konnte nur über diese Wege erfolgen. Auch für Nachrichten und Kommunikation gab es kaum andere Möglichkeiten. Der Handel beschränkte sich keineswegs auf die Sachkultur, sondern war immer zugleich Träger wichtiger Impulse und Ideen. Fernhändler übernahmen ganz praktisch den Brief- und Dokumententransport, waren Leiter von Gesandtschaften. Läßt man die Namen der unten aufgeführten Orte Revue passieren ist klar, worin ihr Aufstieg im Mittelalter begründet war. Flüße spielten für den Transport von Schwerlasten eine nicht unerhebliche Rolle, genauso Umladestationen und Flußübergänge (Brücken, Furten, Fähren), verengende Paßsituationen und versumpfte Niederauen, dem gegenüber galten gewässerarme Höhenrücken als hindernisfreie Wege (Hohe Straßen), dieser Begriff galt auch für ehem röm. Strecken, da sie auf erhöhten Dämmen liefen. Die berühmten „Rennsteige“, abgeleitet von rain, markierten als schmale Gebirgshöhenpfade Grenzwege, für Fuhrwerke nicht geeignet. Wege konnten, wie Flüße, grundsätzlich als Grenzen angesehen werden. Zu den Furten sei kurz angemerkt, daß sie in der Regel durch Sediment- und Gerölleinspülungen von zutragenden Fluß- und Bachläufen quer zum Hauptstrom entstehen. Das heißt man folgte nach Überschreitung der Furt meist diesen kleineren Gewässern talaufwärts. Ein Fluß konnte allerdings nicht nur durch Furten und Brücken überwunden werden. Sehr viele Flußorte tragen ein „ver-“ im Namen, der Hinweis auf die Fähre, die recht flexibel agierte. Ein Hauptaugenmerk richtet sich auf Wallanlagen und Festungen, eng mit dem Wegesystem verknüpft, denn keineswegs waren sie ausschließlich entlegene Rückzugsorte bei Gefahr. Sie erfüllten mit Sperrung, Kontrolle und Überwachung von Straßen, als sichere Rast sowie als Wirtschafts- und Verwaltungsmittelpunkte oder bei Kulthandlungen wichtige Funktionen. Kleinere Anlagen konnten immerhin der Fernsicht dienen, auch die Signalgebung war ein wichtiger Punkt. Sperrfunktionen werden deutlich bei den Landwehren des SMAs. Sie hatten kaum fortifikatorischen Wert, da sie oft breite Lücken ließen, wie in unzugänglichen Waldgebieten, die für Fuhrwerke aber unpassierbar waren, so daß sich der Warenverkehr auf bestimmte Zugänge konzentrierte. Mit der Ausbildung der Landesherrschaften hatten jene für Sicherheit und Unterhaltung der Strassen zu sorgen mit Einforderung entsprechender Gebühren von den Nutzern. Jegliches „Räubergesindel“ fern zu halten war gar nicht unbedingt im Interesse der Obrigkeit, denn sichere Wege bedeuteten keine Einkünfte durch Schutzgelder. Bei Festungen konnte eine allzu exponierte Lage die Entwicklung zur größeren Ortschaft verhindern. Für das FMA verweisen sie im Kontext mit „reichen Bestattungen“ auf die Sozialstrukturen. Viele Wallanlagen hatten ihre Ursprünge in der Urnenfelderzeit [UFZ=jüngere Bz-Zeit gegen Ende des 2. JtsdvC], sowohl die Brandbestattungen, als auch das erkennbare Sicherheitsbedürfnis mag auf unruhige Zeiten hinweisen oder hierarchische Machtstrukturen. Auch Hallstatt- und Latenezeit [1. JtsdvC] weisen ein charakteristisches Befestigungswesen auf, was spätestens mit der röm Invasion ein Ende fand. Solche Orte mussten erreicht und versorgt werden, erhielten Umbauten und Neubestimmungen. Es ist denkbar, daß auch ein röm. Marschlager die Keimzelle bilden konnte, andere erhielten erst im Zuge des fränkisch-ottonischen Landesausbaus oder in der kritischen Phase der Ungarneinfälle des X. Jhs ihre Form, später als Motte, Burgstätte oder Schanze der Neuzeit. Die Anzahl solcher Erdwerke ist in Dltd nahezu unüberschaubar. Wie sehr Festungswesen und Straßensystem miteinander verknüpft sind, wird im folgenden ausführlich am Raum Weser-Leine-Harz verdeutlicht. Zahlreiche Wallanlagen zeugen davon, daß das heute friedliche Leinetal strategische Bedeutung besaß und seit dem X. Jh zur Machtbasis der Könige aus sächs. Haus seit Heinrich I. zählte.

Eine besondere Form im Festungswesen waren Wehrkirchen. Dörfer und Kirchen benötigten Umwehrungen, wenn sie aufgrund ihrer verkehrsgünstigen Lage Angriffen ausgesetzt waren. Diese Art der Umfriedung stellte einen besonderen Rechtsraum dar, im Fall der Kirchengebäude eine Erweiterung der Unantastbarkeit. Auf die Zeitgenossen sollte die Nichtbeachtung als Sakrileg abschreckende Wirkung haben. Aus dem Bereich von Recht und Glauben, im MA eng verknüpft, stammen weitere Hinweise zur Streckenführung, falls in situ, nämlich Stein- und Wegekreuze sowie Gedenksteine des SMAs, die nicht selten auf Unglücksstellen verwiesen, oft im Zusammenhang mit Tötung, Überfall von Reisenden und der Rechtssühne an den Opfern verbunden [FarD28, S. 204f]. Pilger- und Bildstöcke („Docken“) weisen Trassen als Pilger-Fernwege aus. Das Klosterwesen und die Anlage von Ordenskommenden waren eng damit geknüpft. Gewährten diese Einrichtungen allen Reisenden, nicht nur Ordensbrüdern, Schutz und Unterkunft. Das Nachrichtenwesen der Orden galt als vorzüglich, was nicht selten auf die verkehrstechnisch günstige Lage zurückzuführen war, indem man Briefe Fernreisenden und Händlern mitgab. Viele Wegzeugen haben tiefreichende Wurzeln in der Vergangenheit, man denke nur an die Bohlenwege Norddtlds, Hohlwege als Spuren häufig genutzter Streckenabschnitte, tief eingespurte Geleisepässe oder gar an „Ötzi“ als Alpenquerer. Intensive Forschung der letzten Jahre hat deutlich gezeigt, daß nicht von einzelnen Wegen auf Strecke Punkt A nach B, sondern von einem Streckennetz, ganzen „Trassenbündeln“ gesprochen werden muß. Diese Wege wurden nicht alle zu gleichen Zeiten genutzt, aber die Festlegung auf immer die gleichen Routen scheint obsolet. Von daher beziehen sich die nachfolgenden Angaben auf „Schlüssel- oder Zwangspunkte“, die man unterschiedlich erreichen, aber kaum umgehen konnte. Routenänderungen sind auf natürliche Begebenheiten zurückzuführen, wenn die unregulierten Flüße ihren Lauf änderten und über die Ufer traten, was von Bootsführern besondere Aufmerksamkeit erforderte, Auen wurden mit einmal Hindernisse und für Gespanne unpassierbar. Eine Routenverlegung mag auch durch politische Situationen, Zollerhebung und -umgehung oder mögliche Konkurrenz-Ausschaltungen verursacht worden sein. Denn auf der Wegstrecke liegende Orte profitierten unweigerlich von der jeweilig transportierten Warengattung.

Die Aussagen zur Streckenführung in den linksrheinischen Gebieten, im Donauraum, bzw südlich des Stroms basieren hptsl. auf ehemaligen Römerstraßen, denen man über lange Zeit zu folgen vermochte, wie dies im HMA Kreuzzugsberichte wiedergeben. Archäologisch nachweisbar finden sich reich ausgestattete „Herren-Gräber“ des FMAs an ehem. röm Strassenstationen und Befestigungen mit Flußübergängen zur Sicherung strategisch bedeutsamer Punkte durch jene hohen Dienstmannen [AlaSND, S. 52]. Nicht selten liegen hier die Keimzellen heutiger Ortschaften, wie auf der Perlenkette gereiht. Egal ob man von Köln in westliche Richtung an den Ärmelkanal gelangen wollte oder von Augsburg über die Alpen nach Venedig, man nutzte vornehmlich die Reste römischer Infrastruktur, trotz aller Zerfallserscheinungen. Röm Quellen berichten von enormen Kosten des Straßen-Unterhalts, zu dem Anlieger mit herangezogen wurden. All das war nach der german. Eroberung zunächst weggefallen, auf der anderen Seite forcierten mittelalterliche Städte z.B. den Brückenbau, da sich mit dem Transit gutes Geld verdienen ließ. 1316 verständigte sich die Stadt Rottweil mit der Abtei Rottenmünster über Bau und Unterhalt der Straße im Prim-Tal [Rottw, S. 110]. Die ständige Nutzung röm. Strecken ohne Reparaturen wird von der einst guten baulichen Struktur wenig übrig gelassen haben, aber könnte noch erkenn- bzw gangbar gewesen sein. Es ist nicht ausgeschlossen, daß man sich neben der ehemaligen Trasse bewegte, sofern keine bestellten Felder in Mitleidenschaft gezogen wurden, um der groben Richtung zu folgen sowie Wechselstationen und Herbergen zu nutzen, das könnte den Quellen nach immer noch lauten „auf der via Egnatia“. Entweder handhabten das bereits die Römer so oder es ist der Nachweis für Verkehr späterer Zeiten, denn südlich von Mainz wurde bei Weisenau die gesteinte Fernstraße nach Worms-Speyer ergraben, daneben lag angeblich eine „Sommerfahrbahn“. Beschädigte Römerstraße könnten nach Regenfällen besser nutzbar gewesen sein als grundlose morastige Sandwege rechts des Rheins, vielleicht waren steinige und harte Streckenabschnitte ungünstig, da Räder nicht automatisch mit eisernen Radreifen beschlagen waren. An den Pässen könnten unterschiedliche Spurbreiten Probleme bereitet haben (4). Paßsituationen waren nicht selten verantworlich für die Belebung des Transportgewerbes durch Spanndienste aller Art in den Fuhrmannsdörfern. Die nachfolgenden Betrachtungen richten sich zunächst auf bekannte Heerwege in den unendlichen Wäldern rechts des Rheins mit befestigten Orten und Sperreinrichtungen zu fränkischer und ottonischer Zeit, wobei zur Versorgung der Truppe und Errichtung von Infrastrukturen, wie bereits erwähnt, Flüße von enormer Bedeutung waren. Beides ist wohl als kongruent mit Handelsrouten anzusehen, wenn es galt schwere Lasten zu befördern. Daneben gab es natürlich zahlreiche kleine Regionalstrecken, Fuß- und Saumtierpfade. Nach dem Sachsenspiegel 1220-35 sorgte ein Straßenzwang dafür, dass man sich für den Fernverkehr an den Hauptstreckenverlauf hielt und keinen Flurschaden anrichtete, was grossen Ärger einbringen konnte (siehe dazu „Ruodlieb“ Ende XI. Jh), auch wie man sich grundsätzlich auf Wegen zu verhalten hatte als eine Form der frühen Straßenverkehrsordnung! Eine Transport-Versicherung gab es mit dem vermutlich nicht ganz günstigen Geleitbrief, in welchem sich der Aussteller dem Nehmer gegenüber verpflichtete bei Mißlingen der Schutzesaufsicht Ersatz für die verlorene Ladung zu stellen! Die Straßen waren unsicher, so reiste man gemeinsam und schloß sich, wenn möglich zu Geleitzügen zusammen, suchte Deckung durch Bewaffnete, übernachtete möglichst nicht auf freier Strecke, sondern in oder in unmittelbarer Nähe zu befestigten Höfen, Pfalzen, grösseren Wallanlagen, Klöstern, Kommenden, Ortschaften und im zunehmenden Maß in Herbergen. [Für die folgenden Ausführungen nehme man vielleicht eine Karte zur Hand, sonst mag es ein wenig schwierig werden...]

Hessen/Frankenland/Thüringen: Auf der Seite „V-VIII 400-800“ wurden bereits Heerstraßen der fränk. Expansion skizziert. Dabei spielte der Raum von Ingelheim (Pfalzort), Mainz und Frankfurt (Pfalzort) sowie die Wetterau eine nicht unerhebliche Rolle (beim Übersetzen mit Fähren von Mainz nach Mainz-Kastel befand man sich bereits nördlich des Main, ein karoling. Brückenbau mißlang). Ähnlich wie zu röm Zeiten wurde die Ebene zwischen dem Taunus im Westen und dem Mittelgebirgsring von Vogelsberg, Spessart, Odenwald für Vorstöße nach Norden und Osten genutzt. Dazu bewegte man sich über Hanau und das Kinzigtal auf Fulda zu oder über die „Langen Hessen“ auf Amöneburg und an Marburg vorbei, nördlich um den Vogelsberg herum, in die Fuldaauen bei Hersfeld. Südlich der Fernstraße, die hier „Kurze Hessen“ genannt wurde, kam es 1071 zur Zeit Heinrichs IV. in Udenhausen hinter Alsfeld zu einem tödlichen Reitunfall als Graf Luitpold von Meersburg nach der Rast vom Pferd stürzte, wie Lambert von Hersfeld berichtet. Fulda besass seit dem IX. Jh eine Holzbrücke über den gleichnamigen Fluß, Hersfeld hat angeblich keine militärischen Bezüge im Namen, wie urspl. angenommen, sondern wurde 769 als Kloster in der Einöde auf dem Haerulfisfeld gegründet. Wobei aber Hersfeld vermutlich wichtiger Fuldaübergang war, um an die Werra zu kommen, dort gibt es ein Heringen [Gregor von Tours nennt einen Sammelpunkt der Streitkräfte nördlich der Buchonia (Rhön), damit könnte auch Vacha gemeint sein]. Das enge Werratal bildete nämlich ein Nadelöhr in Richtung auf Eisenach-Gotha-Erfurt, das von den Werra-Orten Vacha (Furt) und Salzungen weiter flußaufwärts umgangen werden konnte. Die Werrafurt, gesichert durch die Wallanlage auf dem Öchsen (786 als Uhsineberg erwähnt), war Teil eines Fernweges aus dem Rhein-Main-Raum, in den Quellen als Antsan-Via bezeichnet, mglw eine Verlängerung des Kinzigtal-Weges. Die Wegführung ist alt und hat wahrscheinlich latenezeitliche Ursprünge [FarD28, S. 159]. Karl Martell ließ an den Heerstraßen von Mainz und Frankfurt zu den Grenzen befestigte Königshöfe anlegen. Sie waren wirtschaftlicher Rückhalt des Königtums und dienten an strategischen Punkten als Residenzen und Etappenstationen auf Reisen des Hofes. Die Missionszüge, die teilweise dem „Weg des Schwertes“ folgten, weisen den Weg anhand von Kirchen- oder Klostergründungen, siehe bereits erwähntes Amanaburch/Amöneburg 721/22 durch den Angelsachsen Bonifatius. Mit seiner Ernennung zum Bischof 746/47 gewann das Bistum Mainz grössere Bedeutung. Megenze/Mainz galt als Bollwerk der fränk. Staatskirche am Rhein und Patron des Bistums war der Hl. Martin von Tours, der oberste fränk. Militärheilige. Mit dem Vordringen des fränk. Heeres ist eine Ausdehnung der Diözese bis an die thüringische Saale zu beobachten. Nach der Ernennung zum Erzbistum und Unterstellung von Suffraganbistümern reichte der Mainzer Einfluß im HMA von Verden a d Aller im Norden, östlich bis zur Elbe und Moldau und im Süden bis in den Donauraum, ein gigantischer Zuständigkeitsbereich für die größte Kirchenprovinz der Christenheit, kirchlich, wie politisch, denn der Erzbischof war zugleich Erzkanzler des Reiches! Eine wichtige Route der fränkischen Expansion mit Anlage von Missionszentren verlief mainaufwärts, per Schiff oder bis Miltenberg parallel auf der röm Süduferstraße auf Würzburg (castellum virteburch, frühes iro-schott. Missionskloster, durch Bonifatius ab 742c Bistum, Mainfurt und -fähre, steinerne Mainbrücke seit 1130c). Vorher zweigte eine Möglichkeit bei Gemünden ab, entlang der fränk. Saale, um sich hinter der Saalefurt in Hammelburg (hamulo castellum) nach Norden und bei Brückenau über die Sinn auf Fulda (angelsächs. Klostergründung 744) zu wenden. Ostwärts besagter Furt ging es über Kissingen zum Königshof, bzw Pfalz Salz in Neustadt a d Saale ins Grabfeld (später Grafschaft Henneberg). Wallanlagen im südl. Vorland des Thüringer Waldes, wie bei Wechterswinkel südl. Mellrichstadt, der „Gangolfsberg“ bei Oberelsbach oder „Judenhügel“ bei Kleinbardorf sowie die „Steinsburg“ bei Römhild und diverse Königshöfe (dort heute noch ein Ort mit eben demselben Namen) oder der Hof in Rohr ab 975 nordöstl der Werra schützten Fernverbindungen, wie die „Weinstraße“ und die Werraübergänge im Raum Meinigen-Henfstädt (Furt) und Kloster Veßra [weitere Furten siehe FarD28, S. 244]. Bei Henfstädt schützte die Osterburg auf dem Hainberg, heute eine Ruine des SMAs, urspl. im henneberg. Besitz. Dieser Abschnitt des Werralaufs ist auch durch eine hohe Zahl Wehrkirchen gekennzeichnet, was die strategische Lage noch einmal verdeutlicht. Die Gleichberge mit der Steinsburg waren seit der UFZ befestigt, für das FMA fehlen die Nachweise, da bisher keine Grabungen stattfanden. Doch bieten die beiden Kegelberge in ihrer exponierten Lage unmittelbar an der „Weinstraße“ hervorragende Fernsicht, so daß eine milit. Sicherung wahrscheinlich [siehe auch unten Fußnote „Spurbreiten“]. Die unterschiedlichen Befestigungen und das Wegesystem zeigen, daß der Thüringer Wald keine Sperre, sondern auf mehreren Päßen zu überwinden war. Bereits zur Hallstatt-Zeit, siehe Funde von der „Steinsburg“ oder den Eisenbarren vom Paß Oberhof VI./V. JhvC und zur Latene-Zeit mit auffälligen Ähnlichkeiten von Graphitkeramik, Münzen und Glasarmreifen nördlich und südlich des Thüringer Waldes ist der Raum mit seinen bewaldeten Höhenzügen zwischen Werraoberlauf und thüring. Saale/Orla als breite Kontaktzone zu bezeichnen. In der röm. Kaiserzeit verdeutlichen germanische Fundplätze ebenfalls enge Beziehungen zwischen dem Thüringer Becken und dem Gebiet von der Fränk. Saale und Main- bis ins Taubertal, man vermutet dahinter Objekte der historisch belegten Hermunduren (Großromstedter Kultur) zu sehen, wie die markante trichterförmige Situlenkeramik [Franken Bd. I, S. 284 u 295, FrBa, S. 15f, UFTh, S. 115 u Funde im MFMus. Würzburg]. Der Thüringer Wald war wichtige Rohstoffquelle für Eisen und Kupfer, selbst Gold sollte im SMA gewonnen werden. Vorrangig ermöglichte die Holzressource, teilweise verbunden mit seltenen Erden, die Ansiedlung spezieller Gewerbe, wie die Produktion von Keramik, Glas, Essig oder Teer. Die fränkische Expansion ab dem VI. Jh ging den Main aufwärts über Schweinfurt bis nach Hallstadt (Bamberger Raum), mit seinen später erschlossenen Salzvorkommen und gaben dem Raum den heutigen Namen. Militärisch zielten diese Vormarschwege „als südliche Zange“ in das Thüringerreich, aber auch bald schon gegen neue mögliche Bedrohungen. Zu Zeiten Karls d Großen waren Hallstadt und Forchheim nämlich Grenzorte zu den wendischen Slawen, die sich im Vorfeld niedergelassen hatten. Es gab aber wohl ein recht einträgliches Miteinander, so daß im Laufe der nächsten Jahrhunderte Slawen gezielt auch im fränk-thüringischen Raum angesiedelt wurden und maßgeblich am Landesausbau beteiligt waren, nach Urkunden aus Fulda/Hersfeld bis in die Rhön. Ihre Siedlungen sollen an den „-winden“ Ortsnamen erkennbar sein.

Hessen/Westfalen: In den Auseinandersetzungen mit den Sachsen wurden vornehmlich zwei Wege erwähnt, neben dem altbekannten westfälischen „Hellweg“, dessen Bedeutung zu karolingischen Zeiten zunahm, eine Route aus der Wetterau und die Lahn hinauf nach Norden. Die Lahn nutzten bereits röm Flachbodenschiffe von Koblenz am Rhein bis in den Wetzlarer Raum (Waldgirmes), auch im Mittelalter eine sichere Verbindung der Orte Nassau, Limburg, Weilburg, Kloster Altenberg und Wetzlar. Eine Eisenerzgrube wurde hier im Lorscher Codex von 780 vermerkt und der gesamte Raum von Lahn/Dill bis zum Vogelsberg war seit keltischen Zeiten bis ins XX. Jh wichtiges Eisenerzabbaugebiet. Der Weg nordwärts über Gießen und Marburg, nach Überschreiten der Lahnfurt am Weißen Stein bei Cölbe war durch Wallanlagen gedeckt, wie der Christenberg bei Münchhauen, Frankenberg am Ederübergang, in das rohstoffreiche Umland mit dem Knotenpunkt Korbach. Es bot sich an der Eder ein Abzweig nach Osten auf Fritzlar (Festung Büraburg), der Fulda folgend in den Kasseler Raum und weiter zur Weser oder ostwärts auf Eschwege an der Werra. Von Korbach nach Nordosten ging es über Arolsen und Warburg, mit dem „Gaulskopf“ strategisch gesichert, an der unteren Diemel abwärts, am Kloster Helmarshausen (Wirkstätte des Theophilus Presbyter) vorbei nach Karlshafen und Herstelle an der Weser, wo sich 797 Karls Winterlager befand. Von Korbach nach Norden galt es das obere Diemeltal und die Höhen durch das Nadelöhr Marsberg (Eresburg) oder Brilon zu überwinden, um in die Börde auf Soest und Paderborn vorzustossen. Aus dem Raum Siegen führte parallel der vielsagende „Kriegerweg“ über die Lenne in die gleiche Richtung. In der Soester Börde, dessen Salzvorkommen (Hall) dem „Hellweg“ den Namen gegeben haben könnten (oder von Helle=Erhebung), stieß man auf diesen, wohl stetig ansteigenden aber leicht gangbaren und hochwasserfreien von Duisburg kommenden Weg nördlich der Ruhr entlang mit zahlreichen Königshöfen. Er führte zu den Pässen des Teutoburger Waldes und den Weserübergängen. Dazu nutzte man den Paß bei Driburg (Iburg) zur Brunsburg auf Höxter (in der Nähe Kloster Corvey, seit 822), bei Horn (unweit Externsteine) über die Skidroburg auf Hameln oder über Bielefeld, die Werre bei Herford (Name eindeutig) überschreitend, auf Minden zu.

Südliches Westfalen: Der „Hellweg“ war hier nicht die einzige große rechtsrheinische Route, denn ab Köln führten viele Wege durch die Mittelgebirgszone, was die überregionale Stellung der Stadt mit den berühmten Handelsmessen deutlich macht. Bereits vor langer Zeit hatten Kelten diverse Strecken aus dem erzreichen Siegerland in den Kölner, Neuwieder und Mainzer Raum für ihre Eisentransporte genutzt. Nach dem Vordringen der Germanen und in den kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Römern wurde das Sozialgefüge in unmittelbar rechtsrheinischen Mittelgebirge durch Deportierungen gründlich gestört, so daß die Besiedlung über Jahrhunderte recht dünn war. Erst im FMA nahm sie durch das Bestreben der Kölner Erzbischöfe wieder zu. Man nutzte den Höhenweg [heute B51] von Deutz an der Alteburg (Altenberg) vorbei über Lennep, zur Wupperfurt in Beyenburg, lange Zeit der Grenzraum fränk. und sächs. Interessensphäre, über Gevelsberg, wo 1225 Engelbert II. ermordet wurde, nach Hagen zum Ruhrübergang (Sigiburg/Syburg) und Hamm. Eine Parallelroute zum Hellweg war der „Haarweg“ (verwandt mit „Hardt“ meint „Haar“ = bewaldete Höhe) weiter südlich, sein Zubringer mit unbekannten Namen kam aus der Rheinebene Raum Düsseldorf [heute B7], lief parallel zur Wupper (hier gab es bei Barmen ein „Haarhausen“) auf den Kölner Höhenweg bei Gevelsberg/Schwelm zur Hohen Syburg, blieb parallel zur Ruhr auf dem „Haarstrang“-Höhenzug am Rande der Westfälischen Bucht, die versumpfte Möhne meidend. Und schließlich gab es eine dritte große Ost-West Verbindung, die „Heidenstraße“, welche sich von Köln durch das Bergische Land über Wipperfürth nach Meinerzhagen und Attendorn zog, nördlich der Lenne und des Rothaargebirges verlaufend, angeblich über das hoch gelegene Winterberg (vielleicht ist Meschede/Brilon wahrscheinlicher?) nach Korbach, um als Fernverbindung weiter über Kassel und nach Osten zu führen, von Köln nach Leipzig auf ziemlich direkter Linie über rd 500 km. Sicher war diese Route sehr beschwerlich, aber frei von mißliebiger Konkurrenz auf dem Hellweg, welche dann die Waren nicht zu Gesicht bekam.

Niedersachsen/Sachsen-Anhalt/Friesland/Schleswig/Ostseeraum: Setzen wir mit dem Weserübergang den Weg nach Osten fort. Die Franken nutzten 782 wohl Hameln. Linker Hand lag der Süntel Bergkamm, in dessen Nähe sie gegen die Sachsen eine Niederlage erlitten oder sie kamen taktisch ungeschickt durch die „Deister Pforte“ zwischen Süntel und Deister, vielleicht wollten sie eine „Sachsensperre“ an der Weser umgehen? Weiter führte der Weg an der Kukesburg bei Altenhagen vorbei in den Raum Elze, Nordstemmen mit der hoch aufragenden Bergkuppe und Wallanlage „Marienberg“ über die Leine auf Hildesheim und Braunschweig. Weiter südlich schritt man von Höxter (Weserbrücke 1115 erstmalig erwähnt) über Einbeck zur Leinefurt bei Freden auf dem „Königswegan der Hohen Schanze (Winzenburg mit Missionskeimzelle) vorbei auf Goslar (Pfalzort), rechter Hand Gandersheim und Seesen. Ähnlich wie in Hessen waren auch im verkehrsgünstigen und breiten Leinetal, das ganz andere Möglichkeiten der Aufsiedlung bot, als die engen Weserufer, nach der fränk. Eroberung Königshöfe errichtet worden, wie in Brüggen oder Göttingen. Dieser südwärts gestreckte Siedlungsraum zwischen Solling und Harz hatte stategische Bedeutung, nur ein Teil der Festungen im Raum kann hier erwähnt werden. Ihn nach Ost durchquerend gab es auf der „Goslarer Nordroute“ um den Harz einen Abzweig auf Braunschweig mit der recht bedeutenden ottonischen Pfalz Werla am Okerufer, zu Lande weiter nach Lüneburg oder nach Bremen, per Schiff über Oker und Aller. Die Hauptroute lief weiter entlang an den Harzhängen nach Osten über Halberstadt und Quedlinburg (Pfalzort), von dort ging es mit Bodeübergang in Stassfurt auf Magdeburg. Im HMA gelangte man über die kupferreiche Mansfelder Mulde im Ostharz nach Halle-Merseburg-Leipzig, im FMA noch sorbischer Siedlungsraum. Im XV. Jh wurde Mansfelder Kupfer, das sich hervorragend für die Messingproduktion eignete, auf bemerkenswerten Routen in die Maas-Region transportiert, nach einer Variante (vermutlich über Helme und Unstrut ab-, dann saaleaufwärts) über die Päße des Thüringer Waldes (vielleicht über Saalfeld und Kronach) zum Main und von dort per Schiff nach Köln. Eine „Nieder-Route“ lief saaleabwärts zur Elbe, nach Hamburg, von dort bis nach Antwerpen [Krabath, S. 310]. Scheinbar versuchte man die bislang genutzte Route über den Hellweg zu meiden, wegen des umständlichen Landtransports oder vielleicht um missliebige Konkurrenz auszuschalten, die bisher von den Überland-Transporten profitiert hatte. Braunschweig bezog umgekehrt Galmeierz (das mit hoher Wahrscheinlichkeit ursprünglich aus der Maasregion stammte) ebenfalls nicht mehr über den Hellweg, sondern aus Lüneburg. Im FMA lag hier nahe der Elbe der Handelsort Bardowik im Bardengau. Östlich war Slawen- und nördlich Dänenland. Die Bedeutung Haithabus und später Schleswigs ist zu ermessen an der enormen Verkürzung des Transportwegs von der Nord- zur Ostsee als eine frühe Vorform des berühmten Kanals, der immerhin rd 250 sm Wegstrecke um Dänemark herum einspart. Machte man die Reise von Ost nach West wurden in Haithabu Waren vom Schiff auf Karren geladen und rd 20 km nach Hollingstedt befördert. Dort ging es per Schiff die Treene hinab in die Eider und dann zur Nordsee. Der umgekehrte Weg war trotz der Strömungsverhältnisse machbar, da die Nordseeflut Boote ein gutes Stück die Eider hinauf treiben konnte [im XIX. Jh wurde der „Eider-Kanal“ gebaut. Größere Schiffe veranlassten den Bau des „Kaiser-Wilhelms-Kanal“ ab 1887, heute „Nord-Ostsee-Kanal“]. Nun sind auf unserem „Rundweg“ an der Küste die Friesen zu nennen. Für Friesland steht nichts so sehr wie das Schiff und fries. Händler befuhren die Wasserstraßen weit vor der Hansegründung, waren in den Hafenstädten der europ. Küsten gern gesehen. Friesen hatten Niederlassungen in allen großen Handelsstädten, sie folgten der Weser aufwärts oder den Rhein hinauf z.B. bis nach Mainz. Der Ausbau wirtschaftlicher Beziehungen zu karolingischen Zeiten ist ohne diese findigen Händler kaum denkbar. Auch Juden trugen ihren Anteil bei. Denn sie besassen über ihre Glaubensbrüder überregionale Kontakte und waren für weitreichende Handelsbeziehungen prädestiniert. Bereits Gregor von Tours (c538-594) hob hervor, daß jene auf eigenen Schiffen Flüße und Meere befuhren. Vor allem im Mittelmeer- und Orienthandel erwarben sie sich Verdienste und waren seit karolingischen Zeiten weit gerühmt. Wer kennt nicht den sprachgewandten Kaufmann Isaak aus Narbonne, 797 von Karl d Gr an den Hof des Kalifen Harun Ar Raschid in Bagdad geschickt? Die Nachricht ist alles, das wissen wir heute wohl zu schätzen in unserer „Informationsgesellschaft“. Gemeinsame Sprache, hohe Bildung und ein moralischer Ehrenkodex durch festgeschriebene Gesetzestexte im „Bund mit Gott“ waren für ein weit gespanntes Kommunikations-Netz sowie den Handel äusserst hilfreich. Während Christen sich durch Verstädterung und Zunftzwänge in ihren Regionen selbstverschuldet „einmauerten“, profitierten Juden davon diesen Zwängen nicht zu unterliegen. Sie zahlten geforderte Abgaben, waren aber ansonsten in ihren Handelsgebaren frei, freier als die christliche Konkurrenz, siehe auch Bürger-Stadteinwohner/Juden. In Norddeutschland und in den Niederungen Ostdeutschlands war das Reisen über Land im Winter manchmal leichter als im Sommer, wenn die vielen Gewässer zugefroren waren. Im SMA wurden Kriegszüge im Baltikum nicht selten in diese Jahreszeit verlegt, um den Vormarsch zu erleichtern, trotz des Handicaps mangelnden Viehfutters. Slawen östlich der Elbe und Balten wussten darin nicht nur taktische Vorteile zu suchen, sondern werden sicherlich auch manche Transporte im Winter mit Schlitten bewerkstelligt haben, wie es in Osteuropa und Skandinavien allgemein üblich war. Die Witterungsverhältnisse konnten ihnen aber auch zum Nachteil gereichen, als Heinrich I. im Winter 928/29 die Möglichkeit sah die slaw. Feste Brennabor (Brandenburg?) zu erobern, da das sie umgebende schützende Sumpfland nun mit dicker Eisschicht überzogen war. An der Ostseeküste reihten sich die großen Handelsorte der slawischen Abodriten, Wilzen, Ranen und Pomeranen, die den fries. Handelsaktivitäten nicht nach standen, hier spielte der Handel mit Skandinavien seit dem VII. Jh eine wichtige Rolle. Ein Aufschwung war im X. Jh zu verzeichnen, nachdem Silber aus dem Arabischen im Norden uninteressant wurde und die Bedeutung des sächsischen Silbers aus dem Harz zunahm. Ein Abschwung erfolgte mit der grösseren Tonnage der Schiffe, welche nicht mehr alle Orte anlaufen konnten, die oft eine gut geschützte Lage tief in den Flußmündungen, an Haffs und Seen hatten, so daß es zu Selektion und Verlagerung kam, bevor sie den umschlagskräftigeren Hafenanlagen der Hanse endgültig weichen mussten. Ähnliche Prozesse fanden in Skandinavien statt, vgl. der Niedergang Birkas Ende X. Jahrhundert.

Westfalen/Niedersachsen/Hessen/Thüringen/Sachsen: Von Norden aus gesehen galten Osnabrück (seit Ende des XIII. Jhs bestanden z.B. gute Kontakte bis nach Visby) und Minden als „Tore nach Westfalen“. Eine Hangtrasse entlang des Wiehengebirges verband die beiden Orte miteinander, bekanntlich bereits von den Römern als Marschroute genutzt. Die Weserfurt in Minden war Kreuzungspunkt Ost-West mit dem Nord-Süd-Transit. Hier entlang führte der kürzeste Weg Überland von Bremen nach Frankfurt. Die Weser war hinzu optimaler Transportweg von oder zu den zahlreichen Flußhäfen im Weserbergland, welchen die Römer ebenso zu Nutzen verstanden. Es gab mehrere grosse Hauptrouten, um sich von der Oberweser gen Osten zu wenden: Nach der Weserfurt von Minden an den nördlichen Hängen der Bückeberge, hinter Stadthagen entlang der Wallanlage „Heisterschlößchen“ und des Deister-Kamms mit der Wallanlage „Bennigser Burg“ an dessen Ostende auf Elze und die Leine zu, bzw durch den Raum der Schlacht von 531 bei Ronnenberg und bei Hannover über die Leine („hono-vere“ verweist auf die Übergangsmöglichkeit). Vermutlich gelangte man auch bei Rinteln über die Weser, nutzte das Auetal, gedeckt durch die „Osterburg“ [heute verläuft hier die A2] und dann rechts abzweigend durch sogenannte „Deister Pforte“, das enge Tal zum gegenüber liegenden Süntel-Kamm, gesichert durch die „Heisterburg“ auf dem südlich Deister-Hängen. Wenn die Franken 782 hier ihre Niederlage erlitten, wundert es nicht. Eine der Hauptostrouten über Hameln wurde bereits oben skizziert. Südlich davon gab es Fährverbindungen und ein Weserübergang bei Höxter, hinter Bevern an der Wallanlage bei Golmbach vorbei, weiter auf Einbeck mit der Leinefurt bei Freden als „Königsweg“ oder weiter flußaufwärts bei Greene, durch die „Hüburg“gesichert, nach Gandersheim ins Vorharzland. Unweit davon führte der Seckelstieg“ vorbei an der Wallanlage bei Negenborn. wohl ein Höhenweg als Nord-Südverbindung auf dem westlichen Leineufer auf Göttingen (Pfalzort Grona) zu. An der Weser gab es weiter flußaufwärts zwischen Be-ver-ungen und der Diemelmündung im Raum Karlshafen, Herstelle eine Übergangsmöglichkeit, weiter über Hardeggen auf Göttingen mit Leineübergang zu. Nach Querung des breiten Leinetals lagen auf den Anhöhen im Osten mehrere Wallanlagen („Wittenburg/Ratsburg/Hünstollen“), die vermutlich seit der vorchristl. Eisenzeit Bestand hatten oder im Rahmen der röm. Invasionen (I.-III. Jh) angelegt wurden. Im Raum Northeim bei Kalefeld fand 235 AD ein Gefecht mit röm Einheiten statt, tief „im Germanenland“. Auch der weitere Wegverlauf auf der Route Ost zum Südharz war mit zahlreichen befestigten Anlagen gesichert, durch die Adels-Residenz der sächsischen Immedinger am Seeburger See, den Königshof in Lasfelde oder die „Pipinsburg“ bei Osterode, das steinerne palatium bei Düna. Das „Fastweg“ genannte Teilstück lief über den Rotenberg, um die versumpfte Flußniederungen zu meiden durch die Sperrfeste „König Heinrichs Vogelherd“, Schutzort der nahen Pfalz Pöhlde und weiter Richtung Nordhausen. Die anschließende „alte Königstraße“ führte vorbei am Kyffhäuser (otton. Pfalz Tilleda) durch die Goldene Aue nach Sangerhausen und Querfurt in den sorbischen Raum, später Merseburg-Halle-Leipzig. Bewegen wir uns noch einmal zurück vom Südharz zur Leine mit der großen Nord-Südverbindung und folgen der Route durch das sich verengende Tal nach Süden, so befanden sich auf den Höhenzügen erneut Wallanalgen, wie die „Madeburg“ oder „Hünenburg“. Von hier aus war es nur ein Sprung über die Landbrücke zur Werra, wo die Römer bei Hedemünden ein Lager bezogen hatten, mit der Versorgungsmöglichkeit über den Fluß und Verbindung über die Weser bis zur Nordsee, strategisch geschickt angelegt! Von dort konnte man sich über Hannoversch Münden auf Kassel gen Westen wenden oder flußaufwärts über Eschwege zur Creuzburg (mit steinerner Brücke ab 1223) Richtung Ost, das 10 km entfernte Eisenach lag nicht mehr fern. Über die markante Bergfeste Seeberge bei Gotha stieß man auf die Wege, welche von den Paßstrassen des Thüringer Waldes aus dem Süden kommend über Kloster Ohrdruf, die Feste Mühlberg (castello mulenberge) und weitere Wallanlagen um Arnstadt (Alteburg, Reinsfeld) auf Erfurt zu führten. Der Gera-Übergang, welcher bereits im VIII. Jh eine hölzerne Brücke erhielt, auf der sich spät. seit dem XII. Jh diverse Kramläden befanden, war gesichert durch die Festung auf dem Petersberg. Nach Zerfall des Thüringerreiches rückten Slawen weiter vor und in Zeiten Karls des Großen lag unweit die Grenze zu den Sorben. Die Dornburger Schlösser oder die Rudelsburg an der Saale entstanden aus dieser Grenzsituation heraus. Am Gebirgsaustritt der Saale, unweit der Unstrut- Mündung sicherte Naumburg in die große Ebene von Merseburg-Halle-Leipzig. 1030 wurde aufgrund wiederholter slawischer Angriffe das Bistum von Zeitz in die Feste Naumburg gelegt. Von Erfurt aus nach Norden führten mehrere Weg über Unstrut und Helbe auf die Bergkämme des Hainleite/Kyffhäuser, wovon u.a. reiche Gräber zeugen, wie die Route Haßleben (Grab III. JhAD), Straußfurt, Greußen mit der latenezeitlichen Funkenburg oder über Sömmerda und Leubingen mit dem bronzezeitl. Grabhügel und thüring. Reitergräbern um 500, Herren, welche den Raum unter Kontrolle hatten. Der Weg führte weiter nordwärts mit Engpaß beim Unstrutdurchbruch in der östlichen Hainleite südwestl. Heldrungen und Sperre durch die „Unterburg“ nahe Sachsenburg, östlich davon lag die Monraburg. Zwischen Hainleite und Windleite/Kyffhäuser befand sich die alte Wegführung Frankenhausen-Sondershausen-Nordhausen entlang der Wipper gedeckt durch die Wallanlage auf dem Frauenberg. Sowohl Ortsnamen, als auch die reiche Bestattung innerhalb der Feste vom Anf. des VIII. Jhs weisen auf die strategische Bedeutung hin. Die „Hasenburg“ bei Großbodungen westl. von Nordhausen gibt mglw einen Hinweis auf eine alte Streckenführung über die Feste Bernshausen, nach Duderstadt und Göttingen nördlich des Eichsfelds. Wie bereits erwähnt ging es von Erfurt nach Osten über Weimar und Jena mit Saaleübergang ins Sorbenland. Im Zuge des „Landesausbaus“ ab dem X. Jh bei Gera über die Weiße Elster und Mulde nach Chemnitz und Freiberg in das rohstoffreiche Erzgebirge. Von dort galt im SMA die Elbe als optimale Verbindung vom Dresdener und Meißener Raum über Torgau, Wittenberg, Dessau, Magdeburg, Wittenberge in den küstennahen Hanseraum Lübeck-Hamburg-Lüneburg, letzterer Ort mit ergiebigen Salzvorkommen, was erhebliches Transportvolumen nach sich zog. Salz war der ältestes extrahierte Rohstoff, wichtig für Mensch und Tier. Ohne Salzzufuhr war die Aufstallung unmöglich. Die Gewinnung in Salinen ist an vielen benannten „Salz-“ und „Heil“-Orten ablesbar.

Sachsen/Böhmen/Oberpfalz/Bayern/Donau-Ostalb: Durch das enge Tor des Elbdurchbruchs im Elbsandsteingebirge gelangte man im IX. Jh in den Einflußbereich des Großmährischen Reiches. Der böhmische Raum kam im XI. Jh in die Tributpflicht des Reiches, wurde im XII. Jh Königtum, an dessen Grenzen im Eger und Vogtland die Staufer mit Hilfe von Ministerialen ein regionales Herrschaftsgebiet ausbauten. Es gab eine Reihe Päße durch das gebirgige Vogtland vom Oberlauf der Saale und der Orla nach Oberfranken, gesichert durch Wallanlagen wie auf dem Preißnitzberg, der späteren Burg Ranis [UFTh, S. 102f]. Weiter südöstlich zielten einige Routen durch die rohstoffreiche Oberpfalz auf die großen Zentren Nürnberg und Regensburg (Pfalzort „Ratisbona“, abgeleitet von „ratis“ = Floß, zu röm. und karoling. Zeiten mit Schiffs-/Floßbrücke, seit 1146/47 steinerne Donaubrücke). Die ergiebige Eisenerzausbeute der Oberpfalz wurde nach Regensburg verschifft, dort umgeladen und donauabwärts transportiert, wobei der Strom kein leicht zu befahrenes Gewässer war, denn unmittelbar hinter Regensburg befanden sich gefährliche Strudel. Bis in den Alpenraum konnten die alten Römerstraßen, hinzu schiff-, bzw floßbare Gewässer in Süd-Nord-Richtung verlaufend, genutzt werden. Die Anzahl der römischen Straßen mit allen möglichen Querverbindungen ist so hoch, daß sie hier nicht gebührend besprochen werden können. Mit anderen Worten die Infrastruktur südlich der Donau ist in fränkisch-karolingisch-ottonischer Zeit absolut nicht mit der nördlich davon vergleichbar. Aus den Alpen war der Salztransport über die Wasserwege wichtig und es gab zig Stapel- und Umladeplätze, die Abbauorte, mit „Hall-“ oder „Heil-“, am Namen zu erkennen. Nach Westen bot sich bis Ulm die Donau an oder die alte röm. Hauptstraße auf dem südlichen Ufer von Regensburg über Ingolstadt, Neuburg, Günzburg, Ulm (Königshof/Pfalzort) bis nach Hüfingen (röm Brigobanne), bzw nördlich davon „Rotuvilla“/Rottweil am Neckar, der Kreuzzungspunkt alter röm Fernstraßen. Dort verlief auf dem östlichen Ufer die Nord-Süd-Verbindung von Canstatt Richtung Bodensee durch die ehem röm Stadtareale. Die Ost-West Trasse mit Neckarfurt wurde im SMA als „Freie Königstraße“ bezeichnet und heißt heute noch in Rottweil „Heerstraße“. Ein Königshof (seit dem VIII. Jh von fränk. Grafen verwaltet) sicherte auf dem westlichen Ufer. Von dort ging es über Waldmössing und die Päße des Schwarzwalds in das Kinzigtal hinab auf Straßburg. Auf dem nördlich Zuläufer der Paßstrasse liegt das Gräberfeld von Beffendorf bei Oberndorf. Erstaunlich viele Waffenausstattungen kamen zutage. Franken könnten die wichtige Straßenstation im alamannischen Raum gesichert haben [AlaSND, S. 52].Im Voralpenland war die Überwindung der teilweise reissenden Gebirgsflüße in Ost-West-Querung ein Hindernis, wovon diverse Städte wie Landshut, Moosburg, München oder Augsburg profitierten. Eine grössere röm Ost-West-Verbindung führte von Bregenz am Bodensee zum Illerübergang in Kempten, Kreuzungspunkt einiger röm Fernverbindungen, im FMA vorbei an einem Königshof (Frankenhofen) zur Lechquerung in Epfach zwischen Landsberg und Schongau und zur Würmfurt in Gauting, südwestl. des heutigen München, weiter zur Innbrücke bei Pfaffenhofen, nördlich um den Chiemsee bei Seebruck auf die Straße Augsburg-Salzburg. Vielfach liegen im östlichen Streckenabschnitt baiuwarische Gräberfelder in unmittelbarer Nähe dieser Route. München verdankt dem Salztransport von Reichenhall nach Augsburg über die dortige Isarbrücke nach Streit mit Freising seine Gründung im HMA. Wenn das heutige Bayern und Voralpenland relativ verkehrsgünstig erschlossen war, blieb die Überquerung der Alpen eine Herausforderung oder auch das Vorstoßen zum Rhein in Westrichtung durch den Sperriegel des wenig bewohnten Schwarzwaldes, Probleme, die bereits die Römer angegangen waren. Um den westlichen Gebirgszug im Vorfeld zu meiden führten weite Umgehungen nördlich davon über Nürnberg in Richtung Main und Mittelrhein oder über das Taubertal nordwestlich auf Wertheim am Main, auch hier künden Orte wie „Königshofen“ oder der Königshof von Bischofsheim (in dem Bonifatius um 735 ein Kloster gründete und seine Verwandte Lioba als Äbtissin berief) oder das gr. Gräberfeld von Dittigheim von der strategischen Lage südwestl. von Würzburg. Eine wichtige Hauptroute zielte mit der alten Römerstraße südlich des ehem. Limes über Nördlingen auf Bopfingen und Höhenfestung des Ipf, Kreuzungspunkt von Nord-Süd-Verbindungen und fränk.-alamann. Gräberfeld, im weiteren Verlauf wurde in Lauchheim ein großes alamannisches Gräberfeld frei gelegt. Über Aalen, Schwäbisch Gmünd und Lorch mit der späteren Staufer-Grablege führte der Weg durch das Remstal in den mittleren Neckarraum bei Canstatt. An der gerade gekreuzten Nord-Süd-Verbindung von Bopfingen in Richtung Süd auf die Donau bei Günzburg, mit Fortführung auf Augsburg, liegen die bekannten Gräberfelder und Adelsgrablegen des VI.-VII. Jhs im Raum Heidenheim-Niederstotzingen, unweit davon Giengen, Sontheim, Lauingen an der Brenz und Wittislingen oder Langenau Richtung Ulm. Schaut man sich die Verteilung auf der Alb an weisen vor allem „-heim“-Orte meist Nähe zu den Römerstraßen auf, während „-ingen“-Orte auch auf den Höhen und in abgelegenen Täler zu finden sind. Nach alter Lehrmeinung, die heute weder eindeutig belegt und der nicht eindeutig widersprochen werden kann, wäre dies ein Hinweis auf fränk. Herren an strategischen Knotenpunkten im VI. Jh und alamann. Herren in den Räumen mit Rohstoffgewinnung von Bodenschätzen, besseren Böden und Weideflächen. Demnach hatten Einheimische ihre Tribute aus dem Land abzuleisten, nach dem alten röm Prinzip. Im Laufe des VII. Jhs wird von ethnischer Durchmischung und höherer Eigenständigkeit auszugehen sein, sonst wären die erneuten fränk. Feldzüge mit Unterwerfung Anf. des VIII. Jhs gegen die Alamannen unverständlich.

Baden-Württemberg/Breisgau/Pfalz: Nehmen wir die obige Wegführung bei Canstatt am Neckar wieder auf, welches, ähnlich zum weiter östlich liegenden Augsburg, wie die „Spinne im röm Strassen-Netz“ sass und dessen regionaler Aufstieg im Lauf der Jahrhunderte wohl nicht unwesentlich an der Lage zu messen sein wird. Diese Exposition brachte Canstatt durch den „Gerichtstag“ von 746 zum Ausdruck, der traurige Berühmtheit erlangte und alamannische Bestrebungen zur Eigenständigkeit im VIII. Jh vollends zunichte machte. Nach Nord konnte man über den Neckar abwärts Heilbronn, Wimpfen (Pfalzort) und schließlich das Rheintal in der Nähe Heidelbergs erreichen oder alte Römerstraßen durch das verkehrstechnisch gut erschlossene Kraichgau z.B. über Stettfeld und Wiesloch (Kreuzungspunkt der Straße von Speyer nach Wimpfen) in Richtung auf Ladenburg am Unterneckar nutzen. Von dort führten weiter nordwärts mehrere Wege, bequem durch das breite Rheintal über Lorsch auf die Pfalz Tribur bei Groß Gerau, beschwerlicher durch den Odenwald auf Dieburg oder den „alten Limesweg“, von süddt. Kaufmannszügen Richtung Frankfurt genutzt und im HMA „Hohe Straßegenannt. In Franconofurd („Furt der Franken“) erlaubten breite Kalkfelsen ca 1 m unter dem Wasserspiegel des Mains den Übergang. Zurück nach Cannstatt, um von dort Richtung West den Oberrhein zu erreichen, war Pforzheim das Tor zu den Päßen auf die nur 30 km entfernte Ebene bei Karlsruhe oder man folgte gen Süden dem Neckar aufwärts auf röm Straße Richtung Köngen, Rottenburg, Sulz (Neckarfurt) und nutzte vom bereits erwähnten Rottweiler Raum aus weitere Päße und Römerstraßen auf Baden-Baden, bzw Straßburg. Weiter südwärts ging es über den Oberlauf der Donau nahe Hüfingen in den Bodenseeraum mit der Pfalz Bodman, Konstanz (Zentrum der Christianisierung ab 600c und Rheinbrücke seit 1200c), Bregenz und weiter nach Chur oder aus dem Hüfingener Raum die Wutach abwärts zum Hochrhein nach Zurzach auf die südliche Rheinseite mit alter Heeresstrasse entlang ehemaliger röm Orte „Vindonissa“ und „Augst“, um nach Westen auf Basel zu halten, Brückenstadt und Kreuzungspunkt der Wege, wo die Burgundische Pforte nicht mehr weit über Mülhausen und Belfort den Weg zur Saone und Rhone wies. Am Fuße der Vogesen war Colmar wichtige Handelsstadt für Salz und Eisen. Gegenüber am Fuß des Schwarzwalds wurde Freiburg mit seinen Silbervorkommen und Edelsteinschleiferei gegründet. Auch hier ist es interessant im Detail auf die Ortsnamenendungen vom Raum Basel mit vielen großflächig verteilten „-ingen“-Orten über Freiburg, gleichfalls eher „-ingen“-Orte durch die Rheinebene auf Colmar, mit einer hohen Anzahl von „-heim“-Orten an den alten Römerstraßen und auf Straßburg mit einer extremen Dichte von „-heim“-Orten, zu schauen. Wie bereits erwähnt wiesen, nach alter Lehrmeinung, erste auf alamannische Ortsgründungen und letztere auf fränkische hin [siehe AlaO, S. 85 u 182]. Die Rheinschiene verband alle Ansiedlungen mit den weiter nördlichen in den Räumen Speyer, Worms, Mainz, alte ehrwürdige Römerstädte, bis nach Nimwegen (Pfalzort), Arnheim, Utrecht oder Dordrecht am mehrarmigen Niederrhein.


Viele Orte verdanken ihre Entstehung nicht nur der Stillung elementarer Grundbedürfnisse (Wasser, Salz) oder Nutzung von Energieträgern (Wasser, Holz), sondern auch der Gewinnung und dem Transport existenzsichernder Rohstoffe (Salz, Eisen- u Buntmetallerze). Ein frühes Wegesystem entstand in der Bronzezeit, teilweise mit überregionale Bedeutung, bekannt „Zinn- und Bernsteinstraße“. Viele Routen wurden seit Jahrtausenden begangen, Hinweise dazu geben Streckenführungen an alten Grabanlagen vorbei, wie röm Straßen an keltischen Grabhügeln, also folgte man alten Wegen oder entlang erdgeschichtlich bedeutsamer Stätten, oft mit kultischer Bedeutung, von der Kirche wachsam registriert. Es machte allerdings kaum Sinn alle nur erdenklichen Waren in jeglicher Form kreuz und quer zu transportieren. Denn gerechnet hat man damals wie heute, mit dem Finger auf der Tastatur oder spitzem Stift auf der Wachstafel, bzw dem Pergament, es sind zahlreiche Reiseberechnungen des MAs bekannt. Damalige Fortbewegung hatte, trotz aller Beschwerlichkeiten, auch Pluspunkte. Flußabwärts nutzte man für Wagengespanne Flöße oder schnell zu bauende Flachbodenschiffe. Als One-Way-Transportmittel brachten sie durch den Holzverkauf an den „Niederläufen der Flüße“ bares Geld, kein Transportträger vermag das für sich heutzutage in Anspruch nehmen [nachhaltig ist das natürlich nicht]. Der Flußtransport von Pferden war nicht ohne Risiko und vor allem nicht ganz billig. Beim kurzen Übersetzen mit Fähren konnte Pferde Flußläufe durchschwimmen, wenn man das Leitpferd, meist eine Stute, kenntlich an der umgehängten Glocke, am Heck des Bootes angebunden hatte, folgten die anderen ihm nach. So überwanden vor allem Reitereinheiten Flußhindernisse. Esel weigern sich Flußläufe zu überqueren, deren Grund sie nicht sehen können. Deshalb baute man ihnen Brücken, die sogenannten „Eselsbrücken“. Nutzte der König mit seinem Gefolge für längere Streckenabschnitte das Schiff, bot sich die Gelegenheit auf Reisen Hof zu halten und zu konsultieren, eine bequeme und sichere Fortbewegungsart. Sicherheit war auch für den fahrenden Händler ein wichtiger Aspekt, der allerdings bezahlt werden musste. Zwischen Straßburg und Köln waren im SMA auf der Reise flußabwärts 12 Zollstationen zu passieren, was nicht selten als widerrechtlich von den Königsleuten bei Klagen geahndet wurde. Denn Wasserwege galten als Straßen des Königs und waren entweder von Abgaben befreit oder falls vonnöten, nur an ihn, bzw an seine Befugte, zu leisten. Warenströme anhand der Wasserwege festzumachen ist nicht leicht, doch es gibt einen Indikator, nämlich Keramik. Sie hat grundsätzlich einen ausgeprägt regionalen Charakter und ein längerer Landtransport wurde meist vermeiden, während hingegen die Verbreitung über See- und Wasserwege problemlos möglich war. Das läßt sich genauso „am Weg“ antiker Amphoren festmachen wie am Steinzeug des SMAs.

Den groben Skizzierungen oben ist zu entnehmen, daß es eindeutig Gewinner bei den Warenströmen zu geben schien, die Ströme aber je nach natürlicher Begebenheit, Warengut oder nach gewähltem Transportmittel auch schnell wieder versiegen konnten. Es gab Regionen, deren Aufstieg durch die Lage vorprogrammiert war, wie Korbach in Nordhessen, Cannstatt, bzw Stuttgart, Rottweil am Neckar mit Sitz des überregionalen Hofgerichts, Kempten im Allgäu oder der Augsburger und Nürnberger Raum, teilweise mit günstiger Rohstofflage, daß gewiefte Händler und geschickte Handwerker nur gewinnen konnten. Nürnberg lag hinzu auf der großen Landbrücke zwischen Main und Donau, die so günstig mit Gewässern durchzogen war, daß Karl der Große aus strategischen Gründen einen Kanal zu bauen begann. Vom Main aus waren Regnitz und Rezat schiffbar. Beim Königshof in Weißenburg wurde auf Wagen verladen und zur Altmühl transportiert, von dort ging es flussab zur Donau. Auch dieser Raum war, wie das Leinetal in Niedersachsen oder die besprochenen Streckenabschnitte auf der schwäbischen Ostalb verkehrstechnisch von übergeordneter Bedeutung. Wie sehr verstand man es regionale Begebenheiten in große Übersichten einzubetten! Das erforderte hervorragendes geografisches Verständnis. Jeder der plante, ob Kriegs- oder Kaufmannszug musste eine Vorstellung von Raum und Entfernung haben, bzw Berater mit hohen örtlichen Erfahrungswerten. Man schickte nicht ein Heer irgendwo hin oder holte Waren irgendwo ab. Das Gefühl für die geografische Situation wird höher gewesen sein, als wir uns das vorstellen können. Alle oben beschriebenen Routen sind Fernreisenden zumindest in Teilstrecken wohl bekannt gewesen, ohne daß sie Kartenmaterial benötigten. Das waren nicht wagemutige „Süßwasser-Kolumbusse“, sondern über viele Generationen Hunderttausende von Personen, die auf Reisen ihr Geld verdienten. Das Transportwesen galt nicht als angesehene Berufsgruppe, ausgenommen Kuriere als vertrauensvolle Boten, oder Gesandte, wobei dies nicht selten Fernkaufleute waren, die „nebenbei“ ihr Geld verdienten, bzw umgekehrt diplomatische Aufgaben wahrnahmen. Man benötigte Gespür und Ortssinn, wusste die „Natur zu lesen“, transportierte Güter, Geheimnisse und Neuigkeiten, war hellhörig für politische Situationen, für Zölle, Stapelrechte, Freiheiten und Privilegien - wichtige dirigistische Maßgaben für Verkehrsströme. Ansonsten regelten sich Märkte und Transportwege durch die üblichen Faktoren von Angebot und Nachfrage, geschäftliche Verbindungen und Verträge oder durch das Konkurrenzdenken. Mut zum Risiko wurde belohnt. Gefahren gab es zur Genüge. Allzu großes Sicherheitsbedürfnis konnte ein großer Hemmschuh werden, jegliche Unternehmung hat bis heute mit teils erheblichen Risiken zu tun. Das macht Niederlagen bitter, aber den gerechten Gewinn um so süsser. Ich kann aus meiner persönlichen Situation nur bestätigen: Es ist ein durch und durch mittelalterliches Lebensgefühl, wenn man nicht den sicheren Lohn kennt, sondern nur 0 oder 100, alles oder nichts, was im Sommer nicht eingebracht ist, steht im Winter nicht zur Verfügung...und die Winter werden immer länger !

Die Ausführungen sind nun erheblich ausführlicher geworden als geplant. Doch sie haben mir eine räumliche Vorstellung Deutschlands vermittelt, die ich vorher nicht besass. Möge der Leser ähnlich davon profitieren und reisend die Landschaften mit wachem Auge betrachten...




© Alle Rechte vorbehalten. Die Inhalte dieser Seiten sind urheberrechtlich geschützt für Christian Dietz / DRAGAL. Jede Verwertung ausserhalb der engen Grenzen des Urheberschutzrechtes ist unzulässig. Letzte Bearbeitung 2021-11-25



"ab nach Hause" (zurück auf die erste Seite)


Anmerkungen, Literatur und Quellenverweise (Information für oben verwendete Kürzel [fett]):

1/ Zu den westfälischen Wappen u.a. nach Reinhold Stirnberg, Bevor die Märker kamen [pdf-Dok o.J.], zu den Schilden in Marburg siehe u.a. Jan Kohlmorgen, Der mittelalterliche Reiterschild, Wald-Michelbach 2002 und zu den hessischen Dynastien R. Knappe, MA Burgen in Hessen, Gudensberg-Gleichen 1995, S. 149f u 166



2/ Quellen zur Stadt im MA: Becks, J. u Roelen, M.W.: Derick Baegert und sein Werk [DBae]. Wesel 2011 / Bundeszentrale für polit. Bildung: Jüdisches Leben in Dtld 2010 [JLiD] / Geppert, S.B.: Mode unter dem Kreuz. Rogier v d Weyden u seine Zeit. Kleiderkommunik. im christl. Kult [MudK], Dissertation, Wien 2010 / Heege, A. u Baeriswyl, A.: Gassengeschichten - Ausgrabungen und Funde in der Markt-, Kram u Gerechtigkeitsgasse von Bern [Bern] 2019 / Kiessling R.: Bürgerliche Gesellschaft u Kirche in Augsburg im SMA 1971 /



3/ Quellen zu Handelswegen im MA: Ade-Rüth-Zekorn (Hrsg.): Alamannen zw. Schwarzwald, Neckar u Donau [AlaSND]. Ausstellungskatalog, Stuttgart 2008 / Dusek, S. (Hrsg.): Führer zu archäologischen Denkmälern in Deutschland [FarD], Bd 28 Südliches Thüringen, Stuttgart 1994 / Dusek, S. (Hrsg.): Ur- und Frühgeschichte Thüringens [UFTh], Stuttgart 1999 / Eckhardt, K.A. (Hrsg): Sachsenspiegel, Landrecht (MGH Fontes Iuris Germanici Antiqui. N.S. Tomus 1, I), 3. Aufl. 1973 / Fütterer, P.: Wege und Herrschaft. Untersuchungen zu Raumerschließung und Raumerfassung in Ostsachsen und Thüringen im X. und XI. Jh, Diss Magdeburg 2014 / Haedeke, H.-U.: BERG u MARK. Menschen, Eisen und Kohle [BuM], Solingen 2000 und Menschen u Klingen. Geschichte u Geschichten [MuK], Solingen 1994 / Hecht, W.: Rottweil 771-ca. 1340. Von „rotuvilla“ zur Reichstadt [Rottw], Rottweil 2007 / Krabath, St.: Die hoch- u spätmittelalterlichen Buntmetallfunde nördlich der Alpen, Rahden 2001 / Krausse, D. (Hrsg.): Die Alamannen auf der Ostalb [AlaO]. Ausstellungsband Ellwangen 2010 / Lammers, D.: Das karoling.-otton. Buntmetallhandwerker-Quartier auf dem Plettenberg in Soest, S. Beiträge zur Archäol., Bd. 10, Soest 2009 / Lauer, H.A.: Archäolog. Wanderungen III in Südniedersachsen [LWIII], 1988 / Menghin, W.: Frühgeschichte Bayerns [FrBa], Stuttgart 1990 / Perin-Menghin-Wieczorek-vWelck: Die Franken - Wegbereiter Europas 5. bis 8. Jh. n. Chr., Ausstellungskatalog (2 Bde) Mainz 1997 / Schietzel, K.: Spurensuche Haithabu. Dokumentation u Chronik 1963-2013, Neumünster/Hamburg 2014 / Hinweis- und Ortstafeln: Büraburg-Fritzlar, Christenberg (Nordhessen), Graben (Franken), Iburg bei Horn, Mainz-Kaestrich, Obermarsberg, Pfalz Paderborn, Pfalz Tilleda, Winzenburg (Niedersachsen)



4/ Die Spurbreite eines rekonstruierten Wagens des XII. Jhs durch „Experimentum eV“ 2007/08 nach Plänen aus Norddeutschland und Befunden des Hellwegs bei Paderborn lag bei 1,30m. Auf einer röm Straße bei Kornwestheim mit Muschelkalkplatten und Schotter fanden sich Fahrrillen in 1,30-1,40 m Breite. Die mittelalterlichen Hohlwege zur Versorgung der Steinsburg auf dem Kleinen Gleichberg bei Römhild wiesen Spurbreiten von 1,60 m auf, in der Nähe wurden latenezeitliche Radabstände von nur 0,60 bis 0,80 m gemessen [FarD28, S. 145 u 241]. Das deckt sich mit erkennbaren Abdrücken auf der Via Appia Antiqua (ab 312vC Rom-Capua) von 0,70 bis 0,80 m. Im Alpenbereich wiesen die röm. Geleisestrecken von Mittenwald-Klais oder Augst-Solothurn 1,07 m Breite auf, überlagert durch mittelalterliche Spurbreiten von 0,97m. Es gab dort also erheblich kleinere Wagen als auf ebener Streckenführung. Vielleicht war ein Umladen auf spezielle Fahrzeuge vor den Pässen vonnöten. Im MA entwickelten sich am Fuß von Paßstrassen aus Herbergen Fuhrmannsdörfer und ganze Wirtschaftszweige, wie im Thüringer Wald, auch die Einwohner im Kanton Uri profitierten von Umlade- und Transportdiensten sowie der Pferde- und Maultierzucht, als Saumtiere genutzt [W. Heinz, Reisewege der Antike, 2003 / Bory, Die Geschichte der Fremdendienste 1980, S. 30].